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Ein Skizzenbuch

Heinrich Seidel: Ein Skizzenbuch - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Skizzenbuch (Gesammelte Schriften, VI. Band)
authorHeinrich Seidel
firstpub1878-1886
year1889
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleEin Skizzenbuch
created20070612
sendergerd.bouillon
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37 Der Neuntödter.

39 Die kleine Geschichte, welche ich erzählen will, ist nach einem Vogel benannt, welcher leider einen sehr schlechten Ruf besitzt und mit dem hässlichsten Namen bezeichnet wird. Davon sind Dorndreher und Dorngreuel noch die besseren, rothrückiger Würger und Würgengel dagegen klingen schon sehr nach Mord und Todtschlag und der Ausdruck Neuntödter nun gar hat etwas Düsteres, Blutiges und Geheimnissvolles an sich, schaurige Vorstellungen erweckend von systematisch betriebenen Massen- und Gewohnheitsmord. Leider muss nun der Wahrheit gemäss bezeugt werden, dass diese Namen wohlverdiente sind und dass dieser Vogel, trotzdem er nicht viel grösser ist als ein Sperling einen bösen Räuber vorstellt, und dazu 40 die grausame Gewohnheit besitzt, seine aus Heuschrecken, Käfern, Eidechsen, kleinen Fröschen und jungen Nestvögeln bestehende Beute auf Dornen zu spiessen, um sie bequemer verzehren zu können. Darum hat nun das gefährlichste Raubthier dieser Erde der Mensch, welcher es als sein alleiniges Vorrecht betrachtet, alle anderen Geschöpfe, die ihm schmecken, mehr oder weniger grausam zu tödten und aufzuessen, mit vollem Rechte diesen kleinen hübschen Vogel mit so bösen Namen belegt und ich bin überzeugt, die Frau Geheimräthin kann ihn nicht ohne inneren Schauder betrachten, wenn sie solche schlechte Dinge von ihm hört. Mir ist zwar nicht bekannt, ob diese Dame weiss, dass in ihrer Küche die Fische lebendig geschuppt und die Krebse mit kaltem Wasser zum Kochen aufgesetzt werden und dass die Köchin, um den fast unsterblichen Aal zu bewältigen, diesen sich in Salz todt laufen lässt, doch hoffe ich, um ihrer schönen Menschlichkeit willen, dass ihr solche Thatsachen nicht bewusst 41 sind. Theodor Storm sagt sehr gut:

» . . . . . . . Köchinnen sind grausam,
Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche.«

– und leider hat er Recht.

In vielfachen sehr ergötzlich zu lesenden Romanen sind mir nun aber schon Räuber begegnet, welche, wenn sie nicht gerade in ihrem mühevollen Berufe thätig waren, sich als höchst angenehme Gesellschafter und sehr nette Leute erwiesen. Sie spielten sogar mit nicht zu verachtender Geschicklichkeit die Mandoline, sangen dazu zärtliche Lieder und trugen in ihren dunklen Augen einen Ausdruck sanfter Melancholie, welcher in allen fühlenden Weiberherzen die Flamme der Liebe entzündete. Sie waren bis auf das bischen gelegentliche Morden, was nun einmal der Beruf mit sich brachte, edel, hülfreich und gut, unbeschreiblich galant gegen die Damen und nahmen niemals denen etwas fort, die nichts hatten. An diese anziehenden Charaktere erinnert mich nun immer der Neuntödter, denn er ist unter unseren 42 einheimischen Vögeln einer der lieblichsten Sänger. Zwar auf Eigenes versteht er sich nicht recht und gleicht darin unseren menschlichen Sängern, welche auch meistens nicht selber was ersinnen, sondern dasjenige vortragen, welches andere sich erdacht haben. Alle Singvögel, welche sich in der Umgebung seines Wohnsitzes hören lassen, ahmt der Neuntödter nach und zwar auf das Lieblichste und Genaueste, das trillernde Lied der Lerche sowohl als den schwerfälligen Gesang der Amsel, den schmetternden Schlag des Finken ebenso gut als das krause Geschwätz der Rauchschwalbe, kurz die mannigfachsten Gesänge hinter und durcheinander in emsiger Abwechslung, so dass man nicht müde wird, ihm zuzuhören. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es unter diesen Vögeln Künstler und Stümper giebt, manche können viel, manche wenig, im Allgemeinen aber darf man annehmen, dass die älteren Männchen auch die besseren Sänger sind.

