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Ein gräflicher Geburtstag / 1

Fritz Reuter: Ein gräflicher Geburtstag / 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämmtliche Werke Band IV
authorFritz Reuter
year1903
publisherHinstorff'sche Hofbuchhandlung Verlagsconto
addressWismar
titleEin gräflicher Geburtstag / 1
pages213-246
created20021005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1847
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Zweiter Tag.

Die Nachfeier zu F.

Motto:            

Wir singen und sagen vom Grafen so gern,
Doch lieber noch von der Frau Gräfin.
Denn wer nur lobte den gnädigsten Herrn,
Der bitterste Tadel, der träf' ihn;

Er schaffet zwar viel, doch Sie noch mehr,
Sie ist werth unsers Rühmens und Lobens,
Denn von Allem, was grad' ist und was ist verquer
Ist doch Sie nur die causa movens.


Am folgenden Morgen stieg Phoebus u. s. w., goldenen Wagen u. s. w., rosenfing'rige Eos u. s. w., schwamm das Silbergewölk hin! u. s. w. Kurz es war ein prächtiger leuchtender Tag und die Sonne schien über ganz Land Mecklenburg und hoffentlich und allem Anscheine nach auch über Pommerland und die Ukermark; denn wir sind nicht solche Egoisten, wie die Unterthanen derer von Reuß-Greiz-Schleiz und Lobenstein, die nur für sich selbst sorgen und vor etlichen 20 Jahren noch beteten:

Herr Gott! gieb Regen und Sonnenschein
Für Reuß-Greiz-Schleiz und Lobenstein,
Und woll'n die anderen auch was haben,
So können sie Dir das selber sagen.

Fischer, den ich verabredungsgemäß zu unserer heutigen Festfahrt abholen wollte, kam mir schon reisefertig entgegen und verzog seinen Mund zu einem freundlichen Guten Morgen. Wenn ich hier von dem Munde meines Freundes Fischer rede, so ist dies, wie ich als gewissenhafter Geschichtsschreiber bemerke, nur eine euphemistische Floskel, denn der Arme hat nicht das, was meine schönen Leserinnen sich unter einem Mannesmund denken, sondern die Natur hat ihm als Surrogat desselben nur ein rundes Loch mit ledernen Klappen gegeben, in das er heute Morgen eine schöne vollaufgeblühte Rose gesteckt hatte. – Nachdem ich ihm die zärtlichsten Vorwürfe über die horrible Zusammenstellung von Gelb und Rosa gemacht hatte, gingen wir ab. Ich will nicht schildern, wie wir durch grüne Auen und Haine schleuderten, durch des Korns hochwallende Gassen, unsern Gedanken überlassen, ich will nicht erzählen, was wir uns erzählt, ich will nicht darüber philosophiren, worüber wir philosophirt, sondern will einfach melden, daß wir nach einigen Stunden die Grenzen der Begüterung erreichten und ihre Marken überschritten.

Durch Vorübergehende erfuhren wir, daß es »noch nicht angegangen sei«, und so beschlossen wir denn, uns zuvörderst etwas durch ein Stück Grabenborte zu stärken. Mein kurzbeiniger Freund war durch die Tour etwas angegriffen, – kein Wunder, da er stets zwei kurze statt meines einen langen Schrittes hatte machen müssen, so daß wir wohl, da ich voranging, den etwaigen Zuschauern wie ein dactylus auf Reisen erschienen sind: –  ˘ ˘ –  ˘ ˘ . Wir hatten einige Zeit geruht, da sahen wir in der Ferne eine Wolke Staubes aufwirbeln, der langsam eine menschliche Gestalt voraufschritt. Fischer, leicht fertig mit dem Wort, sagte: »Siehe, eine Herde Fetthämmel, die ihrem Führer ganz gehorsamst auf dem Fuße folgt.« Ich fand diese Hypothese ganz plausibel, zumal die Berliner um diese Jahreszeit schon ›wat Jrienes und junge Mohrrieben‹ zu haben pflegen, wo dann auch sogar ein Fetthammel sehr ›angenehm‹ ist. Wir hatten uns aber bedeutend geirrt; es waren keine Wollträger, sondern Flachsträger, die flachshaarige Jugend der Begüterung nämlich, die, von ihrem Schulmeister angeführt, als Acteurs des heutigen Tages nach F. commandirt waren. Mager, dürr, wie die sieben mageren Kühe Pharaonis, stapeiete der Schulmeister einher; üppig, feist, wie die sieben fetten, schubsten und kollerten sich die zukünftigen Mannen der Begüterung hinter ihm drein; sie waren nicht costümirt, denn sie spielten Natur, baarfüßig und baarhäuptig glichen sie der Ewigkeit, sie hatten keinen Anfang und kein Ende; ausgelassene Lust platzte aus ihren ziegelrothen Gesichtern und darüber schattete das Strohdach ihres Haupthaars; Balgerei zuckte in ihren braunen Fäusten, und mit dem Humor, der in ihren Augen leuchtete, hätte ich die Schulmeister-Zunft von ganz Deutschland auf ewige Zeiten verproviantiren wollen.

Und dieser ausgelassenen Schaar schritt vorauf ihr gefürchteter Despot, durch Huld und Gunst der Gebieterin neu equipirt. Er trug ein grau nanking Beinkleid, einen grau nanking Rock, eine grau nanking Mütze und ein grau nanking Gesicht; er sah aus, wie eine Grau in Grau gemalte Schulstube, wie die wandelnde Probekarte eines Reisenden κατ' εξοχην, der in grau Nanking macht, wie ein in Chocolade getunkter ›Muschüken‹. So schritt er einher, wie die Präposition ante vor einem Haufen irregulärer Participia, und erregte in mir ein unnennbares Gemisch von Gähnen und Lachen.

