Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Leo Lvovich Tolstoi >

Ein Präludium Chopins

Leo Lvovich Tolstoi: Ein Präludium Chopins - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorLeo Tolstoi Sohn
titleEin Präludium Chopins
publisherHugo Steinitz Verlag
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid9953652b
created20070410
Schließen

Navigation:

III.

Am nächsten Tage begaben sich alle nach dem Bahnhof, um der Prinzessin Baretzki Lebewohl zu sagen. Sie saß bereits mit ihren Töchtern im Waggon.

Es war fünf Minuten vor zwölf, und der Zug mußte sich sogleich in Bewegung setzen. Der Graf und die Gräfin Truboff, sowie ein alter Onkel des letzteren standen elegant gekleidet auf dem Perron neben dem Fenster, in dem die Prinzessin bereits ihr aufgeschwemmtes Gesicht mit dem dreifachen Kinn zeigte. Sie betrachtete verdutzt die Menge der Freier, die etwas weiter entfernt neben der Plattform standen, auf der sich die drei jungen Prinzessinnen aufhielten.

»Warum nehmen Sie sie nicht mit?« sagte der Onkel zu der Fürstin, sich zu ihrem Ohre neigend.

»Fragen sie mich!« erwiederte die Fürstin. »Es ist zu dumm.«

»Sie ist zu wählerisch,« versetzte die Gräfin Truboff.

»Ja, meine Liebe, wählerisch,« fuhr die Prinzessin fort, indem sie ihre Schwester in etwas plumper, ihr eigentümlicher Weise kopierte; »du hast gut reden; du brauchst dich nur mit deinem Getreuen zu beschäftigen – dabei zeigte sie mit den Augen auf den Grafen – »aber ich habe jetzt von dieser Geschichte übergenug. Und zu welchem Vergnügen, wenn man so fragen darf,« sagte die Prinzessin, jetzt vollends die Stimme senkend, »sind sie eigentlich im ganzen Winter über gekommen?«

»Ich weiß nicht; ich habe keine Erfahrung darin,« sagte die Gräfin Truboff, sich mehr an ihren Onkel wendend; »doch ich finde, man darf die jungen Leute nicht verachten und vor allem nicht eine so kostbare Zeit vergehen lassen. Ich habe es ihr stets gesagt. Sie hat für die beiden älteren schon die günstigste Zeit verstreichen lassen, und bei der jüngsten wird es eben so sein.«

»Das sind Dummheiten.« versetzte die Prinzessin verletzt, »du sprichst nichts als Dummheiten. So werdet ihr also nach Ivanowska kommen? Ich erwarte euch ganz bestimmt dort.«

Dieselbe oder ungefähr dieselbe Phrase ließ sich am andern Ende des Waggons vernehmen.

»So werden Sie also kommen? ganz bestimmt, ganz bestimmt,« sagten die drei Prinzessinnen zugleich, indem sie sich an die jungen Leute wandten, unter denen sich alle Kavaliere vom vorigen Abend wiederfanden, ohne den Adelsmarschall von B . . . mit seiner langen Nase, die ihn dem Don Quixote ähnlich erscheinen ließ, auszunehmen.

»Ich kann im Juli nicht fort von hier,« sagte der Graf Wostitz.

»Und ich nicht im August,« erklärte Buchanoff, obwohl die Prinzessin ihn besonders für diesen Monat eingeladen hatte.

»Und Sie, Iwan Iwanowitsch?« sagte Sonitschka, sich an Kriukoff wendend, der sich zögernd dem Waggon genähert hatte, als er sah, daß sie ihm etwas sagen wollte.

Er wollte antworten, er könne nicht kommen, weil die Prinzessin ihn nicht ausdrücklich und persönlich eingeladen, sondern sie alle zusammen aufgefordert hatte; doch er scheute sich, diese Bemerkung mit lauter Stimme vor seinen Kameraden zu machen.

»Und Sie, wann werden Sie wieder nach Moskau kommen?« sagte er, anstatt zu antworten.

