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Ein Sohn der Sonne

Jack London: Ein Sohn der Sonne - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleEin Sohn der Sonne
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150624
projectid022dc6ef
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Die Witzbolde von Neu-Gibbon

I.

Ich bin fast ängstlich, Sie in Neu-Gibbon mit an Land zu nehmen«, sagte David Grief. »Erst als Sie und die Engländer mir freie Hand ließen und sich gar nicht mehr um den Ort kümmerten, konnte ich etwas erreichen.«

Wallenstein, der deutsche Regierungskommissar von Bougainville; goß sich ein großes Glas Whiskysoda ein und lächelte.

»Wir ziehen den Hut vor Ihnen, Herr Grief«, sagte er in vollkommen reinem Englisch. »Was Sie auf der Teufelsinsel erreicht haben, ist das reine Wunder. Und wir werden uns hüten, uns hineinzumischen. Es ist wirklich eine Teufelsinsel, und der alte Koho ist der Oberteufel. Mit ihm konnten wir nie fertig werden. Er ist ein schrecklicher Lügner und dazu nicht dumm. Er ist ein schwarzer Napoleon, ein kopfjagender, menschenfressender Talleyrand. Ich brauche nur daran zu denken, wie der englische Kreuzer mich vor sechs Jahren auf der Insel an Land setzte. Die Nigger flohen natürlich in den Busch; aber wir fanden verschiedene, die nicht imstande waren, zu fliehen – und eine von ihnen war seine letzte Frau. Sie war seit zwei Tagen an einem Arm aufgehängt und der Sonne ausgesetzt gewesen. Wir schnitten sie ab, aber sie starb doch. Und drei andre Weiber waren bis zum Hals in den fließenden Strom gestellt worden; man hatte ihre Knochen zerbrochen und ihre Glieder zerschmettert – es ist das ein Prozeß, der sie wohlschmeckender machen soll. Es war noch etwas Leben in ihnen. Ihre Widerstandskraft ist ja wunderbar. Eine von ihnen, die älteste, lebte noch nach drei Tagen. Na ja, da haben Sie ein kleines Beispiel von der Lebensweise Kohos. Er ist ein wildes Tier. Es ist uns stets ein Rätsel gewesen, wie Sie es fertiggebracht haben, ihn zu zähmen.«

»Daß er gezähmt ist, will ich nicht gerade behaupten«, antwortete Grief. »Obwohl er hin und wieder kommt und einem aus der Hand frißt.«

»Es ist jedenfalls mehr, als wir mit unsern Kreuzern erreicht haben. Weder die Deutschen noch die Engländer haben je auch nur einen Schimmer von ihm zu sehen bekommen. Sie waren der erste, der ihn gesehen hat.«

»Nein, MacTavish war der erste«, erklärte Grief. »Ach, seiner entsinne ich mich noch gut – des kleinen dürren Schotten!«

Wallenstein nahm einen Schluck von seinem Whisky und fuhr fort: »War das nicht der, den man den Lärmstiller nannte?«

Grief nickte.

»Und es heißt, daß Sie ihm ein höheres Gehalt zahlen, als sowohl ich wie der englische Regierungskommissar erhalten.«

»Ja, das wird wohl leider stimmen«, räumte Grief ein. »Und er ist es auch wert – nehmen Sie's mir nicht übel. Überall, wo es Spektakel gibt, ist er da. Er ist der reine Zauberer. Er war es, der mir Zutritt auf Neu-Gibbon verschaffte. Augenblicklich ist er in Malaita, um eine Plantage für mich in Gang zu bringen.«

»Die erste?«

»Ja, bis jetzt gibt es ja noch nicht einmal eine Handelsstation in ganz Malaita. Wenn man Arbeiter dort wirbt, muß man stets Deckungsboote benutzen und Stacheldraht ausspannen. Aber da ist die Plantage auf Neu-Gibbon! In einer halben Stunde sind wir da.« Er reichte seinem Gast das Glas. »Links vom Hause sehen Sie die Bootsschuppen. Dahinter sind die Baracken. Und rechts sind die Kopraschuppen. Wir trocknen schon eine ganze Menge. Der alte Koho ist so zivilisiert geworden, daß er seine Leute Nüsse für uns einsammeln läßt. Da ist die Mündung des Stroms, in den die drei Weiber gestellt wurden, um mürbe zu werden.«

Die Wonder steuerte direkt auf den Ankerplatz zu. Sie hob und senkte sich über ganz glatten Wogen, hin und wieder wurde sie von einer Bö von achtern gepackt. Es war gerade das Ende der Passatzeit, und die Luft war schwer und dick von der tropischen Feuchtigkeit, während farbenreiche, formlose Wolkenmassen den Himmel überzogen. Die unfreundliche Landschaft war ganz eingehüllt in gewaltige Wolkenbänke und Staubwirbel, die von den Bergesgipfeln im Innern des Landes drohend überragt wurden. Auf einem Vorgebirge spielte ein blendender Sonnenstreifen, über ein andres, kaum eine Meile dahinter, schüttete eine Regenbö ihre Schauer von Wasser aus.

