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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Achtzehntes Kapitel

Es versteht sich von selbst, daß der Generalgouverneur, auf empfangenen Bericht über die Vorgänge des Tages, den Befehl erteilte, Iwans erste Auspeitschung bis auf weiteres zu verschieben.

»Des Mörders Mutter« – denn so hieß sie vorläufig noch immer – zog wie verklärt durch die Gassen und lauschte auf jedes Wort, welches von Vorübergehenden gesprochen ward, ob sie ihres Sohnes Namen höre.

»Unschuldig, unschuldig ist er«, so rief sie zuversichtlich aus, »andere haben es begangen, Iwan wird nicht geknutet!«

Stefan wurde schon nach wenigen Tagen von den Ärzten aufgegeben. Er wäre vielleicht zu erhalten gewesen, hätte er selbst nicht alles getan, was nur in den Kräften des streng Bewachten lag, um seine Heilung zu verhindern. Er blieb Tag wie Nacht in rasenden Ausbrüchen ungezügelter Wut und half dadurch dem ohnedies heftigen Wundfieber ihn völlig aufzureiben. »Sterben ist das Beste, was ich tun kann«, wiederholte er tausendmal. Als einer der Chirurgen die Besorgnis aussprach, die Wunde könne brandig werden, lachte er höhnisch auf. »Die Knutenmeister kriegen mich nicht in ihre Klauen!«

Doch am siebenten Tage ging eine große Veränderung mit ihm vor. Er zeigte Reue, verlangte nach dem Priester (er war evangelisch), den er bis dahin nicht hören wollte, und erklärte sich, nachdem dieser ihn verlassen, plötzlich bereit, vollständige Bekenntnisse abzulegen, wenn man ihm ehrlich sagen wollte, was aus Johanna Rispe geworden sei. Denn es mußte ihm allerdings auffallen, daß man in – freilich fruchtlosen – Verhören ihm Simeon mehrmals gegenübergestellt und nicht dessen Mutter.

Auf die Nachricht, daß sie sich in den Strom gestürzt habe und daß ihre Leiche gefunden worden sei, sagte er: »Nun, so habe ich keine Ursache mehr zu schweigen.«

Er gab nun ein umständliches Bild seines an Verbrechen reichen Lebenslaufes, der schon seit Moskau und Petersburg mit Simeons Mutter und deren Schicksalen eng verkettet gewesen, den wir aber füglich übergehen können, weil er uns zu weit von dem Hauptgegenstande unserer Geschichte ablenken würde.

Simeon hatte niemals an ihren Untaten anders teilgenommen als dadurch, daß er ihnen gute Gelegenheiten, dergleichen zu verüben, ausspionierte. Weil er aber mit seinem sogenannten Stiefvater wegen Teilung des Raubes schon frühzeitig in Zerwürfnis geraten, so hatte er sich in Petersburg von ihnen getrennt und jene Reise ins Ausland angetreten, durch welche er zu Singwald kam. Daß seine Mutter mit ihrem Zuhalter nach Riga ziehen wollte, um dort am Hafen ihr Wesen zu treiben, davon war schon vor seiner Trennung in Petersburg gesprochen worden. Ursprünglich hatte er es auf seinen Herrn abgesehen. Doch droheten dabei allzu gefährliche Möglichkeiten, und er wendete deshalb seine Aufmerksamkeit dem einsam lebenden Muschkin zu. Simeon war es gewesen, der alles vorbereitet, der, wenn er sich bei Iwan befand, die Fenstergitter mürbe gemacht, der ein Fläschchen mit Schwefelsäure in des Jungen Kasten gesteckt, der Stunde und Tag sicher berechnet, der die Abdrücke der Schlüssel von Haus- und Stalltür besorgt hatte. Den Mord gestand Stefan mit Simeons Mutter in Gemeinschaft begangen und mit ihrer Beihilfe die eiserne Kasse fortgeschafft zu haben. Außerdem gab er noch an, daß diese Tat in dieser Gegend nicht ihre erste sei und daß man in dem Schuppen bei Johannas Blockhäuschen die Leichname zweier Schmuggler eingescharrt finden werde, welche sie wegen einer Übervorteilung »im Geschäft« kaltgemacht hätten.

Simeon, der gleich, nachdem der Pristaff dem Blockhäuschen zugeritten, in Haft gebracht worden war, hatte sich so lange seiner Haut gut genug gewehrt und recht scharfsinnig die ihm drohenden Spitzen der Verhöre von sich abzuwenden gewußt. Vor Stefans letzten, mit Todesröcheln unterbrochenen Geständnissen brach seine Kraft auch zusammen, und der schlaue Heuchler, des Leugnens müde, ergab sich.

