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Ein Präludium Chopins

Leo Lvovich Tolstoi: Ein Präludium Chopins - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorLeo Tolstoi Sohn
titleEin Präludium Chopins
publisherHugo Steinitz Verlag
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid9953652b
created20070410
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IV.

Als Kriukoff nach Hause kam, schloß er sich in sein Zimmer ein und begann, bis fünf Uhr die langweiligsten Studien der vergleichenden Linguistik zu studieren. Dann speiste er, und als die Seinen vom Tische aufstanden und in den Salon hinübergingen, wo der Spieltisch hergerichtet wurde, setzte er sich ans Klavier.

Er schlug auf's Geradewohl ein Heft von Chopin auf und begann, das fünfzehnte Präludium zu spielen, das ihm eben in die Hand gefallen war. Er spielte es mit viel Geschmack und Gefühl.

In diesem Augenblick ging sein Vater mit einem Spiel Karten durch das Eckzimmer.

»Welch' schönes Präludium,« sagte er, »wie einfach und doch gleichzeitig wie kraftvoll. Du spielst es heute vollendet.«

»Ja? gefällt es dir?« fragte Kriukoff.

»Und deine Prinzessinnen sind abgereist?« fragte sein Vater weiter.

»Ja, sie sind abgereist.«

»Und du bist bekümmert darüber? Das ist nicht der Mühe wert, mein Junge, solche Begegnungen hat man vielfach im Leben. Du denkst doch gewiß nicht daran, dich jetzt zu verheiraten?«

Bei diesen Worten verschwand Kriukoffs Vater in dem andern Zimmer.

»Es giebt im Leben viele Begegnungen,« wiederholte Kriukoff; das sagte sein Vater, um ihn in diesem Augenblick zu stützen und zu helfen. Würde er ihn übrigens verstehen?

»Du denkst doch gewiß nicht daran, dich zu verheiraten?« wiederholte er für sich; »gewiß . . . wie könnte er darüber auch anders denken?«

Und um sich zu beruhigen, begann Kriukoff kräftig, das folgende Präludium, das sechszehnte, presto con fuoco zu spielen, das er auswendig kannte.

Wenn er aufgeregt war, beruhigte ihn nichts so sehr wie die Musik; er legte dann in sein Spiel alles hinein, was er in der Seele trug, ohne sich darum zu kümmern, ob man ihm zuhörte oder nicht; um das letztere kümmerte er sich nur, wenn er spielte, ohne ein wirkliches Bedürfnis zu empfinden.

Er blieb ungefähr eine Stunde am Klavier sitzen. Dann ging er wieder in sein Zimmer, um weiter zu studieren.

Doch die Musik hatte ihn zu sehr aufgeregt, sein Gedächtnis weigerte sich zu arbeiten. Er beschloß deshalb, einen Spaziergang zu machen.

Er warf einen Blick in den Salon, wo der Whist schon in vollem Gange war, man hörte nur die Worte: Passe, drei Piques, vier Atouts; seine Schwester nahm auch am Spiele teil. Er ging nun in das Vorzimmer, um seinen Paletot anzuziehen.

Matruschka, das Dienstmädchen, kam sofort aus ihrer Kammer, um ihm zu helfen; sie war ein schönes, von Gesundheit strotzendes Mädchen mit leuchtendem Antlitz und kühnen Bewegungen.

»Man will spazieren gehen,« sagte sie vertraulich, während sie etwas kaute und sich mit der Hand den Mund wischte.

Kriukoff begnügte sich, sie mit unzufriedener Miene anzusehen und ging schnell die Treppe hinunter. Er wandte sich schnell nach rechts, denn er fühlte das Bedürfnis, so viel wie möglich Bewegung zu machen.

Es war ungefähr sieben Uhr abends. Es war eine wahre Frühlingsdämmerung mit leichter Kälte und scharfer, reiner Luft.

Wo soll er hingehen? Zu wem? Wem könnte er alles erzählen, was er auf dem Herzen hat? Wem könnte er sein Leid klagen?

