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Ein gefährlicher Ausflug

Arthur Conan Doyle: Ein gefährlicher Ausflug - Kapitel 5
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleEin gefährlicher Ausflug
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorF. Mangold
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Die teils braunen, teils weißen Kamele knieten in einer langen Reihe, ihre wiederkäuenden Kinnladen bewegten sich taktmäßig hin und her, und sie wandten ihre anmutig getragenen Köpfe in einer gezierten, selbstbewußten Weise rechts und links. Die meisten von ihnen waren schöne Tiere mit anmutig geschwungenen Hälsen, was ein Kennzeichen guter Rasse ist, aber es waren auch einige von der langsameren und schwereren Sorte darunter, Tiere, die schlecht gepflegt aussahen und Narben alter Brandzeichen aufzuweisen hatten. Diese waren mit Dura und den Wasserschläuchen der Derwische beladen, aber ein paar Minuten genügten, die Lasten anders zu verteilen und Platz für die Gefangenen zu schaffen. Von diesen war keiner gebunden worden mit Ausnahme Mr. Stuarts – denn die Araber, die gehört hatten, er sei ein Priester, und die gewohnt waren, in ihren Vorstellungen Religion mit Gewaltthaten zu verbinden, hatten seinen Wutausbruch als ganz natürlich angesehen und betrachteten ihn jetzt als den gefährlichsten und unternehmendsten ihrer Gefangenen, weshalb sie seine Hände mit einem geflochtenen Kamelhalfter gefesselt hatten; aber den andern, einschließlich des Dragomans und der beiden verwundeten Sudanesen wurde gestattet, ihre Kamele zu besteigen, ohne daß besondere Vorsichtsmaßregeln gegen ihr Entweichen getroffen worden wären, da die Langsamkeit ihrer Tiere jede Flucht unmöglich machte. Hierauf wurden die Kamele veranlaßt, aufzustehen, wobei die Männer laut schrieen und die Tiere brüllten, und nun wandte die lange, auf einen großen Raum verteilte Karawane dem heimischen Flusse den Rücken und das Gesicht dem schimmernden violetten Dunst zu, der das ungeheuere Stück der schönen, fürchterlichen Wüste umgab, die wie ein Tiger mit schwarzen Felsen auf goldgelbem Sande gestreift war.

Mit Ausnahme des Obersten Cochrane hatte keiner der weißen Gefangenen je zuvor auf einem Dromedar gesessen, und so kam ihnen, wenn sie von ihren hohen Sitzen herabschauten, die Entfernung bis zur Erde beunruhigend vor, und die eigentümliche, schwankende Bewegung in Verbindung mit der Unsicherheit des Sattels machte ihnen übel und ängstigte sie. Aber ihr körperliches Unbehagen wurde in dem Wirbel der bitteren Gedanken, die ihren Geist erfüllten, vergessen. Welcher Abgrund gähnte zwischen ihrem alten Leben und der Gegenwart! Und doch, wie kurz war die Zeit und wie klein der Raum, die sie davon trennten! Noch vor weniger als einer Stunde hatten sie auf dem Gipfel jenes Felsens gestanden und hatten gelacht und geplaudert oder über die Hitze und die Fliegen gemurrt und waren über kleine Unbequemlichkeiten verdrießlich geworden. Headingly hatte die Farben der Natur abfällig beurteilt, aber jetzt konnten seine Gefährten seine eigene Farbe nicht vergessen, wie er mit seinen weißen Wangen auf den schwarzen Steinen gelegen hatte. Sadie hatte kurz zuvor noch über Kleider und Pariser Nichtigkeiten gesprochen. Jetzt hing sie halb wahnsinnig an ihrem hölzernen Sattel, und in ihrer Seele stieg der Gedanke an Selbstmord als roter Hoffnungsstern empor. Menschlichkeit, Vernunft und Widerspruch, alles war vergessen, und nichts blieb übrig, als die Demütigung vor der rohen Kraft. Und dabei lag die ganze Zeit dort unten in der Nähe der zweiten Felsenspitze der kleine Dampfer und wartete auf sie – der Salon mit dem weißen Tischzeug und den glitzernden Gläsern, dem neuesten Roman und den Londoner Zeitungen. Wer von ihnen nur eine Spur von Einbildungskraft hatte, dem stand er vor Augen: das helle Sonnensegel, Mrs. Schlesinger mit ihrem gelben Hute, Mrs. Belmont, wie sie sich auf ihrem Hängemattenstuhle zurücklehnte. Dort lag das Boot fast in Sehweite von ihnen, der kleine schwimmende Span, der von ihrer Heimat abgebrochen war, aber jeder der geräuschlosen, unbeholfenen Schritte der Kamele machte die Entfernung größer und die Hoffnung geringer. Wie wohlwollend war ihnen doch noch an diesem Morgen die Vorsehung erschienen, wie verlockend das Leben, vielleicht ein bißchen alltäglich, aber so angenehm und ruhevoll! Und jetzt!

