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Ein Namenloser

Gustav Sack: Ein Namenloser - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Sack
titleEin Namenloser
publisherS. Fischer-Verlag
printrunErste bis fünfte Auflage
year1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141010
projectid2b44a4c6
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Ein Namenloser

Etwas Grauenhaftes ist ausgebreitet, klanglos lichtlos – eine finstere Häufung erboster Atome. Hier zu kompakten, ruhlos in sich rasenden Klumpen verfilzt, dort von einander sich reißend, flüchtig, eins des anderen Feind. Wahllos stößt und bebt und kreist und zittert und wirbelt das Durcheins in schauriger Sinnlosigkeit. Wohl schlagen die von einander sich reißenden, flüchtigen, die eins des anderen Feind sind, zuweilen in fieberndem Rhythmus hin und wider und als rasende Welle pflanzt sich ihr zitterndes Fieber fort und bringt die kompakteren ruhlos in sich rasenden zu größerem Rasen. Wohl flüchten rollende Punkte, die jene anderen rastlos umkreisen, wie eine gehetzte Schar von hier nach dort, von dort nach hier und bringen den Tanz des Chaos zu größerem Chaos. Wohl stößt und prallt und kreist und rollt und zittert und strömt das in sich unentwirrbar schier, jedes der Kreisenden, der Gehetzten, der Wirbelnden, der Gestoßenen und Stoßenden nach seinem Gesetz und seiner Art. Wohl weiß ich die Formel dafür, wohl kenne ich ihre Geschwindigkeit, ihren Weg und ihr Gewicht und weiß, wie ihr Wirbel und Zusammenhang war und sein wird – aber es ist Finsternis und Schweigen, finsterster, schweigendster Wahnsinn. Und einst nimmt auch dieses, die Mannigfaltigkeit der Schwingungsgeschwindigkeit der einzelnen, ein Ende und es ist nichts denn ein rätselhaft grauenhafter Klumpen voll Gleichartigkeit, von ruhlos gleichartig zitternder Globen, klanglos, lichtlos, zeitlos, der lebende Tod. Denn die Formel weist t = unendlich und die Intensitätsunterschiede sind hin. Die Entropie hat ihr Maximum, zu dem sie strebte, erreicht.

Das ist deine Welt. –

Aber sie genügt mir nicht; denn, abgesehen von der Unbegreifbarkeit der Atome und der Entstehung des Bewußtseins aus der Bewegung dieser Atome, stellt die Mechanik und Atomistik, mittels derer ihr eure Welt eindeutig beschreibt, nur eine Seite des Unergründlichen dar. Ihr benutzt formaloptische und Tastempfindungen – haben die ein Vorrecht vor den Empfindungen des Gehörs, des Geruchs und des materialoptischen Sehens? Sie sind ebenso berechtigt, die Grundlage eines Weltbildes abzugeben. Ihr redet vom topochemischen Sinn: wieviel mehrere solcher Sinne mag es geben und damit wieviel mehrere Seiten der Welt? – Und sollte ich alle, sollte ich ihre Unzahl kennen, so bliebe damit meine Welt immer nur eine Sinnenwelt, eine Vorstellung und ein Bild, ein Bild, das meine abstrahierenden und ordnenden – an und für sich aus bestimmten Verhältnissen heraus gewordenen – Denkformen aus dem Material der Sinnesempfindungen geschaffen haben. Und über dieses Bild, über dieses Produkt meiner Organisation und des ebenso unergründlichen Außer-Mir, komme ich nicht hinaus. Und wer überhaupt berechtigt mich, kausale Beziehungen zwischen diesem Bild und meinen Sinnen und jener Außenwelt aufzustellen, wer beweist mir die Gültigkeit einer transzendenten Kausalität?

Aber ich bleibe bei meinem Phänomenalismus stehen, trotzdem ich weiß, daß er als korrelativen Begriff den der Substanz fordert, des Dinges an sich. Aber dieses Ding an sich ist ein logisches Unding: wenn Alles im letzten Grunde x ist, so kann dieses x nur bestehen durch seinen Gegensatz zu einem y. – aber dieses y soll wieder gleich x sein. Und versteige ich mich zu jenem extremen Idealismus und nenne das Allem Zugrundeliegende Geist, Wille oder umfassendes Bewußtsein, so begehe ich den gleichen logischen Fehler. Wie komme ich da heraus? –

Aber auch lachend und brausend wälzt sich die Welle mit grünlichem Gischt zu mir, als schimmernder Kegel schleudert sich der Sonne Licht strahlend vom spiegelnden Meer in den Raum zurück, und Klänge, wiegende Klänge, zuckt nicht und tanzt nicht mein Fuß? umfluten umflattern mich, ein Duft überfällt mich, ein betörender betäubender, es knirscht der Sand und ein Leib preßt sich an mich, zwei harte Brüste und ein blondes Gelock, da wende ich mich – – –

Blitzte das? Brennt die Welt?

Ich will von meiner Liebe schreiben, von meinem Sommer neunzehnhundertundzwölf.

Aber sei stark mein Herz und bleibe kühl mein Kopf, dann taucht sie zu sichtbar wieder auf vor euch mit ihrem Haargezottel von Gold und ihren Augen von Amethyst, dann flutet mein Blut, dann breiten sich meine Arme und meine Augen brennen und bitten – –

 

Claire hieß sie, war zwanzig Jahr, blauäugig und blond und ihr Gesichtchen geschnitten zart wie das einer Gemme; ich aber trug damals den Rock der Füsiliere. Und der und mein braunes Gesicht hatte es ihr angetan und meine Keckheit, mit der ich sie am ersten Abend dem Anderen nahm. Aber weswegen flackerte ihr Auge auf und brannte sogleich in meinem fest, so fest, daß mein bleicherer Freund mich bat: Sieh sie doch nicht ewig an, du hast doch die andere!

Die andere war ihre Schwester, die eine Freundin für diesen Abend hatte mitbringen müssen.

In der Nacht, die diesem in roter Trunkenheit endenden Abend folgte, stahl sie sich den ersten Kuß. Einige Tage später, es war um Ostern, fuhr ich in die Heimat.

Hier verdrängten meine Brüche und Heiden ihr Bild. Nur, daß ich meinen Bäumen, meinem mürrischen Wacholdern und vergrämten Moorbirken fremder in die Augen sah. War es so, weil ihr mächtiger Bruder, das Meer, mich wieder angesprochen und angebraust hatte, oder zürnten sie mir, weil ich wieder im Begriff stand, mit meiner Liebe zu den Menschen zu gehen? Ich trug so oft mein nacktes Herz ratlos zwischen beiden hin und her und es war viel Zürnens, viel zärtlicher Eifersucht und viel Versöhnens zwischen uns.

Als ich zurückgekehrt war und zu unserem ersten Stelldichein ging, hatte ich das Gefühl, als schöbe hinter mir eine Riesenfaust. Nicht wie nachher, wo ein Seil zwischen uns gespannt schien, an dem wir uns näher, immer näher zu einander zogen, nein zwei Fäuste wie Felsen stießen uns auf einander zu und aus den niedrigen Abendwolken lugte das Gesicht des Riesen. Doch als ich sie kommen sah mit ihrem wiegenden, losen und schlenkernden Gang – siehe! da zitterte schon das Seil und beflügelten Schrittes, liefen wir nicht? eilten wir an ihm auf einander zu. Bis ich, ich nehme gerade die grüßende Hand von der Mütze und strecke sie ihr entgegen, zurück geschlagen werde. Wie eine feuchtwarme Luft prallt etwas gegen mich und preßt die Lunge – aber sie sieht mich fragend an, da reiche ich ihr die Hand:

Wie schön, daß du kommst. Wie gut von dir.

Stieß mich ihr fahl vom Lampenlicht beleuchtetes Gesicht zurück? Oder war es ihre unfreie Art der Begrüßung? Denn Claire kommt in einem kleinen Winkel auf einen zu und schlenkert mit den Armen und bewegt merkwürdig den hübschen Kopf und sieht, wenn sie die Hand reicht, an einem vorbei. Aber ich will ironisch sein und von meinem warnenden Guten Geist reden – ist doch die ganze Wissenschaft Ironie! Der Gute warnende Geist ist ebenso Forderung und Schöpfung des Gefühls als es Moleküle und Dynamiden sind. Was reden wir von ihnen, als ob wir an sie glaubten, und glauben doch nicht an sie?

Wir sagten ein paar dumme Worte; jedes erste Wort bei der Begrüßung ist dumm: wir wollen Zeit haben, uns in uns zu verkriechen und den Mitmenschen hervorzukehren. Dann nahm ich ihren Arm und ging mit ihr in ein Café. Hier setzten wir uns in eine verschwiegene Ecke, und Claire erzählte. Und erzählte mir, daß ich der zwölfte oder dreizehnte ihrer Liebhaber sei. Und nach diesem Geständnis legte sie ihre Hand auf mein Knie und lehnte den Kopf an meine Schulter und schmeichelte:

Weswegen soll ich dir nicht die Wahrheit sagen?

Hielt sie mich für unerfahren und war schon so klug, um zu wissen, daß Mädchen solcher Art auf Neulinge den berückendsten Eindruck machen? Oder kokettierte sie mit der frivolen Weise, mit der sie ihre »Verdorbenheit« eingestand? Oder hatte sie mich lieb und wollte gleich am Anfang reine Bahn zwischen uns schaffen? War es ein Gemisch von diesen Drein?

Aber sie bezauberte mich und sah, wie sie mich bezauberte, und schnitt nun auf und ich ließ es an ähnlichen Beichten und Märchen nicht fehlen und hatte noch größeren Erfolg, denn ich erzählte raffinierter. So zeigten wir uns unsere schlechtesten Seiten, gaben uns interessanter als wir waren und verliebten uns immer mehr dabei.

Es war früh und noch nicht Mitternacht, als ich die entscheidende Frage tat; und mich gleich über meine Plumpheit ärgerte. Es klang so roh in unsere Verliebtheit hinein und sie antwortete nicht darauf, sie ging ja von selber mit.

Ich liebe diese schweigsamen Heimwege mit ihrem kleinen Bangen und zagenden Erwarten. Es liegt ein so prickelndes Gefühl von etwas Verbotenem, von Sünde darin – und wen von uns reizt, isoliert und erhebt nicht das bloße Wort Sünde schon? Hätten wir mehrere solcher angenehmen Atavismen!

Aber als ich frühmorgens, da die Sonne noch schlief, zur Kaserne ging, war mir die kleine Blondine gerade nicht zuwider, ich wußte schon, daß ich nicht so leicht von ihr lassen konnte, aber es war mir, als sei ich etwas enttäuscht. Hatte ich sie noch interessanter erwartet? Doch nach den ersten Turn- und Exerzierstunden sah ich das Ereignis mit anderen Augen an; mein Körper war froh und leicht, ich war ihr dankbar und dachte mit verliebtem Lächeln an sie. Und dieses verliebte Lächeln sah man in der Folgezeit öfter um meine Lippen. –

»Eßt, trinkt und liebt, denn alles andere
ist keinen Stüber wert,«

sagt Sardanapal und der Übersetzer schreibt: Tut, was euer Magen euch befiehlt – ihr könnt nicht anders; folgt dem, zu dem die Gattung euch treibt – ihr könnt nicht anders; und dann trinkt, auf daß ihr beides vergeßt. Und alles andere, was keinen Stüber wert ist, das ist auch nur ein vergeistigter Betäubungstrank. Eßt, liebt und trinkt! Das ist eine Welt!

Doch sollte man sie zuweilen nicht fast lieben gerade wegen dieses Betäubungstrankes?

Der Frühling kam und nach beendetem Dienst wandelte ich mit ihr in sein Kommen hinaus. Unter verliebtem Geplauder und verliebteren Dummheiten nahmen wir das Knospen und Drängen, das ahnungsvolle Klopfen und süße Pulsieren des ungeborenen Sommers in uns auf. Je blauer der Himmel und je duftiger der Hauch einer erwachenden Birke, um so verliebter sahen wir uns in die Augen, und je verliebter wir uns in die Augen sahen, um so blauer war der Himmel und um so duftiger der Hauch jener Birke. Wir waren der verkörperte Lenz, wir dachten der Nacht, die vergangen, und sehnten uns nach der kommenden, aber unser Geplauder blieb harmlos wie das zweier verliebter Bachstelzen.

Aber sobald die Lampen brannten und wir unter Menschen waren, war es aus mit unserem Bachstelzenidyll. Dann war sie das kleine Dirnchen, frivol und pervers, und hinter ihren lüsternen Augen saß der – Haß. Das war wie eine schwüle Gewitterluft, wir hatten uns maßlos gern und wußten uns durch Gleichgültigkeit und Eifersucht nicht genug zu quälen; das war ein wollüstiges Schweben zwischen Bissen und Tränen. Wir jammerten über das Leid, das wir uns antaten, aber dieses Leid tat uns so wohl. Und unsere Nächte wurden wild. Da verschwand das verliebte Lächeln, das man in den ersten Dienststunden auf meinen Lippen zu sehen gewohnt war, meine Augen glühten müde und ich dachte den ganzen Tag mit unruhiger Sehnsucht an sie. –

An einem Abend aber, da draußen ein warmer Regen fiel und der Wind von Süden kam, lag sie müde und gebrochen in ihrem Stuhl, ihre Stimme war weich und tief und es dünkte mir, als leuchte auch ihr Haar weniger keck. Sie sah mich mit ihren blauesten Augen an, stützte langsam den Kopf in die Hand und fragte mich:

Sage, Liebling, was hast du eigentlich an mir? Weswegen hast du mich so lieb?

Ich habe dich nicht lieb.

Nein, laß das heute. Weswegen hast du mich so lieb?

Nun, ich habe dich eben lieb.

Weswegen?

Weswegen hat man wohl ein Mädchen lieb?

Du hast doch schon mehrere lieb gehabt. Weswegen gerade mich so sehr?

Ich habe dich nicht lieber als andere.

Doch! Doch! Du hast mich über alles in der Welt lieb.

Ich habe dich lieb, weil du unglücklich bist, Liebling!
weil du, versteh mich recht, gerade nicht unglücklich, aber doch anders als die anderen Mädchen bist. Ich denke dann, wenn wir uns länger kennen, kann ich dir sagen, was mich quält, und es tut wohl, einem sein Herz ausschütten zu dürfen, von dem man weiß, daß er auch nicht immer auf Rosen lag. Vielleicht ist es das, vielleicht auch nicht. Das weiß man ja nie genau.

Doch, das weiß man.

Das weiß man nicht. Wenn ich dich nun lieb habe, weil du oft so widerspenstig bist und dann wieder alles tust, was ich will? Aber vielleicht liebe ich dich nur, weil ich dich einem Anderen weggenommen habe.

Aber sie schüttelte den Kopf und lächelte in sich hinein. –

Wir wollen nun gehen. Und nimm es mir nicht übel, wenn ich dich nicht ganz heim begleite. Ich muß morgen früh zum Dienst.

Du! Ich geh mit dir!

Da lachte ich und küßte sie und wir – stolperten heim. – –

Es dämmert und die Kompagnie steht auf dem Kasernenhof und der Feldwebel vor ihr und flucht mit meinem Korporal; ich aber bin auf der vierten Korporalschaftsstube, bleich und mit einem verliebten Lächeln um den Mund, noch umhüllt von dem Duft ihres Körpers und versunken in die Liebkosungen der Nacht. Mein Putzer schnallt und gürtet an mir, wir gehen hinunter und die Kompagnie rückt ab.

Wo magst du sein? Schläfst du noch? Nachmittags soll ich dich beim Rückmarsch sehen – wo denn noch?

Aber die Gedanken verwirren sich, werden wirr, verfliegen und Bilder beginnen zu gaukeln. Zerwühlte Kissen und weiße Hüften –. Doch auch die Bilder verwirren sich, werden wirr, verfliegen. Aus den flüchtenden klingt ein Schrei so hell, er echot, hallt matt und matter, schwillt leise aus ferner ferner Ferne an und klingt und stirbt. Und jetzt umflutet ihn das Gefühl, bildlos wortlos – o du süße tief gesättigte Ruh! Ein Duft umflattert ihn noch, ein nicht bestimmbarer, süßer, zuwidrer –. Die langen Reihen der Helmspitzen pendeln taktmäßig hin und her, auf und nieder wogen die Tornister und gelbbraunen Zelte – Helmspitzen, Zelte – o du goldbraune purpurne Nacht!

Da hält die Kompagnie, er prallt auf den Tornister seines Vordermannes, sein Helm kollert zur Erde und er erwacht.

Die Marschpause ist hin, der Marsch geht fort – ja wo geht er denn hin? Wie ein blauschwarzes seidenes Riesentuch liegt zu meiner Rechten die See und trägt braune und silberne Segel, und die Möwenschwärme sind wie weiße auf und nieder tanzende Staubpunkte auf ihm.

Da liegst du unsterblich und selbstgewiß in dir wie ein Gott und bist doch wie ein ruhloses Raubtier über die Erde gebraust. Kein Ort, und wäre es der Mount Everest selbst, auf dessen Schnee die Ewigkeit zu wohnen scheint, wo du nicht einmal in deiner blauen Herrlichkeit träumtest und glaubtest zur Ruhe gekommen zu sein. Aber eine Stunde einer größeren Weltenuhr schlug und wie ein nicht zu sättigender Feind rolltest du fort und warfst dich gierig über ein anderes Land. Wie nah fühl ich mich dir! Ich wanderte und wanderte und ruhte hier und dort und träumte für Sekunden einen blauen Ewigkeitstraum, dann riß es mich weiter ruhelos wie der Hunger das Tier. Aber das waren klingende berauschende Worte, in denen ich meine kurze Rast und Ruhe fand, das waren stolze und in die Ewigkeit langende Formeln – und nun vergaß ich mich und in einem Dirnchen verlor ich mich. Ein offener Busen und ein lüsternes Lächeln, das ist nun für mich die Rast und das seidenweiche Faulbett, auf dem ich die Welt vergesse. Ich weiß und lernte es immer gewisser mit der Zeit, daß kein dauernder Rastort für mich gebaut ist, aber ich will mich nicht schlafen legen in einem Proletariertrieb, in einer Herdenlust – ich trenne mich von ihr! –

In Schützenlinien lagen wir und beschossen Kopfscheiben, die sich undeutlich vom Boden abhoben, hinter ihnen gleißte weißer Dünensand und wogte das Meer. Tief sog ich die salzige Meeresluft ein und schoß niemals so gut wie damals in Elsenhorst.

