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Ein gefährlicher Ausflug

Arthur Conan Doyle: Ein gefährlicher Ausflug - Kapitel 6
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleEin gefährlicher Ausflug
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorF. Mangold
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

So war denn also der »Korosko« genommen worden, und die Aussichten auf Errettung, worauf die Gefangenen gehofft hatten – die umständliche Berechnung von Zeit und Entfernung – waren so wesenlos, als die Spiegelung, die am Gesichtskreise schimmerte. In Halfa würde erst Lärm geschlagen werden, wenn es dort auffiel, daß der Dampfer am Abend nicht zurückkehrte. Selbst jetzt, wo der Nil nur noch ein dünnes grünes Band am fernsten Horizont war, hatte die Verfolgung wahrscheinlich noch nicht einmal begonnen. Noch hundert Meilen und vielleicht sogar noch weniger, und sie waren im Lande der Derwische. Wie gering war die Aussicht, daß die ägyptischen Truppen sie einholen würden! Sie alle versanken in eine schweigende dumpfe Verzweiflung mit Ausnahme Belmonts, der von den Wachen zurückgehalten wurde, als er sich bemühte, zu seiner Frau zu gelangen, um ihr zu helfen.

Die zwei Abteilungen Kamelreiter hatten sich vereinigt, und die Araber wechselten in ihrer ernsten und würdevollen Weise Begrüßungen und tauschten ihre Erfahrungen aus, während die Neger mit dem leichtherzigen Frohsinn, den selbst der Koran bei ihnen nicht zu unterdrücken vermag, grinsten, plapperten und jauchzten. Der Führer der zweiten Abteilung war ein graubärtiger, magerer, abgezehrter Mann mit einer stark gekrümmten Nase, kurz und schroff in seinem Wesen und von soldatischer Haltung. Der Dragoman seufzte, als er ihn sah, und rang verzweifelt die Hände, wie ein Mann, der da sieht, daß neues zum alten Unglück hinzutreten wird.

»Das ist der Emir Abderrahman,« sagte er. »Jetzt fürchte ich, daß wir nicht lebendig nach Khartum kommen werden.«

Für die andern war der Name ein leerer Schall, aber Oberst Cochrane hatte von ihm als einem Ungeheuer von Grausamkeit und Fanatismus, einem glühenden Moslem von der alten kämpfenden und predigenden Art gehört, die niemals zögert, die letzten Schlußfolgerungen aus den wilden Lehren des Koran zu ziehen. Er und der Emir Wad Ibrahim berieten ernst zusammen, wobei ihre Kamele dicht nebeneinander standen und ihre roten Turbane zusammengeneigt waren, so daß sich der schwarze mit dem weißen Barte mischte. Dann wandten sich beide um und sahen das arme, die Köpfe hängende Häuflein der Gefangenen lange und fest an. Der jüngere Mann erklärte, während der ältere mit einem ernsten, gleichgültigen Gesicht zuhörte.

»Wer ist denn der hübsche alte Herr mit dem weißen Barte?« fragte Miß Adams, die die erste war, die sich von ihrer bitteren Enttäuschung erholte.

»Der ist jetzt der Führer,« antwortete Cochrane.

»Wollen Sie damit sagen, daß er den Befehl über den andern hat?«

»Ja, Lady, er ist jetzt der oberste von allen,« sagte der Dragoman.

»Nun, das ist gut für uns. Er erinnert mich an Mathews, der unter Prediger Scott Aeltester der Presbyterianerkirche war. Jedenfalls will ich lieber in seinen Händen sein, als in denen des schwarzbärtigen Menschen mit den steinharten Augen. Sadie, Liebchen, jetzt, wo es etwas kühler ist, fühlst du dich doch ein bißchen besser, nicht wahr?«

»Ja, Tantchen, mach' dir nur meinetwegen keine Sorgen. Wie geht's denn dir selbst?«

»Ich fühle mich stärker im Glauben, als vorhin, wo ich dir kein gutes Beispiel gab, Sadie, denn ich war ja rein wahnsinnig über die Plötzlichkeit, womit alles kam, und bei dem Gedanken, was deine Mutter, die dich mir anvertraut hat, sagen würde. Lieber Himmel, wie fett gedruckt werden die Ueberschriften im Boston Herald sein, wenn er die Geschichte bringt.«

»Der arme Stuart!« rief Sadie, als die eintönige, summende Stimme des Fiebernden wieder an ihr Ohr schlug. »Komm, Tantchen, wir wollen sehen, ob wir nichts thun können, um ihm etwas Erleichterung zu verschaffen.«

»Ich mache mir Sorge um Mrs. Schlesinger und das Kind,« sagte Oberst Cochrane zu Belmont. »Ihre Frau sehe ich, aber weiter niemand.«

»Jetzt bringen sie sie hierher,« rief Belmont. »Gott sei Dank, nun werden wir hören, wie alles gekommen ist. – Sie haben dir doch nichts zuleide gethan, Norah?«

Bei diesen Worten lief er vorwärts und ergriff und küßte die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, während er ihr vom Kamele half.

