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Ein Präludium Chopins

Leo Lvovich Tolstoi: Ein Präludium Chopins - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorLeo Tolstoi Sohn
titleEin Präludium Chopins
publisherHugo Steinitz Verlag
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid9953652b
created20070410
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VI.

»Und es giebt Männer,« sagte Komkoff, immer lebhafter werdend und beständig die Haare, die ihm immerfort über die Stirne fielen, zurückwerfend – »es giebt Männer mit mächtiger Intelligenz, die uns überzeugen wollen, die Ehe sei eine Gemeinheit und das Cölibat müsse unser Ideal sein!«

Komkoffs Stimme brach plötzlich ab, als hätte er nicht mehr die Kraft weiter zu sprechen.

»Das Ideal und das Ziel unseres Lebens müssen der Tod sein,« sprach er mühsam, als hätte er eben eine allzu starke Erregung niedergezwungen.

»Wißt ihr, ich kann das nicht begreifen; mein armer Kopf verschließt sich gegen eine solche Weisheit« rief er plötzlich mit solcher Heftigkeit, daß Kriukoff und Frau Komkoff aufsprangen und ihn verwundert betrachteten.

Er schwieg einen Augenblick, blieb auf der Stelle stehen und nahm dann seinen Gang durch den kleinen leeren Raum wieder auf.

»Unser Ideal muß die Vernichtung sein,« fuhr er mit dumpfer zorniger Stimme fort, »die Zerstörung des menschlichen Geschlechts, was auch stets die Ansicht aller intelligenten Leute wie der Buddhas, der Schopenhauers, der Hartmanns, wie wir gewesen ist!

Und was soll geschehen, wenn das Menschengeschlecht zu existieren aufhört? denn dahin zielt das doch! Alles hört in der Welt auf; es giebt nichts – weder zweifelhaftes, noch neues! Weshalb uns deswegen beunruhigen? Es würde dem Gewissen zuwiderlaufen, das Ende des Menschengeschlechts zu fürchten, wenn es sich nicht um unser Vergnügen, sondern um unsere Reinheit handelt.

Das Ziel unseres Lebens muß das Streben nach der idealen Reinheit sein. Wenn die Menschen das erreicht haben, werden sie die Schwerter in Sensen wandeln, werden sich wie Brüder umschlungen halten und sterben. Dann wird das Reich Gottes auf Erden beginnen.«

»Doch für wen soll dann das Reich Gottes beginnen, das möchte ich mir zu fragen gestatten?« sagte Komkoff mit ironischem Lächeln; – »wozu Anstrengungen machen, wozu uns quälen, um diese ideale Reinheit zu erreichen, wenn wir anstatt jeder Belohnung nur den Tod finden? Wer wird denn ein solches Vergnügen suchen, welcher vernünftige Mensch wird sich an eine Philosophie anschließen, die uns rät, nach dem Unmöglichen zu streben?«

»Und doch schließen sich viele an sie an; es schließen sich sogar sehr viele an sie an.« fügte er traurig hinzu, einen sanfteren und ernsteren Ton anschlagend. »Unglücklicherweise können die Menschen nicht durch sich selbst und mit richtigem Verstande handeln und denken; in den meisten Fällen bitten sie andere um Rat und Hilfe; unglücklicherweise giebt es eigentlich auf der Welt nur willenlose Leute oder Dummköpfe. Und diese schwachen und naiven Männer werden umkommen, weil sie sich mit allzu erhabenen Theorien befaßt haben!«

»Doch warum werden sie umkommen?« fragte Kriukoff; »ich denke im Gegenteil, daß die Novelle, auf die du anspielst, der Menschheit viel Gutes gethan hat.«

»Vielleicht, doch sie hat ihr noch mehr Schaden, Leiden und Unglück verursacht,« rief Komkoff heftig, »das weiß ich aus zahlreichen Beispielen.«

»Aber wieso denn?« sagte Kriukoff erstaunt.

»Weil Leute, nachdem sie diese Novelle gelesen, sich nicht oder doch nicht zur richtigen Zeit verheiratet haben, weil sie rein und vollkommen sein wollten,« versetzte Komkoff ironisch; »weil sie Mensch sein wollen und das Cölibat predigen, während sie sich selbst fast immer während dieser Zeit heimlich der Ausschweifung überlassen und sich geistig in hundertmal schlimmerer Weise, als die wütendsten Lebemänner aufregen; weil sie zur Krankheit, ins Irrenhaus, zum Tode gelangen, wenn sie das fleischliche Leben und seine Forderungen wirklich in sich ertöten wollen; weil sie vergeblich die Kraft, die Jugend, das Leben, alle Güter, die ihnen von Gott gegeben sind, vernichten, und das alles auf Grund einer blöden Idee.

