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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 26
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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25

Es dauerte einige Zeit, bis Ursula sich so weit gefaßt hatte, daß sie erzählen konnte, was sich zugetragen hatte. Sie hatte das Telefon läuten hören und geglaubt, der Anruf hänge mit ihrem Besuch in Woolwich zusammen. Dann hörte sie Guelders Stimme.

»Er entschuldigte sich vielmals und war außerordentlich liebenswürdig, so daß ich nicht gleich wieder einhängen konnte. Ich wollte auch wissen, warum er mich anrief. Ich dachte, es könnte mit Julian zusammenhängen. Und dann, Tony, begann er mir merkwürdige Eröffnungen zu machen. Er sagte, er besitze eine Million – oder zwei, ich weiß nicht mehr genau –, er würde in einem Jahr der reichste Mann in England sein und wollte einen Palast bauen, wo die Dame seines Herzens als Königin herrschen solle. Ich konnte nicht alles verstehen. Manchmal verfiel er ins Holländische, und es wurde ein ganz unverständliches Kauderwelsch. Plötzlich, ehe ich noch wußte, was er wollte, bat er mich, ihn zu heiraten. Ich stand völlig versteinert da, konnte kein Wort hervorbringen. Er sagte, er hätte mich seit unserer ersten Begegnung geliebt – es war entsetzlich ... die schrecklichen Dinge, die er in den Apparat schrie!«

Sie verzog vor Ekel das Gesicht. »Schließlich faßte ich mich wieder und hängte den Hörer ein. Aber natürlich konnte ich nicht wieder einschlafen. Der Tag brach an, als ich aus dem Fenster blickte. Da sah ich ihn zu meinem Entsetzen langsam vor dem Haus auf und ab gehen. Er sah mich auch und warf mir Kußhände zu – er muß betrunken gewesen sein.«

Tony erinnerte sich an den Mann auf der Brücke.

»Dann war es doch Guelder«, rief er.

»Haben Sie ihn gesehen?« stieß sie hervor.

Tony erzählte von dem Mann auf der Brücke.

»Ich werde zurückgehen und ihn zur Rede stellen«, beschloß er. Doch sie hielt ihn zurück.

»Das werden Sie nicht! Unter keinen Umständen! Sie sollen ihm fernbleiben. Sie sollen sich in keinen Streit mit ihm einlassen. Dieser Mensch hat etwas Teuflisches. Heute nacht in Greenwich habe ich sein böses Fluidum gefühlt. Es war nicht die Straße, es waren die Ausstrahlungen dieses schrecklichen Mannes. Ich glaube, wenn er mich berührte, würde ich vor Grauen sterben.«

»Wenn er Sie anrührt«, flüsterte Tony grimmig zwischen den Zähnen, »glaube ich, wird er sterben!«

Eins der Mädchen brachte ihnen Kaffee und Keks, und während sie in der hübschen kleinen Bibliothek saßen, suchte Tony sie zu bewegen, ihm alles zu berichten, was Guelder gesagt hatte. Doch sie weigerte sich energisch, darüber zu sprechen.

»Ich erinnere mich nur, daß er sagte, er wäre ein Millionär, und dann sagte er etwas von Diamanten, und daß er der größte Erfinder unserer Zeit sei. Und, Tony, Sie dürfen nicht mit ihm sprechen – ich bitte Sie darum.«

»Ich fürchte, ich muß mit ihm sprechen, Ursula. Dieser Auftritt darf sich nicht wiederholen.«

»Er muß verrückt sein – ich bin auch überzeugt, daß er gestern abend auf Sie geschossen hat.«

Tony, der aber überzeugt war, daß Guelder mit dem Schuß nichts zu tun hatte, schwieg. Das konnte er ihr nicht erklären.

Als er nach Hause fuhr, überlegte er, ob Guelder wirklich verrückt sei. Daß er sich in Ursula verliebt hatte, war nicht verwunderlich. Zwar ziemlich widerlich, doch ganz normal. Auch galt dieser Mann als eine Art Don Juan. Wenn die Gerüchte nicht logen, hatte er bisher seine Vergnügungen und Liebschaften in niedrigeren Kreisen gesucht und gefunden. Das Mädel in Holland war eine Kellnerin, die Frau in Batavia ein Halbblut gewesen. Er war ein Mann von niedrigem Geschmack und gemeiner Gesinnung. Doch jetzt blieb nichts übrig, als ihn aufzusuchen. Und Tony hoffte nur, daß es ihm gelingen würde, bei diesem Gespräch die Hände in den Taschen zu behalten.

Julian ... ob er die Wahl seines Partners kannte? Tony hatte jedenfalls mit dieser Möglichkeit zu rechnen. Doch obwohl er eine sehr geringe Meinung von Julian hatte, traute er ihm nicht zu, daß er etwas von der Verblendung Guelders ahnte. Julian hatte einst selbst sehr bestimmte Hoffnungen gehegt. Es war unwahrscheinlich, ja, es schien ihm völlig unmöglich, daß er die Ereignisse dieser Nacht billigte.