An den roten Kopfbedeckungen, den mit braunen Tuchstücken besetzten Kaftanen und den gelben Schuhen hatte der Oberst bereits erkannt, daß sie es nicht mit einer streifenden Räuberbande zu thun hatten, sondern mit wirklichen Soldaten vom Heere des Khalifen, und als sie jetzt ihren Marsch durch die Wüste antraten, bewiesen diese, daß sie die zu ihrem Unternehmen notwendigen Anfangsgründe militärischer Ausbildung recht gut inne hatten. Die Vorhut war eine Meile voraus, und auch nach beiden Flanken deckten auf weite Entfernungen vorgeschobene Späher den Zug. Ali Wad Ibrahim ritt an der Spitze des Haupttrupps, und sein kräftiger kleiner Stellvertreter schloß ihn. Dieser Haupttrupp hatte sich auf einer Strecke von mehreren hundert Schritten zerstreut, und in seiner Mitte ritten die niedergeschlagenen Gefangenen. Diese voneinander zu trennen, wurde kein Versuch gemacht, und Mr. Stephens wußte es bald so einzurichten, daß sein Kamel seinen Platz zwischen denen der beiden Damen fand.

»Verlieren Sie nur den Mut nicht, Miß Adams,« sagte er. »Dies ist eine durch nichts zu entschuldigende Gewaltthätigkeit, aber es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß sofort zuständigen Orts Schritte gethan werden, die Angelegenheit zu ordnen. Ich bin überzeugt, daß wir nur vorübergehende Unannehmlichkeiten zu erdulden haben werden, und wenn nicht dieser Schurke Mansoor gewesen wäre, so hätten Sie gar nicht zu erscheinen brauchen.«

Die mit der kleinen Dame von Boston vorgegangene Veränderung war herzzerreißend. In einer Stunde war sie zu einer alten Frau zusammengeschrumpft, ihre bräunlichen Wangen waren eingesunken, und ihre Augen blickten mit verstörtem Ausdruck aus ihren tiefen, von dunkeln Ringen umgebenen Höhlen. Gewiß gibt es einen Engel, der, wie die Strandräuber, seine besten Schätze nur bei schweren Unglücksfällen sammeln kann, denn hier zogen alle diese Kinder der Welt ihrem Schicksal entgegen, und schon waren Leichtfertigkeit und Selbstsucht von ihnen gefallen, und jedes dachte nur ans andre. Sadie dachte an ihre Tante, und diese an Sadie, die Männer grämten sich um der Frauen willen, Belmont dachte an sein Weib, und dabei fiel ihm etwas andres ein, und er versetzte seinem Kamel einen Stoß mit dem Absatz, so daß es seine Gangart etwas beschleunigte und ihn an Miß Adams Seite brachte.

