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Ein Skizzenbuch

Heinrich Seidel: Ein Skizzenbuch - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Skizzenbuch (Gesammelte Schriften, VI. Band)
authorHeinrich Seidel
firstpub1878-1886
year1889
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleEin Skizzenbuch
created20070612
sendergerd.bouillon
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95 Das letzte Geleit.

97 Die Begebenheit, welche ich hier erzählen will, hat sich in Berlin wirklich zugetragen.

Eine kleine Gesellschaft von Künstlern und Architekten hatte, durch wechselnde Gespräche vielfach angeregt, weit über die Mitternachtsstunde hinaus in einem kleinen Weinhause beisammen gesessen. Der Angesehenste unter ihnen, ein Baumeister, welchen ich Humbert nennen will, ein Mann von Geist und Empfindung und auf vielerlei Gebieten zu Hause, gehörte zu jener immer seltener werdenden Klasse von Architekten, welche mehr Künstler als Geschäftsleute sind. Die Gabe der Rede stand ihm in hohem Grade zu Gebote, und durch anregende Einfälle wusste er immer wieder das Gespräch zu beleben, sodass schliesslich, 98 als die Gesellschaft aufbrach, die Stunde nicht mehr eine späte, sondern eine frühe zu nennen war. In die heitere und angeregte Stimmung, mit welcher die Freunde in die warme Mainacht hinaustraten, passte sehr wenig der finstere Anblick eines Leichenwagens, welcher, von sechs schwarzgekleideten Trägern begleitet, langsam auf der menschenleeren Strasse dahergerumpelt kam. Verwundert darüber, dass man zu so ungewöhnlicher Stunde Jemanden zu Grabe brachte, und seltsam berührt durch den Gegensatz des eigenen schäumenden Lebens zu der finsteren Feierlichkeit des Todes, standen die jungen Männer eine Weile und liessen das düstere Gefährt herannahen. Humbert redete den einen der Träger an und erfuhr, dass man einen Selbstmörder in dieser stillen Stunde, um Aufsehen zu vermeiden, zu Grabe brächte. Wie so oft in seinem Leben, einem plötzlichen Antriebe auf der Stelle folgend, wandte sich Humbert leise, aber eindringlich fragend an seine Genossen: »Soll dieser 99 Unglückliche seine letzte Fahrt ohne Geleit machen?« Und hingerissen von der Wirkung des Augenblickes, schlossen sich Alle stillschweigend und paarweise dem einsamen Leichenwagen als Gefolge an. Die Träger sahen sich anfangs wohl bedenklich um; doch als sie die feierliche Stille und Gemessenheit dieses unerwarteten und seltsamen Trauergeleites bemerkten liessen sie die jungen Männer gewähren.

Es war gerade jener kurze Zeitraum eingetreten, in welchem selbst eine so grosse Stadt, wie Berlin, wirklich zu schlafen scheint und die wenigen Menschen auf den Strassen sich in letzte Nachtschwärmer und erste Frühaufsteher eintheilen, wo nur zuweilen ein einsamer Schritt durch die Strassen hallt. Der kleine Zug ging langsam die Strassen entlang und bog dann zur Seite ab, wo die Bäume eines grossen Parkes ihre düsteren Zweige über die Mauer streckten und sich finster abhoben von dem nächtlichen Himmel, den die leise anbrechende Dämmerung bereits heller färbte.

100 Endlich hielt der Wagen vor dem Kirchhofe; die Träger schroteten den Sarg herab, und während ein Todtengräber mit der Laterne voranging, begab sich der kleine Zug in das finstere Schweigen der Gräber. Hier war es ganz still, und man hörte nur die taktmässigen Schritte der Träger, das sanfte Klirren der Laterne und das leise Knirschen der Sarggriffe. Zuweilen fiel das Licht der Laterne auf ein helles Kreuz oder eine schimmernde Marmor-Figur, die sogleich wieder in den schwarzen Schatten der Cypressen versank. Dann wendete der Zug sich zur Seite, bis an einer abgelegenen Stelle des Kirchhofes das harrende Grab erreicht war. Die Freunde nahmen schweigend um den Hügel der ausgeworfenen Erde ihren Stand, während der Sarg hinabgelassen ward, und schon ergriff der Todtengräber den Spaten, um sein Werk zu beginnen, als er durch eine abwehrende Handbewegung Humbert's unterbrochen ward und das blinkende Pflanzeisen des Todes wieder sinken liess. Als der junge 101 Baumeister seinen Hut abnahm, folgten die Uebrigen seinem Beispiele, und nun sprach er folgende Worte:

»Meine lieben Freunde und Genossen! Wir haben hier einem Manne das letzte Geleit gegeben, den wir nicht kennen, und welchen vielleicht Keiner von uns in seinem Leben je gesehen hat. Wir waren nicht zu solchem Zwecke zusammengekommen, sondern hatten uns am gestrigen Abend vereinigt als froh in's Leben schauende Männer, um in heiterer Rede und Gegenrede fröhlicher Geselligkeit zu pflegen. Wir haben uns unterhalten von unseren geringen Thaten und von unseren hochfliegenden Plänen, von kleinen Erfolgen und grossen Hoffnungen. Wir alle sind Männer, die nicht sehnend zurückblicken in den Mondscheindämmer der Vergangenheit, wo die selige Insel der Kindheit liegt, – nein, mit festem Fusse stehen wir im klaren Sonnenlichte der Gegenwart, und frohen Muthes denken wir, die Zukunft uns zu unterwerfen. Wir sind Männer voller Hoffnungen und 102 voller Entwürfe, wir sind erfüllt von ihnen, wie die leuchtenden Obstbäume, welche dieser milde Mai mit schimmernden Blüthen überdeckt hat. In solcher Stimmung und also freudigen Muthes traten wir hinaus, als uns dieser stille Wanderer begegnete auf seiner letzten Fahrt, als eine Mahnung, welche lautet: Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe? In tausend Blüthen steht der Apfelbaum, aber wie wenige wird der Herbst als reife Früchte sehen!

Ueberfluss der jungen Kräfte
Bei des Lebens holdem Drang,
Vollgefühl gesunder Säfte
Schafft der Jugend Ueberschwang.

»Wollt Ihr darnach schon bemessen,
Wie die Frucht geräth am Ziel,
Ach, so wollet nicht vergessen:
Wurm und Sturm vernichten viel!

Wir dürfen überzeugt sein, dass einst auch Hoffnungen und Entwürfe das Herz dieses stillen Mannes bewegten. Was sie aber zerstört hat, das wissen wir nicht, ob es ein Wurm war, welcher in seinem Innern nagte, ob der Sturm widriger äusserer 103 Umstände sie hinweggerissen, – wir wissen nur, dass er den Sprung in den gewissen Tod vorgezogen hat einem zweifelhaften Leben voller Qual. Es steht uns nicht an, ihn zu verdammen, denn wir kennen nicht die Grösse der Last, welche ihn erdrückt hat; wir sind nicht berufen, ihn zu richten, denn nur Gott weiss die Stärke seiner Schuld, – aber wohl geziemt es uns, ihn zu bemitleiden, denn was er auch war, das Eine ist sicher: er war ein Unglücklicher. Der Mann stand wohl einsam hier im Leben, denn weder ein Verwandter, noch ein Freund hat ihn auf seiner letzten Fahrt geleitet. Da wir nun, meine lieben Genossen, einem augenblicklichen Antriebe folgend, diese Pflicht übernommen haben, so fordere ich Euch auf, diesem einsamen Todten die letzte Ehre zu erweisen, ihm eine Hand voll Erde nachzuwerfen in sein Grab und mit mir den Wunsch ihm nachzurufen: »Schlafe in Frieden!«

Der Todtengräber, welcher, zwischen Verwunderung über dieses ungewöhnliche 104 Ereigniss und zwischen Zweifeln über die Zulässigkeit dieser Handlung schwankend, erst beim Schlusse der kurzen Rede recht zur Besinnung kam, reichte unwillkürlich, dem Triebe der Gewohnheit seines Gewerbes folgend, den gefüllten Spaten dar, und Alle warfen in feierlichem Schweigen drei Hände voll Erde auf den dumpf tönenden Sarg hinab. Dann, dem Beispiele ihres Anführers folgend, standen sie, den Hute vor dem Gesichte, eine Weile lautlos da.

Unterdessen war es heller geworden, eine sanfte graue Dämmerung war rings verbreitet, und ein Athemzug des Morgens rauschte durch das junge Frühlingsgrün. Ueber dem Häusermeere der unendlichen Stadt stand das Morgenroth und hatte in dem blassen Himmel einige goldene Wölkchen angezündet; fern vom Felde her klang das Tireliren einer frühzeitigen Lerche, welche aufgestiegen war, um die Sonne als die erste zu begrüssen.

Die Freunde bedeckten ihr Haupt, 105 drückten im Vorübergehen Humbert schweigend die Hand und kehrten, ohne viel zu reden, in die Stadt zurück. Bald wurde das Häuflein immer kleiner, denn Einer nach dem Anderen verlor sich mit stillem Grusse in eine Seitenstrasse und wanderte nachdenklich der Gegend zu, wo er zu Hause war.

 

 

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