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Ein Präludium Chopins

Leo Lvovich Tolstoi: Ein Präludium Chopins - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorLeo Tolstoi Sohn
titleEin Präludium Chopins
publisherHugo Steinitz Verlag
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid9953652b
created20070410
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II.

Bald darauf wurde eine Mazurka gespielt. Kriukoff tanzte sie mit einem Fräulein Radewski, einer großen häßlichen Person. Er beschäftigte sich wenig mit seiner Dame und war sehr zerstreut; auch verließ er Sonitschka, die den Kornet Buchanoff zum Kavalier hatte, nicht mit den Augen.

Dieser Offizier mit seinem kleinen hochgebürsteten schwarzen Schnurrbart und seinem unverschämten Blick mißfiel Kriukoff, der schrecklich eifersüchtig auf ihn war, im höchsten Grade. Er wußte außerdem, daß dieser Buchanoff am vorigen Abend sich mit einer höchst gemischten Gesellschaft Studenten und andern jungen Leuten in die gemeinsten Spelunken begeben und dort die ganze Nacht zugebracht hatte. Sie waren dorthin gegangen, als sie von Bjelikoff kamen, wo sich auch Kriukoff befunden, und wo man sich mit Trinken und Spielen beschäftigt hatte.

Doch Kriukoff selbst rührte die Karten nie an, trank nicht und besuchte namentlich derartige Orte nie. Erstens hatte er dazu kein Geld, und dann hielt er sich auch, selbst wenn er welches gehabt hätte, wenn er zu Kameraden ging, die ihn, wie Bjelikoff, einluden, stets etwas zurück und nahm an ihren Ausschweifungen nicht Teil. Nicht, daß seine Prinzipien ihn vom Wein, den Frauen und dem Spiel fernhielten; aber er empfand nur Ekel vor diesen Arten von Vergnügungen und fürchtete und vermied instinktiv alles, was schlecht war. Seine Kameraden hänselten ihn manchmal seiner Tugend wegen, doch sie bestanden nicht allzu sehr auf seiner Beteiligung, und wenn er sich einmal geweigert hatte einen ihrer Streiche mitzumachen, ließen sie ihn in Ruhe, weil sie wohl wußten, daß sie doch nichts bei ihm durchsetzten.

»Da ist nun dieser Buchanoff,« dachte Kriukoff jetzt mit einer Bosheit und einem Haß, die ihn förmlich erstickten – »da ist dieser schmutzige kleine Offizier, der sich die ganze Nacht im Schmutz herumgewälzt hat und macht Sonitschka, seiner Sonitschka jetzt den Hof. Er neigte sich zu ihr, atmet dieselbe Luft und betrachtet ihr Gesicht. Woher hat er diese Kühnheit, diese Unverschämtheit?«

Und Kriukoff quälte und verzehrte sich in eifersüchtiger Wut über diesen anscheinend auf seine Schönheit und seine unbesiegliche Macht so eingebildeten Offizier. Er hätte sogleich, im selben Augenblick erzählen mögen, wer dieser Buchanoff war und was sich hinter seinem feinen Schnurrbart und seiner gewölbten Brust verbarg.

Gleichzeitig hatte er bereits ganz deutlich mehrere Male bemerkt, daß die Fürstin Baretzki mit befriedigtem Lächeln nach Sonitschka und ihrem neuen Kavalier herübergesehen hatte.

»Gewiß, was braucht sie denn einen anderen Bräutigam für ihre Tochter? Buchanoff hat alles, Stellung, Vermögen, und sogar äußere Erscheinung.«

Kriukoff war so erregt, daß seine Hände zitterten.

Nach der Mazurka wurde das Souper serviert. Sonitschka saß noch neben Buchanoff, sehr weit entfernt, am andern Ende des Saales. – Kriukoff verließ sie nicht mit den Augen.