»Ich weiß nicht, Mama hatte die Absicht, ins Ausland zu gehen.«

Dabei nahm Sonitschkas Gesicht einen Ausdruck der Traurigkeit an.

In diesem Augenblick ließ der Zugführer, der mit entschlossener Miene an dem Waggon vorüberging, seinen Pfiff ertönen, dem sofort der der Maschine antwortete.

»Sie versprechen es mir also? Sie werden kommen?« sagte Sonitschka, sich schnell über das Geländer beugend und Kriukoff die Hand reichend: »Auf Wiedersehen; geben Sie Acht! ich erwarte Sie!«

Er stürzte auf sie zu, drückte ihr so stark die Hand, daß sie fast einen Schmerzensschrei ausgestoßen hatte und verneigte sich schweigend mit entblößtem Haupte. Der Zug setzte sich in Bewegung.

Kriukoff betrachtete Sonitschka, ohne sich zu rühren, und diese betrachtete ihn ebenso starr, ohne darauf zu achten, daß ihre Schwestern lächelten, als sie sie angesehen, und ohne zu bemerken, daß Buchanoff seinen Kameraden Zeichen machte.

Sie sahen sich so lange an, bis sie sich aus den Augen verloren.

Der Zug war bereits in einer Wegkrümmung verschwunden, als Kriukoff noch immer unbeweglich, seine Mütze in der Hand und die Augen in die Ferne gerichtet, dastand.

»Nun Freund, du denkst nach? Worüber denn?« sprach ihn Buchanoff an und legte ihm seine Hand sich auf die Schulter.

Kriukoff zitterte und kehrte wieder in die Wirklichkeit zurück.

Alle seine Kameraden standen neben ihm und zündeten ihre Cigaretten an. Kriukoff schämte sich seiner Zerstreutheit und begann plötzlich blutrot zu werden. Er setzte seine Mütze auf und sagte:

»Im allgemeinen liebe ich die Abfahrten nicht.«

»Und im besondern, wenn . . .« sagte Buchanoff.

»Wenn eine treffliche Familie abreist,« unterbrach Kriukoff, ohne ihn den Satz vollenden zu lassen. Dabei dachte er, daß die Baretzkis, und ganz besonders die jungen Prinzessinnen, treffliche Leute waren, in deren Gesellschaft er sein ganzes Leben hätte zubringen mögen.

Als die jungen Leute den Bahnhof verließen, trennten sie sich und nahmen Fiaker, um sich nach verschiedenen Seiten zu entfernen.

Nur Kriukoff, der am andern Ende der Stadt wohnte und ärmer als die andern war, machte sich zu Fuß auf den Weg. Sein Kamerad Suchodin wollte ihn im Wagen bis nach seiner Wohnung bringen, doch Kriukoff lehnte ab; er empfand den Wunsch und das Bedürfnis, zu Fuß zu gehen und allein zu bleiben. Er fühlte, daß etwas sehr Trauriges und Bedeutendes eben in seinem Leben vorgegangen war. Dieses Unglück begriff er allein, und nur er konnte es nach Gebühr verstehen.

Sonitschka war fort, und er würde sie nicht mehr wiedersehen! Sie hatte ihn eingeladen und hoffte, er würde sie auf dem Lande besuchen, doch es war unmöglich, sich auf diese einzige Einladung dorthin zu begeben. Er hatte deutlich begriffen, daß die Fürstin, ihre Mutter, ihn nicht einzeln persönlich eingeladen hatte, wie Buchanoff und Wostitz, weil sie nicht nähere Bekanntschaft mit ihm zu machen wünschte, weil sie ihn fürchtete. Sonitschka war also für immer abgereist und er würde sie nicht wiedersehen! –

Und doch . . .?

Doch hatte sich sein Leben plötzlich verändert, seit er sie kannte, seit er gefühlt, daß sie ihn wohlwollend behandelte, und daß sie vielleicht eines Tages seine Frau werden könnte. Er hatte eine Daseinsberechtigung, ein Ziel, und fühlte, wie sein Eifer und seine Kräfte wuchsen.

