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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 10
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9

Sie ritten die weiße Chaussee hinab, die quer durch die Wiesen führte. Das Gelände steigt hier von der Straße hügelig an. Auf der Kuppe der Anhöhe stand die merkwürdige Gestalt des Mr. Rex Guelder, merkwürdig wegen seines Strohhutes, seines langen schwarzen Rocks und seiner hellen braunen Stiefel. Unter den Arm geklemmt hielt er einen Schirm. Seine Hände waren in hellgelbe Handschuhe gezwängt. In seinem großen, häßlichen Mund hing eine jener dünnen Zigaretten, wie sie Damen rauchen.

Als Tony an dem Hügel vorbeiritt, wandte Guelder sich um und schwenkte den Hut.

»Guelder!« bellte er und stellte sich unbeholfen mit einer steifen, kleinen Verbeugung vor. »Habe ich das große Vergnügen mit Mr. Braid –? Wenn ich mich nicht täusche, haben wir uns schon geschäftlich in der City getroffen.«

Braids Augen funkelten.

»Ich wußte nicht, daß Sie sich auch für den Rennsport interessieren«, sagte er.

»Nur wenig«, wehrte Guelder hastig ab, »nur ganz wenig. Ich komme lediglich heraus, um mir die herrlichen Pferde anzusehen und die Sorgen der Börse zu vergessen. Hier stehe ich, lasse mir Gottes Wind um die Nase wehen und freue mich meines Lebens.«

Braid blickte hinauf zu diesem feisten, brutalen Gesicht, um das der Wind des lieben Gottes sehr unverdient spielte, und betrachtete zum erstenmal eingehend diesen Mann, der seine Neugier erweckt hatte. Elk hatte ihm manche sonderbare Geschichte über Rex Guelder erzählt. Selbst die schlimmsten konnte man bei diesen abstoßenden Zügen glauben.

»Wenn Sie Interesse an Pferden haben, sehen Sie sich doch vielleicht unsere Morgenarbeit an?« lud er ihn ein.

Der Mann strahlte.

»Es wäre mir eine große Ehre«, gestand er. »Für welches Rennen trainieren Sie?«

»Den Steward-Pokal«, erklärte Tony zur Erstarrung seines Trainers. »Ich lasse zwei Pferde laufen. Ich will sie jetzt mit drei oder vier anderen in vollem Rennpace sechs Viertelmeilen laufen lassen. Dann werden Sie mit eigenen Augen den vermutlichen Sieger erkennen.«

Er sah etwas wie Argwohn in den hinterlistigen Augen unter den dicken, verquollenen Lidern aufdämmern.

»Ich bin sehr begierig«, sagte Guelder und trottete neben Tonys Pferd her.

Sie kamen zu einem Platz, auf dem ein halbes Dutzend Pferde im Kreise einherschritt. Guelder trat beiseite und beobachtete gespannt, wie ihnen die Decken abgenommen und die letzten Vorbereitungen getroffen wurden. Zwei der Pferde wurden herangeführte Entgegenkommend teilte Tony ihm deren Namen mit, obwohl das, wenigstens bei dem einen unnötig war.

»Das ist Barley Tor, auf den, wie ich höre, von aller Welt gesetzt wird. Das andere ist die sehr schnelle Stute Lydia Marton. Eine Dreijährige. Wenn Sie ein Rennfanatiker sind, kennen Sie sicher ihre Geschichte. Im Frühling lief sie zum erstenmal und gewann ein kleines Rennen in Pontefract.«

»Worauf warten Sie noch?« fragte Guelder mit gespielter Gleichgültigkeit.

»Auf die Jockeys. Da sind sie!«

Tony blickte die Straße hinab, auf der eine Staubwolke der Spur eines starken Kraftwagens folgte. Der Wagen hielt an dem Platz, auf dem die Pferde herumtänzelten. Zwei schmächtige kleine Gestalten stiegen aus. Guelder erkannte in ihnen zwei der führenden Jockeys vom Turf. Der eine war ein Mann über dreißig mit einem dunklen Vogelgesicht, der gern ein offenes Wort sprach und für seinen Spott bekannt war.

»Sie reiten Lydia Marton, Burnie«, rief Tony Braid. Der zweite Jockey war schon auf Barley Tor aufgesessen. Sie kanterten zum Start. Rex Guelders Gehirn arbeitete emsig. Er kannte Tony Braid, aber noch besser kannte er dessen Ruf. Tony und Julian Reef waren erbitterte Feinde. Gueldners Partnerschaft mit Reef war allgemein bekannt. Sicherlich wußte auch Braid darüber Bescheid. Warum lud er ihn dann aber zum Zeugen dieser wichtigen Probe ein? Das paßte doch eigentlich gar nicht zu dem ›gerissenen Kerl‹!