»Lache nicht!« sagte Fischer, »denn wisse. dieser Arme ist ursprünglich ein Löwe des Katzengeschlechts, welches Mensch genannt wird: primus inter pares et fruges consumere natus, geboren zu rothem Kragen und rothen Ausschlägen, hat er mit grau Nanking geendet; ein neidisches Geschick hat die Vorzüge der Geburt neutralisirt und ihn zu der Einsicht gezwungen, daß sogar das Vollblut aus Mangel der Ernährung versiegen müsse; kurz er ist ein verarmter Edelmann:

Es ist 'ne alte Geschichte,
Doch bleibt sie ewig neu,
Und wem sie just passiret
Dem reißen die Hosen entzwei.

»Glaube aber ja nicht,« fährt Fischer ernsthaft fort, »daß ich über den alten Menschen meinen Spott ausschütten will, mein Spott gilt allein dem Dilemma, in das ihn die boshafte Zeit geführt, er gilt der Art, wie eine Standesgenossin ihn aus demselben gezogen hat. Aus tiefer Noth schreit er nämlich zur Gebieterin der hiesigen Begüterung; diese nimmt sich auch seiner an und macht ihn zum Dorfschulmeister, – aber seinem angeborenen Adel, seinem Erstgeburtsrechte muß er für dieses Linsengericht entsagen und das Wörtchen: von, es wird von ihm genommen, damit es nicht von dem Schulstaube befleckt werde, so wie man den sonntäglichen Rock auszieht, wenn man an eine schmutzige Arbeit geht.«

»»Fischer! Fischer!«« rief ich aus, »»das ist unglaublich, das wäre ja die tollste Inconsequenz und Principlosigkeit, das hieße ja die ganze, Jahrhunderte lang mit genauer Noth aufrecht erhaltene, auf Inzucht begründete Lehre vom Blut umstoßen. Nein, wie könnte ein Edelmann von Gottes Gnaden veranlaßt werden, und sei's auch durch einen Edelmann von noch höheren Gottes Gnaden, das Wörtchen von vor seinem Namen, das Wörtchen Hoch vor seinem Wohlgeboren aufzugeben?! und dann: wie soll er seine körperlichen Abzeichen, als da sind: kurze Ohren, kleine Hände und andere, verläugnen? Das heißt ja, uns Canaille die Augen öffnen, uns sehen lassen, wie das Geld ein notwendiges Ingrediens des Adels ist, wie der Adel also nichts Immanentes, Sacramentales, Indelebiles ist! das wäre ja, wie Talleyrand sagt, mehr als ein politisches Verbrechen, das wäre ein politischer Fehler!««

»Aber, mein liebes Kind,« erwiderte mir Fischer, »bist Du denn so sehr von gestern, daß Du nicht siehst, wie die Principlosigkeit auch sogar in das ehrwürdige Institut des Adels eingedrungen ist und dasselbe durch Mesalliancen und bürgerlichen Erwerb destruirt? Leben und vor Allem Gutleben gilt heutzutage mehr als alles Princip; eine Schulmeisterstelle von 200 Thalern wird dem Adel vorgezogen, weil man denselben nicht mehr wie vor Zeiten in die Münze historischer Vorurtheile schicken und seine blanken harten Thaler dafür in Empfang nehmen kann. Und was die Lehre vom Vollblut und von den gemischten Ehen betrifft, so ist man mit den Engländern der Meinung geworden, daß das Halbblut sich besser zum praktischen Gebrauch eigene, und daß die Vermählung des Wörtchens von mit einem vollen bürgerlichen Geldsack ein Product liefere, welches am leichtesten über die Mühen des Lebens hinweghelfe. Sieh, mein Junge: Ueberzeugungen giebt's alleweile nicht mehr; der Jude, der sich in eine Christin verliebt hat, läßt sich ohne Weiteres taufen – freilich kommt Einem so 'n Kerl dann vor, wie das weiße Blatt zwischen dem alten und neuen Testament – und der Adlige wirft ohne Weiteres seinen Adel über Bord, wenn er ihn genirt, denn erst kommt das Geld und dann der Adel. Darum adeln sie auch keinen, der kein Geld hat, wenn sie ihn auch noch bei Lebzeiten unter die Heiligen versetzen, sondern nur Rittergutsbesitzer, wovon wir viele warnende Beispiele im Lande haben.«

Aengstlich hatte ich mich während dieser Diatribe umgesehen, und mit einem dankbaren Stoßseufzer rief ich aus: »Gottlob! Gensd'armen sind nicht hier!« während Fischer fortfuhr, seine alles Ehrwürdige, sogar das Lehnrecht umstoßenden Reden zu führen; ich aber suchte in meinem Herzen diese Reden durch dicke Censurstriche auszulöschen, um nur nicht aller Ehrfurcht vor dem recipirten Adel und seinen Jungfrauen-KlösternDer Genuß der Einkünfte &c. der drei meckl. Jungfrauen-Klöster Malchow, Dobbertin und Ribnitz wird vom sog. eingeborenen und dem durch Reception ihm gleichgestellten recipirten Adel allein beansprucht. verlustig zu gehen. Mit großer Heftigkeit bestritt dieser Fischer namentlich meine Ansicht, daß sich gewisse körperliche Vorzüge, wie kurze Ohren, kleine Hände, angeborene Epaulettes u. s. w. beim Adel ausgebildet hätten; er führte mehrere leider nicht wegzuleugnende Beispiele von ganz gewöhnlichen, ja sogar von außergewöhnlich langen Ohren bei dieser Menschenrace an, welches letztere Phänomen vorzüglich bei einer großen Steifigkeit des Genicks anzutreffen sei.

