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Ein Herbst in Wales

Julius Rodenberg: Ein Herbst in Wales - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
booktitleEin Herbst in Wales
authorJulius Rodenberg
year1858
firstpub1858
publisherCarl Rümpler
addressHannover
titleEin Herbst in Wales
pages340
created20141018
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Conway und Llandudno.

Rüstig schritten wir des Weges zwischen Fels und Meer dahin. Einst war dieser Gebirgspaß der Schreck aller Reisenden, und Jonathan Swift hatte folgende Schildinschriften verfaßt, welche zwei kleine Wirthshäuser an dem einen und andern Ende desselben dem Passagier mahnend entgegenhielten:

Eh Du Dich wagst in diesen Pass,
Trink Muth dazu mit einem Glas!

So hieß es am Eingang; und wer den Ausgang erreichte, der las:

Nun, da Du durch bist, greif zum andern, –
So matt darfst Du nicht weiter wandern!

Seit den Tagen des Decans von St. Patrick hat nun der Paß allerdings seine Gefahr, zum Glück aber nicht auch seine Romantik verloren. Durch die Felsen des Penmaenmawr, der sich hier 1500 Fuß senkrecht über das Meer erhebt, ist er mit einer Kühnheit hindurchgebrochen, die nur von der übertroffen wird, mit welcher sich – bald neben, bald unter, bald über ihm die Eisenbahn hinwindet. Wir wanderten auf der alten Landstraße dahin, die rein, fest 68 und breit war, wie alle englischen Wege. Zur Seite blieb uns immer die See, in jenem feinen blauen Schimmer, der sich wie lauter Sehnsucht empfand, auf der andern Seite der steile, sandige Penmaenmawr, hier ganz von Licht bedeckt, dort von breiten Schatten. Im Hintergrunde, den unbewölkten Himmel tragend, ragte das gewaltige Great-Ormes-Head, eine riesige Felsmaße, in das Meer hinein, und auf der Halbinsel, die sie mit dem Lande verbindet, glänzten einzelne Häuser, von Feldern und grünem Gehölz umgeben. Es war wundersam still an diesem Sonntagsmorgen; kein wochentäglicher Lärm störte die Einsamen, kein Wagen raßelte ihnen vorbei – nur Glocken hallten – ungesehen aus den Bergen und verschwebten über das Waßer; selten nur zog ein weißes Segel durch die blaue Meeresferne, dann und wann begegnete uns ein Kirchengänger mit Frau und Töchtern, sie grüßten und wallten weiter. Aber die Brandung schlug heftig gegen die steinernen Uferfelsen und feucht strich uns der Wind von Zeit zu Zeit durch Gesicht und Haar. Nicht lange, so erreichten wir eine Höhe, die sich sanft und bequem zum Meeresspiegel herabsenkte. Wer widerstände dem verlockenden Elemente, das mit aller Wollust und Kunst der Verführung das Menschenherz bestrickt? Bald war ich entkleidet; in die Stiefeln wurden Kiesel gesteckt, auf die Kleidungsstücke setzte sich, als getreuer Eckart, der Schulmeister, und das Hemd flatterte lustig wie ein Segel um die Stacheln eines nicht fern stehenden Dornbusches, denn der Wind wirbelte in dieser Tiefe wild über Sand und Geröll 69 herum. So schön hatte ich noch nie gebadet, als an diesem Morgen; die See zitterte noch vom gestrigen Sturme – sie spielte mit mir, sie jubelte hellauf, sie stieß mich, sie schlug und peitschte mich . . . sie wich schäkernd vor mir zurück, und wenn ich nachgieng, so warf sie mich herum und ließ mich, von abtriefendem Schaume bedeckt, auf dem Sande liegen. Der Schulmeister lachte: ich fühlte mich wie neu geboren. Was heißt das? Die ewige Flut, die den Erdkreiß umfließt, spült all das selbstgeschaffne kleine Leid von Körper und Seele hinweg, – wir tragen nichts Fremdes mehr an uns, nichts in uns, wir sind wieder wir selbst geworden, und fühlen es mit Kraft und Freudigkeit. So erreichten wir das Dorf Dygvilchi. Hier gieng eben die Kirche aus und ich hatte nun einmal ein Gruppenbild des walisischen Landvolkes vor mir. – Im Durchschnitt sind diese Leute von kurzer und gedrungener Statur, wobei sie im Gesicht aber alle etwas sehr Vornehmes, selbst Aristokratisches tragen. Es ist Race in ihnen, Originalität; in den Adern dieser Bauern fließt kein Tropfen fremden Blutes. Lange Gesichter mit zartem Colorit, nicht braun, nicht roth, eher bleich, und Adlernasen. In der Tracht der Männer ist gar nichts Besonderes; die Frauen fallen dadurch ein wenig komisch auf, daß sie über den Tüllhauben Hüte tragen, wie bei uns die Männer. Und was für Hüte! Ein ganzes Hutmagazin wandelte vor mir herum, spitze, hohe, flache – mit breiten und schmalen Rändern – von jenem ehrenfesten Filz, den die Bürger des vorigen Jahrhunderts trugen, bis zum 70 knappgeränderten Cylinder der neuesten Mode fehlte nicht eine Sorte! Die Gesichter sahen gar freundlich darunter hervor und erwiderten unsre Grüße artig und mit Zuvorkommenheit. –

