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Ein Mord in Riga

Karl von Holtei: Ein Mord in Riga - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin Mord in Riga
authorKarl von Holtei
year1992
publisherNeuthor Verlag
addressMichelstadt
isbn3-88758-048-6
titleEin Mord in Riga
pages1-181
created19991015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Neuntes Kapitel

»Waih, Madame«, sagte Dorchen... aber wir haben dieses »Waih« schon zu verschiedenen Malen gebraucht und Lieschen wie Dorchen in den Augen unserer Leser wohl gar zu Jüdinnen gemacht, die in Riga jedoch nicht hausen dürfen. »Waih« ist ein ehrliches, lettisches Wort; eines jener unverwüstlichen Ausrufungswörter, welches wie Salz beinahe zu allen Speisen so zu allen Sätzen gebraucht werden kann, die des Menschen Zunge zusammenfügen will. Dieser seiner höchst nützlichen Verwendbarkeit wegen ist es auch ins Deutsche übergegangen, und die gebildete Livländerin benützt es ebenso dankbar als ihre ungebildete Zofe. Es drückt Freude, Schreck, Betrübnis, Erstaunen, Furcht, Hoffnung, Liebe, Haß – es drückt aus, was man ausdrücken will, und c'est le ton qui fait la musique. »Waih, Lieber, hab ich Sie erwartet!« klingt aus schönem Munde wie Musik.

In Reval besitzt man für ähnliche Bedürfnisse ein anders klingendes, aber ebenso vieldeutiges Ausrufungswörtlein; es lautet ungefähr wie »uich!« und mag vielleicht eine Vermischung von oh (u) je! und ach! sein. Wenigstens hat diese Ableitung ebenso viel Wahrscheinlichkeit für sich als viele gelehrte etymologische Herleitungen unserer Philologen. Genug, in Estland ruft man »uich!«, wo man in Livland »waih« ruft. Zwischen den drei Hauptstädten der schwesterlichen Ostseeprovinzen herrscht eine nicht abzuleugnende Rivalität: Mitau macht seinen alten reichen Adel; Riga, der Sitz des Generalgouvernements, seinen kaufmännischen Flor, seine überwiegende Größe; Reval seinen näheren Konnex mit der Kaiserstadt, seine sommerlichen Besuche aus Petersburg geltend. Wozu alle drei berechtigt sind, das ist, Ansprüche auf geistige gesellige Bildung zu hegen, die sich auch in einer gewählten und nur mit wenigen Provinzialismen durchflochtenen, rein deutschen Sprache zu erkennen gibt, ein Vorzug, der vielleicht mehr Einfluß auf den Austausch edler Gedanken, auf das Gedeihen liebenswürdigen Umganges und Verkehres übt, als man geneigt sein dürfte, an anderen Orten einzugestehen. »Uich« und »waih« gehören zu jenen kleinen Schmarotzerpflänzchen, welche sich zwischen die saubere Sprechweise schlingen. Nun begab es sich, daß eine Tochter mehrere Jahre lang von ihrer rigaschen Mutter fern bei einer Anverwandten in Reval sich aufhielt und erst nach deren Tode heimkehrte. Freudig beim Wiedersehen warfen sie sich einander in die Arme. »Waih«, rief die Mutter, »mein liebes Kind, hab ich dich endlich!« – »Uich«, schluchzte die Tochter, »uich, Gute, du sagst waih?« – »Das ist allerdings et's komisch«, äußerte der Mitauer, der mir's erzählte. »Ihr Waih hat sie vergessen und das rev elsche Uich hat sie erl ärnt!«

Nachsicht für diese Abschweifung! Wir wenden uns zu Dorchen zurück.