»Hier habe ich etwas für Sie,« flüsterte er. »Vielleicht werden wir bald getrennt, also ist es gut, wenn wir uns beizeiten darauf vorbereiten.«

»Getrennt?« wimmerte Miß Adams.

»Sprechen Sie nicht so laut, denn der erbärmliche Mansoor könnte uns wieder verraten. Ich hoffe nicht, daß es so weit kommt, aber es ist immerhin möglich. Die Derwische könnten sich zum Beispiel entschließen, sich uns Männer vom Halse zu schaffen und Sie zu behalten.«

Miß Adams schauderte.

»Was soll ich denn thun? Um Gottes willen, sagen Sie mir, was ich thun soll, Mr. Belmont! Ich bin eine alte Frau, und mein Leben liegt hinter mir, aber Sadie – ich werde rein wahnsinnig, wenn ich an sie denke. Da wartet ihre Mutter zu Hause, und ich ...« schloß sie, verzweifelt die Hände ringend.

»Strecken Sie die Hand unter Ihrem Staubmantel aus,« antwortete Belmont, sein Kamel dicht an das ihre drängend. »Greifen Sie nicht fehl. So! Nun verbergen Sie das Ding in Ihrem Kleide, und Sie werden immer einen Schlüssel haben, der jede Thür erschließt.«

Miß Adams fühlte, was der Gegenstand war, den er ihr in die Hand hatte gleiten lassen, und sie sah Mr. Belmont einen Augenblick verwirrt an; dann warf sie die Lippen auf und schüttelte mißbilligend ihr strenges braunes Antlitz, aber trotz alledem versteckte sie die kleine Pistole, und als sie weiter ritt, drehte sich ihr alles im Kopfe herum. War sie das wirklich, sie, Eliza Adams von Boston, deren engbegrenztes, glückliches Leben sich zwischen dem behaglichen Hause in Commonwealth Avenue und der Presbyterianerkirche von Tremont abgespielt hatte? Da saß sie auf einem Dromedar und hielt den Kolben einer Pistole in der Hand, während sich ihr Geist mit der Frage beschäftigte, ob Selbstmord unter Umständen gerechtfertigt sein könne. O Leben, hinterlistiges, aalglattes, verräterisches Leben! Wie können wir dir jemals trauen? Zeige dich uns von deiner schlimmsten Seite, und wir vermögen dir ins Gesicht zu sehen, aber wenn du am süßesten und sanftesten bist, dann müssen wir vor dir auf der Hut sein. –

»Schlimmsten Falles wird es nur eine Frage des Lösegeldes sein, Miß Sadie,« meinte Stephens gegen seine Ueberzeugung. »Außerdem sind wir noch ganz nahe bei Aegypten und weit vom Lande der Derwische entfernt. Wir können uns darauf verlassen, daß eine thatkräftige Verfolgung eingeleitet wird; deshalb dürfen Sie den Mut nicht verlieren und müssen aufs Beste hoffen.«

»Nein, ich fürchte mich nicht, Mr. Stephens,« entgegnete Sadie, indem sie ihm ein Antlitz zuwandte, das durch seine Blässe ihre Worte Lügen strafte. »Wir stehen alle in Gottes Hand, und er wird gewiß nicht grausam gegen uns sein. Wenn alles gut geht, ist es leicht, vom Vertrauen auf ihn zu reden, aber jetzt wird es auf eine ernste Probe gestellt. Wenn er dort oben in dem blauen Himmel wohnt, so ...«

