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Ein Herbst in Wales

Julius Rodenberg: Ein Herbst in Wales - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
booktitleEin Herbst in Wales
authorJulius Rodenberg
year1858
firstpub1858
publisherCarl Rümpler
addressHannover
titleEin Herbst in Wales
pages340
created20141018
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5. Märchen von Felsen und Höhlen.

Barclodiad y Gawras, der Riesin Schürzenfell.

In den Gebirgen von Capel Curig unter dem Snowdon finden sich auch zwei riesige Felsblöcke und dazwischen breite und hohe Haufen kleinerer Steine, davon folgende Sage geht: Ein gewaltiger Riese reiste vordem in Gesellschaft seines Weibes der Insel Mona zu, um sich dort unter den andern Ansiedlern niederzulaßen. Da er nun vernommen hatte, daß da nur ein schmaler Canal zwischen Festland und Insel sei, so nahm er zwei große Steine, unter jeden Arm einen, mit sich, um sie zum Brückenbau über diese Meerenge zu benutzen. Sein Weib füllte gleichfalls ihre Schürze mit kleineren Steinen. Aber als sie eine Weile gegangen waren, begegneten sie einem Manne, der ein großes Bündel alter zerrißner Schuhe auf der Schulter trug.

Der Riese fragte ihn: »Wie weit ist es noch nach Mona?«

Der Mann antwortete: »Es ist noch so weit, daß 146 ich auf der Reise von Mona hierher alle diese Schuhe aufgetragen habe.«

Als der Riese das hörte, da warf er die Steine nieder, auf jeder Seite einen, wo sie nun noch aufrecht stehen, ungefähr hundert Ellen oder mehr von einander entfernt, da der Raum dazwischen von des Riesen Körper eingenommen ward. Da öffnete auch des Riesen Weib seine Schürze und leerte sie aus, wodurch die Steinhügel entstanden, die noch am heutigen Tage Barclodiad y Gawras, der Riesin Schürzenfall heißen.

Craig y Dinas, die Felsenfestung.

Eine cawres oder Riesin wohnte vor langen Jahren in den Gebirgen von Nordwales und der Gipfel von Moelvre war in den schönen Sommertagen ihr Lieblingsaufenthalt. Deshalb wollte sie sich da oben ein Schloß bauen und sammelte sich eine Schürze voll Steine. Doch kaum hatte sie den Gipfel des Berges erreicht, so riß die Schnur der Schürze und die Steine rollten den Abhang des Berges hinunter, wo noch heute Craig y Dinas, wie ein Schloß, dasteht. – Viele andre Riesen noch hatten auf den Bergen von Wales das gleiche Schicksal; so z. B. an der Fahrstraße von Bangor nach Conway, unter dem Penmaenmawr, wo die zwei großen Steinblöcke liegen.

Tri Greicnyn, die drei Sandkörner.

Am Ufer des Sees unter dem Cadair Idris 147 liegen drei gigantische Steine, welche das Volk tri Greicnyn, die drei Sandkörner nennt. Dem Riesen Idris, welcher seinen Sitz auf Cadair Idris hatte, waren sie nämlich einst beim Herniedersteigen in die Schuh gekommen, und da sie ihn drückten, so zog er dieselben hier aus und warf die Steine dahin, wo sie noch heut liegen.

Moll Walbees Schlösser.

So heißen eine Menge von Bergschlössern in Wales, welche die Hexe Moll Walbee gebaut haben soll. Hay-Castle baute sie in einer Nacht. Die Bausteine brachte sie in ihrer Schürze herzu. Während sie so beschäftigt war, fiel ihr ein Stein von neun Fuß Länge und ein Fuß Dicke in den Schuh, was sie zuerst nicht bemerkte. Aber da er sie endlich doch belästigte, so warf sie ihn über den Wyn in den Kirchhof von Llowes – ungefähr eine Stunde weit – hinüber, wo er noch heute liegt, genau in derselben Lage, wie er fiel.

Der Riesenwurf.

Im Nant Frankon, dem Haidethal, liegt auf der Flußseite von Llanllechid, dicht an den Kuhhäusern ein ungeheurer Stein von vielen hundert Centnern Gewicht. Ein Riese, der auf der Flußseite von Llandegai stand, mit einem Fuß in der Höhle Graianog, mit dem andren in der Höhle Dolawen – welche beim Wurf durch den Eindruck seiner Füße entstanden – soll ihn dahinüber geschleudert haben, um ein altes 148 Weib zu tödten, welches den schweren Weg an den Hügeln mühsam emporklomm.

