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Ein Herbst in Wales

Julius Rodenberg: Ein Herbst in Wales - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
booktitleEin Herbst in Wales
authorJulius Rodenberg
year1858
firstpub1858
publisherCarl Rümpler
addressHannover
titleEin Herbst in Wales
pages340
created20141018
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Farm.

Früh des andern Morgens, da ich erwachte, lockte ein blauer Himmel und die Sonne, welche über mächtigen Waldgebirgen schien, ins Freie. Das Dörfchen liegt malerisch in dem Thale eines Bergwaßers, das nicht weit davon ins Meer fällt, wie denn Aber in der walisischen Sprache den Ort bedeutet, an welchem ein Fluß in die See mündet. Mit der Naivität eines Kindes giebt dieses Volk jedem Ding den Namen, den es durch seine Lage, seine Gestalt oder besondern Ausdruck zu fordern scheint.

Die walisischen Dörfer zeichnen sich in ihrer allgemeinen Anordnung nicht sehr von denen aus, die man in England oder Deutschland sieht. Jedoch der Bau des einzelnen Hauses ist verschieden und erinnert nicht wenig an die Schweizer Bauart, da die Natur ja überall das Zweckmäßige und Nothwendige von selbst hervorruft. Gegen das häufig einfallende Regenwetter deckt ein Wetterdach, das von Ständern getragen wird, und gegen die Stürme des Meers und der Gebirge sind die freien Wände noch durch besondre Steinwälle geschützt, aus deren Ritzen und Fugen nicht 24 selten ein bunter Blumenflor aufblüht, der diese Schutzmauern durchaus heiter verdeckt. – Auf dem Wege durchs Dorf sah ich mich überall aufs Unangenehmste von Kindern und – Schweinen aufgehalten, die auf dem Boden lustig und ungeniert durcheinander krabbelten. Die Fruchtbarkeit der walisischen Frauen ist in England sprüchwörtlich geworden, und was die Schweine betrifft, so ist das Ansehn und die außerordentliche Achtung, derer sie sich hier erfreuen, ein ehrwürdiger Überrest des Druidenthums, dem die Sau heilig war! Ich, für meinen Theil, war froh als ich die Landstraße gewonnen hatte, die mich unter schattigen Ulmen aufnahm; rechts die Hügel waren mit Feldern und Wäldern bedeckt, und links durch Obstbäume schimmerte das sonnebeglänzte Meer. Fröhlich wanderte ich meines Wegs dahin und gelangte zu der Farm Wern, die ich mir zum Wohnsitz auserkoren hatte. Die Farm lag auf der Höhe eines sanftansteigenden Hügels, von stattlichem Gehölz bekränzt und im Hintergrunde ganz von den Gebirgen umschloßen. Nach der Meerseite zu begränzte sie ein hoher Birkenhagen, durch welchen ein Thorweg hinein führte. Ich schritt den Kiesweg hinan und trat in den Blumengarten vor der Farm. Ein Hund schlug an und sogleich erschien in der Thüre ein Weib, artig gekleidet und den besten Eindruck gewährend. Ich hielt sie für die Hausfrau und hatte mich nicht getäuscht, wie sich später ergab. Um sogleich auf das zu gelangen, was mich hierher geführt, reichte ich ihr die Karte des Kaufmanns von Chester. Allein sie lächelte nur – 25 denn sie konnte nicht lesen! Darauf theilte ich ihr meine Absicht mit, bei ihr zu wohnen. Sie lächelte wieder – denn sie verstand kein Englisch. Mittlerweile waren auch einige Kinder herausgetreten, der Hund knurrte und die Verwirrung ward immer größer; so daß die gute Frau sich schließlich nicht anders mehr zu retten wußte, als indem sie mit einigen mir unverständlichen Worten sich kehrte und ins Haus ging, die Kinder lachend, der Hund bellend hinterher. So stand ich denn allein und wartete. Über ein kurzes trat auch die ganze Gesellschaft wieder heraus; dießmal aber war mit derselben noch ein schönes Kind im Bunde, ein Mädchen von etwa 17 Jahren, stark gebaut und schlank, mit dunkelbraunen Augen, frischen Wangen und nußbraunem Haar, welches sie hinter die Ohren zurückgestrichen trug. Indem sie hervortrat, versteckten sich die Kleinen kichernd hinter der Schürze ihrer Mutter und sahen erwartungsvoll ihre ältere Schwester an. Diese, nachdem sie ihre Mutter angesehn hatte, dann lachte und verschämt niederblickte, begann endlich: »Ich heiße Sarah, und bin die älteste Tochter im Hause. Ich kann ein wenig Englisch. Ich sollte den Herrn nach seinem Begehr fragen!« – Sie hatte diese Sätze hastig, einen hinter den andern herausgestoßen, und trat, nachdem sie geendet hatte, ganz geröthet bis unter das nußbraune Haar, zurück und an die Seite ihrer Mutter, welche die Hand auf ihre Schulter legte. »Liebe Sarah,« erwiederte ich, »ich wünsche, wofern ich Euch durch jene Karte gut genug empfohlen scheine, für einige 26 Zeit in Eurer Farm Aufnahme zu finden.« Mit Hülfe meiner schönen Dollmetscherin und nachdem mich Alle verstohlen, der Eine von dieser, der Andre von jener Seite angesehn hatten, ward ich bald mit der Mutter Handels einig. Nun ward auch die Großmutter, eine rüstige Matrone, die dem Fremden zu Ehren schon eine riesige weiße Bandhaube aufgesetzt hatte, hereingerufen und gemeinsam beschloßen, daß Hugh, ein sechzehnjähriger, frischer Bursch mit Wamms und Krämpenhut, gleich meine Sachen aus dem Wirthshaus heraufschaffen sollte. Der Umzug war rasch bewerkstelligt und schon am Mittag, nachdem mich nun auch der vom Feld heimgekehrte Hofherr, Mr. Williams mit stummem Händedruck willkommen geheißen hatte, war ich in der Farm Wern wohnlich eingerichtet.

