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Ein skandalöser Fall

Oskar Panizza: Ein skandalöser Fall - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin skandalöser Fall
authorOskar Panizza
year1997
publisherMartus Verlag
addressMünchen
isbn3-928606-21-2
titleEin skandalöser Fall
pages19-74
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es bestand eine Klosterverordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der zugunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewaltanwendung bei ihren Kindern von seiten der subalternen Organe zu geben, der aber bei der humanen und fast patriarchalischen Klosterzucht fast niemals in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint nun durch la Soeur Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um zehn Uhr die Mädchen aus ihren Klassen entlassen wurden, um während der nächsten Viertelstunde ein Stück kräftigen Schwarzbrots zu verspeisen, versammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbés Tür, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen, Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem Zimmer auf und ab gehenden, Sapphos Liederbuch in der Hand tragenden Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur. Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen Exerzitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moraltheoretische und disziplinärpraktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften. Von hier dann mit einem kühnen Sprung hinüber zur Antike, zu einer Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein sündhaftes Spiel treiben konnte und in der Form des »Tribadismus« die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte! Bande, von welchen jetzt noch, im neunzehnten Jahrhundert, ein kleiner Rest, eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme und von der noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugnis ablege! Et cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieurs, der ihn ganz beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längst untergegangen waren. – Und somit öffnete der Abbé schnell die Tür, die auf den Korridor führte, und ließ die sämtlichen Mädchen, die mit heißen Lippen und ungegessenem Brot dortstanden, herein, die Tür dann schließend. – »Kinder,« sagte er, »nur um das eine muß ich bitten: eine nach der anderen, und: nicht zwei dasselbe erzählen!« Und nun kam ein ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen in der letzten Stunde statt Schönschreiben, Geschichte, Memorieren, Rechnen aus ihrem Gedächtnis mit Hilfe der aufsichtführenden Schwester geboren hatten. Schon lange habe man eigentümliche Dinge zwischen la Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel und zischelten und flüsterten! Des gegenseitigem Küssens sei kein Ende gewesen; wenn sie in einer Klasse voneinander entfernt gesessen, hätten sie »Augenschmeißen« und Handzeichen gewechselt! Es sei unerhört, wie die zwei einander nachliefen und ineinander »verbacken« seien wie zwei Kletten, nicht mehr zum Losreißen. – Eine andere Gruppe: La Maitresse sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den anderen zum Baden gegangen, sondern unter irgendeinem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfnis zu verrichten. Dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem Lieu d'aisance kichern hören; Henriette habe überhaupt im letzten halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern sei stets hinüber zu Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden. Alexina, das ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten. Ihr Korsett sitze nicht, sie sei auch so knochig! Und gehen tue sie wie gar kein Mädchen! Kurz, la Maitresse sei eine merkwürdige Person; und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei gescheiter als alle miteinander. – Wieder eine andere Gruppe, darunter eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft leidenschaftlich geküßt, umschlungen und sich ma bien aimée genannt. Als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den beiden die Decke weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen und mit einem großen Teil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe Alexina grobe Glieder und Haare an den Beinen wie der Teufel. Diese letzte Wendung, die mit einem ekelnden »Ah!« von dem ganzen Chorus der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei. Dies könne auch keinen Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben! – Ein einzelnes, schon zu den Älteren gehöriges Mädchen sagte: sie habe Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt habe, welches diese, obwohl sie heftig errötet sei, habe geschehen lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen hinweggesprungen. – »Ah, c'est dégoûtant!« riefen alle Mädchen, »c'est dégoûtant!« – Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu gescheit und wisse fast alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube, Alexina sei ein böser Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter plötzlich verschwinden werde. – Dies alles und noch viel mehr hörte Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre Stunde gehen, alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten sie la Première suchen und ihr auftragen, zu ihm zu kommen. – »La Première! La Première!« riefen die Mädchen freudig durcheinander und stürmten dann wild hinaus.

Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieurs Arbeitszimmer statthaften, schien Madame in ihrem zweiten Stock schon wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie nicht herunter, um über die fernere Klosterordnung sich zu informieren. Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit mit einem zischelnden Triumphieren ins Zimmer zu rufen, schienen plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinkt zur Partei der Soeur Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt allmächtige soi-disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Zigaretten und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging. – Im Nebenzimmer saßen, wohl etwas stumm und in sich gekehrt infolge der zweifellos erhaltenen Vermahnungen und Androhungen, aber im übrigen auffallend frisch und erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalance, die eine so siegreich strahlende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein ihrer Unangriffsfähigkeit als Nichte von Madame, hatte sich ihre schönste Cremetoilette holen lassen und war immer heiter und zu allem aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer im Falle eines Fehltrittes; sondern sie hatte auch ein gewisses Bewußtsein der Sachlage. Wenn sie auch ihr Verhältnis zu Henriette als ein harmloses, unschuldiges und berechtigtes auffaßte, so hatte sie doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urteil für das, was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte, und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses triumphierendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden hatte, und daß die Freundin mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war.

So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei der alle Klosterinsassen, mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schar der aufs höchste erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen des alten Klosterrefektoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten, fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, vierzehn- und fünfzehnjährigen, wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina, zurück, welch letztere als »la Maitresse« gleichzeitig die Aufsicht an einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Schwestern im Habit machten nicht die geringste Miene, die Szene zu ändern; und als Madame mit einer drohenden Miene, um die Mädchen zur Ordnung zurückzuführen, hinüberrief. »Qu'est-ce que ça veut dire!« entstand eine solche Aufregung, ein solches Zusammenrotten, daß schließlich auch die älteren Zöglinge davon ergriffen wurden; so gab sie jeden weiteren Widerstand auf und überließ die beiden Mädchen ihrem Schicksal. Diese ganze Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick aus Madames Gesicht abgelesen. Im nächsten Moment eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor der Pest vor ihr zurück und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte man unter verschiedentlichen Stoßseufzern und staunenden Interjektionen den präzisen Ausruf: »Ah, tenez: le diable!« – »Le diable! Le diable!« klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in der Tat, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute Gesicht Alexinas mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend zusammengewachsenen Augenbrauen in Betracht zog, dann hatte dieser Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten Moment der Überraschung zu Madame geflüchtet hatte, eine Zeitlang wirr umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt, sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen. – »Voilà sa fiancée!« rief wieder eine einzelne Stimme. Und »le diable et sa fiancée!« ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich jetzt alles zu Tische, die Mägde begannen aufzutragen. – Die Masse hatte gesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafszene im Saal der älteren Zöglinge heute morgen innerhalb weniger Stunden in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet hatte. Und die scharfen, von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von »La Mäträsse!« und »la Prämiäre!« und »Aläxina!« und »la Fianßä!«, welche die jungen Zähnchen zerknitterten und zerrissen, und die wie Schmeißmücken während des Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine Würde nur noch durch offene, strenge, disziplinäre Behandlung des Falles gerettet werden.

Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander gegangen. Monsieur und Madame blieben zurück und wechselten einige Worte miteinander. Eine Magd, die oben im zweiten Stock bediente, kam und brachte la Superieure eine leise vorgebrachte Meldung. Inzwischen wartete la Première an der Tür des Abbé. Er hatte sie schon vor dem Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht, meinte er, er müsse mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete, sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn Sanchez den Fall gekannt hätte! Was hätte der daraus gemacht! In seinem Sensorium repertierten immer noch die Laute: »Le diable et sa fianßä! – Le diable et sa fianßä!« Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung. – Die Korrektion der Angelegenheit, begann er dann zu la Première und blieb vor ihr stehen, scheide sich in zwei Teile: einmal die Beruhigung und moralische Festigung der Klosterinsassen, und zweitens die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Malefikanten ohne Rücksicht auf die Stellung, die sie einnähmen, und auf Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé und machte damit la Première, der er sowieso sehr wohlwollte, zu seinem festen Bundesgenossen. Was den ersten Teil der Aufgabe angehe, so hätten die Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Klassen zu bleiben und sich nur den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den zweiten Teil, die Aufklärung des rätselhaften Falles selbst anlange, so wünsche er von la Première die Grenzen des Schmeichelverkehrs und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen vorkämen, kennen zu lernen. Ob selbe, z. B. die Betastungen, in der Beichte gemeldet würden? Ob solche im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie dem Alexinas, vorkämen? Was sich die Mädchen dabei dächten? Ob es eine innere Stimme oder eine Versuchung von außen sei? Et cetera, et cetera. – Die Sache, fügte Monsieur voll Eifer hinzu, habe auch wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung. Aber la Première, die erst kurz über die Dreißig war, senkte ihr bleiches Gesicht auf das Skapulier, kreuzte die Hände über die Brust und schwieg. – »Mon Dieu!« sagte der Abbé und wurde etwas unwillig, wenn sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte. Monsieur möge fragen, meinte sie, sie werde dann antworten, so gut sie's vermöchte. – »Ob junge Mädchen gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?« – »Nicht gewohnheitsgemäß, aber häufig.« – »Zu welchem Zweck?« – »Viele der Kleinen fürchten sich allein zu schlafen.« – »Ob es hier zu Berührungen käme?« – »Zu den unvermeidlichen!« – »Ob selbe sinnlicher Natur seien?« – »Bei den Größeren sei dies nicht ausgeschlossen, diese schliefen aber seltener zusammen.« – »Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchem Zusammenschlafen vor?« – »Das habe sie nie beobachtet; doch gäbe es kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch tagsüber und in den Kleidern ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten.« – »Ob sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen halte?« – »Unter keinen Umständen!« – »Wem sie es zuschreibe?« – »Der Gemütsanlage; dem Temperament!« – »Ob diese nicht durch die Erbsünde befleckt sein können?« – »Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem, was menschlich und was teuflisch in unserer Natur sei, müsse der Weisheit von Monsieur leichter fallen als ihr!« – »Ob es gewöhnlich sei, daß Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?« – »Langen, gewiß nicht, aber schauen!« – »Das gehe doch nicht!« – »Bei den Kleinen wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z. B. die Stiege hinaufgingen!« – »Was damit bezweckt werde?« – »Die Mädchen seien neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig etwas anzuhängen; entdecke die Cecile z. B. bei der Claire ein defektes Unterkleid, einen nicht gestopften Strumpf, so erzählt sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder Claire, so erzähle sie ihrerseits herum, Cecile schaue allen unter die Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!« – »Ob dies bei älteren Mädchen, wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?« – »In anderer Form und dann aus Interesse für die Toilette!« – »Ob es hier zu Berührungen käme?« – »Zu den unvermeidlichen!« – »Ob ein direktes Berühren der Körperteile der anderen dabei beabsichtigt sei?« – »Viele Mädchen brüsten sich mit der Schönheit und Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich hiervon überzeugen, und so käme es zu gegenseitigem Untersuchungen!« – »Ob sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?« – »Sie könne dies nicht entscheiden! Übrigens trügen ja die Mädchen bei solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Barchent, Schirting, Musselin um sich!« – »Musselin-, Tüll-, Mullstoffe, das sei gerade das, was der Teufel besonders liebe!« – »Dann sei allerdings die Gefahr sehr groß«, meinte la Première. »Und Henriette habe einen solchen Überfluß von kostbaren und feinen Toiletten!« – Damit war die Unterredung zu Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte, ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche Anreizung, die mehr oder minder in den Bereich des Tribadismus falle, oder ob es nur der exzessive Ausdruck einer leidenschaftlich freundschaftlichen Seelenübereinstimmung der beiden Mädchen sei, das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte, und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß la Maitresse trotz ihrer sonstigen guten Qualitäten gefaßt und Henriette entfernt werden müsse, im anderen Fall war nur eine kleine Strafe notwendig.

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