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Gutenberg > Julius Rodenberg >

Ein Herbst in Wales

Julius Rodenberg: Ein Herbst in Wales - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
booktitleEin Herbst in Wales
authorJulius Rodenberg
year1858
firstpub1858
publisherCarl Rümpler
addressHannover
titleEin Herbst in Wales
pages340
created20141018
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6. Märchen von den Seen.

Llyn sa faddan, der See von Brecknock.

Der Llyn sa faddan ist unter den walisischen Seen derjenige, welchen das Märchen und die Sage zu ihrem Lieblingsaufenthalt erwählt haben. Er liegt in Südwales, eine Stunde von der Stadt Brecknock (walisisch: Frycheiniog), in einer sehr schönen Gegend, ist von allen Seiten mit Hügeln umgeben, ungefähr vierzig Minuten lang, zwanzig breit und hat in seinem ganzen Umfang etwa zwei Stunden. Er ist sehr tief und voll von Fischen; seine Ufer sind durch Dörfer und einzelne Gehöfte malerisch verschönt.

Von diesem See glaubt man, er habe einst eine alte, wunderherrliche Stadt verschlungen, welche Lloventium geheißen habe; und die alten Touristen erschöpfen sich in Aufzählung all' der wunderthätigen Kräfte, mit denen er begabt sein soll. Giraldus erzählt von ihm, daß er zuweilen in grünlicher Farbe schimmre, zuweilen in röthlicher, aber nicht überall, sondern so, als ob ihn Blut in kleinen Adern und Canälen durchflöße. Die Bewohner der Umgegend sähen ihn 166 zuweilen mit Gebäuden, Weiden, Gärten und Obstpflanzungen zauberhaft geschmückt. Im Winter, wenn er gefroren und die Oberfläche mit einer Eisrinde bedeckt sei, dann stoße er furchtbare Töne aus, welche dem vereinten Gewinsel vieler wilden Thiere glichen.

Ein andrer alter Tourist, Namens Leland, sagt in seinem Itinerarium: es fließt ein nicht sehr großer Strom, Lloveny (an den Namen jener versunkenen Stadt anklingend!) durch diesen See; nach starkem Regen nimmt er eine vollkommen rothe Farbe an, so daß man seinen Lauf durch den ganzen See genau verfolgen kann. Wenn er gefroren ist, und mit Thauwind zu brechen beginnt, so macht er einen solchen Lärm, daß man denken sollte, es donnre.

Ein alter Mönch endlich hat alle die Wunder des Sees in folgenden Denkversen zusammengestellt:Ad Brechnoc est vivarium,
Satis abundans piscium;
Saepe coloris varii,
Comma gerens pomarii.
Structuras aedificii
Saepe videbis inibi.
Sal lacu, cum sit gelidus
Mirus auditur sonitus.
Si terrae Princeps venerit,
Aves cantare jusserit.
Statim depromunt modulos –
Nil concinunt ad caeteros!

Zu Brecknock ist ein tiefer Teich,
Der ist an Fischen überreich;
An Farbe wechselt oft die Bucht,
Trägt buntes Baumwerk, Laub und Frucht; 167
Paläste, prächtig ausgebaut,
Tief unten oft das Auge schaut.
Und unterm Waßer, wenn es kalt,
Ein wunderbarer Ton erschallt.
Und kommt der Fürst: auf sein Geheiß
Die Vögel singen ihm zum Preis
Gar wundersüße Melodie –
Für Andre aber schweigen sie!Siehe das Märchen: »Die Vögel vom Brecknock-See

Die Entstehung des Llyn sa faddan oder Brecknock-Sees.

Es war einmal eine schöne und vornehme Frau. Der gehörte alles Land, welches heutzutage von dem Waßer des Brecknocksees bedeckt wird. Diese Frau, so reich und stolz, ward von einem jungen Manne geliebt, der wenig oder gar kein Gut besaß. Da er aber ihren Besitz nur durch Gold erlangen konnte, so war sein ganzes Sinnen und Trachten fortan nur darauf gerichtet, wie er solches erwerben möchte. Da traf nun einmal dieser junge Mann nicht weit von der Stelle, wo jetzt der See ist, einen Kärrner, den er beraubte, erschlug und vergrub. Dann gieng er zu der reichen Frau und wollte sie heirathen. Die aber wollte wißen, woher er das Geld habe, so daß er ihr die Geschichte endlich erzählte. Da sie nun aber mittlerweile auch vernahm, daß es an dem Orte, wo der Mann begraben liege, spuke; so wollte sie ihren Liebhaber nicht eher heirathen, als bis dieser in der Nacht an das Grab gienge und den Geist beruhigte. Als er nun um die Mitternacht an das Grab gieng, da hörte er eine Stimme laut rufen: »Gibt es keine 168 Rache für unschuldig vergoßnes Blut?« Worauf eine andre Stimme antwortete: »Nicht vor dem neunten Geschlecht!«

