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Ein gefährlicher Ausflug

Arthur Conan Doyle: Ein gefährlicher Ausflug - Kapitel 8
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleEin gefährlicher Ausflug
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorF. Mangold
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Eine Berührung an seiner Schulter erweckte den Oberst Cochrane, und als er seine Augen öffnete, fielen sie auf das ängstliche Gesicht Tippy Tillys, des alten ägyptischen Artilleristen, der den Zeigefinger auf seine wulstigen lederfarbigen Lippen drückte und sich mit seinen dunkeln Augen vorsichtig nach allen Seiten umsah.

»Bleiben Sie ruhig liegen! Rühren Sie sich nicht!« flüsterte er in arabischer Sprache. »Ich werde mich hier neben Sie legen, und dann können die Araber mich nicht von den andern unterscheiden. Verstehen Sie, was ich sage?«

»Ja, wenn Sie ganz langsam sprechen.«

»Gut. Ich setze rein großes Vertrauen in diesen Schwarzen, diesen Mansoor; ich möchte lieber mit dem Miralai selbst reden.«

»Was haben Sie mir zu sagen?«

»Ich habe gewartet, bis sie alle schliefen, und nun werden wir in einer Stunde zum Abendgebet aufgerufen werden. Aber zunächst habe ich hier eine Pistole für Sie, damit Sie nicht sagen können, Sie seien unbewaffnet.«

Bei diesen Worten überreichte er dem Oberst eine plumpe, altmodische Waffe, aber Cochrane sah das Schimmern eines Zündhütchens auf dem Piston und entnahm daraus, daß sie geladen war.

»Danke Ihnen,« sagte er, nachdem er die Pistole in die innere Tasche seiner Norfolker Joppe hatte gleiten lassen. »Sprechen Sie recht langsam, damit ich Sie verstehe.«

»Es sind unser acht, die nach Aegypten zurückzukehren wünschen, und in Ihrer Gesellschaft befinden sich vier Männer. Einer von uns, Mehemet Ali, hat zwölf Kamele zusammengekoppelt, und zwar die schnellsten von allen, mit Ausnahme der beiden, die die Emire reiten. Zwar sind Posten ausgestellt, aber die sind nach allen Richtungen zerstreut. Die zwölf Kamele stehen hier dicht bei uns – dort hinter der Akazie. Wenn es uns nur gelingt, unbemerkt aufzusitzen und dann gleich fortzureiten, glaube ich nicht, daß uns viele einholen werden, und für die haben wir unsre Gewehre. Die Wachen sind nicht stark genug, so viele aufzuhalten. Die Wasserschläuche sind alle gefüllt, und morgen abend sehen wir vielleicht alle den Nil wieder.«

Zwar verstand der Oberst nicht alles, aber doch so viel, daß eine kleine Quelle der Hoffnung in seinem Herzen aufsprudelte. Der letzte furchtbare Tag hatte auch in seinem grauen Gesicht Spuren hinterlassen, und er sah aus, als ob er der Vater des schmucken, wohlkonservierten Soldaten hätte sein können, der mit strammem Rücken und militärischen Schritten auf dem Verdeck des »Korosko« hin und her gegangen war.

»Das ist ein ausgezeichneter Plan,« sagte er, »aber wie wird's denn mit den Damen?«

Der schwarze Soldat zuckte die Achseln.

»Mefisch!« antwortete er. »Eine von ihnen ist alt, und jedenfalls finden wir genug Weiber, wenn wir nach Aegypten zurückkommen. Diesen wird kein Leid geschehen, sie werden in den Harem des Khalifen gebracht werden.«

»Was Sie da reden, ist Unsinn,« entgegnete der Oberst streng. »Entweder nehmen wir die Frauen mit, oder wir gehen überhaupt nicht.«

»Meiner Ansicht nach sind Sie es, der Unsinn redet,« versetzte der Schwarze ärgerlich. »Wie können Sie von mir und meinen Gefährten verlangen, etwas zu thun, was notwendig fehlschlagen muß? Seit Jahren schon warten wir auf eine solche Gelegenheit, und jetzt, wo sie endlich da ist, wollen Sie sie um einiger alberner Bedenken wegen ein paar Frauen unbenutzt vorübergehen lassen!«

»Was haben wir euch versprochen, wenn wir nach Aegypten zurückkommen?« fragte Cochrane.

»Zweihundert ägyptische Pfund und Beförderung in der Armee – alles auf das Wort eines Engländers.«

»Sehr gut. Dann sollt ihr dreihundert Pfund jeder haben, wenn ihr einen andern Plan macht, so daß wir auch die Frauen mitnehmen können.«

»Allerdings,« antwortete Tippy Tilly, seinen wolligen Kopf kratzend, »könnten wir unter irgend einem Vorwande noch drei von den schnellen Kamelen hierherbringen, denn die Tiere dort beim Kochfeuer sind alle sehr gut. Aber wie wollen wir die Frauen in den Sattel heben? Und wenn das wirklich gelänge, so wäre auch noch nicht viel gewonnen, denn sie fallen sicher herunter, sowie die Kamele zu galoppieren anfangen. Ich fürchte sogar, daß das euch Männern zustoßen wird, denn es ist keine Kleinigkeit, auf einem galoppierenden Kamel sitzen zu bleiben. Frauen ist das meiner Ansicht nach rein unmöglich. Nein, die Frauen müssen wir zurücklassen, und wenn ihr das nicht wollt, so werden wir uns allein ohne euch auf den Weg machen.«

»Gut, dann gehen Sie,« entgegnete der Oberst kurz und drehte sich um, als ob er wieder schlafen wolle, denn er wußte, daß bei den Orientalen der Schweigende am leichtesten seinen Willen durchsetzt.