Die grauen, gütigen Augen und das ruhige, süße Gesicht der Irländerin flößten der ganzen Gesellschaft Trost und Hoffnung ein. Sie war eine fromme Katholikin, und der Glaube bietet in Stunden der Gefahr eine ausgezeichnete Stütze. Bei ihr, bei dem anglikanischen Oberst, dem sektiererischen Geistlichen, den presbyterianischen Amerikanerinnen und selbst den beiden heidnischen Soldaten that die Religion in ihren verschiedenen Formen denselben wohltätigen Dienst, indem sie ihnen immer zuflüsterte, daß das Schlimmste, was die Welt thun kann, klein ist, und daß, so rauh die Wege der Vorsehung auch scheinen mögen, es im ganzen für uns das Weiseste und Beste ist, fröhlich dahin zu ziehen, wohin uns die große Hand auch führen mag. Keine einzige Glaubenssatzung hatten sie gemein, diese Genossen im Unglück, aber tief in ihnen wohnte der ruhige Glaube ans Geschick, der die älteste Grundlage aller Religionen ist, woraus immer neue Lehrmeinungen emporsprießen, wie Eintagsflechten auf einem Granitfelsen.

»Ihr Armen,« sagte Mrs. Belmont, »ich sehe, daß es euch viel schlimmer ergangen ist, als mir. Nein, wirklich, lieber John, ich fühle mich ganz wohl, nicht einmal durstig bin ich, denn unsre Leute haben ihre Wasserschläuche am Nil gefüllt und haben mich so viel trinken lassen, als ich wollte. Aber ich sehe ja Mr. Headingly und Mr. Brown nicht; und der arme Mr. Stuart, in welchem Zustande er ist!«

»Headingly und Brown sind von ihren Leiden erlöst,« antwortete ihr Mann. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie oft ich Gott gedankt habe, Norah, daß du nicht bei uns warst – und nun bist du schließlich doch da.«

»Wo könnte ich denn auch besser sein, als an der Seite meines Gatten? Mir ist es viel, viel lieber, daß ich hier bin, als in Sicherheit in Haifa.«

»Ist wohl irgend eine Nachricht nach der Stadt gelangt?« fragte der Oberst.

»Ein Boot mit Mrs. Schlesinger, ihrem Kind und ihrem Mädchen ist entkommen. Ich hielt mich gerade unten in der Kajüte auf, als die Araber das Schiff erstürmten, aber die paar Leute, die sich gerade an Deck befanden, hatten Zeit zu entrinnen, denn das Boot lag bereits im Wasser neben dem Schiffe. Die Araber schossen eine Zeit lang hinterher, aber ich weiß nicht, ob jemand getroffen worden ist.«

»So? Geschossen haben sie?« rief Belmont frohlockend, denn seine jeden Eindruck widerspiegelnde Natur hatte alsbald die sonnige Seite der Sache erfaßt. »Dann hoffe ich, bei Gott, daß wir doch noch gerettet werden, denn die Besatzung von Halfa muß das Schießen gehört haben. Was meinen Sie, Cochrane? Vielleicht sind sie schon seit vier Stunden auf unsrer Spur, und wir können jeden Augenblick den weißen Schleier eines englischen Offiziers über der nächsten Bodenerhebung auftauchen sehen.«

Allein die Enttäuschung hatte den Oberst kalt und zweifelsüchtig gemacht.

»Wenn sie nicht in großer Stärke kommen, mögen sie lieber ganz fortbleiben,« sagte er. »Diese Kerle sind auserlesene Leute mit tüchtigen Führern auf ihrem eigenen Grund und Boden, und es wird Mühe genug kosten, sie zu überwältigen.«

Plötzlich fielen seine Blicke auf die Araber.

»Bei Gott! rief er, »das ist ein Anblick, den zu erleben der Mühe wert ist.«

Die Hälfte der großen roten Sonnenscheibe war hinter der violetten Bank am Gesichtskreise verschwunden, und das ist für die Araber die Stunde des Gebetes. Eine ältere und gelehrtere Zivilisation hatte sich diesem großartigen Bilde an der Himmelslinie zugewandt und dieses angebetet, aber diese wilden Kinder der Wüste waren in manchen wesentlichen Dingen edler, als die feinen Perser. Ihnen stand das Unsichtbare höher, als das Sichtbare, und als sie beteten, kehrten sie der Sonne den Rücken und das Gesicht dem größten Heiligtum ihrer Religion zu. Und wie beteten sie, diese fanatischen Mohammedaner! Verzückt, für alles Aeußerliche tot, mit sehnsuchtsvollen Augen und strahlenden Gesichtern erhoben und verneigten sie sich und verbargen ihre Gesichter auf ihren Gebetsteppichen. Wer diese ungestüme, alles andre vergessende Hingebung sah, wie konnte der daran zweifeln, daß es noch eine große lebendige Kraft in der Welt gibt, die, wenn auch am Veralteten klebend, so doch gewaltig ist und ungezählte Millionen vom Kap Juby bis an die Grenzen von China mit einem und demselben Gedanken beseelt? Laßt nur einmal eine gemeinsame Woge der Begeisterung über sie hinbrausen, laßt nur einen großen Krieger oder Führer unter ihnen erstehen, der die Fähigkeit hat, diesen gewaltigen Stoff zu gebrauchen, und wer kann sagen, ob das nicht der Besen werden wird, womit die Vorsehung den verfaulten, verderbten, unmöglichen, halbherzigen Süden von Europa hinwegfegt, wie sie das schon einmal vor tausend Jahren gethan hat, damit er einer gesunderen Rasse Platz mache?

