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Ein Präludium Chopins

Leo Lvovich Tolstoi: Ein Präludium Chopins - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorLeo Tolstoi Sohn
titleEin Präludium Chopins
publisherHugo Steinitz Verlag
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid9953652b
created20070410
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V.

»Doch um sich zu verheiraten, ist es notwendig, ein gutes, junges Mädchen zu lieben,« sagte Kriukoff, »ich glaube, diesen Faktor vergißt du vollständig.«

»Lieben?« versetzte Komkoff lächelnd, dabei tief seufzend.

»Du hältst immer erstaunliche Reden. Was heißt denn das ›lieben‹? Kannst du es mir erklären? Gewiß wirst du nicht ein mißgestaltetes Mädchen oder eine junge Person ohne Nase lieben; das begreift jedermann. Gewiß, wird es vorzuziehen sein, wenn du ein junges Mädchen wählst, das hinsichtlich des Alters, der Gewohnheiten, der Erziehung zu dir paßt. Und das weiß auch Gott.«

»Ich wiederhole es dir, sie sind fast alle äußerlich wie innerlich ungefähr gleich. In diesem Punkte haben niemals Schwierigkeiten bestanden, und werden niemals welche bestehen. Jeder Mann und jede Frau hat beständig eine Person im Auge, mit der sie sich zu vereinigen wünschen. Das ist die gegenseitige Anziehung der Geschlechter, nichts weiter. Doch warum sie mit dem großen Namen Liebe taufen? Wahrhaftig, es ist Zeit, das alles fallen zu lassen. Glaubst du, daß die Liebe wirklich auf der Welt existiert? Vielleicht für die naiven Leute, in der Einbildung, ja!«

»Nein, meiner Ansicht nach existiert die Liebe trotzdem,« entgegnete Kriukoff schüchtern.

»Sie existiert?« fragte Komkoff.

Er schwieg plötzlich – und versank in Nachdenken. Dann fuhr er mit gesetzter und ernsthafter Miene fort, indem er Kriukoff starr ansah, dessen Gesicht sich mit tiefem Purpurrot gefärbt, als er seine Ansicht ausgesprochen hatte.

»Nun, was versteht man gewöhnlich unter dem Namen Liebe? Was ist denn eigentlich die stärkste, die unsinnigste Liebe, wie man sagt? Du bist Mann geworden, du hast die geschlechtliche Reife erlangt, und bedarfst einer Frau, die deine Persönlichkeit ergänzt und deine Art fortpflanzt. Du suchst sie und siehst sogleich eine Million in deiner Umgebung. Doch das alles ist von den Männern auf dieser Welt so schlecht eingerichtet, daß es aus tausend verschiedenen Gründen für dich sehr schwer ist, dich mit derjenigen zu vereinigen, die dir aufgefallen ist. Einer der ersten Gründe unter anderen ist der, daß die Frau, die du dir gewählt hast, bekleidet ist.

Nun verliebst du dich also in diese Frau, die Kleider trägt; du quälst dich ihretwegen, so weit es deiner Seele gefällt; manchmal bis zum Wahnsinn; kurz, du bist verliebt, in welchem Grade hängt von dir ab. Gewöhnlich wird deine Liebe um so stärker sein, je mehr Hindernisse dich von deiner Mutter trennen. Räume die Hindernisse fort, so verschwindet die Liebe. Sie wird von der Ehe ersetzt, das heißt, von dem Zusammenwohnen des Mannes und des Weibes, dem Zusammenwohnen, das bestimmt ist, die Rasse fortzupflanzen und sie gegenseitig zu ergänzen.

Und erst wenn dieses Zusammenwohnen beginnt, kann die wahre Liebe beginnen, die Liebe zu deiner Frau, zu der zukünftigen Mutter deiner Kinder, zu dem Freunde und Gefährten deines Lebens. Das ist die Liebe, wie ich sie verstehe, die existieren muß und auch wirklich existiert. Doch die geschlechtliche Liebe, die, von der man so spricht, ist nur von Wüstlingen, von halbkranken Leuten, Körper- und Geistesschwachen geschaffen worden, die man als Leidende behandeln und nicht kopieren sollte. Und wenn du dich mit einem jungen Mädchen verbindest, das du gewählt hast, und die das Schicksal, wie ich sagte, dir zuweist, sobald du Mann geworden bist, so sagst du dir, sagst du der ganzen Welt und diesem jungen Mädchen: ›Ich nehme dich zur Frau und verspreche dir, niemals mit einer andern Frau als mit dir zu leben. Ich verspreche dir, für dich und deine zukünftigen Kinder Sorge zu tragen und bitte dich, mir dasselbe Versprechen zu geben.‹ Das ist die Religion der Ehe, das ist einfach und klar. Und ich glaube, je früher der Mann die Notwendigkeit derselben vom Standpunkte seiner regelmäßigen Beziehungen mit der Welt begreifen wird, desto stärker, gesünder und kräftiger wird er werden. Je reiner wir vor der Ehe geblieben sind, desto glücklicher wird unser Leben sein.«

Komkoff begann aufgeregt zu werden, und seine großen, strengen Augen waren glänzend geworden. Er sprach weiter, denn er fühlte, daß Kriukoff und seine Frau ihm jetzt mit größter Aufmerksamkeit zuhörten.

