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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Fünftes Kapitel

Professor Müller, schon am nächsten Tage in Singwalds Hause heimisch, als ob er darin geboren wäre, wurde es bald ebenso in ganz Riga. Dies ist die Eigentümlichkeit nordischen Lebens und Treibens. Wer sie einmal kennenlernte, sehnt sich ewig darnach, und stillen häuslich gestimmten Naturen oder auch solchen, die nach wildem Umhertreiben in weiter Welt einen Hafen des Friedens suchen, kann weder Glanz noch Geräusch Ersatz dafür bieten. Das ist und bleibt der noch lange nicht genugsam durchforschte Kontrast zwischen Süd- und Norddeutschland, der leider so häufig zu gegenseitigem Mißverständnissen und zu gehässigen Anfeindungen Veranlassung gibt. Gesonderte Elemente, die im Charakter der Menschen gleichwie in klimatischen Verhältnissen wurzeln. Berlin bildet gewissermaßen die Scheidewand und sagt deshalb, weil es – sozusagen – weder warm noch kalt ist, dem Fremden am wenigsten zu; auch die Größe der Stadt ist hinderlich. Darüber hinaus wird der Unterschied schon ausgesprochener, folglich angenehmer. Und in Königsberg zeigen sich die Vorteile, welche aus den Nachteilen eines achtmonatlichen Winters aufblühen wie Blumen aus dem Schnee in ihrer vollen Bedeutung für Familienleben, geistige Geselligkeit und wahrhaft häusliche Freuden. Da gibt es bald keine Gäste, keine Fremde mehr; da kennt man nur Hausfreunde. Wie viel entschiedener ist es in Riga!

Professor Müller warf sich mit der ganzen Lebendigkeit eines gemütvollen geistreichen Südländers in diese behaglichen Zustände und suchte, klug genug, in den Sanddünen und Nadelholzwäldern keine »Bergstraße« zu verlangen und kein Heidelberger Schloß, Entschädigung beim Anblick des mächtigen Stromes, der tiefen, melancholisch flüsternden Föhrenheiden, der mit Immergrün umkränzten blauen Landseen, des weiten, von Schaum bespülten Strandes. Noch lag der Sommer in voller nordischer Reinheit und Dauer auf den sanfthügeligen Flächen, wie wenn er gar nicht scheiden wollte. Von Vorboten des nahen Herbstes keine Spur. Täglich wurden Ausflüge gemacht. An den Stintsee; an den »Strand«, wo freilich die Badegäste schon sehr dünn geworden; nach Mitau hinüber, zu den Freunden. Und den Beschluß der fröhlichen vierzehn Tage sollte eine Fahrt nach Dünamünde machen, um die Festung und den Leuchtturm zu sehen, an welchen letzteren sich für den Sohn der Binnenströme poetische Bilder und Anschauungen knüpften.

