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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Zehntes Kapitel

Das eine verständige Hausfrau ernstlich will, wird sie bei ihrem sie achtenden und durch dauernde Bande einer langen glücklichen Ehe an ihr hängenden Gatten immer durchsetzen. Folglich gelang es auch der Gemahlin des Herrn Oberältesten, diesen dahin zu bringen, daß er die Kaution für Simeon übernahm. Ja, er tat es sogar, ohne die geringsten Schwierigkeiten zu machen; denn es imponierte ihm gewissermaßen, die Frau, die er bisher als Gegnerin seines Lieblings kannte, nun plötzlich als dessen Beschützerin auftreten zu sehen; und er sagte sich: was sie in diesem Falle von mir begehrt, muß reine Menschenpflicht sein, weil sie ihren persönlichen Widerwillen der Sache wegen überwindet. Doch als es geschehen, als der Bedrohte gesichert war, da regten sich in des Biedermannes Kopfe vielfältige Bedenklichkeiten, die bald zum Argwohn wurden und auf geradem Wege zur Abneigung führten. Herr Singwald erinnerte sich daran, mit welch eifriger Hast Simeon sich gleichsam in ihre Dienste gedrängt hatte, als er in Teplitz vernahm, daß Riga ihre Heimat sei; er zog in Betrachtung, daß die häufigen Besuche einer, wie es hieß, bei jenem Ungewitter in der Nähe von Bolderaa erst entdeckten Muhme, daß die ganze geheimnisvolle Muhme selbst schon seit einigen Monaten verdächtig erschienen, daß die Person unbedenklich Teilnehmerin heimlicher Durchsteckereien sei; es beängstigte ihn die Aussicht, an diesen zweideutigen Menschen jetzt gekettet zu sein, wollte er ihn als Diener behalten, bis die Geldaffäre sich abgewickelt habe. Kurz, derselbe Simeon, der ihm seither eine gefällige Umgebung gewesen, wurde ihm plötzlich zu einer aufgezwungenen Last. Und beide Teile traten dadurch in eine heimliche Verstimmung gegeneinander, die den Herrn unfreundlich, ärgerlich, den Diener mürrisch und verdrossen machte, die sich unvermeidlich auf das ganze Hauswesen übertrug, Dorchen und Lieschen in offene Feindseligkeiten verwickelte, sogar den allwöchentlichen Tischgästen nicht entging. Dennoch billigten die letzteren allgemein, daß die Herrschaft ihren Diener im Unglücke nicht verlassen habe. Vergehungen, die wider unpopuläre Steuergesetze ausgeübt werden, finden überall, vorzüglich in Handelsstädten, nachsichtige Beurteiler. Außerdem galt Simeon nun einmal für einen »fixen Burschen«, und die ihm gespendeten Trinkgelder vermehrten sich augenscheinlich seit der großen Katastrophe. Desto einstimmiger ließ sich der gehässigste Unwille gegen den denunzierenden Diligencenführer vernehmen und gegen den Herrn Rat von der Tamoschna, dessen Spion der schlechte Kerl war, mit dem er die schändliche Beute teilte. »Der arme ›Sim‹ ist verführt worden«, hieß es; »was weiß der Junge von den Cancrinschen Zollgesetzen? Und unser Freund Singwald hat brav gehandelt, als er sich seiner annahm. Herr Oberältester, ich bitte um die Ehre, ein Glas mit Ihnen zu trinken.«