Das Steinkreuz zu Corwen.

Im Kirchhofe zu Corwen wird ein altes Steinkreuz von beträchtlicher Größe gezeigt, von welchem man folgende Sage erzählt: Ein Riefe warf einst von den benachbarten Gebirgen herunter einen Felsen, um die Kirche zu zerstören. Aber kaum berührte die Steinmaße die Mauern des heiligen Gebäudes, als es sogleich in seine jetzige Gestalt verwandelt ward.

Riesenspiel.

Crug Mawr oder Pen tychrid Mawr ist ein Felsgebirg im Thale Ageron, Cardiganshire, woselbst vor Zeiten ein mächtiger cawr oder Riese hauste. Er hatte einen luftigen Palast auf dem Berg errichtet und pflegte die Riesen der Nachbarschaft oft zu sich einzuladen, um mit ihnen zu spielen. Bei einer dieser Zusammenkünfte wählte man Wurfscheibenspiel zur Unterhaltung. Der Riese von Crug Mawr gewann den Sieg, indem er seine Wurfscheibe ohne viele Anstrengung auf die irische Küste hinüberwarf, worauf er die Oberhand und Herrschaft über alle andren Riesen in Cardiganland erhielt.

Der Adler von Snowdon.

Der Snowdon oder wie ihn die Waliser nennen: Creigiawrs Eryri, Adlerfelsen, wird an jedem Donnerstag von einem Adler besucht, der sich auf 149 einem verhängnisvollen Fels niederläßt. Sobald er diesen Felsen dadurch, daß er alle Woche einmal seinen Schnabel daran wetzt, zertheilt haben wird, gibt es Krieg im Land, und dann darf er seinen Hunger mit den Leichen der Erschlagenen stillen.

Maen du yr Arddu, der schwarze Stein von Arddu.

In Bettw Garmon, am nordwestlichen Abhange des Snowdon wohnte ein wolhabender Farmer, der eine einzige Tochter, Namens Meredith, hatte. Das Mädchen war sehr schön, aber dabei recht eigensinnig. Ein böses Herz hatte sie wol nicht, aber sie war verzogen und voller Launen. Da sie, wie gesagt, reich, schön und jung war, so konnte es ihr an Freiersleuten nicht fehlen; aber sie schlug Jeden aus. An Jedem hatte sie Etwas auszusetzen; der Eine war ihr zu groß, der Andre zu klein, – sie wies Alle mit Spott zurück, sie wollte ganz was Apartes haben. Da war nun im Dorfe auch ein Farmerssohn, mit Namen Huwcyn Sion. Der war nicht reich, aber der Rechtschaffenste und weil er so bieder war der Angesehenste im ganzen Kirchspiel. Dabei hatte er ein männlich Wesen und ein paar Augen im Kopf, die schon manches Mädchen toll gemacht hatten. Was konnte Huwcyn dazu? Er liebte, seit er denken konnte, nur Eine; und das war Meredith, die schöne, reiche Farmerstochter. Es sollte nun so kommen, daß auch Meredith ihn lieben mußte, und so tief und warm solch' ein schönes Mädchen nur lieben kann. Sonst hätte Huwcyn gar nicht daran zu denken 150 gewagt, um sie zu freien. Allein Meredith's Vater, der sein einzig Kind glücklich sehn wollte und auf Keinen mehr hielt, als auf Huwcyn, weil er so brav und rechtschaffen fleißig war, der ermuthigte ihn, seinen Antrag nur zu machen. Da zog sich Huwcyn aufs Beste an und machte sich auf den Weg. Meredith konnte den ganzen Tag thun, was sie wollte; sie jagte die Fohlen auf dem Anger vor der Farm. Als sie Huwcyn so stattlich gekleidet sah, rief sie aus: »Sag mir doch, Huwcyn, ist es heut Sonntag?« »Wenn Du willst, so ist es heut Sonntag für mich«, erwiderte Huwcyn und sagte ihr dann, warum er gekommen sei. Da aber lachte Meredith aus Leibeskräften, ja sie lachte so laut, daß die Fohlen über den Anger setzten; dann sagte sie: »Seht doch! Ei – seht doch! Meinst Du denn, ich wäre für einen Farmer nicht zu gut? Einen Barden will ich haben, sag' ich Dir, einen Barden! Und eh' Du nicht ein rechter Barde geworden bist, eher kann ich Dich auch nicht gebrauchen!« Damit lief sie wieder die Wiese hinauf zu den Fohlen. Huwcyn gieng in tiefster Betrübnis von dannen. Hätte er sich nur einmal umgesehn! Denn kaum war er fort, so kam auch Meredith wieder herunter, setzte sich auf die Gatterthür und sah ihm nach, so lange sie konnte. Er aber war sehr betrübt, und sah nicht rechts noch links. – An einem steinigen Platze, yr Arddu, der schwarze Weiler genannt, an dem man vorüberkommt, wenn man den Snowdon besteigt, liegt ein großer Stein, welcher Maen du yr Arddu heißt.

