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Ein Herbst in Wales

Julius Rodenberg: Ein Herbst in Wales - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
booktitleEin Herbst in Wales
authorJulius Rodenberg
year1858
firstpub1858
publisherCarl Rümpler
addressHannover
titleEin Herbst in Wales
pages340
created20141018
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Märchen aus Haus und Hof.

Der Ernteschmaus in der Eierschaale.

Ein alter Mann, Namens David Tomos Bowen erzählte folgende Geschichte. – Meine Mutter, sagte er, wohnte in der Nachbarschaft eines Farmhauses, welches, wie allgemein geglaubt wurde, von den Feen heimgesucht war. Es war eines jener altmodigen Häuser unter den Bergen, welches nach der Sitte der Zeiten gebaut war, wo die Farmer auf die Sicherheit und das Wolbefinden ihres Viehs noch ebensoviel bedacht waren, als auf das ihrer Kinder und ihres Gesindes. Küche und Kuhstall waren auf derselben Flur; wo beide aneinanderstießen, waren sie nur durch einen niedrigen Verschlag getrennt, über welchen hin der gute Farmer seine Thiere sehen konnte, ohne daß er einmal hätte aufzustehn brauchen.

Nun waren meine Mutter und des Farmers Frau gute Freundinnen, und die letztere beklagte sich öfters bei ihr, daß die Feen sie und ihre Familie so plagten, daß sie gar keinen Frieden mehr hätten, und daß diese kleinen Ruhestörer immer, wenn die Familie zu Mittag 111 oder zu Abend oder zu irgend einer andern Zeit äße, oder auch nur still beisammen säße, sich im nächsten Zimmer tummelten und sie und ihre Leute fortwährend ärgerten. Wenn sie zum Beispiel in der Küche säßen, so schlügen die Feen in der Milchkammer ihre Purzelbäume, daß sie immer vor den Milchsetten Angst hätten, und wenn sie die Kühe anspannten, so wären die Feen in der Küche, sängen, lachten und sprängen über Tisch und Bänke, Topf und Tiegel.

Eines Tages, als ihre Leute und die Schnitter vom Feld gekommen waren, um den Ernteschmaus, welchen die Hausfrau mit großer Sorgfalt und Schmackhaftigkeit bereitet hatte, verzehren zu helfen, und alle sich schon um den Tisch gesetzt hatten: da hörten sie auf einmal Musik über sich und Lachen und Tanzen und pardauz! fiel eine dicke Staubwolke hernieder und verschüttete alle Speisen, die auf dem Tische standen. Besonders war der Pudding ganz verdorben, und den Leuten, welche sich schon auf das leckre Essen gefreut hatten, war vor Schreck aller Hunger vergangen. In diesem Augenblick der Verwirrung und des Aergers trat eine alte Frau herein, welche die Unordnung sah und die ganze Geschichte erzählen hörte.

»Laßt's Euch nicht verdrießen,« flüsterte sie der Frau des Farmers in's Ohr, »ich will Euch sagen, wie Ihr die Feen los werden könnt. Ladet auf morgen Mittag sechs von den Schnittern dort zum Eßen – aber thut's recht laut, damit Euch die Feen auch hören! – Und dann macht nicht mehr Pudding, als in eine Eierschaale geht und laßt es hübsch kochen. 112 Für die sechs ausgehungerten Mähder wird es freilich ein knappes Gericht sein, aber es wird hinreichen, um die Feen zu vertreiben. Folgt meinem Winke, und Ihr werdet in der Zukunft nicht mehr belästigt werden!«

Die Farmersfrau that, was ihr die Alte gerathen hatte; und als die Feen nun hörten, daß ein Pudding für sechs Mähder in einer Eierschaale angerührt und gekocht werde, da entstand im anstoßenden Zimmer gar ein gewaltiger Lärm und eine Stimme rief ärgerlich aus:

»Wir haben lange in der Welt gelebt; wir wurden geboren, sogleich nachdem die Erde geschaffen und noch ehe die Eichel gepflanzt war: aber einen Ernteschmaus in einer Eierschaale kochen haben wir noch nicht gesehn. Nein – in diesem Hause muß nicht Alles richtig sein – kommt, wir wollen nicht länger unter diesem Dache bleiben!«

Von der Zeit an hatte es mit der Musik, dem Lärmen und Tanzen ein Ende, und die Feen wurden in diesem Hause nicht mehr gesehn noch gehört.