Darauf gieng der Liebhaber beruhigt nach Haus und auch seine Geliebte war damit zufrieden, da sie selber doch verschont bleiben würden. Sie heiratheten sich nun und wurden immer reicher. Kinder und Kindeskinder kamen, heiratheten immer untereinander und blieben alle in derselben Stadt, so daß zuletzt die beiden steinalten Leute die ganze Bevölkerung der Stadt als ihre eigenen Nachkommen bis ins neunte Geschlecht sahen.

Da sprachen sie: »wir sind vornehm, reich und mächtig, unser Stamm ist sehr zahlreich und die Rache, die dem neunten Geschlecht angedroht ist, haben wir nicht gesehn. Aber da wir schon so sehr alt sind, so können wir doch nicht mehr darauf rechnen, noch lange zu leben. Wir haben nach Herzenswunsch gelebt und genoßen, was das Leben bietet. Also wollen wir noch einmal vor unsrem Tode alle unsre Nachkommen, Kinder und Kindeskinder einladen, und ihnen ein großes und glänzendes Fest geben, um mit ihnen zum letzten Male fröhlich zu sein.«

Und so geschah denn. Alle Pracht und aller Aufwand wurden aufgeboten, um das Fest recht herrlich zu machen. Aber mitten in ihrer Lust brach ein Erdbeben aus, der Boden that sich auf, verschlang sie zusammen mit ihrer Stadt und Waßer bedeckte Alles, was da gewesen. Und das ist geschehn, wo jetzt der Brecknock-See liegt.

169 Wegen dieses Ursprungs will auch der Fluß Llewenny, welcher hindurchfließt, seine gelben Wellen nicht mit dem Waßer des Sees vermischen.

Die Vögel vom Brecknock-See.

Unter der Regierung König Heinrichs I. von England, welcher Wales zum erstenmale unterworfen hatte, herrschte im südlichen Theile des eroberten Landes Gryffith, der Sohn des Rhys ap Theodor. Von dem Erbe seiner Väter hatten ihm die normannischen Eroberer nur noch einen kleinen Theil gelaßen, und das Uebrige war an die fremden Barone vergeben worden. Da kam nun Gryffith einmal bei seiner Heimkehr vom Königshofe am Brecknock-See vorbei, der – da es auf den Winter gieng – ganz mit Waßervögeln verschiedener Art bedeckt war. Mit Gryffith reisten zwei englische Pairs, nemlich Milo, Earl von Hereford und Lord von Brecknock, sowie Payn, Fitz John Lord von Ewyas, welche zu der Zeit Secretaire und Geheimräthe des Königs waren. Da wandte sich der Lord von Brecknock spottend an Gryffith und sagte: »Es ist eine alte Sage in Wales, daß wenn ein wirklicher Fürst dieses Landes an diesen See kommt und die Vögel singen heißt, dieselben ihm sogleich gehorchen!«

Darauf versetzte Gryffith, der reicher an Gemüth als an Gold war, und dessen Stolz sich erhalten hatte, wiewol sein Erbtheil verringert war: »Wolauf denn, gebt Ihr – da Ihr dieses Land jetzt beherrscht – zuerst das Zeichen!«

Aber Milo sowol als Pahn gaben das Zeichen 170 umsonst, und da stieg Gryffith, der nun wol einsah, daß auch er es versuchen mußte, von seinem Pferd, und ostwärts gewandt, fiel er auf die Kniee, als ob's in eine Schlacht gehen sollte. Und so, Auge und Hände zum Himmel gerichtet, betete er zum Herrn, stand dann auf, machte auf Gesicht und Stirn das heilige Zeichen des Kreuzes und sprach mit lauter Stimme: »Allmächtiger Gott und Herr Jesus Christus, der Du Alles vermagst, zeige hier an diesem Tage Deine Macht! Wenn Du mich hast von den wirklichen Fürsten zu Wales abstammen laßen, so befehle ich diesen Vögeln in Deinem Namen, Solches zu verkünden!«

Und sogleich begannen die Vögel mit ihren Flügeln das Waßer zu schlagen, zu schreien und ihn als Fürsten zu verkünden.