Seit er mit Baretzkis Bekanntschaft gemacht, war Kriukoff mutiger, lebhafter, heiterer geworden. Er hatte zu arbeiten angefangen, hörte vollständig auf, an die Frauen zu denken und begnügte sich, von Sonitschka zu träumen.

»Und jetzt?«

Jetzt fand er sich von neuem allein, ganz allein, und tiefe Leere herrschte in seinem Herzen. Von neuem gab es nichts Helles, nichts Heiteres mehr in seinem Leben, keine Hoffnung mehr für die Zukunft.

Doch warum hatte er sie verloren? Warum hatte er sie nicht behalten? Warum hatte er sie nicht geheiratet, da sie doch so vollständig seine Gedanken beschäftigte?

Doch wie sollte Iwan Kriukoff, ein armer Student im vierten Semester, der wie ein Kind im Hause seines Vaters lebte, ein kleines Kämmerchen am Ende eines Ganges bewohnte, wie sollte er eine Fürstin Baretzki heiraten können?

War das möglich? Er hätte sie dann zu sich nehmen und mit ihr in seinem kleinen Stübchen leben müssen. Oder er müßte die Universität verlassen. Oder was? Und was hätte seine Familie gesagt, sein Vater, seine Mutter, seine Schwester?

Und Sonitschka selbst? Würde sie wohl eingewilligt haben, ihn gegen den Willen ihrer Mutter, ihrer Schwestern, ihrer Verwandten, der ganzen Welt zu heiraten? Dann mußte er sie mit Gewalt entführen und sich heimlich mit ihr vermählen. Und haben die Studenten denn übrigens das Recht, sich zu verheiraten? Dazu muß man eine Erlaubnis haben, Schritte thun, sich rühren. Wo sollte er dazu die Kräfte hernehmen? Wie und womit beginnen? Nein, nein, wiederholte sich Kriukoff, die Lage ist derart, daß es ihm unmöglich ist, sich zu verheiraten. Er war noch zu jung, er war noch nicht dazu reif.

Wie? nicht reif genug? fragte er sich. Warum ist er noch zu jung, da er sie doch liebt und zwar leidenschaftlich liebt? Nun fühlt er, infolge dieser Luft und dieser Frühlingssonne, infolge dieses Überschusses an Kräften, wie der Atem in der Brust aussetzt, und er weiß und fühlt zugleich, daß nur Sonitschka allein, daß nur ihre Anwesenheit ihn beruhigen und beleben kann. Sollte das nur eine einfache Thorheit sein, die Frucht des Müssigganges und der Phantasie? Kann man leben, ohne an eine Frau zu denken? Vielleicht ist es möglich zu leben, aber wie, warum? Was wird ihm bleiben? Seine Familie, deren sämtliche Mitglieder ihr egoistisches Leben führen, ohne sich um das zu kümmern, was die andern thun; die Universität, die Studien, die Kameraden! Seine Studien sind ihm, mit wenigen Ausnahmen, eine Qual; unter seinen Kameraden hat er nicht einen Freund, nicht einen intimen Freund, wie er es gehofft; alle haben verschiedenartige Ideen, Gewohnheiten, haben nichts mit ihm gemein. Die Musik? Ja, gewiß; das ist das einzige, was ihm bleiben wird, was ihm ein bischen Glück bringen wird, ein bischen Freude und ein bischen Trost.

Er wird sich eifrig während des Sommers damit beschäftigen, wenn seine Examina beendet sind. Doch Sonitschka? Muß er sie wirklich vergessen? Kriukoff empfindet bei diesem Gedanken einen grausamen Schmerz.

Er ging mit schnellem Schritte durch die wohlbekannten Straßen, indem er hier und da über Schmutzpfützen zwischen den Trottoirs sprang. Düstere Gedanken wälzten sich stürmisch in seinem Kopfe.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.