Das war die feuchte, fruchtbare, wilde Insel Neu-Gibbon, die dreißig Meilen von Choiseul entfernt lag. Geographisch gehörte sie zum Salomonarchipel, in politischer Beziehung stand sie halb unter englischer, halb unter deutscher Oberherrschaft; die Linie, die die Machtsphäre beider Reiche trennte, ging mitten durch die Insel, und sie stand daher unter der gemeinsamen Kontrolle beider Regierungskommissare. In Wirklichkeit stand diese Kontrolle jedoch nur auf den Papieren in den Bureaus der Kolonialämter. Eine wirkliche Kontrolle gab es nicht und hatte es nicht gegeben. Die Trepangfischer waren ihr in alten Tagen aus dem Wege gegangen. Die Sandelholzhändler hatten sie nach bitteren Erfahrungen aufgegeben. Die Werberschiffe hatten nie auch nur einen einzigen Arbeiter auf dieser Insel bekommen können, und nachdem der Schoner Dorset mit Mann und Maus hier vernichtet war, ließ man den Ort liegen. Später hatte eine deutsche Gesellschaft versucht, eine Kokosplantage anzulegen, die man aber wieder aufgab, nachdem verschiedenen Verwaltern und einer Menge von Arbeitern die Köpfe abgehauen worden waren. Viermal hatten die Missionsgesellschaften den Versuch gemacht, die Insel auf friedlichem Wege zu erobern, und viermal waren sie, teils durch Krankheiten, teils durch Metzeleien wieder vertrieben worden. Wieder hatte man es mit Kreuzern sowohl wie mit Güte versucht, immer vergebens. Stets hatten sich die Kannibalen in den Busch zurückgezogen, wo sie das Pfeifen der Granaten verlachten. Wenn die Kriegsschiffe fort waren, war es ihnen ein leichtes gewesen, ihre Grashütten wieder aufzubauen.

Neu-Gibbon war eine große Insel, hundertfünfzig Meilen lang und halb so breit. An der Luvseite war ihre Küste felsig und bot weder Einfahrt noch Ankerplätze. Sie wurde von Dutzenden kriegerischer Stämme bewohnt, oder war es vielmehr gewesen, bis Koho, einem Kamehameha gleich, sich erhoben und den größten Teil durch Waffenmacht und kluge Politik zu einem Bund vereinigt hatte. Seine Politik, die darauf ausging, jeden Verkehr mit der weißen Rasse zu unterbinden, war für sein Volk weise und nützlich gewesen, denn seit der letzte Kreuzer sich gezeigt hatte, durfte er ungestört regieren, bis David Grief und MacTavish, der Lärmstiller, auf dem einsamen Strand gelandet waren, wo sich einmal das deutsche Haus mit seinen Baracken und verschiedenen englischen Missionshäusern befunden hatte.

Jetzt folgten Kriege, falsche Friedensschlüsse und neue Kämpfe. Der kleine, dürre Schotte verstand sich ebensogut darauf, Spektakel zu machen, wie ihn zu dämpfen, und er begnügte sich nicht mit der Eroberung des Strandes, er importierte Buschmänner aus Malaita und drang auf Wildschweinswechseln bis tief in den Busch hinein. Er verbrannte die Dörfer, bis Koho müde wurde, sie wieder aufzubauen, und nahm Kohos ältesten Sohn gefangen, nur um den Häuptling zu zwingen, auf Verhandlungen einzugehen. Dann führte MacTavish sein System des Köpfetausches ein. Jeden Kopf seiner eignen Leute ließ er sich mit zehn Köpfen von Kohos Leuten bezahlen. Und als Koho begriffen hatte, daß der Schotte ein Mann von Wort war, wurde der erste wirkliche Friede geschlossen. Inzwischen hatte MacTavish Haus und Baracken bauen lassen, den Busch auf weite Strecken an der Küste gerodet und mit dem Pflanzen begonnen. Dann war er fortgeschickt worden, um einige Spektakel auf dem Tasman-Atoll zu dämpfen, wo eine Epidemie von schwarzen Masern ausgebrochen war, deren Ausgangspunkt nach der Behauptung der Teufel-Teufel-Medizinmänner Griefs Plantage war. Ein Jahr darauf wurde er wieder nach Neu-Gibbon gerufen, um den Eingeborenen die Köpfe zurechtzusetzen. Koho mußte zweihunderttausend Kokosnüsse Strafe bezahlen, und da hatte er eingesehen, daß es billiger war, Frieden zu halten und die Nüsse zu verkaufen. Außerdem begann das jugendliche Feuer in ihm zu erlöschen. Er wurde alt und hinkte stark, die Folge eines Lee-Enfield-Geschosses, das ihm den Schenkel durchbohrt hatte.

II.

Ich kannte einmal einen Mann in Hawai,« sagte Grief, »den Verwalter einer Zuckerplantage, der stets einen Hammer und einen sechszölligen Nagel gebrauchte.«

Sie saßen auf der breiten Veranda des Hauses und sahen zu, wie der Verwalter der Neu-Gibbon-Plantage an einer ganzen Kompanie von Kranken herumdokterte. Es waren Leute aus Neugeorgien, und der Mann, den er unter den Fingern hatte, klagte über Zahnschmerzen. Worth hatte gerade einen mißglückten Versuch gemacht. Er wischte sich mit der einen Hand den Schweiß von der Stirn und schwang in der andern die Zange.

