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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 20
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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19

Am Ende der Hill Street nahm Guelder eine Taxe und stürzte sich in ungewohnte Unkosten. Er war noch immer sehr erregt und außer Atem, als er ins Büro kam. Julian war ausgegangen, doch als er einige Minuten später zurückkehrte, fand er den Freund ziemlich aufgelöst.

»Sie wollte nichts herausgeben«, gestand er.

Julian grinste.

»Hast du dir das etwa eingebildet, du Simpel? Dein Plan war von Anfang an zum Mißlingen verurteilt, Hoffentlich hast du mich wenigstens aus dem Spiel gelassen.«

»Warum hast du das nicht vorher gesagt?« zischte Guelder ihn an. »Hast du nicht gesagt, das wäre ein ausgezeichneter Plan? ... Elk war dort.«

»Elk?« Julian stutzte. »Er hat dich verfolgt?«

»Das weiß ich nicht«, grollte der Holländer. »Jedenfalls war er dort. Kam gerade in dem Augenblick, in dem ich sie soweit hatte. Aber wir werden das Geld schon kriegen! Ich gehe zum Rechtsanwalt und ...«

»Unnötig«, rief Julian zu Guelders Überraschung. »Ich habe die Leute gesprochen, die, wie wir verabredet haben, unseren großen Coup finanzieren sollen. Sie sind bereit, alles, was wir brauchen, aufzubringen.«

Guelders Gesicht hellte sich auf.

»Sie sind nur noch ein bißchen skeptisch gegen deine Erfindung. Zwei oder drei von ihnen kommen dann her, sich die Sache anzusehen. Zeige mir doch noch einmal den Stein.«

Guelder öffnete den Safe, entnahm ihm ein Schmuckkästchen, öffnete es und stellte es auf den Tisch. Darin lag ein kleiner reiner, weißer Diamant, der im Licht seine bunten Strahlen zur Wirkung brachte.

»Wie lange hast du zu dem gebraucht?«

»Drei Stunden«, gab Guelder Bescheid. »Mit der Zeit wird es schneller gehen. Aber die Eile ist eigentlich unnötig. Man braucht nichts weiter, mein lieber Julian, als noch einige Instrumente, etwas verstärkte Lichtkraft und verbesserte Apparate.«

»Wenn sie nachher kommen und zufrieden sind«, sagte Julian, »beginnen sie sofort ihre Börsenmanipulationen, noch ehe sie dein Experiment mit eigenen Augen gesehen haben. Ich habe ihnen gesagt, daß du noch viel größere Steine bearbeiten kannst.«

Guelder nickte.

»Stimmt! Heute abend mache ich einen Versuch mit einem großen Zehnkaräter. Das zu sehen wird sich lohnen.«

Er wollte gern wissen, warum diese sonst so vorsichtigen City-Leute ihre Börsenmanöver beginnen wollten, ehe sie sich noch von dem Wert der Erfindung überzeugt hatten.

»Der Markt ist schwach«, erklärte Julian, »besonders der Diamantenmarkt. Man hat eine Anzahl freier, kleiner Alluvialfelder in Afrika entdeckt, deren Ausbeutung die großen Gesellschaften gern durch gesetzliche Maßnahmen verhindern möchten. Sie behaupten, der Diamantenmarkt sei so schwach, daß er selbst ohne deine Erfindung leicht ins Wanken geraten könnte.«

Er erzählte dann dem Holländer, der nur ein sehr geringes Interesse für Minenangelegenheiten zeigte, daß eine heftige Konkurrenz entstanden sei zwischen einer kleinen Gruppe Millionäre, die man aus der Diamantenindustrie »hinausgequetscht« hätte, und einer größeren Gruppe. Die Millionäre wollten sich rächen und der Industrie einen tödlichen Schlag versetzen.

Gern hätte Julian auch noch über einige andere Dinge gesprochen. Und hätte Guelder nicht neulich jene furchtbare Drohung ausgesprochen, würde Julian ihm jetzt ungeschminkte Vorwürfe gemacht haben. Guelder war verschwenderisch, hatte keine Ahnung vom Wert des Geldes, kaufte für seine Versuche zusammen, was ihm in den Sinn kam, und überließ es seinem Partner, die Rechnungen zu begleichen. Heute waren wieder einige sehr hohe eingegangen, von denen eine, beträchtlich über zweitausend Pfund, umgehend bezahlt werden mußte.

Ganz vorsichtig machte er ihm Vorhaltungen.

»In ein oder zwei Wochen können wir uns das gestatten. Aber gerade jetzt müssen wir sehr haushalten. Ich stecke ja viel in deinen großen Coup, aber ich muß mir doch schließlich einen Weg offenhalten, falls die Sache mißlingt.«

Guelder lächelte sarkastisch.

»Du brauchst dir keinen Weg offenzuhalten, mein Freund«, sagte er sehr gelassen. »Geld werden wir in jedem Fall verdienen. Woher es kommt, ist gleich. Vielleicht verdienen wir ein Vermögen durch meine Erfindung, vielleicht allein schon durch die Aussicht auf meine Erfindung.«

»Ich verstehe dich nicht«, entgegnete Julian zögernd.