»Du scheinst Dir in Deiner Einfalt,« fuhr Fischer warm und grob werdend fort, »die Sache so zu denken, daß, gleich wie man einen Deutschen, der nach Texas auswandert, immer als einen solchen erkennen wird, so müsse man auch einen Adeligen, der, wie die Freimaurer sagen, gedeckt hat und sich meinetwegen Herr Fischer nennt, doch immer unter den Bürgerlichen, wie ein Merino unter den Schmierschafen, herausfinden können. Das ist eine ungeheure Simpelei von Dir, denn ich sage Dir, ich habe den Cavalier am vollendetsten darstellen sehen von als Gauner reisenden Kellnern und Barbiergesellen, welche sich für Edelleute ausgaben, und habe dagegen geborne Adlige kennen gelernt, die wegen ihrer Verdienste um die Erleichterung, wenn auch nicht der Staatsabgaben, doch der Staatscasse in den Bürgerstand versetzt worden waren, und die man platterdings nicht von andern Canaillen unterscheiden konnte.« –

Ich sehnte mich begreiflich sehr danach, diesen unpolitischen Fischer'schen Vorlesungen zu entkommen, und war daher unendlich erfreut, als wir endlich, es war Nachmittags 4 Uhr, auf dem Schloßhofe zu F. anlangten. Ebendieselben Verzierungen von abgehauenen Tannenbäumen wie zu S. am Tage vorher; selbst der Dunghaufen war damit verziert, welches ihm einen die Festlichkeit sehr hebenden Charakter verlieh. Die hohen Herrschaften aber tafelten noch, und wir konnten uns also einstweilen in die durch die verheißenen Festlichkeiten herbeigezogene Menge tauchen und nach Bekannten suchen. Der erste, der uns aufstieß, war jener breite, vollwichtige Mann, der am Abend vorher sich einen Ableger vom Marzipanherzen gewünscht hatte; er stand da und schwitzte, oder wie ein Arzt meiner Bekanntschaft zu sagen pflegt, wenn er mit Damen spricht: er duftete. Von Zeit zu Zeit aber quoll aus seinem Munde der Ausruf: »Markwürdig! Höchst markwürdig!« und dabei sah er starr aus die Fenster des hochgräflichen Schlosses. »»Herr N.,«« sagte ich, »»wohin sehen Sie? ich sehe nichts!«« – »Ich och nich,« war die Antwort. – »»Nun was ist denn merkwürdig?«« – »Die Illum'natschon,« versetzte er. – »»Illumination? und das des Nachmittags um 4 Uhr am 30. Mai? Ich sehe ja keine.«« – »Ich och nich!« war die Antwort, aber »sind soll eine;« – dabei setzte er, von uns gefolgt, seine Körpermasse in Bewegung und zeigte, näher gekommen, triumphirend nach den Fenstern des gräflichen Schlosses, die richtig durch eine doppelte Reihe von brennenden Kerzen, wenn auch nicht beleuchtet, doch bequalmt wurden. »Na! hören Se mal!« rief er dann aus, »gestern mit dat Herz und den Engel, dat war doll, aber ein Deubel geht immer übern andern! Dat hätt' ich mir nicht gedacht, dat die Lichtzieher und Seifensieder noch mal mit der lieben Sonne Wettbahn laufen thäten, wer den andern über würde; dat globt mir meine Frau nu un nimmermehr, un die globt doch noch an 't Pusten und an den Vierschillingskalender!« –

Der kleine Fischer, der in solchen Fällen sogleich eine Conjectur bereit zu haben pflegt, erklärte diese Illumination für eine sublime Finanzspeculation: die Holländer, meinte er, hätten in früheren Zeiten einmal auf dem Markte von Amsterdam ihren ganzen Vorrath von Gewürzen verbrannt, um die Preise dieses Artikels steigen zu machen. So, meinte er, gehe man hier damit um, die Preise des Fettvieh's durch eine sonst allerdings ganz zwecklose und unerklärliche Talgconsumtion ›angenehmer‹ zu machen. Ich aber dachte an das Seitenstück dieser Illumination bei Sonnenschein, nämlich an den Fackelzug, durch den man am gestrigen Festabend den Mondschein verdunkeln wollte, und klar wurde mir plötzlich die gestrige Behauptung des Mondes, daß er durch den Einfluß, den er selbst auf hochgeborne Gehirne ausübe, bei unserer Festgeschichte auch ein Wörtchen mitgesprochen habe. Mittlerweile war die hochgräfliche Tafel aufgehoben und zu dem dreist schon vorweg in den Park eingedrungenen Volke gesellte sich, wenn dieser Ausdruck anders nicht zu familiär ist, der bevorrechtete Theil der Zuschauer, unter denen, wie ich erst heute entdeckte, sich auch einige zahme Engländer befanden, deren Gegenwart sich durch ihre gurgelnden, zischenden, mundausspülenden Worte hinlänglich verrieth. Wie neidisch diese stolzen Insulaner wohl auf unsere Plaisirs geworden sind; so 'n zugeknöpfter Engländer läßt sich das nur nicht so merken.

Leider waren nun heute keine Komödienzettel und auch keine ukermärk'schen Festgedichte unter das Volk vertheilt; vielleicht sollte das Ganze dadurch einen mehr improvisirten Charakter erhalten. Um jedoch die jetzt folgenden Scenen dem geneigten Leser anschaulicher zu machen, habe ich denselben nachträgliche Komödienzettel voraufgeschickt:

Auf hohen Befehl wird heute
am 30. Mai 1842
durch Zusammenwirken mehrerer ausgezeichneter Künstler
zum erstenmale ausgeführt:.

Vorwärts!
oder:
Nur dem reisen Volk als Lohn
Giebt man Constitution.

Originalposse in 4 Acten.

Personen:

dargestellt von
Zwei junge Daniels als Richter über die Völker     2 jungen adligen preußischen Lieutenants.
50–60 verschiedene Völker, worunter Deutsche, Baschkiren und Botokuden 50–60 Jungen aus der Begüterung.
1 Schwein 1 wirkl. Faselschwein.

