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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 32
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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31

Sie näherten sich jetzt Greenwich, fuhren an den tiefliegenden Gebäuden des Lebensmittelmarktes vorüber. Ein großer Überseer glitt aus der Dunkelheit hervor – sie umfuhren ihn in weitem Bogen. Er brauste heran, ein hochgetürmter Koloß, mit viel Licht und Getöse.

Sobald er vorüber war, richtete Guelder die Spitze des Bootes auf das Ufer zu. Sie fuhren am Bug zweier ankernder Schiffe vorbei und glitten langsam an einen der krummen, grünen Pfähle des faulenden Stegs heran, ehe er die Maschine stoppte. Mit einem Bootshaken zog er sich geschickt von einem Pfahl zum anderen, bis er in dem Bootshaus eine Tür erreichte, deren untere Hälfte unter dem Spiegel der Flut lag.

Guelder manövrierte das Boot hin und her, bis die Spitze gegen das schwere Tor drückte. Dann ließ er die Maschine laufen, die Jacht stieß dagegen und zwang ihren Weg vorwärts, öffnete die Tür und fuhr ein. Sie waren in Guelders Bootshaus und Garage. In Wirklichkeit bildete das Ende der Garage bei Hochflut nur einen schmalen Landungssteg.

Er hatte ein Licht brennen lassen. Eine seiner weißen Katzen kauerte lauernd am Boden. Das erste, was Ursula sah, waren die grauenvollen, grünen, starren Augen, die sie aus dem Halbdunkel anglotzten.

Guelder half ihr aus dem Boot und stieß sie zu der engen Treppe hin.

»Gehen Sie hinauf, junge Dame«, befahl er. Sie gehorchte willenlos, bis sie am Kopf der Treppe an einen Vorplatz kam, auf den ein breiter Gang mündete.

»Gehen Sie in das Zimmer geradeaus – dort ist die Tür. Warten Sie.« Er drehte einen Schalter, sie sah eine große eichene Tür und öffnete sie.

»Jetzt müssen Sie warten, bis ich die Vorhänge herabgelassen habe. Wegen unseres lieben Julian darf man uns nicht sehen. Nun, meine junge Freundin, ist es nicht ganz hübsch hier?«

Das Knipsen eines Schalters – dann lag das Wohnzimmer in hellem Licht. Seine Sauberkeit und Gemütlichkeit bildeten einen so starken Gegensatz zu dem, was sie erwartet hatte, daß es ihr den Atem benahm.

»Niedlich, mein Häuschen, wie?« schnurrte Guelder und strahlte durch seine Brillengläser. »Sie haben sicher noch nie etwas so Schönes gesehen – etwas so Herzerfreuendes, nicht wahr?«

Sie war jetzt ruhiger geworden. Obwohl sie diesen Mann haßte, fühlte sie sich hier bei der Aussicht auf baldige Rettung fast geborgen.

»Ich bitte Sie, lassen Sie mich gehen, Mr. Guelder! Wir sind doch hier in Greenwich, nicht wahr? Ich finde mich von hier sehr gut nach Haus.«

»Sicher«, antwortete Guelder, »aber Sie werden begreifen, meine schöne junge Dame, daß unser Freund Julian Reef – unser armer Freund – in großer Verlegenheit ist. Ich weiß nicht, was geschehen ist, und habe keine Ahnung, wie Sie hergekommen sind; aber mir genügt schon die Tatsache, daß Sie hier sind und unter meinem Schutz stehen.«

Guelder war durch die Gegenwart des Mädchens verwirrt. Er hatte kaum seinen Augen und Ohren getraut, als Julian ihm zugeflüstert hatte, wer seine Begleiterin war. Er blickte verwundert auf den zusammengebrochenen Mann. Es schien ihm, als sei Reef zusammengeschrumpft, seitdem er ihn zum letztenmal gesehen hatte. Er stand an der Tür, rieb sich wie geistesabwesend die Hände und hatte in den Augen einen ängstlichen, argwöhnischen Blick. Guelder schienen diese Symptome bekannt.