Die Suppe in der Eierschaale.

Eine ähnliche Geschichte wird im Kirchspiel Trefeglwys nahe bei Llanidlons in der Grafschaft Montgomery erzählt. Daselbst ist nämlich eine kleine Schäferhütte, welche vom Volk, wegen des merkwürdigen Zankes der einstens daselbst Statt gefunden hat, Twt y Cwmrws, »der Zankplatz« genannt wird. In dieser Hütte wohnte vor Zeiten ein Mann und seine 113 Frau; diese gebar ihm Zwillinge, welche beide Eltern mit der größten Liebe und Zärtlichkeit pflegten. Einige Monate nach der Geburt dieser Zwillinge riefen dringende Besorgungen die Mutter in ein Nachbarhaus; wiewol sie nun allerdings nicht weit zu gehn hatte, so fiel es ihr doch schwer aufs Herz, die Kinder auch nur eine Minute allein zu laßen, da Niemand im Häuschen war und in der Nachbarschaft die Tylwyth Têg spuken sollte. Allein es konnte ihr Nichts helfen; sie verriegelte also die Thüre, gieng und kehrte so rasch als menschenmöglich zurück, war aber auf dem Heimwege nicht wenig erschreckt, da sie – obwol es heller Mittag war – einige von »den alten Elfen in blauen Röckchen« sah. Sie vermuthete schon nichts Gutes; und um so größer war ihre Freude, als sie beim Nachhausekommen Alles fand, wie sie's verlaßen hatte.

Aber nach längerer Zeit fiengen die guten Leute sich zu wundern an, daß ihre Zwillinge gar nicht wachsen wollten, sondern immer so kleine Zwerge blieben. Der Mann sagte; »das sind gar meine Kinder nicht!«, die Frau aber behauptete: »das sind deine Kinder doch!« und daraus entstand jener lange Zank zwischen beiden Eheleuten, wonach der Platz bis auf den heutigen Tag noch heißt.

Eines Abends, da die Frau sehr schweren Herzens war, beschloß sie zu einem Gwr Cyfarwydd oder weisen Mann zu gehn und ihn um Rath zu fragen, da sie wußte, daß diesem alle Dinge bekannt seien.

Nun war es grade an der Zeit, daß man bald 114 Roggen und Hafer einbrachte. Da sagte der weise Mann zu ihr: »wenn du das Mittagseßen für die Schnitter bereitest, so nimm die leere Schaale eines Hühnereies und fülle Suppe hinein und trag' es zur Thüre hinaus, als ob Du es den Schnittern zum Mittagseßen bringen wolltest, und dann höre darauf, was die Zwillinge sagen werden. Wenn die Kinder Dinge sprechen, die über den Kinderverstand hinaus sind, so geh' ins Haus zurück und nimm die Kinder und wirf sie in das Waßer des Llyn Ebyr, welcher nicht weit von deiner Hütte ist; wenn sie aber Nichts Besonders sagen, so thu' ihnen auch kein Leides!«

Da nun der Erntetag kam, that die Frau, was der weise Mann ihr vorgeschrieben hatte, und als sie aus dem Hause war, hörte sie, wie ein Kind zu dem andern sagte:

Ich weiß, daß vor dem Huhn das Ei,
Die Eichel vor der Eiche sei;
Doch nie sah ich ein Mittagsmahl
Für Schnitter in 'ner Eierschaal!

Da kehrte die Mutter eilig in ihr Haus zurück, nahm die beiden Wechselbälge und warf sie in den Llyn (oder Teich). Sogleich kamen die Feen in ihren blauen Röckchen, um ihre Zwerge zu holen; die Mutter aber fand zu Haus ihre eigenen Kinder wieder, die inzwischen stark und kräftig gewachsen waren, und damit hatte der lange Zank zwischen ihr und ihrem Manne ein fröhliches Ende.

Feentanz.

