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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 12
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11

Guelder starrte entgeistert.

»Ich sah es«, würgte er. »Mit meinen zwei Augen. Ich sah es! Mein Gott, war ich denn hirnverbrannt? Mein Freund ...« Er wandte sich um, doch Julian war nicht mehr neben ihm. Er bahnte sich wütend einen Weg durch die Menge. Und überall hörte er dasselbe Lied:

»Er hat es ja gesagt, daß sie das bessere Pferd sei ... Was kann man mehr verlangen ...?«

An den Tribünen empfing Tony die ziemlich reuevollen Glückwünsche seiner Bekannten.

»Sapperment, das war 'ne Überraschung, Braid!«

»Es war die Wahrheit«, sagte Tony gelassen. »Ich habe kein Hehl aus den Fähigkeiten der Pferde gemacht. Ich sagte euch die Wahrheit, aber ihr wolltet mir ja nicht glauben.«

Er sah Elk abseits des Gedränges stehen. Als sich die Menge verlaufen hatte, ging er auf ihn zu. Aus Elks Augen schimmerte eine größere Zufriedenheit, als er je an diesem melancholischen Mann gesehen hatte.

»Es war keine kleine Versuchung, nicht wie die anderen dem Geld nachzulaufen«, begann Elk. »Aber ich widerstand, und jetzt läuft das Geld der anderen mir nach. Als Tipgeber sind Sie erstklassig, Mr. Braid. Ich habe aber einen gesehen, der mit dem Rennen nicht so ganz zufrieden war. Reef sieht aus, als sei ihm die Ernte verhagelt. – Wetterprognose: Donner und Blitz, Regen und Sturm. Jetzt gehe ich mein Geld einkassieren. Mir werden sie es ja auszahlen, weil ich von der Polizei bin.«

Tony lachte. »Ihnen würden sie es in jedem Fall auszahlen, Sie alter Pessimist. Warum halten Sie jeden für einen Betrüger?«

»Bereit sein ist alles«, entgegnete Elk prompt.

*

Julian Reef hatte seinen Wagen an der Straße nach Singleton stehenlassen. Hier wartete er in ungeduldiger Wut eine halbe Stunde auf den Holländer. Endlich kam Guelder langsam dahergetrottet, quietschvergnügt, als habe er nie die Tücke des Schicksals kennengelernt.

»Ach, das war übel!« rief er, während er in den Wagen stieg. »Dieser gerissene Kerl! Dabei habe ich den Proberitt mit eigenen Augen gesehen!«

»Dein Fehler ist: du bist verdammt zu klug«, schnauzte Julian, schaltete und ließ dann die Kupplung so wütend los, daß der Wagen einen wilden Sprung nach vorn tat. »Es ist dir wohl klar, daß du mich mehr Geld gekostet hast, als ich bis Montag auftreiben kann?«

»Dann treib es eben nicht auf, mein Freund«, erwiderte Guelder gleichmütig. »Buchmacher sind doch keine Zahltage. Ehe sie dir ernstlich zusetzen können, werden wir reich sein, enorm reich, über alle Maßen!«

Julian blickte den Gefährten von der Seite an und sah, daß er sich eine lange, dünne, übelduftende Zigarre anzündete.

»Wohl wieder einer deiner Riesengewinne?« fragte er ironisch. »Bisher hast du mich nur mit Versprechungen gefüttert. Ein Vermögen habe ich für deine Experimente hinausgeworfen. Jetzt will ich endlich was zurückhaben.«

»Du sollst etwas haben«, besänftigte ihn Guelder. »Millionen und aber Millionen. Bald wirst du im Gold ersticken!«

»Bald, bald«, äffte der andere ungeduldig, »wann ist bald?«

Guelder hob die breiten Schultern.