Seit einigen Tagen trug ich mich nun 43 schon mit dem Gedanken, auf welche Art ich wohl meinen schwerkranken an das Zimmer gefesselten Freunde, dem Landschaftsmaler Richard Böhlau eine dauernde Unterhaltung zu schaffen vermöge. Mit solchen Erwägungen soeben noch beschäftigt, trat ich in den Laden eines Vogelhändlers, um, wie es meine Gewohnheit war, mich nach Neuigkeiten umzusehen, denn die Frühlingszugzeit war im besten Gange und in diesen Wochen hat man öfter Gelegenheit, allerlei Seltenheiten des Vogelhandels zu Gesicht zu bekommen. Es war nun gerade eine Sendung rothrückiger Würger angelangt und die Vögel flatterten unbändig und scheu, wie es ihre Art ist, wenn sie wild eingefangen sind in einem Kistenbauer. Es waren meist jährige Vögel, wie ich an der matteren Färbung und dem bräunlichen Tone der Brust erkannte, aber einer war darunter, der mein Herz sofort mit stiller Begier des Besitzes erfüllte. Fürwahr, das war ein ganz alter Herr und entsprach vollständig der 44 Schilderung, welche Naumann von einem »recht sehr alten Männchen« entwirft. Insonderheit das leuchtende Rothbraun des Rückens und die schön rosenfarbig angeflogene Brust hob ihn bedeutsam von seinen jüngeren Genossen hervor. Zugleich gingen mir die vorhin angeführten Eigenschaften durch den Sinn und die Erleuchtung kam mir, dass ich für meinen armen Freund, der ein so grosser Liebhaber und Kenner der Natur war, nichts Besseres finden könne, ihm seine einsamen Stunden zu erheitern. Ich kaufte den Vogel, dazu ein grosses Nachtigallenbauer, ein Quantum frischer Ameisenpuppen und einige Schock Mehlwürmer und gab die Zeit am Nachmittage an, da Alles in die Wohnung meines Freundes gesendet werden sollte. Es war gerade ein Freitag und an jedem Freitagnachmittage pflegte ich mich nach Böhlau umzusehen.

 

 

45 Auf dem Platz am Kreuzungspunkte zweier bekannter Strassen im Westen von Berlin steht eine wunderschöne Platane, welche den Sommer hindurch im Schmuck des dichten Laubes prangt und im Winter mit unzähligen schwärzlichen Stachelkugeln behängt ist. Verfolgt man von diesem Baume aus die eine der kreuzenden Strassen nach südöstlicher Richtung, so gelangt man sofort in einen der stillsten Winkel dieser Gegend, denn es zeigt sich, dass die Strasse alsbald sackartig verläuft und ihr Ende durch den Zaun eines Parkes mit hohen Bäumen begränzt wird. Auf einem der Grundstücke dieser abgelegenen Ecke hatte Richard Böhlau im Garten sein Atelier, das an den Hinterflügel des Hauses angebaut worden war. Dort hielt er sich fast ausschliesslich auf, obwohl durch eine finstere Wendeltreppe erreichbar, er in dem Hinterflügel noch eine kleine Wohnung besass, wo Schlaf- und Wohnräume sich befanden und sein wunderlicher alter Diener hauste. Zur spärlichen Erleuchtung dieser Treppe 46 diente ein Fenster, das hoch in der Wand des Ateliers angebracht war und von diesem das Licht aus zweiter Hand erhielt. Dieses dunkle Fenster in der Wand der Malerwerkstatt hatte für mich immer etwas unheimliches, und wenn ich die Augen dennoch erhob erwartete ich stets, dass etwas Gräuliches daraus hervorschauen möchte. Man konnte von dort oben das ganze Atelier übersehen und manchmal hatte ich Böhlau gefragt, was er wohl sagen würde, wenn er einmal von seiner Wohnung kommend durch das Fenster schaue und sich dann selber unten im Atelier an der Staffelei stehen und malen sähe. Er hatte dann lachend gesagt: »Ich würde schnell hinunterspringen und den infamen Kerl das Genick umdrehen.« »Ja, wenn er aber dann nicht mehr da ist?« hatte ich ihm entgegnet. Dann wurde er ganz zornig. »Ach, Sie sind ein ganz unverbesserlicher Phantast,« sagte er, »ich fürchte, Sie glauben an Doppelgänger und dergleichen Zeug. Sie haben ja auch Sinn für Märchen, 47 Sagen und Träume. Ich hasse das. Alles Unreelle ist mir in der Seele zuwider. – Die Zeiten sind ja Gott sei Dank vorüber, wo man einen Schwind und einen Steinle verehrte und nur Träumer, wie Sie einer sind, hängen ihnen noch an. Nein, ich lobe mir die reine Natur und male was ich sehe.«

