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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Zwanzigstes Kapitel

Der verstorbene Oberälteste hatte kurz vor Beginn der Krankheit einen letzten Willen aufgesetzt und gerichtlich deponiert, vermöge dessen er seine teure Lebensgefährtin – Blutsverwandte lebten ihm nicht – zur unumschränkten Erbin einer Hinterlassenschaft ernannte, die er größtenteils an ihrer Seite und im Wirken mit ihr erworben; wobei er ihr anheimstellte, alle, die ihm gedient, reichlich zu bedenken. Er durfte sich überzeugt halten, daß dies in seinem Sinne und großmütiger Weise geschehen werden, ohne daß er nötig habe, nähere Bestimmungen darüber zu treffen. Nun aber hatte der Tod, in einer der ihm eigentümlichen höhnischen Neckereien gegen menschliche Wünsche, Absichten und Pläne, die Angelegenheiten gänzlich verwirrt. Die Universalerbin starb – wenn auch nur wenige Stunden – vor dem Testator, und die beabsichtigten Legate zerfielen dadurch in nichts. Weitläufige Verwandte der Frau Singwald, teils in Westfalen, teils in Holland lebend, von dem Tode der ihnen kaum den Namen nach Bekannten in Kenntnis gesetzt, erwählten Rechtsfreunde zur Wahrnehmung ihrer Ansprüche; das Singwaldsche Haus wurde, samt allem dazugehörigen Nachlaß, unter Band und Siegel gelegt, damit der gerichtliche Schlendrian seinen althergebrachten Schneckengang krieche – die livländischen Schnecken bewegen sich, nach dem Zeugnisse namhafter Zoologen, nicht rascher als andere in Europa –, und die Dienerschaft, unbelohnt für Treue und Anhänglichkeit, zerstreute sich, anderweitige Unterkommen zu suchen.

Der Betrübteste, der Niedergeschlagenste war unser Iwan. Zu dem Schmerz über den Verlust wahrhaft und kindlich geliebter Wohltäter gesellte sich bei ihm noch der abergläubische, durch keinen Vernunftgrund auszurottende Wahn: er habe durch seinen an heiligen Tieren begangenen Frevel die Strafe des Himmels über das ganze Haus herabgerufen; denn, meinte er: »Lieschen hätte unmöglich den Tauben die Köpfe abreißen können, wenn er nicht aus nur ihm bekanntem Zufluchtsorte die frommen Vögel herabgeholt und dem grausamen Tode überliefert hätte.« Der Aufenthalt in dieser Stadt ward ihm durch solche Gewissensbisse verleidet. In jeder Taube, die er fliegen sah, erblickte er einen Bruder, eine Schwester der Gemordeten: in allen seine Ankläger. Gern wäre er nach der kältern Heimat zurückgekehrt, trotz dem schon erfolgten Ableben seiner Mutter, hätte ihn nicht sein Kutscherherz an die Pferde gefesselt, die, nach Isaaks Austritt aus dieser Zeitlichkeit, an die Stelle der früheren, untauglich gewordenen angekauft worden, die er, Iwan, eingefahren und mit denen er sozusagen in Fleisch und Blut verwachsen war. Auch sie mußten ja, als zur Erbschaftsmasse gehörig, »zu Gelde gemacht werden«, und er lauerte nur darauf, ob sich nicht vielleicht ein Käufer fände, der sich mit ihnen von Riga entfernen und ihn mit in den Kauf nehmen wolle. Es traf sich so glücklich, daß diese beiden Wünsche in Erfüllung gingen. Ein aus Moskau und Petersburg angelangter Weinreisender, welcher »in Rheinwein und Champagner machte«, beabsichtigte, eine kleine Geschäftsreise bis nach Warschau zu unternehmen und sich zu dieser, weil unterwegs an bequemer Beförderung häufig Mangel, mit eigenem Fuhrwerk auszurüsten. Ihm gefielen die tüchtigen Rosse und deren blauäugiger, melancholischer Lenker. Zu mäßigem Preise erstand er die ersteren auf der Lizitation und wurde mit letzterem bald einig. Iwan verließ die Stadt, »wo er so viel gelitten«, freilich gern; doch als er ihren Mauern den Rücken kehrte, gedachte er nur des Guten, welches gute Menschen ihm erwiesen, und flehete Gottes Segen herab über die edlen Bewohner von Riga.