Der Neger wandte sich ab und kroch ein kurzes Stück weiter, bis er mit einem seiner Kameraden, einem der Fellachen Namens Mehemet Ali, zusammentraf. Mit diesem flüsterte er eine Weile, denn dreihundert Goldstücke gibt man nicht so leicht auf, und dann kehrte der Neger langsam zum Oberst Cochrane zurück.

»Mehemet Ali hat eingewilligt,« sagte er, »und ist hingegangen, um noch drei Kamelen den Leitstrick anzulegen, aber es ist Thorheit, und wir alle gehen dem sicheren Tode entgegen. Nun kommen Sie mit, wir wollen die Frauen aufwecken und es ihnen sagen.«

Der Oberst rüttelte seine Gefährten auf und teilte ihnen mit, was im Werke war. Belmont und Fardet erklärten sich sogleich zu jedem Wagnis bereit, dagegen wurde Stephens, dem die Aussicht auf einen passiven Tod wenig Schrecken einflößte, von einer krampfhaften Angst ergriffen, als er daran dachte, daß er handeln solle, um ihm zu entgehen. Am ganzen Leibe zitternd, zog er seinen Bädeker hervor und begann, seinen letzten Willen auf das Vorsetzblatt zu schreiben, aber seine Hand bebte dabei so, daß seine Schrift kaum leserlich war. Infolge eines seltsamen Turnerkunststückchens seines juristischen Geistes hatte der Tod, selbst ein gewaltsamer Tod, wenn er ruhig hingenommen wurde, bei ihm eine Stelle in der feststehenden Ordnung der Dinge, wohingegen ein Tod, der einen überholte, während man wie wahnsinnig über eine Wüste jagte, ein ganz unregelmäßiges und in der feststehenden Ordnung der Dinge nicht unterzubringendes Ereignis war. Nicht die Auflösung fürchtete er, sondern die Demütigung und die Leiden eines fruchtlosen Ringens dagegen.

Oberst Cochrane und Tippy Tilly waren zusammen in den Schatten der großen Akazie gekrochen, wo die Damen ruhten. Sadie und ihre Tante hielten sich umschlungen, und der Kopf des jungen Mädchens schmiegte sich an den Busen der alten Frau. Mrs. Belmont wachte und ging sogleich auf den Plan ein.

»Aber mich müßt ihr zurücklassen,« bat Miß Adams ernst. »Was kommt denn bei meinem Alter darauf an?«

»Nein, nein, Tante Eliza, ohne dich gehe ich nicht von der Stelle: daran denke nur ja nicht!« rief das junge Mädchen. »Du mußt mitgehen, oder wir bleiben beide, wo wir sind.«

»Bitte, kommen Sie mit, Miß Adams; wir haben keine Zeit, uns zu streiten oder Unsinn zu machen,« sagte der Oberst etwas unwirsch. »Unser aller Leben hängt davon ab, daß Sie den Versuch machen, und wir können Sie keinesfalls hier zurücklassen.«

»Aber ich werde stürzen.«

»Ich will Sie mit meinem Buggaree festbinden, denn da ich meine Leibbinde dem armen Stuart geliehen habe, ist diese leider nicht mehr vorhanden. Nun, Tippy, denke ich, kann's losgehen!«

Allein der schwarze Soldat starrte mit trostlosem Gesicht über die Wüste hinaus und drehte sich mit einem Fluche um.

»Da!« sagte er verdrießlich. »Nun sehen Sie, was die Folgen Ihres Getrödels sind. Sie haben unsre Hoffnungen ebenso vereitelt, wie Ihre eigenen.«

Ein halbes Dutzend Kamelreiter waren am Rande des schüsselförmigen Thales erschienen und zeichneten sich da, wo die kupferne Schale mit ihrem blauen Deckel zusammenstieß, hart und klar am Abendhimmel ab. Sie ritten rasch und schwenkten ihre Gewehre, als sie sich näherten. Gleich darauf schmetterte die Trompete, und das Lager war so geschäftig, wie ein umgestürzter Bienenkorb. Der Oberst lief zu seinen Gefährten zurück, und der Neger zu seinem Kamel. Stephens sah man an, daß ihm die Wendung, die die Sache genommen hatte, eine Erleichterung war, Belmont machte ein verdrießliches Gesicht, und Fardet tobte und fuchtelte mit seiner gesunden Hand in der Luft umher.

» Sapristi! S'cré nom d'un chien!« schrie er. »Soll denn die Geschichte gar kein Ende nehmen? Kommen wir denn nie aus den Händen dieser verfluchten Derwische?«

»O, also sind's doch wirklich Derwische, wie?« fragte der Oberst in beißendem Tone. »Sie scheinen Ihre Ansichten zu ändern. Ich dachte, die Derwische wären eine Erfindung der englischen Regierung.«

Die Geduld des armen Menschen war fast zu Ende, und der Hohn des Obersten wirkte wie eine in ein Pulvermagazin geworfene Lunte. Im nächsten Augenblick tanzte der Franzose vor dem Oberst umher, stieß einen Strom von ärgerlichen Worten hervor, und, ehe Belmont und Stephens dazwischentreten konnten, umklammerte seine Hand des Obersten Kehle.

»Wenn Ihre grauen Haare nicht wären ...« sagte er.

»Hol' der Teufel Ihre Unverschämtheit!« rief der Oberst.

»Wenn wir sterben müssen, dann laßt uns wenigstens wie anständige Männer sterben, und nicht wie Straßenjungen,« mahnte Belmont voll Würde.

»Ich habe weiter nichts gesagt, als ich sei erfreut, zu sehen, daß Monsieur Fardet bei seinem Abenteuer etwas gelernt hat,« höhnte der Oberst.

»Schweigen Sie, Cochrane, warum reizen Sie ihn denn noch mehr?« rief der Irländer.

