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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 13
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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12

Tony war am nächsten Morgen um neun Uhr im Büro von St. James' Street. Das Personal der Lulanga-Öl-Gesellschaft bestand jetzt nur noch aus drei Stenotypistinnen und einem alten Buchhalter, der mit Frensham ein halbes Leben lang zusammengearbeitet hatte.

»Ich habe alle Dokumente der Gesellschaft auf Ihren Tisch gelegt, Mr. Braid«, sagte er. »Leider werden Sie merken, daß wir eine etwas – leichtfertige Arbeitsmethode hatten. Nur das Aktienbuch ist in Ordnung. Das habe ich selbst geführt.«

Tony hatte sich erst kurze Zeit mit den Schriftstücken der Lulanga-Gesellschaft befaßt, als er bemerkte, daß »leichtfertig« ein sehr milder Ausdruck für Lord Frenshams Arbeitsmethode war. Er fand ungeöffnete Briefe – einer enthielt einen Scheck über mehrere hundert Pfund – und zahlreiche Schreiben, die umgehende Erledigung verlangten, aber bis heute nicht beantwortet waren.

»Seine Lordschaft schob immer alles Peinliche auf«, erklärte Main, der alte Buchhalter. »Und seit die Aktien so gefallen sind, hat er die Post, die ich ihm vorlegte, kaum noch überflogen.«

Tony nickte, er kannte diese Eigentümlichkeit des alten Herrn.

»Hat Mr. Reef nicht hier im Büro gearbeitet?« fragte er.

Main zögerte. »Nein. Seine Lordschaft liebten keine Einmischung, und obwohl Mr. Reef offenbar gern helfen wollte, forderte Seine Lordschaft ihn nie auf. Aber es kam oft vor, daß ich, wenn etwas entschieden werden mußte und Lord Frensham zu keiner Entscheidung kam, in die Stadt zu Mr. Julian ging. So hat er zum Beispiel fast die ganze Korrespondenz mit Südafrika erledigt.«

Tony unterdrückte jede Bemerkung. Je tiefer er in die Verwirrung der Geschäfte Frenshams eindrang, desto glaubhafter wurde ihm der Bericht des Buchhalters. Er hatte noch nicht den sechsten Teil der angehäuften Schriftstücke durchgesehen, als Julian sehr heiter und liebenswürdig eintrat.

»Es tut mir schrecklich leid, daß ich zu spät komme«, rief er.

Unter dem Arm trug er eine große Aktenmappe, die Schriftstücke der Gesellschaft enthielt.

»Nichts Wichtiges«, erklärte er und blickte auf den Stapel, der sich vor Tony türmte. »Haben Sie schon alles durchgesehen?«

»Noch nicht«, entgegnete Braid, »was haben Sie da?«

Julian schwenkte eine Handvoll Papiere.

»Nur ein paar Briefe. Sie beziehen sich auf Angelegenheiten, die ich für Frensham erledigt habe.« Er legte sie auf den Tisch neben die anderen Papiere.

»Frensham pflegte die wichtigsten Dokumente der Gesellschaft in einem schwarzen japanischen Kasten in dem Zimmer dort drüben zu verwahren«, klärte er Braid auf.

»Ich habe jetzt alles geöffnet«, erklärte Tony.

»Aber sicher nicht den Lulanga-Kasten«, vermutete Reef.

Tony ging ins Nebenzimmer und prüfte noch einmal alle Aktenschränke. Mit einer Ausnahme waren sie leer, und auch die Ausnahme hatte nicht den leisesten Bezug auf Lulanga-Öl. Als er zurückkam, stand Julian am Fenster und blickte hinaus.