Dann waren wir richtig wieder bei einem unerschöpflichen Streit-Thema angelangt – denn ich war der Meinung, dass diesen beiden Romantikern unter den Malern, zu denen ich noch den früh verstorbenen Rethel rechnen möchte, der ächteste Ausdruck deutschen Wesens gelungen ist, dass sie von allen Malern der Neuzeit am meisten Nationales besassen, während mein lebhafter ausschliesslich auf das Reale gerichteter Freund in ihren Hervorbringungen nichts als krankhafte Fieberphantasien zu erblicken vermochte. Dagegen war sein Respekt vor demjenigen, was er Natur nannte, ein fast abergläubiger zu nennen. Ich erinnere mich einer Zeit, als er einmal ein schön in wechselvoller Landschaft gelegenes Dorf in Mecklenburg mit uralten bemoosten Strohdächern entdeckt hatte. Er schrieb mir begeistert, dies Dorf und seine Umgebung wimmeln so von Motiven, dass es ihm auf Jahre hinaus Arbeit gebe und ich solle ihn doch einmal besuchen. Da ich mich gerade in Warnemünde aufhielt, so fuhr ich hinüber und fand ihn mitten im Sumpf, wo er sich ein kleines Pfahlgerüst hatte bauen lassen und in einer Wolke von Mücken und Stechfliegen eifrig einen kleinen Tümpel mit spiegelndem Wasser, Schilfrohr, Weidengebüsch und Graskufen malte, der den grauen Strohdächern des Dorfes und dem dämmernden Hügellinien der Ferne als Vordergrund diente.

»Ich bin hier in Wasserstiefeln so lange herumgewatet,« sagte er, »bis sich Alles richtig zusammenschob, denn von da oben giebt's kein Bild – die Natur ist rücksichtslos gegen uns Maler.«

Da ich nun keine Wasserstiefel hatte, mussten wir unsere Unterhaltung aus der 49 Ferne führen. Bald aber packte er seine Sachen zusammen, watete an's Land und wanderte mit mir in der Gegend umher. Wir gelangten an einen Hügelhang und hier führte er mich fast geheimnisvoll an einen Dornbusch und sagte: »Hier oben giebt es zwei Punkte, von denen aus dies wundervolle Dorf zu bewältigen wäre. Dies ist der eine. Sehen Sie nur wie die Strasse sich hier in das Dorf hineinwindet, wie durch die Lücken zwischen den Häusern die Lichter auf sie fallen und wie sie allmählich zwischen den sich vorschiebenden Häusern und dem Grün der Obstbäume verdämmert. Ein reizvolles Motiv. Aber der Hintergrund taugt nicht viel; wie die Dächer dort gegen den Himmel abschneiden, das wirkt nicht. Nun kommen Sie aber einmal mit.«

Wir gingen ein tüchtiges Stück zur Seite und höher an dem Hügelhang hinauf bis zu einem alten Hollunderbaum, der aus einer Mauer hervorgewachsen, hunderte von weissen Blüthentellern dem Sonnenlichte 50 darbot. Von hier schauten wir wieder auf das Dorf hin. Eine dämmernde Ferne mit sanft geschwungener Hügellinie war hinter ihm aufgestiegen und weithin ein zweites Dorf, das wie ein blasser Traum in nebligem Dufte lag. Zur Seite blitzte ein Stückchen See – es war ein ganz anderes Bild als vorhin, denn die Landstrasse war bereits hinter dem ersten Hause des Dorfes verschwunden und kam fast nicht mehr zur Wirkung.