Und als sich die Betenden jetzt wieder aufrichteten, schmetterte die Trompete, und die Gefangenen merkten, daß es ihnen beschieden sei, auch die ganze Nacht zu reiten, nachdem sie schon den ganzen Tag gewandert waren. Belmont stöhnte, denn er hatte darauf gerechnet, daß die Verfolger sie einholen würden, bevor sie dieses Lager verließen, allein die andern hatten sich schon darein gefunden, das Unvermeidliche hinzunehmen. Jedem von ihnen war ein platter Laib arabischen Brotes gereicht worden, und welche Leistung des Koches auf dem Boote hatte ihnen je so gemundet, als dieses trockene, braune Brot? Und dann – Schwelgerei über Schwelgerei! – erhielten sie ein zweites Glas Wasser, denn die gefüllten Schläuche der zuletzt gekommenen Abteilung hatten einen reichen Vorrat gebracht. Wenn der Leib nur der Führung der Seele ebenso bereitwillig folgen wollte, als die Seele der des Leibes folgt, welch ein Himmel würde die Erde sein! Jetzt, wo ihre niedrigen körperlichen Bedürfnisse für den Augenblick befriedigt waren, begannen ihre Geister in ihnen zu singen, und sie bestiegen ihre Kamele mit einer gewissen Empfänglichkeit für das Romantische ihrer Lage. Mr. Stuart indes blieb plappernd auf der Erde sitzen, und die Araber machten keine Anstalten, ihn in den Sattel zu heben. Sein großes weißes nach oben gerichtetes Gesicht schimmerte in der zunehmenden Dunkelheit.

»Heda, Dragoman, sagen Sie den Leuten doch, daß sie Mr. Stuart vergessen!« rief der Oberst.

»Kann gar nichts helfen, Herr Oberst,« antwortete Mansoor. »Sie sagen, er sei zu dick, und sie wollten ihn nicht weiter mitschleppen. Er werde doch sterben, meinen sie, und weshalb sollten sie sich da noch weiter Mühe mit ihm machen?«

»Ihn nicht mitnehmen?« entgegnete Cochrane. »Der Unglückliche wird ja vor Hunger und Durst verschmachten. Wo ist der Emir? – He!« schrie er, als der schwarzbärtige Araber an ihm vorbeiritt, in einem Tone, als ob er einen säumigen Eseljungen zur Eile ermahnen wolle. Der Führer ließ sich jedoch nicht herab, ihm zu antworten, sondern sprach einige Worte zu einem der Wächter, worauf dieser den Oberst mit dem Kolben seines Gewehres in die Rippen stieß. Der alte Soldat sank ächzend vornüber und wurde halb bewußtlos von seinem Tiere, an dessen Sattel er sich klammerte, weiter getragen. Die Frauen fingen an zu weinen, und die Männer wandten sich mit halb erstickten Flüchen und geballten Fäusten in dem qualvollen Gefühle ohnmächtiger Wut ab, das man empfindet, wenn man Ungerechtigkeit und Mißhandlungen ohne Wiederstand und selbst ohne Widerspruch über sich ergehen lassen muß. Belmonts Hand fuhr nach seiner Hüftentasche, allein es fiel ihm ein, daß er seinen kleinen Revolver Miß Adams gegeben hatte. Hätte seine hitzige Hand ihn gefunden, so wären der Tod des Emirs und die Niedermetzelung der Gefangenen die unmittelbaren Folgen gewesen.

Als sie jetzt weiter ritten, sahen sie eine der wunderbarsten Erscheinungen der ägyptischen Wüste vor sich, obgleich ihnen die Mißhandlung ihres Gefährten die zur vollen Würdigung der Schönheit nötige Stimmung geraubt hatte. Als die Sonne untergegangen war, hatte der Gesichtskreis seine schiefer-violette Färbung noch eine Weile behalten, allein nun fing diese an, heller und heller zu werden, bis sich eine sonderbare falsche Dämmerung einstellte und es den Anschein hatte, als ob die wankelmütige Sonne auf dem Pfade zurückkehren wolle, auf dem sie soeben verschwunden war. Ein rosiger Duft mit prachtvollen zarten seegrünen Tönen am oberen Rande hing über dem Westen, aber langsam nahmen diese wieder die schiefer-violette Färbung an, und dann war die Nacht gekommen. Seit unsre Freunde auf ihren Hängemattenstühlen an Deck des Korosko gesessen und beim Schimmer der Sterne über Politik gesprochen hatten, waren nur vierundzwanzig Stunden vergangen, und nur zwölf, seit sie dort gefrühstückt und frisch und munter ihren Vergnügungsausflug angetreten hatten. Aber was für eine Welt von neuen Eindrücken war seit jener Zeit auf sie eingestürmt! Wie rauh waren sie aus ihrer Gelassenheit, die alles als selbstverständlich hinnimmt, aufgerüttelt worden! Dieselben silbern schimmernden Sterne, die sie gestern abend betrachtet hatten, dieselbe schmale Mondsichel – aber welch ein Abgrund lag zwischen dem alten luxuriösen Leben und diesem!

