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Ein Skizzenbuch

Heinrich Seidel: Ein Skizzenbuch - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Skizzenbuch (Gesammelte Schriften, VI. Band)
authorHeinrich Seidel
firstpub1878-1886
year1889
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleEin Skizzenbuch
created20070612
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107 Am See und im Schnee.

Eine Weihnachtsgeschichte.


109 I. Am See.

Braunsberg und Wildingshagen sind zwei Rittergüter, welche in einer der fruchtbarsten Gegenden von Norddeutschland nicht weit voneinander entfernt liegen. Vor Jahren lebten daselbst zwei Gutsbesitzer von einerlei Gesinnung und Neigung; sie hielten gute Freundschaft miteinander, unterstützten sich gegenseitig mit Rath und That und waren eifrig bemüht, einer dem andern den guten Rothwein auszutrinken, welcher reichlich in den beiderseitigen Kellern lagerte. Dies freundschaftliche Verhältniss schien sich bei den ältesten Söhnen, welche zur Uebernahme der Güter bestimmt waren, fortsetzen zu wollen. Sie besuchten in einer benachbarten Stadt das Gymnasium, durchsassen 110 fast nebeneinander in langsamem Tempo die Klassen und kamen beide glücklich genau an derselben Stelle durch das Abiturientenexamen, nämlich an derjenigen, wo oben durch und unten durch hart aneinander grenzen. Während dieser ganzen Zeit waren sie unzertrennlich gewesen, hatten bei einer kleinen ausgebleichten Kanzleisekretärswittwe zwei Zimmerchen bewohnt, hatten alle Vorräthe, mit welchen ihre vorsorglichen Mütter das städtische Hungerleben zu mildern trachteten, redlich miteinander getheilt und alle ihre dummen Streiche gemeinsam ausgeführt.

Sie bezogen demnächst auch dieselbe Universität, um unter dem Vorwande des Studiums der Rechtswissenschaft sich einige Jahre lang von den schrecklichen Strapazen der Abgangsprüfung zu erholen, und hier erlitt der scheinbar so dauerhafte Freundschaftsbund den ersten Riss, indem Peter Maifeld, der einstige Besitzer von Braunsberg, eines guten Abends in die Netze einiger Corpsstudenten ging und am andern 111 Morgen mit schwerem Haupte als ein Fuchs der Borussia erwachte, während Fritz Dieterling, der zukünftige Herr auf Wildingshagen, fast gleichzeitig in die Burschenschaft Germania eintrat. Da sie nun auf diese Art plötzlich gewissermassen zwei verschiedenen Nationen angehörten, deren unabänderliche Stammesgesetze vorschreiben, sich gegenseitig mit gebührender Nichtachtung zu betrachten, so blieb ihnen nichts übrig, als sich zu trennen und sich fortan mit kühler Höflichkeit aus der Ferne zu besehen. Dies hinderte jedoch nicht, dass sie bei Ferienbesuchen in der Heimath, wo sie sich auf neutralem Boden und sozusagen in Civil fühlten, den alten freundschaftlichen Umgang fortsetzten, bei welchen Gelegenheiten sie allerdings häufig über die erhabenen Grundsätze ihrer beiden Völkerschaften in grossen Streit geriethen, ohne dass es einem von ihnen gelingen wollte, den anderen von der Haltlosigkeit und Verwerflichkeit seiner Anschauungen zu überzeugen.

112 Beide verliessen nach drei Jahren die Universität, Peter Maifeld, um bei einem Freunde seines Vaters die Landwirthschaft praktisch zu erlernen, während Fritz Dieterling noch eine Zeitlang auf Reisen ging. Jedoch nach einem halben Jahre schon rief ihn die Nachricht von dem plötzlichen Tode seines Vaters nach Hause, und er war gezwungen, augenblicklich das Gut zu übernehmen und sich mit Beihilfe eines alten tüchtigen Inspektors in die neue Thätigkeit einzuarbeiten. Nach einem Jahre verheirathete er sich mit einer benachbarten Gutsbesitzerstochter von blühender Gesundheit und achtbarem Vermögen, und nicht ganz ein weiteres Jahr später war auch schon ein neuer, ganz kleiner und sehr anspruchsvoller Fritz Dieterling da, so dass derjenige, welcher noch vor dreissig Monaten im Kreise fröhlicher Genossen gesungen hatte: »'s giebt kein schön'res Leben als Studentenleben!« nun bereits die Würde eines Familienvaters bekleidete und mit vollem Rechte das Lied anstimmen konnte: 113 »O, alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du verschwunden?!« Dies fiel ihm aber gar nicht ein, sondern mit Feuereifer seiner neuen reichen und vielseitigen Thätigkeit sich widmend, lag ihm nichts ferner als jene sentimentale Erinnerung an die sogenannte frische und fröhliche Studentenzeit, welche man vorzugsweise bei jenen findet, die sich nicht weiter entwickeln, sondern, nachdem sie eine Zeit tollen studentischen Uebermuthes wie eine Krankheit, gleich den Masern, überstanden haben, auf alle viere in das Philisterthum zurücksinken, wo von jeher ihre wirkliche Heimath war.

Einige Jahre später starb auch der alte Maifeld, und der Sohn trat an seine Stelle. Auch dieser sah sich alsbald unter den Töchtern des Landes um, und dem Bunde, welchen er einging, entsprosste ein Mädchen, welches auf den Namen Helene getauft, aber Hella genannt wurde.