Kriukoff suchte in seiner Erinnerung jemand, der ihm ganz nahe stand, doch er fand niemand.

Die nächsten, seine Verwandten, verstanden ihn nicht und werden ihn nicht verstehen. Soll er alles seiner Mutter, seiner Schwester erzählen? Wenn sie sich nicht über ihn lustig machen, so werden sie anfangen, ihm die Sache auszureden, sie werden nicht an den Ernst seiner Gedanken, seiner moralischen Lage glauben. Mit seinem Vater sprechen? Er hat ihm eben gezeigt, wie er ihn behandelt. Er ist schlau, er hat seine Lage begriffen, doch niemand wird sich ihm gegenüber in der Praxis so streng, so kalt, so gleichgiltig zeigen.

An Sonitschka schreiben, die vielleicht die einzige ist, die ihn versteht? Sie um Rat fragen? Doch worüber? Ihr sagen, daß er sie liebt und nicht heiraten kann?

Während er aus einer kleinen Straße auf die Boulevards von Moskau biegt, erinnert sich Kriukoff, daß nicht weit entfernt einer seiner Kameraden, namens Komkoff, wohnte.

Er war lange nicht zu ihm gegangen, vielleicht seit drei Monaten, und doch hatte er nie mit jemand so gut, so einfach geplaudert, wie mit ihm.

»Was treibt er?« dachte Kriukoff. »wie steht's mit seinen Angelegenheiten und seiner Gemütsverfassung?«

Mit diesen Worten bog er in die folgende Straße ein, die auf den Boulevard führte.

Komkoff, Student der Medizin im dritten Jahre, war der Sohn eines Gymnasialprofessors, der vor einigen Jahren gestorben war.

Intelligent und tüchtig, erfreute sich Komkoff einer großen Popularität an der Universität, und zu einer bestimmten Zeit, im vorigen Winter, hatte er sich leidenschaftlich mit der Organisation provinzialer Studentenverbindungen beschäftigt. Im ersten Jahre war er in irgend eine Geschichte verwickelt, doch seit einiger Zeit war er ruhiger geworden und arbeitete viel. Im vorigen Frühling war es ihm mit ganz geringen Mitteln gelungen, eine Reise ins Ausland zu machen, von der er ganz begeistert zurückgekehrt war.

»Ist Alexander Iwanowitsch zu Hause?« fragte Kriukoff, als das Dienstmädchen ihm die Thür der kleinen Wohnung öffnete, in der die Familie Komkoff wohnte.

»Er ist hier. Doch er wohnt nicht mehr bei uns,« versetzte das Dienstmädchen. »Er ist verheiratet und wohnt jetzt in dem Häuschen da unten.«

»Wie? seit wann denn?« fragte Kriukoff erstaunt.

»Seit über einen Monat. Er hat Fräulein Puzikoff geheiratet. Kennen sie sie nicht?«

»Nein, ich kenne sie nicht,« versetzte Kriukoff.

»Ihre Eltern betreiben den Handel, doch sie ist ein unterrichtetes und sehr gutes Fräulein. Dort wohnen sie.«

Damit zeigte das Dienstmädchen auf ein kleines graues, einstöckiges, sich bereits neigendes und halb in Trümmer fallendes Gebäude im Hofe, das mehr einer Portierloge als einem Wohnhause ähnlich sah.

Kriukoff wünschte jetzt mehr als je, seinen Kameraden in seiner neuen Lebenslage zu sehen. Er fragte sich, warum er eine größere Wohnung verlassen hatte, wo jetzt nur seine Mutter und sein älterer Bruder wohnten, der auch seit kurzem verheiratet war. Er näherte sich dem Häuschen und zog an einem einfachen Eisendraht, der zu einer kleinen Klingel führte.

Sofort erschien auf der Schwelle eine magere und blasse junge Frau, die sehr einfach in ein einfarbig schwarzes Gewand gekleidet war.