»Waih, Madame«, sagte diese, »der Herr Stammbauer steht draußen, der die große Reisekutsche führt von hier nach Tauroggen, und will mit unserm Simeon reden.«

»So laß ihn reden, Dorchen.«

»Aber der Simeon ist ausgegangen, Madame.«

»So soll der Kondukteur warten.«

»Das tut er schon. Aber unten im Hause warten auch die Zollbeamten.«

»Auf wen?«

»Waih, auf Simeon. Sie wollen ihn gefangensetzen.«

»Meinen Diener? Sind sie närrisch? Was hat Simeon mit den Zollbeamten zu schaffen? Wo ist der Herr?«

»Der ist schon nach der ›Muße‹ gegangen; soll ich den Isaak nach ihm schicken?«

»Noch nicht; erst wollen wir hören, was es gibt. Ruf mir den Stammbauer; ich muß mit ihm sprechen.«

Das Rätsel war bald gelöst. Stammbauer hatte bei mehreren Hin- und Herreisen Simeons Dukaten dem Unterhändler in Tauroggen richtig eingehändigt und dieser nicht ermangelt, jene Summen an Pinkus Heimann Seelig Festenberger nach Tilsit zu befördern, welcher seinerseits sich wiederum beeilte, entsprechende Waren dafür zu senden, die der Diligencenführer wohlbehalten in Riga ablieferte und zu denen der Empfänger durch Vermittlung der ihn bisweilen heimsuchenden Frau Muhme aus dem Blockhäuschen an der Dünamündung Käufer fand. So war binnen einigen Monaten gegenseitigem Zutrauen begründet worden, und diesmal hatte Pinkus dem neuen Geschäftsfreunde eine größere Sendung auf Kredit überschickt. Aber gerade diese war verraten worden. Als Stammbauer mit seinem Fuhrwerk anlangte, wurde er von den ihn erwartenden Zollsoldaten in Empfang genommen, die verborgenen Räume des Wagens untersucht, eine beträchtliche Menge verbotener Artikel fand sich vor und dabei ein förmliches kaufmännisches Konto für Herrn Simeon Rispe, Diener bei Herrn Oberältesten Singwald. Wer der Verräter gewesen? Darüber konnte bei keinem Eingeweihten der leiseste Zweifel stattfinden. Der Verführer, der Gelegenheitsmacher selbst, nicht zufrieden mit dem mäßigen Vorteile der ihm zugestandenen Prozente, hatte nur auf gute Gelegenheit gelauert, einen größeren Gewinn mit einem Male zu machen, der ihm aus seinen Denunziantengebühren erwuchs. Sogar Madame Singwald durchschaute das auf den ersten Blick, gab dem schändlichen Stammbauer ihre Verachtung aufrichtig zu erkennen und nahm sogleich für Simeon Partei, den sonst, ohne Ableitung ihres gerechten Zornes auf einen vor dem Gesetze des Herzens verdammungswürdigeren Menschen, die volle Ladung getroffen haben würde.

Schon hörte man auf der Stiege das verworrene Geschrei der durcheinander kämpfenden Stimmen und Simeons ängstlichen Hilferuf, als die unerbittlichen Handhaber eines strengen Finanzsystems ihn beim Kragen faßten.

Es war kein Spaß. Die auf das Vier- und Achtfache des Wertes steigenden Strafgelder werden bei dergleichen Vorkommenheiten mit rückksichtsloser Konsequenz eingetrieben. Ist der Schmuggler nicht vermögend genug, zu bezahlen, so wird er – höchst einfach! –, er selbst an den Meistbietenden versteigert und muß mit seinem lebendigen Leichnam einstehen. Deshalb hat sich unter den wohlorganisierten Schleichhändlern eine gegenseitige Garantie gebildet. Wird ein Jude, der zu diesem Vereine gehört, auf der Tat ertappt und verfällt er der Auktion, dann erstehen ihn seine Genossen auf gemeinschaftliche Kosten, und die Vereinskassa kauft ihn – um ihn wieder freizulassen. Simeon war nicht so glücklich, Mitglied eines so gesegneten Bundes zu sein. Nach mäßigem Überschlage betrug seine Geldbuße (den Verlust der konfiszierten Waren ungerechnet) tausend Silberrubel; ach, hundert genügten schon, ihn unter den Hammer des Auktionators zu bringen. Sein kleines Vermögen steckte in den kaum bezahlten Handelsgegenständen. Folglich hatte er die Aussicht, Leibeigener zu werden, wenn nicht etwa Herr Singwald für ihn Kaution leisten wollte.