Lautlos wie Gespenster zog die lange Reihe der Kamele über die Wüste, und vor und hinter den Gefangenen bewegten sich die weißen Gestalten der Araber. Nirgends ein Laut, auch nicht der allerschwächste, außer weit, weit hinter ihnen eine menschliche Stimme, die in einer dröhnenden, unmelodischen Weise sang. In der ungeheuren lautlosen Wildnis hatte sie die seltsamste Wirkung, diese ferne Stimme, und dann ging der Gesang in eine wohlbekannte Melodie über und man konnte fast die Worte verstehen:

»Und wenn der Abend niederfällt.
Erhebt sich unser leichtes Zelt,
Ein neuer Tagmarsch ist geglückt,
Der uns der Heimat näher rückt.«

War Mr. Stuart bei Sinnen, oder war es nur ein zufälliges Zusammentreffen, daß er in seinem Fieberwahn gerade dieses Lied wählte? Mit feuchten Augen schauten seine Freunde durch die Dunkelheit zurück, denn sie wußten wohl, daß dieser Wanderer seiner ewigen Heimat sehr nahe war. Nach und nach erstarb die Stimme zu einem Summen, und auch dieses ging bald im alles beherrschenden Schweigen der Wüste unter.

»Mein lieber alter Freund, Sie sind doch hoffentlich nicht ernstlich verletzt?« fragte Belmont, indem er eine Hand auf Cochranes Arm legte.

Der Oberst hatte sich wieder aufgerichtet, obgleich er beim Atmen noch etwas ächzte.

»Jetzt bin ich wieder ganz auf dem Damm. Wollen Sie so gut sein, mir den Kerl zu zeigen, der mich gestoßen hat?«

»Der da vorn war es, der jetzt neben Fardet reitet.«

»Der junge Bursche mit dem Schnurrbart? Bei diesem Lichte kann ich ihn nicht genau sehen, aber ich denke, ich werde ihn wohl wiedererkennen. Danke Ihnen, Belmont.«

»Ich dachte, er hätte Ihnen ein paar Rippen eingestoßen.«

»Nein, das nicht, aber die Puste war mir ausgegangen.«

»Sie scheinen eine eiserne Konstitution zu haben, denn es war ja ein fürchterlicher Stoß. Wie ist es nur möglich, daß Sie sich so rasch erholt haben?«

Der Oberst räusperte sich und stotterte etwas.

»Hm – ja – sehen Sie, mein lieber Belmont – aber das bleibt unter uns – vor allen Dingen dürfen die Damen nichts davon hören – ich bin ein bißchen alt geworden, wissen Sie, und ehe ich meine militärische Haltung einbüßen möchte, worauf ich immer so viel Wert gelegt habe ...«

»Bei Gott, er trägt ein Korsett!« rief der erstaunte Irländer.

»Hm, ja, eine kleine künstliche Stütze,« antwortete der Oberst steif und brachte sodann das Gespräch auf die Aussichten des nächsten Tages.

Die Träume der Ueberlebenden führen ihnen diesen langen Nachtmarsch durch die Wüste noch immer manchmal vor die Seele; war doch die tiefe Ruhe, worin sie inmitten der vorüberhuschenden undeutlichen weißen Gestalten, die auf allen Seiten um sie her schwankten, auf den weichen, schwammigen Hufen der Dromedare weiter getragen wurden, selbst wie ein Traum. Das ganze Weltall schien wie eine ungeheure Sonnenuhr vor ihnen zu schweben. Ein Stern schimmerte wie eine Laterne am tiefsten Rande des Gesichtskreises gerade vor ihrem Pfade. Wenn sie nach einer Weile wieder hinsahen, hatte er sich um Handbreite gehoben, und ein anderer glänzte darunter. Stunde auf Stunde strömte der breite Fluß gelassen vor dem tiefblauen Hintergrunde vorüber, Welten und Planetensysteme zogen majestätisch ihre Kreise über ihren Häuptern und hingen über dem dunkeln Gesichtskreis. In ihrer Unermeßlichkeit und ihrer Schönheit lag ein gewisser Trost für die Gefangenen, denn ihr eigenes Geschick und ihre eigene Persönlichkeit erschienen so geringfügig und unwichtig inmitten des Spieles so ungeheurer Kräfte. Langsam bewegte sich der gewaltige Zug über das Himmelsgewölbe, zuerst aufsteigend, dann lange stetigbleibend, und endlich in voller Herrlichkeit und Pracht herabsinkend, bis fern im Osten der erste kalte Schimmer erschien und die Wanderer über ihre eigenen abgehärmten Gesichter erschraken, als sie einander ansahen.