Anfangs herrschte unter den beiden Nachbarsfamilien ein so fröhlicher Verkehr, 114 wie er in den Zeiten der Väter nicht lebhafter gewesen war, und die Braunsberger Halbchaise mit den zwei prächtigen Apfelschimmeln hielt ebenso oft mit scharfem Ruck vor dem Wildingshäger Herrenhause an, als die mit zwei schönen Füchsen bespannte Kutsche Fritz Dieterlings vor dem Hause des benachbarten Freundes. Die beiden jungen Landleute tauschten Erfahrungen mit einander aus, die Frauen Sämereien, Bruteier oder Kochrecepte, und wenn in dem Braunsberger Obstgarten die Grafensteiner Aepfel gediehen oder im Wildingshäger die Grand Richards, so hatte man auf beiden Gütern von diesen köstlichen Früchten. Jedoch im Laufe der Zeit stellten sich allerlei Zerwürfnisse heraus, denn es zeigte sich, dass die politischen Ansichten beider Männer vollständig verschieden waren. Während Maifeld einer äusserst conservativen Richtung angehörte, waren Dieterlings Anschauungen von durchaus liberaler Färbung, und da durch das eben vorübergegangene Jahr 1848 dergleichen 115 Spannungen sich sehr verschärft hatten, so konnte es nicht ausbleiben, dass die Gemüther der beiden Freunde, wenn sie bei dem guten Rothwein aus den Kellern ihrer Väter sassen, sich oft bedeutend erhitzten, indem der eine für das Wohl des Vaterlandes gerade das für erspriesslich hielt, was der andere für dessen Ruin und gänzliches Verderben erachtete. Dazu kam noch, dass Dieterling auch in seinem landwirthschaftlichen Berufe als ein Freund des Neuen und des Fortschrittes sich erwies, während Maifeld auch hier dem Alten und von den Vätern Erprobten anhing und nicht verfehlte, jeden missglückten Versuch einer Neuerung mit lustigen Spöttereien und kleinen höhnischen Bemerkungen zu begleiten. So geschah es denn, dass die Kluft zwischen den beiden Freunden sich immer mehr erweiterte, dass sie immer seltener miteinander zusammenkamen und schliesslich eines Tages an einem dritten Orte so heftig aneinander geriethen, dass Dieterling seinen Nachbar für einen 116bejammernswerthen Idioten erklärte, während dieser ihm einen aufgeblasenen Schwätzer gegenleistete. Das nach diesem Auftritt unvermeidlich scheinende Duell wurde durch die Vermittelung wohlmeinender Freunde glücklich verhindert, allein von dieser Zeit ab war der Bruch entschieden und die Beziehungen zwischen beiden Gütern gänzlich zu Ende. Da nun auf dem Schutthaufen einer gewesenen Freundschaft die Giftpflanzen der Verleumdung und des Hasses bekanntlich am üppigsten gedeihen, so standen diese Gewächse bald in kräftiger Blüthe und sogen aus jedem kleinen Anlass neue Nahrung und herrliches Wachsthum. Die Erbitterung der beiden Männer nahm solche Ausdehnung an, dass der Name des Gegners überhaupt nicht mehr genannt wurde, und war man gezwungen, die feindliche Familie zu erwähnen, so hiess es einfach »die da«, indem man mit dem Daumen in verächtlicher Weise die Himmelsrichtung andeutete, in welcher das gegnerische Gut gelegen war. Alles 117 Nachtheilige und Dumme, was gute Freunde und getreue Nachbarn von »denen da« bereitwilligst verbreiteten und herumtrugen, ward mit verächtlichem Achselzucken und einer Miene hingenommen, welche ausdrücken sollte, dass lächerliche Abgeschmacktheit eben dasjenige sei, welches man von der gegnerischen Seite als natürliche Lebensäusserung erwarte und voraussetze. Da nun zufälligerweise beide Güter den natürlichen Abfluss ihrer Producte nach zwei verschiedenen Städten hatten, so geschah es auch, da die feindlichen Familien sich nicht mehr suchten und es unmöglich war, sie in der Gegend zusammen einzuladen, dass beide niemals miteinander zusammentrafen und sogar die Männer jahrelang einander nicht ansichtig wurden. Die ältesten Kinder Fritz und Hella, in so jugendlichem Alter voneinander getrennt, hatten sich ebenfalls niemals wieder erblickt, sondern nur voneinander gehört, wodurch sie unter den vorhin erwähnten Umständen zu keinen sehr 118 anmuthigen Begriffen gelangen konnten. Als beide fast erwachsen waren, stellte sich das junge Mädchen unter dem Nachbarssohne ein Geschöpf vor, das man vielleicht zart mit »wüster, unwissender Tagedieb« bezeichnen könnte, während dieser von seiner jungen Nachbarin eine Vorstellung hatte, welche durch den Ausdruck »alberne Zierpuppe« nur schüchtern und mit aller Rücksicht, welche man dem weiblichen Geschlechte schuldig ist, wiedergegeben werden kann.

Fast zehn Jahre hatte der Zwist der beiden Familien gedauert, die »alberne Zierpuppe« war blühend und frisch und ziemlich unangekränkelt von der sogenannten modernen Bildung aus der städtischen Pension zurückgekehrt, wo es ihr als einem Mädchen von gesundem Geist und Körper niemals besonders behagt hatte, und der »wüste, unwissende Tagedieb« war mit seinem Militärdienstjahr schon seit einiger Zeit zu Ende, da brach der deutsch-französische Krieg aus. Der junge Fritz 119 Dieterling ward natürlich eingezogen und ging als Unteroffizier mit gegen Frankreich. An der Schlacht bei Wörth und an dem gewaltigen Marsche auf Sedan und dessen Einschliessung betheiligt, begünstigte ihn das Glück, so dass er sowohl von Verwundung als Krankheit verschont blieb, sich das Eiserne Kreuz erwarb und trotz aller Strapazen des Kriegslebens blühend und kräftig vor Paris anlangte. Gegen Ende der langwierigen Einschliessung und Belagerung dieser ungeheuren Festung erhielt er jedoch bei einem der vielen Ausfälle der französischen Besatzung einen Schuss in den linken Arm, zeichnete sich jedoch bei dieser Gelegenheit durch Muth und Umsicht so ungemein aus, dass ihm das Eiserne Kreuz erster Classe zugesprochen war. Seine Verwundung war jedoch so complicirter Natur, dass die Heilung einen sehr langwierigen Verlauf nahm und er allmählich von Lazareth zu Lazareth in die Heimath zurückbefördert ward, bis man ihn zum Zwecke seine gänzliche 120 Genesung abzuwarten in die Heimath entliess.

