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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Vierzehntes Kapitel

Die Untersuchung hatte sich so lange fortgeschleppt, daß sie durch die herannahenden Ostern unterbrochen wurde und während der Festtage ruhen sollte. Doch gerade diese Tage benützte der Pope, welchem die Seelsorge der Gefängnisse übertragen war, zu einem Hauptangriff auf den Verbrecher. Wahrscheinlich wurde er dazu weniger vom Inquirenten als vielmehr von seinem Archimandriten angetrieben, welcher in Iwan, dem Sohne eines ketzerischen Altgläubigen, eine ihm und der rechtgläubigen griechischen Kirche entzogene – Dank sei es der sträflichen Nachsicht des vorigen Polizeimeisters! – Beute sah und nun wenigstens der irdischen Gerechtigkeit das Opfer zu liefern wünschte. Ein Wunsch, der ohne des Verbrechers Eingeständnis, trotz aller wider ihn sprechenden Indizien, doch vielleicht nicht in Erfüllung ging.

Was der Pristaff nicht herausgebracht, das sollte der Pope herauszubringen versuchen, und dieser einigte sich bald mit jenem, der, weil er fast schon müde geworden, gern auf die Ehre verzichtete, wenn nur endlich ein Resultat erzielt wurde.

Der Pope erhielt die Bewilligung, mit dem Gefangenen, wie mit einer Sache, nach eigenem Ermessen zu verfahren. Die langen Fasten, an und für sich schon zehrend genug, im Kerker nun vollends aushungernd und schwächend, hatten Iwan, der einer gediegenen Kost während seiner Dienstzeit bei Muschkin gewöhnt gewesen, sehr heruntergebracht und ihn mit einer wahren Freßgier erfüllt. Er klagte über nichts mehr als über Hunger, und wenn er dem fetten Popen gegenüberstand, fletschte er bisweilen die schönen Zähne, als hätt er Gelüste, einen Biß in die feisten Wangen zu tun und den Mann der griechischen Kirche anzunagen.

Am Freitage vor Ostern überraschte ihn der Wohlgenährte mit dem Antrage, ihn zu füttern. Iwan wußte nicht, ob er recht hörte, als ihm gesagt wurde: »Ich hege Mitleid mit dir, mein Söhnchen; magst du immer ein schwerer Verbrecher sein, hängt es doch nur von dir ab, durch reuiges Geständnis wieder mein Bruder zu werden, und ein Mensch bleibst du immer. Ich will nicht, daß Gottes Kreatur so wilden Hunger leide, und deshalb werd ich dir heute abend gute Speise bringen; aber es bleibt unter uns, und du darfst mich für meine Christenliebe beim Gefangenwärter nicht etwa verraten.«

Wer war froher als Iwan! Er zählte die Augenblicke bis zur Dunkelstunde; er malte sich mit all der Lebhaftigkeit, deren ein leerer Magen von zwanzig Jahren nur fähig ist, die unnennbare Wonne aus, zermalmen, verschlucken, sich sättigen zu dürfen.

Und als er Tritte im Gange vernahm! Als die Riegel an seiner Zellenpforte zurückgeschoben wurden! Als der Pope, bei der Finsternis kaum sichtbar, ihm ein Päckchen in Papier gehüllt zuschob: »Da, nimm, iß! Weißbrot, gute Fische; wohl bekomm dir's! Und gehe in dich!«

Er bemerkte gar nicht, daß er wieder allein war; er hörte gar nicht, daß die Pforte wieder geschlossen, die Riegel wieder vorgeschoben wurden; daß die Tritte auf dem Gange wieder verhallten.

Er verschlang nur, nicht wie ein essender Mensch, wie ein wildes Raubtier, ohne schmeckend zu prüfen, was er genoß.

Ehe eine Viertelstunde vergangen, hatte er einige Semmeln verzehrt und ein halbes Dutzend scharf gesalzener Heringe.

Und dem Tiere gleich, wenn es sich den Wanst überfüllt, warf er sich auf die Pritsche und versank in bleiernen Schlaf.

Er träumte von einem langen schönen Sommertage in seiner Heimat; von einem Tage so klar, durchsichtig, rein, wie ihn nur der Norden gibt, wenn die helle Mitternacht an den frühen Morgen streift. Er war wieder ein unschuldiges lustiges Kind, ein munterer Knabe, half der Mutter Beeren suchen, duftige rote Beeren im weißstämmigen Birkenwalde, jagte sich mit glänzenden Käfern herum, erkletterte hohe Lindenbäume und schaute den Vögeln ins Nest. Ach, ihm war so wohl, so leicht... nur getrunken hätte er gern, denn die Hitze machte ihn durstig; doch wie er sich dem Bächlein näherte, das neben ihm her durchs Grüne rann, und wie er mit der hohlen Hand schöpfen wollte, da wichen ihm die schlüpfrigen Wellen aus, glitten ihm zwischen den Fingern durch, und er brachte nur eine leere, trockene Hand an die Lippen. Die Hitze wuchs, sein Durst ward immer brennender – und das silberne Wasser wich immer weiter von ihm, je mehr sich seine Kehle danach sehnte. Schon fing der Gaumen ihm auszutrocknen an. »Mutter«, weinte er, »ich verschmachte...« Da klirren von einer Bewegung seines Körpers die Ketten, die er trug, und Iwan erwachte bei dem gräßlichen Klange. Fort war der lange Sommertag, die Mutter, der Wald, die Knabenzeit... Doch der brennende, quälende Durst war geblieben. Von diesem gemartert, wachte er die zweite Hälfte der Nacht durch, in Sehnsucht des Morgens harrend, wo der Aufseher sich zeigen wurde. Doch zum Unglücke zögerte dieser gerade diesmal ungewöhnlich lange. Iwan winselte in seiner Qual. Er hätte lieber ein nochmaliges Verhör samt allen damit zusammenhängenden Schlägen ausgestanden als diesen Durst. Endlich erschien der Längsterwartete. Er brachte ihm Speise – ausnahmsweise, wie er sagte, durch besondere Vergünstigung, ihm von sämtlichen Kettengefangenen allein: »Laberdan, prächtig eingesalzen!«