»Sehr schön,« sagte ich.

»Ja, ja,« antwortete er, »aber hier taugt nun wieder der Vordergrund nichts.«

»Nun, da nehmen Sie doch von beiden Ansichten das Beste und kombiniren es mit einander. Das muss ja ein prachtvolles Bild geben.«

Er sah mich an, als hätte ich ihn aufgefordert, dem Kölner Dom die Fenster einzuwerfen oder sonst eine ähnliche Tempelschändung zu begehen. »Da sieht man wieder,« sagte er, »dass Sie gar keinen Respekt vor der Natur haben, Sie unverbesserlicher Phantast.«

51 Das Merkwürdigste aber war, dass trotz alledem die Landschaften von Richard Böhlau einen seltsamen poetischen Zauber ausübten, weil in diesem Manne, der sich selbst nur für einen treuen Copisten der Natur hielt, ein gutes Stück von einem Poeten steckte, nur dass er sich dessen selber garnicht bewusst war.

 

 

Seit längerer Zeit nun aber war es für den Maler mit den Studien in der freien Natur vorbei, denn unheilbares Siechthum bannte ihn an's Zimmer und gestattete ihm höchstens bei schöner Witterung ein wenig in dem kleinen Garten spazieren zu schleichen. Er schaffte zuweilen noch Einiges, indem er vorhandene Studien ausführte, doch zuletzt gab er auch dies auf, weil er den Anstrengungen nicht mehr gewachsen war. Als ich ihn an jenem Freitag Nachmittag besuchte und bald darauf die 52 Sendung vom Vogelhändler ankam, schien er dies Geschenk, das Pflege und Wartung beanspruchte, mit etwas säuerlicher Miene aufzunehmen und hatte auf meine begeisterte Schilderung der Genüsse, welche ihm dieses wild und unbändig in dem neuen ungewohnten Käfig umhertobende Thierchen bereiten würde, nur ein resignirtes Lächeln. Ich suchte für den scheinbar nur aus Höflichkeit angenommenen Zimmergenossen einen guten Platz aus, verhüllte den Käfig einstweilen durch ein grünes Tuch und überliess das Weitere ruhig der historischen Entwicklung.

Als ich nach einer Woche wieder zu meinem Freunde kam, ging er mir freudig entgegen und auf seinem Angesicht sah ich ein Leuchten, das ich dort schon lange vermisst hatte. »Sie wissen garnicht, was Sie mir geschenkt haben,« sagte er , »den Frühling, den ich so schmerzlich entbehren muss, haben Sie mir in's Haus gebracht, ich lebe wieder draussen in der schönen grünen Welt, Alles durch diesen Vogel.« 53 Dabei wendet er sich und sah liebevoll auf den Neuntödter hin, der schon viel weniger wild in seinem Käfig auf und abhüpfte. »Lassen Sie sich erzählen,« fuhr er fort, als wir uns gesetzt hatten:

»Ich will nun gleich offen gestehen, dass mich Ihr Geschenk im Grunde mehr ärgerte, als erfreute. So sehr ich auch die Vögel in der Freiheit liebe und mich mit ihnen beschäftige, so oft habe ich schon meine Abneigung gegen gefangene Vögel ausgesprochen. Sie wussten dies und mir schien desshalb Ihr Verfahren unverständlich. Ich ärgerte mich über das unbändige Thier und als ich ihm am anderen Morgen Futter gab und dabei sein wildes Toben mit ansehen musste, da hätte ich ihn am liebsten fliegen lassen. Später beruhigte er sich wieder hinter seiner grünen Decke und als ich nachher lesend auf dem Sopha lag und es ganz still war, nur dass ich zuweilen ein neues Blatt umwendete, da gab er auf einmal sonderbare Töne von sich: »»Gaak, gaak,«« sagte er plötzlich, und 54 darauf folgte ein Finkenschlag, so sauber und nett wie nur möglich, es klang so als käme es hoch aus einem Baumwipfel. Dies schien eine vorläufige Probe zu sein, denn nach einer Weile begann er wieder und zwar mit dem Wachtelruf mehrfach wiederholt. Daran schlossen sich die verschiedensten Locktöne und dann ging er zu einem langanhaltenden Lerchengesang über von so gedämpftem Klange, als töne er hoch aus der blauen Luft hernieder. Jetzt schien die Scheu gebrochen, denn nun blieb es so bei, bald ein Stück schwerfälligen Amselgesanges wie aus entferntem Walde tönend, bald das dahinrieselnde Lied der Dorngrasmücke, bald ein Stückchen vom Baumpieper mit dem langausgezogenen hinsterbenden zia, zia, zia, bald ein Bischen vom Gartenlaubvogel und zum Schluss ganz deutlich und täuschend ähnlich das knarrende Geschwätz des Drosselrohrsängers und zwar ganz vollständig. Ich war zugleich erheitert und entzückt, zumal der Vogel nach kurzer Pause zeigte, dass sein 55 Reichthum noch lange nicht erschöpft sei, denn mit dem krausen Gesang der Rauchschwalbe begann er plötzlich wieder und zwar klang dieses als flöge sie in der Luft vorüber, so dass das Lied an Stärke abnahm und das gedehnte zerrr am Schluss wie aus weiter Ferne klang. Daran schloss sich der scheltende Warnungsruf der Amsel und in stetem Wechsel allerlei Anderes, das ich zum Theil wegen mangelnder Kenntniss nicht richtig unterbringen konnte. So ging es weiter den Tag über und all die andern Tage fort, ich wurde nicht müde ihm zuzuhören. Das Seltsamste aber ist, dass aus diesen nachgeahmten Vogelgesängen in meinem Geiste sich allmählich eine Landschaft aufbaute, die ich deutlich vor mir sehe, in der ich träumend umherwandle. Denn da ich weiss, dass der Neuntödter nur die Gesänge der Vögel wiedergiebt, die sich in seiner nächsten Umgebung hören lassen, so ward meine Phantasie sofort angeregt und nun sehe ich ganz genau den Ort vor mir, wo dieser Vogel wohnte. 56 Zwischen Kornfeld und Wiese eingesprengt liegt ein Gebüsch von Weissdorn, Schneeball, Haseln, Weiden und wilden Rosen, einzelne Bäume ragen darüber hinaus. Ueppiges Gras und Kraut schiessen an den Rändern durch die Zweige empor, Gaisblatt und Hopfen durchranken es. Auf breiten Klettenblättern sonnt sich der Laubfrosch, in der Luft stehen die Schwebefliegen, tanzen die Libellen. Gegenüber wird die Wiese vom Hochwald begränzt, zwischen den Stämmen dämmern bläuliche Schatten. Von dorther schallt aus Wipfelhöhen der Schlag unzähliger Buchfinken, der schwermüthige Gesang der Amsel und das unermüdliche Lied des Baumpiepers. Zur Seite geht die Wiese in raschelnden Rohrwald über, dahinter blinkt ein See mit fernen dämmernden Uferbuchten. Von hier tönt das knarrende Geschwätz des Drosselrohrsängers, den man bei mir zu Lande so treffend Karrekiekkiek nennt. Ueber der blinkenden Feuchte des Seespiegels schweifen die Schwalben, zuweilen schiesst 57 eine jagenden Fluges herbei und schwingt sich um das Gebüsch zugleich in der Luft ihr Liedchen singend. Und aus dem Korn schallt fern der Ruf der Wachtel, das Krähen des Rebhahnes, und über dem Korn schwebt Lerchengesang nah und ferne, während im Gebüsch eine Grasmücke leiert und im Baumwerk darüber der fleissige Gartenlaubvogel unermüdlich sein Missing, missing in den Klang seines reichen Liedes mischt. Ach, ich rieche den Duft der Wiesenkräuter und den gewürzigen Hauch des Seeufers, welchen zuweilen ein Wind herüber trägt.«