Und so bewährte sich denn Iwans erste und bis zur greulichen Dursttortur stets wörtlich wiederholte Aussage bis ins kleinste völlig wahr.

Beide, der sterbende Stefan wie der heimtückische Simeon, bestätigten, daß Muschkins Diener ohne die geringste Mitwisserschaft ihrer Freveltat gewesen und geblieben sei.

Iwan wunderte sich wohl, daß die erste der ihm verhängten Geißelungen so lange auf sich warten ließ. Der mürrische Schließer hatte ihm nur angedeutet, es wären neue Mitschuldige eingezogen worden; der ganze Prozeß finge von vorne an und wer wisse, was da noch zum Vorschein käme.

Dem armen Jungen war es gleich. Seines Schicksals meinte er allzu sicher zu sein; was konnte es ihm helfen, wenn andere, vielleicht Schuldige, auch unter den Hieben der Knute erlagen.

Eines Morgens hörte er ein ungewöhnliches Geräusch auf dem sonst stillen Zellengange.

»Sie holen mich«, rief er, von der Pritsche aufspringend; »o mein armes Mütterchen, Gott steh dir bei!«

An sich dachte er nicht, der brave Bursch. Doch drückte er die Augen ein, um jene gefürchteten Büttel nicht zu sehen, die sich seiner, glaubte er, bemächtigen würden.

»Iwan, schläfst du? Stehst du träumend hier?« so redete eine kräftige, wohlklingende Männerstimme ihn freundlich an. Er schlug die Augen auf, und die große, Ehrfurcht gebietende Gestalt des Generalgouverneurs stand vor ihm; hinter diesem der Polizeimeister und der Pristaff Schloß, auch der Ratsherr, welcher ihm sein Urteil eröffnet hatte.

»Deine Leiden haben ein Ende, Iwan! Gottes Hand hat den ungerechten Verdacht von deinem Haupte genommen und die Verbrecher zur Rechenschaft gezogen, hier – und dort. Du bist unschuldig erfunden. Du bist frei! Und weil du so viel gelitten hast, so komm ich selbst in deinen Kerker, um dir die Ketten abnehmen zu lassen.«

Der Schließer, auf einen Wink Seiner Exzellenz, befreite den Gefangenen von den ehernen Banden.

Pristaff Schloß trat heran, gab ihm die Hand und sprach: »Verwünsche mich nicht, armer Teufel. Ich hab's dir sauer gemacht, ich weiß, doch es geschah in guter Zuversicht, daß ich die richtige Bahn verfolgte. Als ich meinen Irrtum einsah, hab ich wenigstens keine Mühe gespart, deine Unschuld ans Licht zu stellen.«

»Und nun«, fügte der Generalgouverneur mit lauter Stimme hinzu, »betrübte Mutter, tritt heran, nur näher! Hier hast du deinen Sohn. Mit diesem Kuß auf seine Wange, wie wenn heute heiliges Osterfest wäre, feiere ich seine Auferstehung aus diesem Grab. Da, nimm ihn, gläubiges Weib! Dein Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit täuschte dich nicht. Liebkose deinen Sohn, umarme ihn. Und wenn du etwa wieder durch Reval kämest, so sage meiner Mutter, daß eine Träne freudiger Rührung über diesen Bart rann, als ich den Geprüften seiner Mutter wiedergeben konnte. Gott mit Euch!«

Der Herr mit seinem Gefolge entfernte sich. Iwan durfte seine Gefangenenkleidung ablegen und gegen sein eigenes Gewand vertauschen, welches der Pristaff dem Schließer zu diesem Zwecke übergeben lassen. Dann gingen er und sein Mütterchen langsam, schwankenden Schrittes, eines das andere stützend, aus den düstern Mauern der Kerkerhallen hinaus; sie, das Kruzifix an ihrem Rosenkranze küssend, dann wieder den Sohn; er, kopfschüttelnd und noch immer zweifelnd, solange er im steinernen Raume des Gefängnisses blieb.

Erst als er draußen, außerhalb des Vorhofes, in der offenen Gasse war, überkam es ihn als eine beglückende Gewißheit, und da weinte er laut und selig. Der alte Kutscher Isaak harrte seiner an der Gassenecke. Kindisch in seiner Lust, trunken vor Jubel, gebärdete er sich, wie sich wirklich nur ein Russe mit weißem Haar in seiner Freude gebärden kann. Kaum gewann er den Ausbrüchen dieser kindlich väterlichen Teilnahme so viel Sammlung ab, daß er seinem jungen Schützling mitteilen konnte, er habe den Auftrag, ihn samt der Mutter zu Herrn Singwald zu führen.