»Ja, er wohnt dort oben,« fiel eine Stimme hinter ihnen ein, und als sie sich umwandten, fanden sie, daß sich der Geistliche der Gesellschaft wieder zugesellt hatte. Mit seinen gebundenen Händen klammerte er sich an den Sattel, und sein dicker Körper schwankte bei jedem Schritte des Kamels bedenklich hin und her. Aus seinem verwundeten Beine sickerte Blut, worauf sich unzählige Fliegen niedergelassen hatten, und die glühende Wüstensonne brannte auf seinen unbedeckten Kopf, denn er hatte sowohl seinen Hut, als auch seinen Schirm bei dem Ringen verloren. Ein aufsteigendes Fieber rötete seine dicken Backen und glühte in seinen großen braunen Augen. Seinen Reisegefährten war er immer etwas unfein und gewöhnlich vorgekommen, aber jetzt hatte ihn der bittere, heilsame Trank des Leids verändert. Er war geläutert, vergeistigt, gehoben und war so ruhig und fest geworden, daß sich auch die andern gestärkt fühlten, wenn sie ihn ansahen. Er redete über Leben und Tod, über die Gegenwart und ihre Hoffnungen für die Zukunft, und die schwarze Wolke ihres Elends begann, einige goldene Risse zu zeigen. Cecil Brown zuckte freilich die Achseln, denn er konnte die Ueberzeugungen seines Lebens nicht in einer Stunde ändern, aber die übrigen, selbst Fardet, der Franzose, waren ergriffen und aufgerichtet. Als Stuart betete, nahmen alle die Hüte ab, und dann machte der Oberst aus seiner rotseidenen Leibbinde einen Turban und bestand darauf, daß der Geistliche ihn trage. In seinem einfachen Anzuge und dieser prächtigen Kopfbedeckung sah er aus, wie ein Mann, der sich zum Ergötzen der Kinder verkleidet hat.

Und nun gesellte sich die drückende, unaufhörliche, unerträgliche Qual des Durstes zu der schmerzhaften Ermattung, die durch die Bewegung der Kamele hervorgerufen wurde. Die Sonne glühte auf die Aermsten herab und wurde von dem gelben Sande zurückgeworfen, und die weite Ebene flimmerte und glänzte, so daß sie das Gefühl hatten, als ob sie über eine Fläche geschmolzenen Metalls ritten. Ihre Lippen waren vertrocknet und aufgesprungen, und die Zunge lag ihnen im Munde, wie ein lebloses, ledernes Anhängsel. Beim Sprechen lispelten sie in eigentümlicher Weise, denn sie konnten nur die Vokale ohne Anstrengung herausbringen. Miß Adams war das Kinn auf die Brust gesunken, und ihr großer Hut verbarg ihr Gesicht.

»Meine Tante wird ohnmächtig, wenn sie nicht etwas Wasser erhält,« sagte Sadie. »O, Mr. Stephens, können wir denn gar nichts thun?«

Die in nächster Nähe reitenden Derwische waren alle Baggara mit Ausnahme eines Negers, eines plumpen Gesellen mit einem blatternarbigen Gesicht. Im Vergleiche zu dem seiner arabischen Kameraden war sein Ausdruck gutmütig, und Stephens wagte es, seinen Ellbogen zu berühren und auf seinen Wasserschlauch und dann auf die erschöpfte Dame zu zeigen. Der Neger schüttelte schroff den Kopf, aber dabei sah er mit einem bezeichnenden Blicke nach den Arabern, als ob er sagen wolle, er würde anders handeln, wenn diese nicht in der Nähe wären. Dann wies er mit seinem Zeigefinger auf seine eigene Brust.

»Tippy Tilly,« sagte er dabei.

»Was soll das heißen?« fragte Oberst Cochrane auf arabisch.

»Tippy Tilly,« wiederholte der Neger, seine Stimme dämpfend, als ob er wünsche, daß nur die Gefangenen ihn hören sollten.

»Das ist für mein Arabisch eine zu schwere Zumutung,« antwortete der Oberst kopfschüttelnd. »Ich weiß nicht, was er sagen will.«

»Tippy Tilly – Hicks Pascha,« sagte der Neger noch einmal.

»Ich glaube, der Mensch ist uns freundlich gesinnt,« meinte der Oberst, »aber ich verstehe ihn nicht. Glauben Sie, daß er sagen will, sein Name sei Tippy Tilly, und daß er Hicks Pascha getötet habe?«

Als er seine eigenen Worte wiederholen hörte, grinste der Neger, so daß man seine weißen Zähne sah.