Wir haben es nur noch mit seinem Lebenslaufe zu tun und versäumen folglich am Schlusse unserer einfachen Erzählung keine Zeit, denselben möglichst schnell zum Ende, oder vielmehr zum ersehnten Ziele, zu führen. Deshalb halten wir uns unterwegs nicht auf und begleiten den Weinkaufmann und dessen Kutscher nur flüchtig über Wilna, Grodno, Bialystok – an welchen Orten überall »gute Geschäfte gemacht« und mehr Bouteillen »echten Champagners« bestellt worden, als die ganze Champagne (die »lausige« mit eingerechnet) in guten Jahren erzeugt – bis nach Warschau, allwo er sich vor Kundschaften gar keinen Rat wußte und eine Ernte um die andere losschlug von Weinhügeln, die niemals existierten und erst auf neue vulkanische Umwälzungen harren, um sich aus dem Kalkboden zu erheben. Doch das ist den Käufern ziemlich gleichviel, wofern nur sämtliche Korkstöpsel mit der gehörig eingebrannten »Firma« versehen sind und tüchtig knallen. Mundus vult decipi, ergo...

Wenn der Brotherr gute Geschäfte macht und nicht gerade ein Knauser ist, was Weinreiter selten sind, so geht es auch dem Diener gut; es heißt dann: leben und leben lassen. Iwan hatte sich über nichts zu beschweren, zeigte in allem den besten Willen und fand sich auch in und um Warschau trotz aller Irrfahrten, die da zu machen waren, sehr bald zurecht. Eines Tages, bei schrecklichem Wetter, wo die abgelegeneren Gassen der ausgedehnten Stadt verödet schienen, kamen sie, sein Herr und er, in der offenen Droschke den menschenleeren Weg einhergefahren, beide nicht sehr geneigt, sich länger als durchaus notwendig im Freien aufzuhalten, und eilten aus der Vorstadt ihrem Gasthause zu. So weit ihr Auge durch den Regenschnee reichte, erblickten sie nur einen Menschen sich bewegen, der ihnen entgegenkam und eigensinnigerweise die Mitte der breiten, schlecht gepflasterten Gasse behaupten zu wollen schien. In einem alten grauen Mantel eingehüllt, das Gesicht im heraufgeschlagenen Kragen versteckt, sah er nichts Besonderem ähnlich, und Iwans Kutscherehre fand sich schon im voraus beleidigt bei dem Gedanken, es sei möglich, daß dieser Fußgänger den kühnen Anspruch hege, ein Fuhrwerk solle ihm ausweichen. Mit jedem Schritte vorwärts steigerte sich dieser Argwohn und bestärkte Iwans Entschluß, solch unerhörter Forderung nicht nachzugeben. Schon waren sie dicht voreinander, da rief der Weinhändler mit ängstlichem Tone: »Um Gottes willen, biege aus; es ist der Oberpolizeimeister!« Doch schon war es zu spät: ein Rad hatte bereits den Mantel des Generals ergriffen und der Träger desselben sich nur dadurch auf den Füßen erhalten, daß er ihn fahren ließ wie weiland Josef bei der Frau Staatsministerin von Potiphar. Iwan sprang vom Bocke herab und warf sich dem Wütenden zu Füßen, während sein Herr, unbekümmert um des Unglücklichen Schicksal und nur sich selbst bedenkend, die Zügel ergriff und davonjagte.

»Winowat, Winowat!« wiederholte Iwan, der in der tiefsten Kotlache, dicht bei einem zerbrochenen Bretterzaune, vor dem General auf den Knien lag. Dieser jedoch hörte nicht auf sein Flehen; er zog den Säbel und führte damit einen heftigen Hieb nach dem Frevler, der sich unterfangen hatte, ihn nicht zu kennen; ihn, welchen ganz Warschau kannte. Die Schärfe des Säbels pfiff durch die Luft, Iwan duckte sich vor dem schneidenden Tone, zog sich tiefer an den morschen Plankensaum zurück und fand Zeit, durch eine Öffnung gänzlich zu verschwinden, indes der vor Zorn schäumende Offizier sich vergeblich bemühete, die tief ins weiche Holz gedrungene Waffe wieder frei zu machen. Als es ihm endlich gelang, war auch schon sein Zorn verraucht. General Abramowitsch galt für einen Beamten von unerbittlicher Härte und soll dies gewesen sein in allen Fällen, wo politische Färbung vorherrschte. Sonst aber ist er, wie man ihm nachrühmt, nur jähzornig, niemals rachesüchtig gewesen. Er lachte über seine eigenen Anstrengungen, den Stahl aus der Wunde zu bringen, die er dem alten Brette gehauen, klaubte seinen in den Schmutz gewühlten Mantel ruhig vom Boden auf, ging pfeifend seines Pfades weiter – Gott mag wissen, welchen wichtigen, entscheidungsvollen Gang! – und dachte nicht mehr daran, den armen »Iswoschik« verfolgen zu lassen.

