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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 30
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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29

Guelder stand vor seinem niedergebrochenen Sozius. Aus seiner Haltung und dem Ton, in dem er sprach, hätte ein Unbeteiligter geschlossen, daß er die Kränkung erlitten und daß der junge Mann, der zusammengekauert in seinem Sessel saß, das Gesicht in die Hände gestützt, ihn schwer beleidigt habe.

»Ich verzeihe dir alles«, sagte Guelder gerade großartig. »Du bist blöde, du bist kindisch, du bist ein Hundsfott. Du betrügst deine Freunde, während du doch allen Grund hast, einem großen Meister zu vertrauen. Du wirst handgreiflich gegen mich – doch ich vergebe dir. Dein Herz im Leib ist jämmerlich klein wie das Gehäuse eines Apfels. Deine Seele ist wie Wasser – pfui Deibel!«

»Laß mich zufrieden, du verfluchter Schuft!« stöhnte Reef dumpf hinter seinen Händen. »Hast du noch nicht genug?«

»Ich bin in allem Unglück dein Freund geblieben«, fuhr Guelder wie ein Volksredner fort. »Ich habe dich beschützt und verteidigt. Ich weiß, du bist ein Mörder – aber laß ich dich deswegen fallen? Und du entdeckst, daß ich einen wissenschaftlichen Erfolg vorweggenommen habe und schreist, als hätte ich Gott weiß was getan. Ich habe der Wissenschaft nachgeholfen, weiter nichts! Das ist doch wohl erlaubt, wenn man den Glauben an den Erfolg hat. In einigen Monaten würde diese kleine, unschuldige Nachhilfe unnötig gewesen sein. Aber du und deine Finanzleute und deine Freunde – ihr könnt ja alle nicht warten. Ihr verlangt sofort sichtbare Ergebnisse. – So verfährt man nicht mit der Wissenschaft, mein Freund.«

»Laß mich in Ruhe«, fauchte Reef.

»Ich werde dich schon in Ruhe lassen. Die Frage ist nur, ob dich unser Freund Elk auch in Ruhe lassen wird und der gerissene Kerl, der so viel gewonnen hat, wie wir verloren haben. Nein, nein, mein guter Julian, dir sitzt die Angst in den Knochen. Du zitterst bei jedem Geräusch an allen Gliedern. Der Detektiv hat deinen Mantel gefunden, und du Idiot läufst hin und schießt auf ihn! Du setzt alles aufs Spiel – und noch dazu in meinem Wagen und ausgerechnet an dem Abend unserer größten Chancen!«

Julian hob langsam den Kopf, seine blutunterlaufenen Augen blickten voll Haß auf den Mann, der ihn ruiniert hatte. »Du weißt doch hoffentlich, daß ich bankrott bin.«

Guelder lachte laut und schrill.

»Eine Wichtigkeit, dein Bankrott! Mir scheint, du wirst sehr bald dort sein, wo sie einen hierzulande so rasch an den Galgen befördern. Ist dir das noch nicht klargeworden, mein Freund?«

Julian Reef zahlte mit gleicher Münze heim.

»Und du fürchtest für dich gar nichts? Ich erwarte jeden Augenblick deine Verhaftung.«

»Aus welchem Grund?« fragte der Holländer dreist. »Wegen meines kleinen Betrugs? Ach nein, mein Freund! Mr. Sleser hat uns doch ausdrücklich erklärt, er wolle sich nicht als kompletter Narr vor der ganzen City bloßstellen.«

Er tippte sich gegen die Stirn.

»Ich bin eben doch ein bißchen klüger als du, mein Jungchen.«

»Hast du Geld?« unterbrach Reef unvermittelt.

»Wenig, sehr wenig«, erwiderte Guelder vorsichtig. »Weshalb?«

»Ich habe das Gefühl, ich müßte aus England verduften.«

Guelder blicke ihn überlegen an.

»So?« fragte er dann. »Das ist die beste Idee, die du seit langem gehabt hast. Wieviel brauchst du?«

»Einige Tausend. Doch wozu fragst du? Du bist doch genauso im Druck wie ich.«

»Durchaus nicht«, widersprach Mr. Guelder würdevoll. Er steckte die Hand in die Tasche und holte ein dickes Bündel Noten hervor.

»Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Heute morgen habe ich vor der Bank gewartet und mir eine halbe Minute nach Kassenöffnung den Scheck des Wohltäters Sleser auszahlen lassen.«

»Du hast Geld?« jubelte Reef.

Guelder dämpfte die freudige Begeisterung seines Partners.

»Ich werde dir zwei- oder dreitausend geben.« Er sprach sehr langsam und beobachtete genau die Wirkung seiner Worte. »Vielleicht werde ich dir auch fünftausend geben – wenn du mir einen kleinen Gefallen tust.«

»Der wäre?« fragte Julian argwöhnisch.