»In einer Woche – vielleicht. Meine Experimente sind vielversprechend. Heute nacht oder in irgendeiner anderen Nacht mache ich den letzten Versuch. Dann kannst du nach Greenwich kommen und dich überzeugen.«

Julian sprach kein Wort mehr, bis sie zur Stadt kamen. Am Victoria-Bahnhof setzte er Guelder ab und fuhr zu seiner Wohnung und einem trüben Abend entgegen. Er hatte Grund genug zum Trübsinn. Frenshams Papiere waren jetzt geordnet und würden in wenigen Tagen Tony Braid zur Verfügung übergeben werden. Heute früh vor seinem Aufbruch hatte er einer Brief von Frenshams Anwalt mit der Aufforderung erhalten, sich mit Tony wegen der Lulanga-Öl-Angelegenheit in Verbindung zu setzen.

Lulanga war ein westafrikanisches Papier. Die Ölfelder waren in Nord-Angola entdeckt und von Leuten, die mit dieser Emission ein großes Vermögen verdient hatten, auf den Markt gebracht worden. Doch nach und nach waren die Aktien immer tiefer gesunken und stürzten nach Frenshams größtem Kauf von achtunddreißig Schilling bis etwas unter einem Pfund.

Dieser Sturz war rätselhaft. Rätselhaft für die City, rätselhaft selbst für die Ölexperten, da der Bericht des Sachverständigen, eines in der City hochangesehenen Mannes, höchst günstig lautete. Freilich wiesen zynische Bankiers auf die sonderbare Tatsache hin, daß dieser Bericht erst vierzehn Tage nach dem Tod des Sachverständigen veröffentlicht worden war. Er war ein sehr vorsichtiger Mann gewesen und hatte niemals vorher die Verantwortung für eine so optimistische Prophezeiung wie in dem Lulanga-Gutachten übernommen.

Julian vertrieb diese unangenehmen Gedanken, schlug alle Heimlichkeiten aus dem Sinn, griff zu einem Bogen Papier und setzte einen Brief an Ursula auf, mit dem er ihr Vertrauen in ihn zurückgewinnen wollte.

Schon nach einigen Worten merkte er, daß sein Füllfederhalter leer war. Es war noch einer von der alten Sorte, die mit einem besondern Füller aufgefüllt werden. Er suchte in seiner Schublade vergeblich nach dieser Spritze. Dann erinnerte er sich, daß Guelder so ein Ding aus Glas und Gummi besitze und ging in dessen Zimmer.

Der Holländer hatte die Rolljalousie seines Schreibtischs offengelassen. Julian suchte auf der Tischplatte, doch dort lag der Füller nicht. Dann öffnete er eine Schublade nach der anderen und fand in der untersten ... Ursula Frenshams Gesicht blickte zu ihm auf. Es war ein Bild, das er vor langer Zeit einmal gesehen hatte. Doch jetzt hatte es jemand mit einem Rand von Amoretten und Herzen geschmückt. Die Zeichnungen waren ausgezeichnet. Zuerst hielt Reef den Rand für gedruckt. Doch dann sah er in der linken Ecke die Initialen des Künstlers.

Guelder! Unglaublich! War das ein schlechter Scherz des Holländers?

Er nahm die Fotografie heraus; darunter fand er noch eine, ohne Zeichnung, dafür aber mit einem Gedicht beschrieben. Doch da es holländisch war, konnte er es nicht lesen.

Er drehte das Bild um und fand auf der Rückseite entweder eine Übersetzung des Gedichts oder einen anderen poetischen Erguß des Holländers auf englisch.

»Geliebte Augen, die mir lächeln,
und Lippen, die mir Düfte fächeln ...«

Er war perplex. Guelder? Es war nicht zu glauben! Und doch, er kannte den Ruf dieses Mannes und hatte über ihn sehr kompromittierende Gerüchte vernommen.

Er vergaß den Anlaß seines Suchens, nahm, von Wut gepackt, die Bilder, zerriß sie in Fetzen und schleuderte sie in den Papierkorb. Er war über seine Entdeckung außer sich. Der Gedanke, daß dieser Mensch seine Wünsche zu Ursula zu erheben wagte, empörte ihn.