Hätte dieser von so großmütiger Verzeihung die leiseste Ahnung gehabt, er würde nicht so furchtbar ausgerissen sein. Lief er doch wie damals, da er vom Schimmel des Pristaffs gejagt durch Schnee und Wald floh. Nur daß hier Gärten, Zäune, Mauern, Häuser der Flucht sehr bald ein Ziel setzten! Erschöpft und trostlos fiel er in die Hütte eines Juden, die neben und an den Hintergebäuden eines herrschaftlichen Palastes hing, wie ein von Lehm und Straßenkot geknetetes Schwalbennest am Fenstersimse eines Marmorsaales. Die Familie war auf Schacher aus, nur der alte Vater hütete daheim; ein schöner Greis, ruhig, ernst, lebensklug, gleich vielen polnischen Juden in reiferen Jahren. Er ließ sich, als der Flüchtling erst wieder zu Atem gekommen war, das Ereignis erzählen, wiegte langsam das weise Haupt und sprach: »Mächtig schlimm; Ihr seid ein Mensch, ein verlorener; Gott soll schützen!«

»Werd ich totgeschlagen?« fragte, schon in sein Schicksal ergeben, der sanfte Iwan.

»Sie werden nicht schlagen tot einen jungen starken Kerl, was kann werden gebraucht an'n Kaukasus! Sie schicken Euch hin an'n Kaukasus; weiter nichts!«

»Und bin ich nicht zu retten?« fragte Iwan weiter.

»Ist er verrückt in seinem Kopfe? Will er sein gerettet und ist ein armer Bursche? Gott soll schützen! Gerettet werden können nur die Reichen!«

»Ganz arm bin ich nicht«, erwiderte Iwan; hörst du, Väterchen, in diesem Ledersäckel klingt es...«

»Das sind Dukaten; den Klang erkenn ich! Bist du ein Räuber? Hast du gemordet?« Und der alte Jude wendete sich mit unverkennbarem Entsetzen von Iwan ab.

Dieser, tiefergriffen durch eine solche Mahnung an sein früheres Schicksal, fühlte das unabweisliche Bedürfnis, sich vor dem Greise zu rechtfertigen. Er erzählte demselben, was wir wissen, und schloß den Bericht mit genauen Berechnungen, wie er auf die tadelloseste Art zu seinem kleinen goldenen Schatze gekommen sei.

Befriedigt lauschte der Jude: »Wenn es sich verhält, wie du sprichst – und ich glaube deinen Worten –, so kann dir werden geholfen, als du willst setzen daran dein Gold und setzen Zutrauen in mich. Wieviel hast du Dukaten? Gib her, ich muß zählen die Dukaten.«

Es fanden sich einige über ein Viertelhundert.

»Es ist nicht viel, aber es muß ausreichen. Hör zu, was kann geschehen für dich. Wir können dich schaffen über die Grenze. Ausgeliefert wirst du nicht, wenn du bist nur ein Deserteur und nicht wirst verfolgt als Verbrecher. Ob du kannst erwerben drüben dein Brot, ist deine Sache. Besser schmecken tut es gewiß als am Kaukasus. Besinn dich nicht lange; was soll geschehen, muß geschehen bald. Glaubst du, ich will dich betrügen, dann sack ein dein Gold und verlasse mein Häuschen.«

Statt aller Antwort schob Iwan die Dukaten hin. Dann rief er aus: »Lieber will ich betteln im fremden Lande als an den Kaukasus gehen.«

Sobald der Jude die Goldstücke eingestrichen, belebte sich sein Antlitz, und er ging rasch ans Werk. Binnen weniger Minuten war Iwan in einen schmucken polnischen Juden umgewandelt; vom russischen Kutscher blieb keine Spur. Dann wurde er unterrichtet, wie er sich bei möglichen Gefahren zu benehmen habe. Während dieses Unterrichts kehrten zwei Söhne des Juden heim. Mit diesen pflog der Vater Rat; beide zeigten sich eifrig und anstellig; der Greis segnete sie mit dem Segen Abrahams. Kaum brach die Nacht herein, als sich Iwan, in Gesellschaft der zwei Männer, auf der Landstraße nach Plock befand. Wie er, von Flecken zu Flecken, von Dorf zu Dorf, immer neuen Führern anvertraut, diese Stadt glücklich umging; wie er unangefochten über Kalisch hinaus kam; wie er endlich, einer eingeschmuggelten Ware gleich, bei Nacht und Nebel endlich über die Grenze geliefert wurde, ohne daß einer der hundert Schritte davon biwakierenden Kosaken sein Pferd in Bewegung setzte... das gehört unter die unerforschten Geheimnisse löblicher Judenschaft, welche überhaupt das Unmögliche möglich macht, und gewiß zu den billigsten Preisen.

