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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Sechzehntes Kapitel

»Des Mörders Mutter!« Unter diesem Namen wurde die Leibeigene aus Narva sehr bald in der Stadt bekannt. Überall, wo sie sich zeigte, fand sie Mitleid, und reiche Gaben strömten ihr zu. Sie war entschlossen, zu verweilen, bis das Urteil gefällt war; sie wollte der Vollziehung beiwohnen. Keine Gegenrede, keine Warnung brachte sie von diesem Vorsatze ab. Wenn gutmütige Leute ihr sagten: »Du wirst es nicht aushalten, du wirst unterliegen!«, dann erwiderte sie nur: »Muß er es doch aushalten!«

Die Richter waren bald einig. Iwans Widerruf konnte nicht mehr beachtet werden. Alles sprach gegen ihn. Was in Rußland, wo die eigentliche Todesstrafe nicht verhängt wird, an deren Stelle tritt: dreimalige Geißelung, Brandmarkung, Deportation – das wurde dem Überwiesenen erst Bekennenden, dann wieder boshaft Leugnenden, einstimmig zuerkannt.

Niemals war eine Sitzung kürzer gewesen.

Der Tag der ersten Exekution stand schon fest.

Im Singwaldschen Hause flossen viele Tränen um den hübschen, schlanken, guten, blauäugigen Iwan. Isaak grämte sich bis zum Krankwerden; Dorchen weinte, wenn sie ihrer Madame die Haare machte, so heftig, daß diese schalt; was aber nicht hinderte, daß sie selbst nach dem Tuche griff, um sich verstohlen die Augen zu wischen. Lieschen war so betrübt, daß sogar Simeon sie nicht trösten konnte.

Der Oberälteste meinte: »Ihr seid alle nicht klug! Erst könnt ihr nicht Verwünschungen genug auftreiben über den ruchlosen Mörder, und nun es endlich dazu kommt, daß ihm sein Recht geschieht, zerfließt ihr in Mitleid?«

»Wenn er's nur auch wirklich getan hat«, äußerte Simeon bedenklich.

»Das ist's eben«, klagen die Frauenzimmer.

Simeon hatte in neuester Zeit – um auch wieder einmal von ihm zu reden – dargetan, daß es ihm redlicher Ernst sei, die Erinnerung an seine garstige Zollgeschichte bis auf den letzten Flecken zu verwischen. Er betrug sich sehr still, fleißig, aufmerksam im Dienste, blieb auch in Freistunden zu Hause, sparte seine Trinkgelder und gestattete sich seit Iwans Gefangenschaft auch nicht mehr den sonst üblichen Abendpunsch mit Isaak, worüber der letztere, trotz seiner Trauer um Iwan, dennoch klagte.

Herr Singwald konnte endlich nicht anders, als seinen musterhaften Diener beloben und sich Glück wünschen, daß er für ihn Kaution geleistet.

»Wenn mich der Patron auch etwas teuer zu stehen kommt«, pflegte er am Spieltisch zu sagen, »einen Bessern wüßt ich mir doch nicht aufzutreiben!« Auch war er vollkommen gefaßt darauf, die Strafgelder wirklich für Simeon erlegen zu müssen. Um so größer war die Verwunderung, als dieser, da die erste Quotenzahlung ausgeschrieben wurde, und zwar mit dem bedeutenden Betrage von 250 Silberrubel, seinem Herrn mehr als zwei Dritteile dieser Summe in Gold brachte und den Überrest am Monatslohne nach und nach abzuziehen bat. Er setzte dabei freudig und mit befriedigtem Selbstgefühl auseinander, daß zu seiner angenehmsten Überraschung die endliche Abrechnung mit dem Tilsiter Spediteur so vorteilhaft für ihn ausgefallen sei, daß er, anstatt noch für Waren schuldig zu bleiben, einen Überschuß gerettet habe; daß Herr Pinkus so rechtschaffen und rücksichtsvoll gewesen, ihm diesen Überschuß zu senden; und daß er es nun für seine schönste Pflicht achte, dem großmütigen Helfer wenigstens dankbaren Willen zu zeigen.

Niemals noch in dem Jahre, welches Simeon mit und bei Singwalds verlebt, hatten seine Papiere so gut gestanden als in diesen Tagen, und Lieschen bildete sich nicht wenig ein auf seine neue günstige Stellung. Denn daß Herr Oberältester einen so soliden Menschen nicht im Stich lassen, ihm durch seine hohen Bekanntschaften einen Posten verschaffen und daß »Simon« sie dann heimführen werde... daran hegte sie wohl keinen Zweifel. Die glückliche Köchin! Zwiefach glücklich, weil Dorchens fortdauernder, wenn auch versteckter Groll gegen jenen sie vermuten ließ, sie werde um seine Neigung beneidet!?