Mein neuer Aufenthalt war zu einem Idyll wie geschaffen. Wenn, trotz jener früher erwähnten Vorliebe für das »heilige« Schwein, den Walisern eine große Reinlichkeit angeboren zu sein scheint, so hatte ich mich über mein Häuschen noch ganz besonders zu freuen, sowol wegen jener Eigenschaft seiner Bewohner, als zumal seiner vortrefflichen Lage wegen. Schon von Außen erschien es äußerst zierlich und nett. Blanke Stufen von schwarzem Schiefer führten in die Flur. Das Zimmerchen links – welches mir zum Wohnen angewiesen ward – hatte seinen Kamin, seine Polsterstühle, Sofa und Fußdecke. Durch das emporgeschobene Fenster sah man über wogendes Getreidefeld bergab zu den Bäumen und dem dichten Gehäge, welches unsre Farm abgränzte. Denn gleich 27 dahinter lief die Landstraße, ein breiter, fester, stets reinlicher Pfad, auf welchem man bald die bäuerlichen Fuhrwerke und beladenen Erntewagen, bald die Karossen der benachbarten Gentry fahren, oft aber auch Landmädchen auf ihren kleinen, muntren Pferden vorübertraben sah. Noch tiefer brausten von Zeit zu Zeit Dampfzüge vorüber, und dicht an den Schienenweg heran ebbte und fluthete die See. Man konnte jede Welle sehn, man hörte ihr Rauschen, so stille pflegte es zu sein – und wie das Wogen der See das der Kornfelder nur in anderen Farben fortzusetzen schien, so klang auch das Murmeln und Rauschen beider, für die Seele wundersam beruhigend, in einander. Gegenüber dehnte sich die Insel Anglesea mit ihren Hügeln und gelben Kornfluren und von ihrer Hauptstadt Beaumarris konnte man die Thürme und einzelne Häuser weißlich schimmern sehn. – Auf der andren Seite der Flur lag die Küche. Der Herd mit seinen glänzend schwarzen Eisenplatten war in die Wand gemauert, unter einem rein gescheuerten Waßerkeßel ward stets ein mächtiges Holzfeuer unterhalten. An der Breitewand standen zwei massive Schränke von braun gebohntem Holze, Schloß und Riegel blank von Messing; auf dem einen die Kannen, Gläser und Zierrath von Porzellan, auf dem andren die blauen Schüsseln, Teller und Platten in reichem Vorrath. Von der Flur aufwärts die schmale Holztreppe hinan führten Teppiche und auch mein Schlafkämmerchen mit Waschtischchen und Himmelbett lud zur Behaglichkeit ein. Vor dem Fenster wiegte ein ehrwürdiger 28 Lindenbaum seine blätterreiche Krone, bei jedem Windzug tippten Ästlein und Zweige an die Sproßen und gar oft erweckten des Morgens mich die gefiederten Bewohner, die lustig und unbesorgt gegen die Scheiben flogen. – Hinter dem Haus schloßen sich die Ställe, die Tennen an; dann die Wiesen, auf denen die Füllen in Freiheit sich tummelten, eingehägt bis an den Fuß des Berges, der hier unter Wäldern zu einer mäßigen Höhe heranstieg – Triften ringsum mit weidenden Kühen und an den Heuwagen Männer und Frauen gleich lustig bei der Arbeit. Über diese friedvolle Landschaft mit Wald, Wiese und weiter See schaute ein kahles, bläulich schimmerndes Felsenhaupt mit breiter steinerner Stirn hinaus, der Penmaenmawr, der letzte Ausläufer der Snowdon-Kette. Ich habe mich bemüht, in der Beschreibung dieses Felsgebirges sogleich die Eigenschaften anzugeben, welche die Waliser im Namen desselben (Pen-maen-mawr: das große Steinhaupt) auszudrücken wußten. Denn ich will hier noch einmal auf die Eigenthümlichkeit dieses poesiereichen Naturvolkes aufmerksam machen, womit sie die Namen für die Objecte ihrer täglichen Anschauung, zumal die Namen von ihren Städten, Dörfern, Bergen und Flüßen in sinniger Wahl stets so zu treffen wißen, daß in denselben die prägnantesten Eigenschaften der Dinge zum Ausdruck kommen.