»Dann hat er wohl verschiedene Kiefer dabei zerbrochen«, meinte er grimmig.

Grief schüttelte den Kopf. Wallenstein lächelte und hob die Brauen.

»Durchaus nicht«, erklärte Grief. »Er versicherte, daß der Zahn stets auf den ersten Schlag draußen war«, mischte Kapitän Ward sich ein. »Der Alte gebrauchte stets einen Holzhammer und einen Marlspieker. Er schlug mit einem einzigen kleinen Schlage einen Zahn so geschickt heraus, daß nicht das kleinste Stückchen zurückblieb.«

»Ich ziehe doch die Zange vor«, murmelte Worth grimmig und setzte sie im Munde des Schwarzen an. Der Mann brüllte und fuhr hoch, als er zog. »Helfen Sie mir, und halten Sie ihn nieder«, bat der Verwalter.

Grief und Wallenstein packten den Schwarzen je an einer Seite und hielten ihn fest. Und der Mann sträubte sich aus allen Kräften und biß die Zähne über der Zange zusammen. Die Gruppe schwankte hin und zurück. Die Anstrengung war so groß, daß allen der Schweiß von der Stirn troff. Der Stuhl, auf dem der Schwarze gesessen hatte, war umgestürzt, und er wand sich vor Schmerzen. Kapitän Ward, der sich gerade einen Whisky eingoß, hielt in dieser Beschäftigung inne, nur um sie mit Zurufen anzufeuern. Worth ermahnte seine Helfer, festzuhalten, und arbeitete selbst wie toll. Er drehte an dem Zahn, daß es knackte, und dann versuchte er es mit einem plötzlichen Ruck.

Keiner von ihnen bemerkte einen kleinen Mann, der die Treppe heraufhumpelte und dann stehenblieb und zusah. Koho war konservativ. Seine Vorfahren hatten nie Kleider getragen, und er trug auch keine, nicht einmal einen Lendenschurz. Die vielen leeren Löcher in Nase, Lippen und Ohren zeugten von seiner längst vergangenen Putzsucht. Die Löcher in seinen Ohrläppchen waren aufgerissen, und die Fetzen welken Fleisches, die ihm ganz bis auf die Schultern hingen, zeigten, daß sie von ansehnlicher Größe gewesen waren. Jetzt besaß er nur noch Sinn für das Nützliche und hatte sich daher in eines der sechs kleinen Löcher in seinem rechten Ohr eine kurze Tonpfeife gesteckt. Um den Leib hatte er sich einen einfachen Gürtel geschnallt, und darin steckte die scharfe Schneide eines langen Messers. Außerdem hingen am Gürtel sein Betelnußbambus und die Kalkdose. In der Hand hielt er eine kurzläufige, großkalibrige Sniderbüchse. Er war unbeschreiblich schmutzig und am ganzen Leib voller Narben, am schlimmsten war die, welche eine Lee-Enfield-Kugel an seinem linken Bein hinterlassen hatte, das nur halb so dick wie das andere war. Sein eingefallener Mund ließ darauf schließen, daß nicht mehr viel Zähne übrig waren. Gesicht und Körper waren eingeschrumpft, aber seine kugelrunden, schwarzen Augen, die klein waren und dicht beieinander saßen, waren ganz klar, und ihr unruhiger, besorgter Blick erinnerte mehr an einen Affen als an einen Menschen.

Er sah zu und grinste vor Vergnügen wie ein Äffchen. Die Freude, die er beim Anblick des leidenden Patienten empfand, kam ihm aus dem Herzen, denn die Welt, in der er lebte, war voll von Qualen. Er hatte selbst ein gut Teil davon gehabt und dafür gesorgt, daß andre noch mehr bekamen. Als der Zahn aus dem Kiefer und die Zange mit einem nervenzerreißenden Geräusch über die andern Zähne des Patienten und zu seinem Munde herausfuhr, leuchteten die Augen des alten Koho gradezu auf, und er betrachtete mit Freude den armen Schwarzen, der brüllend zu Boden gesunken war und sich den Kopf mit beiden Händen hielt.

»Ich glaube, er wird ohnmächtig«, sagte Grief und beugte sich über das Opfer. »Geben Sie ihm einen Schnaps, Kapitän Ward. Sie nehmen am besten auch gleich einen, Worth, Sie zittern ja am ganzen Leibe.«

»Ich glaube, ich nehme auch einen«, sagte Wallenstein und wischte sich den Schweiß vom Gesicht.

Da bemerkte er Kohos Schatten und wurde dadurch auf den alten Häuptling aufmerksam.

»Hallo! Was ist das für einer?«

»Ach, das ist Koho«, sagte Grief liebenswürdig, aber ohne ihm die Hand zu reichen; er wußte Bescheid.