»Belmont, Sie vergessen sich. Ich dulde nicht, daß man so mit mir spricht.«

»Dann achten Sie zunächst gefälligst etwas auf Ihr eigenes Benehmen.«

»Aber meine Herren, meine Herren, da kommen die Damen!« rief Stephens, und die zornigen, überreizten Männer versanken in ein verdrossenes Schweigen und gingen, ärgerlich an ihren Schnurrbärten zerrend, auf und ab. Schlechte Laune ist sehr ansteckend, und selbst Stephens begann, sich über ihren Zorn zu ärgern und sie grimmig anzusehen, wenn sie an ihm vorübergingen. Da standen sie an einem Wendepunkte ihres Daseins, der Schatten des Todes schwebte über ihnen, und doch waren ihre Gemüter ganz von einer persönlichen Kränkung erfüllt, die so geringfügig war, daß man sie kaum in Worte kleiden konnte. Das Unglück erhebt den menschlichen Geist auf eine seltene Höhe, aber das Pendel schwingt noch.

Bald wurde jedoch ihre Aufmerksamkeit von wichtigeren Dingen in Anspruch genommen. An den Quellen wurde ein Kriegsrat gehalten. Die beiden Emire lauschten ernst und gesammelt auf die wortreiche Meldung, die der Führer der Streifwache erstattete, und die Gefangenen bemerkten, daß, wenn auch der wilde alte Mann wie aus Stein gehauen dastand, der jüngere Emir sich mehrmals nervös mit der Hand über den Bart strich und mit seinen mageren braunen Fingern in den Haaren spielte.

»Ich glaube, die Aegypter sind hinter uns,« meinte Belmont, »und zwar nach dem Wesen, das diese Leute machen, gar nicht sehr weit.«

»Es sieht so aus. Irgend etwas beunruhigt sie offenbar.«

»Jetzt gibt er Befehle. Was mag er wollen? Sie da, Mansoor, was ist denn los?«

Der Dragoman kam herbeigelaufen, und in seinem braunen Gesicht leuchtete ein Licht der Hoffnung.

»Ich denke mir, sie haben etwas gesehen, was ihnen Angst macht. Die Soldaten sind hinter uns her, glaube ich. Eben ist der Befehl gegeben worden, die Wasserschläuche zu füllen und bei eintretender Dunkelheit bereit zu sein, aber ich bin beauftragt, euch zusammenzurufen, denn der Mulah kommt, um euch zu bekehren. Ich habe ihm bereits gesagt, ihr seiet sehr geneigt, seiner Lehre Gehör zu schenken.«

Wie weit Mansoor mit seinen Versicherungen gegangen war, wird wohl nie bekannt werden, aber der muselmännische Geistliche kam jetzt mit einem väterlichen und zufriedenen Lächeln in seinem Gesicht auf die Gefangenen zu, wie ein Mann, der eine leichte Aufgabe vor sich zu haben glaubt. Er hatte nur ein Auge, einen dünnen grauen Bart und ein dickes Gesicht, das aber so aussah, als ob es früher noch dicker gewesen sei, denn es war von vielen Falten und Runzeln durchfurcht. Sein Kopf war mit einem grünen Turban bedeckt, ein Zeichen, daß er die Pilgerfahrt nach Mekka gemacht hatte. In der einen Hand trug er einen kleinen braunen Teppich und in der andern eine in Pergament gebundene Ausgabe des Koran. Nachdem er den Teppich auf die Erde gelegt hatte, winkte er Mansoor herbei und schwenkte sodann seine Hand im Kreise, zum Zeichen, daß sich die Gefangenen rings um ihn versammeln sollten, und hierauf deutete er auf die Erde, auf diese Weise die Erlaubnis zum Setzen erteilend. So lagerten sich denn also die sieben armen Vertreter eines fremden Glaubens unter der Palme, und in ihrer Mitte saß der dicke, kleine Priester, dessen eines Auge von Angesicht zu Angesicht wanderte, während er ihnen die Grundzüge seines neueren, roheren und strengeren Glaubens erklärte. Aufmerksam lauschten sie und nickten mit den Köpfen, als Mansoor die Ansprache übersetzte, und bei jedem Zeichen der Zustimmung wurde der Mulah freundlicher in seinem Benehmen und liebevoller in seinen Worten.

»Warum solltet ihr also sterben, meine süßen Lämmer, wenn alles, was von euch verlangt wird, weiter nichts ist, als daß ihr den Glauben ablegt, der euch in die ewige Gehenna bringen muß, und das Gesetz Allahs annehmt, wie es geschrieben worden ist von seinem Propheten, und das euch unaussprechlichen Freuden entgegenführt, die uns verheißen sind im Buche vom Kamel? Denn was sagt der Auserwählte?« Und nun führte er einen der Lehrsprüche an, die in allen Religionen zu finden sind und als Beweisgründe gelten. »Ist es außerdem nicht offenbar, daß Gott mit uns war von Anfang an, wo wir nur mit Stöcken gegen die Gewehre der Türken fochten, und doch der Sieg immer auf unsrer Seite war? Haben wir nicht El Obeid genommen, und haben wir nicht Hicks vernichtet und Gordon niedergemacht und allen gegenüber die Oberhand behalten, die sich uns widersetzt haben? Wie kann man also sagen, daß der Segen Allahs nicht auf uns ruhe?«

Während dieser langen Ansprache des Mulah hatte sich der Oberst umgesehen und bemerkt, daß die Derwische ihre Gewehre reinigten, ihre Patronen zählten und alle Vorbereitungen trafen, die einem binnen kurzem zu erwartenden Gefecht vorauszugehen pflegen. Die beiden Emire redeten mit ernsten Gesichtern miteinander, und als der Führer der vorhin eingetroffenen Streifabteilung mit ihnen sprach, wies er nach der Richtung, wo Aegypten lag. Daß wenigstens die Möglichkeit einer Rettung vorlag, wenn sie die Sache noch ein paar Stunden hinhalten konnten, war offenbar. Die Kamele hatten sich von dem langen Marsche noch nicht erholt, und die Verfolger mußten sie beinahe bestimmt erreichen, wenn sie nicht allzufern waren.

