Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Rodenberg >

Ein Herbst in Wales

Julius Rodenberg: Ein Herbst in Wales - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
booktitleEin Herbst in Wales
authorJulius Rodenberg
year1858
firstpub1858
publisherCarl Rümpler
addressHannover
titleEin Herbst in Wales
pages340
created20141018
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

An den Ufern des Mersey.

Ich war drei Tage in Liverpool und befand mich im Kreiße lieber Verwandten wol und munter. Verwandte im fremden Lande zu finden, ist immer doppelt angenehm. Wenn man die Heimat eben verlaßen hat, ist das Herz noch weich, und wie jeden unangenehmen Eindruck einer ungewohnten Umgebung empfindet man auch den Blick und das Wort der Liebe, die ja überall dieselbe bleibt, unendlich tiefer. Und so, nach der Seite des Gemüthes, die der Deutsche stets am Schwersten überwindet, zufrieden gestellt, nimmt man allmälig auch an Allem, was uns bisher fremd war, gern seinen Antheil; man hat seine Freude daran wie an einem schönen Geisteswerke, das aus seiner Sprache in die unsre übersetzt worden ist. Vorzüglich zog mich einer meiner Vettern an, der nicht nur nach jeder Seite hin sich als guten und tüchtigen Engländer zeigte, sondern auch als gebildeter und gelehrter junger Mann meine ganze Achtung verdiente und erwarb. Man wird vielleicht über diese Würdigung stutzen; aber ich glaube nicht, daß ich Ungehöriges darin gesagt habe. Denn des Engländers erstes und größtes Lob 2 ist, ein »Engländer« zu sein; Bildung und Gelehrsamkeit empfehlen ihn erst in zweiter Linie. – Mit diesem Vetter, den ich früher schon in Paris gesehn hatte, so daß es nicht an Anknüpfungspunkten fehlte, durchstreifte ich seine Vaterstadt. Liverpool hatte für mich des Interessanten sehr viel; es war die erste englische Stadt, die ich sah und außerdem liegt es dicht an der See. Ich liebe die See mehr, als man sonst bei Leuten, die mitten im Gebirge geboren sind, zu finden pflegt. Die Odyssee, das »ewige Lied der Abenteuer« war die Freude meiner Kindheit – mehr noch bezauberte mich unsre Gudrun, die liebe schöne Königstochter, die weiße Gewande am Strande des Meeres wäscht – und seit ich dieses Meer, das deutsche Meer, nun selber an den Felsen Helgolands hatte rauschen hören, seit der Zeit blieb das Meer immer mein Traum und meine Sehnsucht! –

Sogleich am Tage nach meiner Ankunft in Liverpool begaben wir uns an die Gestade des Mersey und die Docks. Die Liverpooler Docks, größer und bedeutender als die von London oder irgend einer andern Seestadt der Welt, ziehen sich stundenlang, nach der ganzen Länge der Stadt, von dem Meer bis tief in den Mersey hinab, welcher mit breitem, majestätischem Spiegel das Meer fortzusetzen scheint. Liverpool und sein Hafen ist der Vermittler zwischen der alten und der neuen Welt. Diesen Thurm, diese Dämme grüßt der feuchte Blick des Australienfahrers, wenn er nach monatlanger Seefahrt den theuren Boden des Festlandes zuerst wieder betreten soll; hierher 3 sendet Brasilien seine Farbehölzer und die Havannah ihre Tabacke, hierher Mittelamerika seinen Zucker und seinen Caffee, hierher Nordamerika die Haut und die Hörner des Büffels. Und auf einem dieser Dreidecker zu stehen, wenn im Takelwerk der Wind flattert und am Bugspriet ein brauner Matrose hängt, um die salzschaumzerfreßne Gestalt – den Lord Canning oder den heiligen Georg oder die Amazone – zur neuen Fahrt neu zu firnissen . . . . oder am Uferdamm zu wandeln und den stämmigen Mastenwald zu sehn und das seltsame Leben, welches darin herrscht; die ungeheure Bewegung auf dem Waßer, welche durch das stete Ankommen und Abgehen von Dampfschiffen der Uferstationen verursacht wird; das Arbeiten der Menge in den Warehouses, welche durch unterirdische Eisenbahnen noch wunderbarer belebt werden; das Raßeln und Dröhnen der Frachtkarren, welche durch das undurchdringliche Gewühl des Strandweges hinauf und herab sich bewegen . . . . das Alles zu hören, das Alles zu sehn, das war eine Lust, das war eine Freude! –