»Ich begreife nicht, wie unsere Frauen uns noch heiraten, wenn wir schon beschmutzt, besudelt und verdorben sind! Warum fordern sie nicht von uns die Reinheit, die wir von ihnen fordern? Warum willigen sie, die sie frisch und rein sind, ein, sich mit uns zu vereinigen, die wir schon die Hälfte unserer Kräfte und unserer Gesundheit verbraucht haben! Man spricht zu wenig gegen diese plumpe und unbegreifliche Angelegenheit! Sie selbst, diese jungen Mädchen, bestrafen uns zu wenig, fordern zu wenig von uns und werfen uns den Handschuh Björnsons nicht oft genug ins Gesicht!«

»Ja, ich denke auch häufig daran,« sagte Kriukoff.

»Nun, also, also –« fuhr Komkoff fort, »Gott sei Dank, fängt man schon an das einzusehen, doch von einer praktischen Lösung der Frage sind wir noch recht weit entfernt, Und doch stelle ich mir manchmal vor, was wohl geschehen würde, wenn wir alle, wenn die ganze Jugend verheiratet wäre! Wenn nur die ganze studierende Jugend von Moskau sich verheiratete! Denke doch nur ein wenig darüber nach, was sie an Urteilskraft, an Reinheit, an Energie gewinnen würde!

Meiner Ansicht nach würde nicht allein die studierende Jugend selbst neu aufleben und sich verjüngen, sondern auch die ganze Menschheit würde mit ihr neue Formen annehmen. Man muß sich vorstellen, daß wir alle, die viertausend Studenten von Moskau, die wir jung, gesund und nach der überkommenen Phrase die Zukunft unserer Zeit sind, mit nur seltenen Ausnahmen dahinleben, ohne die geschlechtliche Frage vollkommen gelöst zu haben, sondern gerade im Gegenteil auf die schlechteste Weise lösen. Wir verkehren in den öffentlichen Häusern, wir haben unsere Nerven, wir überlassen uns der Ausschweifung, der Trunksucht, dem Spleen, den Karten, wir erfinden sogar Instrumente, um die Karten zu schlagen, wir selbstmorden uns schließlich, werden krank, quälen uns, oft einzig und allein infolge der Langeweile und des beständigen Bedürfnisses, dessen Quelle in der sexuellen Seite unserer Existenz liegt, die wir vernachlässigen oder verkehrt auffassen.

Ich bin der Meinung, daß alle diese Studentengeschichten, diese Unordnungen, diese verschiedenartige Begeisterung, die bei der geringsten Berührung mit dem Leben sich in Rauch auflösen, wenigstens für die Hälfte verschwinden würde, wenn diejenigen, die augenblicklich die Urheber derselben sind, verheiratet und infolgedessen nüchtern und fleißig wären. Weshalb erhält sich unser Volk seine Kräfte, seine Gesundheit und seine Moralität, einfach nur durch die Thatsache, daß man sich dort so jung verheiratet! Ich bin überzeugt, es wäre in unserer Gesellschaft ebenso, wenn sie die Bedeutung und Wichtigkeit der: ›in der Jugend vollzogenen Ehe‹ erkennen wollte! Unsere Nachkommen werden nicht begreifen können, warum wir uns quälten, warum wir die besten Jahre unserer Existenz damit vergifteten, daß wir uns in der Unthätigkeit Kummer und Sorge machten, während es doch so ein so einfaches Mittel gegen dieses Übel gab. Wie soll man sich nun alle diese Qualen, alle diese Unannehmlichkeiten, diese beständige Unzufriedenheit, dieses Verlangen nach unbekannten und ähnlichen Dingen erklären, die die jungen Leute in einem bestimmten Zeitpunkte ihres Lebens quälen? Ist es nicht einfach das materiellste Gesetz der materiellen Gesetze der menschlichen Natur? Und doch will man es um keinen Preis der Welt verstehen. Man erfindet allerlei Bezeichnungen, Schriftsteller bauen darauf die verwickeltsten, die idealsten Romane auf, um die allzu naive Menschheit zu mystifizieren – während es doch weit einfacher wäre, sich auf unsere Mutter Natur zu verlassen; man würde sehen, was in der Tierwelt und in der Welt des Volkes passiert, das sich mehr als wir der Wahrheit nähert, weil es sie weniger zu verdunkeln oder zu verwirren sucht.«

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