Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl von Holtei >

Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Der erste Schnee! Welch ein willkommener Anblick, wenn er beizeiten sich einstellt, dem raschen Laufe des Schlittens die Bahn zu glätten. Ein nordischer Winter mit weichem Wetter, welches die Straßen grundlos macht, hemmt den Verkehr und raubt den Einwohnern die Freuden der Jahreszeit; ein trockener kalter Winter mit rauhen Nordostwinden verdirbt Hals und Lunge, führt mancherlei bedenkliche Krankheiten mit. Aber wenn auf kaum entlaubte Bäume im lustigen Wirbeltanze die weißen flaumigen Flocken fallen, da ist es nicht anders, als gäb es eine zweite Baumblüte, so hell und fröhlich flimmern die geschmückten Äste. Und über Nacht hat sich das weite Feld geputzt mit seinem reinlichen, wärmenden Kleide von dauerhaftem Stoffe gewebt, der ein halbes Jahr hindurch vorhält, wo nur bisweilen ein wenig von oben angefrischt, nachgeholfen, ausgeflickt wird und wo man von unten nicht gar zu unbarmherzig damit umgeht. In den engen Gassen der Stadt, freilich, da kann der beste Schnee nicht Schnee bleiben, auch bei tüchtiger Kälte nicht. Da verliert er, von tausend Füßen getreten, von tausend Flecken beschmutzt, von tausend Pferdehufen aufgewühlt, seine natürliche Reinheit und verwandelt sich in einen grau-gelben, grundlosen, kaum zu durchwatenden Sand, welcher dem Fremden wohl nicht lieblich erscheint, welchen der Einheimische nicht beachtet, über welchen klingelnde Schlitten munter dahingleiten, wie eine grün und gelbgesprenkelte Eidechse über sonnengedörrtes Waldmoos.

Fürchte dich nicht, unerfahrener Neuling, vor dem wilden Gespann, welches galoppierend hinter dir her saust und dich im Vorüberfliegen fast an die Mauer des Hauses drängt. Es geschieht dir nichts zuleide. Der Kutscher nimmt sich wohl in acht; er ließe sich eher seinen schönen schwarzen Bart, die Hauptzierde seines Standes, einzeln ausrupfen, ehe er dir ein Haar krümmte. Denn er kennt wohl die Strenge des Gesetzes und sein Gebieter nicht minder. Beiden ist bekannt, und der Herr schärft es dem Diener alltäglich ein: fahren darfst du, so rasch du willst und die Pferde laufen mögen, aber wenn ein Mensch überfahren wird – sei er auch gar nicht beschädigt –, so steckt man den Kutscher in ein Linienregiment und die Equipage, wie sie geht und steht, samt Pferden und Geschirr, wird zum Besten der Armenanstalten öffentlich an den Meistbietenden verkauft. Der Besitzer, dem seine Pferde lieb sind, und der Kutscher, der nicht absolute Gelüste verspürt, nächsten Sommer vielleicht unter die Rietzchensucher zu gehen – sie werden deine Gliedmaßen schonen.