Poetischer gestaltete sich die Scene, als wir Abends aufs Neue herankamen, um mit einem Dampfer nach New-Brighton überzusetzen. Anfangs dämmerten alle Ufer und jener bläuliche Duft, wie man ihn nur auf einer englischen Abendlandschaft erblicken kann, verschönte die Hügel und Wälder, die sich an ihnen landeinwärts erhoben. Nach der Seeseite war der Blick ganz frei und das Waßer glänzte vom letzten Abendscheine. Auch der Leuchtthurm mit seinen wechselnden Flammen – bald golden und bald purpurroth – 4 strahlte schon in die Dämmrung hinaus. Auf dem Schiffe war Musik, die den Wellenschlag harmonisch begleitete. Je dunkler der Himmel ward, um so mehr blitzte ein Licht nach dem andern herauf; hier vom einen und vom andren Ufer, dort im Waßer an den Schiffen, an den Böten, die durch die Nacht segelten und an den Mast eine Laterne aufgezogen hatten. Immer mehr, immer mehr – und endlich sahn wir uns in unendlichen Lichteralleen auf beiden Seiten, als deren mächtigster Punkt am Ende die Kuppel des Leuchtthurms erschien. Dahinter begann die ungeheure Nacht des Weltmeeres. Nicht weit von demselben, am Hafendamm von New-Brighton legte unser Schiff an und wir stiegen eine Weile hinaus. Wir sahen, auf die Holzplanken gelehnt, die Wellen im weißen Sand sich verlaufen; wir hörten das dumpfe Brausen des Waßers und des Windes aus der nebligen Ferne . . . .

Komm mit uns, komm mit uns!
Was willst Du am Lande?
Der Winde Gebraus
Lockt Dich hinaus,
Lockt Dich zum Meere, lockt Dich zum Strande!

Komm mit uns, komm mit uns!
Zu schweifen, zu träumen
In Flugsand und Sturm,
Wenn um den Thurm
Möven flattern und Springfluthen schäumen . . . .

Komm mit uns, komm mit uns . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Das Übrige konnte ich nicht mehr verstehen. Es verklang im Sturme . . . .