Herrn Peter Maifeld passte die kriegerische Auszeichnung des jungen Dieterling sehr wenig in sein System, insonderheit verdross es ihn, dass der Sohn seines Feindes sich also hervorgethan hatte, dass man ihn des höchsten Ehrenzeichens, das seinem Stande zugänglich war, für würdig hielt. Zu Anfang murmelte er etwas von unverdientem Glück, oder wie er sich auszudrücken liebte, »unverschämtem Torkel«, aber damit half er sich nicht über die Sache hinweg, denn im Grunde that dieser Vorfall seinem altpreussischen Patriotenherzen doch zu wohl. Durch diese verhältnissmässig so seltene Auszeichnung fühlte sich der ganze Kreis geehrt, und überall hörte man mit Behagen und Anerkennung von dem jungen Manne sprechen. Das war nun einmal nicht zu ändern, Muth und soldatische Tüchtigkeit musste der vermeintliche Tagedieb doch besitzen, und das sind immerhin Eigenschaften von 121allerhöchstem Werth, zumal im Kriege. Ueberhaupt fühlte er zu seiner Verwunderung, und fast mit Beschämung, dass er über seine politischen Gegner lange nicht mehr so schroffe Ansichten hegte als früher, und dies war ihm fatal, denn er glaubte darin bei sich einen Mangel an Consequenz zu erkennen. Ach, er wusste nicht, dass die sogenannte Consequenz in politischen Dingen oftmals nur auf dem Mangel an Fähigkeit oder Neigung beruht, seine Irrthümer einzusehen, und dann nur von Philistern und Thoren für eine Tugend gehalten wird. Die kleinen inneren Reibungen, welche in ruhigeren Zeiten die Gemüther bewegen und zum Kampfe reizen, hatten an Wichtigkeit verloren, da sich in gewaltigem blutigen Ringen Völkerschicksale entschieden. Gleichviel welcher politischen Richtung die Männer angehörten, ihre Söhne oder Verwandten standen gemeinsam auf dem Schlachtfelde für dieselbe grosse Sache, und wenn sie fielen, mischte sich das Blut des einen mit dem des andern.

122 Um diese Zeit geschah es, dass an einem wunderschönen Tage des beginnenden Herbstes Hella ihren Pony satteln liess, um einen Spazierritt zu unternehmen. Eine klare, sonnige Luft war rings verbreitet, stärkend wie Wein, und aus den dampfenden Morgennebeln war ein goldener Tag emporgestiegen. Es war als hätte die blaue wolkenlose Glocke des Himmels sich unendlich erweitert und die Welt sich vergrössert, denn vieles an den dämmernden Höhenzügen des Horizontes, das sonst in blauem Dunst oder matten Schleiern verhüllt lag, that sich in bestimmten Linien und zarten Umrissen hervor, und an dem Wahrzeichen der Gegend, der Kirche von Borna, welche viele Meilen weit sichtbar auf dem langgestreckten Höhenzuge sich zeigte, der den Lauf der Elbe begleitet, konnte man heute alle Fenster zählen. Der Trieb in die Ferne, der solchen Tagen eigen ist, die erfüllt sind von den Lockrufen wandernder Vögel und den silbernen Fäden des fliegenden Sommers, hatte auch 123Hella ergriffen, und am liebsten wäre sie hinausgeritten in die weite Welt, die heute so sauber und glänzend erschien, so recht wie ein Schauplatz für lauter zierliche und anmuthige Abenteuer. Sie dehnte deshalb ihren Ritt heute weiter aus als gewöhnlich, bis sie an die Grenze gelangte, wo an dem Walde des feindlichen Nachbargutes entlang ein wenig befahrener Feldweg lief. Dort liess sie ihr Pferdchen im Schritt gehen, und als sie, den Blick auf den herbstlich gefärbten Wald gerichtet, dort entlang zog, wurden allerlei Erinnerungen an längst entschwundene Zeiten in ihr wach. In früheren Tagen, als die Familien noch viel miteinander verkehrten, war man öfters auf halbem Wege in diesem Walde zusammengekommen. Das Gehölz umschloss einen kleinen See, an dessen Ufern unter dem Schutze einer alten mächtigen Eiche einige Rasenbänke sich befanden und eine regendichte Mooshütte errichtet war, die bei ungünstiger Witterung einen Unterschlupf bot. Dort hatten die beiden 124 Familien mit anderen Freunden aus der Umgegend so manches kleine Sommerfest miteinander gefeiert, und oftmals war von dort aus das Klingen der Gläser, fröhliches Gelächter und lustiger Gesang durch den Wald geschallt. Aus ihrer frühen Kindheit erinnerte sich Hella so mancher dieser Zusammenkünfte, und besonders die letzte dieser Art, welche überhaupt stattfand, war ihr treu im Gedächtniss geblieben. Man hatte an einem wunderschönen Herbsttage dort am See den Geburtstag der Frau Dieterling gefeiert, und Hella erinnerte sich noch sehr wohl ihrer Verwunderung, als sie alle jungen Fichten der Umgegend mit leuchtenden Georginen und Sonnenblumen geschmückt fand, denn im ersten Augenblick hatte sie gedacht, diese Nadelhölzer hätten solchen farbigen Zierath aus eignem Vermögen hervorgebracht. Fürchterlich war es gewesen, und sie hatte sich sehr die Ohren zugehalten, als Fritz Dieterling zu Ehren des Tages aus einer grossen Messingkanone das Echo angeböllert hatte, 125aber nachher hatte sie selbst über den See hinweggerufen: »Hella!« Da hatten ihr zarte Stimmen geantwortet, schnell hintereinander weg und immer ferner, wohl viermal, und sie hatte fest geglaubt, dort in dem grünen Dämmer des Seeufers müssten noch andere kleine Mädchen sein, und sie wollte sie holen, um mit ihnen zu spielen. Fritz Dieterling aber hatte überlegen gelächelt und gesagt: »Das ist ja man bloss das Echo, und wenn du spielen willst, dann musst du mit mir spielen. Komm mit, ich weiss was. Was Schönes.«

Dann waren sie zusammen in den Wald gegangen, so weit fort, bis sie nichts mehr von der Gesellschaft hören konnten und es ganz einsam und still war, so dass sie nur das Rascheln der Füsse im Laube hörten und den seltsamen Schrei eines Vogels über den Wipfeln. Sie hatte gefragt: »Was schreit da so?« Da hatte Fritz geantwortet: »Das ist der Kückewieh!« Als ihr nun bange wurde in der Einsamkeit und weil ihr der Name des Vogels, der so 126seltsam schrie, graulich vorkam, da hatte Fritz gesagt: »Der Kückewieh thut dir nichts, der frisst man bloss Kücken und Gössel, und nun kommt's auch gleich, das Schöne!«

Dann hatte sie alle Angst verloren, denn sie waren an einem Orte angelangt, wo eine Menge von mächtig grossen Nussbüschen ihre Zweige ausbreiteten und theilweise ihren Reichthum an braunen Früchten schon auf das Laub des Bodens gestreut hatten. Nur zuerst hatte sie sich wieder ein wenig erschrocken über den hässlichen, schnarrenden Ruf eines anderen Vogels, der mit lautem Schelten und hörbarem Flügelschlag durch die Zweige entfloh, aber Fritz hatte wieder sehr beruhigend gesagt: »Das ist man bloss der Holtschraag, der mag auch gern Nüsse, und sieh mal, da läuft auch ein Katzeicher den Baum in die Höh', der ist auch hier bei gewesen.«