Kriukoff fragte sie, ob Komkoff zu Hause wäre.

»Ach! du bist's!« rief eine starke Stimme, die aus einem Zimmer neben dem schmalen Vorzimmer kam, – »ich erkenne dich, ich erkenne dich; so lange hast du mich nicht besucht!«

Damit kam ihm Komkoff in seiner Studentenjoppe entgegen. Er war ein junger Mensch von hoher Gestalt, mit breiten Schultern und blonden Lockenhaaren, sein Gesicht hatte sich sehr verändert, seit Kriukoff ihn zum letzten Male gesehen hatte.

»Ich störe dich nicht?« fragte Kriukoff.

»Mich stören? weshalb? Meine Frau, Kriukoff, einer meiner Schulkameraden,« sagte er einfach.

»Ich bin so überrascht, dich verheiratet zu sehen. Das erwartete ich ganz und gar nicht.«

»Ja, ja, Brüderchen, tempora mutantur et nos cum illis! Doch du? Man sagt, du seiest in der Gesellschaft gut eingeführt; du bist ein Aristokrat geworden und tanzest alle möglichen Tänze? ist das wahr? und gedenkst du nicht, meinem Beispiel zu folgen?«

»Wie? mich zu verheiraten?«

Damit begann Kriukoff zu lachen, als wollte er damit zeigen, daß er nicht an etwas denken konnte, das mit seiner Lage so wenig im Einklang stand. Doch sein Lachen klang hohl, und Komkoff bemerkte das.

»Du thust Unrecht, Bruder,« sagte er in ernstem Tone, »warum denkst du nicht daran? ist es zu früh oder zu schwierig?«

»Eins und das andere,« erwiderte Kriukoff, indem er dem Hausherrn in ein kleines, sehr reinlich gehaltenes Zimmer folgte. Ein kleiner Samowar brodelte auf dem Tische, auf dem auch Brod und Feingebäck stand.

In dem folgenden Zimmer, das von diesem nur durch einen Vorhang getrennt war, bemerkte man durch den Spalt der Tapisserie zwei ganz eng zusammenstehende Betten.

»Du bittest den Rektor der Universität um die Erlaubnis, suchst den Priester auf und das ist die ganze Geschichte,« sagte Komkoff, indem er sich auf einen kleinen Divan setzte und anfing, Cigaretten zu rollen, eine Beschäftigung, die er wahrscheinlich eben erst unterbrochen hatte.

»Und das ist alles?« fragte Kriukoff.

»Was brauchst du mehr? Du siehst, wir haben uns eingerichtet und leben vortrefflich. Wir ernähren uns von dem, was Gott uns gegeben hat, und arbeiten, während wir glücklich sind. Mag morgen kommen, was da wolle, doch auf jeden Fall ist das heute so, wie es sein muß.«

»Und warum hast du eure Wohnung verlassen, um hierher zu ziehen?«

»Da haben sie ihr Leben,« sagte Komkoff, »mein älterer Bruder ist auch verheiratet, warum einen Mischmasch aus unserer Existenz machen? Nein, es ist besser, daß jeder für sich lebt!«

»Und du bist zufrieden?«

»Durchaus zufrieden!«

»Sie haben es verstanden, ihm zu gefallen,« sagte Kriukoff zu Komkoff's Frau, die ihm ein Glas Thee mit sanftem Lächeln reichte.

In diesem Augenblick dachte er an Sonitschka; er fand, daß dieses Fräulein Putzikoff ihr ähnlich sah, namentlich in den Augen und im Gesichtsausdruck. Doch Sonitschka mußte viel lebhafter sein.

»Sie hat damit nichts zu thun,« sagte Komkoff, auf seine Frau deutend; »jedes andere junge Mädchen hätte mir ebenso gut gefallen! Vorausgesetzt, daß sie gesund gewesen wäre und ein passables Gesicht gehabt hätte, hätte das Schicksal sie nur an Stelle meiner Frau geschickt. Sie sind alle gleich. Ist das nicht deine Ansicht?«

»Und sie fühlen sich davon nicht verletzt?« fragte Kriukoff die junge Frau Komkoff ganz überrascht.