»Um Gottes willen, Fardet, versuchen Sie, die Sache noch eine Weile hinzuziehen,« sagte der Oberst. »Ich glaube, wir haben Aussicht, wenn wir den Ball noch eine halbe Stunde im Rollen halten.«

Allein die verletzte Würde eines Franzosen ist nicht so leicht zu versöhnen. Ohne zu antworten, lehnte sich Monsieur Fardet verdrießlich und mit finster zusammengezogenen Brauen an eine Palme und zerrte noch immer an seinem Schnurrbarte.

»Vorwärts, Fardet, wir verlassen uns auf Sie!« mahnte Belmont.

»Oberst Cochrane kann es ja thun,« antwortete der Franzose bissig. »Er nimmt sich denn doch ein wenig zu viel heraus, dieser Herr Oberst Cochrane.«

»Na, na,« entgegnete Belmont besänftigend, als ob er zu einem widerspenstigen Kinde spräche. »Ich weiß ganz bestimmt, daß der Oberst über den Vorfall sein Bedauern aussprechen und anerkennen wird, daß er im Unrecht war ...«

»Wird mir nicht im Traume einfallen,« erwiderte der Oberst kurz angebunden.

»Ueberdies ist es doch nur ein ganz persönlicher Streit,« fuhr Belmont hastig fort, »und wenn wir wünschen, daß Sie mit dem Mulah reden, so soll das der ganzen Gesellschaft zum Frommen gereichen, denn wir alle fühlen, daß Sie der Geschickteste dazu sind.«

Allein der Franzose zuckte nur die Achseln und wurde noch verdrießlicher. Der Mulah sah einen nach dem andern an, und der gütige Ausdruck begann aus seinem großen, aufgedunsenen Gesicht zu verschwinden. Sein Mund zog sich in den Ecken herab und wurde hart und streng.

»Haben diese Ungläubigen uns zum Narren gehalten?« fragte er den Dragoman. »Warum reden sie untereinander, und nicht mit mir?«

»Der Mann wird ungeduldig,« sagte Cochrane. »Vielleicht wäre es am besten, wenn ich mein Möglichstes versuchte, Belmont, da dieser verfluchte Kerl uns im Stiche läßt.«

Allein der schlagfertige Verstand einer Frau machte der verfahrenen Sachlage ein Ende.

»Aber, Monsieur Fardet,« sagte Mrs. Belmont, »ich kann doch unmöglich glauben, daß Sie, ein Franzose und deshalb ein Muster der Ritterlichkeit und Ehre, Ihren verwundeten persönlichen Gefühlen gestatten werden, Sie an der Erfüllung Ihres Versprechens und Ihrer Pflicht gegen drei hilflose Frauen zu verhindern?«

Fardet sprang sofort auf und legte die Hand aufs Herz.

»Sie verstehen meine Natur, Madame,« rief er. »Ich bin nicht im stande, eine Dame im Stiche zu lassen, und ich werde in dieser Sache alles thun, was in meinen Kräften steht. Also, Mansoor, sagen Sie dem heiligen Manne, daß ich bereit sei, die erhabenen Fragen seines Glaubens durch Ihre Vermittelung mit ihm zu besprechen.«

Das that er nun mit einem Scharfsinn, der seine Gefährten in Erstaunen versetzte. Dabei schlug er geschickt den Ton eines Mannes an, der sich zwar stark angezogen fühlt, den aber ein kleiner Rest von Zweifeln noch zurückhält. Wenn aber dieser kleine Rest von Zweifeln vom Mulah beseitigt war, fand sich immer ein andrer hartnäckiger Punkt, der ihn abhielt, den Islam als die alleinseligmachende Religion anzuerkennen. Dabei waren seine Fragen so mit persönlichen Schmeicheleien gegen den Priester und an die Gefangenen gerichteten Glückwünschen gemischt, daß sich ein so weiser Mann und gelehrter Theologe herablasse, sie zu unterrichten, daß die Hautbeutel, die unter den Augen des Mulah hingen, vor Befriedigung zitterten und er sich voll Hoffnung zu einer Erklärung nach der andern veranlassen ließ, während das Blau des Himmels über den Häuptern der Versammelten allmählich in Violett überging, und die grünen Blätter schwarz wurden, bis endlich die großen Sterne wieder zwischen den Kronen der Palmen schimmerten.

»Was die Gelehrsamkeit anlangt, von der du sprichst, mein Lamm,« sagte der Mulah als Antwort auf einen Einwand Fardets, »so habe ich auf der Universität El Azhar in Kairo studiert, und ich weiß, worauf du anspielst. Aber die Gelehrsamkeit eines Gläubigen ist anders, als die der Ungläubigen, und es ist nicht recht, zu tief in die Pläne Allahs eindringen zu wollen. Manche Sterne haben Schweife, o mein süßes Lamm, und manche nicht, aber was kann es uns nützen, zu wissen, welche Sterne Schweife haben, und welche nicht? Denn Gott hat sie alle gemacht, und sie ruhen sicher in seiner Hand. Deshalb, mein Freund, sei nicht stolz auf das thörichte Wissen des Westens und lerne, daß es nur eine Weisheit gibt, nämlich den Willen Allahs zu befolgen, wie ihn sein auserwählter Prophet in diesem Buche niedergelegt hat. – Und nun, meine Lämmer, sehe ich, daß ihr bereit seid, in den Schoß des Islam zu flüchten. Es ist auch Zeit, denn diese Trompete sagt uns, daß wir weitermarschieren sollen, und es war der Wille, des ausgezeichneten Emirs Abderrahman, daß ihr eure Wahl getroffen haben solltet, ehe wir die Quellen verlassen.«

»Aber, mein Vater, es gibt noch einige Punkte, worüber ich gern unterrichtet sein möchte,« antwortete der Franzose, »denn es ist in der That ein Genuß, nach den wirren Darlegungen andrer Lehrer deinen klaren Worten zu lauschen.«

Allein der Mulah hatte sich erhoben, und in seinem einzigen Auge erschien ein Schimmer von Mißtrauen.