 

Der Pristaff Schloß, ermüdet von einem anstrengenden Amtstage, saß mit den Seinigen beim Tee und blies, übelgelaunt und schweigsam, die Rauchwolken seiner Tabakspfeife vor sich hin. Er durchdachte den eigentlich mißlungenen Ausgang seiner so eifrig geführten Untersuchung in der Muschkinschen Mordgeschichte. Diese Gedanken machten ihn verdrüßlich. »Übermorgen«, murmelte er vor sich hin, »wird man den Mörder peitschen... und das ist noch die letzte Hoffnung; denn wenn ihm auch dieser äußerste Schmerz nicht ein Geständnis entreißt, wo er den Raub verborgen hält, so ist alles verloren, und die üble Nachrede bleibt auf mir sitzen, daß ich nicht fähig gewesen bin, die Hauptsache zu eruieren. Weiß der Himmel, ich habe einen furchtbaren Zorn gegen die heimtückische Bestie, und ich will mit Wonne sein Blut rinnen sehen, hat er mir das Leben sauer gemacht! hat er mich gepeinigt! Oh, es ist ein schrecklicher Beruf, zu dem ich verdammt bin!«

Dann nahm er seinen jüngsten Sohn auf den Schoß, herzte ihn liebevoll, streichelte seine Locken und warnte ihn: »Werde was du willst, mein Junge, nur deines Vaters Laufbahn vermeide; nur kein...«

Da klopfte es leise an die Tür.

»Hat man auch in seinen vier Pfählen keine Ruhe?« rief er mürrisch; »wer ist da? Was soll's?«

Dorchen zeigte sich.

»Wer bis du? Was willst du?«

»Waih, Herr Pristaff, ich bin das Kammermädchen von Frau Oberälteste Singwald«, stotterte sie.

»Schickt dich deine Herrschaft?«

»Nein, ich habe mich zu Hause weggeschlichen, ich möchte mit Herrn Pristaff...«

Schloß hatte in diesem Augenblicke eine jener unerklärlichen Ahnungen, wie sie den in solchen Gebieten heimischen Beamten bisweilen mit einer Art von Divination erfüllen. Ein unbegreifliches Gefühl sagte ihm, daß er im Begriffe stehe, auf eine wichtige Entdeckung geleitet zu werden. Heftig sprang er empor und führte das bebende Mädchen in sein Arbeitszimmer. Dort forderte er sie auf, sich zu fassen und ihm ruhig zu sagen, was sie anbringen wolle.

Sie bat tausendmal um Verzeihung, daß es gar nichts Bestimmtes sei, was sie melden könne, daß ihre Anklage jedes Beweises entbehre; daß sie gleichwohl reden müsse, weil ein dunkler Argwohn ihr die Brust zersprenge. »Ich glaube«, stammelte sie, »unser Simeon, des Herrn Diener, ist ein schlechter Mensch und hält es mit bösen Leuten. Gestern hat er dem Herrn eine Menge Dukaten gezahlt und wird gepriesen, daß er so ehrlich ist. Aber ich halte ihn für einen Scheinheiligen. Wo hat er auf einmal das Gold her? Wie die Männer vom Zoll ihn packten, da jammerte er, nun wär er ruiniert und sein Erspartes verloren und müsse sogar seine Uhr verkaufen. Und gestern legt er Herrn Oberältesten eine Hand voll gelber Dukaten hin. Gewiß stecken noch mehr in seinem Schuhe, denn ich habe gehorcht vor der Kammertür und habe ihn zählen und klimpern gehört. Ich möchte schwören, er bezahlt unsern Herrn mit demselben Golde, welches er ihm gestohlen hat.«

Der Pristaff sann eine Weile nach. Dann fragte er: »Hast du deinen Verdacht schon gegen jemand ausgesprochen, ehe du zu mir kamst?«

»Waih, Gott soll behüten. Das dürfte ich zu Hause nicht wagen. Sie halten wieder alle miteinander große Stücke auf ihn.«

»Desto besser. So kehre zurück, verrate mit keiner Silbe, daß du mich gesprochen, und halte dich ganz still, mag auch bei euch vorfallen, was immer wolle. Fürs erste dank ich dir für deinen Besuch und will ihn benützen. Ich setze voraus, daß es nicht persönliche Feindschaft ist, die dich zu einer falschen Angeberin machte. Nun geh!« Die letzten Worte schienen eine wunde Stelle getroffen zu haben, denn Dorchen wurde feuerrot und entfernte sich mit gesenkten Augen, was zwar dem Polizeibeamten nicht entging, ihn aber doch auch nicht abhielt, erregt, wie er nun einmal war, seinem innern Antriebe zu folgen.