Sandwolken und Spritzer fuhren zwischen den Zielen auf, die Luft ward zerschlagen von dem harten peitschenartigen Geknatter, durch das singend die Geschosse schwirrten, in den Pausen aber wogte und brauste die See. Und Claires Bild sank und sank, ich dachte nicht mehr an Trennung, ich war schon meilenweit von ihr fern.

Eine Barke tauchte am Horizont auf, über die Dünen hinweg hielt ich auf sie hin. Der Knall verschwand zwischen den übrigen, aber hoch über die anderen erhob sich das Geschoß – wo flog es hin?

Wie die Barke an ihrer Stelle stehen blieb still wie ein fernes Gespenst und ich nicht weiß, ob meine Kugel sie erreicht oder wohin sie sich verirrt hat, so steht auch fern wie ein Gespenst das Ziel, auf das mein Sehnen fliegt: sei frei!

Ob mein Pfeil es erreicht, oder vorbei ins Leere schwirrt und kraftlos in die Wasser fällt, – was geht's mich an! Die Richtung war da und meine Sehnsucht flog. –

»Morgen marschieren wir
zu dem Bauer in das Nachtquartier.
Wenn ich werde scheiden,
muß mein Mädel weinen
und wird traurig sein.«

Laut und metallisch klingt es und taktmäßig hallen die Schritte. Die Spaten und Seitengewehre klappen, in den Feldflaschen gluckst es ab und zu, taktmäßig ab und zu und die Helmspitzen schwanken nach links, nach rechts, die Tornister wogen auf, wogen ab –

wenn ich werde scheiden,
muß mein Mädel weinen
und wird traurig sein.

Das ist das Schöne auf diesen Märschen, daß man keinen Gedanken halten kann. Immer wieder muß man ihn einfangen, immer wieder entschlüpft er und schließlich ist er fort. Der Tornister zieht und zerrt, der Schweiß tropft, in gleichmäßigen Abständen Tropfen um Tropfen von der Stirne über den Nasenrücken herab. Dort hängt er und schaukelt und gleißt bald wie ein wasserheller Hyalith, bald wie ein gelblicher Karneol. Dann schiebt sich die Unterlippe vor, die Brauen ziehen sich zusammen, die Stirne kraust sich, ein energischer Hauch und er zerstiebt und zersprüht. Und das wiederholt sich fort und fort, die Füße brennen und die Zunge klebt – aber der Gedanke ist fort.

– wenn ich werde scheiden,
muß mein Mädel weinen
und wird traurig sein.

Das geht immer fort, das klingt mir nicht nur im Ohr, das senkt sich durch alle Poren ins Fleisch und durchdringt rhythmisch den ganzen Leib. Und wenn brütende Stille über den schwankenden Helmen und arbeitenden Lungen liegt, nur der schlurfende hallende Schritt, das Knarren und Klappen der Montur uns stumpf begleitet, wenn erst zaghaft einer, dann einfallend laut und metallisch der ganze müde Trupp ein anderes Lied anstimmt, mich durchdringt und durchpulst nur:

– wenn ich werde scheiden,
muß mein Mädel weinen
und wird traurig sein.

Das zaubert in mir zusammen mit Durst und Müdigkeit, dem vorwärts drängenden Gefühl, in das jeder Entschluß körperlich ausklingt, und den Nachwehen der Nacht eine schwermütig-sehnsüchtige, mich mit ihrer Schwermut und Sehnsucht süß berauschende Stimmung hervor.

Vor uns an einer Wegebiegung blinkt es in der Sonne, stechend prallen ihre Strahlen von den gelb geputzten Hörnern – ein kurzes Halten und ein kurzes Verschnaufen, und weiter geht es, die Musik spielt und die Beine fliegen.

Da steht sie mitten auf dem Weg und weit vor der Stadt; die Zeit wurde ihrem unruhigen Herzchen lang, da kam sie uns entgegen – nun winkt sie und lacht und glüht mich an! Da ist alles verflogen, zerstoben und das Ziel in alle Winde zersprüht. – –

»Ich weiß nicht, was ich könnte sein, doch fühl ich,
ich bin nicht, was ich sollte sein.«

Dieses Wort, auch von Sardanapal, hing mir, als ich nach dem Bade mich mit der Wollust der großen Müdigkeit in meinen Kissen streckte, an und ließ den Schlaf nicht zu mir kommen. Da nahm ich ein Buch, für das gerade in diesen Tagen die Zeitungen das große Tamtam schlugen, und versuchte zu lesen. Und während ich die Buchstaben mechanisch zu Wörtern und Sätzen zusammenstellte und diese sinnlos und fremd in die Unendlichkeit an mir vorüber trotten ließ, ward ich mir in tiefster Seelenruhe bewußt, daß mein Entschluß von Elsenhorst zusammengestürzt und der Pfeil meiner Sehnsucht wieder in den Wassern versunken war. Würde ich ihn noch einmal aufnehmen und ins Blaue senden? Aber mich bekümmerte das wenig, ich ließ es geschehen sein und war durchdrungen von der Unschuld des Fatums.

Auf der läuferbelegten Treppe glaube ich Schritte zu hören, leise, Diebsschritte, auf Spitzzehn – und ich wundere mich gerade über mich, daß ich ihr Kommen so wenig verwunderlich finde, da klinkt sie rasch die Türe meines Wohnzimmers auf, stutzt und sieht sich in dem leeren Zimmer um und wirft sich dann lachend über mich.

Aber Claire!

Du, ich konnte doch nicht anders! Und du am hellen Tag im Bett?

Als ob du das nicht gewußt hättest.

Sie sieht mich mit einem bösen Blick an, dann streift sie mein Nachthemd zurück und betrachtet ernsthaft die rosafarbenen Ellipsen, die ihre Zähnchen in meine linke Schulter gebissen haben. Und diese, meine Augen und meinen Mund bedeckt sie mit stürmischen Küssen und ich kann es nicht hindern, daß sie sich entkleidet und zu mir schlüpft. Ich will noch schelten und zürnen, aber sie preßt ihren warmen Körper in meine Arme und erstickt mein Zürnen und Schelten in ihrem roten Blut. Die Sonne sah weg und ging hinter die nächsten Dächer, und als sie mit ihren gelben und meergrünen Pinselstrichen über den Himmel fuhr und braune und goldrote Kleckse auf ihn warf, verließ mich Claire. Ich aber kam mir in dem Augenblick armseliger vor als der Straßenpflasterer da unten, über dessen ruhlos ödes Geklinke wir uns eben noch geärgert hatten.

Dann kleidete ich mich in mein bestes Extrazeug und verließ, eine Zigarette zwischen den Lippen und ein sorgloses Lächeln um den Mund, meine Wohnung. Ich hatte beschlossen, mich am Abend in Likören zu betrinken; die geben den schwersten Rausch und schlagen einen wie mit weichen Beilen zu Boden.

Ich bin so oft berauscht gewesen, wie der Schaum am Champagnerkelch war ich trunken; und war nüchtern wie der Fisch im kältesten Bergbach; ich habe gehaßt mit der Ausschließlichkeit und Wucht des sinnlosen Triebes und habe in wissenden Stunden diesen Haß glühend genossen; ich habe geliebt mit der brutalsten Gier und ein anderes Mal mit dem delikatesten Bewußtsein und Selbstgenuß; ich bin großmütig gewesen wie ein Tor und neidisch wie ein hungriger Hund, ich habe in einigen kurzen Minuten rauschlos in einem purpurnen Strudel des Glücks geschwommen und habe, öfter als ich es wissen mag, in wortloser Verzweiflung vor den Toren des Todes gestanden, und habe mich dann aus all dem Fremden, das mich zerdrücken und zerquetschen wollte, emporgerissen, wie von den braunen Riesenschwingen eines Adlerpaares getragen in einen Himmel der blauesten Poesie, in ein Elysium der süßesten Narkotika; ich habe in allem Wissen umhergetastet und bin an manchen Stellen bis auf den Grund getaucht – ach! die Meere waren seicht – und was ich aus alledem mitgebracht habe, ist das, daß ich gelernt habe, daß wir in einem Meer von ewigen Rätseln und Unergründlichkeiten schwimmen. Wir sind nichts denn ein Blitz in der Nacht, der einen kleinen Umkreis in ein fahles trügerisches Licht taucht. Was er da fahl und verschwommen und übergrell mit seinem Lichte beleuchtet, mit seinem Lichte schafft, das ist unsere Welt. Wir haben nichts, wir sind nichts als diese blitzartig auftauchenden Bilder. Und in ihnen ist keine Schuld und keine Güte, kein Schön und Häßlich, sie kamen so wie sie kommen mußten. Und daß wir die Fähigkeit haben, wir Schaum vom Schaume der Wellen, diese Bilder in der Erinnerung wieder zu schaffen und an ihnen weiter zu leiden, daß wir nicht vergessen können und dabei von einem wilden Hunger nach dem Wissen eines zureichenden Grundes für alles dieses gepeitscht werden, das ist unser Privileg und grundlosestes Leid.

Es ist einsam um mich und ich muß weiter von meiner Liebe erzählen, Bilder an Bilder reihen – mögen die Menschen sie nennen, wie es ihnen beliebt, sie sehen sie durch ihre Brille und lügen ihre eigene Schönheit oder ihren eigenen Schmutz hinzu – o meine Bilder! ihr seid jedes für euch eine Welt, ihr taucht auf wie ein Blitz und leuchtet eine Sekunde lang, um dann wieder in die Nacht zurückzusinken, aus der ihr gekommen seid und wiederkehren werdet. –

Während ich mich nun von weichen Rauschbeilen tiefer und tiefer ins Bodenlose hämmern ließ, ging Claire mit ihrer Freundin in ein Tanzlokal; dort fragte man sie, wo ich wäre.

Der ist wie alle, der gebraucht dich nur zu seinem Vergnügen. Seinem Herzen bist du nichts; bilde dir nur nichts ein.

Da starrte sie die Fragerin mit großen Augen an und ging fort, bleich wie der Kalk an der Wand.

Diese kleine Geschichte erzählte mir am nächsten Morgen, an einem Sonntag, einer meiner Kameraden, mit denen zusammen ich auf die Ausgabe der Parole wartete. Da stürmte ich fort und ließ Parole Parole sein, denn Dinge, die mir ans Herz gehen, muß ich mit mir zwischen Bäumen und Wolken abmachen.

In noch jungen Jahren wurde sie von ihrer neidischen Schwester verführt und skrupellos wurde dann die Frucht, die sich so leicht hatte pflücken lassen, fortgeworfen. Aber da sie arm war und keine tröstenden Phrasen und Gefühlchen gelernt hatte, tröstete sie sich weiter durch den Genuß. Und daß sie, als sie vorsichtiger wurde und ein »festes Verhältnis« begann, dem typischen Lumpen in die Hände fiel, ist auch die Regel. Und daß jener, als sie Mutter werden sollte, zu seinen Geschlechtsgenossen ging und sie bat, für ihn den gewissen Meineid zu leisten – wer von uns täte es nicht?

Dann trat sie in unsere Gemeinschaft zurück und ging nicht den Weg, den an ihrer Stelle Tausende gehen, sondern schlug sich durch, und hatte nichts als Elend und Arbeit und ihre Rachbegier und ihren Haß. Und fiel sie endlich doch wieder, weil ihr Blut sie trieb und der Hunger, wenigstens für Stunden dieses Elend zu vergessen, so möchte ich sie eine Heilige gegen die nennen, die durch richtig spekulierende Romane oder einen neugierigen Kitzel aus Langerweile dazu getrieben werden. Aber der, dem sie sich gab, war ein patent gekleideter Idiot. Sie will mehr, sie sucht es bei dem, bei dem, sie weiß selber nicht recht, was sie sucht. Sie verliert ihre Stellung und schließt die Augen vor sich – Nun erst recht! – und die Straßen und Tanzlokale haben sie wieder. Aber in ihren Augen ist noch ein Suchen, zuweilen glaubt sie es gefunden zu haben, dann flackern sie wohl auf – aber es war wieder nichts. Und das Suchen und der Glanz erlischt und ihre Augen werden hart und starr. So haben wir sie mit dem besten Gewissen und unter den allervergnügtesten Scherzen zu einem seelenlosen Ding gemacht, zu einem Geschlechtstier, dem wir nicht einmal die Fähigkeit seelisch zu leiden zutrauen. Es liegt etwas in diesen aufgerissenen und hoffnungslos ins Leere starrenden Augen, das nicht ganz durch eure mechanisch-physiologische Deutung der fischaugenähnlichen Starrheit des Dirnenblicks erklärt wird.

Leise sang der Wind, der von der See her kam, in den Zweigen über mir und ich wanderte weiter bis ich inmitten dunkler Fichten und breitkroniger Kiefern stand, in deren Nadeln die wehende Frühlingsluft seltsam träumerisch rauschte.

Profanum volgus –! Sie liebt mich, weil ich sie liebe ihrer armen Seele wegen. Täuschst du dich nicht? O du fragwürdiger Seelenschenker! Sie liebt mich, weil sie glaubt, ich liebe sie ihrer armen Seele wegen. O du Gläubige an den Seelenverschenker!

Und ihre Liebe ist Dankbarkeit und die kann sie nicht anders zeigen als durch Lust. Und ihr Leben hat sie mir sogleich enthüllt, deswegen weil sie helläugig sind und zu oft verbrannt diese an seelischer Unterernährung Leidenden, sie wollen sicher gehen: sieh, so bin ich – willst du mich trotzdem, glaubst du trotzdem an meine Seele?

O du Seelenschenker! Und war ich's nicht, so will ich's werden und mich der Liebe derer freuen, die darnach hungert, daß auch ihrer Seele ihr Recht geschieht.

Die Bäume über mir wurden unruhig und knackten mit den Zweigen und der leise Wind, der nun stärker von der See her kam, schickte mich nach Haus.

Ich aber glaubte, eine Erklärung gefunden zu haben für das Aufflackern ihrer Augen, da sie mich zum ersten Male sah, für die Tränen, die sie über meine Briefe und dummen Verse vergossen hatte, für ihre eigenen Briefe, in denen sie von einem Glück stammelte, das sie durch mich erlangt und doch nie mehr erwartet hätte, und für ihre ewigen nächtlichen Fragen: weswegen habe ich dich nur so lieb? Ich fragte mich, ob sie jetzt diese Frage sich begrifflich beantworten könnte.

Es war inzwischen Mittag geworden und mein Putzer brachte mir die Diensteinteilung für den nächsten Tag und die Mitteilung, daß die Abfahrt nach dem Truppenübungsplatz für den kommenden Mittwoch festgesetzt sei. Wir hatten uns des Abends treffen wollen, aber jetzt schickte ich einen Boten zu ihr und bat sie, sogleich zu kommen.

Dann wartete ich und versenkte mich in mein Seelenschenkertum. Aber liebe ich sie überhaupt? Und wenn – liebe ich sie wie ein Dichter sein Gedicht? ist Mitleid und Liebe synonym für mich? oder ziehen sich unser beider kranke und müde Seelen an? Ich überlegte und fand es nicht. Doch eines von diesen sollte es sein.

Ah! dieser Rausch wird schon enden wie alle endeten. Aber da einer von uns ihn ernst nimmt, wird der Komödie Schluß tragisch sein. Denn Alles, was wir ernst nehmen, endet tragisch. Auch der glücklichste Erfolg ist die Ursache neuer Anstrengungen und neuer Konflikte und damit weniger wert als der abschließende Mißerfolg. Denn nun hetzt er uns von Stufe zu Stufe, von Klippe zu Klippe und wir verlieren darüber das Glück der Ruhe, das Veilchenglück der anima vegetativa. Wir sind blind über blumige Wiesen gerannt, sind höher und höher gestiegen und glaubten, in diesem Höhersteigen läge unser Glück, bis rings um uns der Abgrund gähnt: hier ist das Dunkel und Nichts und die Blumen und Wiesen sind weit, o du Narr, qu'as-tu fait de ta jeunesse?

Denn die Tragik liegt nicht in der Vernichtung einer wertvollen Kraft durch das Schicksal. Dann wäre die Zertrümmerung der Erde durch einen anderen Stern, da sie doch so viel wertvolle Kraft birgt, tragisch. Tragisch wäre es, wenn ihre Menschheit nach einem jenseits der Erde liegenden blauen Ziel strebte und, wenn sie es erreicht, seine Nichtigkeit und die Unmöglichkeit der Rückkehr einsähe. So war der Weg eines großen Teiles der Menschheit zwei Jahrtausende hindurch nach den Idealen des Christentums tragisch; jetzt haben wir die Katastrophe, jetzt sehen wir die wesenlose Nichtigkeit unserer Ziele und stehen nun da in schauerlicher Ratlosigkeit und können mit allen Mühen und Künsten und Schlichen nicht zurück zu dem festen beglückenden Grund der damals so schmählich verlassenen Erde. – Tragik liegt in der Vergeudung einer wertvollen Kraft.

Krokos und chinesische Primeln blühen unten im Vorgarten, die Schneebeeren und Flieder und greifbar nahe die Ulmen vor meinem Fenster beginnen zu knospen, eine einsame Wolke schwimmt durch den Himmel; sie ist nicht und ist doch, sie fällt und schwindet stetig und hat doch Form und Gestalt. Und ich werfe meine Worte über das Rätseltiefe, Worte, die so schnell verfliegen und doch dauernder sind als das, was sie umhüllen, und doch wieder nichts. Und der Rätsel allergrößtes, der Ort wo sogar die Kausalität einen Sprung zu machen scheint, ist das was sich Liebe nennt – o du Seelenschenker! – und des Lebens Allerschönstes ist der Schlaf.

Von schlaflosen Nächten und Frühlingsluft bin ich müde geworden und das sammetweiche Gefühl, geliebt zu sein, schläfert mich ein.

Eine Spanne Zeitlosigkeit, während der die Welt stille stand und doch nicht stille stand – – da tappen wieder leise leise Schritte auf der läuferbelegten Treppe: meines Putzers dröhnende Kommißstiefel höre ich nie, aber ihre winzigen Lackstiefelchen wecken mich aus dem tiefsten Schlaf. –

Sie öffnet ohne anzuklopfen die Tür, schließt sie bedächtig indem sie mir den Rücken zukehrt, wendet sich müde wieder um und bleibt nun in halb trotziger, halb verlegener Haltung stehen. Ich liege auf dem Sopha und beobachte ihr Gesicht, auf dem sich Scham und Schmerz mit einer kindlichen Hilflosigkeit streiten.