Die Zuschauer aber waren erstaunt und sehr verwirrt, und Earl Milo sowie Payn Fitz John warfen sich hastig auf ihre Pferde, kehrten eiligst nach Hause zurück und meldeten dem Könige den seltsamen Vorfall. Und dieser erwiderte: »Beim Tod des Erlösers! – was wundert Ihr Euch darüber? Denn wenn wir auch mit unsrer Uebermacht Gewalt und Unrecht gegen dieses Volk verüben, so wißen sie doch, daß sie die rechten Erben dieses Landes sind!«

Die Jungfrau vom See.Die drei folgenden Märchen, habe ich unter den gemeinsamen Titel gestellt, dessen Varianten sie sind. Mit Ausnahme dieses ersten Märchens, welches im nordwalisischen Hochland spielt, ist ihre Heimath Südwales und zwar die Gegend von Brecknock, deren düstre Seen mit den melancholischen Bergufern für diese schwermüthigen Geschichten einen so günstigen Schauplatz gewähren. Ein bemerkenswerther Zug derselben ist auch, daß aus der geschilderten Verbindung der see-entstiegnen Fee und des Sterblichen eine berühmte Nachkommenschaft entsprungen sei.

I.

In einer Wiese am See Cwellyn versammelten 171 sich – wie man erzählte – in schönen stillen Mondnächten die Feen, um daselbst zu tanzen. Eines Abends nun versteckte sich ein junger Mann, der Besitzer der Farm, zu welcher die Feenwiese gehörte, in einem Gebüsch dicht bei dem Orte, wo die Feen tanzen sollten. Und wirklich – mit dem Mond erschienen sie; als er, während sie sich mit Tanz und Gesang vergnügten, aus seinem Versteck hervorbrach und eine von ihnen festhielt, liefen die Andren sogleich fort und verschwanden. Ohne auf ihr Jammern und Weinen zu hören, nahm er sie mit sich nach Haus und behandelte sie so freundlich, daß sie's zufrieden war, als seine Magd bei ihm zu bleiben. Aber er konnte sie nicht dazu bewegen, ihm ihren Namen zu nennen. Einige Zeit nachher, da es sich wieder so traf, daß er die Feen auf seiner Wiese sah, hörte er eine von ihnen sagen: »Als wir zuletzt hier waren, da ward uns unsre Schwester Penelope von einem Sterblichen geraubt!«

Erfreut, daß er nun den Namen seiner Unbekannten wiße, kehrte er heim, und da sie sehr schön und äußerst fleißig war, so machte er ihr den Antrag, 172 sie zu heirathen, was sie jedoch eine lange Zeit ausschlug. Endlich jedoch willigte sie unter der Bedingung ein: »daß wenn er sie je mit Eisen berührte, sie ihn verlaßen und nie zu ihm zurückkehren würde!«

Viele Jahre lebten sie glücklich zusammen und er hatte von ihr einen Sohn und eine Tochter. Durch ihre thätige und weise Führung des Haushalts wurde er einer der reichsten Männer des Landes; zu seinem Gut erwarb er noch allen Boden bis an die Nordseite des Nant y Bettwys und vom Gipfel des Snowdon herab bis zum Llyn Berris: eine Fläche von ungefähr 5000 Aeckern oder mehr.

Da folgte Penelope eines Tages ihrem Manne ins Feld, um ein Pferd einzufangen; und er, in Wuth über das Thier, das ihm unter den Händen entwischte, warf den Zügel nach ihm und dieser fiel unglücklicherweise auf die arme Penelope. Sogleich verschwand sie und er sah sie nie wieder. Aber einst in der Nacht hörte er ihre Stimme durchs Kammerfenster folgende Worte singen, süß und klagend, als habe sie nach ihren Kindern, für deren Wol sie so besorgt war, die tiefste Sehnsucht:

Daß warm mein Herzenssöhnchen ruh',
Deck' ihn mit Vaters Mantel zu;
Daß es nicht frier' mein Töchterlein,
Hüll' es in's Kleid der Mutter ein.

Diese Kinder und ihre Nachkommen hießen »Pellings,« welchen Namen man von Penelope ableitet; und es lebt noch jetzt in der Gegend des Snowdon 173 eine reiche und ehrenwerthe Familie, welche von diesen Pellings abstammen soll.

II.

Ein Mann, welcher in dem Farmhaus Esgairllandthy in dem Kirchspiel Myddafi in Caermarthenshire wohnte, hatte einst einige Lämmer auf einem benachbarten Markte gekauft, die er dann am Llyn y Fan fach, dem kleinen Fan-See, in den schwarzen Bergen grasen ließ. So oft er nun zu seinen Lämmern kam, sah er drei sehr schöne Jungfrauen am Gestade des Sees wandern. Mehreremale verfolgte er sie, um sie zu erhaschen; doch stets umsonst. Denn die bezaubernden Wesen liefen vor ihm weg und wenn sie den See erreicht hatten, so riefen sie höhnisch aus:

Wer da ißt gebacknes Brod
Uns zu fah'n vergeblich droht!