Am Tage hatte sie die Hitze gequält, und jetzt brachte die Nacht das noch unerträglichere Uebel der Kälte. Die Araber wickelten sich in ihre Burnusse und verhüllten die Köpfe, die Gefangenen rieben sich die Hände und schauerten vor Frost. Bei ihrer Magerkeit und dem infolge ihres Alters langsameren Blutumlaufe litt Miß Adams am meisten, so daß sich Stephens veranlaßt fühlte, seine Norfolker Joppe auszuziehen und sie ihr um die Schultern zu legen. Pfeifend und plaudernd ritt er an Sadies Seite und suchte ihr einzureden, daß ihre Tante ihm wirklich eine Erleichterung verschaffe, indem sie seine Jacke trug, aber sein Versuch war etwas zu auffallend, als daß er nicht durchschaut worden wäre, und doch war seine Behauptung, daß er die Kälte weniger fühle, als irgend einer seiner Gefährten, in gewisser Hinsicht wahr, denn in seinem Herzen brannte das alte, alte Feuer, und zu der Niedergeschlagenheit über sein Unglück gesellte sich eine seltsame Freude, so daß er es schwierig gefunden haben würde, zu sagen, ob er dieses Abenteuer für das größte Unglück, oder den größten Segen seines Lebens halte. An Bord des Bootes hatten Sadies Jugend, ihre Schönheit, ihr Geist und ihre Laune das Gefühl in ihm erweckt, daß er von ihr höchstens freundliche Duldung erwarten könne, aber jetzt empfand er, daß er ihr wirklich von einigem Nutzen war, daß sie jede Stunde mehr lernte, sich an ihn zu wenden, wie an ihren natürlichen Beschützer, und vor allem hatte er angefangen, sich selbst zu finden, zu begreifen, daß wirklich ein zuverlässiger Mann hinter all den Angewohnheiten steckte, die ein gekünsteltes Wesen aus ihm gemacht und ihn selbst getäuscht hatten. Ein kleiner Funke von Selbstachtung begann, sein Blut zu erwärmen. Als er jung war, hatte er seine Jugend versäumt, und jetzt, wo er ein Mann mittleren Alters war, kehrte sie wieder, wie eine verspätete Blume.

»Ich glaube wirklich, daß Sie sich die ganze Zeit aufs beste unterhalten, Mr. Stephens,« begann Sadie nicht ohne einige Bitterkeit.

»So weit, das zu behaupten, möchte ich doch nicht gehen,« antwortete er, »aber ich weiß ganz bestimmt, daß ich Sie hier nicht verlassen würde, selbst wenn ich Gelegenheit dazu hätte.«

So viel Empfindung, als in diesen Worten lag, hatte er noch nie verraten, und das junge Mädchen sah ihn überrascht an.

»Ich bin doch mein ganzes Leben lang recht schlecht gewesen,« fuhr sie nach einer Pause fort, »denn wenn es mir selbst gut erging, habe ich niemals an die gedacht, die unglücklich waren. Aber dieses Erlebnis hat mich ernst gestimmt. Wenn ich jemals wieder nach Hause komme, werde ich ein besseres Mädchen – ein ernsteres sein.«

»Und ich ein besserer Mann. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb dieses Unglück über uns gekommen ist. Sehen Sie nur, wie es die Tugenden unsrer Freunde an die Oberfläche gebracht hat. Nehmen Sie, zum Beispiel, Mr. Stuart, würden wir jemals erfahren haben, was für ein edler, standhafter Mann er war? Und sehen Sie Belmont und seine Frau, wie sie so furchtlos da vor uns Hand in Hand einherreiten und jedes nur ans andre denkt. Und Cochrane, der an Bord des Bootes eigentlich den Eindruck eines hochmütigen, engherzigen Menschen machte! Betrachten Sie seinen Mut und seine selbstlose Entrüstung, wenn ein andrer mißhandelt wird. Auch Fardet ist tapfer wie ein Löwe. Ich glaube, das Unglück hat uns allen gut gethan.«

Sadie seufzte.

»Ja, wenn es zu einem guten Schlusse käme, möchte man das wohl sagen, aber wenn dieses Elend so Wochen oder Monate fortdauert und dann doch mit dem Tode endet, dann weiß ich nicht, wie wir die Früchte dieser Verbesserung des Charakters, die es im Gefolge hat, ernten sollen. Angenommen, Sie entkämen, was würden Sie thun?«

Der Rechtsanwalt zögerte, aber sein Berufsinstinkt war zu stark.

»Ich würde überlegen, ob und gegen wen man gerichtlich vorgehen könne. Es müßten entweder die Unternehmer sein, die uns veranlaßt haben, den Ausflug nach dem Felsen von Abousir zu machen, oder die ägyptische Behörde, weil sie ihre Grenze nicht schützt. Das wäre eine spitzfindige Rechtsfrage. – Und was würden Sie thun, Sadie?«

Das war das erste Mal, wo er die förmliche Anrede »Miß« wegließ, aber das junge Mädchen war zu ernst gestimmt, es zu bemerken.

