Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Seidel >

Ein Skizzenbuch

Heinrich Seidel: Ein Skizzenbuch - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Skizzenbuch (Gesammelte Schriften, VI. Band)
authorHeinrich Seidel
firstpub1878-1886
year1889
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleEin Skizzenbuch
created20070612
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

67 Ein Brief an den Frühling.

69 Lieber alter Freund!

Ich glaube wohl, dass ich dich so nennen darf, denn wir kennen uns nun schon viele Jahre, und du darfst glauben, dass meine Hinneigung zu dir in dieser Zeit immer nur gewachsen ist. Ich muss es dir endlich einmal sagen, wie gern ich dich habe, und wie sehr ich deine unvergleichliche Kunst verehre. Insonderheit im Winter, wenn die Erde zu Stein, das Wasser zu Glas und der Regen zu weissem Pulver gefroren ist, wenn Bäume und Gesträuche mit traurigen Besenreisern dastehen, und die vertrockneten Reste einst frischgrüner Ranken trübselig im Winde rascheln, da erfüllt mich zuweilen die tiefste Verwunderung, wie du, Zauberer, es anfängst, dies alles so köstlich zu verwandeln, 70 den kalten, harten Stein des Bodens in einen üppigen durchblümten Teppich, die Besenreiser in schimmernde Blüthenzweige und den erstarrten Spiegel des Teiches in weiche fliessende Wellen, auf welchen leuchtende Wasserrosen sich wiegen. Wir haben unter uns Menschen ja auch Zauberer, welche allerlei können, zum Beispiel Eierkuchen in Cylinderhüten backen, ohne dass es diesen was schadet, und aus demselben Hute holen sie nachher eine ganze Ausstattung für Zwillingskinder und so viele Bälle, dass man eine ganze Schule, und so viele Becher, dass man eine Kompagnie Soldaten damit versehen kann; allein das sind doch nur öde und durchsichtige Gaukelkunststücke und nicht zu vergleichen mit den deinen, über welche nun schon von Anbeginn viele Tausende von gelehrten Häuptern gebrütet haben und ewig brüten werden, ohne sie jemals zu ergründen.

Du schwingst deinen Zauberstab über die öde sibirische Steppe, auf deren versteinerter Fläche bislang der eisige Winterwind 71 einherjagte, und siehe, binnen kurzem ist sie ein blühendes, farbiges Meer von Tulpen und Iris, Tazetten und Hyazinthen, du steigst lächelnd die Berge hinauf und säumest die Ränder starrender Gletscher mit Blüthen ohne Zahl, ja selbst in den Ländern der Mitternachtssonne zauberst du eine wundervolle Blumenpracht auf die erweichte Oberfläche des ewig gefrorenen Bodens, so dass deine zarten Blüthenkinder gar über dem Eise wohnen.

Du lieber Frühling, ich danke dir, dass du alle Jahre aus dem warmen Süden wieder zu uns kommst, obwohl es dort, wie die Leute sagen, so viel schöner sein soll als hier. Doch muss es wohl bei uns auch nicht so übel sein, sonst würden die kleinen, klugen Vögel, welche so gerne und eifrig dein Lob singen, nicht alle Jahre vorüber fliegen an der Pracht seiner Mandel- und Orangenbäume, um bei uns ihr Nest zu bauen in Weissdorn und Heckenrosen. Ja, wenn du einkehrst, lieber Frühling, und ihnen die Stätte bereitest, indem du 72 das zarte Laub und die schimmernden Blüthen aus der Knospe lockest, da kehren sie alle treulich wieder, und wo bis dahin nichts vernehmlich war als das rauhe Geschrei der Krähen, das Zirpen der Meisen oder höchstens der zwitschernde Gesang des ewig munteren Zaunkönigs, da ist nun die Luft erfüllt zum Ueberquellen von süssem Getön. Und nicht allein besetzest du die lichten Auenwälder mit jauchzenden Nachtigallen, welche jeder schätzt, und hängst die Luft voll tirelirender Lerchen, welche alle kennen, nein, so mannigfach wie Form und Farbe deiner Blumen und Blätter ist auch der Gesang deines munteren Geflügels. O wie freue ich mich, wieder die süssmelancholisch abfallende Tonfolge des Fitis zu hören aus dem Erlenbruchwald oder im Gebüsch das Gezwitscher der Dorngrasmücke, welches dahinrieselt wie ein plätscherndes Bächlein. Oder das knarrende Schwatzen der Rohrsänger im Uferschilf und das eindringliche Pfeifen des Baumpiepers am Rande des Waldes. Ob 73 sie nun viel können oder wenig, das gilt ihnen gleich, und der kleine Baumläufer zwitschert sein winziges Lied von anderthalb Tönen mit derselben Inbrunst wie die Nachtigall, und wer nicht singen kann, der trommelt wie die Spechte an einem dürren Ast oder klappert gleich dem Storch oder bläst das Bombardon wie die Dommel im Rohr. Ja, mein lieber Concertmeister, das verstehst du einzurichten.

