Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl von Holtei >

Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel

Eine Woche war beinahe herum, der liebe Sonntag vor der Tür, und Simeon stand bei seiner wohlbeleibten Freundin in der Küche, zum – ich weiß nicht wievielten Male – sich schildern zu lassen, was es im gastfreien Riga mit den sogenannten offenen Tafeln eigentlich für eine Bewandtnis habe?

»Also eingeladen wird niemand, Lieschen?« fragte er.

»Niemand, guter Simon, außer einmal, zum ersten Mal. Da sagt Herr Oberältester oder Frau Oberälteste: ›Sonntag um drei Uhr, immer willkommen.‹ Und hernach bleib aus oder stelle dich ein, jeder wie er will.«

»Da weiß ja aber unsereiner nicht, für wie viele gedeckt werden soll?«

»Waih, guter Simon, wissen wir in der Küche, auf wieviel soll gekocht werden? Heute drei, über acht Tage dreißig. Reichen muß es immer, und reichlich; dafür sorgt schon die Frau. Und der Speisetisch ist zum Einschieben und zum Ausziehen, wie man's braucht. Tischzeug, Silber liegen im Schrank, Gläser stehen im Büffet, Flaschen sind im Keller, und Weißbrot hat der Bäcker nebenan. Sie müssen nur morgen nicht den Kopf verlieren, denn morgen wird alles kommen, was in der Stadt zugegen ist von Bekannten und Hausfreunden. Zum Glück wohnen viele Herren noch im Grünen. – Ha, guten Morgen, Iwan«, rief sie plötzlich in russische Sprache übergehend, einem jungen, schlanken Burschen zu, der barfuß, in dünner sommerlicher Nationaltracht, mehrere Körbe mit Obst und Gemüse auf dem Kopf tragend, schüchtern in die Küche guckte. »Bist du noch hier? Ich habe dich ja gar lange nicht gesehen und deinen Vater auch nicht.«

»Meinen Vater?« schluchzte Iwan, und heiße Tränen rollten über seine bleichen verkümmerten Wangen.

»Waih, was ist denn? Ist dein Vater krank oder tot?«

»Mein Vater ist weggeschleppt worden, in Ketten, wer weiß wohin.«

»In Ketten? Was hat er denn verbrochen, der arme Mann?«

»Er ist kein Rechtgläubiger, sagen sie; sie haben ihn verhört und mich auch. Ich bin nach meinem Mütterchen, die gehört zur heiligen Kirche. Der Vater ist ein Raskolnik, haben sie gesagt. Da haben sie ihn geschlagen und auf einen Wagen geworfen, mit vielen andern; mich haben sie lassen laufen. Ich will noch vollends verhandeln unsern kleinen Vorrat, und dann will ich zur Mutter nach Narwa.«

»'s ist wohl zum Erbarmen, was sie treiben mit ihrer Rechtgläubigkeit«, sprach Lieschen und nahm, soweit ihre Wirtschaftsgelder noch reichten, dem Jungen den größten Teil seines grünen Krames ab, ohne weiter mit ihm zu handeln. »Meine Madame wird's schon gutheißen«, meinte sie, streichelte ihm die bleichen Backen und hieß ihn wieder vorsprechen, solange er noch hier bleibe.

»Wie kommt der Bengel aus Narwa hierher?« fragte Simeon, der als geborener Petersburger alles verstanden, was die beiden russisch abgehandelt.

»Sein Vater ist ein Leibeigener, dem seine Herrschaft erlaubt, zum Sommer in eine Gegend zu ziehen, wo mehr wächst und besser wie bei ihnen zu Hause. Da treffen jedes Jahr eine ganze Menge hier ein und pachten ein Stück Feld, wo sie Grünzeug pflanzen und bauen. Zum Winter kehren sie zurück und bringen ein bißchen Geld mit, davon bekommt der Herr seinen Anteil für den Urlaub. Iwans Vater kenn ich schon, solange ich bei Herrn Oberältesten diene, und den Jungen habe ich so aufwachsen sehen; hab mich von Jahr zu Jahr gefreut, wenn er wieder einen halben Kopf größer geworden war. Nun haben sie ihm den Vater genommen – den sieht er nicht wieder; der kommt um, wo ihn keine Sonne bescheint. Waih, sind das noch schöne junge Erbsen, wie im Juli.«

»Warum ist der alte Kerl ein solcher Esel«, äußerte Simeon, »daß er einen besonderen Glauben haben will? Kann er nicht glauben, was ihm befohlen wird?«

»Aber Simon«, sagte Lieschen, »wer kann denn für seinen Glauben? Der muß ja in mir sein. Den kann ich mir doch nicht befehlen lassen. Wenn uns befohlen wurde, wir sollen nicht mehr evangelisch sein? Geht denn das so, daß man sich umändert in seinem Herzen?«

»Bei mir sehr leicht, Lieschen, wenn ich einen Profit davon habe...«

»Pfui, Simon, was sind Sie für ein schlechter Mensch«, schrie die dicke Köchin entrüstet, und vielleicht wäre ihre junge Freundschaft schon an diesem Gespräche zugrunde gegangen, hätte sich nicht glücklicherweise Madame Singwald hören lassen, die nach Simeon rief, diesem eine Summe Geldes und den Auftrag gebend, er möge zu Muschkin gehen und ein Pfund von dem Karawanentee holen, zu zehn Rubel.