»Ich würde liebevoller gegen andre sein,« antwortete sie. »In der Erinnerung an die Leiden, die ich ausgestanden habe, werde ich versuchen, andre glücklich zu machen.«

»Sie haben ja Ihr ganzes Leben lang nichts gethan, als andre glücklich zu machen; Sie können gar nicht umhin, das zu thun,« entgegnete er. Die Dunkelheit erleichterte es ihm, die Schranken der Zurückhaltung zu durchbrechen, die ihm sonst eigen war. »Sie bedürfen dieser rauhen Schulung weit weniger, als irgend einer von uns. Wie kann sich denn Ihr Charakter noch zum Bessern ändern?«

»Das zeigt, wie wenig Sie mich kennen; ich bin sehr selbstsüchtig und oberflächlich gewesen.«

»Aber diese erschütternden Empfindungen waren für Sie nicht nötig. Sie waren ohne sie schon genügend zum Leben erwacht. Mit mir steht es anders.«

»Warum bedürfen Sie denn solcher Erschütterungen, Mr. Stephens?«

»Weil alles besser ist, als Stillstand. Sogar Schmerz ist besser, als Stillstand. Ich habe jetzt erst angefangen, zu leben; bis dahin war ich nur eine Maschine auf der Erde. Ich war ein Mann, der nur für einen Gedanken lebte, und ein solcher Mann ist nur wenig besser als ein Toter. Das ist es, was mir erst jetzt klar zu werden anfängt, denn während aller dieser Jahre bin ich niemals aufgerüttelt worden, habe ich niemals den wirklichen Pulsschlag menschlicher Erregung in mir gefühlt. Dazu hatte ich keine Zeit. Bei andern habe ich ihn wohl bemerkt und mir dann die unklare Frage vorgelegt, ob mir etwas fehle, was mich verhinderte, die Erfahrungen meiner Mitmenschen zu teilen. Aber diese letzten Stunden haben mich gelehrt, wie kräftig das Leben auch in meinen Adern kreist. Ich habe gelernt, daß ich warme Hoffnungen empfinden, daß ich hassen kann und ... nun, daß ich jeder starken Empfindung fähig bin, der die Seele zugänglich ist. Ich bin zum Leben erwacht, und wenn ich auch am Rande des Grabes stehe, so kann ich doch jetzt sagen, daß ich gelebt habe.«

»Und warum haben Sie dieses seelenertötende Leben in England geführt?«

»Weil ich ehrgeizig war und vorwärts kommen wollte, und dann mußte ich auch an meine Mutter und meine Schwestern denken. Dem Himmel sei Dank! Der Morgen bricht an. Ihre Tante und Sie werden nun bald nicht mehr frieren.«

»Und Sie ohne Ihren Rock?«

»O, mein Blutumlauf ist sehr lebhaft. Ich befinde mich ganz wohl in Hemdärmeln.«

So war denn also endlich die lange, kalte, traurige Nacht vorüber, und der tief schwarzblaue Himmel, an dem die größeren Sterne noch hell schimmerten, hatte sich bis zum Violett erhellt. Hinter den Reitern stiegen die grauen Streifen höher und höher und nahmen eine zarte rosa Färbung an, und die fächerförmigen Strahlen der noch unsichtbaren Sonne schossen zitternd über das Himmelsgewölbe. Dann fühlten sie plötzlich eine warme Berührung im Rücken, und vor ihnen auf dem Sande lagen harte schwarze Schatten. Die Derwische lüfteten ihre Burnusse und fingen an, munter unter sich zu plaudern. Auch die Gefangenen tauten auf und aßen eifrig die Dura, die sie zum Frühstück erhielten. Bald darauf wurde ein kurzer Halt gemacht, und sie bekamen auch jedes einen Becher Wasser.

»Kann ich etwas mit Ihnen besprechen, Herr Oberst Cochrane?« fragte der Dragoman.

»Nein,« schnarrte der Oberst.

»Aber es ist von der größten Wichtigkeit, und unser aller Rettung kann davon abhängen.«

Der Oberst runzelte die Stirn und zerrte an seinem Schnurrbart.

»Na, denn heraus damit!« sagte er endlich.

»Sie können mir vertrauen, denn mir liegt ebensoviel daran, nach Aegypten zurückzukommen, als Ihnen. Meine Frau und mein Haus stehen auf der einen Seite, und lebenslänglich Sklaverei auf der andern. Das zu bezweifeln haben Sie keine Ursache.«

»Gut, fahren Sie fort.«

»Sie erinnern sich doch des Schwarzen, der mit Ihnen gesprochen hat – dessen, der unter Hicks gedient hat?«

»Ja, und was weiter?«

»Er hat während der Nacht mit mir geredet, und ich habe ein langes Gespräch mit ihm gehabt. Er sagte, er könne Sie nicht ordentlich verstehen, und Sie ihn auch nicht, deshalb kam er zu mir.«

»Was hat er gesagt?«

»Es seien acht ehemalige ägyptische Soldaten unter den Arabern, sagte er mir, – sechs Neger und zwei Fellachen. Er verlangte, daß Sie ihnen eine sehr gute Belohnung versprechen sollten, wenn sie Ihnen behilflich wären, zu entkommen.«

»Das versteht sich von selbst.«

»Sie verlangen hundert ägyptische Pfund für den Kopf.«

»Die sollen sie haben.«

»Ich antwortete ihm, ich wolle mit Ihnen reden, aber ich sei im voraus Ihrer Zustimmung sicher.«

»Was wollen sie denn thun?«

»Versprechen können sie nichts, aber sie meinten, es sei am besten, wenn sie sich mit ihren Kamelen in Ihrer Nähe hielten, damit sie bereit seien, aus irgend einer sich bietenden Gelegenheit Nutzen zu ziehen.«

»Nun, Sie können zu ihm gehen und jedem zweihundert Pfund versprechen, wenn sie uns helfen. Meinen Sie nicht, daß es möglich wäre, auch einige Araber zu erkaufen?«

»Das zu versuchen, wäre zu gefährlich,« antwortete Mansoor kopfschüttelnd. »Wenn man es thäte und es schlüge fehl, so wäre es um uns geschehen. Ich will hingehen und den andern mitteilen, was Sie gesagt haben.«

Langsam schleuderte Mansoor nach der Stelle hin, wo der alte schwarze Artillerist sein Kamel striegelte und auf die Antwort des Dragoman wartete.