Da wir endlich, nach mehrstündigem heitren Marschieren der Stadt uns näherten, bog der Schulmeister von der Landstraße ab, um mir von einem Hügel herunter sogleich den Anblick der Stadt angenehm zu gewähren. Im Mittagslichte lag sie da, an Hügel und Wald auf der einen Seite gelehnt, hier von ihrem glänzenden Strome, dort vom blauen Meere bespült. Um die Häusermasse zogen sich die Mauern, in der noch immer erkennbaren Form einer walisischen Harfe, die man ehedem hier zu Lande solchen Anlagen zu geben liebte. Wie mußte dieß Symbol des freien Gesanges späterhin die Herzen des besiegten Volkes doppelt aufregen! Denn wir wißen aus der Geschichte, daß Conway in der Folge einer der festesten Sitze der englischen Zwingherren wurde. Da nun, wo die Mauern sich gegen die See schließen, erhebt sich das alte Schloß, in seinen Trümmern vielleicht noch schöner, als vordem in den Tagen seines Glanzes. Denn der ergreifendste Schimmer, in welchem eine Erscheinung sich uns zeigen kann, ist der der Wehmuth, welchen das Herz des Beschauenden über sie verbreitet!

Die Stadt, die wir am frühen Nachmittage betraten, machte in ihren halbzerbrochenen Mauern, mit ihren schattigen Straßen und alterthümlichen Erkerhäusern einen mächtigen Eindruck sowol auf das Herz als die Einbildungskraft, und ward für die letztere 71 noch durch die Sonntagsstille gesteigert. Man gieng durch diese menschenleeren Straßen wie durch eine versunkene Stadt, und athmete doch die lebendige Kühle des Herbstnachmittages und sah über den Mauern das Grüne von der Sonne beglänzt, vom Winde bewegt. – Als ein ehrwürdig freundliches Denkmal entfernter Zeiten trat uns in einem engen Gäßchen der Plas Mawr entgegen, einst Stammsitz der hochberühmten Familie der Gwynne. Es ist 1577 von Robert Gwynne von Gwydir gegründet worden. Als einen die Sinnesart dieses edlen Mannes höchlich ehrenden Ausspruch trägt das altersgeschwärzte Thorgesims, dem Eintretenden auch jetzt noch eine bedeutende Mahnung, die Worte: »Wirke und dulde!« – Man wird die Räume, wo ausgezeichnete Männer ihr Leben zubrachten und beschloßen, niemals ohne große Rührung betreten können, »Diese Männer«, wird man ausrufen, »sind dahingegangen und zu Staub geworden; und diese Balken, diese Steine stehen noch!« Und doch führt diese schmerzliche Betrachtung zu einem freudigen Aufschwung; denn diese Balken, diese Steine können nicht ewig dauern – sie werden einmal brechen und zusammenfallen und zu Staub werden, aber das Angedenken des menschlich Großen lebt fort, lebt ewig. Und so empfindet man aus Trümmern doppelt stark die Ewigkeit des Geistes! – Aber Plas Mawr hat sich noch erträglich gut gehalten, ja von Außen betrachtet sieht dieser alte Edelhof mit seinen drei Vorbauten, seinen Giebeln und bleigefaßten Fensterchen noch ganz stattlich aus, obwol es jetzt von 72 einer Handwerkerfamilie bewohnt wird, die es mit dürftigen Mitteln in seinem Innern doch reinlich bewahrt. In der Küche fanden wir die Hausleute alle zusammen; sie saßen um den schwarzen Kamin, der gewis noch derselbe war, wie vor vielen hundert Jahren. Auch die braunen Holzschränke an den Wänden schienen aus uralter Zeit. Man nahm uns mit Höflichkeit auf; die Hausfrau erhob sich, um uns die alte Wendeltreppe empor in das ehemals prachtvolle Drawing-Room zu führen. Über dem Kamin schimmerten noch, zu beiden Seiten des Familienwappens die Buchstaben R. G., die Initialen des Stifters. Aus der niedrigen, weißen Zimmerdecke traten Sarazenenköpfe mit furchtbaren Bärten und Schleifen um den Kopf und sonstiges Ungethüm, als springende und geflügelte Löwen, Adler, Greife, Sphinxe, Eber, Eulen hervor – hin und wieder auch ein Kreuz, dessen Längenstrich oben und unten die Rosen der Tudors, auf dem Querstrich die prinzlichen Straußenfedern und dazwischen in den vier Ecken Löwenköpfe trug – seltsame Zierrathen, die ehedem vergoldet waren, jetzt aber unter weißem Kalkbewurf sehr kümmerlich dasaßen. Wie denn überhaupt dieses Prunkgemach eines machtvollen Edelgeschlechtes jetzt der bescheideneren Nachfolger Schlafzimmer geworden ist. »Denkt Ihr denn nicht daran,« fragte ich die Frau, die uns führte, »daß Euch einmal in der Mitternacht so ein Geist aus der Ahnengruft der Gwynne's mit der kalten Hand über die Stirne streichen kann?« – »Jesus!« rief die Frau aus – »nein, daran denken wir nicht!« Aber 73 der Schulmeister zeigte mir den Kamin, in welchen nach Sitte des Waliser Volks während der guten Jahreszeit das, aus der Druidenzeit noch im Geruch geheimer Kräfte stehende Kraut der Mistelstaude gestopft wird. »Das hält alle bösen Geister ab« sagte er. – Die Frau lächelte, und sah dabei aus, als schäme sie sich ein wenig vor mir.