»Aiwa,« sagte er. »Tippy Tilly – Bimbashi Mormer – Bumm!«

»Bei Gott, ich hab's heraus!« rief Belmont. »Er versucht, englisch zu sprechen. Tippy Tilly soll ägyptische Artillerie heißen. Er hat unter Bimbashi Mortimer in der ägyptischen Artillerie gedient und ist bei der Niedermetzelung Hicks Paschas in Gefangenschaft geraten. Wahrscheinlich hat er Derwisch werden müssen, um sein Leben zu retten. Was meinen Sie dazu?«

Der Oberst sprach einige Worte in arabischer Sprache und erhielt auch eine Antwort, aber da in diesem Augenblick zwei Baggara herbeikamen, trieb der Neger sein Kamel an und verließ die Gefangenen.

»Sie haben ganz recht,« sagte der Oberst. »Der Mensch ist uns freundlich gesinnt und möchte lieber für den Khedive, als für den Khalifen fechten. Ich weiß indessen nicht, was er uns nützen kann, allein ich bin schon in schlimmeren Patschen gewesen und unversehrt wieder herausgekommen. Wir sind noch nicht außerhalb des Bereiches der Verfolgung und werden in den nächsten achtundvierzig Stunden auch nicht herauskommen.«

Belmont rechnete in seiner langsamen, überlegten Weise.

»Als wir auf dem Felsen waren, mochte es zwölf Uhr gewesen sein,« sagte er, »und an Bord des Dampfers werden sie unruhig werden, wenn wir um zwei Uhr noch nicht zurück sind.«

»Ja,« unterbrach ihn der Oberst, »das sollte unsre Frühstücksstunde sein. Ich erinnere mich, daß ich sagte, wenn ich zurückkäme, würden wir ... o Gott, es ist besser, nicht daran zu denken.«

»Der Kapitän war ein schläfriges altes Schaf,« fuhr Belmont fort, »aber ich habe unbedingtes Vertrauen in die Raschheit und Entschiedenheit meiner Frau. Sie wird darauf bestehen, daß sofort die nötigen Maßregeln ergriffen werden. Nehmen wir also einmal an, daß die Leute um zwei Uhr dreißig Minuten mit dem Dampfboot abgefahren sind, dann müßten sie um Drei in Halfa sein, da die Fahrt stromabwärts geht. Wie viel Zeit, meinen Sie, wird erforderlich sein, das Kamelcorps auf die Beine zu bringen?«

»Wir wollen sagen, eine Stunde.«

»Und eine zweite Stunde, um den Fluß zu überschreiten. Dann könnten sie um Sechs auf dem Felsen von Abousir sein und die Spur aufnehmen. Von da an läuft es auf ein reines Wettrennen hinaus. Wir haben nur vier Stunden Vorsprung, und einige von diesen Tieren sind schon sehr erschöpft. Vielleicht werden wir doch noch gerettet, Oberst.«

»Ja, vielleicht einige von uns, aber ich habe nicht viel Hoffnung, den Padre morgen noch am Leben zu sehen, ebensowenig Miß Adams. Und dann dürfen wir nicht vergessen, daß diese Derwische die unangenehme Gewohnheit haben, ihre Gefangenen niederzumetzeln, wenn sie merken, daß Aussicht auf deren Befreiung ist. Also, Belmont, im Falle sie zurückkommen, und ich nicht, bitte ich Sie, eine kleine Geschäftsangelegenheit für mich zu ordnen.« Und mit zu einander hingeneigten Köpfen ritten sie weiter und sprachen von Geschäften.

Dem freundlich gesinnten Neger, der sich Tippy Tilly genannt hatte, war es gelungen, Mr. Stephens ein Stück in Wasser getränktes Tuch in die Hand zu spielen, und damit hatte Miß Adams ihre Lippen befeuchtet. Selbst die wenigen Tropfen hatten ihr frische Kräfte verliehen, und jetzt, wo der erste zermalmende Schreck überwunden war, begann sich ihre zähe, federnde Yankeenatur wieder geltend zu machen.