»Was beschäftigt sie denn so sehr an dieser Tafel?« fragte ihn plötzlich Fräulein Radefsky in wohlwollendem Tone. – »Sie scheinen sich für die junge Prinzessin sehr lebhaft zu interessieren.«

»Gans« wollte ihr Kriukoff antworten, doch er beherrschte sich und sagte:

»Ach nein, ich sehe nur, ob es keinen Salat giebt.«

Endlich ging das Souper zu Ende und ihm folgte sofort der Kotillon, der letzte Tanz des Abends. Die Qual Kriukoffs ging zu Ende. Er tanzte von neuem mit Sonitschka, und als er sie unter den Arm nahm und auf ihren Platz führte, den sie in einer Ecke des Saales einnahmen, fühlte er, daß er neu auflebte.

Doch in den ersten Augenblicken wußte er nicht, was er ihr sagen sollte.

Als sie saß, neigte er sich zu ihr und murmelte:

»Prinzessin, sie wissen nicht, wie ich eben gelitten habe . . .«

»Weshalb?«

»Warum haben sie diesem Buchanoff die Mazurka zugesagt?«

Sie war sehr überrascht, denn sie erwartete jedenfalls nicht solche Reden und erwiderte ihm lebhaft:

»Ich konnte nicht anders; ich mußte sie ihm zusagen. Er hatte mich vor drei Tagen bei unserm Empfange dazu aufgefordert. Ich bedaure sehr, daß es Ihnen unangenehm ist, doch bitte ich Sie, zürnen Sie mir nicht!«

»Ich zürne Ihnen nicht, doch ich litt so sehr, als ich Sie so nahe bei ihm sah.«

»Warum? Er plaudert viel.«

»Weil . . .« Kriukoff zögerte, sagte dann aber schließlich:

»Weil sie rein und gut sind, und es mir nicht gestattet ist, ihnen zu sagen . . .«

Er sprach die letzten Worte mit solcher Wärme, daß sie sich unwillkürlich nach ihm umwandte und ihm starr in die Augen sah.

»Und Sie?« fragte sie ihn plötzlich mit ernster und nachdenklicher Miene; »sind Sie wie ich oder wie er?«

»Wie Sie!« versetzte Kriukoff, dessen Gesicht sich purpurrot färbte, leise.

Sie sah ihn wieder mit zärtlichem und dankbarem Blicke an, drückte ihm lebhaft die Hand und sagte, sich erhebend, in heiterem Tone: »Gehen wir!«

Das war der Anfang einer allgemeinen Mazurka.

Es war 3 Uhr Morgens, als die Gäste sich entschlossen von der Gräfin Truboff Abschied zu nehmen.

Die jungen Leute näherten sich zuletzt alle zusammen der Frau des Hauses und ihrer Schwester; die drei Prinzessinnen saßen jetzt neben ihnen im Salon, müde und etwas blaß. Der Graf Truboff, ein kleiner alter Herr mit grauen Haaren, saß ebenfalls auf einem Divan und schien sehr befriedigt darüber, daß er den ganzen Abend Whist gespielt hatte.

»Sie gestatten, daß ich Sie morgen zum Bahnhof begleite?« fragte Buchanoff, der vor den andern stand, indem er sich zu der Prinzessin wandte. Hinter ihm kamen der Graf Wostitz, der Adelsmarschall von B . . ., dann Bjelikoff, Suchodin, der Fürst Palytsim und Kriukoff, diese vier letzteren waren Studenten; nur Kriukoff war nicht im Paradeanzug.

»Wir werden uns sehr freuen,« sagte die Prinzessin – »und meine Töchter ebenfalls. Der Zug geht um 12 Uhr. Es ist schon alles eingepackt und wir brauchen nur noch abzureisen.«

»Wir werden schrecklich ›weinen‹,« erklärte der Graf Wostitz scherzend, indem er sich den Schweiß von seinem hochroten Gesichte wischte. (Er hatte den Kotillon mit der Prinzessin Marie, unter großer Erregung ihrer Mutter, getanzt).

»Das hängt von Ihnen ab, ob sie ›weinen‹ oder nicht,« sagte die Prinzessin zweideutig. Die jungen Leute küßten nacheinander der Gräfin und der Prinzessin die Hand, verneigten sich vor dem alten Grafen Truboff und den jungen Prinzessinnen und verließen den Salon.

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