Nicht so freundlich an die vergangene Zeit erinnerte uns das ehemalige Priestercolleg, ein uraltes Gebäude, noch aus der Zeit wo Wales katholisch war, lang, niedrig, mit zwei riesig großen Schornsteinen, die sich breit und eckig, fast wie Thürme über der Eingangsthür erheben und einen halb gesunkenen Erker zwischen sich haben. Die Fenster, unregelmäßig angeordnet, treten schon aus den Fugen heraus, die Wände zerbröckeln, auf der Flur brechen die Deckbalken schon herunter, die Höfe sind verschüttet, und auf dem Lehmboden und den Steinhaufen balgen sich die schmutzigen Kinder der armen Familien, die in diesem Gebäude, das nunmehr einem Stalle nicht unähnlich sieht, hausen. Ein Modergeruch, wie abgestandenes Pfaffenthum, wehte uns aus diesen Dunsthöhlen an. –

Hier trennte sich der Begleiter von mir und allein, bis zum Untergang der Sonne, verweilte ich in den einsamen Trümmern des Schloßes. Die Höfe – wie traulich luden sie mich ein! In all' den kleinen Kämmerchen mit den schmalen Steinfenstern wehte der laue Wind; um alle Wände, – eine dichte, lebendige Tapete – rankte der Efeu und seine dicken, vollen Zweige umfaßten wie mächtige Hände die Steine, 74 um sie, – die fallenden – mit der still dauernden Gewalt der Pflanze zu stützen. Von den Schwibbögen nieder, wie Candelaber, hiengen die grünenden Äste, vielfach verschlungen. Die Natur muß für den Zierrath dieser kahlen Mauern sorgen; über den geborstenen Pfeilern schlägt der blaue Himmel sein Dach und schmückt es mit Abendroth. – Durch die Mauerscharten sah man hier die fernen Berge, den Wald und die Waldwiesen, dorten die See und vom Abendlicht umzuckt die geankerten Schiffe. In dem Gemäuer dämmerte es schon graulich; ich trat in die Banquethalle, – neun Fenster schauen südwärts, auf den Strom, zwei in den Burghof. Auf diesem Steinsitz in der Fensternische hat einst der erste Eduard geseßen, wie ich jetzt hier sitze; hier hat König Richard II. geseßen – hier ergab er sich in die Hände des verrätherischen Northumberland, der ihn dem Usurpator Bolingbroke als Gefangenen übersandte.