Morgan Rhys Harris – ein alter Mann von sehr 115 achtbarem Rufe – bewirthschaftete zwei Farmen an den Hügeln in der Nachbarschaft von Neath. Früher hatten die Farmer dicht bei den Häusern ihre Oefen, um Gerste und Hafer darin zu backen, und auch Morgan's Haus hatte ein solches Zubehör. Da nun der Farmer eines Tages den Hügel hinab nach seinem Backofen gieng, so hörte er auf einmal eine wundervolle Musik. Er stand still und hörte sie noch; er gieng weiter und hörte sie nur um so voller und deutlicher. Da sah er endlich in kleiner Entfernung vor sich auf dem graden Wege, den er gehen mußte, und nahe beim Backofen zahllose kleine Geschöpfe tanzen. Die Wendungen und Touren des Tanzes waren sehr verschieden, bald giengs vorwärts, bald rückwärts, bald im Kreiße. Der alte Mann blieb stehn, und wußte nicht recht, ob er weiter gehn oder umkehren sollte. Er fürchtete sich, bei ihnen vorüberzugehen, damit er seinen Fuß nicht auf Feenland setze und dadurch den Besitz deßelben verlöre. Er machte daher einen Umweg und erreichte die Scheune bei dem Backofen. Hier versteckte er sich hinter die Thüre, von wo aus er ihre Bewegungen eine ganze Stunde lang beobachtete. Auch behielt er die Melodie, welche sie spielten, und hat sie hernach Jedem vorgesungen, der sie hören wollte.

Feenspiele.

David Tomos Bowen kannte einen Farmer, den die Feen sehr plagten. Sie besuchten den Bach, der neben seinem Hause floß und waren so boshaft, daß 116 ihr größtes Vergnügen darin bestand, den Thon aus dem Grunde des Baches zu holen und kleine Kügelchen, mit denen sie spielten, daraus zu machen. Was für ein Spiel es eigentlich war, konnte er nicht entdecken. Das Waßer aber wurde von dieser Wirthschaft so muddig, daß das Vieh nicht mehr daraus trinken wollte, und wenn sich der Farmer einmal über diese Aufführung beklagte, so wiederholten sie seine Worte stets mit Spott und Gelächter und hüpften weg. Ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft aber, das ihnen diese Thonkügelchen machen half, bekam zum Lohn dafür Geld von ihnen, ward eine sehr reiche Frau und gieng später nach London, wo ein großer und vornehmer Mann sie heirathete.

Feengeld.

David Shone erzählte: Meine Mutter pflegte vor langer Zeit einmal von den Feen Geld zu bekommen. Dicht bei unsrem Hause war ein Brunnen und nahe bei diesem Brunnen ein Rasenfleck, welcher dafür bekannt war, daß sich die Feen dort tummelten. So oft nun meine Mutter an den Brunnen gieng, fand sie auf dem Stein über der Waßerröhre eine neugeschlagene, glänzende halbe Guinee. Einst handelte ich um ein Ferkelchen und meine Mutter, um dem weiteren Wortwechsel ein Ende zu machen, brachte ihr Säckchen mit Gold heraus und gab mir eine ganz neue halbe Guinee. Ich erschrak sehr, da ich ein armes Weib, wie meine Mutter eins war, im Besitze 117 so vielen Goldes sah, und ich bat sie, mir zu erzählen, wie sie dazu gekommen sei.

»Auf rechtliche Weise!« sagte sie – ich erinnere mich noch genau dieses Wortes.

»O Mutter«, sagte ich, »erzähle mir, wo du das Gold bekommen hast; wem willst du das Geheimnis anvertrauen, wenn du nicht einmal deinem einzigen Sohne traust?«

»Gut, – wenn ich muß, so muß ich!« sagte meine Mutter. Darauf erzählte sie mir's – aber wollte Gott, ich hätte sie nie darum gequält! Denn von dem Augenblick hörte die Bescheerung auf. Die Mutter besuchte wol oft noch den Brunnen – aber umsonst! Nicht einen Heller fand sie seit jenem Tage mehr.

Feenwäsche.

Auf Anglesea war Jemand, der eines Morgens beim Erwachen sein Hemd gar nicht finden konnte. Am andren Morgen erstaunte er beim Erwachen noch mehr, da er die Feen in seinem Zimmer tanzen und gleich darauf verschwinden sah. Als er kurz darnach aufstand, fand er sein Hemd rein gewaschen und eine halbe Krone hineingewickelt.

Telyn, die zauberische Harfe.