Welche andere Folgerung kann aus diesem Sermon gezogen werden? Von welchem andern Gesichtspunkte aus kann man ihn betrachten? Wenn man seinen Vorschriften folgt, wenn man daran glaubt, so muß man umkommen; wenn man die Quintessenz desselben begreift und sofort die Folgen bemerkt, so kann man sich nur wie von etwas Unverständlichem, mit dem Leben unverträglichem und infolgedessen absolut Unnützem davon abwenden.

Man kann in der That nicht einer Lehre völlig zustimmen, die augenscheinlich falsch ist. Man kann nicht zu einem nach Leben dürstenden, vor Leidenschaften und Wünschen brennenden jungen Manne sagen, daß alle diese Leidenschaften, die er empfindet, unberechtigt sind, und daß er sich anschicken muß, sie zu zerstören. Das wäre unrecht; es wäre verbrecherisch, so zu handeln. Kann man einem Manne, der Hunger hat oder der von Durst gequält wird, raten, zu warten, bis dieser Hunger und dieser Durst von selber vergehen? oder kann man ihm raten, sie zu bekämpfen, ohne sie zu befriedigen?

Das ist eine Sünde, weil es eine Art Mord ist! Gewiß werden der Hunger und Durst vergehen, wenn man sich lebendig in die Erde einmauert, wie das auf den Pachthöfen von Ternoff der Fall gewesen ist. Dann aber ist es besser, wie die Fanatiker zu handeln; die Sache ist viel verständlicher. Die Sekte der ›Einmaurer‹ hat die Frage einfacher und sicherer gelöst, denn sie hat ein Mittel gefunden, gegen die Gelüste des Fleisches anzukämpfen.

»Doch wenn wir unterrichtete Leute sind,« fuhr Komkoff mit tiefer Überzeugung fort, »so sollen wir intelligent und verständig denken und nicht unsinnige Fanatiker werden! Wenn wir die Naturgesetze studieren, so geschieht das, um zu erfahren, daß das Leben nicht aufhört, wie es Buddha, Schopenhauer, Hartmann predigen, sondern, daß es ewig ist, ebenso wie der Stoff ewig ist, ebenso wie das Sonnenlicht und die ganze Welt in Vergangenheit und Zukunft ewig sind!

Wir sind Lebende und werden infolgedessen nicht dem Tode, sondern der Geburt huldigen. Nicht das kalte und sterbliche Cölibat werden wir begrüßen, sondern die reine Ehe, die recht mäßige Ehe. Man kann sagen, daß wir nicht keusch sind, daß wir uns in unsern Betrachtungen über die sexuellen Fragen täuschen, daß wir nur Wüstlinge sind; das kann und darf man sagen; doch zu behaupten, die Ehe sei eine Gemeinheit, dieses hohe, göttliche Gesetz sei eine Gemeinheit, die man zerstören muß, um gleichzeitig die ganze Menschheit zu zerstören; das kann man nicht und darf man nicht. Man kann es nicht, weil – das wiederhole ich euch – nur durch die Ehe, – durch die Ehe allein die sexuelle Frage regelrecht gelöst werden kann. Und es handelt sich hier nicht um die Polygamie für den einen oder den andern der Gatten, oder um freie Liebe, sondern – das versteht sich von selbst – um die aufrichtig und in voller Kenntnis der Sache abgeschlossene Ehe zu zweien. Ich habe lange Zeit gebraucht, bevor ich es verstanden, und habe, von unserer russischen Schwäche für die Diskussionen hingerissen viel darüber diskutiert; doch Gott sei Dank hat das Schicksal es gewollt, daß ich mich aufklären und unterrichten konnte. Wie ihr wißt, bin ich im vorigen Jahr ins Ausland gegangen.«

Komkoff schwieg einen Augenblick, zündete sich eine Cigarette an und nahm wieder seinen früheren Platz auf dem Divan ein. Er schien jetzt alles gesagt zu haben, was ihn noch quälte, und der Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen wurde wieder ruhiger.