Es war nämlich eines von Kohos, ihm von den Teufel-Teufel-Medizinmännern bei seiner Geburt auferlegten Tambos, daß seine Haut nicht mit der eines weißen Mannes in Berührung kommen durfte. Worth und Kapitän Ward von der Wonder begrüßten Koho, Worth bezeigte jedoch sofort seine Unzufriedenheit, als er die Sniderbüchse erblickte, denn eines seiner Tambos war, daß kein Buschmann, der die Plantage besuchte, Waffen tragen durfte. Büchsen hatten die unangenehme Eigenschaft, plötzlich loszugehen. Er klatschte in die Hände, und ein schwarzer Hausboy aus San Christobal kam angelaufen. Auf einen Wink von Worth nahm er dem Gast die Büchse ab und brachte sie ins Haus.

»Koho«, sagte Grief und zeigte ihm den deutschen Regierungskommissar. »Dies groß fella Herr gehören Bougainville – mein Wort, sehr groß fella Herr.«

Koho, der sich noch gut an den Besuch des deutschen Kreuzers entsann, lächelte, wobei ihm die unangenehmen Erinnerungen deutlich auf dem Gesicht geschrieben standen.

»Reichen Sie ihm ja nicht die Hand, Wallenstein«, warnte Grief. »Tambo, verstehen Sie.«

Dann wandte er sich wieder zu Koho. »Mein Wort, du werden zu dick, du machen stopp. Du bald nehmen dich neu fella Mary (Frau), he?«

»Zu alt fella mich«, antwortete Koho und schüttelte betrübt den Kopf. »Mich nicht mögen Mary. Mich nicht mögen Kai-kai (Essen). Alles fertig für mich.« Er warf einen sehnsüchtigen Blick auf Worth, der gerade den Kopf zurücklegte und ein großes Glas hinuntergoß. »Mich mögen Rum.«

Grief schüttelte den Kopf.

»Tambo für schwarz fella.«

»Er schwarz fella nicht Tambo«, protestierte Koho und wies auf den Arbeiter, dem der Zahn gezogen war.

»Er fella krank«, erklärte Grief.

»Mich fella auch krank.«

»Du fella großer Lügenpeter«, lachte Grief. »Rum Tambo, immer Tambo. Hör', Koho, wir haben groß Rede mit dies groß fella Herr.«

Und er, Wallenstein und der alte Häuptling setzten sich auf die Veranda, um ihre Staatsaffären zu verhandeln. Sie machten Koho Komplimente, weil er Frieden gehalten hatte, und er schwor immer wieder mit Hinweisen auf seine Altersschwäche, daß er jetzt in alle Ewigkeit Frieden halten würde. Dann erörterten sie den Plan, zwanzig Meilen weiterhin an der Küste eine deutsche Plantage anzulegen. Der Boden müßte natürlich Koho abgekauft werden, und der Preis wurde in Tabak, Messern, Perlen, Körben, Walzähnen und Perlmuttergeld – in allem möglichen, nur nicht Rum – berechnet. Während der Unterredung beobachtete Koho durch das Fenster, wie Worth drinnen Medizin mischte und die Flaschen wieder in die Hausapotheke stellte. Ferner sah er, wie der Verwalter seine Arbeit damit beschloß, daß er einen Whisky nahm. Koho merkte sich genau, wo er die Flasche, aus der er sich einschenkte, hinstellte. Obgleich er aber noch eine geschlagene Stunde nach Schluß der Konferenz sitzen blieb, fand er keine Gelegenheit, sich ins Zimmer zu schleichen; es war immer jemand drinnen. Als Grief und Worth sich dann niedersetzten, um über ihre Geschäfte zu reden, gab Koho sein Vorhaben auf.

»Mich gehen auf Schoner«, sagte er und humpelte ab.

»So endet alle Größe auf Erden«, lachte Grief. »Wenn man bedenkt, daß das der furchtbarste, blutrünstigste Mörder auf den Salomoninseln war, daß er den Kampf mit zwei der ersten Großmächte der Welt aufgenommen hat, und jetzt kommt er an Bord, um uns einen Schnaps abzuluchsen.

III.

Es war das letztemal, daß der Superkargo der Wonder einem Eingeborenen einen Streich spielte. Er war gerade in der Kajüte dabei, eine Liste über die Waren aufzustellen, die mit den Walbooten an Land geschafft wurden, als Koho die Kajütstreppe heruntergehumpelt kam und sich ihm gegenüber an den Tisch setzte.

»Mich gleich ganz sterben«, wimmerte der alte Häuptling. Alle Lebensfreude schien ihn verlassen zu haben. »Mich nicht mögen Mary. Mich nicht mögen Kai-kai. Mich zuviel krank fella.« Es folgte eine lange Pause, in der sein Gesicht unsagbare Sorge um seinen Leib ausdrückte, den er mit allen Zeichen des Schmerzes zärtlich streichelte.

»Bauch gehören mich zuviel krank«, wieder folgte eine Pause, die offenbar eine Aufforderung an Denby bedeutete, seine Meinung zu sagen. Schließlich mit einem tiefen Seufzer: »Mich mögen Rum.«

Denby lachte herzlich. Der alte Kannibale hatte ihm früher schon wiederholt Schnäpse abgeluchst, und das strengste Verbot, das Grief und MacTavish ausgestellt hatten, galt gerade dem Ausschank von Alkohol an die Eingeborenen von Neu-Gibbon.