Lieschen beschrieb ihm diensteifrig und umständlich, wo besagter Muschkin zu finden, und wir lassen sie mit ihrer Gebieterin zurück, der sie Teilnahme für Iwans Schicksal einzuflößen versucht, während wir dem auf seine schöne, gestern erst empfangene Livree sehr eitlen Simeon folgen.

Muschkin, ein kleines unscheinbares Gewölbe im engen, abgelegenen Seitengäßchen bewohnend, handelte nur mit zweierlei Artikeln, deren Vortrefflichkeit allgemein bekannt war und ihm reiche Kundschaft erhielt: echter, astrachanischer, großkörniger Kaviar bildete im Winter den Hauptbestandteil seines Lagers; feiner, mild duftender, nie aufs Schiff gekommener schwarzer Tee sicherte ihm das ganze Jahr hindurch gute Einnahmen. Außerdem betrieb er – nur nebenbei – ein ziemlich belebtes Geldwechselgeschäftchen im kleinen, wobei es vielleicht nicht immer ganz ehrlich zuging, was er jedoch mit der schlauen List eines durchtriebenen Bartrussen, der er war, vortrefflich zu verdecken wußte. Sein Gewölbe ging natürlich auf die Gasse hinaus. Es war nicht viel besser als ein trockener Keller, aber so dunkel und düster, daß man zwei Schritte vor der Eingangstüre fast keinen Gegenstand mehr zu erkennen vermochte als eine verhangene Glastüre, die im Hintergrunde nach seinem Seitenstübchen führte, welches sein Wohn- und Schlafgemach vorstellte. Dieses hatte nur ein mit starken eisernen Stäben vergitteres Fenster und ging auf einen kleinen, schmutzigen Hofraum hinaus, wo sich ein kleiner Wagenschuppen und Stallung für ein Pferd befanden. Dies war der einzige Luxus, den sich dieser sonst knauserige alte Mann vergönnte. Man sah ihn an jedem Sonn- und Feiertage, wo der Laden geschlossen blieb, spazierenfahren; immer allein. Er hatte weder Weib noch Kind.

Bei diesem trat Simeon also ein. Auf einem Fasse, neben dem halbangelegten, schwer mit Eisen beschlagenen Türflügel, lag ein bräunlich-gelber Kater von solch enormer Größe, daß Singwalds eleganter Diener ihn für einen mäßigen Leoparden hielt und ängstlich zurückfuhr.

Lachend bewegte sich Muschkin aus der finsteren Tiefe des Gewölbes in die Vorhalle und leistete Bürgschaft für die Unschädlichkeit seines Katerchens, welches kein Mensch zu fürchten habe, der nicht eine Maus oder Ratte sei. Er zog sehr sorgsam Erkundigung ein, für wen der Tee verlangt werde; verbeugte sich bei Nennung des Namens Singwald ehrerbietig; wünschte dem Boten Glück, Mitglied eines solchen Hauses geworden zu sein; suchte aus den mit chinesischen Hieroglyphen gezierten Pfundschachteln bedächtig eine ganz besonders bunte heraus und empfahl sich der Gnade und ferneren Gunst der Dame.

»So ganz allein leben Sie hier, Papinka?« fragte Simeon, dessen Blicke neugierig in die dunklen Räume drangen.

»Ganz allein mit dem da!« erwiderte Muschkin, auf den Kater deutend, worauf er sich zurückzog.

»Das ist gewiß ein höllisch reicher Geizhals«, murmelte Simeon und ging, die chinesische Teebüchse als Fangball behandelnd, lustig davon.

Eben wollte er in seines Herrn Haustor einbiegen, als ein unscheinbar gekleideter Mensch hinter ihm herrief: »Darf ich bitten, auf ein Wort?« Und ehe er noch eine Silbe entgegnet hatte, stand derselbe schon neben ihm hinter der Türe. Sehr geheimnisvoll wurde die Frage gestellt: »Nicht wahr, Sie sind der neue Diener, den Herr Oberältester draußen im Bade angenommen hat?«

»Gewiß bin ich der.«

»Ich soll Ihnen Grüße bestellen aus Tilsit.«

»Mir, aus Tilsit? Da kenn ich keine lebendige Seele; hab mit niemand dort auf der Durchreise gesprochen, außer mit dem Postillon, der uns bis Lauchzargen fuhr.