Die Feen besuchten zuweilen in der Dämmerung und in mannigfachen Verkleidungen die Hütten in Nordwales, um den Charakter der Bewohner zu prüfen. Wenn sie nicht gut aufgenommen wurden, so 118 gieng es denen, die sie beleidigt hatten, fortan sehr schlecht. An einem Abend nun saß Morgan ap Rhys allein in seiner Hütte am Kamin, schmauchte sein Pfeifchen und trank dazu sein Gläschen Bier in aller Gemüthlichkeit. Da klopfte es bescheiden an die Thüre und – nachdem Morgan: »Herein!« gerufen hatte – traten die Feen, als Bettler verkleidet, ein. Sie baten um etwas Eßen, da sie sehr arm und bedürftig seien. Morgan gab ihnen, was er hatte, Käse und Brod, und die Feen – die er freilich nicht dafür ansah – packten es in ihren Quersack. Darauf sagten sie ihm, er solle sich Etwas wünschen und sie wollten es ihm zum Lohn für seine Wohlthätigkeit gewähren. Da Morgan ein großer Liebhaber der Musik war, so wünschte er sich eine Harfe – und kaum gesagt, so stand schon die Harfe vor ihm und die Feen – die er nun freilich dafür erkannte – waren verschwunden.

Da kam seine Frau und einige Nachbarn herein und Morgan, um zu zeigen, was er bekommen hätte, fieng an auf seiner Harfe zu spielen. Aber kaum, daß der erste Ton heraus war, so war auch schon die ganze Gesellschaft auf den Beinen – hast du nicht gesehn – fiengen sie an zu tanzen, als ob sie den Verstand verloren hätten, sprangen bis an die Decke, schlenkerten die Beine weit aus und setzten über Tisch und Stühle weg. Dabei schrien und flehten sie unabläßig, Morgan solle aufhören zu spielen – aber der alte Spaßvogel harfte so lange, bis ihm selber die Finger weh thaten, und da hörten auch die Tänzer auf zu springen und sanken todtmüde nieder. Von der 119 Zeit an wollte Keiner mehr zu Morgan ins Haus gehn, denn Alle fürchteten sich vor der Harfe, die er immer spielte, wenn er zu viel getrunken hatte; und da dieß sehr oft geschah, so war Niemand sicher vor ihm. Und da galt keine Ausnahme. Greise, alte Weiber, Mädchen, Kinder – Einer wie der Andre mußte tanzen, sobald er die Harfe hörte. Die Gegend, wo Morgans Haus stand, ward zuletzt ganz verrufen. und die Nachbarn hätten gern ihre Häuser losgeschlagen, wenn nur Einer gewesen wäre der sie hätte kaufen mögen.

Da, eines Morgens, nachdem Morgan am Abend zuvor zum großen Verdruß seiner Nachbarn sein Unwesen auf der Harfe wieder getrieben hatte, war sie plötzlich verschwunden. Man glaubte, die Feen hätten sie ihm wieder genommen, da sie das Unheil, das er damit anrichtete, gesehen und Mitleid mit den armen Nachbarn bekommen hätten.

Feenbett.

Ein junger Mann gieng eines Morgens früh in den Stall, um die Ochsen zu füttern und legte sich dann, als er damit fertig war, aufs Heu, um noch ein Weilchen zu schlafen.

Als er kaum lag, so hörte er, wie sich dem Stalle Musik nahte und zugleich kam eine große Gesellschaft herein, welche gestreifte Kleider trugen und – die Einen mehr, die Andren weniger ausgelaßen – nach ihrer Musik zu tanzen anfiengen. Er lag ganz still und dachte, sie würden ihn wol gar nicht bemerken. 120 Aber ein Frauchen, das beßer gekleidet war, als die andren, kam zu ihm mit einem gestreiften Kißen, welches an jeder Ecke eine Quaste hatte, und schob es sanft unter seinen Kopf. Kurze Zeit darauf hörte man die Hähne krähen – und ob sie das nun überraschen oder ihnen misfallen mochte . . . genug, sie zogen das Kißen rasch und heftig unter seinem Kopf fort und giengen weg.

Poltergeister.

