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Ein Skizzenbuch

Heinrich Seidel: Ein Skizzenbuch - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Skizzenbuch (Gesammelte Schriften, VI. Band)
authorHeinrich Seidel
firstpub1878-1886
year1889
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleEin Skizzenbuch
created20070612
sendergerd.bouillon
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221 Die Kohlmeise.

223 In der mecklenburgischen Landstadt, woselbst ich mehrere Jahre meines Lebens zugebracht habe, stand in einer abgelegenen Strasse als das letzte ein winziges Häuschen in einem nicht sehr grossen Garten. Das Gebäude war schlecht erhalten und wohl seit dreissig Jahren nicht neu angestrichen, obwohl es vielleicht schon ebenso lange dessen bedurft hätte; die Fenster erschienen schmutzig und blind und theilweise waren zerbrochene Scheiben durch Stücke von alten Kistendeckeln ersetzt, so dass sie aussahen wie kranke Augen, die man mit Pflastern verklebt hat. Der Garten war besser gehalten, allein er zeichnete sich dadurch aus, dass nicht die kleinste Zierblume in ihm zu finden war, selbst vor dem Hause, wo doch sonst auch 224 bei den ärmsten ein paar freundliche Blumensterne zu leuchten pflegen, sah man nichts als Kartoffeln oder Kohl oder sonst ein breitspuriges Küchengewächs. Höchstens kam es einmal vor, dass in einem Jahre Zichorien dort angepflanzt waren, aus deren Wurzeln man den vortrefflichen Kaffee bereitet, und dann konnte es sich ereignen, dass einige zur Samenzucht stehen blieben und mit ihren blauen Blüthenzweigen einen unbeabsichtigten Schmuck darboten.

Hätte man nun aus diesen Erscheinungen auf die Armuth der Bewohner dieses Häuschens geschlossen, so wäre dies wohl berechtigt aber nicht richtig gewesen, denn seine Besitzer, die beiden alten Junggesellen Gebrüder Pieper, zum Unterschied von einander Angelpieper und Pilzpieper genannt, erfreuten sich als die letzten Ueberbleibsel einer wohlhabenden Familie eines nicht unbeträchtlichen Vermögens; da sie jedoch über alle Massen geizig waren, so lebten sie in ihrem Häuschen wie ein paar 225ascetische Zweisiedler, indem sie jede Ausgabe, welche über das Nothwendigste hinausging, hassten und verachteten. Weil sie beide sich keiner bestimmten Berufsthätigkeit gewidmet hatten, so war das einzige, mit welchem sie verschwenderisch umgingen, ihre Zeit, und sie verbrauchten, um nach ihrer Meinung kostenlos zu einer Sache zu kommen, viele Stunden, welche, irgend einer nützlichen Arbeit gewidmet, leicht das Zehnfache hätten einbringen können. Angelpieper, der durch einen Schaden am Fuss verhindert war, weite Ausflüge zu unternehmen, hatte das Häusliche übernommen, er bereitete die Mahlzeiten, besorgte den Garten, fütterte das Vieh, welches aus einer Anzahl von Kaninchen, zwei Schweinen und einigen Hühnern bestand, und in der Zwischenzeit sass er unausgesetzt an dem träge strömenden Fluss, der die Hinterseite des Gartens begrenzte, und angelte, wobei er auch den kleinsten Weissfisch oder Gründling nicht verschmähte. Pilzpieper war für das Auswärtige 226 eingerichtet, denn auf seinen kurzen, krummen und stämmigen Beinen stapfte er gar wacker und ausdauernd durch die Welt. An den Markttagen lauerte er stundenlang auf dem Platze umher, beschnüffelte, befingerte und bemäkelte Alles, kaufte aber nur, wenn er durch einen besonderen Zufall eine Waare zu einem Schleuderpreise erhalten konnte, wenn, wie Reuter sagt, die Marktweiber sich mürbe gesessen hatten und zum Schluss mit ihren Vorräthen räumen wollten. Seinen Beinamen aber trug er davon, weil er die ganze Herbstzeit hindurch ein eifriger und fanatischer Pilzsucher war. Auf der städtischen Kuhweide kamen viele Champignons vor und es fanden sich in der Stadt auch manche Liebhaber dieses wohlschmeckenden Pilzes, welche eifrig danach suchten. Allein allen zuvor that es Pilzpieper, der einmal alle Stellen ganz genau kannte und zweitens schon vor Morgengrauen aufbrach, um der erste bei der Ernte zu sein.