Zu so poetischer Umgebung paßten denn die Bewohner der Farm Wern gar wol. Sie waren immerdar nett, liebenswürdig, gütig, und so in ihrem Leben wie in ihrem Betragen gegen mich von der 29 größten Einfachheit und Bescheidenheit. Weswegen ich denn auch gern jede Gelegenheit benutzte und zumal in den Dämmerstunden nie verfehlte, in ihrer Gesellschaft zu sein. Das geschah dann regelmäßig in der Küche, die für die Hausleute das Familienzimmer war. Im Herde brannte das Feuer und warf seinen röthlichen Schein auf die Platten des Fußbodens. Wir bemühten uns, mit einander zu sprechen, was denn mit Hülfe unsrer Dolmetscherin anfangs nicht ohne Schwierigkeit und mannigfachen Irrthum, später immer beßer ging. Die Großmutter in ihrer reinlichen, weißen Tüllhaube erzählte mir vom Snowdon und den Seen. Als ich sie einmal nach den Feen und sonstigen Geistern zu fragen wagte, ward sie plötzlich stumm; dann sagte sie, fast aufgebracht: »ach, – wer wird an solche Dinge glauben und davon reden?« Es schien beinahe, als hätte ich sie durch meine Frage beleidigt. – Die Mutter, eine gute, herzige, stets reinlich gekleidete Frau, stand an der Thüre, neben ihr, verschämt und nur redend wenn sie aufgefordert ward, Sarah. Ich erfuhr, daß sie bis jetzt in der benachbarten Stadt Bangor gewesen, um dort Englisch zu lernen, und daß man sie nur der Ernte wegen zurückgerufen habe. Sie mußte nämlich, da die übrigen Schwestern noch zu klein waren und die Männer auf dem Felde vollauf zu thun hatten, die Äpfel und Pflaumen von den Bäumen herunterholen, so daß ich denn diesen köstlichen Früchten des nahenden Herbstes zugleich die Bekanntschaft Sarah's zu verdanken hatte. – Die vierzehnjährige 30 Mary drehte die Buttermaschine und Margret in ihrem weißen Schürzchen saß am Fenster. Für diese Kleine hatte und zeigte ich immer eine aufrichtige Vorliebe. Sei es, weil sie mich sowol durch ihren Namen als durch den duftigen Hauch, der ihre Erscheinung begleitete, stets an jene Gestalt erinnerte, welche ich in einer früheren Dichtung dramatisch darzustellen bestrebt war, sei es wegen ihrer natürlichen Anmuth, denn sie war in der That das liebreizendste Kind, das ich je gesehen zu haben mich erinnere, mit zartem, vornehmen Gesichte, üppigem Blondhaar in Flechten und himmlisch blauen Augen. Margret's Mutter, da sie meine Neigung für das Kind bemerkte, gab mir dasselbe zur Aufwartung, so, daß ich täglich, ja stündlich mit ihm verkehrte; wobei ich versuchte, anfangs nur gelegentlich ihr ein und das andre Wort meiner Sprache beizubringen, später aber regelmäßige Lectionen mit ihr zu halten, die denn, bei der natürlichen Faßungsgabe meiner kleinen Freundin und dem allen Walisern angeborenen Talent für fremde Idiome nicht ohne erfreuliche Resultate blieben. – In Margrets Schooße ruhte mit dem Köpfchen die kleine Jane; am Feuer saß Hugh und gewöhnlich ein wenig später, da er sich in Haus und Hof erst umzusehn pflegte, kam der Vater herzu, ein würdiger Mann mit schon ergrautem Haupte. Diese guten Leute lebten unter sich und mit ihrer Nachbarschaft in Frieden und größter Liebe; und ich hörte sie an keinem Abend zur Ruhe gehen, ohne daß zuvor, während alle Andern mit gefalteten Händen andächtig dasaßen, eins der erwachsenen Kinder 31 mit lauter Stimme einen Abschnitt aus der Bibel vorgelesen hätte. – Und einfach, patriarchalisch wie ihr Leben und Beisammensein waren auch ihre Speisen, an denen ich – für meinen Theil – allerdings nicht so viel Geschmack finden konnte wie an jenem. Denn ihr ganzes Menu bestand aus Sopa (frische Grütze mit Buttermilch), Tatws-llaeth (Kartoffelbrei mit Buttermilch) und Ewd-y-llaeth (in Waßer gekochte Grütze mit Milch genoßen). Diese unschuldigen Gerichte wechselten in der Woche Tag für Tag, und nur am Sonntag ward Fleisch aufgetragen, so daß der Naturzustand, in den ich nach und nach immer gründlicher gerieth, auch nicht einmal bei Tische gestört ward. –

