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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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15

Als zwei Tage später ein Angestellter von Julian Mr. Braid meldete, fühlte sich Reef versucht, sich verleugnen zu lassen. Doch fast mechanisch sagte er: »Gut« und bereitete sich auf eine sehr ungemütliche Begegnung vor. Tony war wie immer tadellos gekleidet. Er zog die zitronengelben Handschuhe aus, legte sie in das Innere seines Zylinders und setzte sich.

»Wieviel Lulanga-Aktien besitzen Sie?« eröffnete er die Unterhaltung.

Julian blickte finster drein.

»Soll das wieder ein Verhör werden? Ich denke, ich habe Ihnen schon klargemacht ...«

»Über Ihre eigenen Aktien haben Sie mir gar nichts klargemacht.«

»Ich besitze hunderttausend – oder, um ganz genau zu sein, hundertzehntausend. Aber was interessiert Sie das? Haben Sie vielleicht ein neues Gutachten entdeckt?« höhnte er. »Eins, das die Aktien bis zum Himmel emportreiben wird?«

»Ich habe kein neues Gutachten entdeckt« – Tony wählte seine Worte mit großer Umsicht –, »noch habe ich eines erdichtet. Ich bin aber der Ansicht, daß auf dem Gelände noch Öl zu finden ist. In diesem Fall würden die Aktien fünfmal soviel wert sein wie heute. Liegt aber diese Möglichkeit vor, so möchte ich gern die ausschlaggebende Majorität besitzen. Ich habe zweihunderttausend von Lord Frensham – oder vielmehr von Lady Frensham. Das Aktienkapital beträgt sechshunderttausend. Ich brauche also noch eine Anzahl zur Majorität.«

Julian ging ein Licht auf. Nicht umsonst hieß dieser Mann der »gerissene Kerl«.

»Ich begreife«, rief er. »Sie wollen einen Rummel in Lulangas machen, Ihren Besitz losschlagen und mit einem großen Gewinn raussteigen, wie? Das nennen Sie dann Hochfinanz, nicht wahr?«

»Von Hochfinanz verstehe ich nichts«, erwiderte Tony, »aber von niedriger Finanz habe ich die letzten zwei, drei Tage allerhand gesehen. Bitte, antworten Sie nur jetzt, ob Sie mir Ihren gesamten Besitz an Lulangas verkaufen wollen?«

Julian wollte nur gar zu sehr, war geradezu erpicht darauf, den ganzen Schwung loszuwerden. Wenn Braid es ernst meinte und wirklich bar kaufen wollte, war ihm sein Geld höchst willkommen. Er brauchte dringend neue Mittel. Denn das neue Unternehmen ging seiner Geburtsstunde entgegen.

»Zur Zeit stehen die Aktien tief unter ihrem inneren Wert«, wandte er ein.

»Ich kann ja morgen das Gutachten des Ingenieurs veröffentlichen«,, fiel Tony ein, »damit Sie ein endgültiges Urteil über ihren inneren Wert gewinnen.«

Reef flammte vor Ärger auf.

»Das heißt, Sie wollen jeden Wert, den die Aktien noch haben, vernichten. Was planen Sie eigentlich, Braid?«

Tony schüttelte den Kopf.

»Ich habe nicht die Absicht, mit Ihnen meine privaten Pläne zu erörtern. Ich frage Sie noch einmal, zu welchem Preis Sie verkaufen wollen.«

Julians Gedanken flogen. Er wußte zu seinem Kummer, daß es praktisch unmöglich war, Lulanga am offenen Markt zu veräußern. Er hatte seinen Besitz erst am Tag zuvor zu wenigen Pence für die Aktie angeboten. Vergeblich. Er nannte jetzt einen Preis und sah Tony lächeln.

»Das sind sie wert«, beharrte er, »und wenn Sie Ursulas Aktien ...«

»Ich ersuche Sie, die Dame nicht bei ihrem Vornamen zu nennen!«

Wütend zeigte Reef die Zähne.

»Sie sprechen ein bißchen anmaßend, scheint mir. Im übrigen ist die Dame meine Cousine. Aber ich habe wirklich keine Lust, mit Ihnen zu streiten. Sie haben Ihre besondere Ansicht über Lulanga, Vielleicht haben Sie recht. Ich habe ja immer Vertrauen zu dem Gelände gehabt. Sie stolzieren auf unbekanntem Gebiet einher. Soviel ich weiß, sind Sie Diamantenfachmann, Ölfelder sind eine sehr riskante Sache. Ich verkaufe Ihnen mein Aktienpaket zu sechs Schilling. Zu diesem Preis sind sie zuletzt an der Börse gehandelt worden.«

Er glaubte nicht im Traum daran, daß Braid ihm einen Wert bewilligen würde, den er selbst für enorm hielt. »Eine anständige Summe für knochentrockene Quellen«, meinte Braid, »aber ich nehme sie. Schreiben Sie die Zession aus, dann gebe ich Ihnen den Scheck.«

Julian war vor Freude wie gelähmt. Dann aber kam ihm der Humor der Lage zum Bewußtsein.

Er lachte herzlich.

»Sie sind ja ein toller Spieler!« rief er gut gelaunt. Er entlockte aber Anthony Braid kein Lächeln der Erwiderung.

Es dauerte genau zehn Minuten, um Julians gesamten Lulanga-Besitz dem anderen abzutreten. Mit einem Gefühl höchster Befriedigung faltete er Tonys Scheck zusammen und steckte ihn in die Tasche.

»Sie wissen natürlich, was Sie kaufen. Sie haben den Bericht gelesen, und vielleicht interessiert Sie auch das hier.«

Er nahm ein Kabeltelegramm vom Tisch und reichte es dem Besucher.

