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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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23

Guelder ging durch die Eisentür voran zu der Bank am Ende des Laboratoriums. Dort standen sechs Stühle für die Zuschauer. Er reichte einen würfelförmigen Diamanten von Hand zu Hand, einen Stein von so tiefem Gelb, daß er fast braun aussah.

»Dies, meine Herren, ist der Stein, mit dem ich experimentieren werde. Er ist sehr wertvoll und der größte, den ich bisher bearbeitet habe. Ich habe ihn mit Vorbedacht gewählt wegen seiner Form, und weil ich glaube, daß ich wegen seiner großen Lichtempfänglichkeit ein besonders günstiges Ergebnis erzielen werde.«

Er drehte seine Schalter an und legte den Stein in die Mulde im Achat. Die Männer drängten heran, beobachteten, starrten, bis ein blendender Blitz mit sprühenden blauen Funken aus der Maschine gerade in der Richtung der Zuschauer hervorschoß.

»Bitte, es ist nichts«, beruhigte Guelder, während sie zurücktaumelten.

Er entnahm einer Teetasse einen Löffel weißes Pulver und schüttete es über den Diamanten, bis er auf dem Achat unsichtbar wurde. Dann setzte er das weiße Häufchen dem elektrischen Bombardement aus.

»Was bedeutet das blaue Licht?« fragte jemand und wurde von Guelder mit einer Lawine technischer Erklärungen überschüttet, die für die meisten unverständlich waren.

An dem Apparat befand sich eine Skala mit einem Zeiger, der sich drehte, sobald Guelder den Strom einschaltete.

»Vorläufig fehlt noch die automatische Genauigkeit«, entschuldigte er sich; »aber bald werde ich einen Meßapparat herstellen, der mir genau anzeigt, wann mein kleiner Stein gargekocht ist. Sie begreifen, daß die Weiße und der Glanz des Steins von der Höhe der Temperatur abhängen.«

Er führte ihnen ein Experiment mit einem weißen Saphir vor, den er auf einer kleinen Platte in Sand verscharrte und dann elektrisch erhitzte. Am Schluß des Versuchs hob er den Stein mit einer Pinzette heraus. Der Saphir funkelte jetzt rein und hell wie ein Diamant.

»Ich wette«, meinte Guelder, »kein Sachverständiger kann diesen Stein von einem echten unterscheiden.«

Die Herren wurden inzwischen des Sitzens müde, schlenderten im Laboratorium umher und ließen sich von Guelder die verschiedenen Apparate erklären, die schließlich zu der großen Erfindung geführt hatten.

»Es ist Ihnen doch wohl klar, daß die großen Gesellschaften uns ein Angebot auf Ihren Apparat machen werden?« fragte Sleser. »Sie werden selber die Entfärbung ausführen wollen. Nach meiner Schätzung dürfte das allein uns zwei Millionen einbringen.«

Guelder antwortete nicht.

Es bereitete ihm heimlich Vergnügen, daß kein Mensch über die Entschädigung sprach, die ihm zu zahlen war. Sie behandelten seine Maschine schon als ihr Eigentum.

Dieser Umstand fiel allmählich dem geschäftstüchtigen Sleser auf. Er zog die Herren beiseite und raunte:

»Wir werden diesem Burschen eine fette Akontozahlung leisten müssen«, riet er, »und natürlich muß er einen großen Anteil an der Gesellschaft haben.«

Guelder wurde hinzugezogen, er zeigte sich sehr nachgiebig, fast demütig, und nahm die garantierte Zahlung von zwanzigtausend Pfund mit allen Zeichen höchster Dankbarkeit entgegen. Auch wurden ihm ein großer Teil der Aktien und ein wichtiger Posten in dem »Farbigen Diamanten-Syndikat« in Aussicht gestellt.

Aber er hatte andere Pläne und Ziele und hatte seinen Partnern schon die Treue gebrochen, ehe noch die Gesellschaft gegründet worden war. Julian war mit ihm im Bunde. Reef war nicht der Mann, der sich mit einigen Zehntausenden zufrieden gab. Er trachtete nach Millionen und wollte mit allen Mitteln sein Ziel erreichen.

Von Zeit zu Zeit gingen sie zu dem summenden Apparat zurück und betrachteten voll Neugier den kleinen Haufen dieses weißen kristallinischen Pulvers, unter dem ein enormes Vermögen im Entstehen war. Einer der Herren, der am Fenster stand und auf den Strom hinausblickte, machte die Bemerkung, wie leicht hier ein Mord verübt und das Opfer beseitigt werden könnte. Er öffnete das Fenster, und der Regen strömte ununterbrochen nieder.

»Zum Donnerwetter, schließen Sie das Fenster!« wetterte Sleser gereizt, »und reden Sie nicht von Mord. Man kriegt ja geradezu 'ne Gänsehaut. – Mein Gott, was ist denn das?«

In der Dunkelheit des Zimmers glühten zwei grüne Kreise auf. »Sie – was ist das?«

»Mein Kätzchen«, lächelte Guelder und pfiff.

Das weiße, gespenstische, riesige Tier kam langsam näher. Es rieb sich gegen Guelders Bein und ließ sich gnädig von ihm das Ohr krauen.

»Hat mir einen schönen Schrecken eingejagt!«

Sleser trocknete die feuchte Stirn mit einem großen Taschentuch und blickte ängstlich umher.