Das ist eine leidige Unart, die ich nicht ablegen mag, denn sie ist aus Entsetzen und prickelnder Lust gewebt, und ich fürchte, dieses ist der einzige gesunde Zug an mir: Es war an einem Augusttage, an dem die Hitze wie ein tückisches weißes Raubtier auf den Straßen lag, als ich am Fenster stand und zusah, wie man aus dem Nachbarhaus eine Leiche trug. Die Mutter, denn die Leiche war die ihres Sohnes, stand am Fenster und sah dem Sarge nach und preßte das Gesicht gegen die Scheiben und verrenkte die Augen, um das letzte Ende des Sarges, der um eine Straßenecke bog, noch zu verfolgen. Ihr Gesicht war vom Weinen, der engen Trauerkleidung und der glühenden Raubtierhitze rot wie eine Tomate, wenn sie anfängt weich zu werden, und ich beobachtete nicht nur, ich studierte, so gespannt als ob das tiefste Mysterium sich vor mir enthüllen sollte, dieses Gesicht, wie sich in diese heiße, blutdurchpulste und aufgedunsene Fleischmasse der herzzerreißende Schmerz eingrub. Als der Sarg verschwunden war, brach sie zusammen und schlug mit der Stirn auf das Fensterbrett. Und ich sehe das Gesicht vor mir, daß ich es noch heute zeichnen könnte, so grub es sich mir ein.

Wir wollen uns trennen; es ist besser. Hier bringe ich deine Briefe und die Bücher, die du mir schenktest. Meine hast du wohl schon zerrissen, aber wenn nicht, dann gib sie mir wieder. Du brauchst dich wenigstens nicht lustig über mich machen!

Nun quellen endlich die Tränen vor und die Bücher, die sie steif in den Händen gehalten hat, purzeln auf die Erde –. Da stehe ich auf und lege den Arm um sie und sehe sie lächelnd an:

Glaubst du wirklich, ich habe dich nicht lieb?

Da nimmt sie meinen Kopf in beide Hände und blickt mich an, dicke Tränen in den Augen; dann legt sie scheu ihre Lippen auf meinen Mund.

Nun Claire, jetzt darfst du drei Tage nicht von mir gehn.

Ich gehe nie von dir,
denn am Mittwoch fahre ich auf drei Wochen zum Lockstedter Lager.

Du kommst ja wieder.

Beim Essen überraschten wir uns, die wir sonst nur von uns und unserer Liebe sprachen, wie wir mit einer gewissen Sachlichkeit über fernliegende Dinge plauderten. Dann nahm ich ihren Arm und wir gingen zum Strand.

Der Himmel ist blau, so blau und heiter, als wäre er frisch für uns gefegt. Und der leise Wind, der von der See her kommt, tut es nur, um unser weißes Segel zu blähen und uns fort zu wiegen ins Blaue, Goldne, in träumende Unendlichkeit. Leise legt sich unser Boot und trägt uns so weich und stet, als wüßte es, wie es um unsere Herzen bestellt ist. Die Wellen kommen heran, blauäugig und sanft, streicheln mit weicher Hand unser Boot, murmeln, glucksen und plaudern etwas – das klingt wie: sie haben sich lieb, sie haben sich lieb – glucksen und lächeln und gehn. Die Möwen, wenn sie in unsere Nähe kommen, vergessen ihr mißtönendes Lachen, die Menschen, wenn sie an uns vorüber fahren, sprechen leiser und sehen uns mit stillen Augen nach, während die fernen Ufer mit braunen Schilfsäumen und grünen Saaten und schwarzblauen Wäldern in gewaltigen Kreisbogen gelassen an uns vorübergleiten; über allem aber hängt der Himmel unergründlich blau und die Ferne glänzt.

Wir sprechen kein Wort, wir sehen uns an und lächeln und können nicht reden. Sie sitzt mir gegenüber und läßt die Wellen durch ihre Hand gleiten; ihr Haupt ist leicht geneigt und sinnend und lächelnd sieht sie den enteilenden nach. Meine Blicke aber haften traurig und fragend auf diesem leichtherzigen Menschen, der – ins Leben gestoßen, er weiß nicht weshalb? wozu? – plötzlich sich bewußt geworden ist, daß er eine Seele besitzt, der allen Schmutz, alle Oberflächlichkeit und alles Elend, womit sie bis heute verdeckt war, vergessen hat und staunt und staunt: ich bin ein Mensch und bin geliebt!

Aber wie lange werde ich deine Seele behalten? Wann ziehst du sie wieder in dich zurück und begräbst sie mit Alltagsschmutz und Leid?

Wird nicht in der Giftluft deiner Freundinnen der Neid an deinem Glück nagen? Denn sie wollen dich wieder zu sich ziehen und wissen dein Glück dir so zu zerfressen und zu zerspötteln, daß du selbst nicht mehr daran glaubst und aus Leid und Scham und Trotz dich lachend wieder fortwirfst. Ich nehm's ihnen nicht übel, deinen Freundinnen, es ist ihr Selbstbehauptungstrieb. Aber wirst du stark genug sein? Ich fürchte, ich fürchte – –

Du siehst mich so traurig an?

Ich dachte an die Zeit, in der du längst wieder einem Anderen gehörst, in der du längst diese Fahrt vergessen hast, wo du dich kaum meines Namens mehr erinnerst.

Sie sieht mich groß an und eine Träne rollt über ihre Wange.

Ich sah dich, wie du ratlos dastandest, irgendwo in der Welt. Die, die nach mir in dein Herz sich stahlen, haben dir lachend den Rücken gekehrt. Nun breitest du in Reue und Sehnsucht die Arme aus – aber ich bin fern, ich bin vielleicht schon lange tot.

O quäl mich nicht so.

Und wenn du nun so einsam daständest mit deiner Sehnsucht und Reue, würde ich wohl kommen, wenn ich dein Rufen hörte?

Da verwandelt sich blitzschnell ihr Gesicht und sie sieht mich mit unschuldigem Lächeln an:

Du würdest sicher kommen.

Aber wenn ich inzwischen mit anderen Mädchen –?

Das tust du doch nicht,
Wer weiß!
dazu hast du mich viel zu lieb.

Ja und du?

Das ist ganz was anders.

Ich würde wohl nicht kommen.

Aber als sie mich ungläubig lächelnd ansieht, da reiße ich –
Bei Gott! ich komme nicht! –
das Steuer herum, daß das herumschlagende Segel im Winde knattert und sie zu Boden schlägt. –

Dann lächeln wir uns an: wir sahen wohl Gespenster – und fahren weiter in die Sonne hinaus, und weiter gießt der Himmel sein Gold über uns, nur die Wellen glucksen und schlagen schon lauter an unserem Boot und kühner bauscht sich unser Segel: die See nähert sich.

Da, als ich gerade kreuzend dem Ausgang zustrebe, legt sie ihre Hand auf die meine:

Nein, ich würde zu dir kommen. Aber was du da sagst, kann ja nie geschehen.

Ich glaubte ihr, ich glaubte ihr nicht; dem goldenen Sonnentag zuliebe glaubte ich ihr.

Jetzt hatten wir die Föhrde hinter uns und vor uns wogte das Meer. Bei seinem Anblick, seinem salzigen Atem, seinem ruhlos rollenden Rauschen verflog die träumerische Stimmung. Es ist zu groß, es duldet kein Träumen, das Meer regt auf. Da, als ich gerade eine mächtige Woge nahm und sie dröhnend unter unserem Kiel zerbrach, trieb mich irgend ein Seegespenst –

Würdest du für immer bei mir bleiben, Claire? rief ich durch das Brausen und Lärmen. Sie wendete sich nicht, sie sah geradeaus in die quirlenden und sich bäumenden Wogen.

Ich würde dich unglücklich machen.

Aber du liebst mich doch!

Ich würde dich trotzdem unglücklich machen.

Dann starrte sie weiter geradeaus auf die ringenden und grollenden Ungeheuer. Während ich Woge auf Woge nahm, starrte sie geradeaus, krallte vor Lust die Nägel in die Planken und sah mit aufgerissenen Augen zu, wie die grünen Bestien im wilden Übermut sich rollten und wälzten und bäumten und mit ihrem dröhnenden Lachen und wütendem Gebrüll die Luft zerrissen. Ich sah ihr zu und setzte von Woge zu Woge und freute mich an ihrer Lust. Mögen wir euch auch nie durchschauen, mögt ihr noch immer verborgenere Schlupfwinkel in euch haben, mögt ihr wie das Leben sein, ewig rätselhaft und ewig verlockend: ich liebe euch wie ich die Wogen liebe, die unberechenbaren schönen Bestien. Aber seid nicht zu stolz auf eure Abgründe und Schlupfwinkel und gefährlichen Lockungen, denn daß ihr so unberechenbar seid und so kompliziert und doch in allem so unschuldig-selbstverständlich wie das Leben selbst, das seid ihr nur unseretwegen und durch uns.

Kompakter kamen die Wogen angebraust, dröhnender bäumten sie sich hoch, wilder nahmen sie uns auf ihre grünlichen Rücken –

Wir wenden!
wie ein Flintenschuß knallte das Segel und gleich einem Vogel flogen wir zurück.

Es war Abend geworden, kalt blies der Wind und blutrot verbrannte die Sonne. Da hüllte ich Claire in meinen Mantel und zog sie neben mich. Durch die grünen aufgeregten Wasser flogen wir, unser prall sich bauschendes Segel begoß die Sonne mit leuchtendem Rot und dein Goldhaar wehte und flatterte. Aber menschenleer war der Strand, ein verfaulter, sandverwehter Strandkorb war unser einziger Bewunderer.

Wir hatten die Mole erreicht und ich vertaute das Boot, um es am nächsten Tage abholen zu lassen. Als wir zum Bahnhof gingen, brauste und dröhnte die See, über der der Sturm erwacht war, uns ihr Abschiedslied zu.

Werden wir sie je gemeinsam wiedersehen? Je wieder auf ihrem grünlichen Rücken ins Unendliche fahren?

Uns fröstelte, eine namenlose Trauer überfiel mich – wir stiegen in den Zug und fuhren heim. In meinem Arm lag Claire, still und mit träumenden Augen – was träumte sie wohl? –, und ich mußte es zufrieden sein, daß dieser Tag, dieser träumerische zweiflerische rätselschwangere lösungsreiche und hellseherische goldene Frühlingstag zu Ende ging.

Wir aßen gemeinsam zur Nacht. Aber die Musik, die uns aufspielte, wollte wenig zu der passen, die uns noch rauschend und brausend im Ohr lag, und die Menschen und verschnörkelten Wände kamen uns klein und elend vor, wo unser Auge noch von blauer und grüner Unendlichkeit träumte. Wir waren abgespannt, wir sehnten uns nach Einsamkeit und Ruhe und gingen heim.

Hier schmiegte sich Claire fest in meinen Arm, sie versuchte zu plaudern, versuchte noch zärtlich zu werden, aber müde fiel sie zurück und schlief mit einem glücklichen Lächeln ein. Ich spiele noch gedankenverloren, gedankenlos mit ihrer entblößten Brust, dann decke ich sie behutsam zu und betrachte lange ihren Kopf, der fest und schwer in meiner Schulter ruht. Ihr Atem geht gleichmäßig und sanft, das selige Lächeln bleibt und schwindet nicht, kein häßlicher Traum geht über ihre kleine Seele.

Aber vor den Fenstern draußen rumorte und sang der Frühlingswind und lockte mich heraus.

Ich würde eine Stunde mit dir durch Felder und Wälder laufen und Phantast sein, aber dann mich in eine Frage verrennen und am Ende in deinem Singen und Brausen nichts als Rätsel und Sinnlosigkeit sehen. Ich bleibe hier und höre dir zu.

Dann löschte ich das Licht und lauschte seinem Brausen und Toben, bis sie in meinem Arm erwachte und mein Lauschen störte. –

Die folgenden Tage zählen zu den vollkommenen in meinem Leben. Drei Wochen Unbekümmertheit, drei Wochen ein Leben in Heide und Wald, drei lange Wochen goldne Gedankenlosigkeit und drei Wochen das Bewußtsein, geliebt zu sein. Und das Alles durchpulst von dem stürmisch hervorbrechenden Mai, das Alles ausgebreitet über ein reizvolles Stück Erde – mußte mir nicht so das Leben ertragbar sein?

Es ist ein elendes Nest, wohin mich in diesen Nebel- und Regentagen das Leben verschlagen hat. Schiffbrüchig liege ich hier, das wüste Meer spie mich aus, in Nebelländer jenseits der Hyperboreer spie es mich aus und ich weiß mich vor dem Nebel und Regen nicht anders zu retten, als dadurch daß ich der Luftbilder und Inseln gedenke, die da im freien gefährlichen Meer blühen. Kein Leben ist um mich und die Menschen, die hier hausen und leben von Tran und Kohl, das ist eine böse Mischung von Westfalen- und Holländerblut, ein mißtrauisches, hämisches, zanksüchtiges, dickschädliges, zäh an der Erde klebendes unfrohes Geschlecht.

Ich sehe sie nicht, ich meide und fliehe sie, ich lebe unter ihnen unfaßbar wie ein Gespenst, ich bin nichts als eine Vereinigung der von ihnen erzeugten bestimmten Folge von Verdickung und Verdünnung der Luft und der von mir nicht absorbierten Lichtstrahlen – ich bin nichts als mein Name.

Und was bin ich mir selber anders als ein vorübergehender Zusammenschluß der Kreuzungspunkte zahlloser Wellensysteme unter einem einzigen Brennpunkt, den eine transzendente Linse schafft, dem »Ich«? Auch nicht viel mehr als ein Gespenst – das ist noch weniger als der Spuk, den die Leute sehen!

Auf wie lange Wochen bin ich hier begraben, ohne Licht, ohne Sonne, ohne Meer und ohne Liebe. Wie soll das enden? Wie lange soll der Spuk im Nebelland umgehen? –

Am letzten Abend vor dem Aufbruch saß ich zusammen mit Claire und meinen Kameraden in einem Restaurant. Eine Zigeunerkapelle spielte da und wir saßen zu sieben um einen Tisch; Tabakswolken umhüllten uns, die man bald als melancholischen Zirrusstreif, bald als cholerischen Kumulus oder phlegmatischen Stratus hätte deuten können. –

Ja, was wir nicht alles haben möchten!

Ein Meerweib möcht ich haben.

Ein Meerweib?

Ein Meerweib will er haben?

Du? ein Meerweib willst du haben?

Ja, ein Meerweib möcht ich haben. Grün ist ihr Haar und flutet wie der Tang, blau sind ihre Augen wie die See, rank und schlank sind ihre Glieder und voller Kraft, und ihr Sehnen geht dahin, einen Felsen zu finden, an dem sie zerbricht und zerschellt. Sie denkt nicht, sie grübelt nicht, sie redet nicht, sie schreibt keine Bücher und macht keine Konversation – sie sucht den Felsen, an dem sie zerschellt.

Wie sie ihn mit ihren Armen umschlingt, ihr Haar ihn überflutet und ihr schillernder Leib sich an ihn krallt, sich über ihn wirft und wie sie stöhnt und lacht! Zerschellt fällt sie an ihm herab und umschäumt und umkost, umschmeichelt und umleckt seinen störrigen Fuß – sie umschmeichelt und umlockt ihn Tag und Nacht, bis er zerfällt und in ihre weichen weichen Arme sinkt. Ja, so ein Meerweib möcht ich haben, so ein Felsen möcht ich sein.

Du, von einem Meerweib kann ich eine Geschichte erzählen. Es war in Saßnitz, da lief mir einer nach, der lief mir nach! sage ich dir. Aber ich mag sie nicht, die einem nachlaufen. Er wollte es nicht anders und da bestellte ich ihn auf Nachts um zwölf zu den Wissower Klinken. Und – hast du Töne? – der ging hin. Und dann mußt du wissen, es wurde schon Herbst und regnete und stürmte und das Wasser lief bis auf die Promenade herauf. Ich habe schön gelacht, wie der da in der Nacht gewartet hat und keine Claire kam. Aber am nächsten Morgen haben sie ihn am Strand gefunden, abgestürzt und beide Beine gebrochen und halb im Wasser hat er gelegen. Was klettert der auch bei den Wissower Klinken herab! – Oder meinst du, daß er da mit Absicht herunter gesprungen ist –? Und als ich ihn im Krankenhaus besuchen mußte, da hat er in einem fort von seinem Meerweib geredet. Keiner wußte, was er damit wollte, aber schließlich kam es raus. Siehst du, da im Wasser hatte zwischen den Steinen ein toter Seehund gelegen – der war schon aufgegangen – da hat es in der Nacht denn wohl so ausgesehen, als wäre das der Leib von einem Meerweib gewesen. Verrückt. Und – hast du Töne? – wie er nun wieder humpeln kann, kommt er hier angehumpelt und will sich wieder mit mir verabreden! Der – na, ich hätte fast was gesagt.

Aber wo er doch Ihretwegen fast ertrunken wäre –

Der? der hat ja rotes Haar!

Aber heraus bestellt haben Sie ihn trotzdem?

Natürlich! der wartet jetzt in Warnemünde vor dem Strandhotel. Laß ihn warten! da braucht er wenigstens nicht abzustürzen und noch einmal die Beine zu brechen. Nicht wahr, mein Liebling?

Ja, so ein Meerweib muß ich haben. Das ist es gerade, was das Weib entschuldigt, daß sein ganzes Sinnen auf einen Punkt zielt. Das ist das Schöne an ihm und erklärt und verschönt alle seine Schlangen- und Teufelsmoral. Und nun pfuschen wir der Natur ins Handwerk und lassen es Ärztin werden und schicken es ins Parlament und – verheiraten es nicht einmal rechtzeitig, wenn es anfängt Bücher zu schreiben!

Und weswegen wir heute so wenig Erfreuliches unter uns finden? Man zeige mir den, der ganz leibgewordener Wille zu einem Ziel ist! Das ist alles geistiger Mischmasch und Kitsch, so daß als die Erträglichen nur die bleiben, die körperliche Fertigkeiten üben und lehren. Der Soldat, der Matrose, der Flieger und Polfahrer, das geht noch an, das andere ist verkümmert und zersplittert, ist trüber Mischmasch und Aufguß und Kitsch.

Und weswegen werten Sie den Erzieher des Geistes geringer als den des Körpers? Sie trennen ja wie die Unteroffiziere Seele und Leib und stellen vielleicht noch ein Kausal- und Rangverhältnis zwischen ihnen her.