Damit nun aber in diesem Idyll das, was man so gerne darin auftreten sieht, nämlich ein Liebespaar, nicht fehle: so hatte auch hierfür schon das Schicksal im Voraus sehr gütig gesorgt.

Meine Gewohnheit war es, an jedem Morgen – nachdem ich mich am einsamen Strande gebadet hatte – im Gras der Wiese hinter dem Hause zu ruhen, und vom herbstlich goldenen Blätterdach gegen die Sonne geschützt die walisische Grammatik zu studieren. Meine Gefährtin bei solchen Studien pflegte Sarah zu sein, welche bei den Obstbäumen beschäftigt, doch noch so viel Zeit für mich übrig hatte, um mich mit guter Laune declinieren und conjugieren zu lassen, und mich auch obendrein in der sehr schwierigen Aussprache unterwies, was dann zu Scherz und Lachen reichlich Gelegenheit bot. Eines Morgens nun fehlte sie mir an dem Orte, wo wir uns bisher getroffen 32 hatten. Korb und Brechstange lagen unter einem der Bäume, viel röthliches Laub umher, aber meine Schöne war nicht zu sehn. Auch ringsum war keine Spur von ihr zu entdecken, so daß ich die Wiese emporstieg, bis zum Rande, wo sie an den Wald stieß. Hier nun, in mäßiger Entfernung gewahrte ich Sarah. Sie saß auf der Hecke, mit dem Rücken mir zugewandt und vertraulich neben ihr, gleichfalls auf einen der knorrigen Birkenstämme gestützt, und den einen Arm um des Mädchens Hüfte geschlungen, lehnte ein junger Bursche. Kein menschliches Wesen störte dieß vertrauliche Beisammensein der Beiden, nur die Fohlen weideten im Grase. Auch ich war Willens umzukehren, wie ich gekommen war; denn das Bild, welches ich da gesehn hatte, war zu rührend unschuldig und zu schön, als daß ichs hätte durch eine so plumpe Dazwischenkunft zerstören mögen. Allein die jungen Pferde, aufmerksamer als die nur mit sich Beschäftigten, hatten die Ohren gespitzt, da sie mich über das Gras herankommen hörten und sprangen, da sie mich endlich sahen, mit so lautem Gewieher davon, daß auch die Beiden sich erschreckt umsahen und mich entdeckten. Da ich es darnach nicht mehr für anständig hielt, mich stumm zu entfernen, so trat ich näher. Sarah war rasch von der Hecke herabgesprungen, ihr Liebhaber hatte sich gleichfalls emporgerichtet, und so standen sie da, durch die breite und hohe Blätterwand getrennt, mit gesenkten Augen, als ständen sie vor ihrem Richter. Ich begrüßte die Beiden in der Landessprache; aber statt des Dankes fuhr Sarah nur ängstlich und 33 stotternd heraus: »Er heißt Owen. Er gehört dorten in die Farm Gorddunoc« dabei zeigte sie auf einen Hof, der dicht an den unsren stieß und dessen stattliche Gebäude unter hohen dunklen Bäumen lagen. »Er ist der älteste Sohn auf der Farm Gorddunoc« – setzte sie hinzu. »Und Du die älteste Tochter auf der Farm Wern, – das paßt ja vortrefflich!