Man legte bei einem unnatürlich schwülen Septembertage die etlichen Meilen nach Bolderaa, von vier kräftigen Lohnpferden gezogen, trotz aufgewühlten Sandweges rasch zurück und hielt dort vor dem erträglichsten Gasthause – denn in Bolderaa, als einem Hafenörtchen, sind eigentlich alle Gebäude Matrosenkneipen und die weibliche Bedienung derselben allerdings mehr auf »Teerjacken« als auf Einspruch rigischer Oberältestinnen berechnet –, hieß den Kutscher seine Pferde versorgen und gab Simeon den Auftrag, Mäntel und Lebensmittel zu bewachen und dafür Sorge zu tragen, daß nach der Rückkehr vom Leuchtturm eine nahrhafte Kollation bereitstehe. Dann machten sich Singwalds mit ihrem lieben Gaste wohlgemut auf. Im Fort Dünamünde, welches sie durchwandern mußten, begegnete ihnen der Kommandant desselben, der brave Obrist Manderstjern, der den Freunden aus Riga allerdings nur eine Hand entgegenstrecken konnte, aus dem einfachen Grunde, weil ihm die andere samt dazugehörigem Arme auf irgendeinem Schlachtfelde abhanden gekommen war, an dessen herzlicher und wohlgemeinter Begrüßung aber dennoch niemand zweifelte. Er gab ihnen, da er selbst durch Amtsgeschäfte verhindert war, sie zu begleiten, einen von zahllosen Ehrenzeichen bebänderten eisgrauen Unteroffizier als Führer mit; einen jener in allen Klimaten gebräunten, eisenfesten, uralten Krieger, wie sie vorzüglich in der russischen Armee so groß, ernst, gehorsam, willenlos und unerschütterlich zu sehen sind. Dieser schritt wie ein Turm vor ihnen her, und Singwald, in lustiger Laune, äußerte: »Wenn der Kerl eine brennende Kerze auf seine Mütze stecken wollte, könnten wir behaupten, ein Leuchtturm gehe den anderen besuchen. Übrigens«, fuhr er fort, »da Sie nun, Freund Müller, den Obristen von Manderstjern persönlich kennenlernten, muß ich Sie doch auch mit seinem Bruder, dem General, bekannt machen, von welchem eine merkwürdige Geschichte kursiert, die ganz geeignet ist, nicht bloß diesen tapferen Offizier zu bezeichnen, sondern die auch einen eigentlichen Blick in unsere Zustände gewährt, für den neuen russischen Untertanen, als welcher Sie nach Dorpat einziehen, von großem Interesse. Es fand ein großes Truppenmanöver statt, welches unseres Kaisers Majestät selbst mit Ihrer Anwesenheit beehrten und wobei sehr viele ausländische Offiziere hohen Ranges, Österreicher, Preußen, Franzosen, Engländer sogar, als Zuschauer sich befanden. Der vom Kommandierenden entworfene Plan war dergestalt eingerichtet, daß die geschlagene Armee auf Schiffbrücken über einen Strom retirierte und hinter sich die Brücke rasch abbrach, so daß der verfolgende Sieger am Ufer stehenbleiben sollte. Hier hielt der Kaiser mit den Großfürsten und sämtlicher Suite, als General Manderstjern an der Spitze seiner Brigade anrückte und haltmachte. ›Nun, Manderstjern‹, rief ihm der Kaiser zu, ›was geschieht jetzt?‹ – ›Majestät‹, erwiderte dieser, ›das Manöver ist zu Ende und der Feind aus dem Felde geschlagen.‹ – ›Aber ein rechter Feldherr‹, fuhr der Kaiser fort, ›begnügt sich nicht mit einem halben Vorteil; jenseits müßte man die geschwächten Truppen verfolgen.‹ – ›Befehlen Majestät, daß ich es tue?‹ fragte der General. ›Du mußt wissen, was du zu tun hast‹, sagte der Kaiser. Da sprengte der General vor die Front: ›Soldaten, unser Kaiser will, daß wir dem Feinde folgen; schlagt das Kreuz! Mir nach!‹ Und er gibt seinem Pferde die Sporen und setzt in die reißenden Fluten, die Roß und Reiter augenblicklich verdecken; das erste Glied der Truppen folgt ihm mit jubelndem Hurra! Hunderte sinken vom schweren Tornister bedrückt, obwohl sie sonst gute Schwimmer sind. ›Soldaten‹, schreit der Kaiser, daß es weithin schallt, ›rettet eueren General.‹ Abermals Hunderte werfen ihr Gepäck ab, stürzen sich in die Wogen und bringen den von alten Narben bedeckten Krieger halbtot heraus. Die Ertrunkenen hat niemand gezählt. Abends lag der kranke Manderstjern, furchtbar fiebernd, in seiner Biwakhütte, da trat, nur von einem Adjutanten begleitet, der Kaiser bei ihm ein. ›Manderstjern‹, sprach er freundlich zürnend, ›bist du wahnsinnig, einen Scherz so aufzunehmen?‹ – ›Majestät‹, antwortete der im Frost Klappernde, ›ich wußte nicht, ob es nicht vielleicht ernst war. Konnte mein Kaiser so vielen fremden Generalen nicht durch die Tat zeigen wollen, wie weit der Gehorsam des Russen für seinen Herrn reicht?‹ – Wie gefällt Ihnen dieser Zug, Freund Müller?«

Der Professor schüttelte sich: »Da weiß man doch beim Himmel nicht, ob man schaudern und umkehren soll, aus diesem Lande fliehend, oder ob man staunend bewundern möchte.«

»Da Sie einmal nach Dorpat berufen sind, Professor, und akzeptiert haben, so rate ich Ihnen wohlmeinend zum letzteren. Ziehen Sie aber das Schaudern vor, dann, um Gottes willen, kehren Sie noch von Riga aus um, wo die Grenze in einem Tage und einer Nacht zu erreichen ist. Haben Sie in Dorpat die Brücke überschritten, befinden Sie sich auch schon in Asien, wie Bulgarin versichert.«

Während dieser Plaudereien gingen sie den schmalen Damm entlang, der nach dem Leuchtturm führt. Vor ihnen lag der Rigaische Meerbusen unter einem klaren hellen Himmel, an dessen äußerster Grenze nur ein kaum sichtbares graues Gewölke hing.

