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Ein Herbst in Wales

Julius Rodenberg: Ein Herbst in Wales - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
booktitleEin Herbst in Wales
authorJulius Rodenberg
year1858
firstpub1858
publisherCarl Rümpler
addressHannover
titleEin Herbst in Wales
pages340
created20141018
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bangor.

Mehrere Wochen waren so vergangen, und um mich und in mir hatte sich Manches verändert. Die Bäume waren dunkelbraun geworden, alles Feld stand in Stoppeln, über's Meer fegte schon dann und wann ein rauher Wind herein. Und mich drängte es nun wieder, nach allen Mabinogis und Bardengesängen und Pennillion zu meiner »Trösteinsamkeit« zu greifen, nach dieser köstlichen Sammlung deutscher Lieder, die ich von der Schule her auf jeder Fahrt in der Nähe oder Ferne stets bei mir führte. Hier sollte ich ihren Segen recht verspüren.

Ja, es geht Nichts über das deutsche Lied! Das »Lied« hat kein ander Volk, als das deutsche. Die englischen »songs«, die französischen »chansons« – wie gemacht die einen, wie kühl die andren gegen das Herzblut, das in unsren Liedern quillt! Bist doch ein prächtig Volk, du deutsches – und mit Thränen in den Augen, mit Lächeln, mit Jubeln fühlen wir uns als deine Kinder, die ohne dich nicht leben mögen noch können. Denn als treue Gefährten gibst du uns auf die Reise deine Lieder mit, daß sie uns erinnern an 244 die schöne Zeit, wo wir sie mit Freunden zusammen gesungen; daß sie uns gemahnen, in Lust und Leid deutsch und dem Vaterlande treu zu bleiben und daß sie uns, wie ein süßer Trost, in die Seele singen: »Haltet aus! wandert! wartet! – wenn Ihr heimkehrt, findet Ihr Alles wieder, was Ihr da draußen vermißt habt; die deutsche Liebe! die deutsche Treue! den deutschen Gott!«

Und wie sollt' ich's nicht ertragen,
Da's nun bald zu Ende geht?
Jeder Welle will ich's sagen –
Jedes Lüftchen will ich fragen,
Das von hier hinüber weht:

Ob sie mir noch treu geblieben,
Seit ich mich am fremden Strand
Freudenlos umhergetrieben –
Ob sie mich noch Alle lieben,
Die ich ließ im Vaterland?

Hätten sie mich gleich vergeßen –
Ihrer – ach! – vergeß ich nie;
So viel Meilen ich durchmeßen,
Und in Thränen hab' geseßen –
So viel mal dacht' ich an sie!