Mit dem Schlage zehn Uhr – der Hausknecht wollte gerade den Torflügel schließen – stellte Schloß, begleitet von zwei Männern, denen er unten zu harren gebot, sich ein und begab sich ohne Aufenthalt an die schon von seinem früheren Besuche ihm bekannte Kammertür des Verdächtigen, welche gleich auf das erste Pochen rasch geöffnet wurde.

Es mußte dem erfahrenen Menschenkenner auffallen, daß Simeon, der bei ihrem früheren Zusammentreffen vollkommen unbefangen erschienen war, diesmal sich entfärbte und seines Schreckens fast nicht Meister werden konnte.

Schloß benützte diesen unvorbereiteten Augenblick und fragte sehr barsch: »Wo sind die Goldstücke hergekommen, die Herr Singwald gestern von Ihnen empfangen?«

Während dieser kurzen Anrede hatte Simeon sich schon wieder gesammelt: »Ich habe sie von dem Handelsmanne in Tilsit erhalten, mit dem ich mich damals in das unglückliche Geschäft eingelassen. Soviel blieb mir noch gut; hier ist die Abrechnung.« Dabei zeigte er einen an ihn gerichteten Brief vor, der diese Berechnung wirklich enthielt.

»Dieser Brief ist nicht mit der Post angelangt, wie ich sehe! Enthielt er das Gold?«

»Nein, Herr Pristaff; das Gold befand sich in einem kleinen Röllchen... hier ist noch das Papier... Beides brachte mir der Feldjäger, der gestern mit Depeschen von Tilsit nach Petersburg hier durchreiste. Diesen hatte Herr Pinkus ersucht, es für mich mitzunehmen, und bei diesem hab ich es mir, weil ich's erwartete und weil ich zufällig hörte, daß ein Kurier gekommen sei, draußen über der Düna von der Posthalterei abgeholt, wo er frühstückte.«

»Von wem erfuhren Sie, daß ein Feldjäger da sei?«

»Von Isaak, unserem Kutscher; dem hat es ein Postillon erzählt. Sie können ihn fragen.«

»Und woher wußten Sie gewiß, daß dieser Kurier das für Sie bestimmte Geld mitbringe?«

»Herr Pinkus hatte mir's schriftlich vorher angezeigt; hier ist auch dieser Brief.«

Es verhielt sich so; die Postzeichen waren ganz in der Ordnung.

»Wie heißt der Feldjäger?« examinierte der Pristaff, der schon seinen vergeblichen Gang bereute, nur um noch zu fragen.

»Seinen Namen weiß ich nicht.«

»Bis wann kommt er wieder zurück?«

»Er geht von Petersburg weiter, zur See, nach London, glaub ich.«

»Hm; öffnen Sie Ihren Schub – Ihren Koffer –, ich habe Gründe, Ihre Effekten zu untersuchen.«

Simeon leistete gefällig Folge, leuchtete, ohne selbst Hand anzulegen, mit einer eigens dazu angezündeten Kerze und gab sein in bester Ordnung gehaltenes bewegliches Eigentum den wühlenden Händen des Beamten willig preis.

Nichts Verdächtiges war zu finden. Die bare Kasse bestand in etwa zehn Rubel und fünfzig Kopeken. Von Gold keine Spur. Unwillig brummte der Pristaff in den Bart: »Die Dirn ist wahrscheinlich eifersüchtig und will sich rächen, daß sie ihm nicht gefällt.« Dann sprach er laut: »Es ist gut! Ich freue mich, daß der Verdacht gegen Sie unbegründet war. Sie brauchen nichts davon zu erwähnen, was jetzt hier vorgefallen.«

Indern er das sagte, griff er, und es würde schwer sein, genügende Gründe anzugeben, warum er es tat – doch wohl mehr in Zerstreuung und von anderen Gedanken in Anspruch genommen als absichtlich, nach dem Papier, aus dem das Röllchen gebildet gewesen, welches die besprochenen Dukaten enthalten und welches halb zerrissen noch auf dem Schubkasten lag, wohin Simeon es geworfen. Er knitterte es in den Fingern zusammen, wie man eben mit dem ersten besten Gegenstande spielt, und stieg dann, von Simeon mit dem Lichte geleitet, die Treppen hinab. Unten im Flur wartete noch der Hausknecht. Diesen schickte er nach Isaak, ließ sich vom Alten bestätigen, was Simeon, des Feldjägers Auskunft betreffend, versichert, und schied nachher von Dorchens üblem Willen gegen einen sie Verschmähenden vollständig überzeugt.

Isaak und der Hausknecht erschraken nicht wenig, als Simeon seine fünf Finger an die Nase hielt und diese Verlängerung seines Geruchsorganes allerlei kecke und herausfordernde Bewegungen hinter Herrn Pristaff her spielen ließ.

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