»Nicht wahr, Sie arbeiten in Reefs Büro, Mr. Guelder?« fragte Tony unvermittelt.

»Ja, zu meinem Glück«, entgegnete Guelder und wartete, was jetzt kommen würde.

»Sicherlich ist er sehr betrübt über Lord Frenshams Tod?«

Guelder wiegte den Kopf und wurde ganz Trauer.

»Ach, der arme Mensch! Ich kann seinen Jammer und seine Seufzer kaum noch ertragen. Leider gibt es auch noch andere Gründe zum Klagen. Der Lord schuldete dem armen Julian sehr beträchtliche Summen. Aber daran denkt Julian nicht mehr, er hat ein so gutes Herz. Ihn betrübt nur der jähe Verlust des Oheims. Was für ein Unglück! Dem armen Julian gilt Geld nichts. Er ist findig, er ist klug, er hat eine große Zukunft.«

»Vielleicht«, sagte Tony trocken. »Wie gehen denn die Geschäfte, Mr. Guelder?«

Rex Guelder zuckte die breiten Schultern. »In der City geht's immer 'rauf und 'runter«, meinte er, »aber wir haben Glück. Unsere Firma hat große Reserven, großes Einkommen und wertvollen Besitz. Und unsere Aussichten sind geradezu unbegrenzt!«

Tony zündete sich umständlich eine Zigarette an. Kein Lächeln, keine Geste, kein Zucken des Lids verriet seinen tiefen Zweifel an der Ehrbarkeit des Geschäfts, das Mr. Julian Reef leitete.

»Jetzt«, fuhr Guelder fort und wollte eifrig die Gelegenheit ausnutzen, einen so mächtigen Mann wie Braid zum Vertrauten zu gewinnen, »jetzt natürlich geht bei uns alles drunter und drüber wegen der Lulanga-Öl-Aktien – wie die fallen! Gestern abend standen sie sieben Sechstel, wir haben unzählige noch mit zwei Pfund gekauft.«

Tony lächelte. »Kaum«, sagte er und schüttelte sanft den Kopf.

»Pardon – ich meine zu dreißig Schilling«, verbesserte sich Guelder.

Wieder schüttelte Braid den Kopf und lächelte ungläubig.

»Nun, vielleicht zu einem Pfund – ich weiß das nicht so genau. Und jetzt, wo der Direktor der Gesellschaft gestorben ist und niemand weiß, was werden wird ... Ich denke oft ...«

»Achten Sie auf die Pferde!« rief Tony.

Das Feld war losgelassen. Sechs schwarze Punkte ballten sich in der Ferne zusammen. Der Trainer stand, die Stoppuhr in der Hand, das Glas am Auge. Näher und näher kamen sie heran. Guelder bebte vor Erregung. Er konnte sie genau sehen, ohne Glas: der Fuchs Barley Tor führte. Die kastanienbraune Lydia Marton lag eine halbe Länge zurück. Er sah den Jockey auf Barley Tor ganz still sitzen. Dann, als sie weniger als fünfzig Meter von den Beobachtern entfernt waren, schoß die Stute Lydia Marton vor, und eine Länge lag zwischen ihr und dem Favoriten des Steward-Pokals, als sie an ihnen vorübersausten.

Guelder atmete schwer. Seine Augen strahlten vor Aufregung. Denn er hatte gemerkt, daß der Jockey auf Barley Tor unbeweglich gesessen hatte.

»Nun?« fragte Tony.

Guelder blinzelte zu ihm auf.

»Wundervoll!«

»Zweifeln Sie noch, welches das bessere Pferd ist?« fragte Tony und unterdrückte ein Lächeln.

Guelder schüttelte heftig den Kopf.

»Offensichtlich Lydia Marton. Welch ein Pferd! Ein Flieger. Ja, jetzt habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Herzlichen Dank, Mr. Braid.«

»Ich lasse sie natürlich beide laufen«, erklärte Tony harmlos. »Sie werden jetzt Ihren Freunden berichten können, wie töricht sie handeln, wenn sie Barley Tor zum Favoriten stempeln, während die Stute ihm doch weit überlegen ist.«

»Natürlich werde ich das. Sie erlauben doch, daß ich aus der Schule plaudere?«

Als Guelder sich entfernt hatte, lachte er vor sich hin und murmelte: »Dieser gerissene Kerl!«

Eine Stunde später sauste er in seinem schmierigen Sportwagen zur Stadt. Eigentlich hatte er über das Wochenende fortbleiben wollen, doch jetzt war keine Zeit zu verlieren. Dienstag wurde der Steward-Pokal geritten; und der Wetteifer war groß.