Er kam nach Hause, badete, rasierte sich und frühstückte, als Mr. Sleser gemeldet wurde.

Der Millionär war kein intimer Freund Tonys. Sie hatten miteinander geschäftlich zu tun gehabt, und einmal hatte Tony dem dicken Selfmade-Mann einen Dienst erwiesen. Doch das hatte Braid längst vergessen. Er achtete den tüchtigen Kaufmann hoch.

»Haben Sie schon gefrühstückt?« fragte Tony.

Mr. Sleser nickte und zog sich einen Stuhl an den Tisch. »Ich bin der letzte, den Sie erwartet haben, Braid«, lächelte er liebenswürdig. »Seit sechs zerbreche ich mir den Kopf, ob ich Sie mit hineinnehmen soll oder nicht. Aber Sie haben mir einmal aus der Patsche geholfen, und ich vergesse niemals einen Liebesdienst. Sie sind doch mit Reef befreundet?«

»Ganz im Gegenteil!« beteuerte Tony heftig. »Ich bin froh, daß Sie mich gefragt haben; denn ich habe eine dunkle Ahnung, daß Sie mit ihm irgendwie geschäftlich verbunden sind.«

Sleser nickte und strich geistesabwesend über den kleinen, ergrauenden Schnurrbart.

»Er ist nicht jedermanns Fall,« gab er zu. »Doch in mancher Hinsicht kann er ganz nützlich sein. Er kann sogar außerordentlich nützlich werden – darüber bin ich mir noch nicht ganz klar. Kennen Sie seinen Sozius – oder was er sonst ist?«

»Guelder?«

»Ja, den Holländer. Kluger Kopf, was?«

»Ich glaube, ja«, gab Tony zu, »als Gelehrter. In der City geht ein Gerücht um, er habe ein Verfahren zur Herstellung von Diamanten erfunden.«

Hierzu schmunzelte Sleser.

»Nicht ganz! Das ginge mir auch sehr wider den Strich.«

Er schwieg, überlegte offenbar scharf und sagte dann endlich: »Ich bin kein Kirchenlicht in Geschichte, aber gab's da nicht vor langer Zeit mal so einen Kerl, der hinging und Guy Fawkes und die Pulververschwörung verriet, indem er seine Freunde warnte, ins Parlament zu gehen?«

»So einen Mann gab es«, lächelte Tony.

»Der bin ich«, lachte Sleser. »Sie taten mir einen Dienst – ich tue Ihnen einen. Bleiben Sie fort vom Diamantenmarkt. Wenn Sie Aktien haben, fort damit! Verkaufen Sie, verkaufen Sie sofort! Der Sturz gestern war ein Kinderspiel gegen das, was heute kommen wird. Ich sage Ihnen das in Ihren vier Wänden, und obwohl ich von Ihnen nicht verlangen kann, daß Sie es geheimhalten, kenne ich Sie doch gut genug, um zu glauben, daß Sie nicht darüber reden werden. Man nennt Sie in der City den ›gerissenen Kerl‹.«

Seine Augen blinzelten schalkhaft.

»Na, ich habe jedenfalls noch nichts Arglistiges von Ihnen gesehen und erwarte nicht, daß Sie gerade bei mir anfangen werden.«

Tony blickte ihn nachdenklich an.

»Ich möchte gern ein bißchen mehr über diesen Kurssturz erfahren. Was steckt dahinter, Sleser? Vielleicht kann ich Ihnen wieder einen Dienst erweisen.«

»Leicht möglich«, nickte Sleser und zog eine dicke Brieftasche hervor. »Jetzt werde ich Ihnen etwas zeigen, was bisher nur wir Verschwörer gesehen haben.«

Er entnahm der Tasche ein blaues Päckchen, das wie eine Brausepulverpackung aussah, und öffnete es vorsichtig. Darin lag ein Stückchen Watte, die er behutsam entfaltete.

»Was halten Sie davon?«

Tony nahm den Diamanten und hielt ihn gegen seinen Ärmel.

»Eine Schönheit! Haben Sie eine neue Mine entdeckt?« fragte er mit einem schwachen Lächeln.

Sleser verneinte.

»Was ist der wert? Sie verstehen doch was davon.« Tony überlegte.

»Ungefähr eintausendundfünfzig Pfund«, schätzte er.

»Bis auf fünf Pfund richtig getroffen. Jetzt sagen Sie mir: was wäre dieser Stein wert, wenn er gelb wäre oder häßliche Flecken hätte?«

In dieser Frage war Tony eine Autorität.

»Er würde ungefähr hundertfünfzig Pfund wert sein – und – Herr Gott!« Er starrte seinen Gast an. »Gelbe Diamanten! Guelder hat welche seit Monaten aufgekauft, und ich begriff nicht, was im Spiel war. Das ist doch kein entfärbter Diamant! ... Ist das etwa die Entdeckung?«

Sleser nickte begeistert.