Gewiß, und zwar das von Herr und Knecht. – Der Körpererzieher arbeitet nicht mit bewußten oder unbewußten Lügen, er weiß klar und eindeutig, was er will, und ich kann ihm glauben in dem, was er mir verspricht, und er erklärt mir offen die Gründe seiner Methode. Aber wenn Sie mir versprechen wollten, mir eine künstlerische Weltanschauung beizubringen, ich würde schon vorsichtig sein! Weiß ich doch nicht, ob Sie selbst an die Ihre glauben, ob sie innerlich durchgearbeitet und lückenlos ist, ob sie die restlose Krönung aller Ihrer Gedankenkomplexe oder nur ein Ihnen wesensfremder Eindringling ist, den Sie vergeblich sich zu assimilieren suchen, ob sie mir, die Sie mich nur Ihre eigene, ganz gleichgültig, ob sie Ihnen fremd oder wesenszugehörig ist, lehren können, nicht schädlich ist, ich weiß nicht, ob Sie mit Ihrem Unterricht nicht Hintergedanken verbinden – und die Gründe Ihrer Methode? Du lieber Himmel! Gewiß, es ist vielen ernst mit ihrem Unterrichten, wenigstens sagen sie es und das Klappern gehört zum Handwerk, aber wie viele unter ihnen mögen nur eine Ahnung haben von der Bedingtheit, den Grenzen und Abgründen ihres Lehrgebietes? Und ganz allgemein, was kann er mir denn geben? Doch nur, daß er mich erkennen lehrt, daß ein Abschluß oder irgend ein definitives Können in geistigen Dingen unmöglich ist. Er lehrt mich Grenzen und innerhalb dieser meine Unfähigkeit – das ist allerdings, und gerade heute, wo uns die Lösung der Welträtsel für eine Mark bunt geheftet auf den Tisch gelegt wird, sehr viel wert, aber – was nützt mir das? Verspricht mir aber Mister Suchaone, einen guten Boxer, Herr Soundso, einen guten Flieger aus mir zu machen, dann kann ich unbekümmert mich ihnen anvertrauen. Und wenn ich hier keinen Abschluß erreiche, dann weiß ich, es lag an mir und nicht am Unterricht und Stoff. Ich pfeife auf das, was sich Geist nennt! Das ist Lug, Mittel, Dunst – ich freue mich auf unser Lockstedter Lagerleben.

Dann sind Sie auf dem besten Wege, geistig indifferent zu werden und am Ende zu verrohen.

Lieber verroht, als vergeistigt.

Und die Kunst?

Ist einmal nichts als eine Anreizung, eine Verlockung und Verführung zu körperlichem Genuß, ein andermal eine Tröstung über entgangene oder unerreichbare körperliche Freuden; letzten Grundes nur eine Medizin.

Wollen Sie vielleicht darauf eine Weltanschauung bauen?

Eine Weltanschauung? – Meine Weltanschauung ist mein guter Marsch, mein gutes Fechten und waghalsiges Segeln und diese holde Dame hier.

Das ist eine schimmernde Verbohrtheit, mit Ihrer Erlaubnis ein glänzender Mist.

Und damit denken Sie mich wohl geschlagen zu haben? Eine Verbohrtheit – die könnte diese »Weltanschauung« doch höchstens in Ihrem Gedankenreich sein; was wissen Sie denn, ob sie nicht die notwendige Schlußfolge des meinen ist? Wie kann man eine Weltanschauung überhaupt objektiv beurteilen? haben Sie einen Maßstab, eine allgemein gültige Norm für sie? ist nicht jede für ihren Besitzer zweckvoll, vollkommen und wahr? Meine Verbohrtheit hat soviel Existenzberechtigung und ist so fern vom Absoluten wie Ihre Wahrheit; gleichzeitig ist sie aber auch ebenso ein Ausfluß und eine Erscheinung des Unzugänglichen und ebenso wirklich, ebenso wahr und wertvoll und ebenso fliegennichtig und sinnlos wie jene. Nur für die Unteroffiziere kommt es auf die Dauerhaftigkeit an, und da ist allerdings die Wahrheit, das heißt die verbreitetste geistige Reaktion gegen das Leben, älter und dauerhafter.

Aber Liebling!

Ach! ich ärgere mich, wenn ich überall und stets und allerorts unseren Kopf gelobt sehe auf Kosten unseres Unterleibes, den jungen Trieb auf Kosten des uralten Stammes, die Gefahr auf Kosten der Sicherheit, das schillernde Schweifen und ratlose Vagabondieren auf Kosten der Ruhe, die geniale Krankheit auf Kosten der philiströsen Gesundheit. Nein, der Geist ist nie Zweck, ist immer Mittel und Organ, und so soll es sein. Zweck ist stets unser Leib; wird aber jener zum Zweck, so ist die Disharmonie und Krankheit da. »Ein Dieb ist der Gedanke am Leben«; genießen sollen wir die Schönheit des Lebens, aber nicht über sie denken, und erst recht nicht über sie denken, um dann über dieses Denken wieder zu denken. O du Welle, die nur lebt, um am Felsen zu zerschellen!

Ich hatte Sie immer für einen extremen Idealisten, in Ihren verrückten Stunden, die wir ja alle haben, für einen Solipsisten gehalten, und nun – –

Praktische Philosophie, mein Lieber. Merken Sie denn nicht, daß ich mich für drei Wochen Lagerleben trainiere? Und merken Sie denn nicht, daß ich – süßer Zucker gesagt habe? Denn wann wäre eine Philosophie nicht »praktisch« gewesen? Sie ist im letzten Grunde doch nichts als eine Trösterin und Berauscherin, mag sie die Erde zu einem Jammertal und das Leben zu einer verneinenswürdigen Objektivation eines blinden Willens machen oder die Welt, so wie sie ist, zur bestmöglichen aller möglichen Welten erklären. Sie rangiert nicht viel höher als Venus und Bacchus und seine spirituösen Untergötter. – Aber wollen Sie wissen, mit welchen geistigen Taschenspielerkunststücken und grotesken Sophismen ich mir meinen philosophischen Haustrank braute?

Stellen Sie sich eine Fläche vor, auf der zweidimensionale Wesen leben, lebende Schatten. Und diese Fläche denken Sie sich im dreidimensionalen Raum bewegt. Dann erscheinen die Punkte dieses Raumes den Zweidimensionalen in der Form der Zeit. Der Analogieschluß ist, daß das, was uns Dreidimensionalen zeitlich, einem Vierdimensionalen räumlich und gleichzeitig erscheint. Dem Einwurf, daß das, was für den Vierdimensionalen etwa noch eine zeitliche Folge ist, einem Fünfdimensionalen räumlich angeordnet dünkt, und so einschachtelnd fort bis in eine Unendlichkeit, begegne ich mit dem Satz, daß etwas Unendliches nicht sein kann, da alles Sein auf der Begrenzung beruht. Einmal müßte eine solche Einschachtelungsreihe ein Ende haben. Und für den Geist auf dieser Stufe, für den »zeitlosen Intellekt«, ist die Welt ein festes zeitloses Gebilde ohne Werden und Vergehen. Für eine gewisse Höhenstufe des Intellekts, die wir analogisch erreichen können, sind alle Formen der Welt, die sämtlichen Stadien dieses Rauchringes, wie die kleinen Gedanken, die die Claire gerade denkt, zeitlos, das heißt ewig, unsterblich. Es ist das starre Sein, die homogene ruhende Kugel des Parmenides.

Wir glauben an die Lehre der Ewigen Wiederkehr, an diesen Januskopf, wie man ihn schauerlicher nicht ersinnen konnte. Glauben wir vielleicht gerade deswegen an ihn? Können wir dem Unzugänglichen nicht genug Schauerliches andichten? – Eine gleiche Konstellation der Kräfte, der Ring der Ringe kehrt ewig wieder. Nehmen wir aus diesem Ring vom Standpunkt jenes höheren Intellekts die Zeit und damit die Wiederkehr, so liegt in einem x-dimensionalen Raum die Welt, die nichts ist als formgewordene, sich in der Form uns darstellende Kraft, und alles, was in ihr ist und war und sein wird, in ewiger Ruhe da. Das ist die intellektuelle Unsterblichkeit, wie es auf dem Etikett meines philosophischen Haustranks zu lesen – stand.

Ja, mein Lieb, wir sind ewig da. Immer wieder werden wir uns zum ersten Male fragend und aufflackernd in die Augen sehn, immer wieder werden wir an einem goldenen Sonnentage ins Unendliche segeln, immer wieder werde ich dich mit unsäglicher Liebe zu mir ziehen und immer wieder wirst du – –

Ja, die Liebe – begann der Doktor.

Die Liebe, kam ihm ein anderer zuvor, als ob er das am besten wüßte, die Liebe ist nichts als gekränkte Eitelkeit. Sie erwacht immer erst, wenn man den geliebten Gegenstand verloren hat oder er uns verloren zu gehen droht.

Wenn man den geliebten Gegenstand –?

Nun ja, auf den man ein ausschließliches Recht zu haben glaubt. Daß gerade ein solcher Kümmerling mir, einem Kerl wie mir, das Mädchen weggenommen hat, das wurmt und nagt und beißt. Und vorher, da war sein ganzes heißes Liebesglück nichts als befriedigte Eitelkeit, die aber als solche nur bestehen konnte durch ihr drohendes Gegenteil. Die ganze Sehnsucht, die ganze Liebe – pah! nichts als gekränkte Eitelkeit!

Sie haben wohl traurige Erfahrungen gemacht. Aber Fräulein Claire, was halten Sie von dem, was man Liebe nennt?

Da sah sie mich mit nassen Augen an und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. –

Mit einem Sprung setzte die Musik zwischen uns, wirbelte mit ihrer prickelnden Quaste über unsere nachdenklichen Gesichter und zerrte sie wieder in ihre alten Runzeln und Falten zurück.

Jetzt laß das Wasser in deinen Augen trocken werden, es ist der letzte Tag in der Garnison; liebe mich, lach, quäle, beiße und locke mich, sei wie die Welle.

Der Abend zerflatterte uns unter den Händen. Wir ließen uns treiben – ach! wann habe ich mich wohl nicht treiben lassen! – und ich genoß ihren Abschiedsschmerz wie einen linden Opiumrausch, der den Fragegeist zur Ruhe bringt und das unterirdische gärende Drängen des Willens lähmt und die Welt uns malt wie ein schönes schweigendes Bild. Dann kam die Nacht mit ihrem übervollen Schoß von Zärtlichkeiten und Tränen. –

Auf Morgens um einhalb sechs war der Abmarsch festgesetzt, um einhalb fünf verließ mich Claire. Sie spreitete noch sorgsam mütterlich die Kissen über mich, glättete sie und deckte mich liebend zu.

Und nun komm so wieder, wie du von mir gehst. Du weißt, was du mir bist.

Noch ein Zunicken und tapferes Lächeln und auf drei lange Wochen sehe ich dich nicht wieder.

Ich nehme die Uhr in die Hand und koste noch die letzte Minute der süßen Erschlaffung in Körper und Sinnen aus. Seltsames Leben! Ein wirbelndes Meer von Rätsel und Gefahr und gepeitscht von dem Sturm Notwendigkeit, und doch finden wir Planken und Inseln, auf denen wir den kurzen Traum des Glückes träumen können, und träumen müssen, wenn wir uns nicht aus Überdruß und Ratlosigkeit in die unheimlich lockende Finsternis fallen lassen wollen.

Nach einigen Stunden stampfte und dröhnte unser Zug in den Mai hinaus und schwenkte seine Dampffahne weit über die Hügel und Wälder. Nach Holstein! nach Holstein! ratterten die Räder.

Als es Mittag war, zog er seine weiße Fahne ein und rollte träg und stoppte und keuchte wie ein müder Gaul. Dann stiegen wir an einem elenden Haltepunkt aus und sahen uns an:

Es geht auf Eins, und des Abends erst sollen wir in Lockstedt sein. Man zu! Das Lagerleben beginnt!

Und es begann bei glühender Sonne und mit Waten in tiefem schwarzen Sand. Und als wir nach mühseligem Marsch und hechtlangen Sprüngen über die endlose Heide die Baracken erreichten, sahen wir aus schwarz wie die Teufel.

In Lockstedt angekommen, ich sehe aus wie der leibhaftige Mohr, schrieb ich an diesem Abend an Claire.

Wir schliefen mit den Leuten zusammen in den Baracken und für die erste Nacht war mir mein Lager zwischen den zwei größten Schmutzfinken der Kompagnie angewiesen. Über mir aber wälzte sich ein »einjähriger Lehrer« in seinen pädagogischen Träumen und unter seinem zwei Zentner schweren Gewicht knackten und bogen sich die Bretter. Als aber, da die Lageruhr zehne schlug, ein Unteroffizier das traurige Lämpchen ausblies, erhob sich erst zaghaft und leise, dann anschwellend zum dröhnendsten Fortissimo eine unerhörte Musik. Das schnarchte und sägte und stöhnte, das prustete und fauchte und keuchte, das zog pfeifend wie ein lungenkranker Gaul die Luft ein und stieß sie wie ein zerplatzendes Ventil wieder aus, das röchelte wie ein Sterbender, das lallte im Schlaf, das grunzte in seinem unflätigen Traum, das wieherte krankhaft und schreckhaft auf, das hustete und schnaubte und orgelte – und ein Dunst kroch aus der Finsternis, stieg aus den aufgerissenen Mündern hoch, den Betten, von den im Schlaf entblößten Leibern, das stahl sich aus den Spinden von dem Lederzeug und ranzigen Speck, das sickerte von den zum Trocknen an langen Leinen aufgehängten Strümpfen, das puffte wie ein Peletonfeuer und schwoll schließlich als dämonische Wolke aus den durchschweißten Fußlappen hoch, das wälzte sich und rollte in teuflischen Knäueln vor den verschlossenen Fenstern und warf sich, da es keinen Ausweg fand, auf mich –: da grunzte und schnalzte der Schmutzlümmel zu meiner Rechten, als fräße er Speck, ein nackter Fuß schob sich zu mir herüber, schimmerte bleich und verschwommen und krallte vor Lust die Zehen, und ein Geruch löste sich von diesen feuchten Zehen – an einer Linde, deren schwellende Knospen ich in dem bleichen Sternenlicht in einem stumpfen Glanz schimmern sah, lehnte ich wie ein weißes Gespenst und spie die Reste meines Abendessens in die Nacht. Dann stürzte ich in die Höhle zurück und raffte meine Kleider zusammen und kleidete mich im Freien an.

Hier schlich ich zwischen den Baracken umher und umkreiste das schlafende Lager, immer auf der Hut und mich vor den Patrouillen duckend, bis ich mich fröstelnd in einen Strauch verkroch. Ich zog die Knie hoch und schlang die Arme um sie, rollte mich zur kleinstmöglichen Kugel zusammen und suchte über den Doppelbegriff der körperlichen Reinheit ins Klare zu kommen. Es gelang mir nicht, und da es kälter wurde und ein Wind von der fernen See kam und gemächlich gen Osten lief, rollte ich mich noch fester zusammen und legte den Kopf auf die Knie und gedachte des weißen Mädchenleibes, der sich gestern in meinen Arm geschmiegt hatte und trotz meiner und seiner moralischen Verkommenheit selig gewesen war.

Als der gelbe Morgen aus den Heidehügeln gelaufen kam, hing da eine ziegelrote Wolke im Osten, so groß, daß eine Haselnuß, die in Armlänge vor dem Auge hängt, sie hätte bedecken können. Von der fiel ein Reif auf mich und da er auf meinen müden Lidern lag, verdunstete er in ihrer Wärme und ward ein Traumbild, als schwömme ein Schwan, überhaucht von einem leisen Flamingorot, hoch über die Städte und Wälder. Aber zwischen seinen aufgebauschten Flügeln saßen zwei Menschen und tauchten ihre Hände in einen Korb mit Rosen, der zwischen ihnen stand. Dann lächelten sie und ließen die Rosenblätter auf die Erde flattern. – Wer waren diese zwei Menschen? wer war der Schwan, dessen schneeig weißes Gefieder das zarte Flamingorot trug? Aber die Wolke löste sich auf – der Morgen trank sie wohl? und es schwand mein Traum.

Doch ich fürchte, ich weiß zu gut, was mich zum Weibe zieht. Das ist nicht das Rätsel und nicht die Lust, das ist ganz etwas anderes, das ist vielleicht gerade das Gegenteil von beiden. Ich fürchte, ich weiß es zu gut, aber ich will es nicht wissen und vertusche und verzuckere mir meine bittere Weisheit. – Aber schmeckt dieser Zucker nicht süß, ist die brandende gischtende Welle nicht schön?

Im Lager begann es sich zu rühren und da die Patrouillen eingezogen wurden, verließ ich mein Strauchlager und wärmte und schmeidigte meine steifen und kalten Glieder, dann ging ich in mein Hotel, wo ich mich umkleidete und meinen Körper in kaltem Wasser wusch, und tat dann meinen Dienst wie sonst.

Hügeliges Land war's, das wir in diesen Tagen die Kreuz und Quer durchstreiften. Heide mit vermoorten Mulden und breiten Höhenrücken, auf denen die Kiefern- und Birkenbüsche lagerten wie eine Herde riesiger Dinosaurier und Diplodoken, die sich hier zur Mittagsruhe niedergelegt hat; niedriges Eichengestrüpp, kraus und ineins verfilzt wie das Wollhaar einer Vollblutnegerin; alter, eben sich begrünender Buchenwald, in dessen Schatten man sich freute aus der zitternden Sonnenglut, die draußen über der Heide und ihren Diplodokenherden lag, zu flüchten; und Weiden, hochgelegene und magere, wenn sie von den Heiderücken ausliefen, und überwuchert mit Thymian und duftenden Kleearten; schwarzerdige Sumpfwiesen, wenn sie sich aus den Eichen- und Erlen- und Rotdorngestrüppen herausschälten, düsterrote Sumpfblutaugen glotzten hier und das Schaumkraut warf dort sein lilafarbenes Wogengekräusel. Überreste eines zerschossenen Dorfes lagen in ihnen und ein Bach floß durch seine Trümmer; aus einem ungangbaren Erlen- und Salweidensumpf kam er gelaufen und erzählte sich hier, indem er gemächlich über die Scherben und Ziegelstücke rollte, Geschichten mit einem alten Birnbaum, satyrische Geschichten über die Menschen, die hier einst taten, als wären sie die Essenz und der Angelpunkt der Welt; und wenn sie gut gelaunt waren, so machten sie ihre giftigen Glossen über die Beobachtungsstände, die in der Ferne kauerten wie Riesenpilze oder schwarze Erdgeschwüre, über die kahlen Stangen, wie sie tagaus, tagein ihre korbgeflochtenen Bälle ins Blaue reckten, über die steinernen Beobachtungstürme, die aussahen als hätte man eine rote Riesentanne in der Höhe ihrer ersten Zweige geköpft, und über die weißen Sandflecke, die die krepierenden Geschosse in die braune Haut der Höhenrücken gerissen hatten – und wollten sie an uns ihre Zunge üben, so dachten sie der ineinander verfilzten Eichengestrüppe, die ich oben mit dem Wollhaar einer Vollblutnegerin verglichen habe. Über dem allen aber hing während der ganzen Zeit unseres Aufenthalts ein wolkenloser Himmel, aus dessen Zenit die Sonne ihre brennenden und bräunenden Strahlen auf uns nieder goß.