Eines Tages schwamm feuchtes Brod von dem See an die Ufer. Der Farmer verzehrte es mit großer Begierde und am andren Tage war er bei seiner Verfolgung wirklich so glücklich, daß er eine von den drei schönen Jungfrauen fieng. Nach einer kurzen Unterhaltung mit ihnen faßte er sich ein Herz und machte einer derselben einen Heirathsantrag. Seine Auserwählte willigte für den Fall ein, daß er sie am folgenden Tage von ihren Schwestern würde unterscheiden können. Dieß war für den jungen Farmer eine neue und sehr große Schwierigkeit; denn die schönen Waßergeister waren sich in Gestalt und 174 Gesicht so ähnlich, das er kaum einen Unterschied zwischen ihnen wahrnahm. Er merkte sich indes ein unterscheidendes Zeichen an den Riemen ihrer Sandalen und daran erkannte er sie am folgenden Tage. Einige jedoch, welche diese Geschichte erzählen, sagen, die Jungfrau vom See habe ihrem Liebhaber heimlich angedeutet, sie wolle sich am entscheidenden Tage zwischen ihre beiden Schwestern stellen und daran möge er sie erkennen. Wie dem nun auch sei – er wählte die Rechte und sie verließ sogleich den See und begleitete ihn nach seiner Farm. Bevor sie gieng, stiegen auf ihren Befehl sieben Kühe, zwei Ochsen und ein Bulle aus dem See und folgten ihr.

Sie versprach nun dem Farmer, so lange bei ihm bleiben zu wollen, bis er sie dreimal ohne Ursache geschlagen hätte. Mehrere Jahre lebten sie behaglich zusammen und sie gebar ihm drei Söhne, welche späterhin unter dem Namen Meddigon Myddfai, die Doctoren von Myddsi noch sehr berühmt wurden.

Eines Tages, als er sich anschickte, einen Markt in der Nachbarschaft zu besuchen, bat er sie aufs Feld zu gehn, um das Pferd zu holen. Sie sagte: ja! doch da sie ein wenig langsam machte, so sagte er scherzend zu ihr: dos, dos, dos! d. h. »geh! geh! geh!« und tippte dabei dreimal mit seinem Handschuh auf ihren Arm.

Da war aber die Bedingung ihrer Heirath gebrochen – sie gieng sogleich fort und nahm ihre sieben Kühe, ihre zwei Ochsen und den Bullen wieder mit sich. Die Ochsen waren grade beim Pflügen im 175 Felde, aber da sie die Herrin rufen hörten, folgten sie sogleich und nahmen den Pflug mit sich. Die Furche, welche der Pflug von dem Feld aus bis zum Rande des Sees zog, ist noch heutigen Tages an mehreren Stellen jener Gegend zu sehn.

Einst, lange nach der Trennung von ihrem Mann, traf sie zwei ihrer Söhne in einem Thal, welches seitdem Cwm Meddyggon, das Doctorenthal, heißt und gab Jedem von ihnen ein Bündel mit einigen Sachen, von denen man nicht recht weiß, was es gewesen sein mag. Man glaubt aber, daß es seltne Medicamente waren. Denn diese Leute, Meddygon Myddfai genannt, wurden die ersten Heilkünstler ihrer Zeit, schrieben um das Jahr 1230 berühmte Werke, von denen sich noch heut in der Bibliothek von Gray's Inn Lane, London, ein Exemplar befindet.

III.

Von dem Fan-See in Caermarthenshire gibt es auch noch eine andere Sage. Es soll nämlich in der Neujahrsnacht nach der zwölften Stunde auf diesem See eine Jungfrau erscheinen, welche der Geist aus dem Fan heißt. Sie trägt ein weißes Gewand mit goldnem Gürtel; ihr Haar ist lang und golden, ihr Antlitz bleich und traurig. Sie sitzt in einem goldnen Boote und führt ein goldnes Ruder.