Das Wetter war schön, der Himmel rein, April hatte sich ausgetobt, der Mai sang in den Wäldern. Iwan fühlte sich frei, sicher vor der Knute, sicher vor dem Kaukasus! Aber was nun? Ohne einen Pfennig in der Tasche, im zerlumpten Gewande eines polnischen Betteljuden stand er da, mitten im Grünen; ärmer als die Finken, die auf den Bäumen schmetterten, verlassener als sie, die schon ihre Nester gebaut. Er lieh willig sein Ohr den Liebesliedern der kleinen bunten Sänger, und es wurde ihm weich ums Herz. Er lief ins neue Land hinein, bis er nicht mehr laufen konnte vor Durst und Hunger. Er benagte mühsam das harte Stückchen Schwarzbrot, welches ihm der letzte seiner Führer noch zugesteckt, und mußte bei dieser mageren Nahrung unwillkürlich an – Lieschen denken, an all die fetten Bissen, die sie ihm vorgesetzt, und überhaupt an alles Gute, was ihm zuteil geworden im Singwaldschen Hause. Und da weinte er recht herzhaft in den maigrünen Frühling hinein, doch wahrlich nicht bloß aus Hunger, sondern auch aus aufrichtiger Dankbarkeit; weinte um sein Mütterlein, um seinen alten Lehrer Isaak, um die beste Herrschaft und endlich dann auch um sich selbst, der da als Judenjunge im preußischen Wald stand, ohne zu wissen, wie er sich aus einer dunklen Larve wieder in einen rechtgläubigen christlichen Russen entpuppen und wie es ihm überhaupt ergehen werde. Ein fernes Rollen, welches doch nicht wie himmlischer Donner klang, vielmehr ziemlich hölzern und irdisch rumpelte, nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch, bis er endlich die Überzeugung gewann, daß es Kegel sein müßten, die von einer Kugel zu Boden geworfen würden; und dadurch gelangte er zu dem sicheren Schlusse, dieser Wald berge in seinem Schatten irgendein kühles Plätzchen, wo Menschen zu fröhlichem Spiele versammelt wären. Geschehen mußte es nun doch einmal, daß er sein Glück bei Fremden als Fremder versuchte, und da folgte er also in Gottes Namen dem Schalle des friedlichen Kugelspieles.

Ein dickbäuchiger Spießbürger aus dem nahgelegenen Städtchen hatte eben geschoben und stand, durch des Kegeljungen heitern Ruf: »Acht um den König!« in heitre Stimmung versetzt, siegreich da. Jetzt gewahrte dieser hinter dem halboffenen Kugelfange den unerwarteten Ankömmling und rief staunend: »Wo, Teufel, kommt die Vogelscheuche her?«

Die Bezeichnung war treffend. Iwan im polnischen Judenkittel hätte, in die Schoten gestellt, seine Wirkung nicht verfehlen können auf alles, was Sperling heißt. Bei näherer Betrachtung zeigte sich der ehrsamen Kegelgesellschaft nun wohl die Wahrheit, und der Überläufer wurde sehr bald für das erkannt, was er wirklich sein wollte und was zu jener Zeit, wo noch kein Kartell wegen Auslieferung zwischen beiden Reichen erneuert worden, zu den Alltäglichkeiten gehörte. Glücklicherweise hatte Iwan unter dem verschlissenen Kittel seine Kutscherkleidung behalten können. Die ersehnte Häutung durfte also vor sich gehen, und es schlüpfte aus der Puppe des Juden ein ganz leidlicher, wenn auch nicht mehr im frischesten Farbenstaub prangender nordischer Falter hervor, dem sämtliche Stammgäste der Bierkneipe zur »Alten Kiefer« mit gefüllten Gläsern gastlich entgegentreten; den sie, als er sein letztes Abenteuer in schlechtem Deutsch, doch mit dem Akzent der Wahrheit verkündete, jubelnd über die wunderbar gelungene Flucht beglückwünschten. Die Teilnahme für ihn, der mit gerührtem und rührendem Erstaunen seine treuherzigen blauen Augen auf so wohlwollende »Prussaki« richtete – er hatte sie sich als halbe Menschenfresser vorgestellt! –, ging ins Unglaubliche; denn man ließ die Kegel unangefochten, hörte nur auf den Russen, und sogar der Kegeljunge machte auf der Wand der langen Bahn einen kühnen Ritt, der ihn bis in den Bereich Iwanscher Rede trug. Es wäre alles ganz vortrefflich gegangen; auch an einstweiliger Unterkunft würde es dem Flüchtling nicht gemangelt haben, da sich mehrere Kleinbürger ihn bei sich aufzunehmen erboten und sich förmlich um ihn stritten, wenn nicht mitten unter diese gastfreundliche Streitigkeiten das Gesetz in Gestalt eines Gendarmen auf gewaltigem Pferde geritten wäre. Bär, einer der Kreisgendarmen beim landrätlichen Amte, ein gedienter, graubärtiger, mit dem Ehrenkreuz geschmückter, von tiefer Stirnnarbe gezierter Reitersmann, der seinem Namen wenig Ehre machte, denn er brummte nur und trug ein weiches Herz unter seinem Orden, fand sich, heute nicht gern gesehen wie sonst immer, bei der »Alten Kiefer« ein und erklärte feierlich, daß er vor allen Dingen diesen ungebetenen Gast nach der Kreisstadt zu geleiten habe.