O dieses Schmoren in der Sonne, dieses Blinzeln ins Licht, wenn wir als Patrouille weitab von der Kompagnie hinter einer Kiefer oder im hohen Heidekraut in Deckung gingen! Diese Lerchen, Tausende eifersüchtiger trillernder Punkte in der Höh, dieser Duft von Thymian, der über der ganzen Heide lagerte und in unsere Sinne einen warmen Taumel von Sorglosigkeit und Heiterkeit warf, o dieses absolute Unbekümmertsein und Aufgehen in nichts als in wohliger Sommerwärme!

Dann erhoben wir uns wohl und äugten umher und beobachteten durch das Glas die ferne einen Höhenrand anstürmenden und ankriechenden Linien – merkwürdig war es, daß ich dann auch das Feuer und Hurrarufen deutlicher wahrzunehmen glaubte; aber bald fielen wir wieder zurück und brannten und schmorten und streckten uns und blinzelten ins Licht.

Der Tornister unter dem Kopf ist weicher als ein Daunenkissen und die struppige Heide elastischer als ein Federbett – dann legt man den Helm auf den Leib und faltet die Hände über der Brust, das Gewehr schläft im Arm und man sieht in den Himmel und schmort.

Aber einmal an jedem Tage beginnen die Hügelheidewellen zu wogen und zu schaukeln, ich schwimme und schwimme auf ihnen hinaus und kreuze und schmeichle um ein winziges gelbes Haus, das da ferne an der Ostsee irgendwo an einem Hafen liegt.

Und wurde Halt! geblasen, klang es aus allen Gebüschen und Mulden, von allen Höhen und sich endlos ins Braungrün verlierenden Flächen, so schulterten wir gemächlich unser Gewehr und gingen dem Lager zu, dessen Wahrzeichen, der Wasserturm, hoch über die Heide blickte. Und da glückte es uns denn wohl, erst bei schon begonnenem oder gar beendigtem Parademarsch, der täglich die Übungen abschloß, anzulangen; immer aber kehrten wir schweiß- und staubbedeckt zurück und freuten uns der täglich wachsenden Bräune unserer Haut.

In unserem Hotel hausten wir zu vieren auf einem Zimmer, dessen Ausrüstung aus vier Betten, zwei Kleiderständern, zwei Waschtischen und einem Fenstertisch bestand, auf dem sich alles zusammenfand, was nicht hängen und nicht recht auf dem Fußboden stehen konnte. Als Badewannen dienten die Waschschalen, in die wir uns hineinstellten und aus Kannen und Karaffen das köstliche kalte Wasser über uns gossen; die Bettkissen benutzten wir als Wurfgeschosse und Hiebwaffen, die Gläser als Geschütze, aus denen uns heimtückische Güsse auf den entblößten Rücken fuhren, und auf unseren Betten lagen wir nach dem Essen nackt wie die jungen Götter und freuten uns unserer Nacktheit und göttlichen Müdigkeit; der Fußboden aber war ein Tummelplatz für Stiefel und Brotbeutel, für reine und schmutzige Wäsche und stellte nach den Kissen- und Wasserschlachten einen Ort des Grauens für ein Schock derber Zimmermädchen dar. Unser Getöse empörte zwar das Haus, aber kam uns einer mit offiziellem Blick und energischem Mund, so umflogen ihn Wasserstrahlen und Kissen und so blieben wir denn unbehelligt.

Und vor einem Jahr vergrub ich mich in die dämmernden Irrpfade Buddhas oder wandelte auf den gefährlichen Höhen Zarathustras und sah mir mit einer nicht geringen wollüstigen Verzweiflung zu, wie leicht sich unsere Werte und Begriffe in nichts auflösten, wie die stolzesten Formeln, die sichersten Welten und ehernsten Gesetze nichts wurden als Schall und Rauch und blaue Gespenster, als deren verschämter Vater sich der Wunsch und die Notdurft entpuppte. Und jetzt – sollte man es für möglich halten?

Des Nachmittags aber saßen wir draußen und sahen zu, wie der Mai die Lindenknospen aufbrach und die wilden Kastanien immer verlangender ihre knallgrünen Hände in die Sonne streckten, und unterhielten uns mit einem gläsernen zwei Liter fassenden Stiefel, dessen goldbrauner Inhalt zugleich als der konzentrierende Mittelpunkt unseres sorglosen Geschwätzes diente. Aber um die Stunde, wo alles stiller ward und die Sonne hinten in die Heide lief, ging ich hinauf und beantwortete deine Briefe.

O deine Briefe! In ewigen Variationen rührend unbeholfen, rührend treffend die eine Melodie: Du bist mein Glück und darum habe ich dich lieb, so lieb wie du nie wieder geliebt werden wirst.

Alltägliche Briefe, alltägliche Lügen, alltägliches Geschwätz. Ich war der Fels, den die Welle umbrandet, und die Welle wurde geformt und getrieben von dem Sturm, der einen sehr prosaischen Namen führt. Sinnlos und wild beult er daher und wirft Welle auf Welle hoch – das hat mit »Liebe« nichts zu tun, bei der Welle nicht und erst recht nicht beim Fels – er sucht sie ja nicht.

Aber was gab dir trotzdem diese Gewalt über mich? Zuweilen glaube ich, das schillernd Unberechenbare und Verdorbene in dir, die Gefahr zöge mich an. Liebt der Fels die Welle und seine Gefahr? – weswegen nur? Liebe ich mein Verderben? – was treibt mich dazu?

Oder – ich bin so müde; sollte das, was mich zu dir zog, auch nur Müdigkeit und Bequemlichkeit sein? Und ich bilde mir – weswegen denn? – deine schillernde Kompliziertheit und Gefährlichkeit nur ein?

Der Nebel liegt draußen, wochenlang liegt er schon da und begräbt mich hier. Es ist, als ob die Welt stille steht – wo ist sie noch? Leise tropft es vom Dach, es ist, als ob die Welt weint – warum weint sie noch? über den Sommer, der nie, nie wiederkehrt? – Es tröpfelt nicht mehr, die Welt trocknet ihre Tränen. Ein Hauch tut sich auf – hofft die Welt? hoffst du, mein Herz? Aber ich wollte von meinem Lagerleben schreiben, von meinen vollkommenen Tagen, und blättere in vergilbenden Briefen. Ich fürchte, ich werde in ihnen blättern, bis du – oder wird es dein knöcherner Bruder sein? – sie mir selber aus der Hand nimmst.

Aber weswegen blättre ich in ihnen? weswegen bohre ich in meiner Wunde? –

Ist die Welt Kraft, dann konstatiere ich in mir eine sinnlose Vergeudung von Kraft. – Wie denn: sinnlos? Vergeudung? Ist die Welt auch Kraft, so hat sie deswegen noch kein Ziel und keinen zu messenden Zweck. Denn legst du, das bedenke doch, an dein Mückendasein überhaupt ein Werturteil, so gilt dieses zugleich dem Universum, das dich hochhob wie der Ozean ein Schaumgekräusel. Und traust du dich, diesen Ozean, von dem du nichts kennst als seine Mechanik, zu bewerten? Der Teil will über das Ganze ein Urteil fällen? Wenn es umgekehrt wäre, das Ganze über den Teil! Und auch dann müßte es erst mit dir einen bestimmten Zweck verfolgen, noch dessen Nützlichkeit für sich selbst es dich bewerten könnte; und glaubst du denn – – Oder wolltest du damit sagen, daß die Kräfte, die sich in dir ein kurzes Stelldichein geben, stärker sind als dein sie betrachtendes und bewertendes Ich? so daß du sie dir nicht einfügen und genießen kannst und sie darum als Vergeudung betrachtest? Soll das heißen: die, welche du liebst, ist deiner nicht wert? soll das heißen: du bist ein Narr mit deiner Liebe? soll das heißen: wirf dich wieder hoch und siehe ein, daß du einen Mißgriff tatest, da du deinen Wacholdern untreu wurdest und mit deiner Liebe zu den Menschen gingest? – Ich glaube, das heißt alles nichts anders, als daß ich kleiner war als mein Glück – und deshalb verließ es mich.

Es ist der zwölfte Dezember und von frohen Tagen wollte ich schreiben und glaube, wieder einmal konstatieren zu dürfen, daß das Normale das Umsonst und das Leiden und nicht der Erfolg und die Abwesenheit des Leidens ist; oder dunkler gesagt: daß das Normale das Kleiner-Sein des Ichs als es selber ist. Das ist das Leiden und der Zwiespalt unserer Zeit, der aus einer verrückten Laune gerade in mir sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. Aber ich will ihn schon kennen lernen, ich will ihm Auge in Auge sehn, er soll schon Hals geben, dieser Hund! –

Mit der aufsteigenden Sonne sind wir heute abmarschiert. Nebel lag noch in den Mulden und hing grau, da hinten ganz fern, wo der Sumpf liegen muß, aus dem der Bach kommt, in den damals die Leute Scherben geworfen haben und der sich jetzt mit dem alten Birnbaum satyrische Geschichten erzählt. Kalt war's und die Wiesen waren weiß. Hin und her sind wir marschiert, stundenlang. Durch die Eichenbüsche haben wir uns gearbeitet, Mann hinter Mann, und die blattlosen Gerten haben uns das Gesicht zerpeitscht. Durch die Kiefernbestände haben wir uns schweigend vorwärts geschlängelt, und kam eine Lichtung, dann ist es Gewehr rechts! im Laufschritt hinüber gegangen, wobei die Tornister mit einem glucksenden Ton auf unserem Rücken getanzt haben, dazu der Schweiß floß. Kanonenschläge durchschlugen die Luft, von irgendwo her; da sind wir irgendwo hin zurückgelaufen und haben uns, ich weiß nicht wo, geduckt, tief in einen Sumpf. Auf Ellbogen und Knien haben wir da gelegen, denn es lebten dort Sphagnummoose, die sich in der feuchten Nacht bis zum Platzen voll gesogen hatten, die Trunkenbolde. Weiter ist es dann gegangen, immer in den feuchten Tiefen, wo der Schweiß nicht verdunsten konnte und unser Körper uns vorgekommen ist wie ein überhitzter Kessel, dessen Ventile geschlossen sind. Immer ging es am Fuß der weiten thymianduftenden Höhen entlang, und immer durchschlugen die dumpfen Schläge die Luft. Seltsam aufregend ist es gewesen und das Reden hat nicht aufkommen wollen in der würgenden Luft. Wieder liegen wir in einem Sumpf, ein ganzes Regiment liegt in dem Sumpf. Großäugige Dotterblumen haben dort geblüht, saftstrotzend saßen sie da und fraßen mit ihren dunkelgrünen Herzblättern die Luft, sie öffneten ihre Glieder und prahlten und lockten mit ihren saftigen, goldgelben Genitalien. – Caltha beata sollte man dich nennen, sagte ich zu der schönsten von ihnen und küßte sie, da sie gerade zu meinen Häupten stand – als schon irgendwo Schützenlinien knatterten. Dann hieß es mit einem Male, wir sollten Kompagniekolonnen formieren, und da hat es denn ein böses Gehaste gegeben zwischen den Rotdornen und Weiden, manches Schimpfwort ist da gefallen. Dann haben wir wieder eine Weile gelegen, die Brust keuchte und der Schweiß troff. Neun Uhr ist es gewesen, wie wir da gelegen haben. Aber wie das Geknatter immer heftiger geworden ist, als es schon angefangen hat, wie ein Uhrwerk zu rasseln und zu tollen, da haben wir uns in langen Linien aufgelöst und sind gemächlich Geweht unterm Arm die Höhe vor uns angegangen – da hat es mit einem Male Marsch! Marsch! geheißen und keuchend sind wir oben angelangt und haben uns zu gleicher Zeit lang hingeworfen.

Zwei braungrüne Wellenberge und Heide allerorts. Und auf dem anderen Berg liegt der Feind. Doch das Tal zwischen uns und ihm, die große Mulde, deren Boden nicht einzusehen ist, ist maßlos breit; sehen doch die Kiefern in ihr wie Wacholdersträuchlein aus, und sind doch die roten Flaggen, die oben in dem blauen Waldrand sich eingenistet haben, nur durch das Glas zu erkennen. Da liegt der Feind! Und fünf Kilometer sind es bis zu ihm, die wir mit unseren schnellen Sprüngen zwingen sollen. Glühend hängt die Sonne über uns und zitternd tanzt die Luft über der Heide. Vor uns, weit vor uns knattert es zuweilen, ab und zu huschen Linien auf und verschwinden gleich wieder, als hätte sie die Heide verschlungen. Die Geschütze, die soeben noch dröhnten als wollte ein Knall den anderen einfangen, schweigen; auch das Geknatter da vorne stirbt, nur die Grillen zirpen, und die Lerchen trillern, und das eigene Herz schlägt laut.

Das Herz – rast! Das war ein Sprung, bei dem hat es nicht viel an einem Kilometer gefehlt! Die Pulse jagen, der Atem pfeift, ich hebe das Gewehr und versuche zu zielen; der Helm schiebt sich hoch und ein Strom braungelben Schweißes gießt von der Stirn; da entfällt es mir mit einem Knall und vor mir stiebt Sand und Heidekraut auf.

Die Lerchen trillern und die Luft rollt, wie ein unendlicher monotoner Donner rollt sie; aber die Lerchen haben sich an ihn gewöhnt – wie sie trillern! Als ob sie ihn gar – überstimmen wollen! Als ob er ihre tolle Eifersucht noch – aufstachelte! – wer weiß! Dort rechter Hand über dem Knick liegt ein hellgrauer Rauch und wie ein angekurbelter Motor rattert das herüber. Da brüllt wer:

Auf das Maschinengewehr rechts schwenkt Marsch! Marsch!

Da ist der hellgraue Rauch verschwunden und wir schwenken zurück und die roten Flaggen wachsen schon, sie wachsen! –

Die Sonne – glüht! O das – verfluchte Getriller! Nun sind wir heran! Da liegen sie! Einen Graben haben sie sich ausgeworfen und – mit Heidekraut maskiert – ha!

Mein Herz – springt! mein Atem – röchelt! Wie die Sonne – glüht! Fünf Kilometer im Sprung, das mache uns einer nach! O das verfluchte Getriller! – –

Allerorten hängen weiße Wolken in der Luft, kleine runde Wolken, und ein Singen und Pfeifen ist über mir. Da wirft einer die Arme hoch und legt sich auf die Seite – so lieg doch vernünftig! Verflucht! was stäubt die Erde vor mir auf? Allerorten stäubt sie auf. Ach so – 's ist Ernst.

Marsch! Marsch! – träume ich das eigentlich?

Wollen Sie nicht mit?

Ich bin doch verwundet; da bleiben ja viele liegen. Wie das Getöse wächst! Wie die weißen Wolken antanzen! Das glaub ich! Wie sie stolpern und purzeln und fallen, wie die Trunkenbolde purzeln sie! – Da pflanzen sie die Seitengewehre auf – da muß ich dabei sein! Hurra, jetzt stechen sie aufeinander los! Wie sie brüllen! Wie die Tiere. Wie die Knäuel sich wälzen! Herrgott, wie die brüllen!

Da richten sich gähnend die Diplodoken und Dinosaurier hoch und wenden und pendeln turmhoch mit ihren Schlangenhälsen und recken ihre Vogelköpfe starr himmelan und beginnen ein Geheule als ließe eine ganze Torpedoflottille ihre Sirenen heulen.

Jetzt haben sie ihn gewürgt, jetzt rasen sie hinterher, wie die Teufel hinterher, den Berg hinab, in den Wald. –

Scheint die Sonne nicht mehr? Das ist, als habe der Mond sich vor sie gestellt; das ist, als habe einer ein braunes Tuch über sie gehängt. Aber was wandern da für seltsame Lichter in der Heide? Was huschen für große Vögel über den Wald?

Schau! was will der einsame Kopf? Was will der Kopf? Da hat ihn nun einer auf der roten Heide verloren. Was! ist das das Schlachtfeld? Ein einziger Kopf?

Was will denn die hier? Was will das Weibs hier auf dem Schlachtfeld?

He! Leichenfleddern?

Was schreit denn das Weibs? Schrei doch nicht so! Blondes Haar hat sie auch.

Was brauchst du blondes Haar? Blondes Haar trägt nur eine, und die ward 'ne Hure.

Schrei doch nicht so! Rufst du mich, tolle Vettel? –

Ja, jetzt kommst du zu spät. Auf dem Schlachtfeld wolltest du mich suchen? Sieh, meinen Kopf haben sie zerschossen, meinen armen Kopf. Erst ward er verrückt, und nun zerschießen sie mir ihn; es hat nicht mehr nötig getan – die Narren.

Was? du willst mich wieder beißen? Ist das hier wohl der Ort? Ja, lache nur, das schlägt nicht mehr.

Oh! nun ist er im Zorn von mir gegangen! – Da nimmt sie das Seitengewehr und stößt es sich bis zum Heft in die Brust. Die Erde sinkt, die rote Heide unter uns fällt, unsere Namen fallen ab, wir sind nicht mehr wir; Tage, Jahre, alles fällt von uns.

Bist du es? bist du es nicht?

Auf einer Wiese gehen wir, du bist so rank, so jung. Du wendest dich zu mir:

Weißt du denn nicht, daß heute mein Geburtstag ist? Ich bin sechzehn Jahr, denk mal, wie alt! Aber was hast du für eine kuriose Mütze auf?

Das ist meine dunkelgrüne Mütze, die ich damals auf der Sekunda trug.

Komm, gib mir deine Hand; hier sieht uns keiner.

O, was du für kleine Händchen hast!

Wir gehen weiter, ich liege wieder auf der Heide, vor mir leuchtet in der Sonne ein rötlicher Stein; und ich sehe uns beide weit und weiter gehen, senkrecht über mir ins Unendliche. Schaumkraut blüht auf der Wiese, wir werden kleiner, immer kleiner, wir werden ein Punkt – da schlägt das Schaumkraut wie eine lila Woge hinter uns zusammen. Wo sind wir geblieben?