Iwan schob voll Widerwillen den hölzernen Teller zurück und flehte mit matter Zunge, die am Gaumen klebte, nur um Wasser!

»Ist der Krug leer?« fragte der Wärter; »jawohl, mein Söhnchen, gleich sollst du Wasser haben, schönes, klares, frisches Wasser.«

Als er diese Worte hörte, flimmerten des Gefangenen matte Augen auf in krankhaftem Glanze, und er flüsterte: »O ich bitte, gütigster Herr Stockmeister, erbarme dich!«

»Sogleich mein liebes Söhnchen, sogleich sollst du bedient werden«, hatte der Aufseher beim Hinausgehen gesagt; aber vergebens starrte der Elende nach der Türe... eine Viertelstunde nach der andern verstrich, die Tür öffnete sich nicht. Vor ihm stand der eingesalzene Kabliau. Es erfaßte ihn ein heftiger Ekel vor dieser Nahrung, deren Geruch schon seinen Durst zu mehren schien, und er schleuderte den Teller von sich. Bald darauf kam der Wärter, den steinernen Wasserkrug in der Hand. Iwan ließ einen Freudeschrei hören, dem heiseren Gebrüll des Wolfes gleich.

»Was ist das?« fragte der andere, »meinen Teller mit der schönen Gottesgabe in den Winkel geworfen? Meine gute Meinung mit Füßen getreten? Ungebärdig, widersetzlich willst du sein? Oho, Vögelchen, da wird man dir den Saufnapf höher hängen. Dafür gebührt Strafe, und weil in der heiligen Woche sich Schläge nicht ziemen, so durste noch ein Weilchen, bis dir der Übermut vergeht.«

Damit goß er das kühle Brunnenwasser auf die Fliesen des Fußbodens und entfernte sich, ohne auf Iwans Beschwörung weiter zu achten.

Die mit Staub und Erde erfüllten Ritzen zwischen den Steinplatten saugten schnell alle Feuchtigkeit ein. Flüchtige Luftbläschen perlten auf, und der letzte Tropfen war verschwunden.

Iwan heulte vor Wut, aber ohnmächtig und hilflos knirschte er in seine Ketten.

Und abermals neigte sich ein grauer Tag dem düstern Abend zu, da knarrte das Schloß am schmalen Pförtlein, ächzten rostige Riegel, und der Pope stand wieder vor ihm, diesmal nicht allein. Hinter ihm der Wärter mit dem Wasserkruge. In der halbgeöffneten Türe der Pristaff und ein Schreiber.

»Iwan«, hub der Pope an, »Sohn eines Ungläubigen, eines Ketzers, wie lange willst du noch zögern und ausweichen dem Arme der menschlichen Gerechtigkeit? Weißt du nicht, daß nur die Bußen, die du hier reumütig erduldest, denen du dich bereitwillig unterwirfst, mildern können jene unausbleiblichen Strafen der Ewigkeit? Gehe in dich! Ermüde nicht länger die Geduld derer, welche auf dein freiwilliges Geständnis harren. Bekenne dein Verbrechen, damit du Frieden findest in deiner Seele und das morgende Auferstehungsfest für dich zur Auferstehung eines neuen Menschen werde. Willst du endlich reden? Wir sind hier, dich zu hören.«

»Wasser!« stöhnte Iwan.

»Erst rede, öffne dein Herz, dies versteckte, böse Mörderherz!«

»Ich kann nicht reden, Väterchen, ich verschmachte.«

Der Pope nahm den Krug und hielt ihn dem Flehenden vor die Lippen. Einen Schluck ließ er ihn versuchen, dann riß er den Labetrunk wieder fort.

»Willst du bekennen, wenn du dich satt getrunken? Willst du dann eingestehen?«

»Ich will alles, was Ihr verlangt; nur laßt mich trinken.«

»Schwöre vorher!«

»Ich schwöre!«

»So nimm!«

Iwan leerte den Krug mit einem Zuge.

»Geweihtes Osterwasser hast du getrunken, nun mußt du bekennen, oder du stirbst in einer Stunde. Bist du schuldig?«

»Ich – bin – schuldig!« sagte Iwan und stürzte auf seiner Pritsche zusammen.

Am nächsten Morgen mischte sich in die von manchem Judaskusse begleitete Segenskunde: »Christ ist erstanden!« die zweite: »Und Muschkins Mörder hat freiwillig bekannt; aber das Geld ist noch nicht gefunden.«

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