Das Unglück war, daß Koho auf den Geschmack gekommen war. Er hatte die Freuden des Trinkens in früheren Tagen nach einem Überfall auf den Schoner Dorset kennengelernt, mußte aber damals die Freude mit allen andern Männern des Stammes teilen, und so hatte der Vorrat nicht weit gereicht. Als er später mit seinen schwarzen Kriegern die deutsche Plantage überfallen hatte, war er klüger gewesen; er legte gleich Beschlag auf alle Trinkwaren. Das Ergebnis war natürlich ein einzig dastehender prachtvoller Rausch gewesen, die gemeinsame Wirkung von einem Dutzend verschiedener Spirituosen, von Bier mit Chinin bis zu Aprikosenschnaps. Der Rausch hatte monatelang gedauert, und als er vorbei war, saß Koho da mit einem Durst, den erst der Tod löschen konnte. Wie alle Wilden hatte er eine Neigung für starke Getränke, und jetzt hungerte jede Fiber seines Körpers danach. Er sehnte sich nach dem angenehmen Gefühl, wenn die Würmer in seinem Hirn krabbelten, nach dem seligen Frieden und dem Wohlbefinden, das der Rausch ihm schenkte. Und je älter, je überdrüssiger er der Weiber und Feste wurde, je mehr sein alter Haß ausbrannte, desto größer wurde seine Sehnsucht nach dem lebenserneuernden Feuerstrom, der sich aus Flaschen ergoß – aus jeder Art von Flaschen, er erinnerte sich deutlich des Geschmacks jeder einzelnen Sorte, die er versucht hatte. Stundenlang konnte er jetzt in der Sonne sitzen und der Erinnerung an die gewaltigen Orgien nachhängen, die der Zerstörung der deutschen Plantage gefolgt waren.

Denby zeigte sich sehr entgegenkommend. Er forschte nach den Krankheitssymptomen des alten Häuptlings. Er bot ihm abführende Tabletten, Pillen und vielerlei verschiedene Kapseln aus dem Medizinschrank an, aber Koho dankte immer wieder – er erinnerte sich gut, wie es ihm ergangen war, als er beim Überfall auf die Dorset in eine Chininkapsel gebissen hatte – dazu waren ein paar von seinen Kriegern, die ein weißes Pulver unter sich geteilt hatten, sofort unter heftigen Schmerzen gestorben. Nein, Medizin war nichts für ihn – was er brauchte, war der Inhalt der Flaschen, der kühle, flammende Jugenderneuerer. Es war kein Wunder, daß die weißen Männer sich nicht davon trennen wollten.

»Rum er gut fella«, wiederholte er immer wieder in seinem jammernden Ton mit der ermüdenden Ausdauer des alten Mannes.

Und da beging Denby seinen verhängnisvollen Fehltritt und spielte ihm einen Streich.

Er trat hinter Koho, öffnete den Raum mit den Medikamenten und nahm eine Flasche heraus, deren Etikette zeigte, daß sie Senfessenz enthielt. Er tat, als zöge er den Pfropfen heraus und tränke von dem Inhalt, und konnte unterdessen im Spiegel sehen, wie Koho sich halb umgedreht hatte und ihn beobachtete. Denby schmatzte zufrieden, räusperte sich und stellte die Flasche wieder an ihren Platz. Er vergaß den Medikamentenraum abzuschließen, setzte sich wieder hin, erhob sich aber nach einer angemessenen Weile und ging an Deck. An der Kajütstreppe blieb er stehen und lauschte. Nach einigen Augenblicken wurde die Stille unten von furchtbarem Prusten und heftigem, erstickendem Husten unterbrochen. Er lächelte vergnügt, und kurz darauf ging er wieder nach unten. Die Flasche stand wieder auf ihrem Platz, und der alte Mann saß in derselben Stellung da, wie er ihn verlassen hatte. Denby mußte unwillkürlich die eiserne Selbstbeherrschung des alten Häuptlings bewundern. Lippen, Zunge und Schlund, alle Schleimhäute der Mundhöhle mußten ihm wie Feuer brennen. Er keuchte und hustete hin und wieder ein wenig, und unaufhörlich rannen ihm Tränen über die Wangen. Ein gewöhnlicher Mensch hätte mindestens eine halbe Stunde lang noch die furchtbarsten Husten- und Erstickungsanfälle gehabt. Aber der alte Koho saß grimmig beherrscht da. Es ging ihm immer mehr auf, daß er das Opfer eines Streichs geworden war, und seine Augen leuchteten vor Haß, so böse, so abgrundtief, daß Denby zurückschauderte. Koho erhob sich würdevoll.

»Mich gehen«, sagte er. »Du rufen ein fella Boot bringen mich.«

IV.

Wallenstein, der gesehen hatte, daß Grief und Worth auf die Plantage hinausgeritten waren, setzte sich in das große Wohnzimmer und begann seine automatische Pistole mit Öl und alten Lappen zu reinigen. Neben ihm standen wie gewöhnlich eine Whiskyflasche und mehrere Flaschen Sodawasser. Auf dem Tisch stand ferner noch eine Flasche, ebenfalls mit einem Whiskyetikett, die aber Salbe enthielt, welche Worth für die Pferde gemacht und fortzustellen vergessen hatte.

