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Ein Präludium Chopins

Leo Lvovich Tolstoi: Ein Präludium Chopins - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorLeo Tolstoi Sohn
titleEin Präludium Chopins
publisherHugo Steinitz Verlag
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid9953652b
created20070410
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VIII.

Ein tiefes Schweigen herrschte in der Wohnung; man hörte nur das regelmäßige Tik-tak der Uhr im Korridor.

Das Geräusch eines Fiakers, der im Schritt näher kam, drang in Kriukoffs Zimmer hinauf. Ein Zug ließ in der Ferne sein dumpfes Grollen hören, und Kriukoff überkam ein bitteres Gefühl der Einsamkeit und Langeweile. Das Rütteln der Räder, das immer näher und näher kam, diese Lust, das ferne Zischen der Lokomotive, dieses Schweigen, das ihn umgab, alles verursachte ihm eine unbegreifliche Verwirrung.

Was war ihm nur passiert? Warum fühlte er sich so traurig, so elend?

Plötzlich ließen sich die schleppenden Schritte Matruschas in dem Korridor hinter der Thür hören, und sie trat ungeniert in das Zimmer, indem sie die Thür hinter sich schloß.

»Ich habe vergessen, Ihnen Wasser zu bringen,« sagte sie einfach. Damit ging sie ganz nahe an Kriukoffs Stuhl heran, so daß, sie ihm mit ihrer Nachtjacke die Schulter streifte und er eine Sekunde lang die Wärme ihres Körpers fühlen konnte. Sie stellte die Wasserkaraffe auf den Nachttisch und sagte:

»Sie frieren! Haben sie das Fenster geöffnet?«

»Ja, man erstickte hier.«

Matruscha fing an, das Bett zu machen und die Decke aufzulegen, obwohl das gar nicht nötig war. Dann drückte sie und schlug auf das Kopfkissen.

»Ich habe Ihnen reine Wäsche hingelegt.«

»Es ist gut, danke!«

Kriukoff saß, ohne sich zu rühren, und betrachtete die düstere Scheibe des Fensters, auf welche die Lampenflamme, die auf dem Tische brannte, ihre Strahlen warf.

Und plötzlich fühlte er, daß seit dem Augenblick, da Matruscha eingetreten war, indem sie die Thür hinter sich schloß, seit der Minute, da er ihr heftig in die Augen gesehen und darin gelesen hatte, was sie leidenschaftlich mit ihrem ganzen Wesen wünschte, eine unbegreifliche Verwirrung sich seiner bemächtigt hatte, die alle seine Wünsche, Träume und Gedanken umwälzten, die bis dahin seine Seele erfüllt hatten.

Warum war sie zu ihm gekommen? Wie konnte er denn gestatten, daß dieses schreckliche, verbotene Gefühl in ihm aufgestiegen war? Was vollzog sich denn in ihm? War er so tief gesunken, war er wirklich an dem Moment angelangt, von dem Komkoff ihm erzählte, daß man nicht mehr gegen seine fleischlichen Instinkte ankämpfen, die sexuellen Forderungen nicht mehr zum Schweigen bringen konnte?

Und Sonitschka? und seine Liebe zu ihr? Bei diesen innerlich gesprochenen Worten fühlte Kriukoff, wie das Entsetzen sein Herz beschlich. Die Fläche seiner Hände bedeckte sich mit einem kalten Schweiß und seine Kniee fingen an zu zittern, als wenn man auf sie schlug. Er war wirklich erschrocken. Wie konnte er nur feig genug, gemein genug sein, um zu gestatten, daß auch nur der Schatten eines so verbrecherischen Wunsches sich in ihm erheben konnte? Wie konnte es diese diabolische Versuchung nur wagen, ihn zu stören?

Durch das Fenster drang noch immer ein Frühlingswind untermischt von einem starken Ölfarbengeruch herein, der Kriukoff ganz eigentümlich aufregte.

Matruschka hörte nicht auf, die Kissen hin- und herzurücken und von rechts nach links zu wenden, während sie ihm den Rücken drehte.

Sie war verheiratet. Doch ihr Mann, der trunksüchtig und plump war, hatte sie seit drei Jahren verlassen, indem er ihr ein kleines Mädchen von einem Jahre auf dem Halse ließ. Die Kriukoffs, die den letzten Herbst auf dem Lande in der Umgegend von Moskau verbracht hatten, hatten Matruscha zu sich genommen und sie gut behandelt. Sie hatte sich sichtlich in ihrem Hause erholt und war schöner geworden. Schon seit langer Zeit, schon am ersten Tage, da sie in ihren Dienst getreten war, hatte Kriukoff, wenn sie ohne Schuhe den Fußboden wusch, bemerkt, daß sie einen rosigen und wohlgebauten Fuß hatte. Doch er hatte sich nicht gestattet, sie darauf aufmerksam zu machen.