151 Nun geht die Sage, daß wenn zwei Personen eine Nacht auf diesem Steine schlafen, der Eine sich am andren Morgen, wenn die Sonne aufgeht, mit der Gabe des Bardenthums beschenkt sehn, der Andre aber wahnsinnig geworden sein würde. »Ich gienge hinauf«, sagte Huwcyn, »gleich! Denn wenn ich die Gabe des Sängers erhalte, so würde ich glücklich werden; und werde ich wahnsinnig, so fühle ich ja Nichts von meinem Unglück! – Aber es müßen Zwei sein, die da hinauf gehn – und wen darf ich bitten, auf solchem Gang mich zu begleiten?«

Indem begegnete ihm Huw Belissa. Er konnte ihm seinen Kummer nicht verbergen, denn Belissa war von Jugend auf sein liebster und bester Freund gewesen. Belissa war unter allen jungen Burschen als der größte Waghals berühmt; und kaum hatte er die Geschichte seines Freundes vernommen, als er schon fröhlich entschloßen ausrief: »Huwcyn, ich begleite Dich!« Je mehr Huwcyn abredete, um so fester ward Belissa's Vorsatz, und so traten sie denn nun gemeinschaftlich ihren Weg an. Als sie bei Meredith's Farm vorüberkamen, da stand das Mädchen vor der Thür.

»Wohin des Weges?« fragte sie.

»Dahinauf!« sagte Belissa, und zeigte zum Gipfel des Snowdon empor, der im Abendroth strahlte – »zum schwarzen Weiler!«

Bei diesem Worte fiel es dem Mädchen schwer aufs Herz. Allein sie faßte sich bald wieder und wünschte den Männern eine glückliche Reise. Auch 152 glaubte sie, die Beiden hätten nur spaßen wollen. Ueber eine Weile jedoch, da sie wieder hinauf sah, bemerkte sie die Beiden schon ganz weit in der Abenddämmrung hoch über den Tiefen. Da ward ihr angst und sie mußte den ganzen Abend an den schwarzen Weiler denken. Als sie sich zu Bett gelegt hatte, kam es ihr wieder im Traume vor – es war ihr, als sei Huwcyn wahnsinnig geworden – ihretwegen . . . . sie kämpfte, sie flehte, sie litt . . . . da erwachte sie, schweißgebadet, und vom Kirchthurm schlug es eben Mitternacht. Da konnte sie's auf dem Bett nicht mehr aushalten; sie sprang auf, zog sich eilig an, und lief hinaus. Von Liebe und Gewißensangst gejagt, klomm sie den Snowdon hinan. Es war eine finstere Nacht, nur einzelne Sterne funkelten aus dem Gewölk, und der Sturm, der am Snowdon nimmer rastet, jagte schauerlich durch die Höhlen und Löcher. Das arme Mädchen verirrte sich bei der Dunkelheit und schon fieng der Morgen zu grauen an, als sie noch immer in der unwegsamen Felswildnis kletterte. Endlich findet sie den Weg, endlich darf sie hoffen, noch frühe genug zu kommen, um die Schlummernden zu wecken und zu retten. Da, als sie mit dem letzten Aufwand ihrer Kraft den Gipfel erreicht, und den Namen des Geliebten ruft, – da, mit dem Klange zugleich trifft der erste Strahl der aufgehenden Sonne das Antlitz der Schläfer . . . sie erwachen – und das Verhängnis ist erfüllt. Auf dem nebelumwallten Felsen, als wie auf einer Wolke schwebend, steht Huwcyn, vom Morgenroth das edle Haupt verklärt, 153 und mit dem Lachen des Wahnwitzes weckt Belissa das Echo der Klüfte des Gebirges. Meredith, von Liebe und Schmerz hingerißen, sank vor Huwcyn nieder, und umfaßte weinend seine Knie.