»Donnerwetter, hier könnte man leicht einbrechen«, rief er, »sehen Sie mal die Feuertreppe, unmittelbar unter dem Fenster!«

»Ihre Ansicht wird von einem hervorragenden Mitglied des Geheimdienstes geteilt«, sagte Tony trocken. »Mr. Elk – Sie kennen ihn wohl?«

»Ja, ich kenne ihn. Ich kann aber nicht behaupten, daß ich ihn maßlos schätze. Wir hatten mal einen kleinen Zusammenstoß – nur in Worten, aber doch recht erbittert.«

Er ging nicht näher auf Art und Grund des Streits ein, den er mit Elk gehabt hatte.

Tony hörte zum erstenmal von diesem Streit. Julian wandte sich vorn Fenster ab und setzte sich dem verhaßten Nebenbuhler gegenüber.

»Was wollen Sie tun?« fragte er. »Mir scheint das beste, Sie verbrennen den ganzen Plunder.«

»Eine sehr einfache Lösung«, bemerkte Tony gelassen. »Ich ziehe aber vor, Stück für Stück durchzusehen. Über vieles werden Sie mir sicher wertvolle Auskünfte geben können.«

Julian Reef nickte zu dieser Ironie. Er entnahm seiner Tasche ein goldenes Etui, zündete sich eine Zigarette an und beobachtete neugierig und mit dem Ausdruck der Überhebung Braids für ihn langweilige Lektüre der Briefe und Dokumente. Aus dem Winkel seines Auges sah er Tony Braid zwei eng mit Maschinenschrift beschriebene Folioseiten aufnehmen, die mit einer Büroklammer zusammengehalten wurden.

»Nanu! Was ist denn das!« entfuhr es Tony verwundert, als er die ersten Worte las.

Nachdem er die Seite hastig überflogen hatte, wandte er die Blätter und suchte die Unterschrift.

»Das ist ja ein Bericht des aufsichtführenden Ingenieurs in Lulanga«, sagte er sehr langsam. »Sind Sie einer von den Direktoren?«

Julian schüttelte den Kopf.

»Nein, ich habe auf meinen Direktorposten wenige Tage vor Frenshams Tod verzichtet«, belehrte er geschmeidig.

Tonys Augen hingen ungläubig an Reefs rotem Gesicht.

»Frensham hat mir davon nichts gesagt«, bemerkte er.

»Ich bezweifle sehr, daß überhaupt irgend jemand in der Gesellschaft davon weiß. Höchstwahrscheinlich werden Sie meinen Verzichtbrief unter den Papieren finden. Offen gesagt, Braid«, fuhr er in einem plötzlichen Ausbruch intimer Vertraulichkeit fort, »ich hatte die Torheiten meines Onkels herzlich satt. Seit Monaten habe ich ihm geraten, seine Aktien zu verkaufen. Was ist das eigentlich, was Sie da so eifrig lesen?« fragte er mit gut gespielter Neugier.

Tony hatte das Dokument jetzt zu Ende gelesen. Es begann:

Bericht über Quelle 15, 16 und 18, Lulanga-Öl-Felder, Majasaka, West-Afrika.

Mylord! Offenbar sind mehrere Postsäcke auf dem Weg hierher verlorengegangen. Denn ich vermisse die Veröffentlichung des Berichts, den ich Eurer Lordschaft über die obengenannten Quellen übersandt habe. Ich erwartete, daß die Gesellschaft diese beunruhigende Nachricht unverzüglich veröffentlichen würde. Doch die letzten Zeitungen, die ich erhalten habe, enthalten nur die Nachricht, daß Lulanga-Öl ihren Kurs behaupten. Wie ich schon früher schrieb, zeigten diese drei Ölquellen Zeichen des Versiegens. Jetzt sind die ersten beiden stillgelegt. Bohrungen sind durchgeführt worden auf 85, 96 und 132 auf Plan T, doch bisher ohne befriedigenden Erfolg. Ich würde meine Pflicht der Gesellschaft gegenüber vernachlässigen, wenn ich dem Vorstand verschweigen wollte, daß nach meinem Urteil Lulanga-Öl keinen Marktwert mehr hat. Der Vorstand wird sich erinnern, daß ich niemals Mr. Colburn zugestimmt habe. Ich habe die Aussichten der Gesellschaft stets pessimistisch beurteilt, und mein Pessimismus ist zu meinem Bedauern durch die Entwicklung der letzten Zeit vollauf gerechtfertigt worden ...