Der Schauplatz ist ein grüner Rasen. Im Hintergrunde steht eine aufgerichtete Stange, oben mit Tüchern geziert, unten mit Seife beschmiert.

Bei Anfertigung des Komödienzettels bin ich davon ausgegangen, daß der Festordner die Intention gehabt habe, die sogen. großen Fragen der Zeit als Mittel gegen die Langeweile nutzbar zu machen und zugleich durch heitere Allegorie denselben mehr Eingang zu verschaffen, so wie man den lieben Kleinen den Zittwersamen, damit er glatt eingehe, mit Honig versetzt.

So muß man den ersten Act dieses Stücks für ein politisches Ballet ansehen, und wie ein transcendentaler Kopf ausfindig gemacht hat, daß Fräulein Taglioni Geschichte tanze, so kann man auch dreist behaupten, daß die Jungen aus der Begüterung hier philosophische Betrachtungen über den Völkerfortschritt tanzten.

›Ein tiefer Sinn liegt oft in kind'schem Spiel.‹

Ferne sei es jedoch von mir, meine Auslegung dieses kind'schen Spiels dem Leser aufdringen zu wollen; es steht hier allen möglichen und unmöglichen Conjecturen ein großer Spielraum zu Gebote, wenigstens ein größerer als den Beinen der Jungen, die im ersten Act bis an die Mitte des Körpers höchst decent in Säcke gehüllt waren, welches, beiläufig gesagt, auf königlichen und Nationalbühnen vom Ballet nachgeahmt zu werden verdiente.

Von den beiden preußischen Lieutenants, als Leuten vom Fach, in Reihe und Glied gestellt und commandirt, stolperten und purzelten die Jungen in ihren Säcken nach gegebenen Zeichen dem Ziele zu, wo aufgestellte Preissemmeln ihrer harreten.

»Diese Allegorie ist klar wie Kloßbrühe,« sagte Fischer. »Die Jungen sind die Völker, die Semmeln die Constitutionen, die Säcke die Censur, die hochadligen Zuschauer die Potentaten, die sich über das Sacklaufen der Völker königlich amüsiren, die zuschauende Canaille der antike Chor, und das Ganze ist eine Darstellung des Völkerfortschritts. Und siehst Du wohl den Jungen da, welcher um eines Hauptes Länge über die andern hervorragt, wie wailand Saul über seine Brüder: der Junge ist der Repräsentant der Mecklenburger in diesem Völkerfortschrittsspiel.« –

Es war dies eine außerordentlich gutmüthige, ruhige und zufriedene Erscheinung; die Devise seines Schildes war: ›Halte fest, was du hast,‹ und ›Gieße nicht unreines Wasser weg, bevor du reines hast.‹ Sein Wahlspruch war: ›Was deines Amts nicht ist, da lass' deinen Vorwitz,‹ und auf seinem runden Antlitz las man: ›Leben und Leben lassen!‹ Angethan war unser Mecklenburger mit einem Paar altehrwürdiger bocklederner Hosen, an denen unten immer von Jahr zu Jahr, je nachdem der Insasse mehr und mehr ausgewachsen, ein neuer Ring von Bockleder angestückt worden, so daß man an diesen chronologischen Hosen mit Leichtigkeit sein Alter erkennen konnte, wie bei den Kühen an den Jahrringen der Hörner. Ihm neue Hosen zu geben, das litt die Pietät gegen die alten nicht, und so trug er immer noch die alten Hosen aus der Zeit der Reversalen.Urkunden vom 2. und 4. Juli 1572 und 23. Februar 1621, worin die Rechte der mecklenb. Stände verbrieft sind. Und wohlconservirt waren diese Hosen noch, das muß man sagen, aber kleidsam oder gar modern und bequem waren sie nicht, nein gewiß nicht. Denn auf die allmähliche Ausdehnung des armen Jungen in die Breite hatte man durchaus gar keine Rücksicht genommen, so daß sich derselbe nur höchst langsam und unbeholfen bewegen konnte – und nun sollte er gar mit sans-culottes und anderm leichten Gesindel sacklaufen nach der Constitutionssemmel! Kann es uns wohl bei so bewandten Umständen Wunder nehmen, wenn der lange Lümmel gleich beim ersten Schritt in seinem Sack wie ein Büffel hinstürzte, und ihm keine von den Preissemmeln zu Theil wurde, welche die obbenannten jungen Daniels unter die übrigen Jungens verteilten? Nein, ehrlich Spiel! Soll dieser Mecklenburger mit Erfolg sacklaufen nach der Constitutionssemmel, so emancipirt ihn erst von seinen christlich-germanischen Hosen.

Sehr neugierig war ich, wie er sich bei seinen getäuschten Hoffnungen geberden würde; ich erwartete eine Art komischer Verzweiflung oder einen neidischen Blick auf die Glücklicheren; nichts von alle dem war zu bemerken; als er sah, daß er keine Semmel bekomme, daß sein Hoffen und Wünschen gescheitert sei, langte er ruhig in die Tasche seiner historischen Hose, holte eine verschimmelte Brodrinde hervor, die so alt schien, wie die mecklenburgischen Landtage, und begann, sich daran die Zähne zu zerbrechen.