Dieser aber sagte: »Ich habe nur noch eine irdische Sorge, und das ist Huw Belissa – weiter habe ich Nichts mehr auf Erden!«

Huwcyn's Harfe ward das Entzücken seines Volkes; nur für Meredith war jeder ihrer Klänge wie ein Schwertstich. Sie, die Rose von Betta Garmon, welkte vor der Zeit, und starb als Mädchen; aber in Schloß und Hütte berühmt wurde Huwcyn Sion, mit dem Beinamen y Canu, der Sänger. Denn nicht vor, nicht nach ihm war ein beßrer Sängerin Cambrien.Aehnliche Geschichten werden auch vom Cader Idris erzählt, nächst dem Snowdon der höchste Berg in Wales, und wie dieser ein Parnass der walisischen Barden. Auf der genannten Bergkuppe wird ein Stein gezeigt, welcher der Sitz des sagenberühmten Riesen, Astrologen und Barden Idris (aus dem 3. oder 4. Jahrhundert) gewesen sein soll. Wer eine Nacht auf diesem Stein schläft, wird mit poetischem Genius begabt. Hier soll vor nicht gar zu langer Zeit der walisische Dichter Evan Evans, von Ruhmbegierde getrieben, eine Nacht zugebracht haben, danach aber wahnsinnig geworden sein.

Jolo ap Hugh, der verzauberte Fiedler.

In einem der nördlichen Kirchspiele Cambriens liegt ein kahler und steiler Hügel, an dessen Abhang sich ein kleines Dorf lehnt. In der Mitte dieses Felsens ist eine Höhle mit Vorsprüngen, so rauh und 154 schroff als der Hügel selbst, in den sie sich öffnet. Von hier aus sollen nun an die tausend Ströme zu Marschen und Mooren unterirdisch dahin fließen und es heißt, wer sich dieser Höhle bis auf fünf Schritte nahe, der sei unrettbar verloren. Dieser Glaube ist sehr verbreitet; denn rings um die Höhle her wächst das Gras so dick wie in den Urwäldern von Nordamerika, ein menschlicher Fuß ist hierher gewis seit Jahrhunderten nicht gekommen. Auch über den Ursprung der Höhle erzählt man sich viel seltsam unheimliche Geschichten. Die Einen sagen, sie sei eine Zufluchtsstätte der alten Heiden gewesen; Andre, der Zaubrer und Sternseher Idris habe darin gewohnt und noch Andre, der Böse selbst habe darin gehaust. Aber nicht blos die Menschen, – auch die Thiere fürchten sich so sehr vor der Höhle, daß der Fuchs, wenn er gejagt wird, mit aufgesträubtem Haar umkehrt, wenn er der Höhle zu nahe kommt. Dann wollen aber auch die Hunde nicht mehr an ihn, wenn sie den Geruch der Höhle an ihm wittern.

Einst nun, im Zwielicht eines Allerheiligenabends, mußte ein alter Schäfer auf dem Heimweg an der Höhle vorbei und umgieng sie in weitem Bogen. Da auf einmal klang eine süße Melodie herunter, die an dem Felsen über der Höhle auf und nieder zu tanzen schien. Bald klang sie aus dem einen Stein, bald aus dem andern und endlich schien jeder Kiesel des Berges gar Ton und Stimme bekommen zu haben. Der Schäfer erschrak aufs Aeußerste; aber auch sein Hund ward so davon geängstet, daß er winselnd und 155 stöhnend den Schwanz zwischen die Beine schlug. Plötzlich sammelte sich die Musik an einem Orte und nahm die Weise einer geschloßnen Melodie an, die aber der Schäfer nie zuvor gehört hatte. Kaum aber hatte sie einen bestimmten Ton angenommen, so verklang sie plötzlich wieder in zitternden, sehr raschen Klagetönen, die nicht selten gradezu unharmonisch und schneidend wurden. Und auf einmal erschien da dem Schäfer eine ihm wolbekannte Gestalt. Sie trug eine Laterne, vor sich in den Gürtel gebunden, spielte auf der Fiedel und tanzte dazu.