Während Wallenstein arbeitete, sah er durch das Fenster Koho kommen. Er humpelte eilig, als er aber die Veranda erreichte und in die Stube trat, waren seine Bewegungen langsam und würdevoll. Er setzte sich und beobachtete die Reinigung der Waffe. Schlund, Zunge und Lippen brannten ihm, aber er ließ sich nichts merken. Als fünf Minuten vergangen waren, sagte er: »Rum er gut fella. Mich mögen Rum.«

Wallenstein schüttelte lächelnd den Kopf, und dann kam ihm ein Einfall: Er spielte Koho einen Streich, den letzten, den er je Gelegenheit hatte, einem Eingeborenen zu spielen. Die Ähnlichkeit der beiden Flaschen war es, die ihn auf den Einfall brachte. Er legte die Waffe auf den Tisch und goß sich ein großes Glas ein. Er stand so zwischen dem Tisch und Koho, daß es ihm ein leichtes war, die beiden Flaschen zu vertauschen. Dann leerte er das Glas und verließ das Zimmer, als ob er etwas suchte. Draußen hörte er, wie der alte Häuptling spuckte und hustete; als er aber wieder eintrat, saß Koho da, als wäre nichts geschehen. Die Flasche mit der Salbe war bedeutend leerer geworden.

Koho stand auf, klatschte in die Hände und gab dem eintretenden Hausboy zu verstehen, daß er seine Büchse wünschte. Der Junge brachte ihm die Waffe und begleitete ihn ein Stück auf dem Wege, wie es Schick und Brauch ist. Erst an der Gatterpforte gab er dem Gast die Waffe zurück. Wallenstein amüsierte sich köstlich, während er dem Häuptling nachsah, der den Strand entlang humpelte.

Als Wallenstein einige Minuten später seine Pistole wieder zusammensetzte, hörte er einen Schuß. Einen Augenblick dachte er an Koho, dann fiel ihm ein, daß Grief und Worth ihre Gewehre mitgenommen und wahrscheinlich eine Taube geschossen hatten. Er lehnte sich in dem Stuhl zurück, lachte, strich sich seinen blonden Schnurrbart und nickte ein. Plötzlich erwachte er. Er hörte die erregte Stimme von Worth: »Läutet die große fella Glocke! Läutet Menge zu sehr! Läutet wie Hölle!«

Wallenstein eilte auf die Veranda und sah den Verwalter zu Pferde über den Zaun setzen, um Grief einzuholen, der wie ein Verrückter den Strand entlang ritt. Ein lauter Krach und dicker Rauch, der zwischen den Kokospalmen aufstieg, sagte ihm, was geschehen war: Bootsschuppen und Baracken standen in Flammen. Die große Glocke der Plantage läutete heftig, während der deutsche Regierungskommissar an den Strand lief, wo er die Walboote vom Schoner auf die Insel zurudern sah.

Baracken, Bootsschuppen, Heuschober und alles andre Entzündbare war in Flammen eingehüllt. Grief kam aus der Küche bei den Baracken, er trug ein nacktes, schwarzes Kind an einem Bein; dem Kind fehlte der Kopf.

»Die Köchin ist noch drinnen«, sagte er zu Worth. »Ihr ist auch der Kopf abgeschnitten. Sie war zu schwer, und ich mußte machen, daß ich heraus kam.«

»Es ist meine Schuld«, sagte Wallenstein. »Der alte Koho hat es getan. Ich ließ ihn von Worths Pferdemedizin trinken.«

»Ich vermute, daß er schon in den Busch geflohen ist«, sagte Worth und sprang aufs Pferd.

»Oliver ist am Fluß. Hoffentlich hat Koho ihn nicht erwischt«, rief der Verwalter. Dann galoppierte er fort und verschwand zwischen den Bäumen. Einige Minuten später, als gerade die verkohlten Balken der Baracken zusammengestürzt waren, hörten sie ihn rufen und folgten ihm. Im Walde, am Flußufer trafen sie ihn. Er saß zu Pferde, kreideweiß, und starrte auf einen am Boden liegenden Gegenstand. Es war die Leiche Olivers, des jungen Assistenten; aber er war schwer zu erkennen, denn der Kopf fehlte. Jetzt kamen die schwarzen Arbeiter atemlos von den Feldern gelaufen. Grief ließ eine Bahre anfertigen, und dann wurde die Leiche nach dem Hauptgebäude gebracht.

Wallenstein gab sich ganz seinem Kummer und seiner Reue hin. Die Tränen strömten ihm über die Wangen, und als er eine Zeitlang gejammert hatte, begann er zu fluchen. Es war echte deutsche Wut, die sich durch diese Flüche Luft machte, und als er schließlich so raste, daß ihm der Schaum vor dem Munde stand, ergriff er Worths Gewehr.

»Keinen Unsinn!« befahl Grief strenge. »Nehmen Sie sieh zusammen, Wallenstein. Seien Sie kein Narr.«

»Aber wollen Sie ihn denn entwischen lassen?« rief der andre verzweifelt.