»Es gibt in dieser Stadt eine entzückende Person ...«

»Ursula!«

»Jawohl. Bring mir die junge Dame – und die fünftausend Pfund sind dein.«

Mit einem Satz stand Reef auf den Füßen. »Du bist verrückt«, schrie er, »vollständig übergeschnappt. Selbst, wenn ich sie dir ausliefern wollte – wie denkst du dir das? Sie haßt dich. Sie hat einen Ekel vor dir.«

»So was gibt sich«, grinste Guelder. »Das laß nur meine Sorge sein.«

»Nein, mein Lieber«, höhnte Reef. »Die ist zu schade für dich schmierigen Bock! Ich will nicht davon sprechen, daß ich sie geliebt habe. Für mich ist sie doch verloren. Ich muß machen, daß ich den Staub Englands von meinen Schuhsohlen schüttele. Aber ehe ich sie dir hinwerfe ...«

»Dann nicht«, sagte Guelder ruhig. »Dann sieh zu, wo du Geld herbekommst. Habe die Ehre!«

Voll Angst verstellte Reef ihm den Weg.

»Aber es ist doch unmöglich – wie soll ich es denn anstellen? Du tust so, als ob es nichts Leichteres auf der Welt für mich gäbe, als eine junge Engländerin zu entführen!«

»Streng dein Hirn etwas an!« schalt Guelder. »Du wirst schon was finden. Sag ihr, ich hätte dich in der Hand, ich wolle dich verraten. Sie ist doch deine Cousine. Flehe sie an, dir zu helfen. Sag ihr, ich liebte sie und sie wäre der einzige Mensch, der auf mich Einfluß hätte. Wenn sie mich bäte, würde ich dich entkommen lassen. Mein Gott, das ist doch nicht so schwer!«

Und als Reef noch immer zögerte, höhnte er:

»Fünftausend Pfund sind ja schon eine kleine Mühe wert.«

Julian wurde schwach. Der Plan, der ihm zuerst völlig irrsinnig erschienen war, kam ihm noch immer phantastisch genug vor – aber dennoch ...

Guelders Worte hatten ihn auf einen neuen Gedanken gebracht. Instinktiv fühlte er, daß sich ein Netz um ihn zusammenzog. Seit zwei Nächten hatte er nicht geschlafen. Seine Nerven versagten. Seine Urteilskraft schwand.

»Worüber denkst du nach?« forschte Guelder.

Julian schüttelte den Kopf.

»Laß mich. Ich überlege.«

Ursula schien ihm die letzte Hoffnung. Ein bleicher, letzter Hoffnungsschimmer. Er wollte sie aufsuchen, er wollte sie nicht anflehen, mit ihm zu Guelder zu fahren, sondern ihn zu retten. Ein Schüttelfrost durchrüttelte ihn plötzlich. Zum Glück war Guelder ins Nebenzimmer gegangen und sah nicht noch diesen Anfall letzten Entsetzens.

Er dachte daran, sie anzurufen, entschied sich dann aber dazu, sie zu überraschen. Sie könnte sich weigern, ihn zu empfangen, wenn sie wüßte, daß er käme. Wenn er sie aber unerwartet überfiele, würde er sicher zu ihr eindringen. Welche Hilfe er von ihr erwartete, wußte er selbst nicht. Das wollte er auf dem Wege zu ihr überlegen.

*

Er hatte Glück. Ursula war allein, als er eintrat. Sie öffnete selbst die Tür. Als sie ihn sah, fuhr sie heftig zurück. Sein Gesicht hatte die frühere, gesunde Farbe eingebüßt. Unter seine Augen gruben sich tiefe Schatten. Die Hand, die er ihr reichte, zitterte.

»Es tut mir furchtbar leid, Ursula«, stieß er dumpf hervor, »dich so zu überfallen ... aber ich gehe fort – mit mir ist's zu Ende.«

Obwohl er ihr zuwider war und sie ihn verachtete, konnte sie ihn nicht von ihrer Schwelle weisen. In ihrer Güte forderte sie ihn auf einzutreten.

Als er ihr im Musikzimmer gegenübersaß, sagte er abgerissen:

»Du bist furchtbar lieb zu mir – ich bin ein Schuft – von Jugend auf war ich ein Taugenichts. Du siehst jetzt nur, was ich jahrelang verborgen habe«, bekannte er.

»Bist du ...?«

Sie zögerte, das Wort auszusprechen.

»Ruiniert? – Ja. Ich besitze nicht einen Penny mehr. Ich habe mein Konto längst überzogen. Wenn ich hierbleibe, fassen sie mich wegen betrügerischen Bankrotts.«

Und jetzt kam er auf den Sinn und Zweck seines Besuchs, der ihm unklar vorschwebte, während Guelder auf ihn eingeredet hatte.

»Jener Mantel, Ursula ... du bist irgendwohin gefahren, ihn dir anzusehen, nicht wahr?«

Sie nickte zaghaft.

»Jemand hat mir gesagt, er gehöre mir ... Ich verstehe nicht, wie er nach Woolwich gekommen ist – richtig, jetzt entsinne ich mich, es war Woolwich, wohin sie dich gerufen haben. – Ich habe den Mantel lange nicht gesehen, seit der Nacht nicht, in der dein Vater starb.«

Er sah in ihren Augen die Angst aufglimmen, die sie nie in Worte fassen konnte. Doch kühn sprach er weiter.

