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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Zweites Kapitel

Nicht ganz so schnell wie der auf einer Wettfahrt begriffene Postmeister von Livland, Herr Etatsrat von Baranoff, aber doch immer noch rasch genug, um einem deutschen Fuhrmann die Haare auf dem Kopf krabbeln zu machen, fuhren Herr und Frau Singwald ihrer lieben Düna zu. Da floß der mächtige Strom vor ihren freudigen Augen; da lag die alte, räucherige, von grünen Festungswällen eingezwängte Stadt; da schwamm die seltsame, aus Balken und Brettern gefügte lange Brücke, ohne Mauer, ohne Pfeiler, ohne Bogen, nur durch Ketten festgehalten, an riesenhaften Pfählen hin und her schwankend auf den Wogen; da standen zu beiden Seiten derselben Schiffe, Kähne und Strusen jeder Größe und Gattung, teils um ausgeräumt zu werden, teils um neue Ladung zu erwarten.

»Dort hinunter geht's?« fragte Simeon ängstlich seine Nachbarin, die Kammerjungfer, als der Kutscher vom Damme hinablenkte; »dort hinunter ins Wasser, zwischen die Schiffe? Da müssen wir ja ersaufen!«

»Waih, mein Guter«, rief Dorchen, die jetzt beim Anblick der geliebten Heimat plötzlich gesprächig wurde; »so'ne Brücke trägt et's andere Lasten als unsern Wagen! Da müßten Sie sehen bei ›Hungerkummer‹, wenn es von vielen tausend Menschen wimmelt, hin und her, und ist stürmisch Wetter; da geht die Brücke wie eine Schaukel und ersauft doch kein Mensch – außer wer ins Wasser fällt aus Versehen.«

»Das glaub ich wohl, Dorchen; 's ist nur wunderlich, so 'ne Brücke, die auf dem Flusse schwimmt wie eine ausgehobene Tür auf dem Teiche. Aber was sagten Sie von ›Hungerkummer‹, was stellt das vor?«

»›Hungerkummer‹ heißt unser Volksfest. Schade, daß wir nicht ein bißchen früher zurückkamen, da hätten Sie's noch erlebt. Das ist zur Erinnerung an eine große Hungersnot vor vielen, vielen Jahren, wie wir noch sind schwedisch gewesen. Aber das sollen Sie doch alles wissen, Simeon? Sagten Sie nicht in Teplitz zu Herrn Oberältesten, Sie wären aus Pet'sburg?«

»Bin ich auch, Dorchen!«

»Und waren noch nicht in Riga?«

»Außer jetzt, wo wir ins Tor hineinfahren... Donnerwetter, ist das ein schwarzes Loch!«

»Wie sind Sie denn aber nach Teplitz geraten, wenn Sie nicht durch Riga gereist sind?«

»Sehr einfach, Beste: von Petersburg nach Kopenhagen zur See; von Kopenhagen nach Lübeck dito mit Schrauben; von Lübeck nach Hamburg zur Achse und von Hamburg nach Magdeburg auf der Elbe; das übrige können Sie sich denken! Ist das unser Haus?«

»Freilich! Da steht schon der Isaak!« Die Kutsche hielt auf einen Ruf Singwalds vor der richtigen Tür, und der alte Isaak, seinen vollen Bart streichelnd, näherte sich freudig der geliebten, fast seit vier Monaten entbehrten Herrschaft. In seinem selbsterfundenen Gemisch von Russisch, Lettisch und Deutsch, welches außer ihm nur der liebe Gott verstand und welches die zum Singwaldschen Hause Gehörigen aus langer Übung errieten, verkündete er zuvörderst, daß, Gott sei Dank!, die Pferde wohlauf seien; dann erst begrüßte er Herrn und Frau ehrfurchtsvoll; und nachdem diese Pflicht mit aller Unterwürfigkeit erfüllt war, wendete er sich mit vertraulichem Nicken zum Gefolge. Aber wie zitterten seine hellen blaugrauen Augen unter ihren buschigen weißen Brauen, als er einen jungen, ihm wildfremden Diener vortreten und beim Aussteigen Hilfe leisten sah. Fragend warf er einen erstaunten Blick nach der Kammerjungfer, und diese, ihre Pyramide von Schachteln und leichten Hutfutteralen vorsichtig türmend, sagte nur: »Er ist auf der Reise gestorben!«