»So? Nun, dann entschuldigen Sie; dann ist es doch wohl ein Irrtum.«

Und der Geheimnisvolle wollte sich entfernen. Doch Simeon hielt ihn zurück: »Nein, Bester, nicht so rasch; erst müssen wir versuchen, dem Dinge auf den Grund zu kommen. Von wem sind denn die Grüße, die Sie mir bringen? Und wer sind Sie denn, daß ich so frei sein darf...«

»Ich bin der Diligencenführer von Tauroggen nach Riga, hin und her. Vorvorgestern, während ich in Tauroggen noch auf einen verspäteten Passagier warten mußte, den sie im Zollamte vorhatten, trat ein Jude zu mir und bat mich, wenn wir in Riga einträfen, möcht ich Sie aufsuchen und Ihnen bestellen von Herrn Pinkus Heimann Seelig Festenberger in Tilsit, es wäre alles in Ordnung und Sie könnten Zylinderuhren beziehen, soviel Sie wollen; silberne, goldene, Repetieruhren, von jeder Sorte.«

»Ich danke Ihnen. Wirklich, Herr Pinkus Heimann Seelig Festenberger ist außerordentlich gütig, aber der Teufel soll mich zum Imbiß fressen wie einen Strömling, wenn ich den Namen jemals gehört habe. Was soll ich denn mit den vielen Zylinderuhren anfangen? Ich bin froh, daß ich eine erschwungen habe.«

»Was Sie damit anfangen sollen, Herr Kammerdiener? Ja, das kann ich Ihnen nicht sagen, wenn Sie nicht vielleicht von selbst darauf kommen. Ich weiß nur, daß eine schöne Zylinderuhr in Riga fünfzig Prozent mehr wert ist als in Leipzig oder Nürnberg oder Genf. Ich weiß nur, daß gute Geschäfte dabei zu machen sind; bei Uhren, bei seidenen Stoffen, bei feinen Batiststickereien, bei Spitzen und solchem Kram. Allerdings, der Einfuhrzoll ist auf manche Artikel höher gestellt als der mögliche Profit; andere sind wieder ganz verboten und deshalb um so gesuchter. Da muß man denn seine Anstalten treffen, daß man sie durchbringt an der Grenze. Und ich glaube wohl, es gibt unternehmende und geschickte Leute, die den Transport von Tilsit nach Tauroggen sicher besorgen. Hat man die Ware erst in Tauroggen... na, und ist man erst bei der Tamoschna durch... dann wird weiter nicht mehr visitiert, eine Diligence schon gar nicht. Verdienen mag gern ein jeder etwas, wenn es auf gerechte Weise geschieht... Aber freilich, da Sie den Herrn Pinkus nicht kennen, so wird's wohl ein Irrtum sein.«

Simeon fing an zu begreifen, um was es sich handelte. Fünfzig Prozent Gewinn klangen an seinen Ohren hell und voll, auch war er Rechner genug, um zu überschlagen, daß, wenn ein Drittel dieses Gewinnes, wie billig, dem Vermittler zufiele, für ihn immer noch 33⅓ übrigblieben. Er hub also wieder an: »Ich muß wohl dabei bleiben, Herrn Pinkus kenn ich nicht. Doch vielleicht sind Sie – wie ist Ihr werter Name?«

»Stammbauer, wenn's beliebt.«

»Vielleicht ist Herr Stammbauer in der Lage, mir zu eröffnen, wie eine Bekanntschaft einzuleiten wäre?«

»Nichts leichter als das. Sie schreiben an den Juden – hier ist seine Adresse –, bestellen Ware nach Belieben und Bedürfnis, je nachdem Sie abzusetzen hoffen, legen das Geld bei und ich nehm's an den Spediteur nach Tauroggen mit. Das übrige findet sich von selbst.«

»Hm; den Betrag für die ganze Rechnung muß ich bar beilegen? Wird nicht auf Kredit gehandelt?«

»Später, erst muß er Vertrauen zu Ihnen fassen, so wie Sie zu mir. Fangen Sie klein an. Nur zum Versuche. Unterdessen lernen wir uns alle besser kennen, und dann wagen Sie einen großen Schlag.«

Das leuchtete Simeon ein. Er ließ Stammbauer sich jetzt entfernen, ließ sich sagen, wo er ihn antreffen könne, und begab sich rasch zu Madame Singwald, um erst den Tee zu überreichen und dann in seinem Zimmer, welches er vorsichtig abschloß, eine genaue Überzählung seines ersparten Geldes vorzunehmen. Warum sollte ich nicht auch mein Glück im Handel versuchen? fragte er sich beim Zählen der seit etlichen Jahren in verschiedenen Diensten gesammelten Dukaten, unter denen wirklich nur einige gestohlen waren; weshalb sollt ich nicht auch Handel treiben, da mich das Schicksal in eine so berühmte Handelsstadt gebracht hat? Wenn's mir so bequem gemacht wird!

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.