Besonders lebhaften Teil an Simeons schwerem Verluste nahm Iwan. Er hatte ja mit eigenen Augen gesehen, wenn sein Herr Muschkin aus der eisernen Geldkiste im Schlafstübchen einen Beutel mit Dukaten hervorgeholt und einen derselben, nach sorgfältigem Prüfen und Wägen, dem »Gospodin Kammerdiener« gegen drei Silberrubel nebst Agio vertauscht. Ein kleines dünnes Goldplättchen für drei dicke große silberne Taler! Welchen Wert mußte dieses Gold doch haben! Und welches Unglück für Simeon, alle Ersparnisse, die er darin angelegt, so auf einen Schlag zu verlieren! »Auch«, seufzte Iwan, »könnt ich Gold erschwingen, ich wollte keinen Handel treiben, keine Waren einkaufen, keinen Zoll betrügen; ich wollte nur so lange sammeln, bis ich genug hätte, daß ich mich meinem Herrn in Narva abkaufte und frei würde!« Dieser Wunsch, nicht mehr Leibeigener zu sein, der in den Umgebungen seiner Heimat wahrscheinlich gar nie in ihm aufgewacht wäre, hatte hier, wo es keine Leibeigenschaft gibt und wo er die ärmsten Burschen um sich her wegen dieses Vorzuges beneidete, so tief in ihm Wurzel geschlagen, daß er fast von nichts mehr redete als davon. Stattete er zur Abendstunde seinen gewöhnlichen Besuch beim Gönner Isaak im Stalle ab und nahm ihn dieser dann mit hinauf zu Lieschen in die Küche, wo auch Simeon nicht fehlte, da unterließ Iwan nie, seine Dukatenphantasie anzustimmen, wobei er Simeon stets mit Vorwürfen überhäufte, daß dieser so leichtsinnig spekuliert habe. »Du weißt den Teufel, dummer Junge«, entgegnete ihm der Getadelte dann, »wie einem zumute ist, der wenig hat und vor Ungeduld brennt, daß er bald mehr haben möchte! Du faselst immer von deiner Leibeigenschaft und willst dich loskaufen. Wir Livreediener sind auch eine Art von Leibeigenen; wir Dienstboten sämtlich; wir leben auch in der Sklaverei – nicht wahr, Lieschen? Ich möchte auch lieber mein eigener Herr sein als auf Herrn Singwald lauern, bis er spätabends aus der ›Muße‹ kommt, um ihm die Stiefeln auszuziehen. Deshalb hab ich meine paar goldenen Eierchen einem wilden Vogel zum Brüten untergelegt, weil ich hoffe, es würde etwas Rechtes herauskriechen und von der Brut würde ich neue Zucht fortpflanzen. Das Beest hat so laut geschrien, daß mein Nest verraten wurde, und sie haben mir's weggenommen. Wer kann für Unglück! Aber du hast ja das volle Nest ganz in der Nähe. Dein alter Geizkragen sitzt ja im Golde bis über die Ohren. Du brauchst nur einen klugen Griff zu tun und hast mehr, wie man braucht, drei solche Iwans loszukaufen.«

»Waih, Simeon«, rief Lieschen zornig, »was geben Sie dem Iwan für schlechte Lehren! Wenn's auch nur Spaß ist, das weiß ich, der Junge könnt es für Ernst halten.«

»Er wird sich hüten«, sagte Simeon. »Er weiß am besten, daß man in Muschkins Kasten keinen Griff tut. Den hält der Alte fest verschlossen, und der Schlüssel liegt bei Nacht unter seinem Kopfkissen; nicht wahr, Iwan, so ist's?«

»Unter dem Kopfkissen? Freilich! Um sechs Uhr schließt er den Laden. Dann bring ich ihm Wasser, das kocht er im eisernen Öfchen, macht sich einen steifen Grog, mit dem trinkt er sich ins Bette. Mich aber schickt er in mein Stallkämmerchen und verriegelt die kleine Türe, die aus seinem Stübchen in den Hausflur führt. Da seh ich ihn nicht eher wieder, als wenn er frühmorgens ans Fenster kommt und durchs Gitter hinausruft: ›Iwan, ich bin lebendig!‹ Da lachen jedesmal die Weiber, die oben wohnen, aus ihrer Küche heraus, und mein Roß wiehert: ›Guten Morgen‹, denn das kennt seine Stimme sehr wohl.«