»Die weitere Belehrung hat Zeit bis später,« entgegnete er, »da wir zusammen nach Khartum reisen, und es wird mir eine Freude sein, wenn ich sehe, wie ihr an Weisheit und Tugend zunehmt.«

Nach diesen Worten schritt er zum Feuer, bückte sich mit der feierlichen Langsamkeit eines beleibten Menschen und kehrte mit zwei halbverkohlten Zweigen zurück, die er kreuzweise auf den Boden legte. Die Derwische drängten sich heran, um Zeuge zu sein, wie die Bekehrten in die Herde aufgenommen würden. In dem unsicheren Dämmerlicht erschienen ihre Gestalten größer, als sie waren, und über ihnen ragten die langgeschwungenen Hälse der Kamele und deren Köpfe mit dem komischen hochmütigen Ausdruck hervor, so daß das Ganze ein überaus seltsames Bild bot.

»Nun,« hob der Mulah an, doch nicht mehr in dem bisherigen versöhnlichen und überredenden Ton, »ist eure Zeit abgelaufen. Hier auf dem Boden habe ich aus zwei Stöcken das thörichte und abergläubische Wahrzeichen eures bisherigen Irrglaubens hergestellt. Zum Beweise, daß ihr es verleugnet, werdet ihr es mit Füßen treten, und zum Zeichen, daß ihr den Koran annehmt, werdet ihr ihn küssen, und was an Unterweisung noch fehlt, soll euch unterwegs gegeben werden.«

Die vier Männer und die drei Frauen erhoben sich, um dem Wendepunkte ihres Lebens entgegenzugehen. Wenn wir Miß Adams und Mrs. Belmont ausnehmen, hatte keins von ihnen sehr tiefe religiöse Ueberzeugungen. Sie waren alle Kinder dieser Welt, und einige von ihnen huldigten Ansichten, die mit allem im Widerspruch standen, was das Zeichen des Kreuzes versinnbildlichte. Aber in ihnen schlummerte der europäische Stolz, der Stolz der weißen Rasse, der jetzt sein Haupt erhob und sie im Glauben ihrer Landsleute festhielt. Das war freilich ein sündhafter, menschlicher, unchristlicher Beweggrund, aber er war doch im Begriffe, sie zu Märtyrern für den christlichen Glauben zu machen. In dem herrschenden tiefen Schweigen und bei der Spannung ihrer Nerven klangen selbst die leisesten Geräusche plötzlich laut in ihren Ohren. Das Säuseln der Palmblätter über ihnen erschien, wie das Rauschen eines mächtig strömenden Flusses, und in weiter Ferne glaubten sie den dumpfen Hufschlag eines galoppierenden Kamels zu hören.

»Es kommt etwas,« flüsterte Oberst Cochrane. »Versuchen Sie, ihn noch fünf Minuten hinzuhalten, Fardet.«

Mit einer höflichen Schwenkung seines unverletzten Armes und der Miene eines Mannes, der bereit ist, sich in alle Umstände zu finden, trat der Franzose einen Schritt vor.

»Sagen Sie diesem frommen Manne, daß ich entschlossen sei, seine Lehre anzunehmen, und ich zweifle nicht daran, daß meine Freunde ebenso denken,« sagte er zum Dragoman, »aber ich möchte ihn bitten, noch eins zu thun, um auch den letzten Zweifel zu beseitigen, der noch in unsern Herzen lauern mag. Jede Religion ist an den Wundern zu erkennen, die ihre Bekenner zu vollbringen vermögen. Selbst ich, der ich nur ein unbedeutender Christ bin, kann, kraft meiner Religion, solche verrichten. Aber du, dessen Religion so viel größer ist, kannst gewiß weit mehr thun, und deshalb bitte ich dich, uns ein Zeichen zu geben, damit wir sagen können, wir hätten uns überzeugt, daß die Religion des Islam mächtiger ist, als das Christentum.«

Hinter der Würde und Zurückhaltung des Arabers steckt ein gut Teil Neugier, und das Schweigen unter den zuhörenden Derwischen bewies, daß die Worte des Franzosen, die Mansoor übersetzt hatte, auf fruchtbaren Boden gefallen waren.