Aber es that Noth, daß ich mich aus solchen Stimmungen aufraffte; denn noch war meine Zeit nicht vorbei und ein gut Stück Land und Leute lag noch vor mir. Deshalb faßte ich mich rasch zusammen und trat am ersten schönen Morgen meine Wanderung wieder an. Die klarste, reinste Sonne schien, da ich von Wern schied. Die Luft war mild und weich 245 geworden, die Wälder hauchten ihren letzten Duft, die Felsen glänzten und das Meer lag blau und still. Alle Bewohner der Farm hatten sich auf den Treppenstufen zusammengedrängt, um mir Lebewohl nachzuwinken; die kleine Margret begleitete mich den Kiesweg hinunter bis zum großen Gatterthor. Die Thränen standen meinem Liebling in den blauen Augen. »Aber wollt Ihr denn auch ganz, ganz gewis wiederkommen?« fragte sie. »Ja,« sagte ich, indem ich sie auf die reine Stirne küßte, »ganz, ganz gewis!« Das Thor schlug hinter mir zu und wohlgemuth schritt ich auf der breiten, festen Landstraße dahin, bald am Meere, bald durch den Wald, hoch darüber. Station wurde zuerst in Llandégai gemacht, einem Dörfchen so reizend, wie ich es kaum zuvor gesehen habe. Der Schulmeister und Mutter Moll hatten mir auch schon viel davon erzählt; jener, weil hier eine so schöne Schule sei, diese, weil sie auf den Wiesen von Llandégai die letzten Feen gesehn hatte. Mir war, als müßten sie noch da sein; die einzelnen Häuschen mit ihren einfachen hölzernen Portalen – ganz bis oben mit Grün umsponnen, zwischen welchem, aus den offenen Fensterchen, die farbenreichsten Blumen leuchteten – lagen jedes hinter einer weißen Mauer oder sehr regelmäßig gehaltenen Hecke. Am Ende des Dorfes erhob sich auf dem Kirchhofshügel, der von Tannen und Buchen zu einem wahren Walde gemacht wurde, die Kirche. Darunter lag die Schule. Mein Freund von Llanfairfechan hatte Recht. Wer hätte dies Gebäude für einen solchen Zweck bestimmt halten können? 246 Mit seinen weißen Steinmauern und seinem Glockenthurme stand es da, eher einem Schlößchen vergleichbar; um den Vorbau der Thüre blühten, hoch aufgewunden, üppig noch die späten Rosen und zwischen den hohen Fenstern rauschte das dichte Laub des Weinstocks. Der überraschende Eindruck ward noch freundlich erhöht durch die Goldinschrift einer Marmortafel, welche unter den Rosen halb versteckt war: »Dieß Schulhaus ist im Jahre des Herrn 1843 von dem ehrenwerthen Obristen Douglas Pennant dem Andenken seines geliebten Weibes Juliana Isabella Mary, ihrem Wunsche, die Schule dieses Dorfes zu heben und zu fördern gemäß, errichtet worden.«

Über diesem in seltenem Grade anmuthigen Dörflein liegt auf einer Höhe, die das weite Land beherrscht, Penrhyn-Castle, das Schloß der schon genannten Pennants, welche in diesem Theile von Nord-Wales als die reichsten Grundbesitzer gelten. Es ist zwar ein neues Gebäude, aber mit Thürmen und Zinnen, mit der Unregelmäßigkeit seiner Linien, seinen schmalen Fenstern, seiner dunklen Grundfarbe und dem dichten Efeuwuchs macht es selbst noch in der Nähe den Eindruck einer stattlichen altsächsischen Burg. Dicke Mauern mit einem festen hohen Thor umgeben den Park. Sobald man eingetreten, wird man von der ganzen Frische und allem Duft des Waldes empfangen. Wie wirkt in seiner schönen Natürlichkeit solch ein englischer Park doch ganz anders als ein französischer! Hier sieht man keine Fontainen mit Sphynxgestalten, keinen Apollo und keine Venus, keine Taxushecken und 247 Orangerieen – aber man sieht hundertjährige Eichen, säuselnde Buchen und leuchtende Birken, man sieht durch's Tannendickicht einen Zwölfender brechen, oder über den sanftgrünen Rasen ein Reh laufen – ja, man kann hinterher, wenn Einen die Lust anwandelt – Alles Natur, frische, vollsaftige Natur! Endlich auf seinem Hügel tritt aus Baumgruppen das Schloß hervor; die grauen Mauern, der verwitterte Bau seiner Thürme und die zackigen Zinnen schimmern aus dem Grün lieblich herab. Den herrlichsten Blick hat man aus dem Schloßhof in die Tiefe hinunter. Hinter sich das Schloß mit den hohen Fenstern und dem beflaggten Thurme, vor sich den Hügel bis oben hinauf mit Tannen und Stachelpflanzen bewachsen, dann der sanfte, sonniggrüne Rasen, der Wald mit seinen kräftigen Buchen und das klarblaue Meer, rechts von blühenden Ufern bekränzt und vom glänzenden Penmaenmawr, der steil ins Meer fällt. Der Hintergrund verdämmert in zartes Blau, aus welchem das Great-Ormes-Head in schwacher Zeichnung hervortritt.

