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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Zwölftes Kapitel

Ein Jäger, der ein längst umschlichenes Wild verfolgt; ein Habsüchtiger, der einen sichern Geldgewinn im Auge hat; ein Liebender, der seine Geliebte zu erreichen trachtet – was sind sie in ihrer leidenschaftlichen Erregung, verglichen mit dem Beamten von Talent, Berufslust, Ehrgeiz, welcher die Spur eines großen Verbrechens aufsucht. Für diesen gibt es keine Beschwerden, keine Mühseligkeiten, keine Entbehrung, keine Furcht, kein Hindernis. Er achtet weder Gefahren noch Tod. Er sieht und hört nichts als sein vorgestecktes Ziel. Mag auch, wie in alles, was menschlich ist, eigennützige Selbstsucht, welche Belohnung oder Auszeichnung erstrebt, in solchen Eifer sich mischen, immer bleibt er verehrungswürdig, weil er öffentlicher Sicherheit, weil er dem Bestehen geselliger Ordnung gilt. Von ihm durchglüht, sprengte unser Pristaff, nachdem er noch zweckdienstliche Befehle und Anordnungen für das Innere der Stadt zurückgelassen, der Richtung nach, die seine Ahnung ihm zeigte. Ihm war es nicht anders, als müsse er in jenen waldigen Hügeln, die er nächtlich mit dem neuen Polizeimeister durchstreift hatte, finden, was er suche. Triftige Gründe dafür wußte er sich, außer den schon erwähnten, eigentlich nicht anzugeben. Doch genügten dieselben, ihn anzuspornen, und durch ihn sein mutiges Roß.

»Hilf mir auf den richtigen Pfad«, rief er draußen im Freien, des schnaubenden Tieres Hals streichelnd, »und du sollst ein Pfund des feinsten Zuckers naschen, den unser Jakob Brandenburg raffiniert!«

Auch ließ er dem Pferde mehr den eigenen Willen, als daß er es gelenkt hätte. Da ging es denn bald auf breitem Fahrwege, bald zur Seite, hügelauf, hügelab, durch tiefen Schnee, durch sausende Tannen und Kiefern, vorwärts und wieder zurück. Das Pferd schien seines Reiters Absichten zu verstehen. Wo dichtes Gebüsch einen heimlichen Zufluchtsort verdeckte, brach es durch mit unermüdlicher Kraft. Dies währte einige Stunden, bis dem Reiter sein eigenes Treiben töricht vorkam. »Meine Hast hat mich blind gemacht«, sprach er zu sich selbst; »ich hätte sollen eine ganze Schar aufbieten. Was kann ich alleine tun? Während ich hier mich und mein Pferd abhetze, mag der Schurke sicher wandern, wo ich nicht bin!«

Und dennoch trieb es ihn immer wieder zu einer gewissen Schlucht zurück, die ihm aus jener Nacht her noch im Gedächtnis geblieben war und wo er gegen seinen Chef geäußert hatte: das wäre so ein rechter Versteck für Räuber. Er mochte etwa fünf bis sechs Werst entfernt sein, als er, von einer unerklärlichen Macht getrieben, nach jener Gegend hinlenkte.

Schon am Eingang des abgelegenen Platzes erblickte er die den Schnee tief aufwühlende Bahn eines Rades und menschliche Fußstapfen, von denen aber schwer zu bestimmen war, ob sie nur einem angehörten oder ob mehreren, die, vorsichtig gehend, ihre Füße in die Spuren des Vormannes gesetzt hatten. So schnell wie die Sträucher gestatten wollten, drang er in der Schlucht weiter vor, und kaum hatte sein Roß fünfzig Schritte zurückgelegt, als er eines Anblickes teilhaftig wurde, der seiner Brust einen weit durch die Waldung tönenden Ausruf des Erstaunens entlockte: die Schubkarre, die eiserne Kasse, Stroh, Heu und eine Pferdedecke, welche den Raub umhüllt hatten... Alles, wie er es einige Stunden zuvor in seiner Einbildung gesehen! Doch kein Mensch dabei. Er kam also zu spät!

Der Schlüssel steckte im Deckel der Geldkiste. Eiligst vom Pferde gleitend, hob er diesen auf und fand nichts, weder Papiere noch bares Geld.

Vielleicht war der Räuber gestört worden! Vielleicht war er eben im Begriffe gewesen, die Kiste samt einem Teil ihres Inhaltes zu vergraben, hatte den Trab des nahenden Pferdes gehört und vorgezogen, alles mitzuschleppen, um einen noch entlegeneren Ort aufzusuchen? Vielleicht auch war Muschkins Reichtum gar nicht so groß gewesen, als man ihn geschätzt, was bei so wunderlichen Sparern oft der Fall ist? Vielleicht befand sich der Mörder schon wieder auf der Straße?

Eine Fieberangst überfiel den Pristaff. Seine Pulse hämmerten, sein Kopf drehte sich mit ihm, seine Sinne wirbelten; er fühlte sich der Raserei nahe.

»Ich muß ihn haben«, schrie er und jagte dahin zurück, von wo er gekommen war.

Nicht achtete er der Brombeerhecken, deren Zweige, lang und glatt, mit ihren Dornenstacheln sich in sein Gewand schlugen und es in Fetzen rissen; er sprengte hindurch.

Da befand er sich wieder auf der Straße und ließ den Schimmel ausgreifen. Einen halben Werst vor ihm zeichnete sich etwas auf dem hellen Schnee ab, wie die Gestalt eines Menschen.