»Wunder sind Dinge, die in der Hand Allahs ruhen,« antwortete der Priester, »und es geziemt uns nicht, seine Gesetze zu durchbrechen. Aber wenn du selbst solche Kräfte hast, wie du soeben behauptetest, dann lasse sie uns sehen.«

Der Franzose trat vor, erhob seine Hand und zog eine große, glänzende Dattel aus dem Barte des Mulah. Diese verschluckte er und brachte sofort eine zweite aus seinem linken Ellbogen zum Vorschein. Solche kleinen Taschenspielerkunststücke hatte er an Bord des Dampfers oft ausgeführt, und seine Reisegefährten hatten häufig auf seine Kosten gelacht, denn er war nicht geschickt genug, das kritische Auge eines Europäers zu betrügen, aber jetzt sah es so aus, als ob diese so augenfälligen Täuschungen einen Wendepunkt ihres Schicksals bedeuten könnten. Ein tiefes Murmeln der Ueberraschung erhob sich im Kreise der Araber und verstärkte sich noch, als der Franzose eine Dattel aus den Nüstern eines Kamels zog und sie in die Luft warf, aus der sie anscheinend nicht wieder herabfiel. Sein weiter Aermel war für seine Gefährten auffallend genug, aber das ungewisse Licht begünstigte den Taschenspieler. So entzückt und angezogen waren die Zuschauer, daß sie einem Kamelreiter, der rasch zwischen den Palmstämmen hindurchtrabte, kaum Beachtung schenkten, und es wäre alles gut gegangen, wenn nicht Fardet, von seinem eigenen Erfolge verleitet, sein Kunststück noch einmal versucht hätte, mit dem Ergebnis, daß ihm die Dattel aus der Hand fiel, so daß der Betrug ans Licht kam. Vergebens führte er ein andres aus seiner kleinen Liste von Kunststücken vor, der Mulah sprach einige Worte, und ein Araber schlug Fardet mit dem dicken Schafte seiner Lanze über die Schulter.

»Nun ist's genug mit diesen Kindereien,« sagte der ärgerliche Priester. »Sind wir Männer oder Säuglinge, daß du versuchst, uns in dieser Weise zu täuschen? Hier ist das Kreuz und da der Koran – was wählt ihr?«

Fardet sah sich hilflos nach seinen Gefährten um.

»Mehr kann ich nicht thun; Sie haben fünf Minuten verlangt, und die habe ich Ihnen verschafft,« sagte er zum Oberst Cochrane.

»Und vielleicht sind sie auch hinreichend gewesen,« antwortete der Oberst. »Hier kommen die Emire.«

Der Kamelreiter, dessen Annäherung sie schon von weitem gehört hatten, war gleich auf die beiden arabischen Häuptlinge zugeritten und hatte ihnen eine kurze Meldung erstattet, wobei er mit dem Finger nach der Richtung gewiesen hatte, woher er gekommen war. Darauf folgte ein rascher Austausch von Worten zwischen den Emiren, und dann traten sie miteinander zu der Gruppe, die die Gefangenen umgab. Mochten sie auch blinde Eifrer und Barbaren sein, so waren sie doch zwei stattliche Erscheinungen, als sie im Zwielicht durch den Palmenhain daherkamen. Der leidenschaftliche alte Graubart erhob seine Hand und sprach in kurzen abgerissenen Sätzen, und seine Anhänger beantworteten seine Worte mit einem begeisterten Zurufe. Hier konnte man die Kraft und die Gefahr der mahdistischen Bewegung erkennen, hier in diesen verzerrten Gesichtern, in diesem Kranze von fuchtelnden Armen, in diesen wahnsinnigen glühenden Seelen, die nichts Besseres verlangten, als einen blutigen Tod, wenn nur in dem Augenblick, wo er an sie herantrat, ihre eigenen Hände vom Blute ihrer Feinde gerötet waren.

»Haben die Gefangenen den wahren Glauben angenommen?« fragte der Emir Abderrahman, indem er sie mit seinen grauen Augen ansah.

Der Mulah mußte seinen Ruf aufrecht erhalten und hatte keine Lust, einen Mißerfolg einzugestehen.

»Sie waren gerade im Begriffe, ihr Bekenntnis des wahren Glaubens auszusprechen, als ...«

»Dann laß die Sache für jetzt beruhen, o Mulah.«

Hierauf, gab er einen Befehl, und alle Araber eilten zu ihren Kamelen. Emir Wad Ibrahim setzte sich sofort mit etwa der Hälfte der Mannschaft in Marsch, während die andern aufgesessen und die Gewehre lose in der Hand haltend sich bereit hielten.

»Was ist vorgefallen?« fragte der Oberst. »Wahrhaftig, ich glaube, wir kommen durch. Das ägyptische Kamelcorps ist auf unsrer Spur!«

»Woher wissen Sie das?«

»Was sonst könnte sie so aufgeregt haben?«

»Ach, Herr Oberst, glauben Sie wirklich, daß wir gerettet werden?« schluchzte Sadie. Durch das ewige Einerlei des Elends, das sie durchgemacht hatte, waren ihre Nerven so abgestumpft, daß sie keiner lebhaften Empfindung mehr fähig zu sein schienen, aber dieses plötzliche Wiedererwachen der Hoffnung hatte einen Schmerz im Gefolge, wie man ihn beim Auftauen eines erfrorenen Gliedes empfindet. Belmont war jetzt von Zweifeln und Besorgnissen erfüllt. Während er, als noch kein Zeichen der Hilfe zu bemerken, hoffnungsvoll gewesen war, zitterte er jetzt, da sie nahte.

»Sie werden doch hoffentlich in ausreichender Stärke kommen,« rief er. »Bei Gott, wenn der Kommandant eine zu schwache Abteilung ausgesandt hat, verdient er, vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden.«

»Jedenfalls stehen wir in Gottes Hand,« sagte seine Frau mit ihrer weichen irischen Stimme. »Kniee mit mir nieder, mein lieber John, wenn es auch das letzte Mal ist, und bete, daß wir weder auf Erden, noch im Himmel getrennt werden.«

»Thut das nicht! Laßt das!« rief der Oberst besorgt, denn er sah, daß das Auge des Mulah auf ihnen ruhte, aber es war schon zu spät. Die beiden Katholiken waren auf die Kniee gesunken und bekreuzten sich. Bei dieser öffentlicher Bekundung des Fehlschlages seiner Bekehrungsversuche fuhr ein Zucken der Wut über das Gesicht des muselmännischen Priesters. Er wandte sich um und sprach einige Worte zum Emir.