So kannte ich meinen Freund noch garnicht; ich sah ihn beifällig zustimmend an und nickte. Ueber seine blassen an den Spuren unheilbaren Siechthums durchfurchten Züge ging ein liebenswürdiges Lächeln. »Nun dürfen Sie mich einen Phantasten schelten,« sagte er, »thun Sie es nur, es soll mich nicht kümmern, ich hab' doch meine Freude dran.«

* * *

58 Mit meinem Freunde ging es zu Ende, bei jedem Besuche fand ich ihn schwächer und als ich am nächsten Freitage wiederkam, fiel mir dies ganz besonders auf. Zugleich aber bemerkte ich, dass seine Staffelei ausnahmsweise wieder an's Licht gerückt war und auf einem Stuhle daneben Malgeräthschaften ausgebreitet lagen. Es stand auf der Staffelei aber kein Bild, sondern ein grosser flacher Kasten mit verschlossenem Deckel. Mein Freund war trotz seines kranken Aussehens von einer gewissen inneren Heiterkeit erfüllt und sprach von neuen landschaftlichen Entdeckungen, welche er durch die Vermittlung des Vogelgesanges gemacht hatte; fürwahr er lebte ganz in diesem Bilde seiner Phantasie. »Wenn ich erst wieder gesund bin,« sagte er, »da will ich ausziehen und nicht eher ruhen, bis ich eine solche Gegend gefunden habe, wie sie mir vorschwebt und dann male ich für Sie davon ein Bild als Dank für diesen wunderbaren Vogel.« Dabei schweiften seine Blicke 59wie unwillkürlich nach dem schwarzen Kasten auf der Staffelei hin, doch als er bemerkte, dass ich diesen Blicken gefolgt war, ward er ein wenig roth und liess seine Blicke verwirrt über die Wände seiner Werkstatt schweifen. »Wenn ich wieder gesund bin,« das war sein drittes Wort in dieser ganzen Zeit so oft gewesen; ich konnte es nicht anhören ohne einen leisen Schmerz im Herzen zu fühlen.

Als ich wieder fortging, hatte mir sein alter Diener draussen aufgelauert und fragte, ob er mich eine Strecke begleiten dürfe, er habe mir etwas mitzutheilen. Dann drehte er verlegen die Hände um einander, kraute sich ein wenig in den grauen Haaren, welche verrätherisch unter seiner fuchsigen Perrücke hervorschauten und begann endlich: »Es ist nur wegen meines Herrn. Herr Böhlau haben etwas vor. Sie schliessen sich ein. Und ich will es nur sagen, Herr Doktor, weil Sie doch der Freund des Herrn Böhlau sind: In dem schwarzen Kasten da steckt es. Und wenn 60 ich dann endlich schon zehnmal an die Thürklinke gefasst habe und endlich an zu klopfen fange, dann schelten der Herr Böhlau und sagen, ich solle mich scheeren und ihn in Ruhe lassen. Ich bin doch immer sonst aus und eingegangen und der Herr Böhlau haben niemals Geheimnisse gehabt.«

»Nun, was meinen Sie denn, was Herr Böhlau vorhat?« fragte ich. Er zuckte die Achseln. »Ich glaube der Herr Böhlau malen,« sagte er. »Und der Herr Sanitätsrath haben es doch verboten. Manchmal dauert es an die zwei Stunden. Und wenn ich dann endlich die Thür wieder offen finde, dann liegen der Herr Böhlau auf dem Sopha und es ist nicht zu sagen wie dann die Brust geht und wie matt sie aussehen und wie sie husten. Ich habe schon oben durch das Fenster gesehen aber der grosse Teppich, für welchen sich Herr Böhlau das Gerüst haben machen lassen, hängt davor und es ist nichts von ihnen zu sehen. Und ich wollte nur fragen, Herr Doktor, ob ich dem Herrn Sanitätsrath das sagen muss?«

61 »Das können Sie thun,« sagte ich, »aber ich fürchte, es wird nicht viel nützen, Herr Böhlau hat seinen eigenen Kopf.«

»Haben sie, haben sie,« sagte der Alte wehmüthig und verabschiedete sich unter vielen Entschuldigungen.

