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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Neunzehntes Kapitel

Ein armer Geschichtenerzähler ist eigentlich übel daran. Was seinen Helden oder Schützlingen Übles widerfährt; alle Leiden, die sie drücken; alles Unheil, durch des Verhängnisses Willen oder auch durch eigene Schuld ihnen aufgebürdet; jede Gefahr, worin sie schweben; jede Not, die ihnen dräut: dies alles soll er des breiteren ausführen, schildern, malen, dehnen, um die verehrliche Lesewelt möglichst zu spannen. Denn der teure Leser und – wunderbarlich genug! – auch die schöne, zarte, huldvolle Leserin können nicht Jammer genug auf eines guten Menschen Haupt gehäuft sehen, sobald sie dessen Leben im Buche vor sich haben. Ja, die mitleidigsten Gemüter, denen in Wirklichkeit jedes Wurmes Schmerz teilnehmende Ausrufungen entlockt, weiden sich gleichsam an den Martern ihrer romanhaften Lieblinge – vorausgesetzt, daß jenen durch Qual und Nacht ein glücklicher Ausgang winkt. Das wäre an und für sich vortrefflich, denn in dieser Bereitwilligkeit, sich von ihm ein wenig torquieren zu lassen, liegt ja des Autors ganze Macht, wenn er dieselbe gehörig zu benützen weiß. Aber es ist auch ein übler Umstand damit verbunden: hat er seine Leute mühselig, oft in eigenem mitleidigem Erbarmen, durch dünn und dick geführt, bis zur Erlösung; kommt nun der Zeitpunkt, wo er Gelegenheit hätte, das durch seine Feder sorglich vorbereitete, schwer verdiente Glück des Geprüften vor den Augen des Lesers zu entfalten; freut er sich selbst, der Leserin jetzt eine recht umständliche Beschreibung häuslichen Stillebens, friedlichen Daseins zu geben – da klappen beide, Leser wie Leserin, das Buch zu, um nach einem andern zu greifen, wo das Elend von vorn beginnt. Und auf diese Weise wird der Verfasser um seine Ernte betrogen. Der Ruhe darf er nicht froh werden. Mit zufriedenen, bescheidenen, dankbaren Menschen darf er nicht weilen, denn von solchen gibt es ja nichts Außerordentliches zu berichten. Er muß neue Opfer aufsuchen. Und ich behaupte, das ist eine traurige Bestimmung für den Erzähler, der sich nach Ruhe sehnt, ohne sie jemals genießen zu können. Was würden – auch die bis hierher geneigt gebliebenen – Leser wohl sagen, wenn sie zu spüren anfingen, daß der neunzehnte und zwanzigste Abschnitt dieses Büchleins keinen andern Zweck verraten, als unseres ehrlichen Iwans behagliche Existenz im Singwaldschen Stalle mit sichtbarer Vorliebe für den guten Jungen an ihnen vorüberzuführen. Würden sie nicht, nachdem sie einige Seiten rasch durchblätternd überflogen hätten, gähnend ausrufen: »Gott, wie langweilig! Das Ende hätt er uns schenken können!?«

Nun, fürchten Sie nichts, Hochgeehrte! Gar so schlimm ist es nicht. Oder vielmehr nicht gar so gut. Das Schicksal mancher Menschen trägt schon Sorge, daß sie nicht auf einmal zum Ziele gelangen, und macht ihnen den Weg dahin sauer genug. Auch Iwan muß noch ein böses Stück Lebensreise durchmachen... und auf diesem wollen wir ihn weiter begleiten, wenn es Ihnen gefällig ist.

Zwei Jahre beinahe verstrichen ihm freilich wie im Himmel. Herr Oberältester hielt ihn wie ein eigen Kind, und Iwan hielt wiederum des Herrn Oberältesten Pferde wie seine Kinder, und Isaak fand selten zu tadeln. Gegen diesen hörte Iwan nicht auf sich zu benehmen, als ob der alte in Ruhestand versetzte Kutscher mit zur Herrschaft gehöre; wurde nicht müde, ihn seiner Dankbarkeit zu versichern, weil er ihm sein Glück verdanke. Allerdings hatte Isaak den Iwan bei Muschkin untergebracht... das nannte der gute Junge »sein Glück«!