»Steht auf!« rief Mansoor. »Wenn euch euer Leben lieb ist, so steht auf! Er bittet um die Erlaubnis, euch niederzumachen.«

»Mag er doch thun, was ihm beliebt,« antwortete der eigensinnige Irländer. »Wir werden aufstehen, wenn wir unser Gebet verrichtet haben, und nicht eher.«

Mit unheilverkündendem, auf die beiden knieenden Gestalten gerichtetem Blicke hörte der Emir den Mulah an, dann gab er einige rasche Befehle, worauf vier Kamele vorgeführt wurden. Die Packkamele, die die Gefangenen bisher geritten hatten, standen ungesattelt da, wo sie angebunden waren.

»Seien Sie doch kein Thor, Belmont!« rief der Oberst. »Alles hängt davon ab, daß wir sie in guter Laune erhalten. Bitte, stehen Sie auf, Mrs. Belmont, Sie reizen die Leute nur.«

Der Franzose sah sie an und zuckte die Achseln.

» Mon Dieu!« rief er. »Hat man wohl schon jemals so unpraktische Leute gesehen? Voilà!« fügte er mit einem Aufschrei hinzu, als die beiden Amerikanerinnen ebenfalls neben Mrs. Belmont auf die Kniee sanken. »Sie machen es gerade wie die Kamele. Wenn eins kniet, knieen sie alle! Etwas so Abgeschmacktes ist doch noch nie dagewesen!«

Aber auch Mr. Stephens war neben Sadie niedergekniet und vergrub sein bekümmertes Gesicht in seinen langen, mageren Händen. Nur der Oberst und Fardet blieben stehen, und jener sah den Franzosen fragend an.

»Im Grunde genommen,« sagte er, »ist es doch eine Dummheit, sein ganzes Leben lang zu beten und es gerade in dem Augenblick zu unterlassen, wo man auf gar nichts mehr zu hoffen hat, als auf die Hilfe der Vorsehung.«

Mit straffem, militärischem Rücken, aber sein graubärtiges, unrasiertes Kinn auf die Brust sinken lassend, beugte auch er die Kniee. Der Franzose schaute seine Gefährten an, und dann wandten sich seine Augen den grimmigen Gesichtern des Emirs und des Mulahs zu.

» Sapristi! Bilden die sich etwa ein, daß sich ein Franzose vor ihnen fürchte?« brummte er und nahm mit einer recht auffallend ausgeführten Bekreuzung seinen Platz auf den Knieen neben seinen Gefährten ein. Schmutzig, mit unordentlicher Kleidung, wahre Jammerbilder, beteten diese sieben Gestalten unter dem schwarzen Schatten der Palmen und erwarteten demütig ihr Schicksal.

Mit einem höhnischen Lächeln wandte sich der Emir dem Mulah zu und wies auf die Erfolge seiner Bestrebungen. Dann gab er einen Befehl, der die Folge hatte, daß die vier Männer sofort ergriffen wurden. Ein paar gewandte Verschlingungen eines Kamelhalfters fesselten ihre Handgelenke, wobei Fardet aufschrie, denn der Strick drang in seine Wunde, während die andern ihr Geschick mit der Würde der Verzweiflung hinnahmen.

»Ihr habt alles verdorben, und ich glaube, ihr habt auch mich zu Grunde gerichtet!« rief Mansoor, die Hände ringend. »Die Weiber sollen auf diese drei Kamele steigen.«

»Das werde ich niemals dulden!« rief Belmont. »Wir lassen uns nicht trennen.« Wie wahnsinnig zerrte er an seinen Banden, aber er war durch die erduldeten Leiden geschwächt, und zwei starke Männer hielten ihn an den Ellbogen fest.

»Sei doch ruhig, John,« sagte seine Frau, als sie nach dem Kamel geschleppt wurde. »Mir wird nichts Schlimmes geschehen. Wehr' dich nicht, sonst werden sie dir etwas zuleide thun, Liebster!«

Die vier Männer knirschten mit den Zähnen, als sie sahen, wie die Frauen von ihnen weggerissen wurden, und alle ihre bisherigen Leiden waren nichts im Vergleiche zu dem, was sie in diesem Augenblick ausstanden. Sadie und ihre Tante schienen vor Furcht halb wahnsinnig zu sein, und nur Mrs. Belmont ließ den Mut nicht sinken. Als die Frauen im Sattel saßen, erhoben sich die Kamele und wurden unter den Baum geleitet, wo die vier Männer standen.

»Ich habe meine Pistole in der Tasche, und ich würde meine Seele darum geben, wenn ich im stände wäre, sie dir zu reichen.«

»Behalt' sie, John, sie kann dir vielleicht noch von Nutzen sein. Ich habe keine Furcht. Seit wir gebetet haben, fühle ich, daß unser Schutzengel seine Fittiche über uns hält.«

Einem Schutzengel glich sie selbst, als sie sich Sadie zuwandte und in diesem verzweifelten Herzen wieder einen Funken von Hoffnung anfachte.

Der kleine, dicke Araber, der Wad Ibrahims Nachhut befehligt hatte, war inzwischen zum Emir und dem Mulah getreten, und die drei berieten mit gelegentlichen scheelen Blicken auf die Gefangenen. Dann richtete der Emir das Wort an Mansoor.

»Der Befehlshaber wünscht zu wissen, welcher von euch am reichsten ist,« fragte der Dragoman, dessen Finger unruhig zuckten, während er unaufhörlich mit den Knöpfen seines Ueberrockes spielte.

»Weshalb will er das wissen?« fragte der Oberst.