Zwar jenen singenden Burschen, dem eine Schale heißen Tees aus des ambulanten Schenken brodelndem Kessel nicht warm genug war und der für gut befand, verschiedene »Schälchen« starken Branntweins folgen zu lassen, den könnte leicht, wie er sich toll und voll jetzt mitten in der Gasse quer über den Fahrweg zur sanften Mittagsruhe hinlegt und sich mit einem melancholischen Liedchen aus a-Moll in Schlummer winselt, ein Ungemach erreichen. Zweimal schon hat der Kutscher, dort oben um die Ecke biegend, seinen Warnungsruf ertönen lassen, und der Sänger hat nicht darauf geachtet...; da springt Iwan aus Muschkins Laden heraus, packt den trunkenen Landsmann, reißt ihn auf die Seite, lacht dem vorüberfliegenden Schlittenlenker zu, nimmt sodann des Betrunkenen Pelzmütze, füllt sie mit frisch gefallenem Schnee, den er vom nächsten Prellstein streift, stülpt sie wieder auf den gelben Semmelkopf und setzt dessen Inhaber in ein kühles Winkelchen, mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt. Hierauf begibt er sich wieder in seine Ladentür, wo er mit untergeschlagenen Armen den Erfolg seines physiologischen Experimentes abwartet. In dem Maße, wie der eingepelzte Schnee sich löset und in lauen Tropfen über des Berauschten Wangen rinnt, scheint sich auch dessen Rausch zu lösen. Sein Gesang verstummt, seine Augen öffnen sich, seine Besinnung kehrt wieder, bald übersieht er deutlich die prekäre Lage, worin er sich befindet und die er seiner unwürdig hält. Majestätisch erhebt er sich, rückt die wundertätige Zauberkappe aufs linke Ohr und schreitet von dannen, ohne seinen Retter eines dankbaren Blickes zu würdigen. »Besaufe dich nicht noch einmal, Brüderchen; wenigstens heute nicht!« ruft ihm Iwan nach und macht zugleich seinen schönsten Kratzfuß, verbunden mit dazugehörigem Ärmelschmatz, vor Madame Singwald, die, ihn freundlich begrüßend, in seines Herrn Laden tritt.

»Nun, wie seid Ihr zufrieden, Herr Muschkin, mit Eurem Iwan?« fragte sie teilnehmend.

Muschkin kann nicht Worte genug finden, den Fleiß, die Ordnungsliebe, die Anstelligkeit, den guten Willen und besonders die heitere Laune des Jungen zu rühmen. Ewig wird er dem braven Isaak dankbar sein für diese Empfehlung; aber das ist ganz natürlich; ein Diener des Singwaldschen Hauses kann nur gute Leute kennen, und was von dort kommt, muß zum besten ausschlagen. Er hat jetzt auch die Paßangelegenheiten des treuen Menschen geordnet; es ist nach Narva geschrieben worden, der Geschäftsführer von Iwans Herrn hat eingewilligt, daß dieser in Riga verbleibe und eine mäßige Abstandssumme für den beurlaubten Leibeigenen festgesetzt, die Muschkin mit Freuden zahlt. Die alte Mutter ist glücklich, daß ihr Söhnchen Ehre einlegt, und findet darin einigen Trost für die Trennung vom Manne, der noch immer nicht seiner Haft entledigt ward.

Doch diese Berichterstattung hindert den geschäftigen Kaufmann keineswegs, seinen jüngst eingetroffenen Vorrat zu entfalten und die beste, feinste Ware anzupreisen. Dazwischen erkundigt er sich mit verbindlichsten Ausdrücken nach Seiner Wohlgeboren Herrn Singwald und vergißt sogar nicht zu fragen, wie Simeon sich befinde, den er auch seinen Gönner nennt. Er hofft, daß dieser junge Freund sich des hohen Glückes, bei Ihren Gnaden zu dienen, fortdauernd würdig erweise; denn ein sehr einträgliches Plätzchen müsse das sein und bei so vielen Gästen reichliche Trinkgelder abwerfen, wie sich daraus zeige, daß Simeon manchen hübschen Dukaten gegen Silber bei ihm einzuwechseln komme. »Tut er das?« fragte Madame Singwald. »Nun, das freut mich; das zeigt, er ist sparsam und bringt seinen kleinen Gewinn nicht leicht durch, wie leider so viele andere seinesgleichen. Solche Diener sind heutzutage selten, und wir können uns Glück wünschen, Herr Muschkin, daß wir's mit den unserigen so gut getroffen. Ich freue mich auch jedesmal, wenn ich höre, Iwan hat unsere Leute besucht; ich hatte ihn schon gern, wenn er mit Grünlichkeiten in meine Küche kam.«

Damit empfahl sie sich, ihre Einkäufe zurücklassend, daß Iwan ihr zur Feierabendstunde dieselben zutragen möge.