Alle Leiden, die ihm aus dieser Stellung hervorgegangen, waren bereits vergessen; daß aber aus ebendiesen Leiden mit der Rettung auch der Übergang in Singwalds Dienst verbunden gewesen, das hielt er fest, voll freudiger Dankbarkeit. Wie viele hochgebildete, vornehme Menschen könnten lernen von diesem Sohne der Natur!

Der festlichste Tag für die Dienerschaft war Lieschens, der Köchin, eheliche Verbindung mit Herr Simeon Rispes Nachfolger, einem schon gesetzten Manne, den Herr Oberältester sich sorgsam zum Diener auserwählt hatte, weil er die Windbeuteleien jüngerer Burschen nun fürchtete. Die Hochzeitsfeier fand anderthalb Jahre nach den Ereignissen statt, welche wir in vorigen Abschnitten kennenlernten. Madame Singwald freute sich herzlich, ihre treue, dicke Köchin an einen soliden Mann gebracht zu sehen, und sie wie ihr Gemahl leisteten der Verbindung den trefflichsten Vorschub, indem sie gestatteten, daß die Neuvermählten – jedes auf seinem Platze – fürs erste im Dienste verblieben. Ja, es wurde sogar schon darüber beraten, wie es am zweckmäßigsten einzurichten sei, daß kein Wechsel nötig werde, wenn vielleicht das junge, oder eigentlich nicht mehr junge Paar sich und die übrigen Hausbewohner mit etwaiger kleiner Nachkommenschaft überrasche. Eine Möglichkeit, welche Lieschen im vertrauten Gespräche mit Dorchen – beide hielten, seitdem Simeon nicht mehr zwischen ihnen stand, recht gute Freundschaft – entschieden zurückwies. »Waih, Dorchen«, meinte sie, »Madame hat sich wer weiß wie lange ein Kind gewünscht und ist alt geworden, ohne daß ihr Wunsch erfüllt ward. Von mir wär's unverschämt, wenn ich für mich eins verlangte. Das werd ich mich niemals unterstehen.«

Die Trauung ward in der Kronskirche durch den Herrn Oberpastor vollzogen, und sämtliche Singwaldschen Tischgäste stellten sich als Zeugen ein. Dorchen, die Brautjungfer, nahm sich sehr stattlich aus, weinte viel und versicherte, da man die Kirche verließ, mehrere der anwesenden Herren: sie für ihre Person sei fest entschlossen, niemals zu heiraten, billige jedoch die verständige Wahl, die Lieschen getroffen, indem Gabriel doch wenigstens ein gesetzter Mann sei.

Die Bewirtung, welche den Hochzeitsgästen zuteil wurde, entsprach vollkommen dem gastlichen Hause in der gastlichsten aller Städte. Und da es um die Zeit des gefürchteten Eisganges war, wo die Düna bei hartnäckigen Nachtfrösten und widerspenstigen Winden bisweilen garstige Sprünge macht, so erklärte Herr Oberältester: »Sind wir keinen Augenblick sicher, daß Riga unter Wasser gesetzt wird, will ich meine Leute fürs erste unter Wein setzen.«