Das war jetzt die Frage des Augenblickes: würde Herr Singwald sich dazu entschließen? Er galt für einen seelenguten, gastfreien, wohltätigen Mann, und mit Recht. Aber nichtsdestoweniger blieb er Kaufmann, Rechner; verdankte diesen Eigenschaften seinen blühenden Wohlstand. Hier war nicht mehr die Rede von einem Almosen, von einer darzureichenden Unterstützung, von einer zu leistenden Beihilfe. Hier sollte eine bedeutende Summe, ein Kapital daran gewagt werden, gegen eine Sicherheit so gut wie keine. Denn wie lange mußte Simeon dienen, bevor ihm in mäßigen Raten tausend Silberrubel an seinem Vierteljahreslohne abgezogen werden konnten. Und verdiente der Schlingel ein solches Opfer? Für die betrügerische Spekulation, die er da unternommen, wahrlich nicht. Und durfte man einem solchen unzuverlässigen Menschen weiter vertrauen? Schien es ratsam, ihn gar im Dienst zu behalten? War es klug, den gerechten Argwohn gegen ihn durch Mitleid einzuschläfern?

Alle diese Bedenklichkeiten kreuzten sich in Kopf und Herz der Madame Singwald, die daneben sehr übel zu sprechen war über eine so unwillkommene Störung ihrer erwarteten Teegesellschaft. Doch ein Entschluß sollte gefaßt werden.

Der Zollbeamte zeigte wenig Geduld, und es bedurfte nur eines bejahenden Winkes von ihm, so griffen seine Brummbären mit scharfen Krallen zu.

Simeon, anfänglich ganz verduzt und fassungslos, begriff erst nach und nach den ganzen Umfang seines Mißgeschickes. Daß nur einzig und allein in Singwalds Großmut Rettung für ihn lag, mußte Lieschen, die dicke Köchin, ihm zuflüstern, mit der Aufforderung, einen Sturm auf die Barmherzigkeit ihrer Madame zu wagen, um deren vermittelnde Fürbitte zu erflehen.

Glücklicherweise hatte der Patron Tränenvorräte zur beliebigen Verfügung, die er ohne weiteres strömen und denen er, samt Schwüren und Beschwörungen, freien Lauf ließ. Tränen sind ein Zauber, welchem eine Rigenserin selten Widerstand zu leisten vermag. Wie das schöne zartere Geschlecht daselbst gern und willig seiner Empfindung Opfer darbringt, wenn irgendeine rührende Dichtung vorgetragen wird; wie es sich überhaupt in seinem Geschmacke, vor allem Barocken, Humoristischen, Kecken zurückschreckend, mehr zum Sentimentalen hinneigt, so kann auch der Bittende, der seine Bitte mit Tränentau zu befeuchten weiß, irgend möglicher Gewährung sich schon gewiß halten. Madame Singwald versprach den Kieselherzen unter Zolluniformen, ihren Gemahl von diesem Vorfalle heute noch zu unterrichten, und sie bürge mit ihrem Worte dafür, daß er entsprechende Bürgschaft für Simeon leisten werde. So viel Ansehen genoß das Singwaldsche Haus, daß dieses Versprechen aus ihrem Munde genügte. Der Beamte gab Frist bis auf morgen früh und zog sich mit seinen Bären zurück, den Defraudanten und dessen Gebieterin ihren Teetischangelegenheiten überlassend.

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