Der zweite Act des ersten Stücks bestand in einem Syrups-Semmel-Vergnügen. Es waren Semmel ausgehöhlt, mit Syrup gefüllt und an Fäden aufgehangen. Die Aufgabe der Jungen war nun, sich ohne den Gebrauch der Hände diese Semmeln, die etwas höher hingen, als sie selber waren, sammt ihrem süßen Inhalt zu Nutzen zu machen. Wie viele starr auf die süßen Schätze gerichtete Augen, wie viele offene und hoffende Mäuler waren hier zu schauen! Welche Anstrengungen! welches Schnappen und Lecken! Hatte Einer das große Glück, das Ende der Semmel zu durchschnappen, und träufelte auf sein dankbar verklärtes Gesicht der Segen des süßen Syrups hernieder, so stürzten seine Nachbarn auf ihn los und es begann ein Küssen und Lecken auf seinem Antlitz; die Zungen verwirrten sich bei diesem Geschäft, wie bei der babylonischen Sprachverwirrung, und alles lös'te sich endlich in die Sprache der Hottentotten auf, die bekanntlich größtentheils aus Schmatzen und Schnalzen besteht. Doch malen wir dies nicht weiter aus, denn ein weiserer Mann, als ich, hat schon den Satz aufgestellt, daß alle Affecte der menschlichen Natur einer poetischen Auffassung fähig wären, nur nicht der Ekel. »Fischer! wo ist denn unser Mecklenburger mit seinen chronologischen Hosen geblieben?« fragte ich. – »»Oh! dort steht er,«« antwortete Fischer, »»sein Antlitz glüht vor Wonne und Syrup wie ein siebenfach geheizter Ofen; bei diesen, beiläufig gesagt, im Gegensatz zu den Constitutionssemmeln die materiellen Interessen symbolisirenden Semmeln kommt ihm seine Länge ausnehmend gut zu Statten, er braucht nicht zu hüpfen und zu schnappen, er frißt seine Syrups-Semmel wie ein Pferd von der Raufe, er braucht mit Niemandem zu theilen, keine Zunge reicht an ihn, und nur mit der Wurfschaufel seiner eigenen reinigt er bisweilen sein gesegnetes Angesicht!««

»Was! Donnerwetter!« erscholl da hinter uns eine Stimme, und mit Heftigkeit drängte sich ein Wirthschafter der Begüterung zwischen uns durch; »was Donnerwetter! ich denke, der verdammte Junge ist beim Klutenklopfen, und er steht hier und leckt Syrup! Wie kommst Du hier her, Du Schlingel?« – »»Oh, Herr,«« antwortete der Klutenklopferdeserteur, »»ick hadd doch so grote Lust dortau.«« – »Herr W.,« sagte Fischer, »dagegen läßt sich nichts sagen, der Jüngling hat Lust dazu, wie er sagt, und Talent hat er auch dazu, wie ich behaupten möchte, und da ihn seine Hose nicht daran hindert, auch der Sack nicht, so seien Sie nicht so grausam, ihn in seinen Syrupsvergnügungen zu stören; auch später nicht in seiner Verdauung, denn in gestörter Verdauung haben Ideen ihren Ursprung, und Sie werden doch keine Hofjungen mit Ideen haben wollen?« – Aber, sei es, daß er Hofjungen mit Ideen gerade vorzugsweise gerne hatte, sei es, daß er es für zu gewagt hielt, unter den Augen der Gebieterin sich eine Saumseligkeit in der Erfüllung seiner Pflichten zu Schulden kommen zu lassen, er blieb ungerührt von Fischers Reden und von unsers Mecklenburgers Bitten. Der arme Junge mußte fort; aber so ruhig, wie im ersten Act ging er nicht, so ruhig gab er nicht sein Syrupsparadies auf; thränenden Auges und zögernden Schrittes trennte er sich von seiner halbverzehrten Semmel, dann allmählig in Zorn übergehend, streckte er die Zunge aus, uns jedoch in Ungewißheit lassend, ob es der Verhöhnung oder des Syrups wegen sei, und schlug sich in die Büsche.

Mit seinem uufreiwilligen Abgang vom Schauplatz verlor die Sache sehr, namentlich an nationalem Interesse, und die beiden jetzt folgenden Acte waren offenbar die schwächsten der ganzen Vorstellung, da im dritten Act, in welchem die eingeseifte Stange, welche nach Fischer den Freiheitsbaum vorstellen sollte, und die flatternden Tücher an ihrem Gipfel mitspielten, eigentlich gar nichts vorgestellt ward, weil die Jugend in der Begüterung nicht im Stande war, sich vom Boden los zu machen und sich über ihren gewöhnlichen Standpunkt zu erheben, also endlich voll Verzweiflung beschloß, das zu bleiben, was sie sei, nämlich glebae adscripti. In diesem Acte spielte von allen Personen die glatte Stange mit der grünen Seife ihre Rolle am Besten; und wenn die scharfsinnige Definition von Lustspiel und Trauerspiel wahr ist, wonach dasjenige ein Lustspiel ist, worin ›sie sich kriegen‹, und das ein Trauerspiel, worin ›sie sich nicht kriegen‹, so war dieser Act jedenfalls ein Trauerspiel, denn die bunten Tücher auf der Stange und die Jungen kriegten sich nicht.

Der nun folgende vierte und letzte Act dieses ersten Stückes, worin das Faselschwein debütirte, war jedoch im Gegensatz zum vorigen ein Lustspiel und zwar ein dreimal destillirtes, indem das Kriegen hier mit solcher Leichtigkeit Statt fand, daß sich hier alles kriegte: die Jungen und das Faselschwein und das Faselschwein und die Jungen. Oft erwähntes Faselschwein sollte nämlich von den anderen zweibeinigen Acteurs unter vielen kurzweiligen Anstrengungen gegriffen werden; sowie es aber in den glänzenden Kreis der hochadligen Zuschauer gebracht wurde, fühlte es seine eigene Nichtswürdigkeit so sehr, daß es sich zu den Füßen eines hohen Adels prosternirte und sich von jedem greifen ließ, der es irgend haben wollte; alles so demütig und respectvoll, daß man in Versuchung kam zu glauben, in dasselbe sei vor 1800 und einigen Jahren der Teufel des Servilismus gefahren. –

Hiemit schloß das erste Stück. Ich für meine Person bin zu sehr für Kinder und Kinderspiele und Possen eingenommen, als daß ich dieselben mit unparteiischer Strenge kritisiren könnte, und muß solches daher dem geneigten Leser überlassen.