»Lieber Freund, du bist entweder betrunken oder hungrig. Wenn du betrunken bist, werde ich dir etwas geben, was dich ernüchtern wird. Wenn du hungrig bist – die Tür dort führt in die Küche. Aber ich rate dir Vorsicht! Laß den Wein stehen! Nüchternheit bedeutet Rettung, Trinken Untergang!«

Ohne ein Wort zu entgegnen, wandte Julian sich um und verschwand.

»Jetzt müssen Sie mir alle diese aufregenden Ereignisse berichten, süße junge Dame. Aber beeilen Sie sich; denn ich fürchte, das Telefon wird bald Alarm schlagen, es sei denn, daß Sie freiwillig gekommen sind ... Sie sind nicht freiwillig gekommen? Das hatte ich beinahe vermutet! Das ist schlimm. Der arme Julian muß verrückt geworden sein!«

Sie erzählte ihm kurz, wie sich alles zugetragen hatte. Guelder hörte ihr mit unbewegtem Gericht zu. Ihre Gegenwart hatte die Gefahr, in der er stand, verzehnfacht. Ihm blieb jetzt nur die Hoffnung, daß man ihre Entführung nicht so bald bemerkte.

»Und Ihren Wagen – wo haben Sie den gelassen?« fragte er plötzlich.

»Am Eingang der engen Gasse«, antwortete sie.

Er schnitt eine Grimasse.

»Ein Geniestreich von Julian! Damit ein Polizist daherkommt, den Wagen und die Nummer sieht. Er telefoniert, und in zwei Minuten weiß ganz London, daß Ursula Frenshams Auto in einer einsamen Gasse an der Channey-Treppe steht! Ein Intelligenzrekord!«

Er blickte sie nachdenklich an und erriet fast genau die Stimmung, in der Julian sie ihm gebracht hatte. Wortlos starrte er sie an, völlig im Bann ihrer Schönheit, und vergaß dabei die Gefahr, in der er schwebte. Er hatte jetzt nur noch den einen Gedanken, den Nachforschungen zu entrinnen und dieses berückende Geschöpf, das schon lange seine Gedanken Tag und Nacht beschäftigte und das nun hier in seinem Haus war, für immer zu behalten.

Er ging zu einem tiefen Schrank, der in die Wand eingebaut war, und entnahm ihm ein Glas und eine Flasche.

»Ich trinke nicht!« rief Ursula hastig und entschlossen. »Ich ersuche Sie, mich sofort gehen zu lassen, Mr. Guelder! Sonst wird die Sache sehr ernste Folgen für Sie haben.« Und sich plötzlich erinnernd, fügte sie hinzu: »Sie haben allen Grund, nicht mit der Polizei in Konflikt zu geraten. Wenn Julian mir die Wahrheit gesagt hat, haben Sie ein Paar höchst verdächtige Handschuhe ...«

Vor Schreck ließ er die Flasche fallen.

»Das hat er Ihnen gesagt? Ich hätte Handschuhe mit Blutflecken, wie? Das ist wahr. Und er hat Ihnen vorgeschwindelt, daß ich ...? So, so! Das müssen Sie mir ein bißchen ausführlicher erzählen. Jetzt begreife ich! Der liebe Julian! Sehr raffiniert! Hat er auch von dem Mantel gesprochen? So, so, den habe ich auch getragen? Und Ihren guten Vater habe ich auch ermordet? Das also hat er Ihnen aufgebunden? Ich sehe es Ihrem Gesicht an, meine süße junge Dame, ich habe richtig geraten! Hören Sie mal, das ist ja eine schöne Neuigkeit! Solch niedliche Romane erfindet also unser Julian! Schau, schau! Und Sie sind natürlich hingelaufen und haben alles gleich brühwarm der Polizei ausgeplaudert. Oder hat er Ihnen das erst im Auto erzählt?«

»Er hat es mir heute nachmittag erzählt«, erklärte sie.

Er nickte verstehend.