»Warum zum Henker haben Sie Ihr Laboratorium nicht irgendwo im Westen eingerichtet? Dieser Ort hat etwas Unheimliches. Hier ist sicher schon mal einer abgemurkst worden.«

Während er sprach, sah er die große Katze ganz steif dastehen, steil sträubten sich ihre Haare, er vernahm ein tiefes, wütendes Schnurren, dann sprang sie rasch wie ein zuckender Blitz quer durch den Raum und verschwand.

»Das hat nichts zu sagen«, beruhigte Guelder mit einer leichten Handbewegung. »Ihre Freunde im Bootshaus brauchen Hilfe.« Er zeigte nach unten. »Ratten ... die sind augenblicklich etwas zahlreich. Hunderte und aber Hunderte. Und wenn eins der Kätzchen in Bedrängnis ist, dann ruft es seine Brüder – weiter nichts.«

Mr. Sleser wischte sich den Hals unter dem Kragen und blickte unbehaglich in den dunklen Teil des Zimmers.

»Unheimlich«, brummte er mit rauher Stimme. »Los, los, wir wollen zu Ende kommen! Wie lange soll das denn noch dauern?«

»Gar nicht mehr lange. Kommen Sie.«

Er blickte auf den Zeiger des Meßapparats und schaute dann auf die Uhr.

»Ich weiß nicht ...« Er zögerte. »Entweder ist es fertig oder es gelingt nie. Wenn dieses Experiment mißlingt, meine Herren, müssen wir es noch einmal versuchen. In der Wissenschaft kann man nichts erzwingen.«

Er nahm eine kleine Porzellanschale und füllte sie mit einer weißen, durchsichtigen Flüssigkeit, die er sehr sorgfältig aus einer großen Flasche mit der Aufschrift »Gift« ausgoß. Dann hob er den Stein heraus, schabte mit einer Pinzette das Pulver, das den Diamanten bedeckte, ab, und ließ ihn in das milchige Bad fallen.

»Noch eine Minute ...«, flüsterte er mit belegter Stimme.

Diese Minute schien wie Stunden. In dem großen Raum war nur der Atem der Männer zu vernehmen. Guelder hatte den Strom abgestellt. Die Maschine war jählings verstummt. Ein lastendes Schweigen hallte nach.

Jetzt griff er mit der Pinzette in die Flüssigkeit.

»Nehmen Sie bitte das Tuch ...«

Er zeigte auf ein kleines, gelbes Staubtuch.

Sleser befolgte den Befehl.

»Jetzt!«

Er griff mit der Pinzette zu, faßte den Diamanten und legte ihn hastig in das bereitgehaltene Tuch.

»Wischen Sie ihn schnell ab.« Sleser gehorchte.

»Jetzt sehen Sie nach!«

Der Millionär starrte auf den Stein in seiner Hand. Das war kein dunkelgelber Diamant mehr. Es strahlte ein weißes und blaues Feuer, wundervoll anzusehen.

»Mein Gott«, ächzte er und trug den Stein unter das Licht.

»Bleibt das auch so?«

Guelder lächelte.

»Ewig«, rief er emphatisch.

Der Versuch war beendet. Sie trugen den Stein in das Wohnzimmer, das hell erleuchtet war. An seinem Schreibtisch hatte Guelder eine besonders helle Lampe. Unter dieser drängten sie sich zusammen, um dieses wunderbare Kleinod zu prüfen.

»Das ist ein weißer Diamant – so wahr ich lebe! Darf ich ihn vierundzwanzig Stunden behalten?«

Guelder breitete gönnerhaft beide Arme aus.

»Vierundzwanzig Jahre, mein Freund«, rief er vergnügt, »als gelber Diamant war er hundert Pfund wert.«

»Als weißer ist er tausend wert«, stammelte Sleser erregt. »Ich übernehme jede Garantie, daß ich ihn jedem Händler für tausend verkaufe. Es ist ein Wunder.«

Es klopfte. Guelder öffnete die Tür.

»Was wollen Sie?« fuhr er ungeduldig die alte Frau an.

»Das dumme Telefon klingelt seit Stunden«, sagte Freda phlegmatisch. »Ich verstehe nicht recht, was sie wollen, aber ich glaube, sie fragen nach Mr. Reef.«

Guelder fing Julians Blick auf und winkte ihm.

»Telefon«, sagte er, und dann leiser: »Was sagst du nun? Bin ich ein großer Erfinder oder nicht? Wird Rex Guelder bald in aller Munde sein, he?«

»Du bist ein fabelhafter Bursche! Wer will mich denn eigentlich sprechen?«

»Ach«, klagte Guelder enttäuscht, »daran kannst du jetzt denken! Geh mit Freda. Zu der paßt du!«

Reef blieb fünf Minuten fort. Aber er kam nicht zurück, sondern ließ Guelder durch Freda holen.

Sie hatten eine leise Beratung am Fuß der Treppe, und gleich darauf verließ Julian das Haus.

»Wo ist Reef geblieben?« fragte einer der Herren, als Guelder allein zurückkehrte.

Der Holländer erklärte, daß Julian in einer sehr dringenden Angelegenheit abgerufen worden sei, ließ sich aber auf eine weitere Erklärung nicht ein. Es schien ihm nicht ratsam noch vorteilhaft, mitzuteilen, daß Julian Reef in diesem Augenblick in Mr. Guelders Sportwagen hinter einem Rolls-Royce herjagte. Welche Folgen diese Jagd haben könnte, mochte er sich selbst gar nicht vorstellen.

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