« fuhr ich fort. Sarah wurde bei diesen Worten glühend roth und Owen sah auf den Krämpenhut, den er mit beiden Händen abgenommen hatte. »Nein, o nein –« sprach Sarah eifrig, »Das ist es nicht; vorgestern auf dem Markt zu Conway hat mir Owen ein blaues Gürtelband geschenkt – seht hier, dieß himmelblaue Gürtelband mit der blanken Schnalle, und da hab' ich ihm heut nur zeigen wollen, wie mir's zu Leibe sitzt.« Diese letzten Worte, welche Sarah mit einiger Anstrengung hervorbrachte, und dann – gleichsam bekräftigend in walisischer Sprache wiederholte – reizten den treuherzigen Owen zu lautem Auflachen, das er sich aber sogleich zu unterdrücken Mühe gab. Denn Sarah sah ihn mit einem aufgebrachten Blicke vorwurfsvoll an und fragte: »Warum lachst Du denn Owen?« – Der geneigte Leser wird bemerken, daß auch bei den Naturvölkern das Erbtheil schlauer Verstellung den Frauen zugefallen ist, sollte sie auch so naiv und schuldlos auftreten, als dießmal bei Sarah.

Einige Tage später erregte die Erzählung der Großmutter von dem großen Wasserfall bei Aber den Wunsch in mir, denselben zu besuchen. Man bot mir Sarah als Führerin an, und da, nach dem 34 Vorgefallenen, das himmelblaue Gürtelband mit der blanken Schnalle eine ewige Scheidewand zwischen uns bildete, so konnte ich ihre Begleitung ohne Gefahr für mich und sie annehmen. Wir stiegen in der Frühe des klarsten Herbstmorgens hinter unsrer Farm bergan, und durch die laubdichte, sonnedurchzitterte Buchenwaldung weiter; das kräftige Kind der Berge, welches unter seinem hohen schwarzen Filzhute ganz allerliebst aussah, immer voran, bis wir nach einstündiger Wandrung den Ort erreichten, wo einer von den Gebirgsbächen dieses waßerreichen Hochlandes dem nahen Meere zustürzt. Ich habe in der Folge wol viele Wasserfälle gesehen, die wilder, schauerlicher und großartiger wirkten: einen lieblicheren aber nicht. Wir waren in dieser Höhe ganz einsam. Ueber den grünen Hügeln schloß sich der blaue Himmel, erst weit unten standen einzelne Hütten, an den Abhängen giengen Schafe und Kühe, deren Glöckchen melodisch in das Rauschen des fallenden Wassers tönten, und da, wo sich die Gebirge aufthaten, erblickte man in der Tiefe die klare See. In diesem freundlichen Thale nun, von Bergkuppen rings eingeschlossen, strömte das kalte, silberhelle Waßer – ganz zu Schaum gelöst – aus beträchtlicher Höhe über den glattgewaschenen, steilen Felsen des Hintergrundes nieder und wand sich alsdann zwischen kolossalen Steinen, die vom Felsen abgerißen schienen, über zitternden Moosen und Schlingpflanzen dahin, bis es das Bett erreichte, in welchem es fröhlich und rasch thalnieder dem Meere zueilte. Da Alles dieß mit einem angenehmen Rauschen geschah und das Waßer 35 selbst im Fallen die gefälligsten Linien beschrieb, so erregte dieser Anblick durchaus nicht in wilder und unheimlicher Weise, sondern gewährte mit der Ruhe und dem Frieden, die hier über allen Bergen zu liegen schienen, auch der Seele etwas Kühlendes und Besänftigendes.