Der Unteroffizier wies darauf hin, schüttelte sein Silberhaupt und sagte: »Nix gutt, Sturm!« und förderte seine Schritte.

»Gott beschütze«, sprach Madame Singwald, der dies raschere Tempo Seufzer entlockte, »bis daraus ein Sturm wird, der uns trifft, sind wir wohl dreimal wieder zu Hause. Das Wölkchen hat ja Platz in meinem Strickbeutel.«

Müller stimmte bei.

»Sage das nicht, meine Beste«, wendete der Oberälteste ein. »Ums Meer herum herrschen ganz eigene Gesetze. Wir wollen doch nicht unnütz trödeln.«

Und sie griffen schärfer aus, ohne auf die Seufzer der wohlbeleibten Dame zu achten.

Die Besichtigung des Leuchtturmes mit seinen inneren Vorkehrungen nahm einige Zeit weg. Sehr umständlich setzte der Wächter den Besuchenden seine ernsten Pflichten auseinander und die strenge Verantwortlichkeit, welcher bei unglücklichen Ereignissen er, vielleicht ohne üblen Willen oder eigentliche Schuld, verfallen könne. Das Dasein solches Wächters in völliger Abgeschiedenheit von anderem menschlichen Tun und Treiben; die Einsamkeit der Nacht gegenüber den beweglichen Wasserwüsten; die hochwichtige Bedeutung solches unscheinbaren Amtes; das grauenhafte Verlassensein bei tobenden Orkanen... dies alles, in der Nähe betrachtet und erwogen, ist wohl geeignet, denkenden und fühlenden Menschen Stoff zu fesselnden Gesprächen zu bieten. In solchen begriffen, überhörten unsere Freunde denn auch alle wiederholten Aufforderungen ihres Unteroffiziers, die dieser, aus Ehrfurcht für seinen Festungskommandanten, dessen Geheiß ihn zu ihrem Untergebenen für dieses Spazierganges Dauer gemacht, nur leise und ohne Entschiedenheit auszusprechen wagte. So begab es sich denn, daß sie, den Turm verlassend und ins Freie hinaustretend, die geringgeschätzte kleine Wolke am fernen Horizont bereits zu einer weitausgedehnten, dunkelgrauen Decke angewachsen fanden, die den halben Gesichtskreis einnahm. Doch meinte Madame Singwald, bis nach Riga kommen wir schon noch trocken, und dann kann's losgehen.

»Täuscht mich nicht alles, so geht es schon los«, sprach der Professor. Und eh er diese wenigen Worte vollendet, war kaum noch ein Dritteil des reinen Himmels zu sehen. Aber auch dieses verschwand hinter undurchdringlichen Wolken, bevor noch Singwald seiner Gattin den guten Rat erteilen konnte, ihr Kleid aufzuschürzen. Den ersten einzelnen Tropfen, die wie Taubeneier groß herabgefallen waren, folgte nun in gerade regelmäßigen Strömungen ein Wasserguß, dessen Gewalt binnen einer Minute durch jegliches Stück ihrer Anzüge drang und heftig, wie er Eingang gefunden, seinen Ausgang suchte. Der vor einer Stunde staubdürre Pfad des Dammes verwandelte sich in einen Sumpf. Nur wenige Schritte voneinander, sahen sie sich eines das andere nicht mehr, und Singwald machte, mit aller Anstrengung seiner Stimme, den Vorschlag, sie möchten wie Kinder, wenn sie aus der Schule laufen, Schlange spielen und ein jeglicher seines Vorgängers Rockzipfel anfassen; den Kopf der Schlange sollte der Unteroffizier bilden und sie leiten, damit sie nicht durch einen Fehltritt vom Damme herab ins Wasser gerieten. Der Unteroffizier brachte sie auch richtig bis ins Fort Dünamünde; von hier war er ausgesendet, hierher lieferte er sie noch lebendig; so weit ging seine Parole; was weiter aus ihnen würde, war nicht seine Sache. Er verschwand, als ob die Erde ihn verschlungen hätte. Und die Verlassenen bewegten sich auf gutes Glück zur Festung hinaus, wobei dem Professor sein angeborener Ortssinn gut zustatten kam. Der Verdruß über das unfreiwillige Bad hatte bei allen dreien ohnehin nur so lange angehalten, als sie sich noch törichte Mühe gaben, irgend etwas von ihrer Kleidung zu schützen. Seitdem sie sich in ihr Schicksal gefunden, waren sie sämtlich geneigt, die komische Seite der Lustpartie in Erwägung zu ziehen, weshalb sie unter lautem Lachen in Bolderaa anlangten. Doch da wendete sich das Blatt noch einmal. Die erwarteten Anstalten zur ersehnten Bewirtung mangelten. Dem sie übertragen gewesen, fehlte. Kein Simeon war vorhanden. Die Mädchen im Gasthause erzählten, der »junge Herr« habe gerade angefangen, sich mit ihnen zu unterhalten, da sei eine alte Frau vorübergegangen, die ein kleines Blockhäuschen draußen am Strande in den Sanddünen besitze, wo Schiffer von geringeren Fahrzeugen bisweilen Unterkunft nähmen. Diese Frau scheine er zu kennen, denn er habe hinter ihr her gerufen: »Wo kommen Sie denn her?« und sei ihr dann nachgefolgt. Als sie ihn erkannt, habe sie große Freude gezeigt; wahrscheinlich sei er mit ihr in ihr Häuschen gegangen, und wenn ihn da drin der Guß überrascht habe, könne er jetzt beim besten Willen nicht zurück, weil ringsherum alle Niederung überschwemmt sei.