Vor vielen Jahren lebte in der Nähe dieses Sees ein junger Farmer, der, weil er so viel von der Schönheit dieser Jungfrau gehört hatte, eine brennende Sehnsucht empfand, sie zu schauen und sich zu 176 überzeugen, ob sich denn wirklich Alles so verhalte. In der nächsten Sylvesternacht gieng er daher zu dem Rande des Sees, welcher ruhig und klar im Scheine des Vollmondes da lag und wartete ängstlich auf den zwölften Glockenschlag. Da schallte die Mitternacht aus den entfernten Dörfern herüber und er schaute nun, wonach er so lange sich gesehnt, die Jungfrau, welche sich in ihrem goldnen Boote über den silbernen See hin und wieder schaukelte. Endlich sank der Mond hinter die Berge, die Sterne verlöschten in der Morgendämmerung und die Jungfrau fieng an schon in Duft dahinzuschwinden. Da aber, unfähig sich länger zu halten, rief er ihr laut zu, sie möge bleiben und sein Weib werden. Aber mit einem bangen Schrei schwand sie vor ihm dahin. Nacht für Nacht konnte man ihn nun am Gestade schweifen sehn – aber Alles umsonst. Seine Farm lag wüst, sein Leib verzehrte sich vor Sehnen, und Trauer und Trübsinn lagen auf seinem Gesichte. Endlich vertraute er sein Geheimnis einem weisen Mann im Gebirge an. Dieser rieth ihm, den schönen Geist mit Geschenken von Käse und Brod zu erobern. Der Rath ward befolgt und in der Johannisnacht gieng der verliebte Farmer an den See hinunter und ließ einen großen Käse nebst einem Laib Brod ins Waßer fallen. Aber der Geist erschien nicht; nur kam es dem Farmer so vor, als ob die Stelle, wo er sie einst gesehn hatte, mit mehr als gewöhnlichem Glanze leuchtete und als ob harmonische Klänge durch die Felsen bebten. Durch diese Zeichen ermuthigt warf 177 er nun Nacht für Nacht Brod und Käse in den See, aber noch immer erschien der Geist nicht. So kam die Neujahrsnacht wieder heran. Er zog seine besten Kleider an, nahm seinen größten Käse und sieben von seinen weißesten Bröden und begab sich zu dem See. Als die mitternächtliche Stunde herankam, warf er eins nach dem andren ins Waßer und verharrte dann in schweigender Erwartung. Der Mond stand hinter einer Wolke, aber bei dem schwachen Lichte, das er warf, sah der Bebende das zauberhafte Schifflein nahn und auf ihn zufahren. Die Jungfrau hielt am Lande, hörte auf die Schwüre des jungen Mannes und willigte ein, sein Weib zu werden. Als Brautschatz brachte sie Schaafe, Ziegen, Rinderheerden und andre Dinge für die Landwirthschaft mit. Nur das machte sie ihm zur Bedingung, daß er sie nicht schlagen dürfe; denn wenn er sie zum dritten Male geschlagen hätte, so müße sie verschwinden.

So heiratheten sie sich und waren glücklich. Nach drei oder vier Jahren wurden sie zu einer Kindtaufe geladen und zum Erstaunen aller Anwesenden brach der Geist mitten in der heiligen Handlung in Thränen aus. Ihr Mann warf ihr ärgerliche Blicke zu und fragte sie barsch, warum sie sich so närrisch betrage?

Da antwortete sie: »Das arme Ding tritt in eine Welt voll Sünden und Sorgen ein und Elend liegt vor ihm. Warum soll ich mich freuen?«

Da versetzte er ihr einen Stoß. Sie aber warnte ihn, daß er sie nun schon einmal geschlagen habe.

Einige Zeit danach waren sie wieder zusammen 178 eingeladen, um dem Leichenbegängnis desselben Kindes beizuwohnen. Da lachte der Geist und tanzte und sang. Ihr Mann wurde ganz wüthend darüber und fragte sie, warum sie sich so närrisch betrage?

»Das Kind,« sagte sie, »hat eine Welt voller Sünden und Sorgen verlaßen, und Seligkeit liegt vor ihm. Warum soll ich weinen?«

Da gab er ihr einen Stoß und zum zweitenmale warnte sie ihn. Darauf lebten sie glücklich, wie zuvor.

Da trug es sich einmal zu, daß sie zu einer Hochzeit eingeladen wurden, wo die Braut jung und schön, der Bräutigam aber ein altes, vertrocknetes Männchen war. Mitten in der Festlichkeit begann der Geist heftig zu weinen, und da ihr Mann sie verdrießlich fragte, warum sie sich so närrisch betrage, da antwortete sie, daß Alle es hörten:

»Weil Sommer und Winter sich nicht vertragen können. Für elendes Gold ist Jugend dem Alter verkauft worden. Ich sehe, daß Elend schon jetzt und zehnfaches Elend in der Folge das Loos der Beiden ist. Es ist des Teufels Werk!«