Es folgten jetzt noch einige Zwischenspiele, von denen das eine den Vorteil hatte, sehr wenig Aufwand von Geist mit vieler Beliebtheit zu verbinden; es wurde Geld (im Ganzen 2 Thlr. pr. Cour.) unter das Volk ausgeworfen, ein echt aristokratischer und doch zugleich liberaler Act. Darauf:

Zweites Stück.

Die Füchse in der Klemme
oder:
Was du nicht willst, das dir geschicht,
Das thu' auch keinem Andern nicht.

Frei nach dem Englischen.

Personen:

dargestellt von
Zwei junge Füchse mit gebrochenen Beinen     2 jungem Füchsen.
6 Dachshunde 6 Dachshunden.

Einleitend unterhielten uns die grün und gelben musikalischen Stallleute, der aufgewärmte Spinat mit Eiern von gestern, mit Variationen des Liedes:

Füchse, Hasen und Studenten
Leiden gleiches Ungemach,
Jenen jagen Jäger, Hunde,
Diesen die Philister nach.

Ich dachte noch über dies Lied einer guten alten Zeit nach, als ich zwei junge Füchse in dem zweiten Theaterstücke auftreten sah. Doch was sage ich ›auftreten‹, dies konnten sie nicht, da ihnen die Beine gebrochen waren. Beide jung, in der Blüthe ihrer Jahre, nicht etwa in Schlauheit und Schelmerei ergraut, wie der neue Reinecke, lagen sie da mit gebrochenen Beinen und gebrochenem Herzen und wurden ein Opfer angestammten Adelshasses. (Der Adel ist hier der Hassende und nicht der Gehaßte.) Sie starben mit Muth und Entschlossenheit unter Beihülfe von sechs Dachshunden durch adlige Hand. Und der ganze vornehme Zirkel der Fuchsjäger drängte sich zu dem Schauspiel, und die Herren drückten sich die Hände vor Freude und begratulirten sich, und die Damen blickten lieblich milde, wie Vollmondsschein, und die beiden Lieutenants sahen stolz aus, und Fischer gab in der Aufregung einem Jungen ein paar Maulschellen, weil er einem Maikäfer die Beine ausgerissen hatte.

Es ist wahrhaft stärkend und erhebend für die schwache Menschennatur, so raisonnirte ich hiebei inwendig, wenn man bemerkt, wie einzelne Menschen, ja ganze Stände, mit eiserner Consequenz einen großen Zweck unablässig verfolgen und durch diese Fähigkeit auch das Schwerste vollführen. In den alten Zeiten war es die Aufgabe des Adels, unsere Jungfrauen gegen Drachen und Lindwürmer und anderes Ungeziefer zu schützen; er hat mit solcher Hartnäckigkeit dieser Aufgabe obgelegen, daß dergleichen Gethier auf Erden nicht mehr zu finden ist, und unsere Jungfrauen den Zudringlichkeiten verliebter Lindwürmer nicht mehr ausgesetzt sind; darauf hat sich sein Vertilgungskrieg gegen Bären und Wölfe gerichtet, um die Lämmer gegen dieselben zu schützen; auch diese sind bei uns verschwunden; und so, vom Großen zum Kleinen herabsteigend, ist hochderselbe jetzt auf den Punkt gelangt, unsere Gänse gegen die Füchse in Schutz zu nehmen. Auf der andern Seite hat aber ein anderer achtbarer Stand, der der Rattenfänger und Kammerjäger, ebenfalls unablässig die geringeren Racen des Ungeziefers zu vertilgen gestrebt, so daß beide Theile sich jetzt leicht in's Gehege kommen können und anscheinend die Zeit nicht mehr fern ist, wo die Jagdgründe dieser beiden Jagdvölkerschaften genauer durch Landesgesetze festgestellt und die beiderseitigen Privilegien gegen Uebergriffe geschützt werden müssen. Und leider muß ich sogleich einen solchen Uebergriff von Seiten des Adels mittheilen.

Kaum lagen unsere jugendlichen Fuchs-Märtyrer auf dem blutigen, kühlen Rasen, als man uns wieder mit einem Gericht Spinat und Eier tractirte. Es war ein wehmüthig Gericht und paßte sehr gut zu dem Schluß des voraufgegangenen Trauerspiels; aber plötzlich fielen alle Instrumente mit einer schwunghaften Cadenz in die Melodie des preußischen Volksliedes: ›Gottlob, daß ich ein Preuße bin‹; nur das Fagot, welches sich wohl der Tendenz des Liedes erinnerte, nicht aber der Melodie, spielte immer: ›Prrr! Prrr! Russia sei's Panier! Vivallera!‹ und führte so auf ganz zwanglose Manier das folgende Stück ein, welches auf dem Komödienzettel als eine Uebersetzung aus dem Russischen bezeichnet ist. Fischer aber, der allenthalben mit dreinsprechen muß, trat an das Fagot und sprach zu ihm: »Liebes Fagot, Sie irren sehr, es heißt nicht Russia, sondern ›Borussia‹, und dessen Feldgeschrei heißt nicht ›Prrr! Prrr!‹ sondern ›Vorwärts!‹« – Es folgt also:

Zum Beschluß:

Der Ratten Noth
oder:
Quäle nie ein Thier zum Scherz,
Denn es fühlt, wie du, den Schmerz.

Schauerstück in 1 Act.
Frei nach dem Russischen

Personen:

dargestellt von
100–150 Ratten     wirklichen Ratten.
6 Dachshunde 6 Dachshunden.