Dem braven Fritz waren meistens nur die plattdeutschen Namen der Thiere bekannt, doch zuweilen, wo es sich seiner 127 Ansicht nach gut machen liess, wie hier beim Katteker, versuchte er eine Uebersetzung ins Hochdeutsche. Nun hatten sie Nüsse gesammelt ganze Taschen voll, bis sie dessen müde waren. Wenn unten nicht mehr genug lagen, war Fritz wie ein »Katzeicher« hineingeklettert in die stattlichen Büsche und hatte geschüttelt und sie hatte gejauchzt, wenn die glatten braunen Früchte, die schon lose in ihren Hülsen sassen, auf das welke Laub herniederprasselten. Zum Schluss hatte er dann zwei stattliche schlanke Ruthen geschnitten, an der ihren war ein grüner Busch als Zierde geblieben, an der seinen, die einen Wurfspiess darstellen sollte, war dieser beseitigt, und so zogen sie weiter, indess Fritz mit seiner neuen Waffe unterwegs allerlei ungewöhnlich bösartige wilde Thiere seiner Einbildung erlegte und so fortwährend den Weg von schrecklichen Gefahren reinigte.

In diesem Gehölze, das nicht gerade nach strengen Gesetzen der Forstwirthschaft behandelt wurde, darum aber desto 128lieblicher und voller Abwechselung war, befanden sich auch eine Anzahl von stattlichen wilden Obstbäumen, und als sie nun an einen solchen gelangten, der eine Fülle gelblicher Holzbirnen in das Gras zu seinen Füssen gestreut hatte, da erschien Hella dieser Ort mit seinen mannigfachen Gaben fast wie ein Märchenwald, und obwohl diese Früchte herbe waren, dass sie den Mund zusammenzogen, so verlieh ihnen doch ein seltsamer Reiz der Neuheit etwas ganz Besonderes. Danach gelangten sie in eine kleine Lichtung, wo auf einem durch Holzhauer von Graswuchs befreiten Flecke eine Anzahl von über mannshohen Königskerzen aufgeschossen waren. Aus den Gebüschen am Waldesrande leuchteten die Hagebutten, einige Herbstschmetterlinge gaukelten lautlos umher, und überall hatten die Kreuzspinnen mächtige Netze gewebt, in deren Mitte sie auf die glänzenden Fliegen lauerten, welche die Luft durchsummten. Hier war es so einsam und weltverloren, dass Hella wieder die 129 Bangigkeit überkam. »Nun haben wir uns gewiss verirrt!« sagte sie.

»Verirrt?« sagte Fritz sehr wegwerfend, »in diesem Holz kann ich mich gar nicht verirren, das weiss ich auswendig. Dies ist doch man bloss der Seebusch. Denk mal, wenn's der Urwald wär' mit allerhand Tigern und Riesenschlangen drin! Na, die sind hier ja nicht, aber Addern giebt's hier, und beim See 'rum auch Snaken. Snaken die thun nichts, aber die Addern stechen, die sind giftig. Vorig Jahr hat der Jäger eine todtgeschlagen, ich hab' sie gesehen, sie haben so'n Zickzack auf'm Rücken.«

Hu, wie gruselig war das wieder! Hella drängte sich dichter an Fritz und bat ihn umzukehren.

»Meinswegen,« sagte dieser, »aber vor den Addern brauchst du keine Bange zu haben. Unser Rademacher sagt, eine frisch geschnittene Haselruthe ist das beste Mittel gegen die Addern, na, und die haben wir ja.« Damit fasste er seinen Wurfspiess am dicken Ende und liess 130 ihn wie eine Reitpeitsche durch die Luft pfeifen.

Sie wendeten sich um und gingen in der Lichtung zurück. Auf den dichten Gebüschen des Waldrandes von wilden Rosen, Schlehdorn und jungem Buchengestrüpp lag der Sonnenbrand und brütete würzigen Duft aus, und als sie dort entlang streiften, ward in dem halbtrockenen Grase zu ihren Füssen ein leichtes Rascheln bemerklich, das sich träge auf das Gebüsch zu entfernte. Fritz hatte schnell seine Ruthe erfasst, und indem er Hella mit der andern Hand zurückschob, sprang er schnell zu und schlug plötzlich auf einen Ort im Grase los. Der tückische Kopf einer Kreuzotter schoss an jener Stelle zischend empor und wüthend schnappte das giftige Gewürm in die Luft, bis ein zweiter, besser gezielter Schlag ihm den Garaus machte.

Fritz sah ganz blass aus vor Aufregung, obwohl er sich nichts merken lassen wollte.

»Das war 'ne Adder!« sagte er, »die hat genug!«

131 Dies war ein wunderbares, schreckliches und furchtbares Abenteuer für Hella, sie sah mit Bewunderung auf Fritz und mit Grauen auf das erlegte Giftgewürm, das noch mit ein wenig verglimmendem Leben erfüllt, ohnmächtig zuweilen die Schwanzspitze regte. Als ein kleiner Held war er ihr damals erschienen, so eine Art Drachentödter, von denen man in Märchenbüchern liest.

Fritz hatte wie jeder ordentliche Junge vom Lande ein tüchtiges Ende Bindfaden bei sich, nebst unzähligen anderen brauchbaren und unbrauchbaren Gegenständen, welche seinen Hosentaschen für gewöhnlich das Ansehen zweier knolliger Geschwülste gaben. Er machte eine Schlinge, fing den Kopf der Kreuzotter darin ein und schleifte den glatten Wurm hinter sich her, indem er von Zeit zu Zeit einen befriedigten Blick nach ihm zurücksendete und der etwas verängstigten Hella mit erhabenen Worten Trost einsprach. Diese trippelte neben ihm her in einem Gemisch 132 von Bewunderung und Grauen und getheilt zwischen den unvereinbaren Bestrebungen, dem greulichen Thiere möglichst fern und dabei doch ihrem schützenden Begleiter möglichst nahe zu bleiben. Darum war sie ungemein froh, als sie endlich die Gesellschaft wieder erreicht hatten, woselbst man dem braven Drachentödter einerseits hohes Lob spendete und anderseits an der gruseligen Frage: wie es hätte kommen können, wenn? . . . . ein herrliches und ausdauerndes Gesprächsthema fand. Diese Kreuzotter musste aber wohl die letzte ihres Stammes gewesen sein, denn seit jener Zeit hatte man in der ganzen Gegend nicht mehr von so verdriesslichem Gewürm gehört.