Eine Lerche singt über mir, wird kleiner, immer kleiner, wie ein Punkt hängt sie im Äther und singt und singt – aber wo? wo ist sie geblieben?

Endlos breitet sich die Heide und der Mittag glüht. Im steilen Gleitflug ist die Lerche aus der Höhe gefallen und die Grillen geigen nicht mehr. Das Schweigen geht um und faßt sich an die Stirne: schweige ich? rede ich?

Da bringt ein Hauch von ferne, von ferne – etwas Dumpfes, Taktmäßiges, Wiederkehrendes.

Da spielen sie den Parademarsch, sage ich zu mir und blinzele ins Licht. Ich springe hoch und sehe mich allein in der Heide, über der die Luft in zitternden Säulen steht. Als ein schwarzer Punkt blickt der Wasserturm über den Wald – die ferne ferne Musik hat aufgehört – der Parademarsch ist aus.

Das war der elfte Mai, an dem ich an einem heißen Nachmittag allein aus der Heide zurückkehrte und unterwegs meines Traumbildes gedachte, das in mir aufgestiegen war, während ich wie tot in der glühenden Sonne lag.

Aber als ich des Traumbildes vergaß, da mußte ich mit einem Male der Caltha gedenken. Nicht wahr, man ist auch neidisch auf seine Jugend, in der man eine Fähigkeit besaß, die man später verlor und die nur noch die Blumen haben, die so – dumm und unkompliziert geblieben sind?

Und doch will ich die Unergründlichkeit und Kompliziertheit lieben? – da sitzt ein Haken, und der Haken ist der, daß ich selbst der Komplizierte bin. –

Es ist Mitternacht, und der Hauch, mit dem sich die Nacht vorhinnen die Augen getrocknet hat, ist zum Sturm geworden. Sturm im Nebelland! Ich kann nicht denken, nicht schlafen – mich treibt es hinaus in die Nacht, ruhlos in die ruhlose Nacht.

Wo magst du sein? Daß dieses Blut nicht ruhen kann! –

Ich bin zurückgekehrt. Doch wie ich vorhinnen unter den jagenden Wolken und zwischen den Wänden, die die Dunkelheit gegen mich schob, wie ein Gefangener lief – hier bin ich sicher, hier bin ich allein, hierhin zwischen Licht und Bücherschränke wagt sie sich nicht, die da draußen wie ein Spuk neben mir stand, ging mit mir, sprach mit mir, koste mit mir, und der Sturm, der über mir heulte und in den Zweigen knackte und die Wolken rollte und sie zu prasselndem Regen zerschlug, peitschte mein Blut – ich bin zurückgekehrt, ich weiß nichts Besseres, als zu schreiben, Worte hinter Worte zu setzen, die Feder eilt nicht so schnell wie die Worte sie jagen – Herrgott! ich schreibe ja nur, um von mir loszukommen! –

Um von mir loszukommen? Alles Objektive beruhigt und leitet ab: ich will mich in objektive Tintenstriche verwandeln – aber auch in diesem Tintenstrichengewirr nach psychologischen Richtlinien suchen! Deswegen schreibe ich, nicht nur um mich zu beruhigen, sondern um einen Weg zu finden, einen Weg aus dem Nebelland zur Sonne, einen Weg zum Ziel. Und dieses Ziel –? –

Eine Nachtübung war angesagt. Wir versahen uns mit wärmenden Getränken und marschierten bei untergehender Sonne ab.

Es ist finster geworden, der Himmel ist bezogen und es weht ein mürrischer Wind. Ich bin mit meiner Patrouille weit voraus, meine beiden Leute habe ich links und rechts von mir postiert und mich selbst hinter einen Knick, der wie eine kreisförmige Wehr in die Nacht ragt, verborgen. Lege ich den Kopf auf die Erde, so höre ich Geräusch und Klirren. Sie buddeln da hinter uns einen Schützengraben aus. Vor mir blitzen ab und zu schwankende Lichtpünktchen, die Taschenlampen feindlicher Offiziers-Patrouillen, die die Sturmstellung festlegen. Sie haben sich getäuscht, ihre Stellung ist zu weit. Hin und wieder knallt es dort unten im Sumpf, hin und wieder dringt ein fernes Hurrarufen aus ihm herauf – sie schlagen sich um die Übergänge über den Bach – noch vereinzelte Schüsse fallen, und es ist, als ob ihr Knall in der stillen Nacht vor sich selber erschräke – dann rasselt nur noch der Wind im Heidekraut. Ich raffe mir dürres Gras zusammen und knie darauf, dann stütze ich die Arme auf den Knick und blicke in die Nacht.

Es ist rauh und kalt, irgend ein Licht liegt noch in der Luft und färbt die Wolken, die streifig und schwammig den Himmel bedecken, in fahles Leichengrau. Die Birken, die sich auf den Knick gepflanzt haben, sind noch nicht belaubt wie ihre Brüder in der Heide. Denn in den Sumpf, der da unten liegt, fällt allnächtlich eine dicke kalte Luft und wenn dieser Kältesee kurz nach Mitternacht beginnt überzuschäumen, so kriechen seine weißen Wellen zäh und kalt an den Höhenrändern hoch – da mögen sie noch nicht grünen. Kalt durchschauert's mich, Trostlosigkeit und Verlassenheit liegt in der Welt und gleich einem hoffnungslosen Wanderer, der einen endlosen Weg vor sich hat und weiß, daß er unterwegs zusammenbrechen wird, stöhnt und taumelt der Wind.

Da fällt mir ein Brief Hyperions ein, den er schließt:

»Ja, vergiß nur, daß es Menschen gibt, darbendes, angefochtenes, tausendfach geärgertes Herz! und kehre wieder dahin, wo du ausgingst, in die Arme der Natur, der wandellosen, stillen und schönen.«

Falsch! Falsch! Nicht die Natur ist wandellos, still und schön, sondern nur dein Ideal – vielleicht ein krankhaftes – von dir selbst! Und da du es nicht verwirklichen kannst, gibst du der »Natur« diese Epitheta. O, die läßt sich viele Namen geben. Aber nur die Enttäuschten und Schwachen, die Ausgestoßenen und Erfolglosen und Leidenden, insgesamt die, welche über ihre Kompliziertheit nicht Herr werden, »flüchten in die Natur« und hängen ihr jenes Lügenmäntelchen um, jenes unerreichbare Ideal und beten es an. Aber in ihrer Ratlosigkeit und Flucht vor sich selbst beten sie sich selber an und lieben ihren Feind in sich, den sie nicht bewältigen konnten; sie jagen nach einem Phantom, das sie für unerreichbar halten, und sind es im Grunde doch selbst – die Schlange, die sich in den Schwanz beißt und wahnsinnig an zu kreisen fängt. – Denn die Natur selbst ist grausam und unerbittlich, sie ist weder unwandelbar noch schön, sie ist garnicht für uns erreichbar, uns ewig fremd, höchstens – als Bild! – ein Haufe sinnlos rollender Atome. Wir sind's, wir, die ihr Glanz und bunte Masken geben.

Und was ist's mit uns, die wir in jenem Flüchten eine Krankheit und ratlose Narrheit erkannt haben, die wir wissen, daß wir nicht aus uns heraus können, mit uns, deren jede Sekunde, jeder Gedanke und jede Bewegung nichts ist, denn der aufblitzende Brennpunkt zahlloser Kausalreihen, und besonders mit uns, die wir uns dieses allen stündlich bewußt sind und nicht mehr zurück können zu dem unbewußten harmonischen Triebleben des Tiers und glückhaften Philisters?

Zwei Wege haben wir, uns aus der schwarzen Trostlosigkeit jener Erkenntnis zu retten: entweder wir streben darnach, die eherne Unerbittlichkeit zu lieben, und können uns nicht Genüge tun, ihr überall, ihren feinsten und allerfeinsten Fäden nachzuspüren, oder wir sehen von ihr fort und ergeben uns dem Rausch.

Nicht jenem dionysischen Rausch, der sich austobt in hyperbolischer Bejahung, in ewiger Vernichtung und ewigem Wiederschaffen des Gewordenen – er ist triebhaft und unbewußt –, sondern dem bewußten Wegsehen und inbrünstigen Untertauchen in Mitleid, Musik und Liebe.

Aber das ist ein Symptom von Müdigkeit, Überkompliziertheit und Totgeweihtsein – ist Abendröte.

O diese mürrische trostlose Nacht! O dieser taumelnde Wind!

Und diese Straßen sind diametral entgegengesetzt, sie sind antipodisch von Urbeginn – oder sollte mein hämischer Verdacht berechtigt sein, daß auch jene erste mit der Zeit umbiegt und in die andere ausfließt?

Es ist grimmiger Neid und ein schielender gelbäugiger Verdacht – ich will meine Straße gehen und meinen Rausch trinken, bis zur Hefe will ich meinen Becher leeren und die goldensten Abendröten bauen.

Die Nacht ist mürrisch und der Wind nörgelt und fragt: hast du die Kraft dazu? Wenn dir nun einer den Becher nimmt und du nun dastehst –? Wenn eine schwarze Böe aufsteigt und dir die Abendröten verjagt und vergräbt?

Was will das Gespenst in der Nacht! O, wo bist du, daß du mir mit deinem goldnen Leichtsinn nicht helfen kannst es fortzuscheuchen? O du verfluchte Nacht! Du Grübeltier! Du Unholdsschoß!

Schatten kriechen im Heidekraut, ducken sich, nähern sich, eine ganze Linie von ihnen schleicht und gespenstert heran. Feuer! Feuer! Da sind sie wie weggeblasen. Alarm! Alarm!

Doch da gespenstert's und schleicht's unabsehbar heran, die ganze Nacht schickt ihre Schatten vor – da rollt und rast das Feuer die weite Linie entlang und die Maschinengewehre spucken unaufhörlich ihre feurigen Zungen in die Nacht. – Im Osten beginnt es zu dämmern, ein gelbes Rot huscht über den Himmel – sieh! trillernd steigt die erste Lerche hoch! –

Nebenan in der roten Backsteinkirche schlägt die Turmuhr drei. Die Wolken sind zerrissen, das Dorf schläft und vier Sterne blicken aus der schwarzen Nacht zu mir und um acht oder neun erst geht die Sonne auf. Aber ein trübgelber Klecks in den Nebeln, das ist in Kolchis die Sonne. Je länger ich hier aus meiner Höhle, ich Höhlengrübeltier, auf die toten Dächer und zerfetzten Wolken sehe und in den faulen Schlaf, der da draußen schnarcht, – das will eine Welt sein? ein Spuk ist's, ein Nebel- und Wolkenspuk, wenn viel, ein unnötiger Traum.

Oh die Jenseits-der-Hyperboreer, die kommen nicht zum Bewußtsein, daß sie leben und wie sie leben und zu der aberwitzigen Frage, warum sie leben und zu der bittern Erkenntnis, so fliegenunnötig zu leben. Sie kommen nicht dazu, zu nachtschlafender Zeit sich in Tintenstrichen objektivieren zu müssen – die Schläfer und steifbeinigen Nebel-Murmeltiere!

Da holt jeder Kristian sich seine Katrine – liebt er sie denn? er denkt nicht daran, er ist gar kein »er«, er ist eine Welle, die der Sturm treibt und welche muß, ohne daß sie weiß, daß sie muß – so nimmt er sich eine Katrine, die ihren Leib im Leben dreimal wäscht, und zeugt Junge mit ihr und räsoniert nicht darüber und schreibt nicht des Nachts um halber Vier:

Ich bin kompliziert und suche deswegen das Nichtkomplizierte. So ist's. Deswegen liebe ich den eindeutigen Trieb in ihr, und die Gefahr an ihr ist mir lieb, weil ich im Prädikat das Subjekt wittere. Gefahr, weil ich weiß, daß ich auf diesem Ruhekissen verfaule und immer weicherer Ruhekissen bedarf, und weil ich weiß, divinatorisch weiß, daß ich dieses Ruhekissen verlieren werde, daß sie mir nicht treu bleiben wird, nicht treu bleiben kann, deswegen ist sie ja Trieb und – deswegen liebe ich sie. Eine krause Sache, glotzt mich nur so an, ihr vier Sterne, aber so ist's.

Und wenn ich glaubte, ich liebte die Kompliziertheit, die Wellenartigkeit an ihr, so ist es, daß ich an den Äußerungen dieses Triebes, dem Schaum und den Brechlichtern der Welle, meine ästhetische Freude hatte und mich durch sie hinweg täuschen ließ über den zu Grunde liegenden nackten wüsten Trieb, dem ins Auge zu sehen ich zu schwach bin – ich mag es nicht, will es nicht, ich darf es nicht, ich müßte ihm eigentlich fluchen. Ich weiß, daß ich in ihr eine gewisse Ruhe finde, ich will es aber nicht wissen. Eine seltsame Sache, ihr vier Sterne, aber so ist's.

Ob es mir auch derart mit den Dingen der Welt geht, an deren bunten Erscheinungen in der Form ich mich zuweilen erfreuen, ja ihnen die Unsterblichkeit geben kann, wenn ich ihres rätselhaften Untergrundes, den ich mir bildlich anthropomorphisch am liebsten auch als einen Trieb vorstelle, nicht gedenke? Ihr verschwindet nicht hinter den Wolken, ihr vier Sterne?

Dann darf ich auch diese interesselose, »malerische« Anschauung gerade als mein rigoroses Wegsehen und meinen Rausch bezeichnen und ich mache mir durch ihn die Welt ebenso ertragbar wie die Zärtlichkeiten und spielerischen Launen und Überraschungen mir jenen anderen Trieb verschönern und verhüllen und ertragbar werden lassen.

Wie ich jene Anschauung den Rauschtrank der Erkenntnis, so könnte ich die Liebe das sich berauschen und von sich weg sehen Wollen des Geschlechtstriebes nennen. Ihr leuchtet noch immer, meine vier Sterne?

Und – nun schwindet mir nicht! – haben die beiden miteinander etwas zu tun? Könnte eines die – Bedingung des anderen sein? – Wo seid ihr, schluckte euch die Nacht, meine vier lockenden Sterne?

Nun, so will ich nicht darüber denken, ich will nichts darüber wissen, – obwohl ich doch schon alles weiß.

Und meine Kompliziertheit – was will ich mit dem Wort? Es steckt in ihm der Versuch einer Selbstentschuldigung. Es wird nichts anderes sein als der Ärger, in dem Hinundhergerissenwerden zwischen dem Wunsch nach einer positiven Erkenntnis und dem Wissen ihrer Unmöglichkeit keine endgültige Stellungnahme treffen zu können: entweder finde dich mit jener Unmöglichkeit ab und lebe dem Nihilismus in dir zum Trotz, oder gehe fort mit einem Fluch auf den Lippen, oder berausche dich, aber mit gutem Gewissen!

Und diese Unfähigkeit, entschlossen, wenn auch mit geschlossenen Augen, Stellung zu nehmen, schiebe ich einer krankhaften, vielleicht ererbten, in der Zeit, in der Luft liegenden, »Kompliziertheit« zu. Meine Kompliziertheit, das ist nichts als Schwäche und – atavistischer – Ärger über diese Schwäche und das Überwinden-Wollen dieses Ärgers dadurch, daß ich mich vor mir selbst entschuldige, indem ich die Ursache meiner Schwäche in einer Vererbung oder im Zeitgeist suche.

Aber ist das Alles insgesamt nicht schon eine Krankheit, ist jede Selbstkritik nicht das Anzeichen des Niedergangs? –

Es ist noch immer nachtschlafende Zeit und im roten Backsteinkirchturm nebenan hat die Uhr noch nicht fünf geschlagen. Ich will in die Heide gehen und dort wie ein Spuk über die Hügel geistern. Dann will ich mich mitten auf einen der braunen Walfischrücken setzen, die da zwischen den Wäldern gestrandet sind, die mittlere Eiszeit warf sie wohl dort hin, und will den Hut auf die Knie legen und dem Wind ins Ohr flüstern: klopf an ein Fenster, hinter dem der vierschrötigste Hohlkopf haust, und dann rufe ihr zu, wenn sie erschrocken aus seinen Armen fährt: er lebt noch! in Nebel und Regen vergraben lebt er und verwandelt sich, da er nichts Besseres weiß, in Tintenstriche, lauter schwarze Tintenstriche. Hörst du?

Ob sie auch still in seinem Arm ruht, ihr Atem leicht und kein häßlicher Traum über ihre kleine – Teufelsseele geht?

Ach! geh zu deinen Wacholdern und Moorbirken, geh in die Heide! – –

Ich bin zurückgekehrt, gleich muß die Sonne kommen. Draußen in der Heide wollte ich sie über die Nebelbalken mit ihren langen Strahlenfüßen steigen sehen, aber es ward grimmig kalt, da ich auf meinem Hügel saß und auf sie wartete und ein Schluchzen und Grollen in mir war, da ich des blonden Vierschröters gedachte, der nun in ihren Armen schnarcht, und da ich gedachte, weswegen ich sie verlieren mußte. Um zu erkennen, was sie mir war, deswegen verlor ich sie. Ich verlor sie, um zu wissen, wo mein Glück und wo meine Gefahr liegt – und sollte ich's glauben! meine Gefahr liegt im bunten goldnen Tag, der so tausend Fragen stellt, liegt im brausenden Leben, das so farbige Rätsel singt. Und mein Glück, mein gefährliches Glück, ihr Sterne, – das habe ich verscherzt, weil ich es verscherzen mußte: die Schwäche treibt mich zu dem, was sich Glück für mich nennt, und die Schwäche ist's, durch die ich es wieder verlor.

Das flüsterte die Heide und raunte der Wind. Von Hügel zu Hügel bin ich gesprungen – die Rehe wurden scheu vor dem Heidespuk – bis ich keuchte, bis ich der Stimme hinter mir entflohen war und ihrem Hohnlachen: so zieh den Schluß und fluche und geh, so gehe fort und zieh die Konsequenz. –

O die Sonne! Wie ein strahlender Brand flog sie damals aus dem Meer, jetzt flüchten die Nebel wie die Heidegeister Ossians vor der glanzlosen Scheibe – des Dämons, der gelassen Rätsel- auf Rätselrunen auf unsere Erde zeichnet, bis wir in den Fäden und wirren Zickzackstrichen, in die wir uns hineingedeutet und hineingelesen und denen wir zweideutige Worte und sich widersprechende, sich in nichts auflösende und ineinander übergehende Gedanken gegeben haben, nicht mehr vor- noch rückwärts wissen und ratlos die Hände zusammenschlagen: was ist das? wozu führt das? könnten wir wenigstens wieder aus diesem Labyrinth heraus!