Als ich, der ich ein grosser Liebhaber 227 des Champignonsportes bin, einmal des Morgens sehr früh ausgegangen war, da begegnete mir Pilzpieper schon auf der Chaussee mit einem mächtigen Leinenbeutel, der strotzend mit Champignons gefüllt war. Er kannte ganz genau meine Absicht, allein er verzog keine Miene, als er an mir vorüberwurzelte, während ich wusste, er grinste inwendig. Nachher sah er sich alle fünfzig Schritte nach mir um und zwar auf eine höchst sonderbare Art. Er war so steif und knorpelig gebaut, dass weder seine Hüftgegend, noch sein Genick einer wesentlichen Drehung fähig waren, und deshalb musste er, wenn er mich sehen wollte, immer eine Dreiviertelwendung mit dem ganzen Leibe machen, was in seiner taktmässigen Wiederholung einen höchst komischen Eindruck machte. Er brannte nämlich jedenfalls darauf, sich zu überzeugen, ob ich wirklich auf die Kuhweide ginge. Da ich unter diesen Umständen auf dem abgegrasten Felde keine Erfolge mehr erzielen konnte, so gönnte ich seiner 228 Schadenfreude diese Befriedigung nicht, sondern schwenkte heuchlerisch-harmlos auf einen Seitenweg ein, der zum Walde führte, gleich als beabsichtige ich nur einen zwecklosen Morgenspaziergang.

Aber nicht allein Champignons, sondern auch alle andern essbaren Pilze waren ihm bekannt und wurden eifrig gesammelt. Die beiden Pieper ernährten sich zur Herbstzeit fast ausschliesslich von diesem kostenlosen und stickstoffhaltigen Gemüse und priesen die Beschränktheit ihrer Landsleute, welche eine solche Nahrung, die in den umliegenden Wäldern so reichhaltig umsonst emporschoss, verachteten. Pilzpieper hatte sich diese Kenntnisse von einem eingewanderten sächsischen Schneider erworben und achtete sie als ein Kapital, das angenehme Zinsen trug. Die krause Morchel, den goldgelben Pfefferling, den kaffeebraunen Steinpilz, den geringelten Reizker und noch manche andere Art kannte und schätzte er. Auch Dinge, vor welchen man im Lande geradezu einen Ekel und 229 Abscheu hatte, waren ihm nicht zu gering. Als er in Erfahrung gebracht hatte, dass die in der Gegend sehr häufige grosse Weinbergsschnecke in Süddeutschland und Frankreich für eine Delikatesse galt, schmunzelte seine Seele; er begann auch dies neue unerwartete Geschenk der Natur kräftig auszubeuten und die beiden Brüder wurden bald das Haupthinderniss der allzugrossen Vermehrung dieser wohlschmeckenden Hausbesitzer. In der Stadt hatte Sage und Uebertreibung, wie das zu gehen pflegt, noch vieles hinzugefügt und die Gebrüder Pieper galten ganz allgemein für Omnivoren, allein ob die Behauptung Glauben verdient, dass ihr grösstes Festgericht aus in Sauer gekochten Ringelnattern und gerösteten Heuschrecken bestände, will ich dahingestellt sein lassen. Auch weiss ich nicht, ob es auf Wahrheit beruhte, was man sonst noch von Pilzpieper erzählte, dass er nämlich im Frühling aus allen Singvogelnestern, welche er fand, die Eier ausnahm, nicht um damit einer 230unverständigen Sammelwuth zu fröhnen, sondern um ihren Inhalt in der Wirthschaft zu verbrauchen, so dass um diese Zeit in Gestalt von Rührei eine Unsumme von zukünftigem Frühlingsjubel in den unersättlichen Bäuchen der beiden Brüder sein düsteres Grab fand.