Unter solchen Gedanken war Hella langsam an dem Rande des Waldes entlang geritten und kam nun an eine Stelle, die stets eine ganz besondere Lockung auf sie ausgeübt hatte. Seit das Zerwürfniss zwischen den beiden Familien ausgebrochen war, bestand ein Verbot ihres Vaters, den 133 Wald des feindlichen Gutes jemals zu betreten, und das war ihr an diesem anziehenden Fleck immer besonders grausam und hart erschienen. Die ragenden Stämme, welche den grössten Theil des Forstes bildeten, traten dort zurück und umgaben in weitem Bogen eine von niederem Buschholz, blumigen Grasflächen und einzelnen grösseren Bäumen erfüllte Lichtung. Unter den letzteren that sich eine mächtige alte Eiche hervor, welche in der Mitte dieses Platzes gleichsam als der König des übrigen Pflanzenwuchses sich darstellte. In der Umgegend hiess diese Gegend »der Vogelsang«, und zwar mit Recht, denn solche Orte lieben unsere Singvögel, und in jedem Frühling war hier ein fast betäubendes Flöthen und Musiziren. Auch schien es Hella immer, dass nirgendwo so herrliche Waldblumen zu finden seien als hier, und im Sommer, wenn ein betäubender Duft von Jelängerjelieber dort wehte, hatte sie als Kind oft sehnsüchtig hinübergeblickt nach den üppigen Himbeergebüschen und 134den mit blaubereiften Früchten bedeckten Rankenhügeln der Brombeeren.

Auch heute, wo der Gesang der Vögel bereits verstummt war und statt der leuchtenden Blumen nur eine verschiedenartige Färbung des Laubes und das glänzende Roth der Vogelbeeren oder das schimmernde Schwarzblau der Schlehen vorhanden war, übte dieser Ort den alten Zauber auf sie aus. In dem stillen Sonnenschein, der in der geschützten Bucht warm brütete, flogen behaglich die bunten Herbstschmetterlinge, ein Zug zwitschernder Meisen ging von Baum zu Baum, an die feinsten Zweige sich anhäkelnd, in der Ferne hob ein Reh lauschend den Kopf und schritt zögernd und scheinbar widerwillig dem Hochwalde zu; alle schienen gern zu verweilen an diesem freundlichen Ort.

Hella war heute unternehmungslustiger als sonst, sie warf den Kopf auf, als wollte sie sagen: »Ei, warum denn nicht?« Einen Augenblick später war sie vom Pferde, 135 band den Pony am Waldrande an einen Ast und schickte sich an, den Wunsch ihrer Kindheit zu erfüllen, in das verbotene Paradies einzudringen. Als sie zwischen dem Buschwerk durch das hohe Gras dahinging und dazu unternehmungslustig die kleine Reitpeitsche schwenkte, schrak sie doch plötzlich zusammen über den hässlichen, schnarrenden Ruf eines Hähers, der wahrscheinlich in den Nussbüschen eine Nachlese gehalten hatte und nun entfloh. Aber gleich lächelte sie wieder: »Das ist man bloss der Holtschraag,« dachte sie mit denselben Worten, die damals Fritz gebraucht hatte. Ob er wohl noch jetzt immer »man bloss« sagte? Und wie er überhaupt wohl jetzt aussah? Als Kind hatte er ein hübsches, gesundes Aussehen gehabt, aber so viele Sommersprossen, dass sein Gesicht anzusehen war wie das gesprenkelte Ei eines Wasserhuhns.

Hella schritt weiter durch das windstille, sonnige Schweigen, nur das Laub raschelte zu ihren Füssen und die Gräser, welche ihr 136 Kleid streifte. Sie kam an die alte Eiche, welche noch stolz und grün emporragte und eine Unzahl von ihren Früchten in das Gras gestreut hatte. Ein Eichhörnchen rannte in komischen Sprüngen davon und sprang in hastigen Sätzen an der rauhen Borke des mächtigen Stammes in die Höhe. »Katzeicher,« dachte Hella unwillkürlich und lächelte. Hinter der Eiche senkte sich der Grund zu einem kleinen Erlenbruch, und diesen kleinen Abhang hinab hatte sich ein ungeheurer Strauch von wilden Rosen gelagert. Aber die zarte Pracht seiner unzähligen blassrothen Blüthen war längst entschwunden und hatte einer Unmenge von nützlichen Hagebutten Platz gemacht, die gleich Korallen leuchteten. So gelangte Hella endlich an das Ende der Lichtung, wo die glatten Stämme schimmernder Buchen emporstanden. Es verlockte sie, zu dem kleinen See vorzudringen, um zu sehen, ob die Mooshütte wohl noch stände, und den Platz wieder zu betrachten, an welchem so freundliche 137 Kindheitserinnerungen hafteten. In diesen gewaltigen Buchenhallen war es noch stiller als in der Lichtung. Die einfallenden Sonnenlichter hoben die aus dem welken Laube aufgetauchten Fliegenpilze in leuchtendem Scharlach hervor, und hier und da standen ganze Gesellschaften anderer Pilze, braun oder golden oder auch weiss, glänzend wie Porzellan. In der Höhe löste sich zuweilen ein reifes welkes Blatt; man wusste nicht warum, bei der allgemeinen Stille der Luft. Vielleicht weil ein Sonnenstrahl es traf, oder eine Mücke vorübersummte. Dann flatterte es langsam herab, leuchtete noch einmal auf in einem Sonnenstreif, verblasste wieder im Dämmer und legte sich lautlos zu den übrigen. Die Füsse Hellas rauschten dahin über diese weiche Decke, welche von vielen Herbsten dort aufgespeichert war, zuweilen schrie ein Specht, zuweilen tönte das feine »Sit, sit« eines Baumläufers, zuweilen schlüpfte eine rothbraune Waldmaus mit leisem Rascheln in das schützende Loch, dazwischen war immer wieder das 138 träumerische Schweigen eines schönen, windstillen Herbsttages. Düstere Fichten lösten dann das auf schimmernden Säulen emporragende Hallendach des Buchenwaldes ab. Dahinter tönte plötzlich ein anhaltendes Rufen von wilden Enten; dort musste der See sich befinden. Der grasbewachsene Weg, auf welchem Hella jetzt leise dahinschritt, machte eine Biegung, und nun lag in Glanz und Schimmer plötzlich das freundliche Gewässer vor ihr. Sie trat näher zum Ufer, da standen mit lautem Klatschen hinter einer kleinen Rohrbreite eine Anzahl von Enten auf, um zu einer entfernten Stelle des Sees zu flüchten; sie hörte genau das taktmässige Pfeifen ihrer schweren, aber schnellen Flügelschläge. Zwei scheue Reiher schwankten in der Ferne auf mächtigen grauen Schwingen um eine bewaldete Landzunge, und ein Kragentaucher war plötzlich von der Wasserfläche verschwunden, um nach einer langen Weile an einer weit entlegenen Stelle wie durch Zauber wieder da zu sein. Die Wellenringe des 139 aufgestörten Wassers schwangen sich in die Weite, allmählich verschwimmend, und bald wieder war der See so glatt wie Glas und schien einzig darauf bedacht, seine buchtigen, in allen Farben des Herbstes schimmernden Waldufer so genau wie möglich abzuspiegeln.