»Er ist schon entwischt. Der Busch beginnt gleich hier am Flusse. Sie können ja sehen, wo er hindurchgewatet ist; jetzt ist er auf den Wildschweinswechseln schon tief ins Dickicht gelangt. Man kann ebensogut eine Stecknadel im Heuschober suchen. Außerdem würden seine Krieger uns überfallen, wenn wir seinen Spuren zu folgen versuchten. Nebenbei sind alle Wege voll von Menschenfallen – Sie wissen – Fallgruben mit Speeren, vergifteten Dornen und dergleichen. Mac Tavish und seine Buschleute sind die einzigen, die in den Urwald eindringen können, und selbst er hat bei seiner letzten Expedition drei Mann verloren. Kommen Sie zurück nach dem Hause. Heut wird die ganze Hölle los sein; wir werden sie hören, wie sie auf Muscheln blasen und ihre Kriegstrommeln bearbeiten. Ich glaube zwar nicht, daß sie versuchen werden, die Plantage zu stürmen, aber lassen Sie doch alle Leute beim Hause bleiben, Herr Worth. Kommen Sie.«

Unterwegs stießen sie auf einen Schwarzen, der ihnen schreiend und kreischend entgegenkam.

»Mach' Mund zu, gehören dir!« rief Worth. »Was Name du machen Lärm?«

»Ihn fella Koho machen tot zwei fella Bullamacow«, antwortete der Schwarze, indem er den Zeigefinger an der Kehle vorbeizog.

»Er hat die Kühe geschlachtet«, sagte Grief. »Das bedeutet eine Zeitlang keine Milch für Sie, Worth. Ich werde Ihnen ein paar neue von Ugi herüberschicken.«

Wallenstein war immer noch untröstlich, es half erst ein wenig, als Denby kam und von der Dosis Senf erzählte, mit der er Koho traktiert hatte. Da lebte Wallenstein sichtlich auf, fuhr aber, sich den blonden Schnurrbart streichend, fort, die Salomoninseln mit Flüchen aus dem reichen Vorrat von vier verschiedenen Sprachen zu verdammen.

Am nächsten Morgen konnte man von der Mastspitze der Wonder aus überall im Urwald Signalrauch aufsteigen sehen. Von jedem Gipfel an der Küste und tief im Lande hinter der dichten Dschungel wanden sich dünne, aber vielsagende Rauchsäulen empor. Dörfer auf den höchsten Bergen im Innern des Landes, hoch über der Grenze, die Mac Tavish je auf seinen Expeditionen erreicht hatte, beteiligten sich an dieser Unterhaltung. Jenseits des Flusses ertönte ein wahnsinniger Muschelchor, und die stille Luft erzitterte unter dem dumpfen Klang der Trommeln, überall, meilenweit her hörte man die großen Kriegstrommeln – mächtige Holzblöcke, die mit Hilfe von Feuer und Werkzeugen aus Stein und Muschelschalen ausgehöhlt waren.

»Ihr habt nichts zu befürchten, solange ihr zusammenhaltet«, sagte Grief zu seinem Verwalter. »Ich muß so schnell wie möglich nach Guvutu. Sie werden euch nicht auf freiem Felde angreifen. Behalten Sie die Arbeiter beim Hause. Hören Sie auf mit dem Roden im Walde. Sie werden jede Abteilung, die ausgeschickt wird, angreifen. Und vor allem: Lassen Sie sich nicht verleiten, in den Urwald einzudringen, um Koho zu fangen. Wenn Sie das tun, fängt er Sie. Warten Sie, bis MacTavish kommt. Ich schicke ihn sofort mit einer Abteilung Buschleute von Malaita; er ist tatsächlich der einzige, der hier etwas ausrichten kann. Ich glaube, es ist am besten, wenn Denby bei Ihnen bleibt. Sie haben wohl nichts dagegen, Herr Denby? Dann schicke ich MacTavish mit der Wanda, und Sie, Herr Denby, können dann mit der Wanda von hier abfahren und wieder auf die Wonder kommen. Kapitän Ward muß sehen, den Rest der Reise ohne Sie fertig zu werden.«

»Das hatte ich gerade selber vorschlagen wollen«, antwortete Denby. »Ich hatte mir ja nie träumen lassen, daß eine solche Geschichte bei dem kleinen Spaß herauskommen würde; aber ich sehe ein, daß ich verantwortlich dafür bin.«

»Verantwortlich bin ich«, fiel Wallenstein ein.

»Aber ich habe angefangen«, behauptete der Superkargo.

»Das mag sein, aber ich habe weitergemacht.«

»Ja, und Koho hat es beendet«, sagte Grief.

»Unter allen Umständen bleibe ich auch«, sagte der Deutsche.

»Ich dachte, Sie wollten mich nach Guvutu begleiten«, protestierte Grief.

»Das wollte ich auch. Aber dies ist ja, wenigstens teilweise, meine Jurisdiktion, und ich habe hier einen Fehlgriff begangen. Ich bleibe jedenfalls hier, bis die Geschichte wieder in Ordnung gebracht ist.«

V.