»Ich habe Ihnen überall reine Wäsche hingelegt,« wiederholte sie noch einmal mit seltsamer, keuchender Stimme, »es war zum Fest nichts da!«

Kriukoff wandte die Augen nach ihr um und traf wieder einmal auf ihren feuchten, unreinen, keck-herausfordernden Blick. Nun fühlte er, wie ihm das Herz in unwiderstehlicher Erregung schlug. Er fing an, seine Ruhe und Kaltblütigkeit zu verlieren und erhob sich plötzlich. Ohne sich über das, was er that, klar zu werden, verließ er hastig das Zimmer, ohne sich umzudrehen. Seine Seele fühlte sich unter dem Blutandrang beklommen. Er lief eiligst den Korridor entlang, wandte sich nach rechts, um in das Eßzimmer zu treten und schloß hermetisch die beiden Flügel der Thür hinter sich.

Es war fast dunkel in dem Eßzimmer; nur eine Gasflamme, deren Schatten auf der benachbarten Wand des Fensters und auf dem schwarzen Holz des Pianos hin- und herhuschte, spendete schwaches Licht.

Kriukoff stürzte auf das Piano zu und setzte sich auf den davorstehenden Schemel. Er atmete schwer und seine Augen sprühten düstere Flammen.

»Welche Schmach und welche Schande!« rief er verzweifelt. »Aber was thun? – Es kann ein Augenblick der Schwäche kommen, und es ist aus, alles wird aus sein, ich werde ebenso werden wie Buchanoff! Habe ich sie gerufen? Habe ich den geringsten Schritt gethan, um mich ihr zu nähern? Habe ich sie auch nur ein einziges Mal angesehen? Nein; und sie kommt selbst, und es fehlte wenig, so hätte sie sich mir selber angeboten. Mein Gott, wenn Sonitschka das alles wüßte? Die reine und reizende Sonitschka! Doch ich werde es ihr sicher erzählen; sie soll wenigstens erfahren, welchen Gefahren, welchen Verfolgungen wir beständig unterworfen sind.«

Ein Schwarm von Gefühlen und Gedanken, die plötzlich einen ungewöhnlichen Charakter von Kraft und Bedeutung angenommen hatten, wirbelte in Kriukoffs Seele. Niemals hatte er in seinem Leben so klar, so entschieden gedacht und gefühlt.

Die ganze Unterhaltung mit Komkoff kam ihm bis in die geringsten Einzelheiten wieder in den Sinn. Und erst jetzt erkannte er die wahre Bedeutung dessen, was sein Kamerad ihm gesagt hatte.

»Ja, ja,« sagte sich Kriukoff mit tiefer Überzeugung, während er, ohne sich zu rühren, die weitaufgerissenen Augen starr auf das Fenster, von dem das Licht kam, richtete, – »wenn die Zeit der fleischlichen Reife kommt, muß man die sexuelle Frage in der einen oder andern Weise lösen. Ich will mich nicht der Qual oder der Langeweile überlassen, ich will nicht der Ausschweifung oder den geistigen Erregungen anheimfallen, ich will nicht den Spleen bekommen oder krank werden; infolgedessen muß ich mich verheiraten. Das ist das einzige rationelle Mittel, die geschlechtliche Frage zu lösen: ›die aufrichtige, gewissenhafte Ehe zu zweien‹!«

»Besser wäre es, die Universität zu verlassen, Sekretär, Beamter zu werden,« fuhr er mit Wärme und Entschlossenheit fort, »besser ist es, Hunger zu haben, aus dem Hause gejagt zu werden, ohne einen Pfennig auf der Straße zu bleiben, als in so schmerzlicher Ungewißheit, in beständiger Einsamkeit, in Verwirrung und Kummer zu leben und schließlich in den Schmutz zu versinken!