Ihrer Warnungen nicht gedenk, stieß sie ihr Mann nun in heftigem Aerger von sich. Sie blickte ihn zärtlich und schmerzensvoll an und sagte: »Du hast mich nun zum dritten und letzten Male geschlagen. Fahre wol!«

Damit verließ sie den Ort. Er lief hinter ihr her und da er sein Haus erreicht hatte, sah er sie schon dem See zuschreiten. All' ihre Heerden, Schaafe und Ziegen giengen hinter ihr her. Er eilte ihr mit 179 schwerem Herzen nach; aber umsonst. Seine Augen sahen sie nie wieder.An dieses Märchen knüpfen sich noch einige Varianten. Zunächst wird in Bezug auf den dritten Schlag folgende Abweichung erzählt: Sie und ihr Mann waren auf dem Felde mit Pflügen beschäftigt. Der Mann wollte die läßigen Pferde durch einen Wurf antreiben und traf die Frau, die sogleich mit dem Pflug und allen ihren Heerden zum Van-Teich gieng und darin verschwand. Noch heut wird die Spur der Pflugschaar im Gebirge gezeigt.

Dann fügt eine weitere Variante auch den beliebten Schluß von einer berühmten Nachkommenschaft hinzu. Es waren Aerzte, deren Wohnsitz gleichfalls Myddfi war, und die Jones hießen. In jeder dieser Familien sollen viele Generationen hindurch regelmäßig sieben Söhne geboren worden sein, von welchen der jüngste immer Arzt und wunderbar geschickt in seiner Profession ward.

Das Eiland der schönen Familie.

In den Bergen von Brecknock ist noch ein andrer kleiner See, von welchem folgendes Mabinogi geht.

In alten Zeiten ward in einem Felsen nah bei diesem See in jedem Jahr einmal auf einen bestimmten Tag eine Thür offen gefunden. Ich glaube es war ein Maitag. Diejenigen nun, welche neugierig und muthig genug waren, um einzutreten, gelangten zu einem geheimen Gange, welcher inmitten des Sees in ein kleines Eiland auslief. Hier wurden die Besucher durch einen wunderschönen Garten überrascht, welcher mit den ausgesuchtesten Früchten und Blumen gesegnet war und in welchem die Tylwith Têg 180 wohnten, eine Art von Feen, deren Schönheit nur von der Anmuth und Leutseligkeit erreicht wurden, welche sie gegen Alle bewiesen, die ihnen gefielen. Sie brachten für Jeden ihrer Gäste Blumen und Früchte, unterhielten sie mit der lieblichsten Musik, enthüllten ihnen manche Geheimnisse der Zukunft und luden sie ein, so lange zu verweilen, als es ihnen gefallen möchte. Aber das Eiland war unter dem Waßer und verborgen; auch durfte Nichts von den Erzeugnißen deßelben mitgenommen werden. Denjenigen, welche am Rande des Sees standen, war Alles unsichtbar. Nur eine undeutliche Maße ward in der Mitte des Waßers wahrgenommen und man bemerkte, daß kein Vogel über das Waßer fliegen wollte und daß sanfte Klänge von bezaubernder Lieblichkeit in der Morgenkühle zuweilen darüber hinwehten.

Da ereignete es sich bei diesen jährlichen Besuchen einmal, daß ein verruchter Dieb, als er im Begriffe war, den Garten zu verlaßen, eine Blume in die Tasche steckte, die er geschenkt bekommen hatte. Aber der Diebstahl sollte ihm nicht Gutes bedeuten. Sobald er den geweihten Boden verlaßen hatte, verschwand die Blume und er war seines Verstandes beraubt. Die Tylwyth Têg oder schöne Familie ihrerseits schien damals aus diesem Frevel nicht weiter Arg zu haben. Sie entließen ihre Gäste mit der gewohnten Freundlichkeit und darauf ward wie immer, die Thüre verschloßen. Aber innerlich fühlten sie sich doch sehr gekränkt. Denn obgleich, wie die Sage geht, die Tylwyth Têg und ihr Garten noch bis auf diesen 181 Tag an demselben Platze sind, obgleich sich die Vögel noch immer in scheuer Entfernung von dem Waßer halten, und zuweilen noch gebrochne Klänge drüber hinwehen: so ward doch die Thüre, die zu dem Eiland führt, nie wieder geöffnet und vom Tage jenes verruchten Raubes an sind die Kymren allzeit unglücklich gewesen.

Einige Zeit danach versuchte ein Waghals das Waßer abzulaßen, um zu sehn, was darin sei. Da aber erhob sich eine schreckliche Gestalt aus der Mitte des Sees und befahl ihm, von seinem Vorhaben abzustehn, wenn er nicht wolle, daß das ganze Land überschwemmt werde.