Die Mooshütte war noch da, aber vernachlässigt und verfallen, doch von den Rasenbänken sah man nur verschwommene Ueberreste, überwuchert von hohem Gras und jungem Buschwerk. Es schien, als sei dieser Platz seit Hellas Kinderzeit niemals wieder benutzt worden und in Vergessenheit gerathen. Das junge Mädchen ging an den hohen Ufervorsprung, zögerte ein wenig und sah sich um, rief dann aber muthig ihren Namen über den See hinaus: »Hella!« – Sie erschrak doch ein wenig, als ihre Stimme die Einsamkeit durchbrach und von den Waldbuchten her einige Male klar und deutlich der Ruf zurückkam. Dann lächelte sie aber gleich wieder: »Es ist man bloss das Echo.« – Sie dachte jetzt 140 an die Rückkehr und schlug eine andere Richtung ein, um auf einem neuen Wege den »Vogelsang« wieder zu gewinnen. Als sie deshalb zu einem Wiesenstreifen am Ufer des Sees hinabstieg und dort entlang ging, ward sie durch ein plötzliches Rascheln erschreckt, und zugleich erblickte sie eine grosse Ringelnatter, welche an ihr vorbei sich eilig durch das Gras wand und dem mit Weiden vermischten Uferschilfe zustrebte. Nun ward es ihr höchst unbehaglich in dieser Gegend, denn obwohl hier jetzt keine giftigen Schlangen mehr vorkommen sollten, wie sie das den alten Forstmeister und Freund ihres Vaters vielfach hatte versichern hören, so waren ihr doch diese unheimlichen Thiere auch ohne Giftzahn immer sehr verdächtig und unangenehm. Sie erinnerte sich zwar auch an Fritzens Ausspruch von den Snaken, welche am Seeufer vorkämen und unschädlich wären, allein besser erschien es ihr doch, diese Gesellschaft zu meiden. Da nun gerade eine Art von Fusssteig auf die Höhe 141 des Uferabhanges zu führen schien, so eilte sie dort hinauf und streifte hastig durch Hasel- und Dorngesträuch dahin. Aber mit dem Wege war es nur Schein gewesen, bald musste sie sich mühsam durch die Büsche winden, dornige Zweige griffen nach ihrem Kleide und hielten sie auf und dann, als sie endlich von einem alten Baumstumpf aus mit einem kleinen Sprunge das Freie gewinnen wollte, gab das morsche Holz nach, sie glitt aus, erreichte zwar noch eben das gewünschte Ziel, blieb jedoch mit der Schleppe ihres Reitkleides oben an den Dornen hängen, so dass sie dicht an den Busch gedrängt vollständig gefesselt dastand. Ohne sich den Anzug vollständig zu zerreissen, wusste sie sich nun kaum zu helfen, denn die Wendung, welche sie machen musste, um ihre Fesseln zu lösen, spannte das Kleid nur immer noch fester an.

Hella stand eine Weile und überlegte, während ihr Herz klopfte, dass sie es zu hören meinte. Dazu kam der unangenehme 142und aufregende Gedanke an die Schlangen, von welchen sie annahm, dass sie in solchen alten vermorschten Baumstumpfen, wie der in ihrer unmittelbaren Nähe, mit ganz besonderer Vorliebe nisteten. Sie stand eine Weile und überlegte. Es gab ein Mittel, loszukommen, und zwar eins, das wenig Schwierigkeit machte. Wenn sie herausschlüpfte aus ihrem Reitkleide wie eine Nuss aus der Hülse, dann gewann sie Freiheit der Bewegung und konnte die zurückgelassene Kleidung mit Leichtigkeit aus den Dornen lösen. »Wenn aber in diesem Augenblicke Jemand darüber zukäme, ein Jäger oder Holzsammler oder gar ein Mitglied der feindlichen Familie! Sie schauderte bei diesem Gedanken. Aber was sollte sie machen? Entweder mit kräftigem Rucke sich losreissen und ihr halbes Kleid in den Dornen lassen, oder jenen einfachen Weg ergreifen; anderes gab es nicht. Sie durchspähte den Wald nach allen Richtungen, wandte sich dann und liess ihre Blicke am Seeufer entlang gleiten: alles war einsam 143 und durchwebt vom stillen Sonnenschein. Sie presste die Lippen in raschem Entschluss auf einander, ihr Herz begann schneller zu pochen, und mit scheuer Hand fing sie an, die Knöpfe des Reitkleides zu lösen. Aber nicht weit war sie damit gelangt, als mit klatschendem Flügelschlag die Enten an einer anderen Stelle des Sees aufstanden, und sie, über dies Geräusch erschreckt, zusammenfuhr und innehielt. Sie blickte sich ängstlich um. Da am Ufer des Sees in der Ferne über dem Buschwerk war ein Kopf aufgetaucht, ein männlicher Kopf mit einem verblichenem Jägerhut bedeckt, und gleich darauf trat dort eine jugendliche Gestalt hervor, welche mit einem verschossenen Jägeranzug bekleidet, langsam das Ufer entlang schlenderte.