Sarah hatte ihren großen Filzhut abgelegt, sich auf einem nicht weit entfernten Erdhügel niedergelaßen, wo sie das mitgebrachte Frühstück behaglich ausbreiten konnte und lud mich nun ein, gleichfalls Platz neben ihr zu suchen und ihr Gast zu sein. Über dem Eßen fragte sie mich, ob ich denn auch wol wüßte, wo wir eigentlich säßen? Da ich diese Frage verneinen mußte, so fuhr sie weiter fort: dann wiße ich wol auch nicht, was sich hier vor Jahren begeben habe! und als ich sie nun bat, mir doch ja zu erzählen, was sie davon wiße, begann sie: »Auf dem Erdhügel, wo wir jetzt sitzen, stand vor vielen hundert Jahren der Palast Llewellyn's, des letzten Fürsten, den wir in Wales gehabt haben. Dieser Fürst hatte eine sehr schöne Frau, die ihm aber nicht treu war, sondern einen von ihren Baronen, den Herrn William von Breans, weit mehr liebte als ihren eigenen Mann. Da hatten die Beiden nun einen Zwischenträger, nämlich einen Barden vom Hofe Llewellyns, der aber sehr falsch war, und die ganze Geschichte seinem Fürsten für Geld verrieth. Worauf dieser äußerst erzürnt, seinen Baron William zur Osterfeier ins Schloß einlud und ihn, der Nichts von dem Verrath ahnend, ohne Hülfe und Waffen wirklich kam, nach dem reichlichen 36 Mittagsmahle mit dem Worte: »Du bist ein Ehebrecher!« in den Thurm werfen ließ. Zur Nachmittagszeit, da sie von dem Vorgefallenen Kunde erhalten hatte, saß die Fürstin traurig und verzweiflungsvoll in ihrem Gemache. Da kam der Barde zu ihr und fragte sie:

Dicyn, DocynDiese Worte, wie ich späterhin oft hörte, bedienen sich in Wales die Kinder beim Abzählen und sonst beim Spielen; sie haben ungefähr denselben Sinn wie bei uns das »Ene, bene Tintenfaß« &c. – Llewellyns Gemal, –
Was giebst Du mir, zeigt' ich Dir William einmal?

Worauf sie antwortete:

Kambrien, England, sammt meinem Gemal,
Alles – zeigst Du mir ihn noch einmal!

Da führte sie der falsche Barde an's Fenster und zeigte ihr einen Hügel – seht nur, jenen Hügel dort! und da stand ein Galgen, an welchem William hieng; und auf dem Querbalken saßen schon die Raben.« –

»Wie grausam! wie unmenschlich!« sagte ich, weniger durch den Ausgang, als durch die Art des Verfahrens verletzt. Sarah jedoch meinte, die Beiden hätten es gar nicht beßer verdient, denn für Treulosigkeit sei doch wol keine Strafe zu hart. – »Wie würde sich Owen freuen, Dich so sprechen zu hören!« bemerkte ich, um dem Gespräch eine heitere Wendung zu geben. »Was Ihr nur immer mit Owen wollt!« erwiderte Sarah, indem sie mich verlegen ansah. –