»Und natürlich haben Sie es dem ›gerissenen Kerl‹ gesagt? Und der ›gerissene Kerl‹ hat es dem Elk erzählt, und jetzt weiß es alle Welt.« Er zog die Schultern hoch. »Solch ein Wahnsinn. Aber jene Handschuhe können vielleicht doch gefährlich werden. Ich muß Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit danken. Und nun trinken Sie mal den Wein. Sehen Sie, ich öffne extra für Sie die Flasche. Es ist kostbarer Bordeaux, er wird Ihnen Mut machen. Warum weichen Sie denn zurück? Sie glauben, ich hätte ihn vergiftet? Ach so! Sie haben doch gesehen, daß ich ihn eben aus dem Schrank genommen habe. Da gießen Sie selbst ein.«

»Ich mag keinen Wein«, lehnte sie ab.

»Er wird Ihnen guttun. Sie sehen ganz grün aus. Ich bin doch kein Unmensch, Lady Frensham, wenn Sie mich auch nicht gerade schätzen. Wenn Sie mich näher kennen würden, wüßten Sie, daß ich voller Ränke und Listen bin; aber das Herz habe ich auf dem rechten Fleck!«

Wie unter einem Bann goß sie etwas Wein in das Glas.

»Sie haben es wirklich dringend nötig, nach allem, was Sie durchgemacht haben«, redete Guelder ihr zu.

Sie spürte selbst, daß sie eine Stärkung brauchte. Sie fühlte sich schwach und zerschlagen. Bei jedem Schritt auf der Treppe waren ihr die Knie eingesunken. Sie setzte das Glas an die Lippen und tat erst einen kleinen Schluck, dann leerte sie das Glas. An seinem süffigen Geschmack erkannte sie, daß es wirklich kostbarer alter Wein war.

»So, und nun setzen Sie sich ein bißchen hin«, ermunterte Guelder.

Er führte sie sanft zu der großen Couch am Fenster. Ein seltsames Gefühl der Lässigkeit überkam sie, ein überwältigendes Verlangen nach Schlaf, gegen das sie vergeblich anzukämpfen suchte. Von Sekunde zu Sekunde wurden ihr Wille und ihr Widerstand schwächer. Guelder sah, wie sie wankte, stützte sie und ließ sie sacht auf das Lager niedergleiten. Mit einem Gefühl des Behagens streckte sie sich aus. Er bettete ihren Kopf auf ein Kissen und betrachtete sie zufrieden.

»Was tust du da?«

Er drehte sich um und sah in Julians argwöhnische, zornige Augen.

»Sie ist müde – will schlafen.«

»Du hast sie betäubt!«

Julian blickte auf die Flasche. »Ja – hat sie denn nicht gesehen ...!«

Guelder lächelte tückisch. Er konnte ihm nicht gut erklären, daß diese Flasche Wein mit Vorbedacht vorbereitet worden war – nicht für Ursula Frensham – sondern in erster Linie für diesen unwillkommenen Gast. Unwillkommen? Nein, im höchsten Grade gefährlich – für Rex Guelder der gefährlichste Mann auf der Welt. Er hatte innerlich über die Geschichte gelacht, die Reef dem Mädchen vorgelogen hatte. Nur einen Augenblick hatte ihn jähe Angst geschüttelt. Doch jetzt hatte er längst das Urteil über Julian Reef gefällt. Der Mensch war zu allem fähig! Aber unten in der Garage lag eine schwere Kette ... sogar zwei... und eine Spule feiner Draht – für alle Fälle. Er überlegte scharf. Es genügte Julian nicht zu entkommen. Er neigte zu dem Wahnwitz so vieler Verbrecher, in einer unmöglichen Stellung letzten Widerstand zu wagen. Und Rex Guelder sollte die Verteidigungswaffe werden. Aber er hatte seine Rechnung ohne ihn gemacht. Der holländische Dampfer, auf dem er für Reef einen Platz belegt hatte, würde ohne ihn in See stechen. Diese neue, gefährliche Lage forderte neue, kluge Maßnahmen. Eine Pest ... Rex Guelder dachte den Gedanken nicht zu Ende. Er ging ins Laboratorium und blieb dort etwa zehn Minuten. Julian war in die Küche zurückgekehrt, um seinen Hunger zu stillen.

Was geschehen sollte, mußte schnell geschehen. Der Holländer kam in das Wohnzimmer zurück und blickte auf das schlafende Mädchen nieder. Seine Augen weideten sich an ihrer Schönheit. Er beugte sich gerade über sie nieder, als Julian mit einem großen Stück Kuchen in der Hand hereinkam.