Das Pferd fühlte zum ersten Male so heftig die Sporen in den Flanken und verdoppelte seine Anstrengungen. Der einsame Wanderer, ein Bündel auf dem Rücken, drehte sich ängstlich um und lief rascher. Jetzt hatte er den Pristaff erkannt. Nun ergriff er mächtig die Flucht und rannte so schnell, daß der atemlose Gaul Mühe hatte, ihn zu überholen.

»Iwan«, rief der Pristaff dem Burschen nach, der gerade über einen tiefen Graben springen wollte, um den dicken Wald zu gewinnen, »bleib stehen, oder ich schieße dich nieder.«

Iwan sah wohl, daß der Drohende kein Schießgewehr führte, und wagte den Sprung, welcher gelang und ihn sogleich vor den Blicken seines Verfolgers hinter dicken Stämmen verbarg.

Der Schimmel setzte nach. Nun begann die Jagd zwischen Bäumen hin und her. Wie eine Eichkatze wand sich Iwan, schlüpfte zwischen nahe beisammenstehenden Stämmen durch, wo das Pferd daneben Bahn suchen mußte und durch diese Verzögerung zurückblieb; dann wieder verschwand plötzlich in einem Gebüsche und zeigte sich erst wieder in der nächstfolgenden Lichtung.

Der Pristaff schäumte vor Wut, sein Schimmel vor Ermattung. Dieser war dem Zusammenbrechen, jener dem Wahnsinn nahe. Da, eben noch zu rechter Zeit, ging der Wald in freies Feld aus; jenseits des Ackers lag ein größeres Dorf. Iwan, auch schon besinnungslos, war so unklug, geradeaus zu fliehen anstatt wieder in den Schutz der Bäume umzubiegen. Jetzt erreichte ihn die Gewalt. Der Pristaff ritt ihn nieder in den Schnee, warf sich vom Pferde herab auf ihn, riß ihm den ledernen Gürtel, den der Russe trägt, vom Leibe, schnürte ihm die Hände auf dem Rücken zusammen, hing ihm sein Bündel um den Hals, band ihn an den linken Steigbügel fest, und nachdem er mit einigen heftigen Schlägen des Säbelknopfes in den Rücken des zitternden Menschen seinem Zorn genügt hatte, ritt er im schärfsten Trabe, dessen der keuchende Schimmel noch mächtig war, den nächsten Häusern zu, unbekümmert, ob Iwan imstande sei zu folgen.

Der Reiter, dessen Pferd und der Gefangene – alle drei waren wohl geeignet, aufmerksames Erstaunen der Landleute zu erregen, welche »im Kruge« bei einem Gläschen Schnaps am großen Tische saßen. Doch des Pristaffs befehlende Strenge ließ ihnen zum Staunen nicht Zeit und forderte sie zum Gehorchen auf. Es wurde ein Schlitten requiriert und mit entsprechender Bedeckung von sechs rüstigen Männern versehen. Iwans lederne Bande wurden mit Ketten vertauscht, die der Richter herbeischaffen mußte, und zunächst ging es an ein genaues Durchsuchen des Reisebündels. In diesem fand sich außer Wäsche und Kleidung nichts vor als in einem kleinen zerlumpten Ledertäschchen einige wenige Papierrubel; durchaus nicht mehr, als er etwa an Monatslohn empfangen haben konnte. Auf wiederholte Fragen, wo er den Inhalt der geraubten Geldkiste vergraben habe, antwortete er ebensowenig mit Worten, als der eindringliche Vorhalt, daß er nun doch verloren sei und daß ein reumütiges Geständnis, welches dem Amte die Mühen der Nachforschung erleichterte, ihm nur vorteilhaft werden könne, Wirkung auf ihn machte. Er war in das dumpfe Schweigen der Unterwerfung, in das gedankenlose Hinbrüten des Vernichteten versunken, der keinen Ausweg, keine Rettung mehr sieht und sich stummer Verzweiflung hingibt. Weder milde Ermahnungen noch Drohungen noch Schläge – an. denen es leider nicht fehlte – brachten ihn aus seiner Verstocktheit. Es blieb dem Pristaff nichts übrig, als ihn auf den Schlitten werfen zu lassen und mit der aus Landleuten bestehenden Begleitung bis an jene Stelle der Straße zu fahren, wo man nach der obenerwähnten Schlucht gelangte. Dort wurde der Mörder gezwungen, sich mit ihnen bis an der Ort zu begeben, wo die Geldkiste auf der Schubkarre stand. Abermalige mündliche und tätliche Aufforderungen, das vergrabene Geld nachzuweisen, waren abermals fruchtlos. Iwan stöhnte unter den Schlägen, aber keine verständliche Silbe kam über seine Lippen. Da es nun ohnedies bei vorrückendem Abend schon zu dunkel wurde, um einigen Erfolg von Nachgrabungen in der Umgegend zu hoffen, so zog der Beamte es vor, diese Versuche für den Anbruch des nächsten Tages aufzusparen, lud Kasse, Schubkarre, Pferdedecke und was dazugehörte auf den Schlitten, wo Iwan unter diesen leblosen Gegenständen auch fast leblos lag, und langte mit dieser seiner schwer eroberten Fracht – allerdings nur halb triumphierend – zwischen acht und neun Uhr in der Festung an.

Ehe noch die Wächter ihre »zehn« ausgerufen, hatte sich durch die ganze Stadt das Gerücht verbreitet: Muschkins Mörder ist eingebracht, aber die geraubten Schätze sind verschwunden.

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