»Das ist Jolo ap Hugh!« rief der Schäfer aus. »Ich erinnere mich's noch, daß er einst, vor vielen Jahren gewettet hat, er wolle den ganzen Hügel hinuntertanzen und dabei auf der Violine spielen. Er fürchte sich nicht vor der Höhle. – Aber man hat seitdem Nichts wieder von ihm gehört.«

Kaum hatte der alte Schäfer das gesagt, als er zu seinem neuen Schreck gewahrte, daß Jolo ihn in den Zauberkreis hineingefiedelt und getanzt habe. Er schrie und schrie, bis die entferntesten Berge widerhallten, aber Jolo schien vollständig taub. Er schwenkte seinen Kopf und die Laterne nach wie vor und trieb dabei, tanzend und fiedelnd, den Schäfer vor sich her. Da gieng der Mond auf und sie standen vor der Oeffnung der Höhle und nun konnte der Schäfer den armen Jolo sehn. Sein Gesicht war kreideweiß, seine Augen starrten, als wären sie gebrochen und sein Kopf baumelte lose auf den Schultern; sein Arm schien den Fiedelbogen zu bewegen, ohne daß Jolo noch ein 156 Gefühl davon hatte. Der Schäfer sah ihn noch einen Augenblick am Rande der Höhle stehn, dann verschwand er, aber es war, als ob er von hinten hineingezogen würde.

Tage, Monate und Jahre vergiengen; man hatte fast ganz an den armen Jolo vergeßen. Da, an einem kalten Sonntagsabend im December, als der alte Schäfer und seine Gemeindegenoßen in der Kirche waren und der Küster eben die Lichter anstecken wollte, da tönte auf einmal aus dem dunklen Seitenschiffe eine seltsame Musik, wanderte hinüber nach dem Chore, starb dahin und war bald nicht mehr von dem Rauschen des Windes zu unterscheiden, der durch die alte Kirche brauste. Die ganze Gemeinde gerieth in heftigen Schreck, der alte Schäfer aber erkannte sogleich die Melodie wieder, die vor Jahren Jolo an der Oeffnung der Höhle gespielt hatte, und der Pfarrer des Kirchspiels zeichnete sie auf, wie sie ihm der alte Schäfer vorpfiff; und so haben wir sie am Ende dieses Buches unsren Lesern mitgetheilt.Siehe Notenbeilage: »Des verzauberten Fiedlers Melodie

Nach Einigen ist Jolo Jäger des Feenkönigs geworden, und muß an jedem Allerheiligenabend die Höllenhunde über die Gipfel des Cadair Idris treiben, wobei seine Fiedel in ein Hifthorn verwandelt ist; nach Andren ist er im Innern der Höhle in einem Feenring gefangen und muß da tanzen bis zum jüngsten Gericht. In gewißen Nächten des Schaltjahres steht 157 ein Stern der Höhlenöffnung gegenüber, bei dessen Schimmer man Jolo und die andren Höhlenbewohner sehen kann, und wenn man auf Allerheiligenabend sein Ohr an die Oeffnung legt, so kann man ganz deutlich jene Melodie herausklingen hören.

Owen Llawgoch mit seinen tausend Kriegern.