»So ist er wenigstens entschuldiget, wenn auch nicht gerechtfertiget«, hub Singwald an; »aber jetzt, ihr Leute: starken Kaffee herbei! Nehmt die Flaschen aus ihrem Futterale und kocht uns einen Glühwein, so heiß wie Karlsbader Sprudel. Ehe wir die Rückfahrt antreten, müssen wir von innen brennen, damit wir auswendig dampfen. Es wird sein wie in der russischen Badestube; meinen Sie nicht auch, Professor?«

»Ich meine«, sagte Müller, »wir haben von Glück zu sagen, wenn Ihre Frau Gemahlin nicht schwer erkrankt nach dieser furchtbaren Durchnässung.«

»Wo denken Sie hin? Jetzt bin ich schon wieder bei Wege. Ein Gewitterregen schadet nicht, der ist wie ein Schwefelbad. Und die nassen Kleider, was sind die anderes als Gräfenberger Leintuchumhüllungen, die jetzt modern sind? Man muß nur verhindern, daß Zugluft daran kommt. Geben Sie mir meine wattierte Enveloppe, meinen Shawl; nehmt ihr Männer eure Mäntel; schützt euch gegen den Wind, heizt euch ein mit Weine, ich will's mit Kaffee tun; dann wohlverpackt in die Kutsche, und wenn wir in Riga aussteigen, rauchen wir über die Treppen hinauf wie drei wandelnde Kohlenmeiler. Dann ins Bett bis über die Ohren, und morgen früh stehen wir um zehn Jahre jünger auf, was mir gar nicht schändlich sein wird und meinem guten Singwald auch nicht.«

Wo die Frauen, vorzüglich ältere, einen Unfall mit heitrem Sinne wegzuscherzen verstehen, kann bei Männern kaum der Mißmut aufkommen. Müller und Singwald versicherten, den duftig gewürzten Glühwein schlürfend, zu wiederholten Malen, daß dieser Nachmittag der ergötzlichste ihres vierzehntägigen Umherschweifens sei, und als sie Bolderaa verließen, dachten sie des weggeschwemmten Simeon gar nicht mehr.

Bei später Nacht, die nur bisweilen von Blitzen erhellt wurde, langten sie glücklich, wenn auch nicht ohne Gefahr, vielleicht in ausgetretene Wässer zu geraten, vor ihrem sicheren Hause an, wo Isaak, Dorchen, Lieschen und andere Dienstboten ängstlich ihrer harrten. Isaak, sehr zufriedengestellt, daß man seinen wohlgepflegten Pferden die schwere Anstrengung nicht zugemutet; Dorchen, boshaft lächelnd über Simeons Ausbleiben; Lieschen, teilnehmend und ängstlich fragend: was aus ihm geworden.

Doch das mag er ihr selbst entdecken, soweit er es für nötig findet, sie in seine Privatverhältnisse einzuweihen. Denn mit Tagesanbruch meldete er sich, im eigentlichen Sinne naß wie eine gebadete Katze.

Der Herrschaft berichtete er, daß er am Strande eine Muhme seiner verstorbenen Mutter gefunden habe, die dort eine kleine Schenke halte. Er bat flehentlich um Verzeihung, die ihm denn auch, in Anbetracht aller von ihm ausgestandenen Fährlichkeiten, durchaus nicht vorenthalten wurde, zu Lieschens Freude, zu Dorchens Verdruß.

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