»Zu meiner Wohltäterin!« sprach die Mutter.

Dorchen erwartete sie unten an der Treppe.

»Waih, Lieschen, er kommt!« rief es herauf! Und. »Waih, Dorchen, ich bin schon da!« klang es herab. Die beiden Gegnerinnen waren versöhnt. Lieschen hatte doch eingesehen, welchen Dienst ihr Dorchen erwiesen, da sie den schlechten Menschen entlarvte und Simeons Nachfolger im Dienste schien auch sein Nachfolger in ihrer Gunst zu werden. Sie war getröstet und konnte sich nun ihrem Mitgefühl für Iwans Rettung ungestört hingeben. Sie und Dorchen trugen den Abgematteten über die Stufen, mit kräftigen lettischen Armen; Isaak unterstützte die Mutter, die stark geblieben war, solange sie für den Sohn fürchtete; die schwach wurde und sich kaum aufrecht halten konnte, seitdem sie ihn gerechtfertigt wußte.

Herr und Frau Singwald befanden sich nicht allein. All ihre Tischfreunde waren um sie versammelt. Der verfolgte Sohn und seine treue Mutter wurden empfangen wie tapfere Krieger, die aus einem langen Feldzuge heimkehren. Jeder Anwesende beeiferte sich, ihnen Achtung zu beweisen. Einstimmig wurde eine Sammlung für sie beschlossen und ausgeführt. Ein Teller ging von Hand zu Hand und war im Nu mit so reichen Gaben der Wohltätigkeit bedeckt, wie nur Rigas großmütigen Bewohnern eigen ist. Der Teller brach schier unter seiner schweren Last.

»Das ist für deine Mutter, Iwan«, sagte Herr Singwald; »du darfst davon keinen Kopeken anrühren; mag sie, wenn sie will, sich damit freikaufen; mag sie in ihrer Heimat, mag sie hier, in deiner Nähe, ihre Tage beschließen; Not wird sie nicht leiden, solange einer von uns lebt, die wir diesem Auftritte beiwohnen. Was dich betrifft, mein Söhnchen, du gehörst mir. Schon hab ich nach Narva geschrieben; ich handle dich deinem Herrn ab, wir wollen bald einig werden. Du bist nicht mehr Leibeigener. Aus meinem Hause kam dein Unglück, in meinem Hause sollst du dein Glück finden. Unser alter Isaak sträubt sich nicht länger; er nimmt dich auf in seinen Stall; er erzieht dich zum tüchtigen Kutscher; du wirst seine Stelle einnehmen, wenn er Ruhe braucht und Pflege. Da, nehmt jeder ein Glas, und Sie, meine Freunde, trinken Sie, meine Freunde, trinken Sie mit mir auf Iwans Wohl!«

»Lieber Mann«, sagte die Frau Oberälteste verlegen, »möchten wir aber nicht dem Iwan eine Perücke machen lassen? Er sieht schrecklich aus.«

»Mitnichten, meine Gute«, entgegnete er; »dieser Kahlgeschorene Schädel, der ihn jetzt noch entstellt, ist sein Orden, sein Ehrenschmuck. Laß ihn damit gehen als lebendiges Warnungszeichen für menschliche Gerechtigkeitspflege; und möchte diese Warnung, diese Erinnerung in den Herzen irdischer Richter fortleben, auch dann noch, wenn schon wieder Nachwuchs in jugendlicher frischer Lockenfülle das ehrliche Gesicht umgeben wird. Gott segne dich, zwanzigjähriger Kahlkopf!«

 

Simeon Rispe feiert seine fünf, resp. sieben Namenstage im kühlen Klima, zwischen Tobolsk, Tomsk und Irkutsk, »wo der biedre Zobel weilt«; Hat aber bis jetzt noch keines jener geschätzten Tierchen zu erlegen vermocht. Sollte Lieschen den einst Geliebten wiedersehen, würde sie vor ihm zurückschaudern, denn Stirn und Wangen, die ihr damals so unwiderstehlich schienen, tragen die verhängnisvollen Buchstaben: W.-O.-R., und dies Brandmal entstellt ihn gar sehr.

Iwan wurde bald ein tüchtiger Kutscher, von allen Leuten geliebt, von Lieschen gern gefüttert. Auch war er kein Kostverächter. Nur gegen gesalzenen Fisch behielt er längere Zeit hindurch einen Widerwillen.

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