Hier nun gerieth ich zuerst in jenen Touristenschwarm, dem ich sobald nicht wieder entrinnen sollte. Der ganze Schloßhof stand voll Menschen, – Damen mit ledernen Handschuhen, die Fechthandschuhen nicht unähnlich waren, und blauseidenem Wetterdach vor dem Strohhut; Herren in carrierten Mützen und den Hals in steife Collars geknebelt – denn ganz bequem kann sich's der Gentleman sogar auf der Reise nicht machen. Die Schaulust dieser ungeheuren Schaar 248 wurde sectionenweise befriedigt; alle Viertelstunde öffnete sich das Thor, um zwei Dutzend heraus- und andere zwei Dutzend hineinzulassen. Mittlerweile hatte ich Muße, das Thürwappen zu studiren. Es war ein Hirschbock, der von einer Geißel getrieben ward – mit der Umschrift: aequo animo. Das berühmte Dante'sche: Lasciate speranza! paßte nicht beßer für den Besucher der Hölle, als der Pennant'sche Schildspruch für den Besucher dieser Burg. Wahrlich – es gehörte viel Gleichmuth dazu, sich mit 24 Gentlemen von einer vertrockneten, finstern, mistrauischen Schloßverwalterin durch ein Schloß hetzen zu lassen, das in seiner exquisiten Pracht vom wärmsten Lebensgenuß zeugte und dazu anregte. Ich kam mir recht vor, wie jener Hirschbock, der von einer Geißel getrieben wird, und dachte dabei immer aequo animo! Mit den 24 Gentlemen, von welchen einer einen schreienden Sprößling auf den Armen trug, hatte sie freilich leichtes Spiel; sie liefen – der Gentleman mit dem Schreihals immer voraus – so schnell durch alle Säle, Hallen und Gemächer, daß die Geißel kaum folgen konnte. Ich aber bereitete ihr vielen Ärger. Hier blieb ich vor einem Caneletti und Pierro del Vayn, dort – in der Schloßcapelle – vor einem Glasfenster stehen; überall hatte ich mir etwas in's Notizbuch zu schreiben, Nichts war vor mir sicher. Das verdroß sie sehr. Ich gieng immer meine eignen Wege und verirrte mich sogar einmal so, daß ich die Gesellschaft nur durch's Gehör fand, indem ich mich nämlich dem Gentleman mit dem Schreihals nachfühlte. Kurz und 249 gut – vom Ärger gieng die Geißel zum Verdacht über; und da ich so gar nichts an mir hatte, was gentleman-like war, vielmehr einen Knotenstock führte und den Hemdkragen breit über dem lose flatternden Halstuch trug, so hielt sie mich für einen heimlichen Dieb, für einen verkappten Räuber. Sie wich nicht mehr von meiner Seite, sie sah mir auf die Hände, sie murmelte unverständliche Reden. Was hätte ich Dir entwenden sollen, Beste? Etwa eine von den goldbordirten Bettdecken? Unter dem steifen Brokat würde ich doch nicht schlafen können! Oder eins von diesen vergoldeten Waschbecken? Einen mit Sammet ausgeschlagenen Rollsessel? Oder gar einen dieser Marmorkamine? Einmal allerdings, als ich in dem Bibliotheksaal, wo die herrlichsten Bände hinter vergoldeten Gittern in Reih und Glied zu Tausenden ausgestellt sind – als ich da auf einem der Mahagonitische aufgeschlagen die Firmin Didot'sche Bilderausgabe des Horaz sah, da allerdings wandelte mich eine gar seltsame Lust an, da zuckte allerdings meine Hand – aber ich las das »Integer vitae« . . . »Wer reinen Herzens lebt« . . . und obendrein stand die Geißel mit ihrem furchtbarsten Blicke neben mir . . . und der Firmin Didot'sche Bilderhoraz und die Unschuld meiner Seele waren gerettet!

Der Umzug war beendet und mit frisch aufathmender Seele grüßte ich den Schloßhof, das Freie und summte folgende Strophen vor mir hin, indem ich durch die Baumgänge wieder abwärts schritt: 250

Wand're fort über Meer und Land!
Lustiger Gruß mit dem Winde!
O, wie rauscht es am sonnigen Strand,
Und wie wogt es gelinde.