»Das kann ich nicht sagen.«

»Aber das liegt ja doch auf der Hand,« rief Fardet. »Er will wissen, wer das meiste Lösegeld bezahlen kann; den will er dann verschonen.«

»Ich bin der Ansicht, daß wir alles zusammen tragen sollten,« sagte der Oberst; »aber die Entscheidung liegt in Wahrheit bei Ihnen, Mr. Stephens, denn ich zweifle nicht, daß Sie der Reichste von uns sind.«

»Das weiß ich nicht,« antwortete der Rechtsanwalt, »indessen wünsche ich auf keinen Fall, anders behandelt zu werden als die übrigen.«

Noch einmal sprach der Emir mit seiner rauhen, harten Stimme.

»Er sagt,« übersetzte Mansoor, »daß die Packkamele erschöpft sind und daß nur ein Tier übrig ist, das mit den andern Schritt halten kann. Das steht für einen von euch bereit, und die Entscheidung, wer es haben soll, überläßt er euch. Wenn jedoch einer reicher ist, als die andern, so erhält er den Vorzug.«

»Antworten Sie ihm, wir seien alle gleich reich.«

»In diesem Falle, sagt er, sollt ihr sogleich einen auswählen.«

»Und die andern?«

Der Dragoman zuckte die Achseln.

»Nun, wenn nur einer von uns entkommen soll,« sagte der Oberst, »so werdet ihr andern wohl mit mir einverstanden sein, daß wir Belmont wählen, denn er ist verheiratet.«

»Ja, Monsieur Belmont soll es sein,« rief Fardet.

»Ich denke ebenso,« fügte Stephens hinzu.

Allein der Irländer wollte nichts davon hören.

»Nein, nein,« rief er; »wir haben alle gleiche Rechte. Wir schwimmen, oder wir sinken zusammen, und der Teufel hole jeden, der sich darum herumdrücken will.«

So stritten sie miteinander, bis sie in diesem Kampfe der Selbstlosigkeit ganz hitzig wurden. Einer von ihnen hatte die Bemerkung gemacht, der Oberst solle gehen, weil er der Aelteste sei, worüber Cochrane sehr zornig wurde.

»Man sollte wahrhaftig glauben, ich wäre ein Achtziger,« rief er. »Diese Bemerkung war gar nicht am Platze.«

»Nun,« meinte Belmont endlich, »dann wollen wir uns alle weigern, zu gehen.«

»Aber das ist doch nicht ganz verständig,« wandte der Franzose ein. »Vergeßt nicht, meine Freunde, daß dann die Damen allein weitergebracht werden, und es wäre doch sicherlich besser, wenn einer von uns bei ihnen bliebe, um ihnen mit Rat beizustehen.«

Betroffen sahen sie einander an, denn was Fardet sagte, war augenscheinlich vernünftig, aber wie konnte einer von ihnen seine Kameraden verlassen? Schließlich machte der Emir selbst einen Vorschlag zur Lösung der Schwierigkeit.

»Der Gebieter sagt,« verkündete Mansoor, »daß, wenn ihr nicht entscheiden könnt, wer mitgehen soll, ihr besser thätet, es Allah zu überlassen und zu losen.«

»Das läßt sich hören, und wir thäten gut, den Vorschlag anzunehmen,« sagte der Oberst, worauf seine drei Genossen zustimmend nickten.

Jetzt nahte der Mulah mit vier Stückchen Palmenrinde, die zwischen seinen Fingern hervorsahen.

»Er sagt, wer das längste ziehe, solle das Kamel haben,« übersetzte Mansoor.

»Wir müssen vorher erklären, daß wir uns der Entscheidung des Loses unbedingt unterwerfen wollen,« erklärte der Oberst, und seine Gefährten nickten wieder.

Die Araber hatten sich im Halbkreis um die Gefangenen gedrängt, und darüber ragte ein Ring von hin und her schwingenden Kamelköpfen hervor. Vor ihnen brannte noch das Kochfeuer und warf sein rotes Licht auf die Gruppe. Der Emir kehrte dem Feuer den Rücken und sein grimmes Gesicht den Gefangenen zu. Hinter den Männern stand eine Reihe von Wachen, und hinter diesen wieder hielten die drei Frauen und schauten von ihren Kamelen dem Trauerspiel zu. Boshaft lächelnd trat der dicke, einäugige Mulah mit geschlossenen Händen zu den Männern, und die vier kleinen braunen Splitter ragten zwischen seinen Fingern hervor.

Zuerst bot er sie Belmont. Der Irländer stieß unwillkürlich einen Seufzer aus, und seine Frau hinter ihm stöhnte, denn der Splitter war sehr kurz. Nun kam der Franzose an die Reihe, und dessen Los war einen halben Zoll länger, als das Belmonts. Der Splitter, den Oberst Cochrane zog, war so lang, als die beiden ersten zusammengenommen, und der Stephens' war nicht länger als der Belmonts. Der Oberst war also der Gewinner in diesem furchtbaren Spiele.

»Ich trete Ihnen mit Freuden meinen Platz ab, Belmont,« sagte er, »denn ich habe weder Weib noch Kind und kaum einen Freund auf der Welt. Gehen Sie mit Ihrer Frau, und ich will bleiben.«

»Nein, wahrhaftig nicht. Abgemacht ist abgemacht. Es war ein ehrliches Spiel, und der Glücklichste hat gewonnen.«

»Der Emir befiehlt, daß Sie sofort aufsteigen sollen,« sagte Mansoor, und ein Araber zerrte den Oberst an dem Strick, womit seine Hände gefesselt waren, nach dem wartenden Kamel.

»Er bleibt bei der Nachhut,« rief der Emir seinem Untergebenen zu, »und du kannst auch die Weiber bei dir behalten.«

»Und diesen Hund von Dragoman?«

»Den schick' zu den andern.«

»Und was soll mit denen geschehen?«

»Sie werden alle niedergemacht.«

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