Darum untertauchen – untertauchen um jeden Preis!

O der Feigheit, o des faulen Schlafs und der Sabbatruh!

Der unnötigen Exaltation! Da lege ich Werturteile an mich, die ein Banause für einen Banausen schuf! Als ob die Arbeit um der Arbeit willen nicht auch ein Untertauchen und ein Rausch wäre! da tue ich einen kleinen Blick in mich und zürne mir und – schäme mich!

Ich will nun einmal müde sein und in einer braunen Wolke von Sabbaten und Narcoticis unmerklich unter die Schwelle meines Bewußtseins sinken.

Wieviel Unruhe und Schlaflosigkeit, wieviel Worte um eine untreue Kokotte!

Auch meinem Körper ist elender zu Mute, als vor einem Jahr, wenn er nach der verregnetsten Nachtübung hungrig und durchnäßt und mit wunden Füßen heimstolperte. –

Es ist Nachmittag, wir liegen auf unseren Betten und rauchen und ich lese einen Brief, in dem Claire mir von ihrer Treue erzählt; bis jemand meint, wir müßten beginnen Abschied vom Lager zu feiern. Wir sind es zufrieden und kleiden uns an.

Die Luft ist so weich. Die Lindenknospen hat der Mai schon lange zu flachen Herztellern auseinander gefaltet und die Wilden Kastanien zünden schon seit einigen Tagen ihre Kerzen an. In den schattigen Buchenwäldern, in welche im Osten die Heide übergeht, wächst Waldmeister – und nach einer Weile weicht der goldbraune Stiefel einem dickbauchigen Gefäß, aus dem der komprimierte Mai uns entgegen duftet.

Und während draußen in der Heide die Lerchen trillern und ihr Gesang wie ein ganz leises verlorenes Klingen uns umschwebt, beginne ich von Claire zu erzählen und schütte wie in einer knabenhaften Begeisterung mein Herz aus. Weswegen? Um mein Fliegenglück verstärkt zu genießen, indem ich versuchte, einen kleinen Neid zu erregen, und mich an meiner übertreibenden Schilderung nochmals freute?

Ein verdächtiges Zeichen! Der Renommist glaubt nicht an sein Glück, hat es noch nicht, deswegen phantasiert er von ihm. Ist nicht das meiste, was wir Glück nennen, nicht viel mehr als nur der ehrliche und gläubige Wunsch und die Bereitschaft zum Glück? Denn des echten Glückes sind wir so wenig gewohnt, daß ich wenigstens, vorausgesetzt daß ich es überhaupt könnte, mich hüten würde, von ihm zu erzählen; ich fürchte, schon die Mienen derer, die mir zuhörten, würden es beschmutzen, und dann flöge es mir davon.

Das Leiden dagegen ist das Gewohnte und man spricht nicht vom Alltäglichen, und das Mitleid, das wir erregen könnten, widert uns an. Denn reden wir doch von ihm, so tun wir es in einer spöttischen und zynischen Weise: wir wollen die Mitleidsfanatiker schon fern halten und wollen immer stärker gelten als wir sind. –

Was sagen Sie denn zu unserer Lyrik, die nichts ist als ein illustrierter Katalog unserer kleinen und kleinsten Leiden?

Der Dichter will weniger Mitleid erregen, als sich von seinem Leiden befreien. Schon durch einfache Mitteilung unseres »Kummers« gelingt uns das, mehr noch innerhalb der festen Regeln eines Gedichts, wo wir unser Leiden als ästhetisches oder moralisches Phänomen betrachten und uns als den Typus des Leidenden erkennen; und alles Erkennen ist im Grunde bejahend und erregt Lust. Und ich glaube, alle Dichtkunst derart als Heilungsprozeß auffassen zu dürfen. Denn subjektiv ist sie durch und durch, vom läppischsten Liebesgedicht bis zum objektivsten Roman.

Aber nun seht euch diese Helden an, diese Ichromane, die keine sein wollen, diese verschämten Selbstschilderungen mit Schönheitspflästerchen! Dieses verzwickte Steuern zwischen Wohlanständigkeit und pastoraler Pikanterie, dieses verzweifelte Lavieren zwischen Staatsbürgertreue und Fortschrittsdusel, dieses virtuosenhafte Vorgaukeln tiefster Probleme und meisterliche Verhüllen einer grandiosen Nichtssagenheit! Diese Skribler sind feige, sie haben nicht den Mut zu ihren Fehlern und Lastern und Oberflächlichkeiten und zeichnen uns Buch für Buch ihre drei kümmerlichen Tugendideale und als Paprika vielleicht noch ein Lasterchen dazu.

Schämen sie sich ihrer Schmutzigkeit und Nichtigkeit, ihrer Faulheit und unglaublichen intellektuellen Gewissenlosigkeit? Als ob sie schuld an ihnen wären! Sie sollen sie zeichnen so nackt und wahr sie können, denn dadurch überwinden sie sie vielleicht und wir – lernen durch sie. Das sollte das einzige Motiv sein, wenn sie schreiben um zu schreiben, wenn sie mit ihrer Feder hausieren gehen.

Und das Schauspiel?

Das soll nichts sein als eine psychologische Studie.

Und wo bleibt die Poesie?

Wo der Pfeffer wächst! Sie hat ihre Aufgabe als Rauschbeere und Wegweiserin zum Rausch erfüllt. Ich weiß jetzt, welch betäubender Genuß in dem In-sich-Aufnehmen fremdartiger Schönheiten liegt, aber ich weiß auch, daß dieses fortwährende In-sich-Aufnehmen eine Krankheit ist. Will man aber von diesem Gift nicht lassen, so tue man es auf eigene Gefahr und empfehle und verbreite dieses Narcoticum nicht weiter als die höchste Manifestation des menschlichen Geistes. Wir wissen nun, wie wir zu diesem süßen Rausch gelangen können, und damit wollen wir es genug sein lassen. Aber – wer noch von diesem Rauschzustand zu reden weiß, der ist noch nicht ganz berauscht. Will ich mich einmal in der »Natur« berauschen, dann will ich das schweigende Hochmoor sehen, und keiner soll mir von der Schönheit dieser Trunkenheit reden, ich am allerwenigsten, denn dann fliegt mir mein – Glück davon.

Ich begreife nicht, wie ein »Dichter« von der Pracht eines flammenden Sommertages, von der Schönheit seiner Geliebten und der Tiefe seines Glückes reden kann. Wer etwas glühend beschreibt, der hat es noch nicht, der ist noch nicht ganz trunken von ihm. Ich würde den Nebel, das gramgraue Elend und die Wintertage, die uns wie ein Katakombengewölbe einschließen, und nur dieses »besingen«, um – es zu überwinden. Mein ganzes Dichten dürfte nichts sein als ein Objektivieren und Zu-überwältigen-Suchen trüber Stimmungen – aber, will und muß ich mich einmal berauschen, dann bin ich im Sommer selber Sommer, dann gehe ich in der Schönheit meiner Geliebten und der Tiefe meines Glückes restlos auf, dann genieße ich ein rauschendes Meer und einen glühenden Sommertag bis in die feinsten Fasern, da bleibt gar kein Raum, sie durch Worte, die jeder Oberlehrer in den Mund nimmt, zu profanieren.

Wenn ihr wüßtet, wie ich mich betrinken kann!

Was sind mir dagegen eure Reime und Rhythmen und eure klimpernden Wortpoesien! –

Und wo sie sonst noch als Heilerin und Trösterin gespenstern mag, da empfehle ich an ihrer Statt die psychologische Selbstanalyse. Die läßt uns klar über uns werden, sie zeigt uns, wohin wir gehen, und läßt uns diesen Weg, wenn wir nicht einen anderen einschlagen wollen, schneller und konsequenter gehen. Und alles andere, was der Tag und die Straße Poesie nennt, alle Dichterei um der bloßen Form willen und der Zurschaustellung des eigenen Könnens, das ist Handwerkerware, das benebelt nur und schlägt die Langeweile tot, das berauscht ja nicht, denn es ist nicht aus dem Rausch geboren.

Dann ist auch die Liebe, wie Sie sie pflegen, ein Rausch. Vaccinium uliginosum, nicht wahr? Wächst in Mooren und auch an den finnischen Seen und die Finnen brauen sich einen Rauschetrank draus. Aber weswegen suchen Sie sich zu diesem Kult eine – Heerstraße, warum kein Hochmoor und Meer?

Sie dürfen sie gerne eine Heerstraße nennen. Jedenfalls suche ich auch hier wie im Moor und Meer das Eindeutige und Unverhüllte, unverschnörkelt, unverkümmert, unverkünstelt durch Bildung und nicht krank und unsittlich gemacht durch eine haarsträubende Moral.

Die Verdrehungen und Krankhaftigkeiten, die jene Moral verschuldet, blasen wir schon fort, und gerade dieses Fortblasen und Entkleiden ist vielleicht der prickelndste Reiz. Was heißt denn verdorben und rein? Das ist nichts als Folge des Temperaments und der Umgebung – da genügt eine rote Nacht, um aus dem besterzogenen Geheimratstöchterchen das süßeste Dirnchen zu machen. Und verdamme ich sie deswegen, so müßte ich mit ihr Alles verdammen, finde ich sie deswegen meiner nicht würdig, so dürfte ich nichts meiner würdig finden.

Und die Bildung? Ich habe noch keine Frau getroffen, vor deren Bildung ich nicht fortgelaufen wäre. Ich habe noch keine Frau gefunden, die metaphysische Probleme verstanden hätte, geschweige denn, daß sie ihr das Herz verbrannt hätten. Die Frau ist der typische fadeste Positivist und weiß es nicht und glaubt es nicht, sie ist in geistigen Dingen das Faseltier par excellence, sie verhimmelt Spinoza, schwärmt für Carlyle, liest mit prickelnder Wollust Nietzsche, schreibt über alle drei ein Essay und betitelt es Goethes Christentum und bricht darin eine Lanze für das einjährig-freiwillige Dienstjahr der Frau.

Das sind wieder Ihre bekannten Lagerhyperbeln.

Hyperbeln? Nur in Hyperbeln steckt Wahrheit. Daß wir übrigens mehr lügen als es nötig ist, und feiger sind als es erträglich ist, und nachsichtiger als es klug ist, werden Sie mir zugeben.

Das gebe ich zu. Aber wissen Sie, Ihre Verteidigung der Heerstraße sieht verteufelt nach Augenzudrücken und verzweifelter Selbsttäuschung aus.

Mit anderen Worten: ich bin ein Waschlappen! Aber das macht nichts, mein Lieber, das macht nichts. Übrigens gibt es auch eine Konsequenz der Waschlappigkeit, die abgesehen von ihrem Wert für mich ein souveräneres Hinwegsetzen über die Affenmeinung der Masse verlangt als die der heroischen Dickköpfigkeit!

Nun möchte ich aber die Wurzel Ihrer Paradoxien kennen lernen. Sagen Sie mir, hat das Leben für Sie überhaupt einen Wert?

Als ob das Leben etwas über sich aussagen oder gar sich selbst bewerten könnte! Dann müßte es doch seine eigene Wertung auch wieder bewerten. Den Wert unseres Lebens könnte nur der bestimmen, dessen Teile oder Tätigkeiten wir wären, der also den Zweck unseres Lebens kennte.

Und da wir eben diesen außer ihm liegenden Zweck des Lebens nicht wissen, müssen wir es aus seinen eigenen Äußerungen, d. h. aus seinen Tätigkeiten bewerten.

Der Wert eines einzelnen Lebens kann nicht nach seinen Tätigkeiten bestimmt werden; wir können nur die einzelnen Tätigkeiten eines Lebens in sich nach ihren Zwecken bewerten. Mit der Rangordnung der Zwecke kann ich dann eine Rangordnung der Tätigkeiten festsetzen – nicht der Existenzen, nicht eines Lebens überhaupt. Das Leben selbst kann sich nicht bewerten, ebensowenig wie ich den Wert eines anderen Lebens bestimmen kann. Ich kann höchstens von mir ausgehend durch Analogie die Tätigkeiten eines anderen Lebens nach ihren Zwecken einschätzen: wie wichtig ist dieser Zweck für das Leben des Andern und wie weit erreicht die darauf gerichtete Tätigkeit ihr Ziel? mehr kann ich nicht fragen.

Aber die Tätigkeiten eines einzelnen Lebens insgesamt müssen doch einen Wert haben, nach welchem ich es einschätze.

Einen Wert – für wen? Für das Leben selbst, oder für die Anderen?

Nicht für das Leben selbst und nicht für die Anderen, sondern in sich.

Damit kommen wir nicht weiter. Jedes Ding hat seinen Wert in sich, kein Ding hat in sich einen Wert. Zum Begriff Wert gehört die In-Beziehung-Setzung eines Dinges zu einem anderen. Wir müssen einen Maßstab haben.

Nehmen Sie den der Zahllosen: den Nutzen des Einzelnen für die Gesamtheit.

Es gibt nun aber keine organische Gesamtheit der Lebewesen, für die das Einzelne mit Bewußtsein und Absicht tätig wäre; jedes ist eine abgeschlossene Welt für sich und nur tätig für sich; die Gesamtheit ist sekundär, nicht viel mehr als ihre Zahl. Allerdings können die Äußerungen des einzelnen Lebens mittelbar für andere mehr oder weniger nützlich sein.

Darnach wäre es denn »nützlicher, einen Morgen Land mit Weizen zu bebauen, als eine Ilias zu dichten; denn ohne Poesie kann man leben, ohne Brot nicht«.

»Folglich ist ein Hufner mehr wert als Homer«, wollen Sie schließen. – Wir haben nichts anderes, von wo aus wir den Wert einer Tätigkeit bestimmen können, als ihren Zweck. Und da nun auch die Schwierigkeit, nach der vielleicht einer eine Handlung messen wollte, ein subjektiver und damit unbrauchbarer Maßstab ist, – betrachten wir Ihren Dichter. Für ihn ist die Tätigkeit, die auf die Beruhigung seines aufgewühlten Gemütslebens hingeht, – und diese Beruhigung erreicht er durch die Darstellung seines Leidens – wertvoller als die auf die Befriedigung leiblicher Notdürfte gerichtete. Ist sein Geist vom Übermaß eines Leides zerstört, so nützt ihm auch die reichste Kornkammer und der gefüllteste Geldbeutel nichts. Goethe wäre zu Grunde gegangen, hätte er nicht den Werther schreiben können. Und diese Tätigkeit war nützlich, weil sie ein sehr begründetes Bedürfnis befriedigte. Die Nützlichkeitswertung macht keineswegs die Menschen gleich. Jedes Leben wirkt für sich, und dort wo die stärksten Reaktionen vor sich gehen zur Wiederherstellung eines gestörten Gleichgewichts, fällt sorglos eine Menge Segen – und Unheil – ab für andere. Diese Wertung schafft keine Demokratie, aber auch keine Aristokratie, sie schafft überhaupt keine Krateia. Denn wenn jedes Leben sich auf seine Weise gegen die Außenwelt wehrt, und gerade sich so und nicht anders wehren muß, und nun eines so geworden ist, daß seine Abwehrhandlungen auch anderen zugute kommen können, so ist dessen Träger für mich noch kein Aristos, er ist komplizierter und feiner organisiert, er ist empfindlicher und – kranker als das Mittelmaß, weiter nichts. Aber er ist dadurch nicht weiser und klüger und willensstärker, oder gar wertvoller – er ist krank, und die Anderen sind gesünder. Das ist die letzte Scheidung.

Ich sehe, wo Sie hinaussteuern, aber ich folge Ihrer Bahn nicht, die am Ende in eine Negation sämtlicher Werte zugunsten der »gesunden«, triebhaft hinvegetierenden Masse ausläuft. Ich setze eine objektive Wertung und prinzipielle Scheidung fest und zwar die nach dem »Ausdruckswert der Leistung des Einzelnen!« »Und Ausdruckswert ist nur vorhanden, wenn der Mann das, was in ihm steckt, aus sich heraus gestalten kann. Wer das nicht vermag, gehört – winzige Abstufungen zugegeben – zum Pöbel.«

