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Ein Herbst in Wales

Julius Rodenberg: Ein Herbst in Wales - Kapitel 22
Quellenangabe
typereport
booktitleEin Herbst in Wales
authorJulius Rodenberg
year1858
firstpub1858
publisherCarl Rümpler
addressHannover
titleEin Herbst in Wales
pages340
created20141018
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Pennillion der Naturbetrachtung und Lebensweisheit.

                                        1.
Der Lenz ist da, und neue Kleider voll Pracht
Hat er zum Geschenke mitgebracht.
Der Wies' ein Röcklein, grün mit Thau,
Dem Himmel einen Mantel, weiß und blau –
Alles, Alles hat sich verändert –
Hier die Bäume sind befiedert und bebändert! –

                                        2.
Glückliches Vögelein über den Heiden –
Braucht nicht zu sä'n und Getreide zu schneiden,
Schafft Nichts und thut Nichts und singt immer nur
Frühling und Sommer und Herbst durch die Flur.

Lustig verschläft es die Nacht und am Morgen
Läßt es für Futter den lieben Gott sorgen.
Denkt an Nichts, sorgt für Nichts – und kommt die Zeit,
Fliegt es fort, während uns Winter verschneit.

Zieh'n wir mit Sensen früh Tags auf die Hügel,
Wiegt sich's auf Aesten und putzt seine Flügel.
Schwitzen wir Mittags im heißen Sommerduft
Jubelt's und singt in der allerkühlsten Luft! 239

                                        3.
Du wilder Vogel, wie glücklich bist du
Ueber See – über Berg – immerzu, immerzu!
Ohne Sorgen um Brod,
Ohne Liebesnoth –
Frei ist dein Leben, fröhlich dein Tod!

                                        4.
Das Vöglein fliegt von Stamm zu Stamm,
Im Klee der Wiese geht das Lamm.
Doch meine Lust ist, unter den Bäumen
Den Mittag zu verschlafen, zu verträumen.

                                        5.
Im Walde dort, den so lieb' ich hab',
Begrabt mich unter dem Eichenbaum –
Da singen die Vögel auf meinem Grab,
Und ich höre sie wie im Traum.

                                        6.
Leicht hab' ich mein Leben stets genommen.
Vor dem Tode hab' ich keinen Schrecken.
Seht, bis heute ist er nicht gekommen;
Kömmt er morgen, werd' ich mich verstecken!

                                        7.
Sieh das Vöglein auf den Aesten –
Sä't und erndtet nicht ein Korn;
Pickt die Frücht' uns weg, die besten,
Trinkt aus unsrem Wiesenborn.
Höhnt uns aus: wer kann mich haschen,
Tralala, und ich bin sein!
Keinen Pfennig in der Taschen,
Und die ganze Welt ist mein! 240

                                        8.
Heut betrübt und lustig morgen,
Bald sehr reich und bald in Sorgen –
Heute Wein und Kuchen zum Genuße –
Morgen trink' ich Waßer aus dem Fluße!

                                        9.
Vom Snowdon zu sprechen, von seinen Stürmen und Wettern,
Ist auch viel leichter als hinauf zu klettern –
So gehts mit dem, der gesund und sorgenfrei
Den Kranken bittet, daß er lustig sei!

                                        10.
Der Kuckuck in Winterzeiten
Kann nicht singen;
Die Harfe ohne Saiten
Kann nicht klingen.
Die Siechen und die Kranken
Mögen nicht scherzen;
Alle guten Gedanken
Kommen ans fröhlichen Herzen.

                                        11.
Der Windhund muß schlanke Beine haben,
Das Roß starke Hufe, damit zu traben;
Dem Jüngling zumal kräft'ge Arme taugen –
Das Mädchen muß haben schöne, schwarze Augen!

                                        12.
In Mona's Wäldern quillt der Dichtung Born.
In Cloyds Thälern wächst das beste Korn;
Das grüne Flint ist reich an edlen Erzen,
Doch reicher noch an Fraun mit edlen Herzen. 241

                                        13.
O sieh die Harfe! Schön ist sie gestaltet,
Weil edles Maß in ihren Formen waltet.
Eh' sie das Ohr mit Zauberklang umsponnen,
Hat sie das Aug' des Hörers schon gewonnen.
Und also soll gewinnen auch das Weib
Des Mannes Aug' durch wolgeformten Leib;
Die Harf' entzückt nicht, die nicht gut gebaut;
Das Weib beglückt nicht, das nicht edel schaut!

                                        14.
Die Harfe hier vergleich' ich einer Schönen.
Ein Harfner muß sie spielen, soll sie tönen.
Die Melodie schläft wol in ihren Saiten:
Doch muß des Mannes Hand erst drüber gleiten.
Den Ton kann er dem Instrument nicht geben:
Doch kann er ihn erwecken und beleben!

                                        15.
Einen Apfel fand ich am braunen Stenglein,
Mit gelber Schaale und rothen Wänglein.
Ich dachte, das wäre ein rechter Segen –
Wollte ihn mir auf den Winter hegen.
Doch ehe der Sommer zu Ende war,
War er verfault schon ganz und gar.

                                        16.
Von Markt zu Markt, wol Tag um Tag,
Schweifst suchend du umher;
Das Weib, das dir im Sinne lag,
Find'st du doch nimmermehr.
Viel' Schöne steh'n wol her um dich,
Wie Bäumlein, schlank und jung –
Doch welch' ein Bäumlein fände sich
Ganz ohne Riß und Sprung? – 242

                                        17.
Wer selber ist von Tadel frei,
Der mag mich tadeln wo und wie es sei.
Doch wessen Fehler täglich wir gewahren,
Mag seinen Tadel für sich selber sparen!

                                        18.
Schon tausendmal hab' ichs beklagt,
Daß mehr, als nöthig, ich gesagt;
Doch nie fühlt' ich das Herz mir pochen
Weil ich zu wenig hätt' gesprochen!

                                        19.
Der Eine greift den Andren an,
Und laut wird fremder Fehl verkündigt;
Doch selten sah ich einen Mann,
Der frei gestand, wenn er gesündigt.

                                        20.
Wo Lieb' urtheilt, ist's sicher, daß
Der Mund von Honig überfließt;
Und ganz so sicher, daß der Haß
In Bitterkeiten sich ergießt.
Ich hörte stets nur loben oder schelten –
Doch ein gerechtes Urtheil hört' ich selten! 243

 


 

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