Llyn Cwm Llwch.

In den schwarzen Bergen von Südwales, am Fuße des Hauptgipfels Pen y Van liegt ein düstrer See mit Namen Llyn Cwm Llwch. Nun faßten vor vielen Jahren die Umwohner dieses Llyn den Plan, ihn trocken zu legen; man weiß nicht recht, ob aus Neugierde, um zu sehn, was auf dem Grunde sei, oder weil sie da glaubten Schätze finden zu können. Und so versammelten sie sich denn eines Tages am See in beträchtlicher Anzahl, mit Spaten und Hacken und fiengen ihr Werk mit solchem Eifer an, daß sie nach wenigen Stunden schon einen Graben von dreißig Ellen Tiefe gezogen hatten, deßen Ueberreste man noch heute sehen kann. Nachdem sie nun also noch ein paar Stunden fortgearbeitet hatten, kamen sie zuletzt dem Waßer des Sees so nah, daß es schien, der 182 nächste Hieb der Spitzaxt werde das Unternehmen vollenden. Denn das Ufer sei alsdann ganz durchbrochen und das Waßer müße abfließen. Aber grad als dieser Hieb geführt werden sollte – schon war die Spitzaxt gehoben! – da zuckte ein Blitz, daß die Axt splitterte, der Himmel ward schwarz, der Donner rollte durch die Gebirge – die Arbeitsleute rannten stracks von dannen und blieben erst wieder stehn, als sie den Brink über dem See erreicht hatten. Als der Donner nachgelaßen hatte, bemerkten sie auf der Oberfläche des Waßers ein Kräuseln der Wellen und dann ward die Mitte des Sees heftig bewegt. Aus diesem Strudel erhob sich eine riesige Gestalt, deren Haar und Bart drei Ellen lang war. Als er halb aus dem Waßer emporgestiegen war, redete er die Arbeitsleute an und ermahnte sie, von ihrem Vorhaben abzulaßen, sonst würden sie die Stadt Brecon und das ganze Land im Thal von Usk unter Waßer setzen. Er schloß mit den Worten: »denkt an die Katze!« und dann verschwand er im Waßer unter Donner und Blitz.

Als das Wunder verschwunden und die Furcht gewichen war, begannen die Leute den Vorfall miteinander zu überlegen. Sie hatten die Warnung vollkommen verstanden, auch sonst jedes Ding wol gefaßt, was der Geist gesagt hatte; aber die Schlußworte konnten sie nicht deuten, und das brachte sie in große Angst.

Da kam ein alter Mann, Namens Tomas Shone Rhyterch, und der sagte, er könne den Sinn dieser 183 Worte angeben. Darauf erzählte er dann, daß in seinen Knabenjahren ein Weib in den Van-Gebirgen gewohnt habe, und die hätte eine Katze gehabt, die ihr so lästig ward, daß sie beschloß, dieselbe loszuwerden. Deshalb nahm ein Junge, welcher auf diesen Gebirgen die Schaafe hütete, die Katze eines Morgens mit sich, um sie in dem Llyn Cwm Llwch zu ersäufen. Als er daselbst angekommen war, nahm er sein Strumpfband, band mit demselben einen Stein an den Nacken der Katze und warf sie dann in den See. Da die Uferwände des Sees sehr steil waren, so sank ihm die Katze sogleich aus dem Blick. Aber kurze Zeit darauf ward in einem Fischerboot auf dem Llyn sa fathan, zehn Meilen weiter eine Katze gefunden, nach der Beschreibung genau dieselbe, mit einem Strumpfband um den Nacken, das auch genau daßelbe war, mit welchem sie der Junge einst ertränkt hatte. Daraus schloß man, daß zwischen dem Llyn Cwm Llwch und dem Llyn sa fathan eine Verbindung sein müße und obgleich dieser Teich nur klein sei, der Llyn sa fathan sich seines kleinen Verwandten, wenn man denselben trocken legen wollte, annehmen und das Unrecht dadurch rächen würde, daß er seine gewaltigen Waßermaßen über das ganze anliegende Land ausgießen würde.

Die versunkene Stadt.

In Cardiganshire ist ein See, unter welchem eine Stadt begraben liegen soll. Tritt man auf den Felsen Uchain Pannog, der hineinragt, so kann man tief 184 unter dem Waßer die Thürme noch sehen; und im trocknen Sommer, wenn das Waßer niedrig ist, sieht man sogar die Stadtmauer, auf welcher man dann bequem quer durch den See gehn kann.

Die Entstehung des Llyn Tegid oder Bala-See.