Hella ward in schneller Reihenfolge dunkelroth und leichenblass, hastete mit verwirrten Fingern, die Knöpfe wieder zu schliessen und spähte dann, von leichtem Laubwerk und dem Schatten des Waldes verborgen, auf den nahenden Wanderer 144 hin. Es war ein Jäger, das sagte ihr die Kleidung, und wahrscheinlich oder sicher ein Angestellter des feindlichen Gutes, der den Forst besichtigte. Waffen und Tasche trug er nicht, nur einen einfachen Stock, mit welchem er zuweilen einige kunstvolle Lufthiebe ausführte oder eine verspätete Distel köpfte. Der Jäger musste auf seinem Wege nahe an dem Fusse des Abhanges vorüberkommen, und nun galt es zu entscheiden, was zu thun war. Sollte sie sich verborgen halten, bis er vorüber war, oder ihn anrufen, dass er ihr zu Hülfe käme? Um darüber klar zu werden, musste sie erst sein Gesicht genauer sehen, ob es Vertrauen erweckte. Zwar wurde dann ihr komisches Abenteuer der feindlichen Familie bekannt, und es gab für »die da« etwas zu lachen, allein was machte das, wenn man es nicht hörte? Der junge Mann kam näher, und Hella musste sich sagen, dass er sehr vertrauenerweckend aussähe. Er hatte ein angenehmes und gutes Gesicht und blickte frei und treuherzig aus seinen 145 dunklen Augen; dieser Jäger glich nicht dem bösen Kaspar aus dem Freischütz, sondern dem guten Max. Nur dass er nicht ganz so wabbelig erschien wie dieser. Sie hatte das Gefühl, hier dürfe sie etwas wagen, und als der junge Mann ganz nahe war, wappnete sie sich mit dem ganzen Stolze ihres Mädchenthums und mit der Würde und Hoheit, welche der Tochter eines Gutsbesitzers zukommen, und rief:

»Sie, Jäger! Kommen Sie hier mal schnell herauf und helfen Sie mir.«

Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass der junge Mann ziemlich verblüfft ausgesehen hat, als er aus dem schweigenden Walde heraus und mitten in der vermeintlichen Einsamkeit also angeredet wurde, allein er verlor keine Zeit, sondern folgte auf der Stelle diesem Rufe. Man muss ihm ferner das Zeugniss geben, dass er nicht lachte, als er sah, welch ein lieblicher Vogel sich dort gefangen hatte, sondern eine würdevolle Theilnahme bewies, wie es sich ziemt, wenn ein Mitmensch also in 146 Noth gerathen ist. Mit kritischem Scharfblick übersah er sofort die Lage, zog ein schönes festes und scharfes Taschenmesser hervor, klappte es auf und sagte: »Es ist man bloss . . . es ist nur dieser eine Dornbusch hier – das wollen wir gleich haben.«

Damit setzte er das Messer an und schnitt mit einem kräftigen Zuge den Stamm des Weissdornes durch, so dass Hella auf der Stelle befreit war. Mit den ersten Worten, welche der Jäger sprach, war mit der Geschwindigkeit eines Blitzzuges eine Reihe von Gedanken durch Hellas Köpfchen gefahren, und als sie nun ein wenig rosig angeblümt mit gesenkten Augenlidern dastand und die Schleppe ihres Kleides von den eingedrungenen spitzen Haken des Dornbusches befreite, da ward es ihr zur Gewissheit, was sie dachte. Er hatte »man bloss« gesagt. Er hatte bei seinen Dienstleistungen den linken Arm, der mit dem Daumen in den zugeknöpften Rock eingehakt war, gar nicht benutzt, sondern das Messer sehr geschickt ausschliesslich mit 147 der Rechten geöffnet. Und wie gut und hübsch und heldenhaft er aussah, trotz der Sommersprossen, welche sich über seinen Nasenrücken zogen! Sie hatte nun den Dornbusch aus den Falten des Kleides gelöst und warf ihn achtlos bei Seite, denn sie wusste ja noch nicht, dass ihr Geschick an diesem grünen Zweige hing. Dann hob sie das Haupt und sah freimüthig den Jäger an: »Sie sind Herr Fritz Dieterling!« sagte sie.

»Und Sie Fräulein Helene Maifeld,« war seine Antwort.

»Ich danke Ihnen,« fuhr sie fort und hielt ihm die Hand hin. Der junge Mann drückte diese sanft und sagte: »O, es hat mir viel Vergnügen gemacht.« – Hella lächelte unwillkürlich und flüchtig. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen!« sagte sie dann. – »An diesem See war es zuletzt,« erwiderte Fritz, »ich dachte eben daran, als ich dort unten entlang ging.« – »Wie seltsam,« sagte Hella. »das liegt wohl in der Luft, mir ging es vorhin gerade so.« 148 Dann seufzte sie ganz leicht, denn es ging ihr durch den Sinn, wie sich die Zeiten so böse verändert hatten. »Damals waren schöne Tage!« sagte sie. – »Die giebt es heute auch noch,« sprach Fritz rasch, und Hella schlug die Augen nieder vor seinem Blick. Dann wandte sie wie suchend und ungewiss den Kopf nach der Richtung, in welcher sie gekommen war. »Rustan wartet,« sagte sie dann, und wandte sich zum Gehen. – »Wie, Rustan lebt auch noch?« fragte Fritz rasch, »der muss doch schon uralt sein.«

»Es ist sein Nachfolger,« sagte Hella, »er ist am Vogelsang angebunden und wartet auf mich.«

Damit machte sie eine vornehme kleine Verbeugung und wollte davon, aber Fritz war alsbald an ihrer Seite. »Sie könnten sich verirren,« sagte er, »oder noch einmal . . . .« hier schwenkte er seinen Stock über die Dornbüsche hin . . . . »wenn es auch nur der Seebusch ist, es ist ein biesteriges Holz.« – Sie schritten eine 149Weile schweigend neben einander hin durch den herbstlichen Wald, ein frühlingsfrisches, junges und blühendes Paar. Sie schienen für einander bestimmt zu sein, und doch hatte menschliche Thorheit eine starre Mauer von Hass und Vorurtheil zwischen ihnen errichtet. Aber holde Wünsche und zartes Sehnen sind leichte Schmetterlinge, welche solche Mauer gar leicht überfliegen,

Dann sprachen sie allerlei von der Zeit ihrer Kindheit, harmlose Dinge von Pflaumen- und Apfelbäumen, Lieblingsthieren und allerlei gemeinsamen kleineren Erlebnissen. Es war, als flüchteten sie sich aus der so hässlich veränderten Gegenwart in jene freundlichen Tage. Dabei gelangten sie an eine Lichtung, die eine kleine Fichtenschonung enthielt im Alter von etwa zehn Jahren. »Hier war es mit der Kreuzotter,« sagte Fritz plötzlich.