Ein zieh'nder Schatten ist das Leben – ein
Schauspieler, der sein Stündlein auf der Bühne
Sich spreizt und abnutzt – und dann hingeht! –

Oben auf den Gallerien, von Efeu, Farrenkraut und wildem Rosengesträuch überwuchert, führte ein Gang von Thurm zu Thurm, und unter mir lag die Stadt in der letzten Abendsonne an den Ufern ihres Flußes, umgeben von den bewaldeten Hügeln und den dunkelblauen Felsen dahinter, um welche schon die Dämmerung huschte. Ehe nun aber die Sonne ganz hinunter war, wandelte ich hinab zu der Terrasse, wo man die Aussicht auf den Strom und die beiden 75 Brücken hat, von denen die eine die Landstraße und die andre die Eisenbahn fortsetzt. Durch die Röhre dieser letztern – ungesehn, ein Geisterzug – donnerte wie dumpfes Gewitter, in der Schloßmauer widerhallend, ein Train. Seltsamer Contrast zu dem Abendfrieden in den dämmrigen Burghöfen! Dann wieder Alles märchenstill – ich lag im Grase. –

Der Sonne letzter Schein beglänzt
Das alte Schloß, das grünbekränzt
Vom Berg zum Meere niederschaut –
Der Wind spielt mit dem Farrenkraut
Und an des grauen Thurmes Mauern
Zuweilen nur die Blätter schauern.
Sonst ist es still ringsum – kein Laut
Stört mir den Traum von alten Zeiten,
Von altem Glanz und alter Pracht;
Und dem entzückten Auge schreiten
Vorbei viel schöne Geister sacht.
Und wie sich hoch in blauen Lüften
Ein Vogel des Gebirges wiegt,
Indes auf ferner Größe Grüften
Der Wandrer in Gedanken liegt:
Da meint er wol im Dämmerlichte,
Ihm rausche um das eigne Haupt
– Von Efeublättern grün umlaubt –
Der Flügelschlag der Weltgeschichte.
Und was der laute Tag gebracht,
Das wird beim wilden Schein der Nacht
Ihm in der Seele zum Gedichte . . . .

»Aber das sind ja Verse – bei meinem Gott, das sind Verse!« rief auf einmal eine Stimme hinter mir.

Ich kehrte mich um, die Blättlein, welche auf mich 76 herabgesunken waren, aus den Haaren streifend. Der Schulmeister stand hinter mir. »Nun ja, es sind Verse, mein Lieber!« erwiderte ich, indem ich mein Notizbüchlein gelaßen zuschlug und in die Brusttasche steckte. »Und davon habt Ihr mir noch gar Nichts gesagt, daß Ihr ein Barde seid? Nein – das ist köstlich, daß Ihr ein Barde seid – ein deutscher Barde macht Gedichte über Wales! Gott segne Euch dafür!« schloß mein exaltierter Freund, der von diesem Augenblick an mich mit der größten Zärtlichkeit und collegialischem Zutrauen behandelte. –

Sodann brachen wir auf, giengen über die eine Brücke, der Straße nach, die in jene Halbinsel und zu den Höhen des Great-Ormes-Head führte. Das Meer war zurückgetreten, der Strand lag ganz trocken; allein wir ließen ihn bald und folgten den schattigen Pfaden über die Hügel landein. Diese Nachtwanderung that mir unendlich wol – die dunkelnde Luft, das Wehen und Flüstern durch Wald und Wiese spürte ich in friedlichem Nachwirken und bald traten in den feuchten Himmel alle die Sterne, die ich ja ewig auch über meiner Heimath hatte aufgehen sehn. Und so, indem mein Blick an den freundlich vertrauten Lichtern hieng, wanderte ich träumend zwischen den fremden, dunklen Höhen – bis auf einmal zu meiner Rechten das Meer wieder rauschte und vor mir, am Gebirg empor, Licht über Licht gar lieblich funkelte. Wir waren in Llandudno, einem Dörfchen am Nordende jener Landzunge, unter dem Great-Ormes-Head, als Seebad seit Kurzem fashionabel geworden, 77 sehr besucht – nicht blos von Walisern, sondern sogar von London aus – mit steinernen, eleganten Logierhäusern, die, wie sie das Bedürfniß emporrief, rasch nach einander entstanden, und prachtvollen Gasthöfen.