»So hat mich denn dieser Occident, dieser verfaulte Occident« – fuhr er, den Kopf zurückwerfend und die Beine ausstreckend, fort, »diesem russischen Übel entrissen, das meinen Kopf beschwerte; dieser Occident hat mich die wahre Stimme der Vernunft hören lassen. Hundert in Rußland verlebte Jahre hätten mich nicht das gelehrt, was ich in einem Monat im Ausland gelernt habe. Das erste, wovon ich überzeugt worden bin, war, daß man nicht streiten, sondern handeln muß. Das scheint eine sehr einfache Wahrheit zu sein, doch bis jetzt ist sie bei uns unverstanden geblieben. Ich habe gesehen, daß man nicht mit ärmlichen und naiven Diskussionen, die alle Welt nur allzu oft gehört hat und die einen nur langweilen und einem das Leben schwer machen, vorwärts kommen und an der Fortschrittsbewegung der andern mitwirken kann, sondern nur vermittelst einer beständigen, fortdauernden und vernünftigen Handlung. Die Handlung allein ist fruchttragend. Ich habe gesehen, daß diese Wahrheit im Occident den Menschen schon in Fleisch und Blut eingedrungen war, daß sie die Religion aller war, daß sie durch sie lebten und sich mit ihr begnügten.

Kein Studium, keine Rede hätten mich mehr gelehrt, als was ich aus dem lebenden Beispiel des Auslandes ersehen habe. Es hat mich ernüchtert. Um mich noch mehr zu ernüchtern, um mich noch mehr dem Leben zu nähern und es besser zu verstehen, um mich zu vervollkommnen und wahrhaft ein Mann zu werden, habe ich mich, wie du siehst, sobald ich nach Rußland zurückgekehrt bin, verheiratet.«

»Das sehe ich,« sagte Kriukoff lächelnd.

»Ja, aber du würdest es nicht sehen, wenn ich nicht im Ausland gewesen wäre! Gott weiß, zu welchen unbekannten Höhen ich mich noch aufgeschwungen hätte! Bei uns denkt jeder nur daran, einen Gegenstand zu entdecken und zu ergründen, der noch von niemandem behandelt worden ist. In unseren weiten Horizonten erfreut sich der Mystizismus in allen Formen und unter allen Gesichtspunkten noch einer großen Freiheit. Nicht umsonst betrachtet man uns als Kinder, die nach Art der Kinder denken und leben.

Wir wollen Gleichheit und Brüderlichkeit auf Erden erlangen, und um dies zu erreichen, erfinden wir ein Verfahren, das unfehlbar, verhängnisvoller Weise zum Tode führt. Wir wollen vollkommen werden, das ist wunderbar; doch warum ist es notwendig, zu diesem Zwecke zum Stillstand des Lebens gelangen zu müssen!«

Komkoff erhob sich von neuem und begann wieder im Zimmer auf- und abzugehen, aber langsamer. Er trat bis hinter den Stuhl, auf dem seine Frau saß, ergriff die Lehne desselben und blieb stehen.

»Ich denke,« sagte er mit träumerischer Miene, »ich denke, daß das Ziel unseres Lebens der vernünftige Kultus – nicht des Todes, sondern des Lebens ist, der Kultus der unaufhörlichen Vervollkommnung des Lebens und des Glückes der Menschen auf der Erde. Man vervollkommnet sich nur, indem man sich bewegt und indem man bei der Bewegung den unerschütterlichen Gesetzen der Bewegung folgt, die uns von der Natur gegeben worden sind. Wir werden die Brüderlichkeit und die Gleichheit der Menschen auf der Erde erreichen, wir werden vielleicht noch höhere Grade der sozialen Vervollkommnung der Menschheit erreichen. Doch die Gesetze der Natur werden unverrückbar dieselben bleiben. Die ganze Frage besteht darin, sie nicht unnatürlich zu gestalten, sie regelrecht zu begreifen und ihr durch den göttlichen Verstand, der uns angeboren ist, die Weihe zu geben.«

Komkoff sprach noch lange Zeit weiter. Es war schon spät, als Kriukoff sich endlich entschloß, aufzustehen und von seinen Gastgebern Abschied zu nehmen.

»Ich habe dir also heute einen Vortrag gehalten,« sagte Komkoff, indem er seinen Kameraden bis zur Außenthür begleitete, um sie hinter ihm zu schließen. »Jetzt habe ich nur noch denselben Rat für alle.«

»Du bist dadurch nur noch glücklicher,« sagte Kriukoff, wahrend er auf die kleine Freitreppe des Häuschens hinaustrat.

»Nicht mehr und vielleicht auch nicht weniger glücklich als die andern,« sagte Komkoff; »doch ich fühle mich glücklich, weil mein Gewissen ruhig ist, und ich weiß nicht, ob das alle empfinden. Ich bin glücklich, weil ich, wie du siehst, das Problem, das mich quälte, gelöst habe. Mag nun der Kummer, das Unglück kommen; das ist mir gleich, das ist Sache des Schicksals; dagegen werde ich alles ertragen und ein vollkommenes Dasein führen, anstatt nur zur Hälfte zu existieren.«

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