Giraldus Cambrensis erzählt, daß zu seiner Zeit auch Poltergeister mit Menschen verkehrten, aber nicht sichtbar, sondern nur fühlbar. In einem Hause zeigten sie ihre Gegenwart dadurch an, daß sie Staub und andre Dinge umherwarfen; in einem andren Hause machten sie in wollene und leinene Kleider Riße zum großen Schaden des Hausherrn und Aller, die ihn besuchten. Und weder Vorsicht, noch Schloß und Riegel konnten ihn davor beschützen. Oft sprachen diese Geister sogar mit den Leuten vom Hause, und wenn diese sie verhöhnten, was sie zuweilen aus Muthwillen thaten, dann hielten ihnen die Poltergeister zum Lohne dafür dasjenige, was sie grade am Meisten vor den Andern zu verbergen und geheim zu halten wünschten, öffentlich vor. Dergleichen sollte gewöhnlich einem plötzlichen Wechsel, entweder von Dürftigkeit zu Reichthum oder noch häufiger von Wolhabenheit zu Elend und Armuth voranzugehn pflegen. Wunderbar dabei war es, daß solche Plätze sowenig durch Weihwaßer als durch den Beistand der Sacramente von Erscheinungen 121 solcher Art befreit werden konnten. Ja, die Priester selbst, wenn sie demüthig eintraten, durch Kreuz und Weihwaßer geschützt, wurden gleich zuerst mit Staub beworfen und beschmutzt. Woraus dann folgt, schließt der gottesfürchtige Mann, daß Sacramentalien und Sacramente wol vor verderblichen nicht aber harmlosen Dingen, vor Unheil, nicht aber bloßem Spuk behüten.

Der rothe Simon.

Vor vielen hundert Jahren ereignete es sich, daß ein Geist im Hause Elidor's von Stackpole erschien, der nicht nur fühlbar, sondern auch sichtbar war und zwar in der Gestalt eines jungen, rothhaarigen Mannes, der sich Simon nannte. Er nahm der Person, welcher sie bisher anvertraut waren, die Schlüßel zu Haus und Hof, maßte sich überhaupt alle Verrichtungen eines Verwalters an, die er aber so gut und verständig besorgte, daß unter seiner Obhut Alles gesegnet zu sein schien und kein Mangel im Hause war. Was sich der Herr oder die Frau vom Hause nur heimlich wünschen mochten, das verschaffte er ihnen mit wunderbarer Geschwindigkeit und durch das bloße Wort: »Ihr wünscht daß dieß geschehen soll, und es wird geschehn!« Auch mit ihren Schätzen und geheimen Vorräthen war er wol bekannt, und wenn sie sich einmal geizig oder knauserig benahmen, so rief er aus: »Warum fürchtet Ihr Euch den Haufen Goldes oder Silbers anzurühren, da doch Euer Leben von so kurzer Dauer ist und die Schätze, die Ihr da so 122 sorglich aufhäuft, Euch nimmer zu Etwas dienen werden!« Das beste Essen und Trinken gab er den Tagelöhnern und Dienstboten, denn er sagte: man müße den Personen gute und reichliche Nahrung geben, durch deren Arbeit sie erworben würde. Was er für gut hielt, das that er, mochte es nun dem Herrn und der Frau gefallen oder nicht. In die Kirche gieng er nie, sprach auch nie ein christlich Wort, schlief nicht im Hause, war am Morgen aber immer der Erste an der Arbeit. Endlich entdeckte Einer von der Familie, daß er die Nächte an einem verrufenen Teiche, worin böse Geister hausen sollten, zubringe. Auf diese Entdeckung hin beschloßen denn die Eheleute, ihn nicht länger behalten zu wollen und gaben ihm seine Entlaßung, worauf er die Schlüßel ablieferte, die er vierzig Tage wol verwahrt hatte. Da man nun ernstlich fragte, wer er denn eigentlich sei, da sagte er, seine Mutter sei eine Frau aus dem Kirchspiel – sein Vater aber sei ein böser Geist, der sich seiner Mutter einst in Gestalt ihres rechten Ehemannes genähert habe. Seine Mutter lebe noch, fügte er hinzu und nannte ihren Namen. Die Mutter gestand es auf Befragen auch offen ein; der rothe Simon aber gieng weinend fort und kein Mensch hat jemals wieder Etwas von ihm gehört. 123

 


 

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