Alsobald entstand allgemeiner Widerspruch: »Nein, Bruderherz«, hieß es, »nicht zum Sekretär; der kennt nichts als seine Vorschriften und macht keine Ausnahmen. Für diesen unglücklichen Jungen aber gehört sich's, eine Ausnahme zu machen. Dazu ist unser Landrat nötig. Der wird schon etwas ausfinden, was dem gelbhaarigen Russen zugute kommt, und wird Erbarmen haben mit ihm, ohne daß es in der Gesetzsammlung vorgeschrieben steht.«

»Himmelsackerment«, brummte der Bär in seinem tiefsten Grundbaß, »wißt ihr nicht, daß der gestrenge Herr Landrat auf vier Wochen Urlaub genommen und sich von allen Amtgeschäften entbunden haben, um sich ein bißchen zu erholen und obenein die Reparatur an ihrem Wohnhause in Schmollwitz gehörig zu beaufsichtigen? Soll ich ihm etwa seine Ruhe stören und ihn mit einer so kitzligen Geschichte belästigen? ›Bär‹, würde er mich anschnauzen, ›Sie sind verrückt! Lassen Sie mich ungeschoren.‹ Ich hör ihn schon!«

»Zugegeben«, sagte der Dicke, der vorhin »acht um den König« geschoben, »zugegeben, daß er dich anschnauzt. Aber das kommt häufig vor, und du bist niemals zu faul, ihn wieder anzuschnauzen. Das weiß der ganze Kreis. Zwei Eiserne Kreuze nehmen sich so was gegeneinander heraus und bleiben doch gute Freunde. Ein Ehrenmann wie unser Landrat hört zuletzt doch auf einen Ehrenmann wie Bruder Bär. Stell ihm die Sache vor, laß den Russen seine Geschichte erzählen, und wenn dir's am Ende aller Enden der brave Herr nicht dank weiß und wenn er für diesen Iwan nicht Sorge trägt, so will ich die Kegelkugel hier verschlucken wie eine versilberte Pille, ohne einmal kalt nachzutrinken.«

»Tu's, Bruder Bär«, schrie die Versammlung; »steige wieder auf dein Dromedar, lasse den Russen als Affen neben dir laufen und vermelde unserm Landrat, die Kegelstammgesellschaft von der ›Alten Kiefer‹ rechne auf seine Großmut und werde seine Gesundheit ausbringen.«

Iwan begriff genau, um was es sich handle. Er sprach nicht darein; er begnügte sich, den Gendarmen fragend anzusehen.

»Verfluchter Bengel«, murrte dieser, »soll ich seinetwegen einen Umweg von zwei Meilen reiten?«

»Aber bedenke, Bruder Bär«, fuhr der Dicke fort, »daß der unglückliche Junge noch schlimmer dran ist, der von Warschau her hat laufen und jetzt noch neben dir wird herlaufen müssen.«

»Ich wollte, ich könnte laufen; das wär mir eine Erholung; man kriegt das ewige Reiten satt«, sagte Bär; »und nun vorwärts, Deserteur, sonst wird's Nacht!« Dabei nahm er den Zügel des Pferdes an den Arm und winkte seinem Arrestanten, ihm zu folgen. Dieser empfahl sich dankend den Kegelschiebern und gehorchte voll Vertrauen in die Gutmütigkeit des Gendarmen.

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