Das Geheimniss des schwarzen Kastens wurde auch während der nächsten Wochen nicht aufgeklärt. Mein Freund schwieg darüber und ich fühlte mich nicht berechtigt darnach zu fragen. Als ich zum letzten Male da war, fand ich ihn zwar äusserst angegriffen und sein blasses Gesicht von einer zarten Wachsfarbe überhaucht, allein er schien mir von einer stillen inneren Befriedigung erfüllt zu sein und behauptete sich wohler zu fühlen wie seit lange. Es fiel mir auf, dass seine Blicke zeitweise, wenn er sich unbeobachtet glaubte, mit einer gewissen Wärme auf seiner Staffelei und dem verschlossenen Kasten ruhten. Am andern Vormittag kam der alte Diener eilig gelaufen und theilte mir mit, dass sein Herr soeben gestorben sei. Ich ging 62 sofort mit ihm und fand meinen Freund angekleidet auf dem Sopha, halbaufgerichtet, im Rücken von Kissen unterstützt, das Gesicht seinem Vogel zugewendet. In dieser Stellung war er sanft eingeschlafen. Der Diener liess mich eine Weile allein und als ich nun ganz still dasass und meinen Freund anschaute, dessen Antlitz die unwandelbare Ruhe des Todes zeigte, da begann der Neuntödter zu singen hold und lieblich wie eine Lerche aus der hohen blauen Luft. Es war das erste Mal, dass ich selbst diesen Vogel hörte.

Im Nachlasse meines Freundes fand sich ein verschlossener Brief, an mich gerichtet. Sein Inhalt war folgender:

Lieber Freund!

Diesen Brief werden Sie erhalten, wenn ich nicht mehr bin. Ich hinterlasse Ihnen zum Andenken den Inhalt des Kastens, der auf meiner Staffelei steht. Darin befindet sich mein letztes Bild, und zugleich das erste, welches ich nicht nach der Natur 63gemalt habe. Ein solches Verfahren hat, wie Ihnen wohl bekannt ist, meinem künstlerischen Gewissen von jeher widerstrebt und diesmal bin ich nur desshalb von meinen strengen Grundsätzen abgewichen, weil ich keinen bessern Weg wusste, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen für das Geschenk, welches mich in den schweren Stunden meiner Krankheit bis in die tiefste Seele erheitert und erfreut hat. In gewissem Sinne, denke ich, ist auch diese Landschaft nach der Natur, denn ich habe nur gemalt, was der Vogel mir gesungen hat. Nehmen Sie auch das Thierchen an sich und verfügen sie nach Gutdünken darüber. Und nun leben Sie wohl, guter Freund!

Ihr
Richard Böhlau.

 

 

64 Drei Tage später, an einem schönen Morgen am Ende des Juni ward mein Freund auf dem Mathäikirchhofe begraben. In einem kleinen verhüllten Bauer hatte ich den Neuntödter mit, und als die vielen schönen Kränze auf dem frischen Hügel geordnet waren und das Leichengefolge sich zerstreut hatte, stellte ich den Käfig auf das Grab und öffnete seine Thür. Wild und ungestüm schoss der überraschte Vogel in die Luft empor und setzte sich nach einer Weile auf den Wipfel einer Traueresche. Dort erst überkam ihn das ganze Wonnegefühl der wiedererlangten Freiheit. Er wippte und drehte, wie es die Art dieser Vögel ist, heftig mit dem Schwanze und stiess mehrfach seinen Lockruf aus. Dann stürzte er sich hinab und flog schnell in hüpfenden flachen Bögen auf eine entfernte Gebüschgruppe zu, wo ich ihn aus den Augen verlor. Ich denke, er wird seine grüne Heimath bald wieder gefunden haben.

Auf der nächsten Ausstellung hing das letzte Bild meines Freundes geziert von 65 einem Lorbeerkranz mit schwarzer Florschleife. Alle Verehrer seiner Kunst waren sich einig, dass ein Bild von tieferer Wahrheit und zugleich feiner poetischer Auffassung aus seiner Werkstatt noch niemals hervorgegangen sei.

 

 

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