Herr von Brackel hatte sich's nicht nehmen lassen, den Gefühlen der Hausfreunde poetische Worte zu leihen, und hatte in einem heiteren Festliede, »gedruckt bei Wilhelm Ferdinand Häcker«, die Verdienste laut und fröhlich gepriesen, welche sich »Elisabeth Gabriel« seit so vielen Jahren um Gaumen und Magen der Gesellschaft erworben. Seine Verse, zwanzigmal im Chore wiederholt, und Singwalds Wein, der wirklich floß, als hätten so unerschöpflich der Düna Fluten ihn unter dem Eise vorgespült, versetzten alle Anwesenden in die glücklichste Stimmung, ohne daß doch irgendein Übermut sich gezeigt hätte, ohne daß sichtbare Räusche gefallen wären. Nur ein Opfer des schönen Tages forderten die Mächte der Unterwelt, die uns Erd- und Staubgeborenen niemals ein ganz reines Glück vergönnen wollen. Der alte Isaak, ein völlig klarer Berechner des Verhältnisses, in welchem seine Fähigkeiten zur Wirkung gebrannter Wässer standen, verrechnete sich diesmal beim edlen Rebensafte, den er zum ersten Male im Leben schlürfte. Sehr erstaunt, nach dem Genuß verschiedener Flaschen voll guten, kräftigen Bordeaux-Weines – aus dem wohlassortierten Lager des Herrn Schweinfurt zu dem verhältnismäßig geringen Preise von siebzig Kopeken die Flasche geliefert – nichts zu empfinden, was einem reellen Effekte ähnlich gewesen wäre, wurde er irre an sich und an dem dargebotenen Stoffe, verlor das Maß, mit diesem die Besinnung und vertilgte als rechtschaffener russischer Franzosenhasser so viel des feindseligen, flüssigen Elementes, daß er wie ein überfülltes Faß in seine Kammer gewälzt werden mußte. Es war sein Tod. Ein Schlagfluß endete des lustigen Greises Dasein, ehe noch der Ärzte Aderlässe ihn zu retten vermochten. Iwan beweinte ihn innig; und beim Begräbnis des treuen Leibkutschers blieben auch seiner guten Herrschaft Augen nicht trocken.

Der Tod ist und bleibt ein eigentümlicher Gesell. Bisweilen geht er die längste Zeit an der Menschen Wohnungen, mögen es nun Hütten sein oder Paläste, wie ein Fremder vorüber; kaum, daß er flüchtig und leise anpocht! Ist ihm aber einmal geöffnet worden, hat sich eine Türe ihm aufgetan und kennt er erst des Ortes Gelegenheit, so nistet er sich gerne ein und macht sich's bequem wie in seines Vaters Hause. Er wartet dann nicht erst, ob das Tor ihm offenstehe. Er kriecht durchs Fenster, schlüpft durchs Schlüsselloch. Auch bei Singwalds muß es ihm gefallen haben, denn wir finden ihn, bald nach Isaaks Bestattung, beim Lager des Oberältesten sitzen, der, ohne an einer ausgesprochenen Krankheit zu leiden, seinem Hausarzte, dem geistvollen Doktor Bährens, gar bedenkliche »Hms, Hms« entlockt. Es ist bei unserem alten Freunde eine plötzliche Abnahme aller Lebenskräfte, eine Hinfälligkeit und Erschlaffung der sonst noch so rüstigen Natur eingetreten, die sich zuerst durch eine auf nichts Bestimmtes gegründete Abneigung kundgab, seine gewöhnliche Kartenpartie auf der »Muße« zu besuchen, was begreiflicherweise großes Erstaunen erregte, in sowie außer dem Hause, und wozu der Arzt allen Ernstes den Kopf schüttelte. Auch die Geschäfte reizten den im Geschäfte grau – und reich – gewordenen, fleißigen Arbeiter nicht mehr; er überließ die wichtigsten Entschließungen seinem Buchhalter und tadelte keinen Brief mehr, weder englische noch französische, von der Hand des jüngsten Comptoiristen geschrieben. Dazu schüttelte der Arzt zweimal den Kopf und recht kummervoll, denn er war ja des Kranken Freund. Das dritte Symptom aber mußte wohl jeden erschrecken, der es irgend gut mit Singwalds meinte; denn der Oberälteste widersetzte sich der vom Arzte diesmal dreifach anempfohlenen Sommerreise in die böhmischen Bäder ganz entschieden und erklärte – allerdings nicht in Gegenwart seiner Gattin –, keine Macht der Erde bringe ihn dieses Jahr in die Reisekutsche und er wolle in Riga – bleiben!