Eine Leistung – für wen? frage ich. Sie wollen mich nicht glauben machen, daß irgend eine Leistung, eine Staatsgründung, eine Parkeinrichtung, eine Statue, ja das simpelste Liebesgedicht, um ihrer selbst willen geschaffen werde? Um seiner selbst willen werden, ist willkürliches Werden; alle Leistungen geschehen, weil sie notwendig so geschehen müssen. Aber ihre Notwendigkeit liegt nicht in ihnen selbst, sie geschehen nicht notwendig um ihrer selbst willen – hier fehlt mir der zureichende Grund! Sondern das Leben bringt sie notwendig hervor, um sich zu erhalten. Damit fällt die mystische Sonderstellung, die Sie ihnen geben. – Wissen Sie das: auf den Kasuarinen Madagaskars bäumt sich ein seltsames Wesen vor Ihnen auf. Armlang, kakhifarben, mit mattgelben Binden und palmgrünen Pusteln geziert – so sieht es aus, wenn es schläft. Gelber die Binden und breiter, die Kakhifarbe vertieft in ein dunkles Olivengrün und durchzogen mit hellen Netzen und gesprenkelt mit schwarzen Punkten – so sieht es aus, wenn es wacht. Und das dunkle Olivengrün verstärkt zum Schwarz, die palmgrünen Pusteln umgewandelt in leuchtendes Weiß und die Binden glühend im satten Dottergelb – so sieht es aus im Zorn. Aber eine ovale weiße phantastische Riesenscheibe mit senkrecht zum Kopf gestellten Hinterhauptslappen – wie die aufgerichteten Ohren eines zornigen Elefanten! – bebend und zitternd am ganzen Leibe, den Rachen weit aufgesperrt und fauchend und zischend – und nun hebt sich diese groteske Masse Lebens auf den Hinterbeinen hoch und streckt Ihnen, den Leib wie von Fieber geschüttelt, die Vorderbeine wie flehende Hände entgegen – das ist das Chamaeleon melleri, wenn die Liebe es toll macht, und es geht zu Grunde, wenn es nicht zur Begattung gelangt. Denn das Sperma ist ein dem Organismus fremdes Element, und es stellt doch konzentriert bis ins feinste die Eigenart seines Wirtes dar. Jede seiner Zellen drückt in die winzigen Chromosomen ihre Einzigartigkeit ab, und doch ist es dem Ganzen fremd und drängt mit heißer Notwendigkeit aus ihm heraus. Und wie die Begattung nicht erfolgt ihrer selbst wegen, nicht um der neuen Generation willen, nicht um die Persönlichkeit des Liebenden im Kind außer sich darzustellen, sondern nur um fremde quälende Elemente auszustoßen – so ist es mit dem Kunstwerk. Das ist die Notwendigkeit der Zeugung gereinigt von jeder mystischen Verdeckung und das ist die Notwendigkeit auch des künstlerischen Schaffens gereinigt von jeder mystischen Sonderstellung. – Als ob das Leben seine Rechtfertigung finde nur in der – objektiven – Hervorbringung einer Leistung! in dem unvollkommenen Abklatsch von sich selbst! Die Rechtfertigung des Lebens, wenn wir dieses hochmütigste Wort, das je geprägt worden ist, überhaupt in den Mund nehmen wollen, besteht in seiner harmonischen Befriedigung, und weiter nichts. Und die sehe ich darin, daß jedes Ereignis, jedes Glück und jedes Leid und jedes von außen herantretende Problem, restlos und harmonisch im Organismus sich einfügt, sich auflöst, ohne sich in ihm zu schwärenden Herden anzusammeln. Wie bei den produktiven Naturen, in denen sich eine Empfindungs- oder Gedankensumme ansammelt, bis sie zur unerträglichen Qual geworden als wesensfremde Masse ausgeschieden wird in der objektiven Darstellung. Der starke Mensch wird mit allem fertig, er verdaut alles, die schwächere, angekränkelte Natur ist dyspeptisch, sie wird mit nichts fertig und – produziert. Das ist die Leistung. Sie ist durchaus nicht der Extrakt des Lebens, sie sammelt durchaus nicht alles, was in einem Menschen eigene Kraft war, durchaus nicht alles, was ihn persönlich und einzig machte – sie scheidet heterogene Elemente aus und scheidet sie um so gründlicher aus, je klarer und eindringlicher sie darstellte, wie der Betreffende ein Leid oder Problem anfaßte. Das ist das eigenartige und persönliche eines Werkes, daß es völlig und erschöpfend die Durchtränkung, die ein Ereignis gedanklicher oder gemütlicher Art in seinem Schöpfer annahm, behält. Es gibt kein allgemeines Problem, jedes Problem nimmt in verschiedenen Geistern verschiedene Gestalt an, und ich scheide es, wenn es mir wesensfremd ist und in mir nicht aufgehen will, um so restloser aus mir aus, je reicher ich alle seine Beziehungen zu den anderen in mir vorhandenen Gedankenkomplexen darstellte, je tiefer ich seinen letzten Wurzeln folgte, die es versuchte in mein Seelenleben zu schlagen, je – persönlicher ich es gestalte, je mehr – Ausdruckswert ich ihm gebe. – Und die ›Nichtskönner‹ sind entweder Leute mit gutem Magen, Leute die mit allem fertig werden, ohne daß es sich zu eiternden Massen anhäuft, oder Dickhäuter, Oberflächliche, denen jedes Leid und Problem nur die Haut der Seele zu ritzen vermag. Würde sich in diesen beiden ein solcher Fremdkörper bilden können, so würde sich das Leben schon gegen diesen wehren und – zum produktiven Künstler oder Philosophen oder Heroen werden. Kunst ist eben nicht um ihrer selbst willen da, ihr Zweck besteht nicht darin, ›die letzte Tiefe und die ganze Fülle des Mannes kondensiert und sinnfällig – für wen? – darzustellen‹, sondern sie ist ein pathologischer Prozeß, Krankheit und Medizin zugleich. Und wenn wir noch einmal unterscheiden wollen, so könnte man mich fragen: bist du pachyderm? das wünsche ich dir von Herzen! oder zählt man dich zu der Unzahl der Dyspeptiker? nun, es ist eben eine Unzahl! oder aber darf man dich eupeptisch nennen? man mag es tun, aber weißt du, ich traue dir und deinen Lobrednern in diesem Fall nicht recht – du siehst mich ungläubig an? nun, bist du denn von gestern oder übermorgen? lebst du nicht heute?

Das mag ja nach etwas klingen, und so weit ich Sie kenne, stellen Sie Ihre Sätze auch nur des Klingens wegen auf.

Und berausche mich an meinem eigenen Klang?

Das würde wenigstens nicht im Widerspruch stehen mit Ihrem Liebesrausch und Ihren anderen braunen Getränken; ich wüßte auch für diesen schon ein apartes Wort – – vorhinnen übrigens bezeichneten Sie die Poesie als Rauschbeere und Wegweiserin zum Rausch und wünschten sie dahin, wo der Pfeffer wächst. Und jetzt wird sie zur notwendigen Medizin!

Und ich glaube, mit Recht. Zum Teufel aber wünsche ich sie, weil wir in der Selbstanalyse eine schnellere Heilerin haben als in der anscheinend objektiven Darstellung des Leidens, wozu ich auch das Überwältigtwerden von Problemen, Ideen und heroischen Trieben rechne. Nur ist das Begleitgefühl dieser Prozedur anderer Art als das der objektiven Darstellung; ist dieses warm und berauschend, so ist jenes kalt und deprimierend; allerdings mag ihm auch ein kleiner Rausch der Erkenntnis beigemischt sein; denn ohne diesen süßen Nebel scheint es einmal bei uns nicht gehen zu können – ich möchte überhaupt wissen, wieviele Stunden wir im Leben völlig nüchtern sind.

Dann sollte aber auch die Kunst eine Rauschbeere sein, deren betäubenden Saft der Kranke, also Ihre produktive Natur, immer wieder zu sich nimmt. Er sollte doch froh sein, den Fremdkörper ausgeschieden zu haben: weswegen schafft er sich mit Absicht einen neuen an?

Ich möchte hier unterscheiden zwischen akuten und chronischen – Künstlern. Zu den akuten zähle ich Goethe; er erkrankte oft, fand sich aber immer wieder zu seinem kräftigen Gleichgewichtszustand zurück; zu den chronischen, die große Überzahl, das sind die typischen Dichter, die ganze romantische Bande von Calderon an über Shakespeare bis zu unseren heutigen Literaten, die fast durchweg krank sind. Aber das ist das Groteske dieser Sache, wäre ich Dichter, ich müßte mich ebenfalls zu jenen zählen; denn ich bin meiner selber satt und berausche mich gern. Und hier ist der Punkt: jener Heilungs- und Ausscheidungsprozeß ist mit einem ängstlich-süßen Rauschzustand verbunden, den alle die, deren seelisches Gleichgewicht durch jenen ersten Krankheitsfall, oder schon von Geburt an zerstört ist, sich immer wieder zu verschaffen suchen. Sie wollen nicht mehr zur Besinnung und zu sich selber kommen, sie sind ihrer Zerrissenheit müde und nehmen nun fortwährend Fremdkörper, eben jene Probleme und Gefühle, in sich auf, durchtränken sie schmerzlich-wollüstig mit ihrem Blut und scheiden sie mit dem gleichen ängstlich-süßen Rauschgenuß wieder aus, nur um diesen zu genießen und wieder Raum für neue zu schaffen. Sie sind eben ihrer selbst müde, sie wollen nicht zu ihrer zerrissenen Nacktheit zurück, sie wollen nicht nüchtern sein und betrinken sich. Führen Sie von diesem Wort aus den Vergleich durch, so haben Sie auch meine Würdigung der ganzen Sippschaft, deren Mitglieder sich in ihrem Delirium für Hammernaturen und Schöpfer neuer Werte ausgeben, während sie im Grunde arme Narkotiker sind. Ich negiere in den Grund Ihre Wertung der Ausdrucksleistung, denn sie ist eine metaphysische Wertung! Ebenso wie jene unbekannten Kräfte und Gründe transzendente Gespenster sind! Metaphysische Ausdrucksgesetze! Transzendente Ausdrucksnotwendigkeiten! Ihre Wertung ist ein Postulat, und in ihm sehe ich – den Schatten des toten Gottes! Des Gottes, den ich mühsam in mir erwürgt habe, und dessen andere Schatten und Verwesungsdünste als Ding an sich, als Substanz und als die definitiven Wahrheiten mir noch immer den Horizont verdüstern. Ich will mir keinen neuen Gegner schaffen in dem transzendenten Wert der künstlerischen Leistung! Das ist der tiefe allerpersönlichste Grund, weswegen ich Ihre Deutung, die keine Deutung sondern eine kategorische Setzung ist, und Ihre Wertung, die keine Wertung sondern ein Postulat ist, ablehne. Ich will es Ihnen verraten, Sie schmuggeln mir in die Notwendigkeit der Leistung eine höhere Kausalität ein, und haben wir deren zwei, so haben wir eben keine! Wenn das gelten sollte, daß hier andere – notwendigere, höhere, tiefere, göttlichere – Gesetze walten, so wäre damit eine gottlose Wissenschaft unmöglich. Ich weiß wohl, leider weiß ich es zu wohl, wie kläglich es mit dieser Wissenschaft, insbesondere mit ihrem Hauptorgan dem Kausalitätsgesetz bestellt ist, aber sie hat doch das eine große Verdienst, daß sie die Erscheinungen insgesamt ordnet und eindeutig ohne Zuhilfenahme metaphysischen Spuks beschreibt. Stellen wir aber die Persönlichkeit außer dieser Reihe und geben ihr andere Gesetze und ihrer Leistung einen anderen Wert als den natürlichen aus dem kausalen Zweck bestimmbaren, so tappen wir wieder im dicksten metaphysischen Nebel. Bleibt mir mit euren Vergöttlichungen vom Leibe! Putzt mir eure Eintagswerke, die ihr schaffen müßt aus der gleichen Notwendigkeit, die die Drüse die Sekretion vollziehen heißt, nicht zu selbstherrlich funkelnden Sternen auf, die hoch und unberührt über dem trüben Strom des Kausalitätsgesetzes schimmern! – Übrigens möchte ich wissen, wie Sie die Frau werten wollen! Sie fahren hier einfach fest; denn die Wertung der Frau nach der erziehenden und in ihren Söhnen ihre Eigenart ausprägenden Mutter können Sie nicht durchführen, und so bleibt Ihnen nichts übrig als die Absurdität, das einzig wirklich fertige und erfreuliche, das Meisterstück der Schöpfung zum Pöbel zu rechnen, denn eine Frau, die ihre letzte Tiefe und ihre ganze Fülle außer sich in Begriffen darstellen wollte, wäre nichts als der Gegenstand eines unauslöschlichen Gelächters.

Es ist möglich, daß Ihrer Eigenart diese Auffassung angemessen ist, sollte sie aber auch allgemeine Berechtigung haben, so werden Sie mir doch den Wert einer ausgeprägten Kultur gegenüber der unfertigen Formlosigkeit und bloßen Civilisation zugeben. Und wer sind die Schöpfer der Kultur? Die sich in ihren Werken ausdrückenden Männer der Tat, Kunst und Philosophie. Darin muß ihr Wert liegen gegenüber den Massen, die ihre Prägung annehmen.

Wenn der Begriff der Kultur in der Durchdringung und Beseelung des Wissens und der Erzeugnisse der Civilisation mit einer bestimmten Weltanschauung, Sitte und Kunst – oder anders gesagt, in einer gewissen festen Gleichförmigkeit aller Lebensäußerungen und Erzeugnisse einer Zeitepoche und in einem sie alle durchdringenden eigenartigen Zug liegt, der mit einer Art souveräner Selbstherrlichkeit auftritt, so ist es allerdings gerade dieses Zuges wegen, dieses gewissermaßen Persönlichen einer ganzen Epoche, verlockend, eine bestimme Kultur als das Werk einer bestimmten, oder mehrerer gleichgesinnten Persönlichkeiten aufzufassen. Wäre dem so, dann stünde der überragende Wert dieser Männer und ihrer Leistungen fest, ganz gleichgültig, welcher selbstische Zweck diese Leistungen geboren hat. Aber dem ist eben nicht so. Jene »großen Männer« sind nicht die Schöpfer, sondern die glänzenden Vorläufer einer neuen Kultur. Sie nehmen die da und dort aus der verwesenden alten aufsprießenden jungen und darum frischesten und gehaltreichsten Keime der neu sich bildenden Epoche in sich auf und scheiden das ihnen so Wesensfremde in glänzender Darstellung aus; während jene Erstlinge außer ihnen langsam und verborgen in und mit der großen Masse weiter wachsen und sie mit der Zeit durchdrungen haben, ehe sie es selbst gemerkt hat; bis jetzt sind alle größeren Kulturen unbewußt aus der Masse, aus dem Stamm der Nation hervor gewachsen und das bewußte und beschleunigte Aufbauen einer neuen Kultur ist darum immer ein sehr mißliches Unternehmen. – Glauben Sie wirklich, daß Jesus das Christentum geschaffen hat, daß das Christentum das Extrakt seines Lebens darstellte? Allerorten tauchten damals jene Ideen auf und die Zeit schuf jene nach ihrem ersten – Opfer genannte Weltanschauung und Lebenspraxis. Denn jene Ideen drangen in seine zu kleine Seele, die wurde nicht mit ihnen fertig und so richteten jene sie zu Grunde. Die Schöpfer der Kultur sind das Wissen und Empfinden – zuweilen einer kleinen abgesonderten Kaste – zumeist aber der großen Masse; aus ihnen, aus der erdgeborenen Masse, dem Erzeugnis von Temperatur und Barometerstand und der geologischen Eigenart ihres Landes, kristallisiert sich die Kultur heraus. Als ob der epileptische Phantast von den trockenen Hochebenen Arabiens der Schöpfer der sizilianischen Kultur unter dem großen Hohenstaufen gewesen wäre! Als ob in dieser Kultur nur ein Hauch von seiner finsteren Eigenart steckte! – Und stehen die Richtlinien einer neuen Kultur einmal fest und geht sie dann in ihnen ihren Lauf, glauben Sie, daß jene produktiven Naturen ihn vielleicht fördern und beschleunigen oder ihn gar in abzweigende Wege leiten könnten? Daß sie dann doch die Marksteine und Förderer und Beschleuniger ihres Siegeslaufes wäre? Sie stehen abseits und nehmen von ihm auf, soweit sie ihn sehen und soviel sie von ihm fassen können und traben dann schreiend wie die Gassenjungen neben ihm her: Seht! Seht! Sie kommt, sie kommt, unsere neue Kultur! In einsamen Nächten haben wir sie mit Hämmern geschmiedet, und unser Blut, unser blutiges Blut war es, das wir gehämmert haben! Seht! Seht! sie kommt! Aber

»Kennt er die Zeit, so kenn ich seine Laune.
Was soll der Krieg mit solchen Schellennarren!«

Und das will sagen: was der da vom ehernen Gang der Zeit mit seinem Sperlingskopf zu fassen vermag, das muß er wieder von sich geben unter seinem Narrenschellengeklimper. Das ist der Ausdruckswert, das ist die Leistung, das ist der produktive Mann, das ist der Poet – eine Narrenschelle! Und das hat Shakespeare gesagt, und der weiß, was er sagt, besonders wenn Brutus spricht. – Aber Sie sollen mich nicht ganz zu Ihrem Pöbel zählen, ich bin auch zuweilen so eitel und angenehm einseitig, eine prinzipielle Schranke aufzurichten. Soll ich sie Ihnen verraten? – Zum Pöbel gehört für mich der, der sich nicht selbst Gegenstand werden kann, der nicht zu trennen weiß zwischen seinen Wünschen und Begierden und der Idee von sich; der sich nicht jeden Tag einmal bewußt wird des ungeheuren Rätsels, in dem er wie der Nebeltropfen im Raum hängt. Alles Unbewußte und Triebhafte ist pöbelhaft – nun wächst schon der Pöbel wie Sand am Meer und eine große Zahl Ihrer Produktiven rollt mit in den trägen Dünen. Und jetzt halte ich nur noch die des Ehrentitels der Freien und Vornehmen würdig, die das Herz voll Staunens und Fragens, doch sorglos und heiter über das große Rätsel dahin wandern, wie über jungem elastischem Eis, unter dem das Grauen, das Dunkel und der Tod lauert. Aber auch sie taumeln zuweilen zu den Milliarden Sandkörnern am Strand, dann wenn ihr Herz übervoll des Wunderns und Leidens und Fragens geworden ist und sie – produktiv werden; denn allem Schaffen hängt Triebhaftes und Unbewußtes an und ein pöbelhaftes Verallgemeinern und Hinwegsehen über Vieles. Aber dann eilen sie wieder zurück und gleiten sorglos über der elastischen, leise klingenden Decke, leicht und frisch wie der junge Morgen, der aus dem purpurnen Osten steigt. – Aber das ist ja alles dummes Zeug. Wißt ihr, was Claire mir gestern geschrieben hat?

Sagen Sie, ist das Ihre Überzeugung?

Meine Überzeugung? Wenn ich eine Überzeugung hätte, dann würde ich einmal sie hier nicht auf der Straße vortragen und zum andern – würde ich Ihnen nichts von dem kleinen Herzen einer Claire erzählen können.

Dann weiß ich aber, weswegen Sie meine Wertung bekämpft haben; soll ich Ihnen den Grund sagen? Er war wohl persönlicher als jener allerpersönlichste! Oder sollten Sie auch den schon wissen?

Lassen wir das, mein Lieber; ich kenne ihn sehr gut. Aber jetzt hört einmal zu. – –

Es lief gerade die Sonne hinten in die Heide, aber ich schrieb heute keinen Brief, sondern las aus ihrem Brief und erzählte weiter von ihr und ihrem kleinen Herzen. Von irgendwo her kam schon Fliederduft, der machte uns mehr trunken, als es sieben Bowlen vermocht hätten. Drei lange Wochen waren wir hier, der Mai lag uns im Blut und der Flieder duftete – was werden wir an dem Abend noch für närrisches Zeug geredet haben! –

Wenn der wilde Denker einen Baum seine Blätter bewegen läßt, so hat er ihm eine Seele eingelegt, oder er hat eine Introjektion vollzogen. Eine spätere Zeit hat dieser Seele, die zuvor nichts war als ein feinerer Baum, die Gestalt der trauernden Dryas gegeben: sollte ich der Heide, die wir drei Wochen lang bei glühender Sonne und in dunklen Nächten durchstreift haben, eine Seele introjizieren müssen und der dann eine Gestalt geben, so soll es die der Lerche sein. Eine kleine sorglos und verliebt in den Himmel hinauftirillierende, dann atemlos schweigende und des Nachts sich müde und verträumt auf die Erde duckende Lerche.

Was sang das Lied, das sie in das ewige Blau tirillierte? Welcher atemlose Gedanke durchzitterte ihr Schweigen? Welcher heimliche Traum geisterte durch die Nacht? – Ein kleines Wort, sechs Buchstaben nur – ich glücklicher Narr!

 

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