Isaak schlug ein Kreuz, wischte sich die Augen, murmelte mit dem kindlichen Ausdruck, der den alten Russen so weich erscheinen läßt: »Armes Bruder, wo kommst du geblieben?«, richtete flüchtig die forschenden Augen auf Simeon, dessen elegante Jugendlichkeit ihm entschieden mißfiel, und ging dann, ohne sich weiter mit diesem einzulassen, an die Arbeit, um die Remise zu öffnen und den Reisewagen, wenn er gesäubert wäre, ins alte Standquartier zu bringen. Die Köchin, welche mittlerweile auch herbeigestürzt war, eine derbe, langhaarige, wohlgenährte Lettin, sah den Nachfolger ihres in Böhmen begrabenen Kameraden ungleich freundlicher an als der Kutscher Isaak. Die Röte ihrer glänzenden Wangen und das Lächeln der breiten Lippen, welches ein kerniges weißes Gebiß enthüllte, deutete Herrn Simeon mit unwiderleglicher Gewißheit an, daß es nur bei ihm stehe, gastronomische Genüsse aus allen Töpfen, Tiegeln und Kasserollen der Singwaldschen Küche zu schmecken. Er benützte denn auch gleich den ersten ungestörten Moment, wo sie ihm sein Stübchen anwies, die Lächelnde in den dicken Arm zu zwicken und ihr zu sagen: »Verdamm mich, Köchin, Sie haben schöne, solide Zähne, förmliche Palisaden wie an einer Festung.«

»Wie Zikadell bei Dünakant«, erwiderte die Geschmeichelte und entzog dem ausgewitzten Petersburger ihren Arm nicht. Die Kammerjungfer dagegen, welcher diese rasch vorschreitende Vertraulichkeit nicht entging, bereute alsogleich, den »windbeuteligen Laffen« auf der Brücke einige gefällige Worte gegönnt zu haben, und zog sich wieder in ihre reife und verdrüßliche Mamsellenhaftigkeit zurück, worin sie während der ganzen Reise verhüllt geblieben war. Von heute, als am ersten Tage ihrer Ankunft in Riga, erklärte sie sich zu Simeons entschiedener Gegnerin und trat dadurch vollständig auf die Seite ihrer Madame. Simeon, der Gunst des Herrn gewiß, legte wenig Wert auf jene Ungunst und bedauerte nur, daß nicht wenigstens ein Sohn von etwa achtzehn Jahren vorhanden sei, der einen Vertrauten gebrauche; dann, rechnete er, würde der Platz das Doppelte wert sein!

Herr Singwald rechnete derweilen in seinem Comptoir, übersah, was er aus brieflichen Mitteilungen nicht deutlich entnommen, ließ sich über den Zustand der Geschäfte mündliche Berichte nachtragen, prüfte die Bücher und erklärte sich völlig zufrieden mit allem, was während seiner Abwesenheit geschehen. In dieser günstigen Stimmung, noch erhöht durch das anmutige Gefühl, wieder behaglich in der gewohnten Heimat zu weilen – ein Gefühl, wofür das reifere Alter gar so empfänglich macht! –, begab er sich gegen Abend auf seinen seit langen Jahren immer gleichen Weg nach der »Muße«! Wer hätte sich länger als einen Tag in Riga aufgehalten, hätte er nur die geringste Ansprache an irgendeinen gebildeten Menschen gehabt und wäre nicht aufgefordert worden, die großartigste, einer reichen Handelsstadt würdige und ihr zur Zierde gereichende »Muße« zu besuchen? Sie ist allerdings auch nichts anderes als eine Ressource, ein Klub, oder wie man sonst gesellige Vereine dieser Gattung benennen will. Aber sie ist so splendid dotiert und ausgestattet, so fest begründet, wird so nobel geführt, daß sie gewiß auch auf den Weitgereisten, Vielerfahrenen Wirkung machen und ihm Achtung einflößen muß. Zwei Absonderlichkeiten, die sie vor allen ähnlichen Instituten auszeichnen, haben auf den Verfasser dieser Zeilen doch den größten Eindruck gemacht, weil ihm dergleichen sonst nirgends begegnete. Erstens, daß die »Muße« in ihren weiträumigen Lokalitäten nebenbei auch ein Theatergebäude besitzt und dieses dem öffentlichen Gebrauch des Publikums gratis zur Disposition stellt. Zweitens – was ganz unerhört bleibt, während der erstere Punkt eben nur rigaisch, will sagen: human, großmütig, »gentil« genannt werden darf! –, daß sie zur Zeit, in welcher diese Novelle spielt, einen Portier den ihrigen nannte, welcher, in den Vorzimmern zu den Gesellschaftssälen die Aufsicht führend, jedem Eintretenden Hut, Stock, Überschuhe, im Winter Pelz oder Mantel abnahm, ohne eine Nummer daran zu befestigen, ohne irgendein anderes Kennzeichen nötig zu erachten, und diese ihm anvertrauten Gegenstände ihrem Besitzer regelmäßig wieder zustellte, auch wenn bei großen Versammlungen sechs- bis achthundert Personen und mehr sich durcheinanderdrängten. Erwägt man, daß die in Riga gebräuchlichen und von jedem anständigen Menschen getragenen Waschbärpelze einer wie der andere aussehen, daß die – meisterhaft gearbeiteten – Überschuhe sämtlich nach einem Zuschnitt gemacht sind und daß binnen zehn Jahren nicht eine Verwechslung vorgefallen ist, auch an Fremden nicht, so übersteigt solche Abnormität doch wahrlich alles, was im Gebiete des Personen- und Sachengedächtnisses überhaupt geleistet werden kann.