Isaak nickte beifällig, daß Pferde ungleich verständiger wären als die meisten Menschen. Auch knüpfte er daran eine Belobigung Iwans, auf Muschkins Pferd gegründet, welches unter seiner Pflege sichtbar gedeihe. »Gewiß, mein Söhnchen«, sprach er väterlich, »sobald Isaak zu alt und schwach ist, Herrn Singwalds Pferde zu pflegen, kein anderer als du betritt meinen Stall; dafür laß mich nur sorgen.«

»Wohl bekomm's ihm«, sagte Simeon; »aber mir will ich wünschen, daß ich nicht mehr Zeuge seines Glückes bin. Ich hab es herzlich satt hier im Hause, und hielte mich nicht etwas zurück« – mit einem Seitenblick auf Lieschen –, »ich wäre schon über alle Berge.«

»Wie wollten Sie das auch anfangen, guter Simon?« fragte Lieschen, halb gekränkt durch seine Äußerung, halb geschmeichelt durch seinen Seitenblick. »Sie dürfen ja gar nicht weg aus Riga, ehe nicht... »

»Da sitzt's eben«, fuhr Simeon fort; »daß er für mich Kaution gestellt, liegt mir auf der Brust und verbittert mir den Aufenthalt. Seitdem ist er nicht mehr wie sonst; er sieht mich nur mit scheelen Augen an, als wollt er es mir absehen, daß ich nicht tausend Rubel wert sei. Und die Madame läßt's mich auch entgelten, daß sie für mich bei ihm vorgebeten: auf jeder Butterschnitte krieg ich's mitzuessen. Vollends nun die unausstehliche Dore, mit ihrem Lauschen und Horchen und Beobachten! Hat sie mir nicht schon meine Muhme verscheucht durch ihr gehässiges Wesen?«

»Es ist wahr, die Muhme macht sich jetzt recht selten, und das tut mir leid, denn es schwatzt sich prächtig mit ihr; sie ist eine Frau, die viel erlebt hat. Anfänglich meint ich, der weite Weg halte sie jetzt im Winter zurück. Aber weil ich ihr manchmal auf dem Markte begegne, glaub ich doch, sie bleibt aus wegen Dorchens spitzen Reden.«

»Weiberzungen!« rief der alte Isaak; »lauter Wascherei! Komm, Iwan, in'n Stall!«

Immer wenn das Gespräch diese Wendung nahm, schlug Simeon den beiden Russen, dem jungen und dem alten freundlich vor, mit ihm zu gehen. Sie nahmen es jedesmal dankbar an, denn sie wußten, was ihrer harrte. Und Simeon, als ob er die Verluste, die ihn getroffen, gar nicht empfände, sondern reichlich bei Kasse wäre, unterließ nicht, sie mit einem Glase warmen Punsches zu bewirten, worin Wasser eine sehr untergeordnete Rolle spielte. Es schien ihm Behagen zu machen, daß Iwan – während Isaak mit jedem Schluck stiller und nachdenklicher wurde – sich desto gesprächiger zeigte. Des Burschen Golddurst wurde durch Punsch nicht gelöscht, wurde nur heißer, und unermüdlich kam er auf seinen Loskaufungsplan zurück.

»Wenn der nicht noch einmal seinen Muschkin beraubt«, pflegte Simeon dann beim Auseinandergehen dem schweigseligen Isaak zuzuflüstern, »so will ich keinen Punsch mehr machen.«

»Das wäre schlimm«, äußerte Isaak und strich seinen Bart; »das wäre schlimm, Brüderchen, sehr schlimm für Isaak. Aber rauben darf der Junge nicht. Vielleicht schenkt ihm sein Alter, was er kostet?«

»So sieht er auch gerade aus, der gütige Herr Muschkin«, äußerte Simeon; »ich hab ihn kennengelernt, wenn er mir meine Dukaten zuwog. Pinkus schwört, daß nicht einer vollwichtig war. Solch ein Knicker und Wucherer... Nu, gute Nacht, Isaak!«

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