Und wenn sie arm sein sollte? was dann?« fuhr Kriukoff mit größerer Kraft fort, von dem Strom seiner Gedanken fortgerissen. – »Was ist denn so schlimmes dabei, diese langweilige Universität, diesen verfluchten Tacitus, diese Linguistik und diese ganze, so durchaus unnütze Wissenschaft zu verlassen? Er wird dadurch nur freier, seine Seele nur leichter werden. Wozu braucht er ein Diplom, wenn er das höchste Glück, das erhabenste Diplom erlangen wird, an das er kaum zu denken wagt – Sonitschka?«

»Ja, es bleibt ihm nur eins zu thun übrig, wie Komkoff sagte; nämlich mit allen und allem zu brechen, gegen die Gebräuche anzukämpfen und zunächst das für ihn wichtigste, die Ehe, zu erreichen. Um das durchzusetzen, muß er alles übrige opfern. Aber wird Sonitschka ihn heiraten? Wie soll er seine Mutter, seine Familie überzeugen, wie soll er alle Hindernisse überwinden?«

Doch Kriukoff fühlte jetzt so viel Kraft und Energie in sich, daß ihm nichts erschrecklich oder unmöglich erschien.

Er war sich klar darüber, daß er, was auch kommen mochte, seine Pläne zur Ausführung bringen mußte, und für die Furcht und den Zweifel war kein Raum mehr in seiner Seele. Er war des Erfolges sicher, ohne zu wissen, warum.

Sonitschka liebt ihn, er weiß es, und sie wird alles thun, was er will. Die Sache hängt, also nur von ihm selbst ab. Man wird im Notfalle ein Jahr, zwei Jahr und sogar noch länger warten können, vorausgesetzt, daß alles aufgeklärt und entschieden ist. Dann wird ihn nichts mehr erschrecken können.

Und diese letzten Gedanken erweckten plötzlich in Kriukoffs Seele eine milde, heftige Freude.

»Ja, das mußte er thun; darüber mußte er sich entscheiden! Wie hatte er denn das nicht früher begriffen? Was fürchtete er denn? Worauf wartete er denn? Nicht umsonst war Komkoff so aufgeregt, als er über diese Frage sprach. Wie konnte man aber auch nicht erregt werden, wo es sich doch um eine Frage handelte, von der die ganze Existenz abhängt? Aber jetzt wird auch er ruhig sein, da er zu dem, was er thun muß, fest entschlossen ist.

Und wie gut wird er mit Sonitschka leben! Wie werden sie arbeiten, wie werden sie sich lieben, wie glücklich werden sie sein!«

Kriukoff warf einen Blick auf das Chopinsche Notenheft, das noch vor ihm auf dem Klavier stand und auf der Seite aufgeschlagen war, wo er es zuletzt gespielt; er empfand plötzlich einen lebhaften Wunsch, noch einmal das Präludium zu spielen, sein leidenschaftlich wildes Präludium, presto con fuoco, das er am Abende nach dem kurzen Dialog mit seinem Vater gespielt hatte.

Er glaubte die ersten, mächtigen, nervösen und energischen Akkorde zu hören, die noch jetzt mit Kraft und Entschlossenheit in seinen Ohren wiederhallten.

»Doch wenn meine Eltern mich in ihrem Schlafzimmer hörten – wenn ich sie aufweckte?« dachte Kriukoff plötzlich.

»Und was ist denn dabei so schlimm,« antwortete er sich selbst mit der stolzen Stimme, die er an sich kannte, »was ist dabei so schlimm, wenn du diese Egoisten aufweckst! Haben sie dich nicht auch gequält, dich am Schlafen, am Arbeiten, an der Vorbereitung zu deinen Prüfungen gehindert, wenn die Stimme der Sängerin Krinentoff im Salon wiederhallte oder wenn Bauer bis um 3 Uhr Morgens Geige spielte? Haben sie einmal daran gedacht, daß du studiertest, daß du ermüdet warst, daß das, was sie thaten, dir unangenehm sein konnte? Spiele ruhig dein Präludium, fürchte nichts, du hast das volle Recht dazu!« –

Die mächtigen, leidenschaftlichen Töne des Präludiums Chopins drangen in das Eßzimmer, störten das Schweigen der Nacht und erfüllten es ganz und gar mit ihren Klängen.

»Morgen werde ich ihm schreiben,« wiederholte Kriukoff nach dem Präludium, »morgen werde ich ihm alles erzählen, und dann wird es mit ihren Qualen vorüber sein. Ich werde im Sommer zu ihnen gehen, obwohl die Prinzessin, ihre Mutter, mich nicht persönlich eingeladen hat. Ich werde die Universität aufgeben, ich werde meine Mutter, meinen Vater und das Haus verlassen; und ich werde mich verheiraten, ich werde mich, was auch kommen mag, mit Sonitschka verheiraten, und alle Welt soll meinen Entschluß kennen lernen!«

Er spielte das Präludium, wie er es nie in seinem Leben gespielt hatte, und fühlte, wie Ameisen ihm durch den ganzen Kopf, von der Haarwurzel bis zu dem Rückgrat herunterliefen.

 


 

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