Und dahinten, aus Waldesgrün,
Weht es mit duftigem Hauche;
Um die Mauer des Thurmes blüh'n
Wilde Rosen am Strauche.

Und der Efeu mit kühnem Wuchs
Klimmt empor zu den Zinnen;
Tannenwipfel und knorriger Buchs
Grüßen und winken von Innen.

Felsen mit steinern trotzigem Haupt
Liegen hier vor den Pforten;
Schwellender Rasen, mit Eichen belaubt,
Leitet zum Meere dorten.

O, wie wallt es so friedlich ganz,
O, wie blüht das Gefilde,
Und wie macht es mit herbstlichem Glanz
Meine Seele so milde!

Ruhig betracht' ich die ferne Zeit,
Ruhig die Welt und das Leben;
Und vom Zauber der Einsamkeit
Fühl' ich das Herz mir beben.

Spielt denn, ihr Wellen, um meinen Füß!
Leuchte mir, Sonne, so heiter!
Und ihr Lüfte tragt meinen Gruß
Über das Meer und weiter!

251 So kam ich nach Bangor und nahm mein Quartier im Castle-Hotel, wo mich eine hübsche Wirthin in schwarzem Seidenkleide, goldene Uhrkette über der Brust, gar munter empfing. Von Bangor hatte ich vorerst nur gesehen, daß es eine recht freundliche Stadt sei, auf der einen Seite mit engen Straßen den Berg hinan, auf der andren vom Meere bespült. Weiter hatte ich Nichts gesehen; denn mich hungerte und dürstete gar sehr, was der lieben Frau Wirthin nicht unangenehm zu hören war. – Als ich in den Coffeeroom eintrat, fand ich schon drei Gentlemen »versammelt zu löblichem Thun«; – der Vorsitzende, ein gewaltig dicker Herr mit urgemüthlichem Vollmondsgesicht, arbeitete an einem ungeheuren Schinken, während seine beiden Gefährten, der zur Rechten ein furchtsames, spindeldürres bis unter den Hals zugeknöpftes Wesen, der zur Linken aber ein resolutes Männchen von fünf Fuß Höhe – mit Leidenschaft sich dem Genuß ihres Thee's ergeben hatten. Sie mußten aus Birmingham sein – ohne Zweifel sie waren daher, denn allemal das dritte Wort war Birmingham. – »So fetten Schinken haben wir nicht in Birmingham,« flüsterte der Zugeknöpfte, indem er das ihm zugetheilte Stück mit Zärtlichkeit von allen Seiten betrachtete. – »Aber beßere Meßer und schärfere!« schnarrte der Dickbauch. »Potztausend!« und dabei fuchtelte er mit dem, einem Hirschfänger ähnlichen Schinkenmeßer in der Luft herum, daß mir Angst ward – »potztausend, ich würde mich schämen, auf solch ein Meßer meine Firma drücken zu 252 lassen . . .« – »Ja,« sagte der dünne Gefährte, »es ist eine Schande!« Aber er hatte mit dem so sehr geschmähten Meßer seine Portion doch schon klein gemacht und bat sich eine neue aus. Der Resolute sprach Nichts und dachte Nichts, aber er aß viel und trank viel. Ueber seinen Charakter konnte ich nicht recht in's Klare kommen. Daß der Gentleman mit dem dicken Bauch ein Meßerfabrikant sein müße, darauf hätte ich mit Jedem eine Wette eingehen wollen. Ich würde sie auch nicht verloren haben. Der lange Tourist sah mir aus wie ein Clerk. Clerk ist nämlich in England Jeder, der sonst Nichts ist; im Zweifel kann man Jeden einen Clerk nennen, der sich's nicht ausdrücklich verbittet, denn wenn man das Wörterbuch sub voce »Clerk« aufschlägt, so fängt die Reihe der Uebersetzungen mit »der Gelehrte« an und endigt nach vielen Zwischenstufen mit »der Ladendiener«. Unser Clerk schien nun allerdings kein Gelehrter zu sein; aber wie Vieles kann man sein, was zwischen einem Gelehrten und einem Ladendiener liegt! Er sah aus, wie eine frisch angeschnittene Feder.