Doch das ist eine leere Abschweifung. Ebenso, als die nur kürzlich zu erwähnende Klage, daß es bis jetzt noch keiner kritischen Forschung festzustellen gelang, ob man »Muße«, ob man »Muse« schreiben müsse. Ein Streit, der um so schwieriger zu schlichten, weil für beide Lesarten gewichtige Gründe vorhanden. Gesprochen wird einmal: »Muße«, und usus tyrannus.

In diese seine »Muße« also begab sich unser Herr Singwald, nachdem er vorher schon die betreffenden Freunde avertieren lassen, daß er glücklich eingerückt sei und ihrer angenehmen, längst entbehrten und ersehnten Whistpartie kein Hindernis mehr drohe. Doch dieses Avertissement war zu voreilig gegeben – wie manches andere. Sie setzten sich zwar, des eifrigsten Willens voll, als redliche Spieler an den schon bereiteten Tisch, aber schon während des ersten Rubbers hatte sich die Kunde von Herrn Singwalds Ankunft durch alle Räume verbreitet, und da entstand eine förmliche Völkerwanderung zu ihm, und ein Händedrücken, ein Willkommenheißen, ein Fragen, ein Erzählen störten die notwendige geistige Sammlung, ohne welche echte Kartenspieler nicht bestehen können.

Sie hätten es für Entweihung gehalten, in diesem Durcheinander die Partie fortzuführen, und entschlossen sich lieber, den ersten Abend von Singwalds Heimkehr traulichem Geschwätze zu widmen. Da kam dann vielerlei Neues zum Vorschein, was sich in diesem Sommer zugetragen: wichtige Veränderungen an der Börse; Verschönerungen in Wöhrmanns Park; definitiver Entschluß von Seite der bisherigen Schauspieldirektrice Frau von Tscherniewska, die Führung niederzulegen; verschiedene Pläne, ein neues theatralisches Unternehmen durch Aktien zu gründen; heitere Zusammenkünfte auf diesem oder jenem Landsitz im Grünen; festliche Begehung des Jakobstages in Bienenhof, wo bei fröhlichem Mahle der Herr Oberälteste gar sehr vermißt worden – diese und noch vielfältige andere Dinge wurden besprochen. Für die wichtigste von allen Neuigkeiten galt – die freilich nur noch im Vertrauen und leise geflüsterte Vermutung –, daß der bisherige Polizeimeister von Riga, trotz aller mündlichen auf der Durchreise in Elley gegebenen Gegenversicherungen des allmächtigen Grafen B., höchstwahrscheinlich seinen Platz werde räumen müssen.

»Und warum das jetzt auf einmal?« fragte Singwald. »Wenn der gute Obrist damals gefallen wäre, als sein Gönner, der Marquis Paulucci, beim Thronwechsel in Ungnade entlassen wurde, da hätt es mich nicht Wunder genommen. Aber jetzt, wo er sich mit seinem späteren Vorgesetzten, unserem gegenwärtigen rechtschaffenen Generalgouverneur so gut eingerichtet, was stürzt ihn denn jetzt?«

Die Herren rückten noch näher zusammen und flüsterten nur: »Es kommt vom Archimandriten her; der Obrist soll sich bei Verfolgung und Einkerkerung der Raskolniks nicht energisch genug benommen und namentlich einige Greise auf Bürgschaft aus den Fesseln entlassen haben, ehe noch die Untersuchung geschlossen war. Darüber hat ihn der hiesige Archimandrit in Petersburg verklagt.«

»Ja, freilich, dann ist er schon so gut wie verloren, da kann ihn auch Graf B. nicht retten. Wenn die Altgläubigen mit im Spiele sind... Wer heißt ihn aber auch ein so mitleidiges Herz haben? Das paßt nicht für seinen Posten. Nun bin ich nur neugierig, wen wir an seine Stelle bekommen. Gewiß einen rechten Stockrussen!! Ah, schade, schade um unsern guten Obrist. Ja, der Herr Archimandrit, der steht sehr gut mit Petersburg. Da ist alles leicht erklärlich.«

Und sie gingen, mehr oder weniger verstimmt, auseinander.

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