»Ich? Nein! Was sagen Sie da? Weshalb sollte ich mich verletzt fühlen? Das ist doch eine einfache Redensart.«

»Was ich sage, denke ich auch,« sagte Komkoff. »und dabei ist nichts Verletzendes. Meine Frau hat, wie die andern jungen Mädchen, das Gymnasium absolviert, sie liest und spricht französisch ziemlich fertig und spielt Klavier, doch darum handelt es sich nicht. Es handelt sich nicht darum, wie deine Frau sein wird, das ist Glückssache; der eine ist glücklicher, der andere weniger. Es handelt sich um uns, um die befriedigende Lösung der sexuellen Frage, d. h. der Ehe. Erst dann kann sich der Mann beruhigen, erst dann fühlen, daß er an seinem wahren Platze ist, erst dann kann er in der Vollkraft seiner Fähigkeiten leben und handeln, und wahrhaft nützlich sein. Erst von diesem Augenblick an kann er anfangen, moralisch zu wachsen und sich zu entwickeln. – Meiner Ansicht nach ist der Junggeselle gleichsam ein hungriger Hund, der scheu durchs Leben irrt, mit erschrockener Miene nach jeder Seite stürzt und nichts Gutes in der Welt schafft; oder er ist ein entarteter Affe, der jedes menschliche Gefühl verliert. Da kann er kein Milieu haben; er ist schon kein Mensch mehr, – er wird ein Waschlappen.«

»Du hast schroffe Ausdrücke,« sagte Kriukoff lachend.

»Es ist die reine Wahrheit,« fuhr Komkoff feurig fort; »wie sollen wir uns von den Tieren unterscheiden – nehmen wir den Affen – wenn nicht dadurch, daß wir unsere Natur und ihre Bedürfnisse in vernünftiger, gewissenhafter Weise behandeln? Warum wissen wir, daß wir essen müssen, wenn wir Hunger haben, und weshalb wissen wir nicht, daß wir uns verheiraten müssen, wenn die Zeit dazu gekommen ist? Übrigens erkennen wir das erste dieser Gesetze nicht immer und beobachten uns nicht immer sehr richtig; oft haben Leute Hunger; der Hunger läßt sie verschiedene Dummheiten begehen; sie erregen sich, werden krank und suchen ihre Rettung nicht in der Nahrung, sondern in Medikamenten und Gott weiß was.«

»Die Heirat ist für uns die erste Hauptsache,« fuhr Komkoff fort; »nicht umsonst sagt man, er hat sich verheiratet, er hat sich verändert. Ich setze noch hinzu: er ist verheiratet, er ist nüchtern geworden; er hat sich verheiratet, er hat die Illusion fortgejagt; er ist verheiratet, er hat Kraft und Ruhe gewonnen! Man sieht die Welt und die Leute mit ganz andern Augen an, die Seele wird ganz anders.«

»Oho!« sagte Kriukoff. »Du hältst mir solche Reden?«

»Man sollte sich schon auf der Schule verheiraten,« rief Komkoff. »Hätte ich das Geheimnis des Lebens, das man so sorgfältig vor uns geheim hält, das man uns in jeder Weise verschleiert, früher gekannt, ich hätte mich gewiß nicht so spät verheiratet.«

»Warum verbirgt man es uns?« fragte Kriukoff, der nicht verstand.

