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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Siebentes Kapitel

Vielleicht würden die kleinen Verstöße gegen gesetzliche Anmeldungen neuer Dienstboten und gegen strengen Nachweis ihrer Befugnis, am Orte zu weilen, nicht so unbeachtet vorübergegangen, sondern zu Iwans Nachteile vom scharfen Auge der Sicherheitsbehörde entdeckt worden sein, wäre nicht glücklicherweise der Polizei-PristaffDer Verfasser weiß, daß die Schreibart der wenigen, in dieser Erzählung vorkommenden russischen Wörter dem urprünglichen Alphabete nicht entspricht; er bemüht sich, so zu buchstabieren, wie sie unserem deutschen Ohre ausgesprochen klingen. Schloß, in dessen Quartier Muschkins Wohnung lag, in diesem Augenblicke, gleich seinen Kollegen, ganz und gar beschäftigt gewesen mit dem nun wirklich zur Wahrheit gewordenen Wechsel seines Chefs. Der seit Jahren fungierende Polizeimeister war in der Tat plötzlich nach einer entfernten, kleinen, unbekannten Stadt im Innern Rußlands versetzt und an seiner Stelle ein mit deutschen Sitten und Verhältnissen, mit deutscher Sprache Unbekannter, ein übrigens gutmütiger und freundlicher Nachfolger angelangt. Jener hatte sein Exil, dieser seine günstige Beförderung lediglich der unglücklichen verfolgten Sekte der Altgläubigen, Raskolniks, auch Philipponen genannt, unter die unseres Iwans Vater gehörte, zu verdanken, gegen welche verfolgte Sekte der erstere nicht hart genug verfuhr und, wie schon oben angedeutet, dadurch Haß der Landeskirche auf sich lud. Diese Philipponen – so werden sie im angrenzenden Preußen genannt – mögen Schwärmer sein, aber unschädlich sind sie gewiß. Wenigstens erweisen sie sich so im Ostpreußischen, wo ihre Vorväter, damals schon verfolgt, einzuwandern und sich anzusiedeln die Erlaubnis erhielten. Zu jener Zeit unter Kaiserin Elisabeth, nahm die Auswanderung dermaßen zu, daß man sich genötigt fand, ihr Einhalt zu tun, und einen eigenen Ukas erließ, vermöge dessen besagter Sekte vollkommene Duldung und Glaubensfreiheit im Vaterlande zugesichert worden.

Jener Ukas scheint zu Iwans Zeiten durch einen späteren verdrängt worden zu sein. Tempora mutantur.

War die Kabale, welche den vorigen Polizeimeister stürzte und den neuen beförderte, darauf ausgegangen, Menschlichkeit durch Unmenschlichkeit zu vertreiben, so hatte sie sich getäuscht. Der kleine dicke Russe, vor dessen Namen schon sich ganz Riga gefürchtet, zeigte sich, da er in Person erschien, als ein bon enfant im besten Sinne des Wortes; radebrechte sein bißchen Französisch und seine wenigen deutschen Vokabeln mit zuvorkommendster Artigkeit; verriet nicht die entfernteste Neigung, seine Amtsgewalt bösartig anzuwenden; und flößte sehr bald allen, die amtlich oder gesellig mit ihm in Berührung traten, das beste Zutrauen ein. Nur gegen die eigentlichen Übeltäter und Feinde der bürgerlichen Sicherheit, gegen Diebe und Räuber, brachte er den jungfräulichen Eifer eines im Dienste noch nicht abgenützten und müde gewordenen Mannes mit aus seiner bisherigen kleinen Umgebung, wo es nicht viel zu fangen gab, in eine Bevölkerung von siebzigtausend Seelen, die reiche Beute versprach. Er brannte auf Taten, die ihn nützlich machen, die ihn in der öffentlichen Meinung ehren sollten. Deshalb warf er sich gleich in den ersten Tagen tüchtig ins Geschirr und brachte, wie es bei solchen heftigen Anläufen immer geht, Schreck und Verwirrung unter sein Personal. Diesen seinen Eifer noch zu vermehren, mußte gerade eine Woche vor seiner Ankunft, nahe bei der Stadt, »im Grünen« ein frecher Anfall auf eine noch nicht aus ihrer ländlichen Sommerwohnung zurückgekehrte Dame verübt worden sein, welcher vielerlei zu reden gab. Wir belauschen den braven Mann im vertraulichen Gespräche mit Pristaff Schloß, einem seiner umsichtigsten und gebildetsten Beamten. »Sagen Sie mir aufrichtig, lieber Pristaff«, spricht er zu ihm, »kommt dergleichen öfter vor? Hausen wirklich Räuber und solches Gesindel in den Waldungen um eure Stadt? Und sind die Leute in ihren ›Höfchen‹ derlei Angriffen ausgesetzt? Wie konnte man das einreißen lassen? Wer sind die Schufte? Wo kommen sie her?«

»Herr Obrist«, erwiderte der Pristaff, »ich bitte Sie zu bedenken, daß Jahre vorübergehen können ohne den geringsten Vorfall dieser Gattung und daß kein Mensch lobende Erwähnung davon macht; daß dagegen ein Ereignis, wie das neuliche, hinreicht, alle Zungen in Bewegung zu setzen, um jeden günstigen Eindruck ruhig vergangener Jahre zu verwischen. Das ist eine Ungerechtigkeit der öffentlichen Meinung, woran jede Behörde zu leiden hat. Übrigens liegt es in unserer Lokalität, daß sich hierherum vielerlei Gesindel versteckt, dessen habhaft zu werden keine Aufsicht genügt. Strom- und Seeschiffahrt, naher Hafen, waldbewachsene Hügel, vereinzelte Höfe und Hütten, Schleichhändler, ewiges Kommen und Gehen, Bestechlichkeit vieler schlechtbezahlter Offizianten – wo läßt sich da strenge Kontrolle handhaben? Dieser letzte Überfall scheint mir von Kerls verübt zu sein, die man nach dem hiesigen Volksausdruck ›Rietzchensucher‹ nennt.«