Nachmittags im sanftesten Sonnenschein machte ich mich auf den Weg nach der berühmten Menai-Strait. Das Meer zwischen dem Festland und der Insel Anglesea wird hier so schmal, daß Brücken hinübergeschlagen werden konnten, eine Hängebrücke für Fußgänger und Wagen, und nicht weit davon eine Röhrenbrücke für die Eisenbahn. Namentlich gewährte der Anblick der ersteren, die sich mit dem dunklen Stabwerk ihrer Stangen und Geländer von dem 253 goldnen Abendhimmel abhob und auf beiden Seiten in blühenden Uferlandschaften ruhte, eine schöne Ueberraschung. Ich mußte immer an die Verse aus Spenser's »Ruines of time« denken, deren visionäre Beschreibung so frappant auf meinen Anblick paßte:

»Da sah ich eine Brücke, ganz in Gold,
Von Strand zu Strand über die See gezogen;
Kein Pfahl, kein Pfeiler stützt sie, die so hold
Sich mächtig spannt, gleich einem Regenbogen.«

Auch Mrs. Sinclair (in ihrem walisischen Reisewerk »Hill and Valley«) der es sonst unter zehnmalen neunmal begegnet, daß sie eine Dummheit sagt, wenn sie einen Witz machen will, hat diesmal nicht Unrecht, wenn sie bemerkt, daß die Menaibrücke aus der Entfernung wie ein großes Spinnengewebe aussehe, und die Menschen, Wagen und Pferde darin wie eben gefangne Fliegen. – Wahrlich, ein seltsamer Gang, diese Brücke! Ueber sich die blaue Höhe mit den flatternden Wolken, unter sich die blaue Tiefe mit den meerdurchwandelnden Schiffen. Man hängt in der Luft, – das Kettenwerk zittert, wenn ein Wagen fährt, die Balken stöhnen, wenn ein Fußgänger hart auftritt – und unter sich weit, weit unten hört man den Ocean brausen, und die gefeßelten Waßer der Irischen See und des St. Georgs-Canales unaufhörlich rückwärts und vorwärts rollen.

Sobald man das Ende der Brücke erreicht hat, ist man in Anglesea – gleichwie im Walde! Zwischen den Bäumen glänzten weiße Häuschen, deren steigender Rauch sich in der Dämmrung des Herbstabends verlor. – 254 Auf dieser Seite sind die ungeheuren Ketten begraben, die das schwankende und doch so riesig feste Brückengebäude tragen. Den Wächter mit der lodernden Fackel voran, mußte ich wol an die 70 Fuß tief steigen, ehe wir in die Felsenkammern kamen, wo die Eisenklammern, wie von Dämonen bewacht, in ewig feuchter Dunkelheit angeschmiedet sind. Sie haben allerdings auch keine gewöhnliche Last zu tragen; das Gewicht der 800 Fuß langen und noch bei Hochwaßer 100 Fuß über dem Meer erhabenen Brücke ist Alles in Allem weit über 50,000 Centner.

In später Dämmerung kehrte ich frisch angeweht von der Meerkühle und dem Duft des Abends heim. Die Stadt schimmerte mir von Berg und Strand schon mit vielen muntern Lichtern entgegen und auf den Straßen gieng es lebhaft und sehr heiter zu. Musikanten ließen sich an allen Ecken hören; hier und da aus den Häusern schallte die Harfe mit weichem Ton herein, und dunkel unter seinen Bäumen lag der Bischofssitz und die Cathedrale, deren volltönig Spätgeläute alle der Nachtmusik seinen friedlichsten Grundton verlieh. Erst spät langte ich im Rauchzimmer des Castle-Hotels an.