Guelder fuhr fort.

»Deine Freunde wollen einen Kurssturz auf dem Diamantenmarkt erzeugen. Schön! Ist es nicht ganz gleich für dich, ob du dein Geld durch diesen Kurssturz auf Grund meiner Erfindung einheimst oder direkt durch meine Erfindung? Geld bleibt Geld. Wie man es gewinnt, ist völlig schnuppe. Ob du den ›gerissenen Kerl‹ überredest, dir fünfzigtausend Pfund zu geben, oder ein Loch in die Erde buddelst und eine Goldader findest – alles völlig egal!«

Julian Reef war ein wenig verdutzt, stellte aber keine Fragen.

Eine halbe Stunde später kamen drei sauber gekleidete City-Herren, die kein Hauch von Romantik umwehte und kein Schimmer sagenhafter Abenteuer verklärte. Und doch waren sie Piraten, Schatzsucher und Mörder, alles in einer Person ...

*

Mr. Elk führten seine Pflichten an viele seltsame Orte, teils angenehme, teils zweifelhafte. Bei seinem Besuch in Woolwich fand er beides. Die Villa in Plumstead, die er klein genannt hatte, war in Wirklichkeit ein recht anspruchsvolles Gebäude. Es prunkte mit einer Garage und sehr geräumigen Kellergewölben. Hier herrschte Ordnung. Wenn die Gegenstände, die das Haus schmückten, auch gestohlen waren, so waren sie von bestem Geschmack.

Mr. Weldin, der Eigentümer, hatte seine gestohlenen Bilder nicht in dem Keller verstaut. Das war der Platz für den Wein. Seltene Weine waren es und in gewaltigen Mengen. Im Louvre war ein Meister des vorigen Jahrhunderts aus seinem Rahmen geschnitten worden und hing jetzt in neuem, festlichem Gewand in Mr. Weldins Schlafzimmer. Und das wurde ihm zum Verhängnis. Denn in seinem Badezimmer war ein Rohr leck geworden. Man hatte einen Klempner zitiert, diesen häuslichen Schaden zu beseitigen. Es war eine besondere Auszeichnung, denn kein Mensch durfte jemals diese Schwelle übertreten. Mrs. Weldin verrichtete alle Hausarbeit höchst eigenhändig.

Es war das Pech dieses Königs der Hehler, daß der Klempner künstlerische Neigungen hatte und in seiner freien Zeit eine Malklasse der Fortbildungsschule besuchte. Niemals hätte man von einem Handwerker erwartet, daß er einen gestohlenen Corot wiedererkennen würde. Doch dieser Mann erkannte nicht nur dessen Herkunft, er hatte auch von dem Diebstahl gehört.

Nachdem er seine Pflicht als Klempner getan hatte, verließ er das Haus und lief zur Polizei, um dort seine Pflicht als Künstler und Bürger zu erfüllen.

»Scheint mir etwas sonderbar«, meinte Elk. »Ich dachte, diese Gewerkschaften trennen Malerei und Klempnerei.«

Man führte ihn durch das herrliche Haus und dann dorthin, wo Mr. Weldin die weniger vornehmen Geschäfte seines Handelszweiges erledigt hatte. Es war ein schmutziger, langgestreckter Bau am Ufer, der mit einer unbeschreiblichen Sammlung aller möglichen Gegenstände vollgepfropft war, von alten Kleidern, die in Haufen an Haken hingen, bis zu noch ungeöffneten Warenballen, die von den Flußpiraten stammten.

»Eine Masse von dem Zeug da ist ehrlich gekauft und bezahlt worden. Der größere Teil ist fraglos auf gesetzwidrige Weise in seinen Besitz gelangt«, erklärte der Ortspolizist, ein sehr genauer Mann mit einem amtlichen Wortschatz. »Tatsächlich besitzt er Quittungen für die meisten großen Gegenstände in seinem Hause – zum Beispiel die Bilder. Weldin behauptet, er habe den Wert des Corot nicht gekannt.«

»Des was?« fragte Elk verdutzt. »Ah, dieses Gemälde! Spricht man das so aus? Bildung ist doch was Schönes, Kollege! Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf – untersuchen Sie mal den ganzen Haufen da etwas genauer – besonders die Kleider. Höchstwahrscheinlich wird sich dann die Anklage gegen ihn etwas verändern. Vielleicht tun Sie ihm einen Gefallen, wenn Sie ihn dann nur wegen Raub anklagen.«

Er besuchte Mr. Weldin in seiner Zelle und fand einen sehr frohgemuten und selbstsicheren Mann.

»Nie hat man einen Bürger und Steuerzahler ungerechter behandelt«, begann er. Doch Elk brachte ihn schnell zum Schweigen.

»So hätten Sie vor der Erfindung der Fingerabdrücke sprechen können, mein lieber Weldin. Wir haben eben Ihr Sündenregister vom Polizeipräsidium erhalten, Mr. Weldin, Martin, Cootes, Oberst Slane, Mr. John B. Sennet, oder wie Sie in Wirklichkeit heißen mögen. Auswahl haben Sie ja genug.«

Weldin hatte Sinn für Humor und lachte.