Eines andern Ortes noch will ich hier gedenken, den ich während meines Aufenthaltes in Wern oft besuchte und der mir um so lieber war, als ich ihn 37 mir gleichsam selbst entdeckt, und ihn außer mir wol selten ein menschlicher Fuß betreten hatte. Dem Penmaenmawr gegenüber, da wo er mit seiner ganzen Felsenwucht am Weitesten ins Thal hinein reicht, führt am Meeresstrande die Eisenbahn über einer Brücke dahin, deren Pfeiler in den Uferkies hineingebaut sind. Hierher gieng ich, wenn die Sonne schon hinunter war und über der ewig wogenden Fläche die graue Dämmrung schwebte. Hier, in der vollen Einsamkeit mit mir und dem heiligen Meere stand ich, an die Mauern gelehnt – die Wellen, aus der Tiefe heraufbrausend, brachen sich an der steinigen Küste und verrollten mir zu Füßen – Seetang verdunstete am Ufer und der frische Seewind strich vom Westen herein, mit Regen und Schaum Gesicht und Haare feuchtend. Zuweilen rollte es aus der Ferne heran und dann mit furchtbarem Donner, der aus allen Schluchten des Gebirges widerhallte, über meinem Haupte dahin . . . dann verhallte es weit, immer weiter, bis nur noch Meeresrauschen und Windgeheul im Finstern vor mir tosten. O – so die weite, weite See in der Dämmrung vor sich zu haben – mit ihrem Steigen und Stürzen die Seele mächtig verlockend – wie schauerte mich das an! Wie fühlte ich mich, im Innersten bebend, vom Geiste Gottes angeweht, der über den Wassern schwebt . . . .

In einer solchen Stimmung kam ich einst nach Haus, durch Sturm, Finsternis, Regen und alles Unwetter. Ich hatte mich ganz verirrt und verwirrt, und mußte lang, erst am Strand hinauf und dann 38 in den Feldern am Hügel suchen, bis ich die Farm gefunden hatte, Hier saßen, da es schon spät auf die Nacht gieng, meine Hausleute um das Küchenfeuer bei der Bibel versammelt. Aus dem für meine Seele so wolthuenden Contraste zwischen den Schauern des Meeres, der sturmdurchsausten Einöde und diesem lichtvoll erwärmenden Anblicke, der mich, durch das Göttliche und Ewige selbst, in das heiter Menschliche zurückführte, entsprangen die nachfolgenden Verse, deren Mittheilung meine Leser freundlich genehmigen mögen.

Die Mitternacht weht übers Meer
Und trägt sein Rauschen dumpf daher.
Der Regen schlägt aufs Schieferdach,
Und all mein Sehnen wird nun wach.
Zur Heimath, die so fern mir ist,
Kehrt sich mein Sinn zu dieser Frist.
Ich überdenke, still und bange,
Wie lang es währen wird, wie lange,
Eh wieder auf den eignen Schollen
Der Fuß darf rasten, der so weit
Verirrt in diese Einsamkeit,
Wo ihn die Wogen fremd umgrollen. –
Da weckt mich eine Stimme – sacht
Tret' ich auf meiner Thüre Schwelle.
Am Küchenfeuer, das noch helle
Und golden flimmert durch die Nacht,
Beleuchtet von den milden Flammen,
Sitzt die Familie dort beisammen.
O, wie so heilig scheint der Kreiß!
Im Lehnstuhl sitzt der Vater; weiß
Umgiebt sein langes Haar die Stirne;
Margret, die kleine, süße Dirne, 39
Sitzt nebenan. Großmütterlein,
Ehrwürdig schön in ihrem Alter,
Schaut nieder, und vom Flammenschein
Umglüht liest Sarah laut den Psalter.
Die Mutter sitzt im Dunkel, ihr
Zur Seite Hugh, den Krämpenhut
In brauner Hand; zu Füßen ruht
Ihm Cianmawr, das treue Thier. –
Und wie ich so herangetreten,
Da muß ich mit den Andren beten . . . .
Und ist es auch ein fremder Laut –
Der Geist ist Allen ja vertraut!
Er spricht aus fremder Augen Scheinen,
Und thut sich kund in ihrem Weinen . . . .
Doch sieh! – da Sarah aufgeschaut,
Sieht sie mich in der Thüre lehnen.
Weiß sie vielleicht, was mir so still
Die Seele füllt mit tiefstem Sehnen,
Und was mein feuchtes Auge will?
Erröthend senkt sie ihres nieder,
Und faltet still die weiße Hand.
Vielleicht denkt sie: bald zieht er wieder
Weit über's Meer ins ferne Land.
Dann sei ihm nah mit Deiner Gnade,
O Herr! und führ' auf sichrem Pfade
Ihn durch die Stürme, die da wehn;
Sollt' ich auch nie ihn wiedersehn,
So laß doch eines Kindes Bitten
In Lebens und der Sünden Mitten
Als Engel ihm zur Seite gehn! 40

 


 

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