Als Guelder am nächsten Morgen heiter und ahnungslos mit einem Lächeln und einem gnädigen Winken seiner dicken Hand vor seinem Chef erschien, fuhr Julian ihn an:

»Ich habe heute nacht deinen Schreibtisch durchsucht. Du Schuft, ich habe in deinem Schub Fotografien von Ursula Frensham gefunden. Jemand hat die Unverschämtheit besessen, sie mit Herzen und Kupidos zu beschmieren!«

Rex Guelders Gesicht errötete, die Augen sanken in ihre Höhlen.

»Ich bin der Jemand«, stieß er grob hervor. »Es geht keinen etwas an, was ich in meinem Schreibtisch habe!«

»So? Vielleicht geht's mich doch etwas an!« wetterte Reef. »Es wird dich interessieren, daß ich die Bilder zerrissen und in den Papierkorb geschmissen habe!«

Er sah den Holländer erbleichen. Seine Lider zuckten, seine dicken Lippen bebten, aber er beherrschte sich.

»Das war töricht von dir, mein Freund«, sagte er heiser. »Sie taten keinem was zuleide und mir brachten sie Freude. Die junge Dame ist herrlich – ich bin Kenner. Wahrscheinlich wäre es dir lieber, wenn ich diese Bilder an Mr. Braid geschickt hätte?«

»Von mir aus kannst du sie dem Satan schicken«, wütete Julian. »Braid ist wenigstens ein Gentleman, du aber bist ein gemeines Schwein! Ich nehme vor dir kein Blatt vor den Mund, ich kenne deinen Ruf. Ich weiß, warum du Amsterdam so eilig verlassen hast, und habe so einiges davon läuten hören, was in Niederländisch-Indien passiert ist. Du bist mir nützlich – das heißt, vorläufig bist du ein sehr kostspieliger Luxus. Wenn wir auch gemeinsame Geschäfte haben – privat haben wir nichts miteinander gemein, nicht das geringste. Verstanden?«

Guelder atmete schwer. Sein Gesicht hatte einen bösen, grausamen Ausdruck.

»So, so?« flüsterte er. »Ich bin ein Schwein, wie? Gut genug für deine schmutzigen Geschäfte, aber nicht für deine feinen Freundinnen, nicht wahr? Ich soll dir Millionen schaffen, aber im übrigen bin ich dein Knecht – so, so!«

»Bisher hast du mir noch sehr wenige Millionen verschafft, hast mich nur ein Vermögen gekostet«, schalt Reef.

Guelder lehnte sich über den Tisch hinüber und stieß seinen dicken Zeigefinger Reef fast ins Gesicht.

»Aha! Du meinst, ich darf zu Lady Frensham nicht meine Gedanken erheben, weil ich zu niedrig stehe, weil ich – wie war doch dein schönes Wort? – gemein bin. Jetzt will ich dir einmal etwas sagen. Es war an dem Abend, an dem Frensham sich erschoß – er erschoß sich doch, wie? Ich habe viel Zeit, gehe in der Stadt umher und sehe mir die hübschen Mädels an. Und wie ich so gehe, wen sehe ich? Meinen Freund Reef. Ich bin von Natur aus neugierig. Ich denke mir: nanu, wohin geht mein Freund, der erhabene Mr. Julian Reef? Ich folge ihm. Er merkt es nicht. Ich beobachte dich so von acht bis neun. Du bist ahnungslos. Ich immer hinter dir her. Wir gehen über die Brücke von Westminster. Du lehnst dich sorglos, über das Geländer – etwas fällt ins Wasser, aber nur etwas. Und einiges, das du fallen läßt, plumpst nicht ins Wasser! Einige Kleinigkeiten fand ich auf einem Mauervorsprung der Brücke!«

Er hielt seine findigen Hände empor. Julians Gesicht wurde weiß wie der Tod. Er hätte nur die Kraft, auf den grinsenden Menschen zu starren, der mit seinen kurzen Wurstfingern höhnisch vor ihm herumfuchtelte. »Diese netten kleinen Dinger liegen wohlgeborgen in meinem Geldschrank in Greenwich. Als ich in mein trautes Heim kam, habe ich sie genau untersucht und dann in meinen Safe gesteckt. Eines Tages ...« Er fuchtelte mit seinen Händen so dicht vor Julians blassem Gesicht herum, daß dieser den leichten Luftzug aus ihrer Bewegung spüren konnte.