Der Obrist bemühte sich vergebens, dies nie gehörte Wort nachzusprechen, und bat um Erklärung, welche ihm der Pristaff im besten Russisch folgendermaßen gab: »Zur schönen Sommerzeit pflegen von den hier garnisonierenden Regimentern mitunter Desertionen stattzufinden. Einige dieser Flüchtlinge versuchen vielleicht, was ihnen freilich höchst selten gelingt, die Grenze zu erreichen. Andere, minder kühn, begnügen sich mit ungebundenem Aufenthalte im Schatten der Föhrenwälder, wo sie umherschweifen, wo sie stehlen, was ihnen vorkommt, und daneben – Pilze sammeln, die sie in den Höfchen zum Verkaufe ausbieten, wobei sie wohl Gelegenheit zu nächtlichen Besuchen ablauern. Der beliebteste dieser Pilze ist der kleine gelbe Reiske, ›Rietzchen‹ genannt; daher jener Spottname. Über kurz oder lang werden sie zwar eingefangen und tüchtig geprügelt, aber das ist ihnen nichts Neues, und sie haben doch einige Monate hindurch gekostet, wie Freiheit schmeckt.«

»Sind die Menschen verrückt?« rief der Obrist aus. »Wie mögen sie nur eines so kindischen Gelüstens willen in ihr Unglück rennen?«

»Herr Obrist«, erwiderte der Pristaff sehr leise, »im Vertrauen gesagt, manchmal ist es ihnen nicht zu verdenken. Sie sind mitunter so übel daran, daß ich begreife, warum sie es tun. Geschähe nur, was geschehen soll; empfinden sie regelmäßig, was ihnen gebührt – es ist gerade auch kein Wonneleben, doch es wäre auszuhalten. Aber es gibt Vorgesetzte... Da ist zum Beispiele hier der Obrist von B. – darf ich offen sprechen?«

»Mit mir immer; ich will, ich verlange es.«

»Der hat sich eine Villa gebaut, am Strande, und hat sie von Soldaten aufführen lassen, die bei der Arbeit halb verhungerten. Ich begegnete ihnen, als sie auf der Fähre übergesetzt wurden, um nach getaner Arbeit in die Garnison zurückzukehren. Auf Ehre, sie sahen aus wie Leichname, die in Charons Nachen aus der Unterwelt kommen. Ich schelte keinen von Ihnen, der etwa Rietzchensucher würde.«

»O mein barmherziger Heiland«, rief der Polizeimeister mit feuchtem Auge, »wenn das der Kaiser wüßte!«

»Gott ist hoch und der Kaiser ist weit, Herr Obrist!«

»Na, das kann alles nichts helfen, Pristaff; wir müssen darum doch unsere Schuldigkeit tun. Ich werde heute noch mit Sr. Exzellenz dem Generalgouverneur darüber verhandeln und ihm vorschlagen, daß er mir ein Detachement Kavallerie und eine Kompanie Infanterie beim Militärkommandanten erwirkt. Sie nehmen Ihre sichersten Leute, besorgen Fackeln, und mit Einbruch der Dunkelheit wollen wir einen Streifzug unternehmen, um zu versuchen, ob es uns gelingt, eine Säuberung jener Schlupfwinkel zu bezwecken.«

Am Abende desselben Tages sahen die Bewohner der Vorstädte mit Erstaunen verschiedene Truppenabteilungen nach verschiedenen Richtungen ohne Sang und Klang, ohne Trommel- und Pfeifenschall ausrücken.

»Der ›Neue‹ greift's herzhaft an«, äußerten sie; »das scheint ein ›fixer Kerl‹ zu sein!«

 

Den Erfolg der nächtlichen Unternehmung betreffend, haben wir nichts Genügendes darüber zu berichten. Waren entweder die Anstalten nicht umfassen genug oder hatten sich, durch unbehutsame Äußerungen erweckt, schon vor der Zeit Warnungsstimmen bis in den Wald verloren...? Nur ein einziger, freilich verdächtiger, Spaziergänger fiel in die Hände der bewaffneten Macht. Er antwortete jedoch so ruhig auf alle verfänglichen Fragen, die Pristaff Schloß an ihn stellte, und gab so befriedigende Auskunft über Windau (seine Heimat), erzählte so treuherzig, wie er auf dem Wege nach Wenden sich verlaufen und die Finsternis ihn überrascht habe, daß man ihn zu binden verabsäumte und sich begnügte, ihn zwischen den Soldaten mitgehen zu lassen, um morgenden Tages die Richtigkeit seiner Angaben näher zu prüfen.

Doch als der Morgen kam, beschien er zwar die Bajonette der Truppe, den Gefangenen nicht mehr in ihrer Mitte. Dieser hatte es für zweckmäßig erachtet, die bewaffnete, ihm aufgedrungene Gesellschaft zu meiden und sich wieder der Einsamkeit zu widmen. Wie er das so unbemerkt zustande gebracht, blieb dem Pristaff unerklärlich, flößte demselben aber auch Achtung für die Fähigkeiten des Unbekannten ein.

Der neue Polizeimeister war sehr ärgerlich, daß sie wie Sonntagsjäger zurückkehrten in die Festung, ohne Hasen in der Tasche, ohne Fuchs im Eisen.

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