So wie Napoleon zum endlichen Ausschlage sich der alten Garde, seiner Haupttruppe bediente, wie sich der Sänger seine Bravourarie bis zuletzt aufspart und das Kind den schönsten Leckerbissen, so hatte man auch das nun folgende Haupt- und Spectakelstück, diesen süßen Rahm des ganzen Festes, diesen überzuckerten Eierkuchenrand der Lust an's Ende des Tages versetzt, um den Zuschauern einen, den Festlichkeiten überhaupt entsprechenden Nachgeschmack zu geben.

Ich habe manchen eigenen Geburtstag gefeiert und manchem hochgräflichen in der Begüterung beigewohnt, ich habe gesehen, wie man einen Kahn auf einem vierspännigen Wagen in freier Luft von Fischerknechten rudern ließ; ich habe neuerdings einer frommen Feier des Geburtstages beigewohnt, wo ich nicht in's Klare gekommen bin, ob man dem lieben Gott oder der Gebieterin mehr Weihrauch streute; ich habe erlebt, daß gute, ehrsame Spießbürger in Ekstase gerathen sind und eine junge unverheiratete Gräfin, die in einen geistlichen Orden zu treten die Absicht hatte, mit Psalmen angesungen haben; ich habe von Augenzeugen gehört, daß in den alten fröhlichen Zeiten der Begüterung von hochgräflichen Personen, Männern wie Frauen, in weißen übergezogenen Hemden bei nächtlicher Zeit im Mondschein zu Pferde eine Darstellung der wilden Jagd geliefert worden ist; aber dies – – – dies nun folgende Schauspiel habe ich auch erlebt, ja, was noch mehr sagen will: es überlebt.

Schon einige Tage vor dem Geburtstage war ein Gebot ausgegangen von hoher Hand und in dem Curialstyl der Begüterung › selbsteigen, eisern‹ befohlen, auf die Ratten zu fahnden; den einzelnen Inspectionen war ausgegeben, unter den Ratten die Aufruhracte zu verlesen, das Viehhaus zu F. war in Belagerungszustand erklärt, und vier handfeste Hofjungen wurden, mit dicken Handschuhen bewaffnet, als Reichsexecutionstruppen gegen das Volk der Ratten commandirt. Die Ratten minirten, die Jungen contreminirten, und endlich, nachdem alle festen Positionen und Außenwerke genommen, auch ihre Citadelle im Schweinekoben gestürmt war, mußten sich die bedrängten Ratten, 300 an der Zahl, auf Gnade und Ungnade ergeben, und wurden als Kriegsgefangene in die Bergwerke einer Futterkiste abgeführt. Auf einem Schimmel brachte eine Estafette der Residenz B. den Frieden, meldete die Siege und forderte Instructionen in Betreff der Gefangenen. Die eingehenden Instructionen lauteten dahin: daß kriegsgefangene Ratten auf keine Weise schon jetzt massacrirt, sondern bis zum Geburtstage der Gebieterin conserviret werden sollten, damit sie an diesem gesegneten Tage ad majorem gloriam Hochderselben von Hunden todtgebissen würden.

Diesem Befehle zufolge wurden die Ratten auf alle Weise in der Kiste verpflegt, auch ihnen in Gestalt von Roggenschrot manche Erheiterung gewährt; aber vergebens: ein junges begeistertes Rattenmännchen, oder Rattenkater, oder Ratterich, ich weiß mich nicht auszudrücken, trat auf und hielt eine Rede, in der er den Tod als das einzige Asyl der Ratten schilderte, die schöne Gotteswelt so schlecht als möglich machte und damit schloß, daß er sich selbstmordete. Unverzagt, wie Pariser Grisetten, folgten ihm Alle in den Tod, und am andern Morgen, als die Inspection die Futterkiste inspicirte, erblickte sie statt 300 kriegsgefangener Ratten 300 todte Cato's von Utica, und thränenden Auges die Futterkiste schließend sprach sie mit vor Rührung zitternder Stimme: »dat heww 'ck mi woll dacht!« – Der schauerliche Vorfall wurde, wie sich gebührt, durch neue Estafetten höheren Orts gemeldet, aber – man bewundere die consequente Durchführung eines selbsteigenen eisernen Befehls – der Plan eines Ratten-Autodafé wurde nicht aufgegeben, sondern in der Residenz selbst Ratten eingefangen und selbige am Morgen des heutigen Tages nach F. geschafft, wo sie in dem sog. Schießhause, dessen Fußboden zu diesem Zweck mit Latten neu ausgedielt war, um den Durchbruch zu verhindern, als letzte délice aufbewahrt wurden.

Als nun, wie oben erzählt, die beiden kleinen Fuchsmärtyrer auf dem kühlen, blutigen Rasen lagen und Alles glücklich war, gingen die beiden Lieutenants zum Schießhaus; Alles folgte und sah allda mit hoher Bewunderung, daß die Lieutenants sich gar nicht fürchteten, sondern in den ›furchtbaren Zwinger‹ und ›der Ungeheuer Mitte‹ mit der Heiterkeit vollendeter Helden traten. Zur Sicherheit und der Bequemlichkeit wegen nahmen sie jedoch Dachshunde mit.

Und nun ging die Schlacht von Statten;
Hunde fielen jetzt den Ratten
        In die Klatten,
Und den armen kampfessatten,
        Todesmatten
Sie nicht Ruh' noch Rast gestatten,
Bis nach blutigen Debatten
Hin sie sanken auf die Matten,
Auf die platten, glatten Latten,
Eingeh'n in das Reich der Schatten
Und sich mit dem Tode gatten.
Jetzt die Hunde auch ermatten,
Und die beiden Helden hatten
Bis an ihrer Waden Watten
Nichts als Ratten, Ratten, Ratten!

Hoch aufgethürmt lagen die Leichen der Erschlagenen und mitten drinne standen wie zwei Marse die hochgeborenen preußischen Lieutenants und plätscherten im Blute. Wäre der Anblick nicht so schrecklich, er wäre schön gewesen. Das Volk schrie Victoria! die Stallleute spielten: ›Heil Dir im Siegerkranz;‹ die Hunde bellten Siegeslieder, und Fischer declamirte:

Wie sich die platten Bursche freuen!
Es ist mir eine rechte Kunst,
Den armen Ratten Gift zu streuen.