»Eines Tages wird dieser Julian vielleicht von Ursula Frensham als von seiner Braut sprechen. Dann werde ich sagen: ›Nein, mein Lieber, diese Märchenprinzessin ist nicht für dich, sondern für – das gemeine Schwein.‹ Du hast meine schönen Bilder vernichtet. Glücklicherweise habe ich noch andere zu Hause. Sonst würde ich dich schon jetzt ans Messer liefern – du – Bilderstürmer!«

Er hielt keuchend inne. Julian sagte nichts. Sein Gesicht war wie versteinert. Nur in den glühenden Augen brannte der Haß. Er hätte gern Fragen gestellt. Doch er wagte nicht, diesen triumphierenden Unhold zu bitten. Auch vertrugen die Dinge, um die es ging, keine lauten Worte. Wider Erwarten wurde Rex Guelder plötzlich versöhnlich.

»Wir wollen nicht so unangenehme Geschichten erörtern«, sagte er besänftigend. »Wir wollen sie vergessen. Wir beide müssen miteinander auskommen. Du brauchst mich, mein Freund, und ich brauche dich. Wir sind eine ideale Verbindung. Wir haben die Zukunft vor uns, die große Zukunft! Die ganze Nacht hindurch habe ich mir für dich den Kopf zerbrochen. Jetzt sehe ich genau den Weg. Du mußt deine Angelegenheiten ordnen. Es darf nicht den Schatten eines Skandals geben. Wir müssen Geld auftreiben – ich werde Geld auftreiben –, die Leute dürfen sich nicht zuflüstern: ›Reef ist kaputt!‹«

Julian befeuchtete seine trockenen Lippen und bemühte sich, seiner zitternden Stimme Festigkeit zu geben.

»Wo soll das Geld herkommen?«

Guelder grinste ihn an.

»Wer ist dieser Mensch, der mit fünfundsechzig- oder fünfundsiebzigtausend Pfund um sich wirft, um den Pleitegeier von Lord Frensham zu verscheuchen? Wer anders als der gerissene Braid? Er soll unsere Kriegskasse auffüllen, ohne zu ahnen, daß er der Feind ist, den wir bekämpfen.«

Julian betrachtete den Mann mit eisiger Verachtung. »Bildest du dir denn ein, Braid werde dir oder mir vielleicht solche Summen borgen?«

Der andere nickte.

»Da bist du schief gewickelt, mein Lieber. Braid würde nicht einmal den Strick bezahlen, an dem sie mich aufknüpfen.«

Guelder lachte. »So weit ist es ja noch nicht. Ich habe einen Plan ersonnen, der uns retten wird. Es ist nichts weiter dazu nötig, als daß unser Freund Braid sich weiter um seine Rennen kümmert und einige Tage seine Finger aus der Lulanga-Angelegenheit läßt.«

In diesem Augenblick kam ein Angestellter mit einem Telegramm herein. Es war an Julian gerichtet. Er öffnete es ohne übertriebene Hast und las den Inhalt. Guelder sah, wie sich dessen Augenbrauen zusammenzogen.

»Ein böser Zufall«, sagte Julian Reef.

Guelder nahm ihm die Depesche aus der Hand und las:

Ich möchte morgen um zehn Uhr in Frenshams Büro die Angelegenheit der Lulanga-Öl-Kompanie mit Ihnen besprechen.

Die Unterschrift lautete: »Anthony Braid«.

Die beiden Männer sahen sich an. Guelder schüttelte den Kopf.

»Das ist Pech«, murmelte er, »verdammtes Pech!«

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