Die durch einen Gedankenstrich hier so matt bezeichnete Pause machte in Wahrheit tiefsten Eindruck auf die zufällig Anwesenden, unter welche auch Dorchen gehörte; weshalb diese treu ergebene, wennschon mitunter etwas mürrische Dienerin zu Elisabeth Gabriel, der Köchin, äußerte: »Waih, unser Herr gefällt mir nicht; mir könnt es schon recht sein, daß nicht ins Bad gereiset wird, und dir auch, Lieschen – seit der Brautjungfernschaft nannten sie sich du –, weil dein Mann zu Hause bleibt, und die Schüttelei auf der Chaussee ist kein Pläsier. Aber ein trauriges Anzeichen ist es; und du sollst sehen: wir begraben ihn, ehe das Jahr um ist.« Lieschen fand diese traurige Voraussetzung hauptsächlich darum begründet, weil dem Herrn, wie sie klagte, jetzt nichts mehr schmeckte und sie, trotz aller Mühe, ihm keines der früheren Lieblingsgerichte mehr zu Danke bereiten könne. Dieser Mangel an Eßlust nahm wirklich mit jedem Tag zu und schlug den Mut des Arztes völlig nieder, da er kein Mittel ausfindig machte, die immer mehr schwindenden Kräfte wieder herzustellen. Auf die ängstlichen Fragen der Madame Singwald, ob denn Gefahr drohe, lautete die Antwort stets: »Wenn Herr Oberältester nur erst wieder einmal Verlangen nach irgendeiner Speise zeigten!«

Doch dieses Verlangen zeigte sich nicht, um die unentbehrlichste Nahrung mußte, wie bittere Arznei, ihm aufgedrungen werden, wobei der vermagernde Kranke so langsam hinsiechte und die Kunst des Arztes, der dabei verzweifeln wollte, zuschanden machte.

Auf diese betrübte Weise verging der Sommer, den Lieschens Hochzeit fröhlich verkündet, doch Isaaks Tod düster begonnen hatte. Über dem Singwaldschen Hause hing ein schwerer, schwarzer Flor, von den Händen der vertrautesten Freunde manchmal nur auf ein Viertelstündchen gelüftet, um dann desto tiefer und schwerer herabzusinken und jede Spur von Fröhlichkeit zu verhüllen.

Der Trübsinn herrschte vor, bis in den Stall hinab. Iwan blieb zwar der einzige, der nach wie vor tätig sein durfte für den geliebten Herrn, denn er wurde täglich spazierengefahren. Doch welche Fahrten waren das! Nicht in der offenen kleinen Droschke, in welcher sonst Madame Singwald neben ihrem Gatten auf schmalem Sitze kaum Platz fand und, zur Hälfte im Freien schwebend, sich dennoch an den Sprüngen der muntern Rosse zu ergötzen pflegte; nicht in jenem leichten, obgleich ein wenig hart stoßenden, aber darum die Verdauung des wohlgenährten Ehepaares befördernden Gefährte: nein, in einem großen, breiten Glaswagen, dessen Fenster auch beim wärmsten Wetter geschlossen wurden, damit den verdrossenen, verzagten Leidenden nur ja kein Lüftchen berühre. Langsam, wie hinter einer Leiche! Iwan behauptete, nicht er allein, auch die Pferde hegten finstere Ahnungen und härmten sich stillschweigend, weil sie im voraus empfänden, daß sie bald wirklich einer Leiche folgen müßten.

»Und dann werden wir verkauft«, setzte er hinzu, »und wie wird's uns dann ergehen, den Pferden und mir?« Wenn Dorchen und Lieschen, einstimmend zwar in die herzliche Betrübnis über Singwalds wahrscheinliches Ende, doch wieder Trost schöpften aus der Zuversicht, Madame werde, als alleinige Erbin, das ganze Hauswesen gewiß auf dem bisherigen Fuße belassen und in ihrer Witwenschaft nichts ändern und umstoßen von allem, was ihr Herr Oberältester und wie er es hinterlassen – dann erwiderte Iwan mit dem Instinkte des Naturkindes: »Mütterchen nicht lange bleibt lebendig, wann ist gestorben Papinka.«

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