Colburn?! Der Name schien ihm vertraut, und plötzlich wie ein Blitz kam Tony die Erinnerung an Elks seltsamen Hausgenossen. »Wer war Colburn?« fragte er unvermittelt.

»Colburn?« tat Reef erstaunt. »O der! Ein Kerl, den wir wegen Trunksucht und allgemeiner Unfähigkeit entlassen haben. Er hat irgendwo an der Küste Arbeit gefunden. Ich weiß nicht, was weiter aus ihm geworden ist.«

Tony überreichte dem jungen Mann den Bericht. Er las, seine Augen öffneten sich weiter und weiter, seine Brauen stiegen zur Stirn empor, und jeder Fremde, der ihn ohne genaue Kenntnis der näheren Umstände beobachtet hätte, würde die Überzeugung gewonnen haben, Reef erlebe die größte Überraschung seines Lebens.

»Das sind ja ganz erstaunliche Dinge, die ich da lese!« ließ er sich vernehmen.

»Nie vorher gesehen?«

Die Frage kam wie ein Peitschenknall.

»Wie sollte ich das gesehen haben? Es war doch an Frensham gerichtet. Das war eine von seinen Merkwürdigkeiten. Er haßte jede Unannehmlichkeit ... Das ist eine höchst ernste Angelegenheit ...«

»Sie haben es also nie vorher gesehen?« fragte Tony wieder sehr betont.

Ein heißes Rot überzog Julians Stirn.

»Zum Teufel, was wollen Sie eigentlich?« fragte er. »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich diesen Bericht niemals gesehen habe, oder glauben Sie etwa, ich würde meine Hand dazu bieten, daß so etwas unterdrückt wird?«

Tony biß sich nachdenklich auf die Lippen, seine Augen hielten den anderen fest im Bann.

»Vor einigen Monaten, nach dem Tod des Sachverständigen, wurde von der Gesellschaft ein Bericht mit der Unterschrift dieses Mannes herausgegeben. Wer gab ihn heraus?«

Julian überlegte rasch. Hier durfte er nicht lügen. Diese Tatsachen waren zu leicht nachzuprüfen.

»Ich gab ihn heraus«, gestand er kühn.

»Haben Sie das fragliche Dokument gesehen?«

Wieder überlegte Reef.

»Ja«, antwortete er.

»Haben Sie das Original des Berichts, in dem der Ingenieur bekundet, daß die Aussichten der Quellen niemals besser gewesen seien – dieses Berichts, den Sie ja veröffentlicht haben?«

Eiskalt erwiderte Julian:

»Nein, ich besitze das Original nicht. Man schickte es mir, ich ließ es abschreiben. Meine Abschrift übersandte ich dem Drucker. Anscheinend hat Frensham ...«

»Wollen Sie etwa andeuten, daß Frensham einen gefälschten Bericht herausgegeben und die Wahrheit über diese Quellen unterdrückt hat?« Und da Reef die Antwort schuldig blieb, fuhr Braid unerbittlich fort: »Sie kannten Frensham weit besser als ich. Hat er jemals einen Gaunerstreich oder einen Betrug verübt? Halten Sie ihn für fähig, die Öffentlichkeit mit Überlegung und Tücke zu beschwindeln?«

Julian zuckte die Achseln. »Was weiß ich!« sagte er. »Natürlich war er ein anständiger Mensch, aber wer kann anderen ins Herz sehen? Das einzige, was ich bestimmt von dieser Sache weiß, ist, daß dieser Bericht mir nie zu Augen gekommen ist. Aber den anderen Bericht, den der Ingenieur unterzeichnet hat, der die günstigen Aussichten der Quellen schilderte, den habe ich gesehen. Und sicher hatte der Ingenieur recht gewichtige Gründe, wenn er so günstige ...«

Mit einer herrischen Geste unterbrach ihn Braid.

»Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen, Reef!«

Er stand auf, beugte sich über den Tisch vor und preßte die Knöchel hart auf die Platte.

»Dieser Bericht, den Sie eben gelesen haben, war nicht unter Lord Frenshams Papieren, bis Sie kamen.«

»Was heißt das?« fragte Julian mit fliegendem Atem.

»Das heißt, daß ich den ganzen Haufen durchgesehen hatte. Und wenn ich auch kein gutes Gedächtnis für manche Dinge habe, so habe ich doch ein ausgezeichnetes für andere. Zu diesen gehören Farben. Unter diesem Stapel war kein Dokument auf blauem Papier wie das hier.«

Tödliches Schweigen folgte.

»Worauf zielen Sie also ab?« Julian fand seine Stimme wieder.

»Darauf, daß Sie diesen Bericht unter die Papiere geschmuggelt haben, während ich auf Ihren Rat hin im Nebenzimmer erdichtete Dokumente suchte.«

»Das ist eine Vermutung!«

»Das ist keine Vermutung, sondern eine Feststellung.«

Julian schwieg. Ein panischer Schrecken schüttelte ihn. Seine Nerven waren schon bei seinem Eintritt erschüttere gewesen. Die grausige, von Guelder angedeutete Anklage hatte ihm jeden Halt genommen.

»Sie haben nicht nur diesen Bericht unter die Papiere geschoben, Sie haben auch das Sachverständigengutachten gefälscht, das Sie veröffentlicht haben und das die Lulanga-Aktien auf siebzehn Schilling hinauftrieb. Ich habe in diesem Büro nicht sehr viel entdeckt; aber etwas habe ich mit aller Bestimmtheit gefunden: Sie haben die ganze Korrespondenz mit Afrika geführt. Es ist eine Kinderei, festzustellen, wieviel Aktien Sie auf Grund dieses gefälschten Berichts verkauft haben, und eine ebensolche Kleinigkeit, Sie dorthin zu bringen, wo Sie hingehören. Ich habe mich doch deutlich genug ausgedrückt?«

Auch hierauf blieb Julian die Antwort schuldig.

»Ich kann die Polizei rufen und Sie verhaften lassen. Ich habe genügend Beweise in der Hand, Sie auf sieben Jahre ins Gefängnis zu bringen. Ich verzichte aber darauf. Nicht Ihretwegen. Ich will Frenshams Namen reinhalten. Ich will nicht, daß Ihre schmutzige Behauptung, er wäre für diesen Betrug verantwortlich, vor Gericht laut wird. Nur das rettet Sie.«

Julian zwang sich zu einem Lächeln.

»Und Ursula – könnte man vielleicht auch in diesem Zusammenhang erwähnen ... Was Sie für Blödsinn zusammenreden, Braid! Sie könnten mich verhaften lassen? Nichts können Sie mir beweisen. Und aus gutem Grund«, fuhr er hastig fort, »weil ich vollkommen schuldlos bin. Ich weiß nicht, ob Frensham ein Betrüger war oder ein Ehrenmann – interessiert mich auch nicht. Ich kann aber beschwören, daß er die Veröffentlichung des einen Berichts veranlaßte und daß ich diesen Bericht hier niemals vorher gesehen habe.«

»Mit anderen Worten, daß er ihn absichtlich unterdrückt hat?«

Julian Reef sah die Gefahr und wich feige aus.

»Das behaupte ich nicht. Ich sage nur, was alle Welt sagen würde, was jeder Mann auf der Straße behaupten würde.«

Tony zeigte zur Tür.

»Verwandeln Sie sich schleunigst in einen Mann auf der Straße! Aber schleunigst.«

Julian schien der Augenblick für ein Rededuell nicht geeignet. Er machte, daß er fort kam. Wenige Sekunden später hatte er das Büro in St. James' Street verlassen.

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