Owen Llawgoch, d. h. Owen mit der blutigen Hand, Einer von den Letzten, welche heldenmüthig gegen die Sachsen gefochten haben, ist noch nicht gestorben. Mit seinen tausend Kriegern liegt er in einer Höhle unter einem Hügel in einem Zauberschlafe und wartet auf die Zeit, wo sie Alle erwachen werden um einem feindlichen Heere am Fford Rhyd goch arddy faych und am Llyn pent y Weryd zu begegnen, denn die Geschicke Britanniens hängen von der Tapferkeit und dem Siege der Erwachten ab.Es ist ein gemeinsamer Zug aller Völker, die mit der Tapferkeit ihres Wesens eine gleich ursprüngliche Poesie verbinden, daß sie ihre Berühmtheiten nicht wie andre Sterbliche dahinschwinden laßen, ihnen auch nicht bloß in Dichtung und Sage, sondern in unterirdischen Verließen ein wirkliches Leben leihen und mit denselben als »bergentrückten Helden« (um Jak. Grimm's Wort zu gebrauchen) kühne und phantastische Hoffnungsträume verbinden. So lebt Arthur selbst noch im Thal von Avalon, und Griechenland's Hoffnung Achill auf der weißen Insel. Die drei Gründer der helvetischen Freiheit, von den Hirten die drei Tells genannt, schlafen in einer Höhle des Luzerner Sees; der alte Barbarossa hält sich, verzaubert, im unterirdischen Schloße des Kyffhäuser. Karl V., mit goldnem Reif und Scepter sitzt, von seinen Herrn und Rittern umgeben, im Unterberg, und die Spanier glauben vom letzten Gothenkönig Roderich, die Portugiesen von Dom Sebastian, daß er auf der fabelhaften Insel St. Brandan schlafe – jenem Eiland, welches der irländische Erzbischof Brandan mit seinen Mönchen im 6. Jahrhundert besucht haben und welches eine der canarischen Inseln sein soll, bis auf den heutigen Tag aber noch nicht entdeckt ist, obwol es seit dem 16. Jahrhundert das Ziel vieler Entdeckungsreisen war, deren letzte von Spanien aus 1721 unternommen ward. – Als ein Beispiel aus der neueren Geschichte erinnere ich nur an Monmouth, von welchem der große Haufe »Angesichts des stärksten Beweises, durch welchen die Thatsache eines Todes jemals in Gewisheit gesetzt ward«, nicht abließ zu hoffen, daß er noch lebe – so daß man sich bei jeder wichtigen Krisis zuflüsterte: »daß die Zeit nahe sei und daß König Monmouth bald sich zeigen werde.« Dieser Volksglaube dauerte bis in die Zeit Georg's III, wo sogar Voltaire dagegen schrieb. – Macaulay, History of England, Vol. UU, cap. V. – Ja, selbst bis in unsere Zeit hinein kann man Spuren dieses mystischen Zuges verfolgen. Bekanntlich wollten die französischen Bauern lange nicht an den Tod Napoleon Bonaparte's, den sie den General Malmort nannten, glauben. Als nun Louis Napoleon am Staatsruder und mit ihm sein alter, unzertrennlicher Freund Vieillard erschien: da sagten die Bauern, der alte Kaiser sei wieder auferstanden, und – um seinem Neffen persönlich beizustehn – begleite er ihn stets in der Gestalt eines Greises (vieillard).

158 Von diesem Hügel erzählte ein alter Mann folgende Geschichte. Wer in einer Entfernung von zwanzig bis vierzig Minuten weit vom Hügel steht, der kann auf der Spitze deßelben einen großen, schönen Eibenbaum erblicken; aber steigt man nun hinauf und nähert sich dem Platze, so ist der Eibenbaum 159 verschwunden. Entfernt man sich jedoch, so erscheint der Baum wieder wie zuvor.

Eines Tages nun war ein Hirtenjunge auf diesem Hügel, und da er grade eines Stockes bedurfte und nicht weit von sich eine Haselstaude sah, so schnitt er sich eine Gerte davon ab. Nicht lange nach diesem Tage war er seines Hirtenlebens satt und beschloß seine Heimat zu verlaßen, um sein Glück in der Welt zu versuchen. Er brach auf und gieng. Er war noch nicht lange gegangen, da begegnete er einem Manne von gutem Aussehn, der ihn und den Haselstock, den er in der Hand trug, gar ernsthaft ansah. Endlich redete er ihn an und sagte: »Mein Junge, wo hast du den Stock da bekommen? Kannst du mir den Ort genau angeben?«

»Ja, mein Herr!« erwiderte der arme walisische Junge.

»Und willst du's thun?« fragte der Fremde ernst weiter.