»Diese Leute sehen nicht so aus, als ob sie uns etwas zuleide thun wollten, Mr. Stephens,« sagte sie. »Sie werden doch wohl eine Art von Religion haben, und was uns unrecht erscheint, halten sie wohl auch für unrecht.«

Schweigend schüttelte Stephens den Kopf, denn er hatte die Niedermetzelung der Eseljungen gesehen, sie aber nicht.

»Vielleicht sind wir gesandt, sie auf einen besseren Weg zu leiten,« meinte die alte Dame. »Wer weiß, ob wir nicht dazu auserlesen sind, ein gutes Werk an ihnen zu verrichten?«

Wenn nur die Sorge um ihre Nichte sie nicht bedrückt hätte, so wäre ihre thatkräftige und unternehmende Natur wohl im stande gewesen, über die ihr gebotene Gelegenheit, Khartum zu bekehren und Omdurman zum Spiegelbilde eines gut kanalisierten und mit breiten Straßen versehenen Städtchens in Neu-England zu machen, in Entzücken zu geraten.

»Wissen Sie, woran ich die ganze Zeit denken muß?« fragte Sadie. »Sie entsinnen sich doch wohl des Tempels, den wir – wann war es doch, wo wir ihn gesehen haben? Ach Gott, das war ja erst heute morgen.«

Alle drei stießen einen Ausruf der Ueberraschung aus. Ja, es war erst heute morgen gewesen, und doch schien es eine in weiter, weiter Ferne liegende Begebenheit ihres Lebens zu sein, so ungeheuer war die Veränderung, so neu und überwältigend waren die Gedanken, die zwischen jenen Augenblick und den gegenwärtigen getreten waren. Schweigend und von der Empfindung dieser seltsamen Verlängerung der Zeit erfüllt, ritten sie weiter, bis Stephens Sadie daran erinnerte, daß sie ihren Satz unbeendet gelassen habe.

»Ach ja, ich dachte an die Wandbilder in dem Tempel. Entsinnen Sie sich noch des Zuges der armen Gefangenen, die dem großen König vor die Füße geschleppt wurden – wie niedergeschlagen sie zwischen den Kriegern einherschritten, die sie geleiteten? Wer hätte – wer hätte wohl denken können, daß binnen dreier kurzer Stunden ihr Schicksal auch das unsre sein würde? Und Mr. Headingly ...« Sie wandte ihr Antlitz ab und begann zu weinen.

»Gib deinem Kummer nicht so nach, Sadie,« mahnte ihre Tante. »Vergiß nicht, was der Pfarrer eben sagte, daß wir alle in Gottes Hand stehen. Was ist wohl unser Ziel, Mr. Stephens?«

Der rote Rand seines Reisehandbuches sah noch aus der Tasche des Rechtsanwalts hervor, denn die Sieger hatten es nicht für der Mühe wert gehalten, es ihm abzunehmen.

»Wenn sie mir das lassen,« antwortete er, auf den Bädeker hinabblickend, »will ich beim nächsten Halt einiges nachschlagen. Ein ungefähres Bild kann ich mir wohl von diesem Lande machen, denn ich habe neulich eine kleine Karte davon gezeichnet. Der Fluß fließt von Süden nach Norden, also reiten wir jetzt in fast genau westlicher Richtung. Ich glaube, die Derwische fürchteten, verfolgt zu werden, wenn sie zu nahe am Ufer des Nils blieben, und soviel ich mich entsinne, zieht sich etwa siebzig Meilen im Innern eine Karawanenstraße parallel zum Flusse durch die Wüste. Wenn wir noch einen Tag in derselben Richtung weiter wandern, müssen wir darauf stoßen. Sie berührt eine Reihe von Quellen und kommt, wenn mir recht ist, auf der ägyptischen Seite in Assiout heraus. Nach der andern Seite führt sie ins Land der Derwische, also ...«