»In jeder Weise, schon in der Kindheit lehrt man uns, die geschlechtlichen Fragen mit Ekel und als etwas Geheimes, Verbotenes zu betrachten. Wenn wir den Fall des ersten Menschen lesen, gewöhnen wir uns daran, das als eine wirkliche Sünde, als etwas Verbotenes zu betrachten, wahrend es in Wirklichkeit nur eine physiologische, von dem menschlichen Organismus untrennbare Notwendigkeit ist, ohne die der Mensch selbst nicht auf Erden wäre und von der auch sein geistiges Gleichgewicht abhängt. Nun, denke doch nur über die Ungeheuerlichkeit nach. Das, was die Quelle unserer Existenz ist, das Gesündeste auf der Welt, was uns Atem, Leben giebt, was unsere heilige und göttliche Seele befruchtet, als Sünde zu betrachten! Und doch denken wir, daß es etwas Schändliches ist, das man verschweigen, das man im Geheimen lösen und bekämpfen muß, während doch nichts auf der Welt eine so freie, so öffentliche Diskussion, sowohl in der Familie, als auch in der Gesellschaft und den Parlamenten verlangt. Nicht umsonst betrachtet man in Indien diese Kraft, die das Leben erzeugt und vor der die Menschen sich überall neigen, als die höchste Gottheit. Nicht umsonst betrachteten die Juristen des alten Rom die Ehe als ein natürliches Recht (jus naturale), das von dem fleischlichen Zauber herrührte, der ein Geschlecht zum andern treibt. Nicht umsonst betrachteten die alten Perser das Cölibat als eine Schmach und eine Schande, und die Gesetze des Zend Avesta bedrohten es mit den Qualen des andern Lebens. Das begreife ich vollkommen!«

Kriukoff lächelte. Die junge Frau Komkoff lächelte ebenfalls wohlwollend und hörte ihrem Gatten weiter mit so einfacher und natürlicher Miene zu. daß sich Kriukoff bei ihr schon beim ersten Besuch so behaglich fühlte, als wenn er sie sein ganzes Leben lang gekannt hätte.

»Du lächelst,« fuhr Komkoff eifrig fort, »nun wohl, höre! Ich werde dir alles sagen, was sich über diesen Gegenstand in meinem Herzen angesammelt hat, und es giebt wahrhaftig nichts Tragikomischeres. Ich bin der Ansicht, daß man – sobald für das menschliche Wesen, ob Mann, ob Weib, das Alter der Geschlechtsreife gekommen ist, sobald sich seiner Seele die Fragen aufdrängen, welches die Folgen dieser Reife sind – sie sogleich in der einen oder andern Weise lösen muß. Und der Mensch, der diese Frage nicht natürlich und regelmäßig, das heißt, durch die Ehe gelöst hat, wird ein unglücklicher, obskurer und unvollkommener Mensch sein, von der von mir angegebenen Zeit bis an das Ende seiner Tage. Jemand hat gesagt (wenn ich mich nicht irre, war es Leskoff), daß man einen Menschen so lange nicht genau kennt, bevor man nicht über die geschlechtliche Seite seiner Existenz unterrichtet ist. Das ist eine große Wahrheit. Es giebt in der That keinen einzigen mehr oder weniger gesunden Junggesellen auf der Welt, vorausgesetzt, daß er nicht Milch, sondern Blut in den Adern hat, der vollständig, absolut vor jedem Gedanken und jeder Empfindung dem Weibe gegenüber geschützt ist, selbst wenn das Alter seine Haare bereits gebleicht hat; dann wäre er ein Heiliger, und solche giebt es wenig.«

»Infolgedessen muß man sich frühzeitig verheiraten«, sagte Kriukoff, »dann wäre alles gut. Doch was für Hindernisse, was für Schwierigkeiten stellen sich dem entgegen? Und die Sorge um die materielle Existenz, die Anschauungen der Familie, die Zukunft? Und kann man sich denn verheiraten, wenn man studiert? Ich glaube, das Resultat wäre dann zweifelhaft . . . doch sprich weiter!«