In Merionetshire liegt ein See mit steilen Ufern, von Baum und Buschwerk dunkel bekleidet, den die Engländer Bala-See und die Waliser Llyn Tegid nennen. Er ist ungefähr zwei Stunden lang, und an manchen Stellen vierzig Faden tief. Gebirge schließen ihn ein; und der luftige Gipfel des Arran Fowddwy bespiegelt sich in dem stillen Bergsee.

Tief unter dem Waßer hat der alte Schiffer, wenn der klare Herbstmond scheint, Thürme und Mauern gesehn; und oft in stürmischen Decembernächten kann er am Schaumwirbel der Oberfläche noch den Ort unterscheiden, wo die höchste Spitze emporragt und wenn der Sturm eine Weile ruht, haben schon Manche eine feine Stimme rufen hören: »Edifar! Edifar!« (Reue! Reue!).

In dem Thale, wo nunmehr der See ist, lebte zu der Zeit, da Cambrien noch seine eignen Fürsten hatte, ein sehr stolzer Fürst. Aber all' seine Schätze, Schlößer und Wälder waren durch Sünde erworben, durch Mord und Raub; und da er seinen Fürstensitz zuerst betrat, da hörte er eine Stimme von den entfernten Bergen rufen: »Edifar a ddaw! Edifar a ddaw!« (die Reue kommt! die Reue kommt!)

»Wann wird sie kommen?« fragte der Fürst.

185 »Nach dir im dritten Geschlecht!« erwiderte die Stimme und zugleich donnerte es stark, daß es in allen Bergen widerhallte.

Der halsstarrige Fürst lachte, als er die Stimme gehört hatte, fuhr in seinem bösen Lebenswandel mit Plündern und Rauben fort und lachte immer, wenn er die Orgel und den Gesang aus der Kirche hörte.

Viele, viele Jahre vergiengen. Da ward eines Nachts ein alter Harfner aus den benachbarten Bergen aufs Schloß bestellt. Es ward nemlich ein Fest daselbst gefeiert, weil dem ältesten Sohn des Fürsten auch ein Sohn geboren worden war. Als der arme Harfner in die Halle trat, da war da solch ein Glanz und eine solche Menge von stolzen und schönen Damen und Herren, als er nie zuvor gesehen. – So kam Mitternacht heran. Es ward mit dem Tanzen eine Pause gemacht und man ließ den alten Harfner in seiner Ecke ganz allein sitzen. Da – plötzlich – hörte er halb singend und halb flötend sich in's Ohr rufen: »Edifar! Edifar!« Er kehrte sich um und sah einen kleinen Vogel, der in der Luft flatterte und ihm winkte, mitzukommen. Er folgte, so schnell ein alter, schwacher Mann nur kann. Er wußte zwar nicht, was das bedeute; allein ihm war, als müße er folgen. Endlich waren sie aus all' den Gängen und Hallen des Schloßes heraus und draußen in dem klaren, kalten Mondenschein. Der alte Mann blieb unschlüßig stehen. Aber da sah er den kleinen Vogel zwischen sich und der Mondscheibe und er winkte ihm so bekümmert und rief dabei wieder sein »Edifar! 186 Edifar!« so traurig, daß er nicht anders konnte und ihm aufs Neue folgte. So giengen sie durch Sümpfe, durch Wälder und Dickicht, der kleine Vogel flog immer voran und zeigte ihm die besten Wege an. Aber wenn er auch nur einen Augenblick stehen blieb, so rief der Vogel wieder: »Edifar! Edifar!« und das in einem Tone, der ihn an den Todesschrei seiner kleinen, lang gestorbnen Gwenhwyar erinnerte, den sie ausstieß, da sie in Glas Llyn, dem blauen See, ertrank und Niemand sie retten konnte.

So erreichten sie die Spitze des Berges, und der Harfner war müde und erschöpft. Er blieb stehn . . . . aber der kleine Vogel sang nicht mehr. Er lauschte, – aber er hörte Nichts, als das Rauschen eines Bergquells zu seinen Füßen und die Glocke eines Schaafes von weit herauf. Nun dachte er, Alles sei nur Gaukelei gewesen; er schalt sich daß er solch ein Narr gewesen und gefolgt sei und wandte sich um nach dem Schloß zurückzukehren, um zu dem nächsten Tanz früh genug da zu sein. Aber wie erstaunt war er, als er – beim Umdrehn – Nichts mehr vom Schloße gewahren konnte! Alles was er unter sich sah, war das weite, ruhige Waßer eines Sees, auf dessen mondbestralter Fläche seine Harfe schwamm! 187

 


 

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