»Ich würde es gern thun,« versetzte der Knabe, »wenn es nicht so weit von hier wäre.«

Der Fremde jedoch versprach ihm eine große Belohnung, worauf der Knabe sich zur Umkehr entschloß. Sie brachen zusammen auf und kamen an der Haselstaude an. Der Knabe blieb stehn und sagte: »dieß, mein Herr, ist der Stamm, von welchem ich meinen Stock geschnitten habe.«

Der Fremde hieß den Knaben nun unter dem Baume suchen, bis er eine Fallthür fände, die ihn in einen gewölbten Gang führen würde. Durch diesen 160 Gang würde er dann in eine Halle gelangen, worin viele bewaffnete Krieger im Schlafe lägen, und am Eingang sei ein Seil, an welchem er sich weiter fühlen müße. »Aber«, sagte er, »nimm Dich mit diesem Seil in Acht, denn es ist an einer Glocke befestigt, die den Hauptmann mit sammt seinen Kriegern aufwecken wird, wenn sie sich rührt. Sollte das aber doch wider Vermuthen der Fall sein, und der Hauptmann aufwachen, so wird er dich fragen: »Ist es Tag?« Worauf du sogleich antworten mußt: »Nein!« – »In diesem Gemache«, fuhr der Fremde fort, »liegt unter einer Schicht Waffen eine große Menge Goldes verborgen. Und dieses Gold sollst du mir forttragen. Aber sei vorsichtig, und merke dir, was ich dir gesagt habe!«

Der Bube gehorchte nach einigem Zögern. Er fand die Fallthüre, stieg nieder und gelangte in die von seinem Gefährten ihm beschriebene Halle. Da sah er die Krieger auf ihren Waffen schlafen, und nicht weit von dem Hauptmann waren die Schwerter und Schilde aufgeschichtet, unter welchen der Haufen Goldes liegen sollte. Der unerschrockne Knabe näherte sich demselben, um ihn zu heben und war eben damit beschäftigt, als die Waffen mit einem furchtbaren Dröhnen zusammenstürzten und Owen Llawgoch erwachte. Er streckte seine Hand aus, die so breit war wie eine Tartsche, und rief dabei mit einer Stimme, die wie der Donner nachhallte, aus: »Ist es Tag? Ist es Tag?« – worauf alle die bewaffneten Männer erwachten und dieselbe Frage wiederholten. Der junge Waliser 161 antwortete furchtlos: »Nein! Nein! Schlaft nur wieder!« Worauf sich Alle wieder zum Schlafe niederlegten.

Der Knabe nahm sich darauf soviel Gold mit, als er nur tragen konnte, und kehrte damit zu dem Ausgang der Höhle zurück, wo er es dem Fremden ablieferte. Dieser bat ihn, noch einmal hinabzusteigen, um den Rest zu holen, er solle auch ein ganz Theil davon abhaben, dießmal fand der Knabe weder Strick noch Gewölbe noch Krieger und Schätze und erst nach vieler Arbeit und Furcht kam er wieder zur Fallthüre zurück. Aber da war sein Gefährte auch verschwunden und er hörte niemals wieder von ihm.

Seit jener Zeit ist auch die Höhle und der Eibenbaum nicht wieder sichtbar geworden, und Niemand mehr hat den Zauberschlaf Owen Llawgochs und seiner tausend geharnischten Krieger gestört.

Owen Llawgochs Schloß.

Nach Andren soll Owen Llawgoch in den unterirdischen Verließen eines alten Schloßes schlafen, dessen Ruinen in einem der abgelegensten Theile des Fürstenthums zu sehn sind und noch heute: »Owen Llawgochs Schloß« heißen.

Eines Tages kletterte ein Waliser auf den Ruinen dieses Schloßes herum und entdeckte eine Thüre, welche zu irgend einem unterirdischen Gange zu führen schien. Nachdem er sich durch Efeu und Schutt hindurchgearbeitet hatte, kroch er hinein und fand zu seinem Erstaunen, daß dieser Gang zu einem andren 162 von beträchtlicher Länge führe. Neugier verlockte ihn weiter, bis er endlich in ein Gewölbe von großer Ausdehnung kam, in welchem er eine ungeheure Menge von gerüsteten Kriegern auf ihren Schilden in festem Schlaf liegen sah. Dieser unerwartete Anblick machte ihn stutzig, und da er mit Schreck gewahrte, daß er nun eben weit genug gegangen sei, eilte er davon zu kommen, ehe sein Eindringen bemerkt sein würde. Aber da er sich beim Fortgehn ungeschickt umdrehte, so stieß er unglücklicherweise mit dem Fuße gegen Etwas, was er in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte und wie übereinandergeschichtete Waffen aussah. Und kaum berührt fielen sie mit donnerndem Klange zusammen, worauf sogleich alle Krieger aus ihrem Schlaf emporfuhren, nach ihren Waffen griffen und ausriefen:

»Ist es Tag? Ist es Tag?«

Der Eindringling raffte all' seine Geistesgegenwart zusammen und erwiderte: »Nein! noch nicht! schlaft nur wieder ein!«

Da legten sie sich alle wieder hin, fielen in den vorigen festen Schlaf zurück und liegen noch heute so, auf das Signal wartend, das sie wecken wird.