»Gerade das Gegenteil ist der Fall,« unterbrach Komkoff, »erst wenn du verheiratet bist, wirst du anfangen, wirklich zu studieren und wirst sehen, daß du vorher nichts Gutes gethan hast. Man sagt, das weißt du wohl: ich will nicht studieren – ich will mich verheiraten. Meiner Ansicht nach darf man darunter nicht verstehen, daß der junge Mann sich verheiraten will, um nicht zu studieren, sondern gerade das Gegenteil, d. h. er will sich verheiraten, um in der Lage zu sein, studieren zu können. Ich werde den Ausspruch also in folgende Form umgestalten: »Ich kann nicht studieren, so lange man mir nicht gestattet, mich zu verheiraten.« Und ich weiß aus eigener Erfahrung, daß ich, seit ich sie geheiratet habe,« – dabei zeigte er mit den Augen auf seine Frau – »mich selbst nicht mehr erkenne, wenn es sich ums Lernen handelt. Woher kommt das? Der Geist wird schärfer, das Gedächtnis lebhafter, die Sprache kühner! Meine Mutter behauptete, das alles sei sehr gut, so lange keine Kinder da sind; doch warte nur, sagte sie immer zu mir, bis sie zu schreien, zu laufen anfangen, sich an dich klammern; dann werden wir sehen, wie du darüber urteilen wirst.«

»Dann wird es nur noch besser sein,« fuhr Komkoff in überzeugtem Tone fort, »es werden vielleicht mehr Sorgen vorhanden sein, doch auch die Kräfte werden im zehnfachen Maße wachsen. Das ist das Geheimnis der Ehe, der wahren Ehe natürlich, der ehrenhaften, der geheimen Ehe, von der die Junggesellen auch nicht einmal eine Ahnung haben, das darin besteht, daß der verheiratete Mann sich in wunderbarer Weise entwickelt. Denn trotzdem die Schwierigkeiten im Kampfe ums Dasein wachsen, fühlt er seine Kräfte, seine individuellen Kräfte sich verhundertfachen.«

»Jedermann lebt nicht in denselben Bedingungen,« sagte Kriukoff, »ich bin wahrscheinlich weniger bedeutend, als du, weil es mir gänzlich unmöglich ist, mich zu verheiraten, selbst wenn ich es wollte. Das ist sehr einfach.«

»Wie! Du fürchtest, du würdest nichts zu essen haben?« fragte Komkoff. »Du wirst gezwungen sein, die Universität zu verlassen, dein Diplom zu verlieren? Aber, Freundchen, darin liegt ja eben die Frage. Vor allem muß man auf den Punkt kommen, daß man die absolute Notwendigkeit, sich zu verheiraten, erkennt, mag daraus entstehen, was da wolle. Hat man einmal diese Überzeugung, so ist das übrige gar nichts mehr. Nun, was wird denn geschehen? Du wirst die Universität verlassen, wenn du sie nicht weiter besuchen kannst; du wirst Sekretär, Eisenbahnbeamter, Kassierer werden; du wirst Hunger haben; doch du wirst nicht allein sein; deine Frau wird bei dir sein. Das ist eben das Schwierige, die Kühnheit zu besitzen, mit aller Welt zu brechen, mit allen überkommenen Gebräuchen aufzuräumen und sich selbst seinen Weg zu bahnen. Das ist der einzige Weg, auf dem sich die Rettung findet. Ist es nicht besser, die Universität, mit dem, was sie dir verleiht, zu opfern und die Frische und Kühnheit deiner Seele zu bewahren? Ist es vorzuziehen, sich dem Laster, allen möglichen Unannehmlichkeiten zu weihen, und ein elendes Leben hinzuschleppen, bis man ein Gehalt von fünfzehnhundert Rubeln erzielt und fühlt, daß seine Seele gänzlich erstarrt ist?«

Komkoff war aufgestanden und ging in dem kleinen Raum von ungefähr zwei Metern, der im Zimmer freigelassen war, auf und ab. Er war warm geworden und schüttelte nervös seinen Kopf, um die Haare, die ihm auf seine hohe Stirn fielen, zurückzuwerfen.