 

Weil der Tag schön und klar ist, machen wir einen kleinen Spaziergang nach der Petersburger Vorstadt, in die Dampfbäder des Herrn Priminoff. Muß uns gar vieles im äußerlichen Formenwesen der russisch-griechischen Landeskirche abstoßend erscheinen; können wir uns mit ihren langen Fasten und ihren fast ungenießbaren Leinölgerichten unmöglich befreunden, immer wird es einen günstigen Eindruck auf den unbefangenen Beobachter machen, zu sehen, wie sie in diätetischer Beziehung wahrhaft mütterlich besorgt bleibt, die in schmutzige Wintertracht gehüllten Leiber ihrer gläubigen Kinder sauber und rein zu halten und zugleich die Einflüsse des Klimas auszugleichen, indem sie dahin trachtet, die der Haut des Menschen so notwendige Porentätigkeit, die im Süden die Natur erzeugt, durch künstliche Mittel wohlfeil zu verschaffen, so wohlfeil, daß auch der Ärmste sie nicht entbehrt. Denn gilt es gewissermaßen für ein kirchliches Gesetz, wöchentlich mindestens einmal ein Dampfbad zu besuchen, so ist auch dafür gesorgt, es selbst dem Bettler durch niedrige Eintrittspreise zugänglich zu machen. Da sitzen sie, ihre Rosenkränze betend zur Hand, milde Gaben erwartend. Wenige Kopeken genügen, ihnen das Paradies zu eröffnen, welches sie, den Busch von Birkenzweigen unterm Arm, betreten. Sie legen ihre schlechten Lumpen ab, um eine Säuberung an sich selbst vorzunehmen, wie solche, in so gründlicher Art, den Körpern unserer Vornehmsten selten oder nie zuteil wird; der gemeinste Russe ist an seinem Leibe reinlicher als unsere duftigsten Stutzer. Denn was sind Flußbäder – was sind sogar warme, üppige Abwaschungen mit Mandelöl und Erdbeerenseife in ihren Wirkungen gegen ein russisches Dampfbad? Oberflächliche Spielereien, die sich mit jener gründlichen Ausrottung aller ungehörigen Stoffe kaum vergleichen lassen.

Im untern Stockwerke treibt das Volk sein Wesen. Dort kennt man die gesteigerten Ansprüche nicht, welche sanft sprühenden Staubregen oder kräftige Duschen zur Abkühlung verlangen. Der Russe geht – auch die Russin, ihr kleines Kind an der Brust – entweder glühendrot wie ein gekochter Krebs aus der Badestube ins Freie und überläßt es Wind und Wetter, nach Umständen ihn zu kühlen; oder wenn er Luxus treiben will, wälzt er sich, ehe er wieder Toilette macht, im lieben weißen Schnee herum, vor Lust jauchzend; wobei vielleicht die Bemerkung nicht unnütz erscheint, daß es in keiner Nation so viel alte Menschen gibt als in dieser und daß hundertjährige muntere Greise zu den Alltäglichkeiten gehören.

Das obere Stockwerk ist in verschiedene kleinere Gemächer abgeteilt, die gewöhnlich aus einem Vorzimmer, einer Zwischenkammer mit Betten und dem eigentlichen Badstübchen bestehen und an einzelne Gäste vermietet werden für den verhältnismäßig auch sehr niedrigen Preis von einem Silberrubel. Zwei bis drei Personen finden dort bequeme Unterkunft. Auf demselben Flur liegen dann auch einige Gastzimmer, wo Getränk jeder Gattung von Schenken in echter koketter Volkstracht gereicht werden und wo stets plaudernde Gruppen sitzen. Es ist begreiflich, daß eine so wohltätiger den klimatischen Verhältnissen entsprechende Sitte nach und nach auf die deutsche Bevölkerung übergehen mußte. Kein rigischer Dienstbote, sei er lettisch oder deutsch, unterläßt, um Urlaub »in Badstube« anzusprechen.