Pilzpieper ward mir zuerst bekannt. Er hatte eine kleine Schwäche, die man bei seinem sparsamen Gemüth garnicht in ihm gesucht hätte. Er kehrte nämlich bei seinen Ausflügen gern in einem einsamen Landkruge ein, der von seinen Besitzern, einem alten Ehepaar, noch in der Weise der Väter verwaltet wurde und sich durch unglaublich billige Preise auszeichnete. Auch ich sprach gern dort vor, um mit den alten verständigen Wirthsleuten zu plaudern. Dort sass Pilzpieper oft stundenlang bei seinem Glase Bier und Schnaps und liebte es, mit den einkehrenden Gästen Gespräche anzuknüpfen und alle Dinge dieser und jener Welt, welche ihm zugänglich waren, mit dem Schneckenschleim 231 seiner ordinären Anschauungen zu überziehen. Jedoch gelang es mir nicht, sein Vertrauen zu erringen, indem er bald entdeckte, dass ich etwas von Pilzen verstand, und nun sofort einen heimlichen Konkurrenten in mir witterte, der ihn über die besten Standplätze aushorchen wollte.

Später kam ich öfter bei meinen Abendspaziergängen an dem Hause der Brüder vorbei und erfreute mich an ihrem Anblick. Sie pflegten dann in etwas schmierige Schlafröcke von blauem Flanell gehüllt, auf einer erhöhten Gartenbank zu sitzen, welche eine Aussicht auf die städtische Kuhweide und den fernen Wald gewährte, und rauchten dazu selbstgezogenen Tabak, welchen sie durch den Zusatz von allerlei nur ihnen bekannten Kräutern verlängert und nach ihrer Meinung auch verbessert hatten. Ich will meine Ansicht über dieses Kunstprodukt für mich behalten, kann aber die Bemerkung nicht unterdrücken, dass es in solchen Augenblicken angenehm war, sich ausserhalb der herrschenden 232 Windrichtung zu befinden. Eines Abends, als gerade Angelpieper allein dort sass, ging ein Trupp von Strassenjungen vor mir her. Kaum hatten diese den Würdigen erblickt, als sie, von einem gemeinsamen Antriebe ergriffen, ihn auf eine mir unverständliche Weise zu verhöhnen begannen, indem sie alle gleichzeitig in den oft wiederholten Ruf: »Piep! piep!« ausbrachen. Auf den Namen allein konnte dies nicht gehen, denn das hätte die grosse Wuth nicht erklärt, welche sich bei Angelpieper plötzlich zeigte. Er ward dunkelroth, drohte mit seiner Pfeife und brach in einen Strom von Schimpfworten aus. Dieses Resultat und der ohnmächtige Zorn des Verhöhnten bereitete den Knaben natürlich ein unermessliches Vergnügen, dessen Verlängerung anzustreben ihnen als eine heilige Pflicht erschien. Sie stellten sich deshalb in einem Halbkreise auf und piepten weiter, so gut sie es vermochten. Aber plötzlich brach Pilzpieper, mit einem spanischen Rohr bewaffnet, aus dem Hinterhalt hervor, stürzte 233 sich zornschnaubend auf die Gesellschaft und trieb sie in die Flucht. Er stand dann noch lange zeternd und schimpfend im Wege und schalt hinter den höhnenden Gassenjungen her, bei welcher Gelegenheit er allen als die einzig mögliche Perspective für die Zukunft das Zuchthaus und den Galgen in Aussicht stellte.

Als ich am Abend in den gewölbten Räumen eines ehemaligen Klosters beim kühlen Bier sass, verfehlte ich nicht, mich nach den Gründen dieses Ereignisses zu erkundigen und erfuhr folgende Geschichte:

Vor Jahren hatte einmal Angelpieper eine Kohlmeise gegriffen in einem Astloch, woselbst sie zu übernachten gedachte. Er hatte den Vogel in ein altes vorhandenes Bauer gesperrt, und so waren die Gebrüder zu einem Luxusthier gekommen, das sie mehrere Jahre pflegten und an dessen munterem Wesen sie ihren Spass hatten. Tag für Tag erhielt es eine der Wallnüsse, welche sie von den Bäumen ihres Gartens ernteten; diese wurde ausgemacht und an 234einem Faden aufgehängt. Es war dann lustig zu sehen, wie das Thierchen mit den feinen spitzen Krallen sich an die Nuss anhäkelte und daran pickte. Beide Piepers hatten, so weit sie dies vermochten, ihr Herz an diesen kleinen Vogel gehängt. Die Kaninchen, welche sie ebenfalls eifrig pflegten, liebten sie zwar auch, jedoch mehr mit dem Magen, indem sie solche aufassen, wenn sie gross und fett genug waren. Wenn eines dieser Thiere so weit gediehen war, pflegte der eine Bruder es an den Ohren aufzuheben, während der andere mit gastronomischem Schmunzeln es sachgemäss befühlte und es mit befriedigtem Kopfnicken für reif erklärte. Dann war sein Schicksal besiegelt, es kam in den Kochtopf und mit den Pelzen wurden die Winterjacken ausgefüttert. Diese kleine Kohlmeise aber war vielleicht das einzige in der Welt, an welchem die Brüder ein ideales Interesse nahmen, jedoch auch dieses sollte schmerzlich getrübt werden, als Pilzpieper eines Tages zufällig erfuhr, 235 dass man in Berlin und anderen grossen Städten frische Wallnüsse um die Herbstzeit gern mit fünfzig Pfennigen und mehr für das Schock bezahle. Er theilte dies sofort seinem Bruder mit, und nun rechneten beide. Sechs Schock Wallnüsse verzehrte dies Thierchen jährlich mindestens, das machte zu fünfzig Pfennigen drei Mark, und da sie diesen kleinen Fresser bereits fünf Jahre ernährten, im ganzen fünfzehn Mark. Sie fühlten beide eine Art von körperlichem Schmerz, als sie sich dies vorstellten und wenn das ahnungslose Vögelchen jetzt an seiner Wallnuss herumhackte, so war es, als pickte Jemand an ihren Herzen. Es war ihnen jetzt peinlich, das Thierchen nur anzusehen, dessen winziger Magen das Grab eines kleinen Vermögens darstellte.

»Ich glaube«, sagte Pilzpieper, »dass so ein Thier noch nicht so viel wiegt, als ein Thaler. Denke nur, wir haben es dann schon mindestens fünfmal mit Silber aufgewogen!«

236 Angelpieper betrachtete den Vogel eine Weile mit düsterer Feindseligkeit, dann sagte er: »Wollen wir ihn fliegen lassen?«

Der andere sprach eine Weile nichts, sondern sah auf die Kohlmeise. Es widerstand ihm sichtlich, dass man von einer so grossen Kapitalsanlage nunmehr nicht das Geringste haben sollte. Endlich sagte er: »Alle solche kleinen Vögel sollen ganz famos schmecken. Der Vater von Förster Driese hat sie früher immer auf dem Meisenherd gefangen und hat oft gesagt, man müsse sich die Finger danach lecken. Und fett muss das Thier sein. Denk mal, wie wir es gemästet haben. Dreissig Schock Wallnüsse hat es schon verputzt.« Dabei tastete er mit Daumen und Zeigefinger in der Luft, als befühle er einen eingebildeten Vogel auf seine Körperverhältnisse.

Dies leuchtete dem Bruder sehr ein und das Unerhörte geschah; sie schlachteten kalten Muthes das armselige Thier, rupften und brieten es und verzehrten es gemeinschaftlich mit dem erhabenen Gefühl, dass 237 selbst der Kaiser wohl so einen theuren Braten noch nicht auf seinem Tische gehabt hatte. Der Kopf, als das Feinste und nur einmal Vorhandene, ward ausgelost und fiel dem schmunzelnden Angelpieper zu.

Von dieser Geschichte hätte wohl Niemand etwas erfahren, wenn nicht Pilzpieper in einer schwachen Stunde die ganze Sache einmal, als in dem Landkruge ein lehrreiches Gespräch über kostspielige Gerichte geführt wurde, sie zum besten gegeben hätte. Mit Windeseile verbreitete sich diese Geschichte in der Stadt, und in der nächsten Zeit erlitten die Gebrüder Pieper Märtyrerqualen durch die vielen freundschaftlichen Erkundigungen nach ihrem Befinden in Folge des schwelgerischen Mahles, so dass sie schliesslich solches als eine tödtliche Beleidigung auffassten. Natürlich hatte sofort die Schuljugend sich der Sache bemächtigt und im Laufe der Zeit nach ihrer Art die ganze Geschichte in das eine Schlagwort »Piep!« conzentrirt. Den nachfolgenden Generationen der 238 hoffnungsvollen Jugend war zwar die ursprüngliche Bedeutung dieses Schlachtrufes längst verloren gegangen, jedoch genügte ihnen vollständig das schöne und sichere Resultat, die beiden alten Herren dadurch, so oft sie wollten, in eine grenzenlose Wuth zu versetzen. So wurde der kleine, grausam geschlachtete Vogel an seinen gewissenlosen Mördern glänzend und dauernd gerächt!

 

 

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