»Natürlich will ich Guelder nicht in Schwierigkeiten bringen. Er ist ein Sonderling – plant immer irgendeine geheimnisvolle Betrügerei – leider habe ich das erst kürzlich entdeckt – und in jener Nacht ... Du weißt doch, jener Nacht ... borgte ich Guelder meinen Mantel und meine Handschuhe. Was aus meinem Mantel geworden ist, wußte ich bisher nicht. Aber ich will einen Eid darauf leisten, daß ich meine Handschuhe in seinem Safe gesehen habe.«

Sie atmete freudig erleichtert auf.

»Dann hat Guelder ihn getragen, als er von der Brücke geworfen wurde?«

»Wurde er denn von einer Brücke geworfen? Welcher Brücke? Aber das ist ja gleichgültig. Ich habe nicht mehr an ihn gedacht bis vor einigen Tagen.«

»Kannte Vater diesen Guelder?« fragte sie.

Er zwang sich zu einem Lächeln.

»Ob er ihn kannte? Aber natürlich. Er und Guelder hatten verschiedene Geschäfte miteinander. Dann ging irgend etwas schief – was es war, weiß ich nicht genau –, aber jedenfalls hatten sie einen schweren Streit. Ich glaube, Onkel hatte Guelder Geld geliehen, und das weiß ich bestimmt, daß dein Vater am Tag seines Todes an ihn einen Brief mit der Aufforderung schickte, ihm die Summe zurückzuzahlen, da er dringend bares Geld brauchte.«

»Davon habe ich doch keine Ahnung ...«

Doch er unterbrach sie sofort.

»Es wäre mir sehr peinlich, gegen diesen Menschen als Zeuge aufzutreten, aber ich fürchte, mir wird nicht viel anderes übrigbleiben.«

»Läuft gegen ihn ein Verfahren?« fragte sie überrascht.

Einen Moment war er perplex.

»Hm ... ich weiß nicht. Ich glaube nur, daß er Schwierigkeiten hat – er benimmt sich sehr merkwürdig seit einiger Zeit.«

»Aber das mit dem Mantel ist doch höchst wichtig«, rief Ursula erregt. »Ich bin fest überzeugt, daß kein Mensch weiß, daß Guelder ihn in jener Nacht getragen hat. Weißt du, was die Geschichte mit dem Mantel überhaupt bedeutet? Alle machen ein Wesen davon, das ich nicht verstehe.«

Ohne es zu wissen, hatte sie ihn verteidigt.

»Der Mantel? Der wird mit irgendeinem Verbrechen zusammenhängen, das Guelder begangen hat«, vermutete Julian. »Man weiß nie, wie weit solch ein Halunke geht. Ich habe nur ein Gerücht gehört, daß die Polizei den Mantel hat und ihn als Beweismittel benutzen will. Vielleicht hängt er irgendwie mit dem Mord an deinem Vater ...«

Das Wort war ihm entschlüpft, ehe er es gewahr wurde.

»Mord?« schrie Ursula auf und starrte ihn entsetzt an. »Mord? Julian ... Vater hat sich doch erschossen!«

Er konnte nicht sprechen, sah sie nur entgeistert an.

»Oh«, stöhnte sie.

Ganz langsam begann sie zu begreifen. Eine Woge des Grauens und des Hasses riß sie von ihm zurück.

»Dann war es kein Selbstmord?«

Ihre Stimme wurde zu einem kaum hörbaren Flüstern. »Er ist getötet worden ... ermordet ... von einem, der den Mantel trug? Und du willst mir einreden, daß es Guelder war? Du warst es! Ich sehe es dir an den Augen an, an deiner ganzen Haltung. Jedes Wort von dir verrät es mir! Ich fühle es – ganz deutlich fühle ich es plötzlich, daß du ihn ermordet hast! Deinen Onkel hast du ermordet, du elender Lump!«

Sie schleuderte ihm die Anklage ins Gesicht. Er war zu zermürbt und entnervt, um zu leugnen.

»Mach, daß du fortkommst, ehe ich die Polizei rufe!«

Er fand die Sprache wieder.

Der Schreck, der ihn im Bann gehalten hatte, schlug jetzt in Wut und Zorn um.

»Du bist ja eine vorzügliche Schülerin des ›gerissenen Kerls‹! Ich habe dir alles gesagt, was ich sagen konnte, weil ich nicht einen anderen ins Verderben stürzen wollte ...«

»Kein Wort mehr!,« rief sie bebend.

Sie war sehr blaß, hatte sich aber vollkommen in der Gewalt. »Ich kann es dir beweisen ...« Er machte noch einen verzweifelten Versuch zu seiner Verteidigung.

Sie zeigte auf die Tür. Er ging und hatte wieder Glück. Die Detektive hatten ihn drei Minuten, nachdem er sein Büro verlassen hatte, verfehlt. Und jetzt wandte er sich der Heide zu, anstatt in die City zurückzukehren. Kaum war er außer Sicht, bog ein großer Polizeiwagen in die Straße ein, und Elk konnte nur noch die Feststellung machen, daß der Vogel wieder ausgeflogen war.

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