Allerlei haben wir doch schon zusammen erlebt, mein lieber Freund, und wenn es auch keine grossen Dinge waren, so stehen sie doch wie liebliche Blumen in dem Garten meiner Erinnerung. Gedenkst du noch jenes ersten Pfingsttages in der kleinen mecklenburgischen Stadt, als ich den ganzen Morgen umhergeschweift war zwischen den blühenden Gärten, wo die goldenen Schmetterlinge flogen und die Vögel sangen. Du weisst es gewiss noch, denn es war einer von den herrlichsten Tagen, die du je geschaffen hast, und die Mädchen, welche mir begegneten, waren alle 74 viel schöner als sonst, und aus ihren Augen leuchtete der Widerschein deines Glanzes. Wo waren sie denn mit einmal alle hergekommen, die man den ganzen Winter fast nicht gesehen hatte, nun waren sie in ihren hellen Gewändern alle aus den finsteren Häusern hervorgeblüht wie die Hyazinthen aus dem dunklen Schooss der Erde. Und später, weisst du es wohl noch, lag ich in den Anlagen am Wall auf dem Rücken im Grase zwischen den goldenen Butterblumen, und zu meinen Häupten in der riesigen Silberpappel, die mit zarten Kätzchen über und über bedeckt war, sang eine Nachtigall ergreifend schön. Nicht ferne von mir ragte mit röthlichem Gemäuer der Dom empor in die reine Luft, und aus ihm hervor mischten sich fromme Pfingstchoräle und das feierliche Dröhnen der Orgel mit dem Jubel rings umher. Ja, überall blühte es, und ich blühte mit, überall sang es, und mein Herz sang mit, und obwohl sich weiter gar nichts ereignete, so war es doch eine Stunde des Glücks, die 75 ich nimmer vergessen kann. Das war dein Zauber, du wunderbarer Frühling.

Du bist mir auch ein wenig gut, das weiss ich wohl. Denn sonst hättest du wohl nicht zu jenem anderen unvergesslichen Tage im Mai, da jene Gute und Reine mein eigen ward, die ich kaum verdiene, einen so festlichen Himmel über die Erde gespannt und die ganze Welt in schimmerndes Licht getaucht. Das werde ich dir nie vergessen und dir manches andere dafür verzeihen. Denn um der Wahrheit die Ehre zu geben, manchmal beträgst du dich ein ganz klein wenig unangemessen. Erinnerst du dich wohl noch an jenen neunten Mai, da alle die jungen, frischgrünen Rosenblätter mit Reif bedeckt und alle Nachtigallen heiser waren, oder an jenen elften Juni, wo du sogar noch mit Schnee kamst? Das – nimm es mir nicht übel – sind sehr wunderliche Launen und machen es deinen Verehrern recht schwer, dich zu vertheidigen; denn bedenke doch, es giebt unter den Menschen viele böswillige Gesellen und Philister mit öden Gehirnen, welche nur darauf lauern, dir etwas anzuhaben und deinen uralten, wohlverdienten Ruhm zu untergraben, indem sie deine ganze Schönheit für ein müssiges Hirngespinnst halbtoller Dichterlinge erklären und als verständige Leute nichts von dir wissen wollen. Darum hoffe ich, dergleichen nicht wieder zu erleben. Was ich aber noch ferner hoffe, das ist, dich noch recht oft wiederzusehen, mein guter, alter Freund. Freilich, du bleibst ewig jung und ich werde immer älter werden. Mich dünkt jetzt schon manchmal, ich stünde auf der Höhe, wo man wieder den Weg nach abwärts führen sieht. Und zuweilen ist mir, als erblickte ich am Ende dieses Weges in fernem Dämmer jenes dunkle, von Cypressen umgebene Thor, das den Eingang bildet in jene unbekannte Welt, aus welcher man nicht zurückkehrt. Aber vorher, lieber Freund, hoffe ich, dein leuchtendes Antlitz noch recht oft zu begrüssen, und dann, wenn es sein muss, 77 wünsche ich, mit dir dahin zu gehen um jene Zeit, da die wilden Rosen blühen und das Heu in den Wiesen duftet. Dann, wenn du von hinnen scheidest, will ich mit dir wandern Arm in Arm in jenes bessere Land, wo dein Reich niemals endet wie auf Erden, wo du nur ein flüchtiger Gast bist.

Dein treuer Verehrer

Heinrich Seidel.

 

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.