Früh am andern Morgen waren wir wieder wolauf; und da die Sonne schon wieder munter voranleuchtete, so stiegen wir mit Lust nach. Zuerst jene Anhöhe hinan, von welcher herab der dort belegene Theil des Dörfchens uns am gestrigen Abend mit blinkendem Lichtergruß willkommen geheißen. Dieser Hügel, welcher sich zu beträchtlicher Höhe gipfelt, trug vordem eine keltische Festung, deren Überreste – Dinas, d. h. die Festung genannt – den Wandrer noch jetzt in Erstaunen setzen. Ein Steinwall von beträchtlicher Dicke umzirkelt die, offenbar künstlich planirte, Spitze und innerhalb dieses weiten Ringes unterscheiden sich noch engere, heilige Zirkel, welche durch gewaltige Steine bezeichnet sind. Denn das Heiligthum und das Vaterland ward hier hinter einer Mauer vertheidigt; hinter den Schutzwällen der Freiheit ordnete der Druide den Gottesdienst und das Menschenopfer. Und das letzte Asyl blieb das Gebirge – in unwegsamen Schluchten, auf unersteiglichen Höhen hielt es sich in seiner finstern Majestät, bis die Sonne der neuen Cultur, der Religion und Liebe seine starre Rinde löste und das befreite Element dem Menschenthum zuführte. Und nur der Wanderer noch träumt auf den Resten jener versunkenen Welt! Und nur der Wandel seiner Gedanken beschwört die Gestalten wieder herauf, die unter diesen bemoosten Felsen 78 schlafen . . . . Vorzüglich regte mich ein hier ruhender Felsblock auf, der in der Landessprache main sigl heißt, und den Forschern unter dem Namen eines »beweglichen Steines« bekannt ist. Eine ungeheure Felsmaße ist nämlich so gehauen und situiert worden, daß sie – trotz ihrer Wucht und Schwere – bei gelinder Berührung schon zu oscillieren beginnt, und bei fortgesetzter Einwirkung in immer schnellere und heftigere Schwankungen geräth, so daß sich das Herz eines Schauders nicht erwehren kann, wenn es diesen Block so jedem Druck des Fingers nachgeben, ja endlich in jene Aufregung gerathen sieht; weshalb ich denn wol an eine gottesdienstliche Bestimmung dieses Steines in der Heidenzeit glauben möchte; um so mehr, als die christliche Zeit, da alle Heidengötter ins Exil giengen, auch diesen Stein ins Christliche transsubstantiiert, und ihn – in Bezug auf den Heiligen dieser Gegend – Cryd Tudno, d. h. Sanct Tudno's Wiege benannt hat. – Um den Fuß dieses Festungshügels spült das Meer, welches, zu einer Bucht geschloßen, an diesem Morgen der Himmel mit ruhigem Blau bis in seine Tiefe ganz erfüllte, während auf der andern Seite kahle, düstre und schwer besteigbare Felsgürtel hinab und zu andren Erhöhungen leiteten. Wir klommen nieder, und begannen nun einen Mooshügel, der fast senkrecht emporführte, zu besteigen. Erst auf der Mitte desselben empfanden wir die Schwierigkeit, ja die Gefahr unsres Unternehmens. Denn da bei so jäher Steigung an ein regelmäßiges Fortschreiten nicht zu denken war, der glatte Boden 79 aber den Füßen und Händen so wenig Anhaltspunkte gewährte, daß er unter uns fast fortzugleiten schien, so sahn wir uns in beträchtlicher Höhe auf einmal ganz verlaßen. Ja, nicht einmal zu überlegendem Verweilen war uns der Raum gegönnt – indem wir anhielten, fühlten wir uns sogleich abwärts gezogen. Und so mußten wir denn weiterkriechen, auf Händen und Füßen, rastlos vom Sonnenschein gepeinigt, von der Hitze gedrückt – der Schulmeister voran, der deutsche Barde hinterdrein – bis wir endlich oben anlangten, schweißtriefend am ganzen Leibe, mit Gras und Erde bedeckt. –