»Was willst du von ihr, Guelder?« rief er drohend.

Der Holländer richtete sich auf und wandte sich ihm mit einem Lächeln zu.

»Das wissen nur Gott und ich allein«, schmunzelte er.

Julians Augen waren getrübt. Er hatte in der Küche den Weinschrank gefunden.

»Ich möcht's auch wissen, alter Herr«, lallte er. »Ich bin sozusagen der Schutzengel dieser jungen Dame.«

Guelder antwortete nicht.

»Du hörst wohl schwer?«

Reef torkelte auf ihn zu. Er hatte offenbar sehr hastig getrunken, oder der Wein war besonders schwer gewesen. Plötzlich spürte Guelder einen Schnapsgeruch. Aha. Es war leichtsinnig von ihm, die Flasche offen stehen zu lassen und den Weinschrank nicht zu verschließen.

»Ich hab' mich entschlossen, sie laufen zu lassen«, sagte Reef mit schwerer Zunge. »Ich bin kein Schuft. Ich spiele einem Mädchen, das meine Cousine ist, keinen so gemeinen Streich.«

Noch immer sagte Guelder nichts.

»Hör mal, alter Gauner ...« Julian kam noch näher an Guelder heran und schlug ihm derb auf die Schulter. »Laß deine Hände von dem Mädel. Wir sitzen beide in der Patsche. Wir sollten zusammenhalten. Das beste ist, wir schicken sie dem ›gerissenen Kerl‹ zurück.«

Er lachte trunken. »Im Grunde sind wir die Gerissenen – die wahren Gerissenen. Also los, laß sie zurück; und dann wollen wir beide uns dünnemachen!«

»Komm«, befahl Guelder kurz. Er ging voran in das Laboratorium. Nur eine Lampe brannte, jene starke, blendende, über der Diamantenmaschine. Am Ende des Raumes war eine Tür, die mit einer stählernen Querstange verschlossen war. Guelder zeigte auf die Tür.

»Wenn die Not drängt, und ich warne dich, dann flieh durch die Tür da hinten. Jenseits der Tür ist eine Treppe, die zur Themse führt. Dort liegt ein Boot.«

»Ausgezeichnet!« Reef betrachtete die Tür mit dem Ernst eines Betrunkenen.

»Ich nehme an, Mr. Elk wird bald da sein. Ich werde ihn eine Weile aufhalten. Es ist gut, wenn du dann den Weg kennst. Sieh ihn dir schon jetzt mal an.«

Reef ging auf die Tür zu und faßte die Stahlstange an. Der Holländer beobachtete ihn voll gieriger Erwartung und sah, wie Reefs Körper sich in entsetzlichen Zuckungen wand, hörte ihn röcheln, streckte die Hand nach dem Schalter aus und drehte ihn herum. Reef fiel in sich zusammen. Er hatte kaum den Schlag gefühlt, der ihn getötet hatte.

Ohne Anstrengung hob Guelder die Leiche auf die Schulter und trug die stille Gestalt die Treppe hinunter ins Bootshaus. Hier warf er ihn wie ein Mehlsack in das Motorboot und holte eine von den schweren Ketten. Er betrachtete sie kurz. Vielleicht würde er die zweite auch noch brauchen. Mit einem langen Stück Draht wand er die Kette um die Fußgelenke des Toten, dann stieß er die Jacht gegen die Flügeltür und sprang auf das Boot. Die Türen öffneten sich weit.

In wenigen Minuten war er mitten im Strom. Nirgends war ein Wachtschiff zu sehen. Langsam ließ er die Leiche über die Seite des Bootes ins Wasser gleiten. Unter dem Gewicht neigte es sich so weit zur Seite, daß Wasser eindrang ...

Guelder kam ins Bootshaus zurück mit einer Gelassenheit und einer Ruhe, als wäre er nur hinausgegangen, um nach dem Wetter zu sehen.

Er zog die Kette dicht an das Boot heran. Dann ging er hinauf und machte nur halt, um sich zu vergewissern, daß die Türen gut verschlossen waren.

Ursula schlief noch. Er beugte sich über sie und berührte ihre Wangen mit den Lippen. Dann zog er die Schuhe aus.

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