Hella nahm fast ängstlich ihre Kleider zusammen, so dass Fritz lächelnd bemerkte: »So'n Viehzeug giebt's hier ja gar nicht mehr, ich glaube, das war damals die letzte 150 ihres Stammes.« Aber Hella ging doch ein wenig schneller, und während ihre Blicke über die dunkelgrünen Fichten schweiften, sagte sie: »Alles hat sich verändert seit jener Zeit, das eine ist verfallen, das andere verwachsen.«

»Aber wir sind doch die alten geblieben,« sprach Fritz schnell. Ein ganz zartes Roth stieg in ihre Wangen, sie sah gerade vor sich hin, nickte fast unmerklich, und indem sie ebenmässig weiter schritt, sagte sie leise: »Ich glaube wohl.«

Fritz hielt ihr in plötzlicher Aufwallung die Hand hin, sie ergriff dieselbe ohne Zögern, und nun sahen sich beide eine Weile treuherzig in die Augen. »Alles soll wieder gut werden!« rief er dann. »Ja, ja!« war ihre Antwort. Sie wussten beide, was sie meinten, obwohl keiner es aussprach.

Dann erreichten sie den Vogelsang, viel zu früh, wie beide heimlich dachten. Sie standen eine Weile unter der alten Eiche und sahen schweigend in den glänzenden Herbsttag hinaus, auf die schimmernden 151 Sommerfäden in der Luft, auf die beackerten Felder, wo hier und da eine Glasscherbe diamantartig blitzte, und auf das ferne Braunsberg, das auf bewaldetem Hügel gelegen, mit rothen Dächern aus den Baumwipfeln hervorschien. Nun wieherte Rustan, der seine Herrin erblickte und schon eine Weile vor Ungeduld emsig den Waldboden gescharrt und gestampft hatte; zugleich schwamm der dünne Klang der Mittagsglocke durch die hellhörige Luft; es war zwölf Uhr. – »In einer Stunde muss ich zu Hause sein,« sagte Hella, und beide begaben sich zu dem ungeduldigen Pony. Fritz führte ihn in den Weg, dann setzte Hella den schlanken Fuss in seine Hand, er half ihr in den Sattel und gab ihr die Zügel. Sie zögerte noch eine Weile und blickte auf den Kopf des Pferdes, das mit dem einen Vorderfusse den Boden zierlich scharrte und mit dem Schweife die Schenkel peitschte. Dann reichte sie Fritz zum Abschiede die Hand. »Heisst es, auf Wiedersehen?« fragte dieser.

Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht 152 an, sondern beugte sich vornüber, dass ihr Kopf fast die Mähne des Pferdes berührte, und in demselben Augenblicke schoss der muntere Pony mit ihr davon. Fritz blickte ihr nach, wie sie auf dem Wege am Rande des Waldes in eiligem Trabe dahinritt, und wie sie dann in den breiten Landweg einbog, der gerade auf Braunsberg zuführte. Dieser war von alten Haselhecken eingefasst, und durch eine Lücke ward noch zuweilen die schlanke Reiterin sichtbar, oder wo die Büsche niedriger waren, schwebte ihr Köpfchen mit wehendem Schleier darüber hin. Dann schob sich ein Hügelhang vor den Weg, und nun war nichts weiter sichtbar als die sonnige Einsamkeit des klaren Herbstmittages. Die Sommerfäden zogen fast unmerklich dahin, auf dem Acker blitzten und funkelten die Scherben, weiterhin über dem satten Grün des Wiesengrundes revierte ein Bussard, zuweilen mit rüttelndem Flügelschlage an einer Stelle verweilend, aus dem Schornsteine des Herrenhauses von Braunsberg stieg kerzengerade 153 eine schmale Rauchsäule in die ruhige Luft und von den fernen dämmernden Höhen der Elbberge schimmerte in zartem Umriss die Kirche von Borna herüber.

Fritz kehrte langsam auf demselben Wege, welchen beide vorhin gegangen, durch den Wald zurück. Als er an der Stelle angekommen war, wo er Hella aus ihren Fesseln befreit hatte, nahm er den abgeschnittenen Dornbusch auf und betrachtete ihn liebevoll und sorgfältig. Als er einige Zeit später durch den Garten von Wildingshagen auf sein Vaterhaus zuschritt, trug er ihn noch in der Hand.

Dass am nächsten Vormittage Fräulein Hella Maifeld auf ihrem gewohnten Spazierritte wieder an dem Vogelsang vorüberkam, woselbst Herr Fritz Dieterling bereits seit einer Stunde nachdenklich und zuweilen in die Ferne spähend umherwandelte, ist einer jener merkwürdigen Zufälle, durch welche die Geschicke der Einzelwesen sowohl als der Völker so oft in bestimmte Bahnen gelenkt werden. Wer nun aber wissen 154 will, was an diesem und den folgenden Tagen jenes schönen Herbstes unter der alten mächtigen Eiche auf dem Vogelsang geschehen ist, der muss hingehen und einen alten Waldkauz befragen, der schon seit vielen Jahren in einem schönen geräumigen Astloch dieses Baumes seinen Wohnsitz hat. Denn dieser weise Vogel hat alles mit angesehen und angehört von dem Augenblicke an, wo er verwundert über den Klang menschlicher Stimmen in seiner Nähe sich ein wenig vorbeugte und mit seinen runden Eulenaugen auf das junge schöne Menschenpaar niederblickte, bis zu jener Stunde, da an einem grauen Nebeltage zwei Wochen später dasselbe Paar unter Küssen und Thränen von einander Abschied nahm. Von den bei dergleichen Gelegenheiten üblichen und so beliebten Schwüren ewiger Treue hat der kluge Vogel aber nichts vernommen, denn solches hielten die beiden jungen Leute für selbstverständlich und keiner Betheuerung bedürftig. Fritz Dieterling ging 155 wieder auf die landwirthschaftliche Hochschule, welche er bereits vor dem Kriege besucht hatte, und erst zu Weihnachten war ein Wiedersehen zu erwarten. Jedenfalls würden sie auch dann eine Gelegenheit finden, sich zu sehen, und zur Sicherheit ward der Morgen des ersten Weihnachtstages für eine Zusammenkunft auf dem Vogelsang festgesetzt.

 

 

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