Es war höchst gemüthlich darin; vor Rauch konnte man die Gasflamme nicht sehen. Die Urheber dieses Rauches saßen ganz harmlos um einen runden Tisch und tranken Grog; es waren die drei Männer aus Birmingham. Auch ich ließ mir eine Thonpfeife reichen und stopfte; denn gegen Rauch hilft nur Rauch. Außerdem ließ ich mir Gin und heiß Waßer geben 255 und befand mich äußerst behaglich. Das muntere Weibchen, das die Wirthschaft führte, setzte sich zu mir und wir begannen zu »wälschen«, so gut es gehen wollte. Die Engländer spitzten die Ohren; besonders richtete sich der dicke Urphilister, welchem vor Müdigkeit ab und an die Pfeife ausgegangen war, schnurgrad in die Höhe. – »Ihr seid wol aus dieser Gegend?« fragte er, als die Wirthin aufgestanden war. – »Nicht ganz,« versetzte ich; »ich bin »rather« aus Deutschland!« – »Aus Deutschland!« sagte der Dicke, indem er sich mit beiden Armen auf den Tisch postirte. »Deutschland – ja so – Deutschland! Machen wir nicht auch Geschäfte nach Deutschland?« redete er zu seinem Nachbar zur Rechten, der sich seinen Rock oben herum ein wenig aufgeknöpft hatte. – »Ich glaube wol,« war die Antwort. »Besonders nach Antwerpen und Rotterdam.« – »Deutschland – ja, dahin machen wir in der That sehr bedeutende Geschäfte,« fuhr er fort. »Ihr müßt nämlich wißen, daß ich« – »ein Messerfabrikant« dachte ich – »ein Messerfabrikant«, sagte er, »bin. Dieser Gentleman ist mein Clerk . . .« – »Clerk,« brummte dieser vor sich hin und sah dabei unter den Tisch.

Der Nachbar zur Linken, gleichfalls aus Birmingham, Freund des Meßerfabrikanten und seines Zeichens ein Grocer, oder wie man in Deutschland sagen würde: Materialist (obwohl mit großem Unrecht, denn er führte auch Spiritus!), war der Dritte im Bunde. Sie waren auf einer Vergnügungsreise durch Wales begriffen und hatten anscheinend sehr viel Vergnügen; 256 der Materialist sprach Nichts und dachte Nichts, aber er stopfte sich alle Viertelstunde eine frische Pfeife. Der Clerk arbeitete mit dem Löffel in seinem Grogglase herum, obwol er schon seit einer halben Stunde wußte, daß kein Tropfen mehr drin sei. Der Meßerfabrikant schlief; aber jedesmal wenn er aufwachte, redete er mich an. – »Im Ganzen ein schönes Land, dieses Wales,« äußerte er, »nur müßten die Berge nicht sein. Ich finde, daß sie die Aussicht verstören.« – »Und dem Verkehr sehr im Wege sind,« sagte der Materialist, der sich wieder eine Pfeife stopfte. Uebrigens war dies die einzige Behauptung, die ich an diesem ersten Tage unserer Bekanntschaft von ihm zu hören bekam. – Der Messerfabrikant schlief wieder ein; als er erwachte, fragte er mich, ob ich die Hängebrücke schon gesehen hätte. »Gute Arbeit!« setzte er hinzu. »Nur müßten die Seitenwände mit Brettern vernagelt sein. Man wird schwindlig, wenn man so tief hinunter und so weit hinaus sieht.« – »Auch ist es unverschämt, daß der Fußgänger einen Penny bezahlen muß. In London braucht man nur einen halben Penny zu bezahlen, wenn man über die Waterloobrücke gehen will. Und ich gehe doch lieber über die Themse als über die Menaistrait. Unverschämte Preller, die Waliser!« So sprach der Clerk. – »Ha, ha,« lachte der Messerfabrikant, und doch haben sie keinen Profit davon. Die Brücke hat 120,000 Pfund Sterling gekostet, und bringt jährlich kaum 1000 Pfd. St. ein. Nun rechnet das gegen einander. – Schlechte Speculanten, die Waliser!« Der 257 Clerk rechnete, der Materialist rauchte, der Messerfabrikant schlief. Als er erwachte, fragte er: »à propos – habt Ihr schon die Schieferbrücke besucht?« Ich verneinte es. »Wir haben sie auch noch nicht besucht.« – Pause. – »Wollt Ihr dieselben denn nicht besuchen?« – »O ja, ich denke wohl!« –»Wir denken auch!« – Wieder Pause. – »Nun, dann könnten wir ja zusammen fahren, wenn's Euch beliebt, Sir.« – »Ich habe Nichts dagegen. Morgen um neun Uhr, wenn's den Gentlemen recht ist.« – »Um neun Uhr?« rief der Messerfabrikant und sah sich seine Gentlemen an. Diese sagten Nichts; aber der Materialist qualmte furchtbar und der Clerk lächelte sanft und verschämt. »Well,« entschied er alsdann – »so wollen wir morgen um zehn Uhr abreisen.« – »Gentlemen, gute Nacht!« – »Gute Nacht, Sir!« – Ich begab mich zur Ruhe, hörte noch eine Weile sechs Birminghamer Nagelschuhe über mir herumtraben und sank dann – um ein zwar nicht neues, aber für einen Mann sehr anständiges Bild zu gebrauchen – in Morpheus Arme.

