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Ein Namenloser

Gustav Sack: Ein Namenloser - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Sack
titleEin Namenloser
publisherS. Fischer-Verlag
printrunErste bis fünfte Auflage
year1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141010
projectid2b44a4c6
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Der Namenlose

Tote sind es, deren Gestalten diese Blätter heraufbeschwören, denn auch die blonde Claire ist seit mehreren Jahren tot ...

Dem »verbummelten Studenten«, der den Namen meines Mannes bekannt gemacht hat, folgt heute der »Namenlose«. Es ist der zweite und letzte abgeschlossene Roman, den er uns hinterlassen hat, denn der dritte, »Paralyse«, ist Bruchstück geblieben.

Der »Namenlose« steht erkenntnistheoretisch zwischen dem in der Philosophie scheiternden »Studenten« und dem »freien Menschen« der »Paralyse«. Von ihm sagt Sack selbst, als er gelegentlich die Entwicklungslinie seiner großen Arbeiten skizziert:

Der Namenlose. – Der Götterglaube ist völlig überwunden; um aber im Relativismus und Positivismus bestehen zu können, Stütze und Verbindung mit dem Innersten der Natur durch geschlechtliche Liebe.

Dieser schonungslos ehrliche Bericht einer sinnlichen Leidenschaft wäre, viel eher noch als Loos und Erichs Verbindung im »Studenten«, eine »dumme Liebesgeschichte«, die allenfalls durch einen krankhaften Paroxismus der erotischen Gefühle sich auszeichnete, wenn nicht das Denken die an sich kleinen Begebenheiten mit unerbittlicher Schärfe durchsetzte und zersetzte. Es sind, wie immer bei Sack, die Ereignisse im Gehirn, die den eigentlichen Gang der Handlung bilden, aus dem an sich leicht trivialen Stoff tragische Kraftvergeudung und Untergang gestaltend.

Sack schrieb den »Namenlosen« in Schermbeck, seinem Heimatort. Unmittelbar nach Beendigung des Dienstjahrs in Rostock, dessen photographisch getreue Wiedergabe der Roman ist, wurde mit den Vorarbeiten begonnen. Von diesen abgesehen, erfolgte die erste gültige Kladdeniederschrift in dem erstaunlich kurzen Zeitraum vom 5. Dezember 1912 bis zum 17. Januar 1913. Sacks damalige ungeheure innere und äußere Verlassenheit zeigt die Bemerkung, mit der er mir dann das Manuskript, das zunächst den Titel »Mein Sommer 1912« getragen hatte, übersandte: daß er auf der Welt niemanden wisse, dem er es lieber schicke als mir. Wir hatten zu jener Zeit erst wenige Briefe gewechselt und uns noch nicht gesehen.

Nach der Rücksendung erfolgte sofort die letzte Überarbeitung und Reinschrift, die durchwegs formale Änderungen brachte. Bedeutungsvoll war die Einschaltung der umfangreichen Diskussion der Kameraden auf dem Schießplatz. Sie ist eine temperamentvolle Auseinandersetzung mit den in Hans W. Fischers »Dreißigjährigem« aufgestellten Theorien. Das Buch war ihm inzwischen durch mich geschickt worden.

Im Frühjahr 1913 war der »Namenlose« druckfertig, in der heute vorliegenden Fassung. Niemand wollte ihn drucken. Es mußte 1919 werden, ohne Sack, bis er den Weg in die Öffentlichkeit fand. Nun stellt er sich neben seinen älteren Bruder, den vielgenannten verbummelten Studenten, um mit ihm für den großen Toten zu zeugen, bis auch die übrigen Werke erscheinen und das ernste Bild vollenden werden.

München, 8. Februar 1919.
Paula Sack.

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