5 Als wir heimkehrten und durch die erleuchteten Gaßen des Strandes kamen, schallte Musik, besonders der schrillende Dudelsack, aus den Kneipen, wo die Matrosen tranken, sangen und tanzten. All' meine rechte Freude hatt' ich in Liverpool nur vom Meere. Allein, um nicht unhöflicher zu scheinen, als ich war, mußte ich mich doch noch über Mancherlei freuen oder wundern, was die Liverpooler ihren Gästen zu zeigen haben. Wer ein Bild vom unendlichen Gewühl einer Hafenstadt haben will, kann es nirgends beßer haben, als hier. Eine Straße wird ganz von Schwarzen und Halbschwarzen bewohnt, drei, vier andre von ewig betrunkenen Schifferdirnen, ein ganzes Stadtviertel zeigt Laden an Laden, die den auslaufenden Seemann und sein Schiff für die Weltreise versorgen, oder dem heimkehrenden langentbehrte Genüße gewähren. Aus diesem Gewirr meist enger und schmutziger Gaßen erheben sich zwei großartige Gebäude, das Customhouse – ein Zollhaus, ich glaube bedeutender selbst als das zu London – und das Sailors-Home, ein casernenartig angelegtes, vom Prinz Albert gegründetes Institut, in welchem die Matrosen für die Zeit ihres Bleibens am Lande ein gegen Diebstahl und sonstige Unfälle gesichertes Unterkommen finden. Weiter hinauf, am entgegengesetzten Stadtende liegt die St. Georges' Hall: »Artibus, Judiciis, Consiliis« – der Kunst, dem Gericht, dem Rathe gewidmet; ein Gebäude, das mir mit Stolz gezeigt wurde und das ich mit Vergnügen sah, da ich durch dasselbe aufs Neue belehrt wurde, wie der Engländer das, 6 was das Leben als nützlich oder nothwendig erkennt, von dem, was es angenehm macht, auch nicht einmal räumlich trennen mag. Dieses Haus ist ein glänzendes Bild von dem Reichthum der Stadt; der Concertsaal mit seinen Säulen von blauem, seinen Wänden von rothem Marmor, seinen riesigen Dimensionen und seiner verschwenderischen Pracht bis ins Kleinste, hat vielleicht seines Gleichen nicht. Dicht nebenan tagten die Assisen. Viel Zuhörer beiderlei Geschlechts waren anwesend; das Interesse an den öffentlichen Dingen ist in England ein ganz andres, als bei uns. An der Leichtigkeit und Ungezwungenheit der Formen und der großen Präcision, mit der trotzdem Alles von Statten ging, bemerkte man, wie geläufig den Engländern diese segensreiche Institution ist, während bei uns Alles dagegen schwerfällig und darum doch gar nicht bedeutender erscheint. Endlich will ich noch der Freibibliotheken fürs Volk gedenken, die einer nähern Würdigung, ja einer Nachahmung in Deutschland werth wären. – So viel ich erfuhr, kennt man Etablissements dieser Art, in welchen die arbeitende Classe in einem wohl erleuchteten und zur Winterszeit geheizten Raum sich unentgeltlich durch Lectüre unterhalten oder belehren kann, erst seit drei Jahren und bis jetzt außer Liverpool nur in den Städten Hull, Manchester, Birmingham. Der Zudrang ist sehr groß, der Lesesaal wird von früh acht bis Abends zehn Uhr nicht leer; jede Stunde, die der Arbeitsmann frei hat, begibt er sich hierher, um zu lesen, und neben technischen Werken sind es, mit Ausschluß des Romans, 7 besonders die der englischen Dichter, welche – nach den von den Bibliothekaren sehr genau geführten Tabellen – zumeist begehrt werden. Diese poetische Empfänglichkeit des englischen Volkes, neben seiner so sehr aufs Praktische gerichteten Lebensthätigkeit ist überraschend; aber sie ist Thatsache und kann nöthigenfalls statistisch am Consum der einschlagenden Bücher nachgewiesen werden. Der Catalog ist reichhaltiger, als bei uns der mancher gelehrten Anstalten zu sein pflegt; königliche Munificenz hat die Reihen der Bücher durch kostbare Prachtwerke geschmückt, jede Gesellschaft, jede Verlagshandlung schätzt es sich zur Ehre, das, was sie ediert, hierherzuschenken. Im Uebrigen trägt die Stadt die Kosten der Erhaltung und Verwaltung. Mir gewährte es eine große Freude, das lesende Publikum zu überschauen. Da sitzt auf den Holzbänken der Lehrjunge im Schurzfell und mit rußigem Gesicht neben dem ergrauten Meister des Handwerks; ein Jeder emsig über sein Buch gebückt, der Eine lächelnd, der Andre mit ernstem, theilnehmend gespannten Gesicht, wie ihn eben der Gegenstand berührt. Es ist keine Frage, daß in dieser Weise nachhaltiger als durch viele andre bisher versuchten Bestrebungen das Edle befördert, dem Verderblichen im Volke entgegengearbeitet wird; ob man aber bei uns in dem Theile des Volkes, für welchen die besprochene Einrichtung ganz besonders geschaffen ist, auf gleich lebhaften Antheil rechnen dürfte – darüber ließe sich noch streiten.