Am andern Morgen gieng ich, als das Hotel und seine Insassen noch ruhten, in die Cathedrale, um den Morgenwind durch die dunklen Bäume, unter denen sie auf dem Kirchhofshügel liegt, säuseln zu hören; um die verwitterten Inschriften uralter Schieferplatten zu entziffern und oben in der Bibliothek die Folianten hinter den Gitterschränken und die feinen, angenehmen Gesichter der Bischofsbilder mit Ehrfurcht zu betrachten. Durch die Wappenschilder in den Fensterscheiben fiel 258 das gedämpfte Morgenlicht herein und die Lindenkronen rauschten vor denselben. Wie gerne in einem dieser Ledersessel hätte ich ein Stündchen träumen mögen! Aber mich rief das Leben – die Pflicht – das Triumvirat aus Birmingham! Als ich vor's Wirthshaus kam, war der Meßerfabrikant eben im Begriffe, in die zweirädrige Karre einzusteigen, die für vier Meßerfabrikanten allerdings keinen Raum gehabt hätte, obwohl sie viersitzig war. Glücklicherweise hatte die Natur in ihrer Fürsorge uns drei Anderen anders erschaffen, als ihn, den ich im Begriffe fand, einzusteigen. Freilich war das keine ganz leichte Arbeit, denn um in eine walisische Karre zu kommen, muß man klettern können! Der Clerk stand, zugeknöpft bis unter's Kinn, aufrecht im Wagen, bemüht, seinen Brodherrn zu sich emporzuziehen; der Materialist stützte ihn von Hinten, und der Hausknecht, der Kutscher und der Stalljunge vereinten ihre Bemühungen, um einen Gaul zu halten, der auf einem Hinterfuße lahm und auf beiden Augen blind war. Dem Meßerfabrikanten war der Gaul indes sehr muthwillig vorgekommen; und als guter Familienvater traute er den muthwilligen Pferden nicht.

Bergab lief unser Fahrzeug ganz so rasch, als der etwas gemeßene Trab unseres Pferdes ihm erlaubte; bergan gings nicht rasch, aber sicher. Wir machten sechs Meilen in's Gebirg hinein. Die Luft wehte schärfer, da wir zuerst die zackigen Einbrüche in den sonst blauen Gebirgen erblickten. Immer mehr Bettelkinder hinkten, schrieen und liefen um uns her. Der 259 Meßerfabrikant schimpfte auf die schlechte Polizei, der Clerk warf ihnen – nicht etwa ein Kupferstück, sondern den goldnen Rath zu: sie sollten nur alle nach Birmingham in die Fabriken gehen, da würde es ihnen an Nichts fehlen. Wie schade, daß die Bettelrangen kein englisch Wort verstanden, sonst würden sie durch Befolgung seines Raths gewiß die irdische Glückseligkeit erreicht haben. Der Hohlweg zu den Brüchen hinauf war höchst malerisch – »grotesk« nannte ihn der Meßerfabrikant. Zur einen Seite starrten nackte Felsen, an der andern rieselte unter Büschen und Bäumen das strömende Waßer aus den Gruben nieder. Beim ersten Blicke in die Bergschichten sah man an allen Zacken und Kanten die Arbeiter, klein wie Zwerge, hängen; hier wurde in der Tiefe gebrochen, dort in der Höhe gehauen – der Schutt rollte nieder, das Wasser schoß senkrecht herab und dazu das Pochen und Hämmern von fast 4000 Händen! Aus ungeheuren Höhen ließen sich die Arbeiter an Stricken hernieder, die Wände waren steil und hoch. Graue, rothe, blaue Schiefermaßen umschloßen die Tiefe; in der Mitte, aus dem Meere von Schutt und Geröll, ragte wie eine Klippe, eine Felszacke von grünem Schiefer empor.