Nach kurzer Rast setzten wir uns wieder in Bewegung, an elenden Bauerhöfen vorüber, arbeiteten uns dann durch Getreidefelder, über Hecken und Steinwälle, bis wir endlich die Bergheide auf dem Gipfel des Great-Ormes-Head erreichten. Hier athmeten wir auf; wir sahen das Meer wieder, das offne Meer, das sich hier zwischen den walisischen Küsten und Irland unendlich ausbreitet. Seine Kühle wehte die erhitzten Gesichter an. In einiger Entfernung noch, recht über dem Meere hängend, erblickten wir nun auch die Capelle des heiligen Tudno, nach der sich unsre Ortschaft nennt, da Llan-Dudno, die Capelle Tudno's heißt. Auf so einsamer Anhöhe, dicht am Meere – so weit, weit von allen Menschen – wie gut muß sich's hier beten lassen! Keine Orgel ist hier – aber man hört das Rauschen der See, die sich an den Klippen bricht, und man hört den Wind, der über die Wogen dahin fährt. Eine graue Mauer 80 umschließt das Kirchlein mit seinen schmucklosen Wänden, seinem niedrigen Thurme; sie umschließt auch die Gräber des Gottesackers. Außerhalb derselben, noch dichter an der See, ist auch ein Grab. Da ruht unter schwarzem Schiefer der sterbliche Rest einer vom Meere hier ausgeworfenen, im Schiffbruch verunglückten jungen Frau. Sie ruht fern von dem Lande, wo sie gelebt und geliebt hat, fern auch Denen, von welchen sie geliebt, beklagt und beweint wurde. Hier, über ihr Grab, weht nur der Wind, der die Masten ihres Schiffes zerbrochen, – ihren Hügel netzt nur der Schaum des Meeres, das sie getödtet hat! –

Der Heimweg gieng leichter und glücklicher von Statten, und da sich der Schulmeister auf eine Weile von mir trennte, so begab ich mich an den Strand, der um diese Zeit von Badenden und Spaziergängern bunt belebt war. Eine Reihe sehr stattlicher Gebäude zog sich auf der Höhe, längs dem Wasser dahin, während der Uferkies zur Promenade, die Bucht zum Baden sich anbot. Auch ich beim erneuten »Anblick und Feuchtgefühl« des Meeres mischte mich fröhlich unter die Badenden und fühlte mich nachher doppelt zu genießendem Betrachten ermuntert. Ich setzte mich an den Strand von Engländern umgeben, davon Einige zeichneten, Andre lustwandelten, Alle in vergnüglichem Durcheinander. Vor mir badeten Damen, auf- und niedertauchend wie Najaden, so daß ihr braunes Haar langhin auf den grünen Wellen schwamm. Links hatte ich den Great-Ormes-Head, mit seinen Häusern terassenförmig über einander, im Schatten; 81 rechts einen breiten, ebenso mächtigen Fels, aber in Sonne ganz getaucht – dazwischen wogte nun die klare, milde See, in der sich Licht und Schatten zu einer wunderbar zarten Farbenmelodie mischten, und so war das Bild geschloßen, während ein leiser Wellenschlag die Böte am Strande schaukelte und ein Dampfschiff trug, das der Ferne zustrebte. Und wie ich nun so dasaß, der Heimath gedenkend, und wie wenig mir darin von früherem Glücke geblieben sei – da erschallten auf einmal, von Hornmusik geblasen, bekannte Klänge . . . O wie jauchzte mein Herz – und doch! wie fielen die Thränen dazwischen . . . .

Bei Conway saß ich an der See –
Mein Herz war weich von Heimathweh.
Das Waßer lag im blauen Schmelz,
Von Morgensonne strahlt' der Fels.
Mein Auge schweifte weit, weit, weit
Hinaus zur Meereseinsamkeit.
Aus einmal klang es übern Strand:
Was ist des deutschen Vaterland?

Hornisten waren's; – über's Meer
Aus Deutschland kamen sie daher.
Mit blauem Aug' und blondem Haar –
Wie rührte mich die kleine Schaar!
Und zu der Wogen dumpfem Laut
Die Heimathweise lieb und traut!
Im Auge mir die Thräne stand . . . .
Was ist des deutschen Vaterland?

Ihr zieht wie ich landein, landaus
Bei Sturm und Nacht und Wogenbraus, –
Ihr tragt mit Euch ein dröhnend Erz.
Ich trag in mir ein tönend Herz . . . . 82
Und wo wir gehn, und wo wir stehn,
Da fragen wir die blauen See'n,
Den dunklen Wald, die Felsenwand.
Was ist des deutschen Vaterland? . . .

– – So weit, so weit die Wolken fliehn,
Und Wünsche mit hinüberziehn,
So weit nur Grüße trägt der Wind,
Wenn Herzen fern einander sind, –
Der Sehnsucht und des Traumes Reich,
So duftig-weit, so nebel-bleich,
Umschlungen von der Treue Band – –
Das ist des deutschen Vaterland! 83

 


 

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