»Gestern abend noch«, erzählte er eindringlich, »war der Stein gelb. Ich sah ihn mit meinen eigenen Augen erbleichen. Darüber kann absolut kein Zweifel bestehen, lieber Braid. Der Mann hat eine Entdeckung gemacht, die den Diamantenmarkt umwälzen wird. Die gegenwärtigen Werte werden um fünfzig Prozent fallen. Begreifen Sie nicht, was das heißt? Nur ein Diamant unter sieben ist vollkommen weiß. Diese Erfindung macht alle Nieten zu Volltreffern. Sie erhöht die Ausbeute der Welt um das Sechs- oder Siebenfache.«

Tony drehte den Stein in seiner Hand um und um. Plötzlich legte er ihn nieder und holte ein Vergrößerungsglas. Belustigt beobachtete ihn Sleser.

»Den Mumpitz habe ich schon hinter mir. Ich hab' ihn unterm Mikroskop gehabt. Um zwei Uhr nachts habe ich die klügsten Leute von London aus den Betten geholt und mit ihnen eine gründliche Untersuchung vorgenommen. Er ist durch und durch weiß. Sie werden keinen Fehler daran entdecken. Übrigens hat man so etwas Ähnliches schon vorher gemacht. Sie wissen vielleicht, daß Gelehrte weiße Diamanten in rosa verwandelt haben. Warum sollte man nicht gelbe in weiße verwandeln können? Also, was werden Sie tun? Wenn Sie klug sind, verkaufen Sie Ihre letzte Diamantenaktie. Ich bitte Sie nur, das Geheimnis der Farbentziehung bis Mittag zu wahren. Bis dahin wird mein Bericht an die Presse fertig sein.«

Er wickelte den Stein wieder in seine Wattehülle und barg ihn in der Tasche.

»Das ist wohl alles«, meinte er, stand auf und reichte Braid die Hand.

»Jetzt sind wir quitt wegen der afrikanischen Transportaktien, die Sie mir abgenommen haben. Wenn Sie nicht vernünftig sind, werden Sie bares Geld für mich sein. Wenn Sie klug sind, werden Sie Geld aus mir herausschlagen. Ich werde dem Kimberley-Pack den heftigsten Tritt in den Hintern versetzen, den es je bekommen hat. Addio.«

Tony saß vor den Resten seines Frühstücks und dachte schneller und logischer, als er je in seinem Leben gedacht hatte. Sein Vermögen war zum größten Teil in der Diamantenindustrie angelegt. Ohne Frage bedeutete diese Erfindung Guelders die größte Gefahr, die je die Diamantenbörse bedroht hatte.

Er hatte seinen Freunden das halbe Versprechen gegeben, nicht zu verkaufen. Und ein halbes Versprechen Tony Braids war so gut wie die notarielle Erklärung eines anderen Mannes. Er wußte genau, wie der Markt auf die Nachricht reagieren würde, unvorbereitet, wie die Diamantenfinanzleute auf diese Enthüllung waren. Die Aktien würden eine Rekordtiefe erreichen. Er brauchte nur seinen Makler anzurufen und ihm den Auftrag zu geben, zu verkaufen, nicht nur die Papiere, die er wirklich besaß, sondern auch die, die er erst am Lieferungstermin kaufen würde, mit denen er im Handumdrehen eine halbe Million verdienen konnte. Er überlegte scharf und sah dabei doch im Unterbewußtsein immer den würfelförmigen Diamanten blinken und schimmern.

Der Kaffee wurde kalt. Er bestellte eine neue Kanne. Ehe sie serviert wurde, rief er den ersten Diamantenmann an.

»Mir scheint, Sie müssen sich auf einen großen Sturz heute morgen gefaßt machen. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Können Sie mir einen Grund angeben?« fragte der Mann am anderen Ende des Drahtes.

»Nein. Ich bin zum Schweigen verpflichtet. Ich persönlich verkaufe nicht, sondern kaufe. Wahrscheinlich ist es eine Wahnsinnstat, aber ich will den Markt stützen und brauche Ihre Hilfe. Vielleicht fehlt mir eine halbe Million. Ich habe unerschlossene Platinfelder im Norden Transvaals, die soviel wert sind. Wollen Sie mir die mit einer halben Million beleihen?«

»Um den Markt zu stützen, ja. Sagen Sie Ihrem Bankier, er soll sich mit meinem in Verbindung setzen. Ich kenne Ihr Platin – Sie brauchen mir keine Unterlagen zu schicken. Wenn Sie heil durchkommen, möchte ich mich an Ihrem Platin mit fünfundzwanzig Prozent beteiligen.«

Tony nannte den Preis, und in zwei Minuten war der Handel abgeschlossen.

Und jetzt, ohne Rücksicht auf Aktien und Papiere oder den tragischen Sturz der Diamanten, forderte eine persönliche Angelegenheit den ganzen Mann.

*

Ehe das Geschäft an der Börse begann, betrat Braid das Büro Julian Reefs. Er bemerkte auf den ersten Blick, daß das Personal vermehrt worden war. Er fühlte die Atmosphäre fieberhafter Tätigkeit. Ein Funken der elektrischen Spannung jener Riesenschlacht, die heute an der Börse ausgefochten werden sollte, war auf den letzten Buchhalter übergesprungen.

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