Den letzten Nachmittag so wie überhaupt das Andenken an Liverpool verschönten meine Freunde mir 8 durch einen Ausflug, den sie veranstalteten, um mir die Umgegend zu zeigen. Wir fuhren durch hochgewölbte Castanienalleen hinaus, das Laub war schon vom nahenden Herbste ein wenig gebräunt und im Abendwinde sank hier und da ein Blatt an die Erde. Da ich von Jugend auf ein starkes Gefühl für die Schönheit des Herbstes in mir genährt habe, so that mir der Blick auf diese Landschaft, nachdem ich einige Tage nur das Meer gesehen hatte, besonders wol. Endlich kamen wir auch hier wieder ans Seegestade und sahen über dem unbegrenzten, glänzenden Waßerspiegel die Sonne niedergehen. Der Strand war hier kahl und öde; ein Theil der Gesellschaft hatte sich nach einem Gerüste begeben, in welchem eine Schaluppe zur Ausbeßerung aufgewunden war. Ich stand allein neben einer jungen Dame, die sich gern mit mir unterhielt, weil sie eine Deutsche war und seit langer Zeit zuerst wieder mit einem Deutschen zu reden Gelegenheit hatte. Ich für meinen Theil freute mich, Jemanden zu haben, der, wie ich selber, Alles, was uns umgab, als etwas Fremdes empfand. Denn wenn man auch unter allen Umständen das Bedürfnis hat, so hat man doch nur da die Lust sich mitzutheilen, wo unser Erstaunen oder unsre Freude aus verwandter Stimmung erwidert werden. – Mit der Dämmrung, die sich am Meeresstrande nach Sonnenuntergang plötzlich und durch den kühleren Luftzug auf empfindliche Weise fühlbar macht, kehrten wir ins Land zurück und kamen in ein stilles Dörfchen, das meine Freunde Childwall nannten. Hier waren wir auf einmal wieder mitten im Grünen, ja 9 mitten im Frieden, und um diesen auf eine ahnungsvolle Weise zu erhöhen, mußte dem Wirthshause, in welchem wir eingekehrt waren, um den Thee zu nehmen, gegenüber sich ein Friedhof über einen sanften Hügel hinabziehn, auf dessen Höhe eine Capelle mit Glockenthurm stand. Auf der andern Seite dagegen, von dunklen Bäumen überrauscht, erblickten wir einen halb zerfallenen Edelsitz, der nur in seinen untern Theilen noch von dürftigen Leuten bewohnt zu werden schien. Zwischen beiden so ehrwürdigen Gegenständen, die ihm als Grenze dienten, ging der Blick auf das Meer, das nur noch wie ein lichter Streifen durch den Nebel schien, auf die Landschaft bis an den breiten Mersey, und ganz im fernen Hintergrunde traf er auf Berge, die als eine scharfgezackte, violettgefärbte Maße den weicheren Nachthimmel schnitten. Es waren die Berge von Wales, die ich an diesem Abend zum ersten Male sah.

Meine deutsche Freundin hatte auf unsrem Spaziergange eine Rose gebrochen, die sie einer Landsmännin, an welcher ihr Herz sehr hieng, über das Meer senden wollte. Sie bat mich scherzend, dem Papiere, in welches sie die Blume schlug, einige Worte mitzugeben, und da ich solchen Spielereien überhaupt geneigt bin, so beschrieb ich die letzten Eindrücke in folgenden Versen, welche zugleich meinem Bilde als ein friedlicher Schluß dienen mögen:

Fern wogt die See; der Nebel steigt
Und zieht vom Strand herauf. Es schweigt
Das Leben, das am Tag mit Lärmen
Dieß Thal erfüllt. Der Herbstwind nur
Streicht durch den Wald und durch die Flur,
Und einzeln noch die Vögel schwärmen. 10

Wie sanft empfindet sich die Nacht
Wenn sie uns naht so hehr und leise,
Wenn sie in süß gewohnter Weise
Uns Frieden in die Seele lacht!
Wie überschaut man dann so gerne
Die vor uns liegt, die Dämmerferne –
Hier die Capelle, die so tief
Beschattet ist von dunklen Bäumen –
Kein Glockenhall . . . . die Luft entschlief
Und Dämmrung herrscht in ihren Räumen
Dort über'm Bergeshange thront
Das alte Schloß; um seine Mauern –
Von nächt'gen Vögeln nur bewohnt –
Spinnt sich der Efeu dicht; es schauern
Die Blätter leis, und Nebel huscht
Um seines Thurmes graue Zinnen.
An seinem Fuße, breit umbuscht
Von Birken – drauf das weiße Linnen
Gespenstisch hängt – die Hütte steht.
Wie golden leuchtet auf dem Heerde
Das Feuer! Aus dem Rauchfang weht
Bläulicher Dampf, und auf der Erde,
Von ihrer Kinder muntrer Schaar
Umgeben, ruht die Mutter. Neckend
Durchweht ihr langes, blondes Haar
Der Wind, und sich behaglich streckend
Am Holzgelände lehnt ihr Mann. –

Von Weitem seh ich Alles an,
Mein Herz an diesem Bilde labend!

Fern wogt die See; der Nebel steigt
Herauf vom Strande – Alles schweigt,
Und über'm Thale liegt der Abend.

 


 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.