Wir finden hier unsern Simeon, aber nicht in Singwaldscher Livree, sondern im Aufzuge eines selbständigen freien Herren, welchem, um vollkommen zu sein, weiter nichts fehlt als jenes Unnennbare, ich weiß nicht was, ohne dessen Besitz das schönste Kleid keinen Mann macht. Er scheint nicht hierhergekommen zu sein, um zu baden; denn er hat sich ohne Aufenthalt in den Schank begeben, wo er an einem kleinen Tische Platz nimmt und seinen Tee trinkt. Offenbar wartet er auf jemand. Forschend und prüfend richtet er den Blick auf jeden Eintretenden, nicht als ob er eine unangenehme Begegnung zu fürchten habe; denn daß von den Gästen seiner Herrschaft hier keiner zu erwarten sei, dessen ist er wohl sicher; sondern ungeduldig, wie wenn er ein Zeichen entdecken wolle, woran ein ihm persönlich Unbekannter oder etwa ein Bekannter aus früheren Jahren, den die Zeit ihm unkenntlich machte, wiedererkannt werden solle. Sein Benehmen hat etwas Lauerndes, sehr verschieden von der unbefangenen Sicherheit, die er an der Tafel bei Madame Singwald zur Schau trägt. Er hat bereits eine Stunde verweilt; seine Teekanne ist leer. Unruhig zieht er von Minute zu Minute die Uhr zu Rate, ob es nicht Zeit sei, nach Hause zu gehen, wo man ihn zur Bedienung erwarten werde. Madame hat Damentee und Spiel bei sich. Es ist ein hübsches Stückchen von Priminoffs Bade bis hinein zur Jakobigasse. Und finster ist es längst; die Wintertage sind in Riga so kurz. Er wird müssen einen Schlitten nehmen, die Versäumnis nachzuholen; dann darf er noch ein Viertelstündchen zögern.

Jetzt öffnet sich die Tür. Ein breitschultriger Mann mit mürrischem Gesicht, in einer Tracht, die etwas von einem Schiffskapitän und auch etwas vom Soldaten in bürgerlicher Kleidung hat, erscheint und fordert, ziemlich barsch, eine kleine Flasche Porter, ohne sich weiter um die Anwesenden zu bekümmern. Sogleich läßt Simeon seinen Teelöffel zur Erde fallen, bückt sich, um ihn wieder aufzuheben, und bietet dem Ankömmling den leeren Stuhl an seinem Tischchen, welchen dieser, ohne zu danken, ohne zu sprechen, einnimmt. Nachdem der Aufwärter die Bouteille hingestellt, Simeons Zeche in Empfang genommen und sich wieder entfernt hat, beginnen beide miteinander zu flüstern. Den Inhalt ihres Gesprächs können wir nicht verraten. Wir wissen nur, daß es länger währte als die Frist, die Simeon sich vorher zum äußersten Termine gesetzt. Deshalb sprang er plötzlich auf und entfernte sich eilig, seinen Tischnachbar zurücklassend wie einen Fremden, mit dem uns der Zufall zusammenführte und dem wir gleichgültig den Rücken kehren, ohne zu fragen, ob wir ihn jemals wiedersehen werden. Doch so ganz gleichgültig scheint die Unterhaltung nicht gewesen zu sein; denn der Portertrinker bleibt in dumpfes Nachsinnen versunken da sitzen, und der Teetrinker besteigt in merklicher Aufregung einen leer vorüberfahrenden Lohnschlitten, verschmäht die ihm dargebotene wärmende Wolldecke für seine Füße und spürt, leicht bekleidet wie er ist, die Einwirkung des scharfen Schneewindes kaum. Im Tore läßt er anhalten und rennt, immer noch in lebhaften Selbstgesprächen und heftig gestikulierend, dem Singwaldschen Hause zu.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.