Von Guvutu aus benachrichtigte Grief Mac Tavish, der sich auf Malaita befand. Dann fuhr Kapitän Ward mit der Wonder nach den Santa-Cruz-Inseln, und Grief charterte von den britischen Behörden einen mit schwarzen Gefangenen bemannten Walfänger und fuhr nach Guadalcanar, um den Boden auf der andern Seite von Penduffryn zu untersuchen.

Drei Wochen später kehrte er wieder nach Guvutu zurück. Der Hafen war jetzt verlassen, nur ein einziges kleines Fahrzeug lag dicht am Lande vor Anker. Grief erkannte sofort die Wanda. Sie war offenbar soeben angekommen, denn ihre Mannschaft war noch dabei, die Segel zu bergen. Als Grief sich neben die Wanda legte, kam MacTavish selbst an die Reling, um ihm herüberzuhelfen.

»Was ist los?« fragte Grief. »Sind Sie noch nicht weggekommen?«

MacTavish nickte.

»Ich bin schon wieder da. Alles wohl an Bord.«

»Und wie steht es auf Neu-Gibbon?«

»Als ich die Insel zuletzt sah, bildete sie den Rahmen für einige wertlose Ruinen, die man mit bloßem Auge kaum von der Landschaft unterscheiden konnte.«

MacTavish war ein Mensch aus Stahl und Eisen, klein wie Koho und ebenso eingeschrumpft; seine Haut war wie Mahagoni, und seine kleinen ausdruckslosen Augen glichen mehr der Spitze eines Zwickbohrers als den Augen eines Schotten. Er kannte keine Furcht, keine Begeisterung, er war unempfänglich für Krankheit, klimatische Einflüsse und Gefühle. Daß sein verdrießliches Aussehen furchtbare Neuigkeiten verdeckte, darüber war Grief nicht einen Augenblick im Zweifel.

»Los«, sagte er. »Was ist geschehen?«

»Es gibt nichts, was mehr zu verdammen wäre, als solch einen heidnischen Nigger zum besten zu haben«, lautete die Antwort. »Außerdem ist es ein sehr teurer Spaß. Kommen Sie mit in die Kajüte, Herr Grief. Es ist besser, Sie hören den Bericht bei einem Glase Whisky. Bitte, nach Ihnen.«

»Also, wie haben Sie die Sache in Ordnung gebracht?« fragte Grief, als sie Platz genommen hatten. Der kleine Schotte schüttelte den Kopf. »Es gab nichts in Ordnung zu bringen. Es kommt natürlich darauf an, wie man es ansieht. Man könnte auch sagen, daß es schon in Ordnung gebracht war – gründlich, verstehen Sie – ehe ich kam.«

»Aber Mensch, die Plantage? Die Plantage?«

»Es gibt keine Plantage mehr. Die ganze Arbeit vieler Jahre ist vernichtet. Wir stehen wieder gerade da, wo wir anfingen, wo die Missionen anfingen, wo die Deutschen anfingen und – wo sie aufhörten. Von der Mole ist nicht ein Stein übrig. Die Häuser liegen in Schutt und Asche. Alle Bäume sind umgehauen, und die wilden Schweine graben Jams und Bataten aus. Die Neugeorgien-Leute, ein guter Arbeiterstamm von hundert Köpfen – sie haben ein hübsches Geld gekostet –, sind weg. Nicht einer ist übrig, um zu erzählen, was geschehen ist.« Er machte eine Pause und begann dann in einem großen Koffer zu suchen, der unter der Kajütstreppe stand. »Aber Worth? Und Denby? Und Wallenstein?«

»Ja, das wollte ich Ihnen jetzt gerade erzählen. Sehen Sie her.«

Mac Tavish zog einen aus Reisstroh geflochtenen Sack heraus und schüttete den Inhalt auf den Fußboden. Grief fuhr auf; mit Mühe fand er seine Selbstbeherrschung wieder. Vor ihm lagen die Köpfe der drei Männer, die er auf Neu-Gibbon zurückgelassen hatte. Wallensteins Schnurrbart hatte seinen kecken Schwung verloren und klebte an der Unterlippe.

»Wie es zugegangen ist, weiß ich nicht«, fuhr der Schotte trocken fort. »Ich vermute jedoch, daß sie sich in den Urwald gewagt haben, um den alten Teufel zu kriegen.«

»Und wo ist Koho?« fragte Grief.

»Wieder im Busch und göttlich betrunken. Sonst hätte ich die Köpfe nie bekommen. Er konnte nicht mehr auf den Füßen stehen, und da trugen seine Krieger ihn auf dem Rücken aus dem Dorfe, als ich es stürmte. Und jetzt wäre ich Ihnen übrigens sehr verbunden, wenn Sie mir die Köpfe abnehmen würden.« Er machte eine Pause und seufzte. »Vermutlich werden sie wie üblich begraben. Meiner Ansicht nach sind es Raritäten, für die jedes Museum hundert Pfund das Stück bezahlen würde. Trinken Sie lieber noch ein Glas. Sie sind ein bißchen blaß. – Da, trinken Sie das runter, und wenn Sie einen Rat von mir hören wollen, Herr Grief, so verbieten Sie streng, daß sich jemand einen Spaß mit den Niggern macht. Es kommt immer Spektakel dabei heraus, und es ist ein zu kostspieliges Vergnügen.«

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