»Vor einem Monat habe ich einen unabhängigen Ingenieur zur Untersuchung der Quellen hinübergeschickt«, erläuterte er. »Das ist die Antwort:

Tony las:

Ausbeute minimal. Meiste Quellen ausgetrocknet. Die noch arbeiten, produzieren verminderte Menge. Kleine, von Gesellschaft genehmigte Bohrungen östlich des Gebirges. Meiner Meinung nach geringste Hoffnung auf Erfolg.

Dann reichte er das Telegramm zurück.

An der Tür blieb er noch einmal stehen.

»Wenn Freunde von Ihnen größere Posten von diesen Werten haben, nehme ich sie ihnen gern ab«, erklärte er.

»Warum kaufen Sie nicht an der Börse?« entgegnete Julian keck. »Das ist eine nicht ganz unwichtige Einrichtung, von der Sie vielleicht schon einmal gehört haben. Ich bin überzeugt, es gibt eine ganze Anzahl Aktienbesitzer, die gern Ihre interessante Sammlung vermehren wollen.«

*

Als Guelder einige Zeit später kam, fand er seinen Sozius in sehr gehobener Stimmung und erfuhr bald den Grund. Guelder kratzte sich die Nase und war durchaus nicht allzu erfreut.

»Hm«, machte er, »der gerissene Kerl!«

Er las das Kabel, das er noch nicht kannte.

»Mit Genehmigung? Was bedeutet das? Wer bohrt da auf der anderen Seite des Gebirges?«

Julian erklärte ihm, daß die Gesellschaft häufig die Genehmigung an Leute erteile, die ihr Glück auf unerforschten Gebieten des Geländes versuchen wollten.

»Der Gesellschaft schadet das nichts. Denn haben sie Erfolg, müssen sie der Gesellschaft 75 Prozent ihrer Ausbeute abgeben und den Handel mit ihrem Öl überlassen. Vor einiger Zeit gab Frensham jenem Burschen Colburn eine Lizenz, der früher mal Ingenieur bei uns war und wegen Trunksucht flog.«

»Colburn?« fragte Guelder und blickte scharf auf. »Der kam vor etwa drei Wochen hier ins Büro, als du in Cornwall warst. Ein etwas lärmender Geselle.«

»Ich kenne ihn nicht«, entgegnete Julian gleichgültig.

»Er ist in London, mein Freund. Stimmt dich das nicht nachdenklich?«

»Nein. Auch der wird kein Öl nach Lulanga pumpen«, lachte Julian.

Kurz vor dem Lunch kam Guelder herein, einen Morsestreifen in der Hand, schloß behutsam die Tür hinter sich, ging langsam auf Reef zu und legte den Papierstreifen ohne ein Wort vor ihn hin. »Was ist das?« fragte Julian und blickte auf.

»Lies«, befahl der andere.

Reef nahm das Papier auf, las und starrte.

»Lulanga-Öl 17,9, 18,6, 18,9, 20,3.«

Er traute seinen Augen nicht.

»Dieser verrückte Narr kauft!«

Guelder schüttelte den Kopf. »Wahnsinn hat viele Gesichter«, bedeutete er. »Dieser Mann ist sicher nicht zu seinem Schaden verrückt geworden. Er mag ein Spieler sein, aber er spielt nicht blindlings. Wollen wir nicht auch kaufen, mein guter Julian. Wenn es für ihn gut ist zu kaufen, wird es für uns nicht schlecht sein.«

»Du magst ja verteufelt viel von deiner Wissenschaft verstehen«, schimpfte Julian, »von Aktien hast du keinen blauen Dunst. Begreifst du nicht, du Schafskopf, daß die Papiere bis Börsenschluß Hals über Kopf stürzen werden?«

Er war kein guter Prophet. Die letzte Notierung der Lulanga war 27 Schilling.

»Dahinter steckt eine Schiebung«, schimpfte Julian wütend. Und vielleicht hatte er recht.

Als er am nächsten Morgen im Bett die Zeitung las, fand er einen Artikel mit der Überschrift: »Romantik der Ölfelder ... Sensationelles Steigen der Lulangas ... Wertlose Aktien stehen jetzt auf zwei Pfund!«

Gestern früh beweinten Lulanga-Öl-Besitzer ihr Los ... Wer gestern zu niedrigem Kurs verkauft hat, sieht heute schon seinen Fehler ein. Mr. Anthony Braid, der bisher Diamanten-Interessen vertrat, war der Hauptkäufer. Wie wir erfahren, übernahm er ein Paket von über hunderttausend Stück von einem wohlbekannten City-Mann zum Kurs von sechs Schilling. Am Schluß der gestrigen Börse hatte er einen Gewinn von über hunderttausend Pfund in der Tasche! Bei einem Interview, das er gestern abend unserem Mitarbeiter in seiner Wohnung gewährte, erklärte Mr. Braid, das Steigen der Aktien sei nicht verwunderlich. Unabhängige Ölsucher wären bei ihren Bohrungen am Rande des Geländes auf das wahre Ölfeld gestoßen. Das Ergebnis sei verblüffend, die Möglichkeiten seien unberechenbar. Mr. Colburn, der neue Ingenieur, reise Sonnabend nach Afrika. Ein Kabel seines Vertrauensmannes, der die Versuchsbohrungen, unternommen hat, rief ihn dringend zurück.

*

Julian warf die Zeitung auf den Boden, sprang aus dem Bett und trampelte wütend darauf herum. Tony Braid hatte ihn darauf hingewiesen, daß das Gelände Öl enthalte, daß die Aktien fünfmal soviel wert waren, als er dafür zahlte. Es war eine Gerissenheit – diese Wahrheitsliebe war wieder einmal eine der ihm eigenen Gerissenheit!

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