Er platzte in Julian Reefs Kontor, wo der junge Mann mit dem roten Gesicht gerade bei Blitzarbeiten saß. Julian blickte verdutzt auf.

»Hallo!« rief er. »Ich denke, du machst Wochenende?«

Guelder antwortete nicht gleich. Er ging zur Tür, öffnete sie und blickte hinaus. Das Büro der Angestellten war leer. Das Personal war beim Lunch. Dann kam er zum Tisch zurück und zog einen Stuhl zu Julian heran.

»Du hast oft behauptet, daß Pferderennen Blödsinn seien.«

»Und du hast mir oft Dinge erzählt, die meine Ansicht bestätigten«, entgegnete Julian sauer. »Beim letzten Ascot-Rennen, zum Beispiel, hast du mich mehr gekostet, als ich die ganze Woche verdient hatte.«

Mr. Guelder lächelte ungezwungen. »Ich will dir was erzählen«, sagte er, senkte die Stimme und sprach ununterbrochen fünf Minuten lang.

Julian hörte ihm atemlos zu. Kein Plan, der geeignet wäre, dem Feind zu schaden, konnte sorgfältig genug erwogen werden. Er verstand vom Rennen soviel wie jeder Durchschnittsmensch. Doch da er eine Spielernatur war, lockten ihn die auftauchenden Möglichkeiten. Er begriff durchaus die Wichtigkeit der Nachricht, die der Holländer ihm brachte.

»Er muß deine Klugheit ja sehr niedrig einschätzen, wenn er sich einen so plumpen Streich mit dir gestattet. Wie hoch steht der Gaul?«

Guelder zog eine Zeitung aus der Tasche und fuhr mit dem Finger eine Liste entlang.

»Sieben zu eins – der Favorit. Hier, mein guter Julian, gibt's Geld!« Er schlug mit der Hand auf das Blatt.

»Bist du auch sicher, daß es ein richtiges Proberennen war?« bedachte Julian. »Es kann ja auch nur ein ganz gewöhnliches Training gewesen sein.«

Guelder grinste überlegen, langte in seine weiten Hosentaschen und zog eine gewaltige Uhr hervor.

Er schwenkte sie triumphierend.

»Die hatte ich in der Tasche. Der Augenblick, in dem die Fahne für den Trainer hinabgeht, ist auch für mich das Signal. Ich lasse sie losgehen – klick! Und wenn sie bei mir vorbeisausen, stoppe ich ab – wieder klick! Eine Minute elf Sekunden und zwölf Fünftelsekunden. Dieser superkluge Mr. Braid! Er ahnt natürlich nicht, daß so ein armer Teufel von Holländer in seiner Tasche eine so vorzügliche Stoppuhr trägt. Das ist mein System, mein Lieber! Genaue Zeitmaße! So viele Sekunden auf Bodenbeschaffenheit, so viele auf atmosphärische Einflüsse, so und so viele auf ...«

Julian blickte ihn finster an. »Quatsch! System! Daß du auf Pferde setzt, wußte ich ja. Aber daß du ein so kompletter Narr bist, nach einem System auf Pferde zu setzen, habe ich nicht geahnt. Hast du schon einmal was gewonnen?«

Guelder schwenkte seine dicke Hand großartig durch die Luft. »Hunderte im Jahr. Ich setze immer nur kleine Summen, ein Pfündchen hier, ein Pfündchen dort, verliere auch mal, wie du weißt, aber das Endergebnis ist immer Gewinn.«

Er belog Julian so frech, wie er sich selbst belog. Sein kleines System kostete Rex Guelder über viertausend Pfund jährlich. Doch er hielt es weder für zweckmäßig noch für erfolgreich, das gerade jetzt zu bekennen.

»Offenbar hat der gerissene Kerl dich zu übertölpeln versucht«, erwog Julian nachdenklich. Dann zog er das Telefon zu sich heran, ließ sich verbinden und gab seine Aufträge. Nach diesem Gespräch rief er eine andere Buchmacherfirma an. Dann noch eine ...

Beschwingt, in gehobener Stimmung, verließ er abends das Büro. Er und sein Verbündeter hatten begründete Aussicht, vierzehntausend Pfund und mehr zu gewinnen. Freilich konnte er auch zweitausendfünfhundert Pfund verlieren. Nicht gerade ein angenehmer Gedanke in diesen Tagen, in denen es ihm schwerfiel, die Gehälter zu bezahlen. Bei Tag und Nacht folterte ihn der Gedanke, daß er in einem schwachen Augenblick eine Quittung über die Aktien ausgehändigt hatte, die jeden Augenblick von Braid unter den Dokumenten gefunden werden konnte.

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