Die Emire hatten höchstens eine halbe Stunde zu halten beabsichtigt, aber die Packkamele, die die Gefangenen trugen, waren so erschöpft, daß es augenscheinlich unmöglich war, den Marsch mit ihnen nach so kurzer Zeit wieder anzutreten. Mit lang auf dem Boden ausgestreckten Hälsen lagen sie da, und das ist bei Kamelen ein Zeichen äußerster Ermüdung. Bedenklich schüttelten die beiden Führer die Köpfe, als sie die Tiere besichtigten, und der furchtbare alte Mann sah die Gefangenen mit einem harten Ausdruck in seinen steinernen Zügen an. Hierauf sprach er etwas zu Mansoor, dessen Gesicht um einen Schatten grauer wurde, als er es hörte.

»Der Emir Abderrahman sagt, daß, wenn ihr nicht Moslem werden wollet, es sich nicht der Mühe lohne, die ganze Karawane aufzuhalten, um euch auf den Packkamelen mitzuschleppen. Wenn ihr nicht wärt, könnten sie doppelt so rasch marschieren. Deshalb will er ein für allemal wissen, ob ihr den Koran annehmen wollt.« Dann fuhr er in demselben Tone, als ob er noch übersetze, fort: »Es wäre am besten, wenn ihr zustimmtet, denn falls ihr es nicht thut, wird er euch ganz bestimmt niedermachen lassen.«

Voll Verzweiflung sahen die unglücklichen Gefangenen einander an, während die beiden Emire sie ernst beobachteten.

»Was mich betrifft, so will ich lieber sterben, denn als Sklave in Khartum leben,« sagte Cochrane.

»Was meinst du, Norah?« fragte Belmont.

»Wenn wir zusammen sterben, John, werde ich mich, glaube ich, nicht fürchten.«

»Daß ich für etwas sterben sollte, was ich nie geglaubt habe, ist abgeschmackt,« meinte Fardet, »aber die Ehre eines Franzosen macht es ihm unmöglich, sich auf diese Weise bekehren zu lassen.« Bei diesen Worten richtete er sich auf und steckte seine verwundete Hand in die Brust seines Rockes, » Je suis Chrétien. J'y reste,« rief er, ohne sich bewußt zu werden, daß er mit jedem Worte eine tapfre Lüge aussprach.

»Was sagen Sie, Mr. Stephens?« fragte Mansoor in flehendem Tone. »Wenn auch nur einer von euch überträte, würde sie das in gute Laune versetzen. Ich bitte euch flehentlich, thut, was sie verlangen.«

»Nein, ich kann es nicht,« entgegnete der Rechtsanwalt ruhig.

»Nun, denn Sie, Miß Sadie? Sie, Miß Adams? Sie brauchen weiter nichts zu thun, als es einmal auszusprechen, und dann sind Sie gerettet.«

»Ach, Tantchen, meinst du nicht, daß wir das thun dürften?« wimmerte das geängstigte Mädchen. »Würde es denn so sehr unrecht sein, wenn wir es sagten?«

Die alte Dame umschlang ihre Nichte mit den Armen.

»Nein, nein, meine einzige, liebe kleine Sadie,« flüsterte sie. »Du wirst stark sein, sonst mußt du dich später ewig verachten. Halte dich an mir, und wenn du findest, daß deine Kraft dich verlassen will, dann bete. Vergiß nicht, daß dich deine alte Tante an der Hand hält.«

Für einen Augenblick waren sie heldenmütig, diese Reihe von übernächtig und vernachlässigt aussehenden Vergnügungsreisenden. Sie alle blickten dem Tode ins Gesicht, und je fester sie ihn anschauten, um so mehr verlor er von seinem Schrecken. Eher waren sie sich eines Gefühls der Neugier bewußt, verbunden mit dem nervösen Prickeln, das man fühlt, wenn man sich dem Stuhle eines Zahnarztes nähert. Der Dragoman machte eine Bewegung der Hände und Schultern, wie ein Mann, der sein Möglichstes versucht, aber nichts erreicht hat, und der Emir sprach etwas zu einem Neger, der darauf hinwegeilte.

»Wozu verlangt er denn eine Schere?« fragte der Oberst.

»Er will die Frauen quälen,« antwortete Mansoor mit derselben Gebärde der Ohnmacht.