»Wie heißt denn der Eigenthümer dieses Bergwerkes?« fragte der Meßerfabrikant den Führer. – »Er heißt Colonel Douglas Pennant, Member of Parliament, Sir!« erwiderte dieser. Es war derselbe Pennant, dem Penrhyn-Castle gehört. – »Colonel Douglas Pennant, Member of Parliament,« 260 wiederholte der Messerfabrikant. »Das müßen wir uns merken,« setzte er hinzu, indem er den Clerk ansah. Der Clerk that, wie ihm befohlen, er merkte sich's. – »Wie viel bringt ihm denn das Werk jährlich ein?« forschte der Andere weiter. – »Achtzig tausend Pfund jährlich, Sir!« war die Antwort. – »Achtzigtausend Pfund – das ist viel. Das müßen wir uns merken.« Der Clerk, der überhaupt nur da zu sein schien, um zu rechnen und zu merken, that wie ihm befohlen. Sein Taschenbuch wimmelte von stolzen Namen und ungeheuren Summen. – Der Führer zeigte uns die Vorräthe der behauenen Platten. »Das sind unsre Königinnen,« sagte er, »diese dunkelgrünen Schiefer, 25 Quadratfuß, ohne Riß, ohne Sprung, glatt wie Marmor – das daneben sind die Fürstinnen, die Gräfinnen – die schlechtesten sind Bäuerinnen. Die werden aber nur zum Wegebeßern gebraucht.« Der Materialist lächelte ungläubig. Dies Lächeln war seit der Bemerkung von gestern Abend sein erstes Lebenszeichen. Was mich aber betrifft, so habe ich auf meinen Waliser Fahrten manche Hütten gesehen, auf deren Fußboden Bettler und auf deren Dach mindestens Gräfinnen lagen; nämlich was sie hier Gräfinnen nennen . . . Schieferplatten.

Auf einmal donnerte es durch die Tiefen und grollte in allen Schichten dumpf wider – in den fernen Gebirgen rollte es in immer weiteren und schwächeren Ringen nach – Dampf quoll auf und flatterte wie zerrißne Fahnen um alle Felsspitzen. – »Was ist das? Was ist das?« schrie der 261 Meßerfabrikant. – »Es wird gesprengt, Sir,« erwiderte der Führer. Aber der Meßerfabrikant hörte ihn nicht mehr – schneller als die Antwort kam, war er schon den Hügel hinunter. Denn er fürchtete sich vor muthwilligen Pferden nicht so sehr als vor Pulver. – »Wie lange wird denn noch gesprengt?« erkundigte sich der Clerk. – »Bis heute Abend, Sir!« war die Antwort. – Da rief der Materialist: »Gentlemen, wir wollen fort!« Es war das erste Wort, was er an diesem Tage gesprochen hatte.

Bald darauf saßen wir wieder in der Karre. Für heute hatte ich die Gesellschaft der Dreie von Birmingham zur Genüge genoßen; ich sehnte mich nach Einsamkeit und da ich hörte, daß sie am andern Morgen nach Caernarvon weiter reisen wollten, so traf ich noch an diesem Nachmittage daselbst ein. 262

 


 

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