Die Eulen von Cwm Cowlwyd.

Cwm Cowlwyd ist eine tiefe und finstre, von Klippen hoch umragte Thalschlucht in Nordwales, woselbst einst die alte Eule gewohnt haben soll, von der folgende Geschichte erzählt wird.

Der Adler von Gwernabwy war lange Zeit mit seinem Weib verheirathet gewesen und hatte viele Kinder 163 von ihr. Da starb sie und er blieb lange Wittwer. Endlich jedoch beschloß er sich mit der Eule von Cwm Cowlwyd zu verheirathen. Aber da er fürchtete, daß sie zu jung sein und er, zum Schaden seiner eignen zahlreichen Familie, noch Kinder von ihr bekommen möchte, so gieng er, um sich bei den Aeltesten auf der ganzen Welt nach ihrem Alter zu erkundigen. Demgemäß wandte er sich zuerst an den Hirsch von Rhedynfra, fand ihn am Stumpf einer alten Eiche liegen, und fragte ihn, ob er das Alter der Eule wiße?

»Diese Eiche«, sagte der Hirsch, »die nun vor Alter zusammengefault ist, und ohne Rinde und Laub daliegt, obwol sie niemals Schaden oder Verletzung gelitten hat, außer daß ich mich eines Tags einmal gegen sie gerieben habe: diese Eiche habe ich schon als Eichel gekannt; doch ich erinnere mich nicht, die Eule, von der du sprichst, jünger oder älter gesehn zu haben, als sie auf diesen Tag zu sein scheint. Aber da ist noch ein älterer, als ich bin, und das ist der Lachs von Glynliffon.«

Da wandte sich der Adler an den Lachs wegen des Alters der Eule. Der Lachs antwortete: »Ich bin so viele Jahre alt, als Schuppen auf meiner Haut sind und Laichkörnchen in meinem Leibe. Doch nie sah ich die Eule, von der du sprichst, anders, als sie jetzt ist. Aber da ist noch ein älterer, als ich bin, und das ist die Amsel von Cilywri.«

Der Adler begab sich darauf zu der Amsel von Cilywri; er fand sie auf einem kleinen Steine sitzend und fragte sie nach dem Alter der Eule.

164 »Siehst du«, sagte die Amsel, »den Stein, auf welchem ich sitze? Er ist nicht dicker, als ein Mann ihn in die Hand nehmen kann. Diesen Stein habe ich gesehn, als er so schwer war, daß hundert Ochsen an ihm zu ziehn hatten, und er hat weder durch Reiben noch Schleifen gelitten. Nur einmal an jedem Abend hab' ich meinen Schnabel an ihm gewetzt und einmal an jedem Morgen, ehe ich ausflog, die Spitze meines Flügels an ihm gestrichen. Doch die Eule hab' ich nicht älter noch jünger gesehn, als sie heut zu sein scheint. Aber da ist noch ein älterer als ich bin, und das ist der Frosch von Mochno-Bog. Und wenn der ihr Alter nicht weiß, so lebt kein Geschöpf, das es weiß.«

Da gieng der Adler zuletzt zu dem Frosch und wünschte das Alter der Eule zu wißen.

Der Frosch antwortete: »Ich genoß niemals etwas Andres als das Gewürm des Bodens, auf dem ich wohne, und auch das sehr sparsam. Und siehst Du die großen Hügel, welche den Sumpf, wo ich liege, umgeben und überragen? Sie sind nur von dem entstanden, was mein Körper auswirft, wenn ich verdaut habe. Aber ich kann mich nicht erinnern, die Eule jemals anders gesehn zu haben, als ein altes Scheusal, das mit seinem gräßlichen Geschrei: Tu! hu, hu! die Kinder der ganzen Nachbarschaft in Furcht und Schrecken setzt.«

Da ist der Adler von Gwernabwy zu der Eule von Cwm Cowlwyd gegangen und hat sie geheirathet. 165

 


 

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