Bei diesen Worten überlief es die Gefangenen eiskalt, und sie starrten in hilflosem Schreck um sich. Dem Tod ins Angesicht zu sehen, ist eins, aber diese unerträglichen Einzelheiten waren ganz etwas andres. Jeder hatte sich darauf vorbereitet, alles zu ertragen, was ihm selbst zugefügt würde, während ihre Herzen für die andern bebten. Die Frauen sagten nichts, aber die Männer flüsterten untereinander.

»Vergessen Sie die Pistole nicht, Miß Adams,« sagte Belmont. »Geben Sie sie mir; martern wollen wir uns nicht lassen, das haben wir nicht nötig.«

»Bieten Sie ihnen Geld, soviel sie wollen, Mansoor!« rief Stephens. »Hören Sie mich an: ich will Mohammedaner werden, wenn die Araber versprechen, die Frauen in Ruhe zu lassen. Ein erzwungenes Versprechen ist ja doch nicht bindend.«

»Nein, warten Sie einmal einen Augenblick, Stephens,« fiel ihm der Oberst ins Wort. »Wir dürfen den Kopf nicht verlieren. Mir scheint, ich sehe einen Ausweg. Kommen Sie mal her, Dragoman! Sagen Sie dem graubärtigen alten Satan, wir wüßten nichts von seiner verfluchten Blechreligion, aber mildern Sie das etwas beim Uebersetzen. Machen Sie ihm klar, er könne nicht erwarten, daß wir sie annähmen, ohne zu wissen, was für eine besondere Art von Unsinn wir glauben sollen. Teilen Sie ihm mit, daß wir vollkommen bereit seien, ihn anzuhören, wenn er uns zunächst darüber belehren wolle, und Sie können hinzufügen, daß eine Religion, die solche Schönheiten hervorbringe, wie ihn und den andern Lümmel mit dem schwarzen Barte, die ernste Beachtung jedes Menschen verdiene.«

Mit vielen Verbeugungen und flehenden Bewegungen der Hände erklärte der Dragoman, daß die Christen bereits voller Zweifel seien und daß es nur noch einer geringen Erleuchtung bedürfe, sie auf den Pfad Allahs zu führen. Die beiden Emire strichen sich die Bärte und sahen die Gefangenen mißtrauisch an, und nachdem Abderrahman dem Dragoman einige Worte in seiner kurzen, scharfen Weise zugerufen hatte, entfernte er sich mit Wad Ibrahim, und gleich darauf blies die Trompete zum Aufbruch.

»Er hat gesagt,« erklärte der Dragoman, als er inmitten der Gefangenen ritt, »wir würden gegen Mittag die Quellen erreichen und dort ruhen. Sein eigener Mulah, ein sehr guter und gelehrter Herr, werde dann kommen und euch eine Stunde lang unterrichten, und wenn ihr danach eure Entscheidung getroffen habet, werde bestimmt werden, ob ihr mit nach Khartum genommen, oder niedergemacht werden sollt. Das sei sein letztes Wort.«

»Wollen sie kein Lösegeld nehmen?«

»Wad Ibrahim wäre wohl dazu bereit, aber der Emir Abderrahman ist ein furchtbarer Mann. Ich rate euch, nachzugeben.«

»Was haben Sie selbst gethan? Sie sind ja doch auch Christ.«

Mansoor errötete so tief, als es bei seiner Hautfarbe möglich war.

»Gestern morgen war ich es noch, und morgen früh bin ich es vielleicht wieder. Ich diene dem Herrn, solange mir das, was Er von mir verlangt, vernünftig erscheint, aber dies ist doch gerade das Gegenteil.«

Die Freiheit, womit er sich während des Weitermarsches zwischen den Wächtern bewegte, bewies, daß ihn sein Glaubenswechsel den Arabern gegenüber auf einen ganz andern Fuß gestellt hatte, als die übrigen Gefangenen.

So war den armen Gefangenen also eine Galgenfrist von einigen Stunden bewilligt worden, aber sie ritten im dunkeln Schatten des Todes, der sich langsam auf sie herabsenkte. Warum ist das Leben eigentlich so anziehend, daß wir so sehr daran hängen? Der Genuß, den es bietet, kann es nicht sein, denn auch solche, deren Dasein nur eine Kette von qualvollen Stunden ist, fahren erschrocken zurück, wenn sie den barmherzigen Tod sehen, der ihnen seine schmerzstillenden Arme öffnet. Ist es die Furcht, das Ich zu verlieren, das liebe, vertraute Ich, das wir so genau zu kennen wähnen, obgleich es fortwährend Dinge thut, die uns überraschen? Ist es das, was den entschlossenen Selbstmörder veranlaßt, sich wie wahnsinnig an den Brückenpfeiler zu klammern, während der Fluß an ihm vorbeirauscht? Oder liegt es daran, daß die Natur fürchtet, alle ihre müden Arbeiter könnten plötzlich ihre Werkzeuge hinwerfen und streiken, und daß sie deshalb dieses Verfahren erfunden hat, um sie an ihre gegenwärtige Arbeit zu fesseln? Jedenfalls ist die Furcht vor dem Tode vorhanden, und alle diese ermüdeten, abgehetzten, gedemütigten Menschen frohlockten über die paar Stunden neuer Leiden, die ihnen noch übrig blieben.

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