Dann spie er auf eine unnachahmliche Weise wie ein Bootsknecht aus und sagte: »Wäre der Fall umgekehrt und hätten die Ratten die beiden Lieutenants untergekriegt, dann wäre ich dem Thierquälerverein beigetreten!« – Ich gebrauchte einige Zeit, um den Sinn dieser Aeußerung ganz zu fassen, und beschloß dann in meinem Herzen, um nicht compromittirt zu werden, nie wieder mit dem malitiösen Menschen auf gräfliche Geburtstage zu reisen; für heute war er mir nun einmal angetraut und ich mußte, wohl oder übel, meine Heimreise mit ihm antreten.

So schloß dies Fest. Wir gingen ab, und wie's zu gehen pflegt, wenn man zu viel Süßigkeiten genossen hat, wir hatten das Gefühl von einem verdorbenen Magen, welches sich bei mir bis zum Ekel steigerte. Doch bald mußte diese unangenehme Empfindung der belebenden Frische des reinen Abends weichen, und mit raschen dactylischen Schritten eilten wir durch die hereinbrechende Dämmerung, bis wir dicht vor uns einen wandernden Handwerksburschen erblickten, der uns mit demüthiger Miene seine Mütze hinhielt und leise in einem fremden Dialekt um eine Gabe bat. Stille Ergebenheit lag auf einem Gesicht, dessen Jugend kaum noch durch das Alter seines Elends hindurch schimmerte und davon ergriffen fragte ich mitleidig nach seiner Heimath und nach seinem Gewerbe. – »Nu, su gärne,« war die Antwort, »ich bin ok ein armer Weberg'sell aus Schläsingen.« – Wir gaben ihm ein kleines Viaticum und wurden, nachdem wir von ihm geschieden, aus der vorwurfsvollen Träumerei, die sich unserer bei seiner demüthig stillen Erscheinung bemächtigt hatte, durch seinen Gesang erweckt, der sich leise wie Abendthau über die grüne Erde hinzog und dann rein, wie Frühlingslust, und süß, wie Blumendüfte, als ein demüthiges Opfer zum Himmel emporstieg. Er sang in seiner Landesmundart:

Warum is denn auf Erden hienieden
Jedes Menschen sei' Stand so verschieden?
Warum is denn der Eene a Grafe,
Un der And're, der hüt't em de Schaafe?
Warum is denn der Eene su reich,
Un der And're su arm.? Vur dem Herrne
Durt uben sein Alle doch gleich?
I nu, mein Gott, su gärne!

Jeder Mensch hat wohl seine Stature,
Ihren Gang hat die ganze Nature,
Un der Fuchs un die Maus un die Ratze,
Jeglich Wesen hantirt uf sei'm Platze,
Jeglich Wesen folgt stille un stumm;
Dadraus du Menschenkupp lärne:
Sei bescheeden! un fra't Eens: warum?
I nu, mein Gott, su gärne!

Wenn se fra't mit dem kirschruthen Maule:
»Warum wünscht a sich Füße vom Gaule,
Warum wünscht a sich Fliegel vom Sturche,
Un vollführet a solches Gehurche,
Warum liebt a mich immer noch su?
Ei der Längde de Zeit, ei de Ferne,
Warum läßt a mer gar keene Ruh?«
I nu, mein Gott, su gärne!Letzte Strophen eines Holtei'schen Gedichts: »Su gärne«, mit kleinen Abweichungen von Wortlaut und Rechtschreibung des Originals.

Es lag in diesem wunderlichen Liede und in seiner Sangweise so viel Ergebung, es klang darin so viel Liebe, so viel Hoffnung, ja es schallte darin durch tiefes Elend hindurch so viel Jubel triumphirender Treue, daß ich peinlich durch die Vergleichung der Freuden des Sängers mit den seit zwei Tagen von uns genossenen betroffen wurde. Sogar Fischer, dieser unverwüstliche Hampelmann der ›Fidelität‹, schien ernster gestimmt und hatte auf Augenblicke seine schlechten politischen Witze vergessen; doch dauerte dies natürlich nicht lange; er begann alsbald mit einer wahrhaft erbärmlichen Stimme, die einer Nachtwächter-Knarre auf ein Haar glich, höchst erbärmliche Fibelverse abzusingen. Mit dem A anfangend, sang er den uralten Vers:

Der Affe gar possirlich ist,
Zumal wenn er vom Apfel frißt,

und schloß denselben mit einem Refrain, der mir das Trommelfell zu zersprengen drohte und auf Deutsch lautet:

Schnetterdeng, deng, deng, Schnetterdeng.

Darauf fuhr er fort, den Vers für B und C zu singen; beim G sang er:

Der Gard'officier sich schnüret ein,
Der Gimpel ist ein Vögelein u. s. w.

Beim H aber stockte er und konnte sich nicht auf einen dazu passenden Vers besinnen; er mußte endlich davon abstehen, in der Reihenfolge zu bleiben, und sang nun sein schreckliches Charivari ohne alphabetische Ordnung zu Ende; doch schien er sich noch immerfort mit dem Vers für das H zu quälen. Endlich kamen wir vor seiner Behausung an und unsere Wege trennten sich. Als ich um die nächste Ecke bog, ruft der Fischer noch hinter mich her: »Du! höre! nun weiß ich den Vers für das H!« – »»Ach,«« sag' ich, »»was frag' ich nach Deinen Versen.«« – »Nein! Du mußt ihn hören:

Wenn die Henne kräht und es schweigt der Hahn,
Dann ist das Haus gar übel dran!
Schnetterdeng, deng, deng, Schnetterdeng!«
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