»Wenn Sie mal zufällig dem Mann begegnen, der die Fingerabdrücke erfunden hat, dann pudern Sie ihn noch mal in meinem Namen mit dem Klammerbeutel, mein lieber Inspektor.«

»Ich werd's mir überlegen«, gelobte Elk liebenswürdig und überließ den dicken Räuber seinem Schicksal.

*

Als er nach Scotland Yard zurückgekehrt war, sagte er zu seinem Schreiber:

»Ich habe jetzt eine sehr wichtige Untersuchung zu machen und wünsche nicht gestört zu werden.«

»Wann soll ich Sie wecken?« fragte der Schreiber ohne jede beleidigende Absicht.

»Um fünf – mit einer Tasse Tee«, entgegnete Elk und war zwei Minuten, nachdem er den Schlüssel im Schloß umgedreht hatte, sanft und fest entschlummert.

Der Abend rief ihn wieder nach Woolwich. Ohne Klage machte er sich auf den Weg. An einem Zeitungsständer las er flüchtig etwas über »Kurssturz in Diamanten«.

Es interessierte ihn nicht. Tony Braid aber hatte dieselbe Nachsicht schleunigst nach London gehetzt.

Braid besuchte mehrere Firmen in Mayfair und erörterte in verschiedenen verschwiegenen Privatkontoren den Grund dieses Sturzes. Bei einem der Diamantenmillionäre fand er wenigstens eine Erklärung dieser unbegreiflichen Baisse.

»Sleser ist auf dem Markt«, sagte dieser, ein hübscher graubärtiger Mann, eine Säule der Diamantenindustrie. »Vielleicht verbrennt er sich die Finger, vielleicht auch nicht. Wir werden jedenfalls kein Geld verschleudern, ihn zu bekämpfen. Unsere Aktien sind genau das wert, was sie vor dem Sturz galten. Sie werden auch wieder ihren normalen Kurs erreichen. Zu einer Panik liegt nicht der geringste Anlaß vor.«

Tony lächelte.

»Persönlich neige ich nicht zur Panik«, bemerkte er. »Ich möchte nur wissen, ob Reef dahintersteckt.«

»Reef?« Der bärtige Mann staunte. »Wer zum Teufel ist Reef?«

Hätte Reef das gehört, hätte er sich nicht geschmeichelt gefühlt.

»Ah, jetzt erinnere ich mich! Dieser kleine Gernegroß! Warum sollte er den Diamantenmarkt beunruhigen? Und wie könnte dieser kleine Bursche das! Jedenfalls werden wir nichts unternehmen. Und ich kann Ihnen nur den einen Rat geben ...«

»Ganz unnötig«, lachte Tony, »wenn die Baisse anhält, kaufe ich, obwohl meine Käufe den Kurs nicht stark beeinflussen werden.«

Doch andere nahmen die Sache nicht so philosophisch hin wie der große bärtige Finanzmann. Sie waren aufgescheucht und fürchteten einen weiteren Kurssturz. Jeder nannte einen anderen, der angeblich hinter dieser Bewegung stecken sollte, aber alle nannten außerdem Sleser – jenen Millionär, der die Diamantengruppe bitterer haßte als alles andere in der Welt. Und jedenfalls wurde Tony klar, daß dieser Ansturm gegen die Diamantenindustrie weit heftiger und ernster war, als er anfangs geglaubt hatte. Von einem der Herren, die er besuchte, hörte er eine ganz merkwürdige Geschichte. Der Bruder seines Kammerdieners wohnte in Greenwich und hatte von einer Fabrik am Ufer gehört, die sich angeblich mit der Herstellung künstlicher Diamanten befaßte.

»Was natürlich Unsinn ist«, sagte Tony. »Man kann Diamanten herstellen, aber sie sind so winzig, daß sie keinen Handelswert haben. Auch sind die Kosten der Herstellung so groß, daß sie nicht konkurrenzfähig sind.«

Und doch war er beunruhigt ... Greenwich!

Guelder wohnte in Greenwich und besaß dort, wie er gehört hatte, ein Laboratorium. Der Mann war Chemiker, nach allen Berichten ein sehr scharfsinniger. Sollte Julian doch hinter dem Kurssturz stecken? Er machte sich keine falschen Vorstellungen von Julians Wichtigkeit. Er war ein Blender, spielte sich gern auf, hatte aber nicht den geringsten finanziellen Rückhalt. Er lebte von der Hand in den Mund, verdiente in manchen Jahren enorme Summen, in anderen – dies wurde freilich nicht so laut hinausposaunt – verlor er größere; kurz, er arbeitete ohne jede solide Grundlage. Tony hatte sich die größte Mühe gegeben, dies durch Andeutungen und Anspielungen Lord Frensham klarzumachen, doch Frensham litt an übertriebenem Zartgefühl und glaubte unerschütterlich an die Fähigkeiten seines Neffen.

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