»Wenn die Leute sich nur weniger ihren Phantasien überließen,« fuhr er in klagendem Tone fort, »wenn sie sich mehr mit der Arbeit, mit dem Studium befaßten! wenn sie die Fragen des Lebens berücksichtigen, wenn sie sie vor allem einfacher lösen wollten, anstatt sich in Abgründe oder auf Gipfel zu verwirren, wo das Leben nicht existiert! . . . Um wieviel glücklicher wäre die Menschheit dann! Um wieviel vernünftiger würde sie dann werden und was für Fortschritte würde sie machen!«

»Niemand wird sich dazu entschließen,« sagte Kriukoff, »und wer würde eine sichere Zukunft gegen die Aussicht eines ungewissen Schicksals, mit der Perspektive, sich mit seiner Frau auf der Straße und ohne einen Pfennig in der Tasche zu sehen, aufs Spiel setzen? Gewiß, wenn man überzeugt sein könnte, daß man von seiner Familie, von den Seinen unterstützt würde . . .«

»Darauf wirst du lange warten können,« unterbrach ihn Komkoff heftig. »Erwarte nur von dir selbst Hilfe. Du wirst der Herr sein, wenn du dich nur auf dich verlassen wirst, besonders aber in der Ehe.«

»Gewiß ist es schwer, allein allem Stand zu halten, der Gesellschaft, den Eltern, den Traditionen; doch wie soll man es anders anfangen, wenn kein anderer Ausgang da ist? Ich bin zu der Schlußfolgerung gekommen, daß es niemand giebt, der uns weniger versteht, der weniger mit unserer Lage sympathisiert, als unsere Eltern, weil es keine größeren Egoisten giebt. Das ist traurig und anormal, doch es ist trotzdem so. Ich habe überall in unserer Gesellschaft dieselbe Beobachtung gemacht. Während sie sich unsertwegen Sorge machen und darauf bedacht sein sollten, uns zu Zeiten ein Heim zu gründen, uns in einem gewissen Alter zu verheiraten, wie das bei den Bauern geschieht, lassen uns unsere Eltern, wenn sie uns einmal in die Welt gesetzt haben, volle Freiheit, und beschäftigen sich in größter Seelenruhe mit allen möglichen anderen Dingen, zum Beispiel Whist zu spielen, wie man es bei dir zu Hause thut, wie du mir immer sagtest. Sie fühlen sich dann ruhiger, behaglicher. Und doch sollten sie regelmäßig gezwungen sein, uns und unsere Frauen eine gewisse Zeit zu unterhalten, und uns zu stützen, so lange wir noch nicht stark genug sind und uns noch nicht auf eigenen Füßen halten können. Dann wäre es für jeden leicht, sich in bestimmter Zeit zu verheiraten. Du weißt, ich habe eine alte Mutter, die herzensgut ist; nun, sie ist gegen mich aufgetreten, als ich ihr erklärte, daß ich mich verheiraten will und hat versucht, mich davon abzubringen. Das ist wahrhaftig nicht zu begreifen. Zuerst wollte sie absolut nicht – ›du hast noch Zeit,‹ sagte sie, ›es ist zu früh‹ – dann hat sie sich schließlich gefügt. Sie unterstützt uns jetzt sogar, giebt uns diese kleine Wohnung und fünfundzwanzig Rubel monatlich.«

»Ach,« sagte Kriukoff. »du siehst, trotz allem kommt man dir zu Hilfe; doch es gibt viele, die nicht in dieser Lage sein würden.«

»Man wird ihnen doch helfen. Alle Menschen sind stets Menschen,« erwiederte Komkoff, »und denkst du, daß ihr Herz nicht weich wird, wenn sie zwei junge Wesen sehen, die sich zu einem heiligen Werke, der Fortpflanzung und Erziehung des Menschengeschlechts vereinigt haben, die gegen Hunger und Entbehrungen ankämpfen? Man darf keine Furcht vor der Zukunft haben; jeder Tag wird sein Brod bringen; man muß die wirklich wichtigen Fragen, die keinen Aufschub dulden, mit kühnem Mute lösen, ohne lange zu zögern!«

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