Seine Worte wurden durch eine hohe, schrille Stimme unterbrochen, die plötzlich in einen Schwall sich überstürzender Worte ausbrach, Worte ohne Sinn und Verstand und voll von thörichten Wiederholungen. Die Röte auf Mr. Stuarts Wangen hatte sich bis zum Scharlach vertieft, seine Augen waren ausdruckslos, aber glänzend, und er plapperte, plapperte und plapperte. Gütige Mutter Natur! Sie läßt ihre Kinder nicht zu arg mißhandeln. »Das ist zu viel,« sagt sie, »dieses verwundete Bein, diese vertrockneten Lippen, dieses sorgenvolle Gemüt. Entferne dich für einige Zeit, bis dein Körper wieder bewohnbar ist.« So lockt sie den Geist fort in die Nirwana des Fieberwahns, während sich die kleinen Zellenarbeiter im Innern abmühen, das Haus in besseren Zustand zu versetzen. Wer den Schleier der Grausamkeit erblickt, den die Natur trägt, der versuche doch, ihn mit seinen Augen zu durchdringen, und er wird oft einen Schimmer von einem sehr schlichten, gütigen Antlitz dahinter erkennen.

Die arabischen Wächter machten bei diesem plötzlichen Ausbruch des Geistlichen etwas betretene Gesichter, denn er grenzte an Wahnsinn, und das ist für sie etwas Furchtbares und Uebernatürliches. Einer von ihnen ritt nach vorn und sprach mit dem Emir, und als er zurückkehrte, sagte er einige Worte zu seinen Kameraden, worauf zwei von ihnen den Geistlichen zwischen sich nahmen, um ihn vor dem Fallen zu bewahren. Der freundlich gesinnte Neger drängte sein Kamel neben Cochrane und flüsterte ihm etwas zu.

»Wir werden gleich Halt machen, Belmont,« sagte Cochrane.

»Gott sei Dank! Vielleicht geben sie uns etwas Wasser; so kann's ja nicht weiter gehen.«

»Ich habe Tippy Tilly gesagt, wir wollten ihn zum Bimbashi machen, wenn er uns zur Flucht verhelfe und nach Aegypten zurückkehre. Ich glaube, er wäre vollkommen dazu bereit, wenn er nur die Macht hätte. Donnerwetter, Belmont, sehen Sie sich einmal nach dem Flusse um.«

Der Weg, der bis jetzt durch sandbedeckte Schluchten mit zerrissenen Rändern geführt hatte – es schien fast unmöglich, daß ein Kamel dort durchzukommen vermöchte –, mündete jetzt in eine harte, wellige Ebene, die dick mit runden Kieseln bedeckt war und sich hebend und senkend bis zum fernen violetten Gesichtskreise reichte. Die langen mit Steinen bestreuten geschwungenen Linien waren so regelmäßig, daß sie aussahen, wie die dunkeln Wellen einer ungeheueren Dünung. Hie und da sprießte ein vereinzeltes Büschel grünen Kamelgrases zwischen den Kieseln empor. Braune Ebenen und violette Hügel – sonst war nach vorwärts nichts zu sehen! Im Rücken der Karawane dagegen erhoben sich die schwarzen, zackigen Felsen, deren Böschungen mit orangefarbigem Sande bedeckt waren und die sie eben durchzogen hatte, und dann sah man in weiter, weiter Ferne eine feine grüne Linie, die den Lauf des Flusses bezeichnete. Wie kühl und schön dieses Grün in der starren, fürchterlichen Wildnis anmutete! An der einen Seite konnte man den hohen Felsen sehen, den verwünschten Felsen, der die Armen in ihr Verderben gelockt hatte; auf der andern Seite schlängelte sich der Fluß, auf dessen Wasser die Sonne glänzte. O, dieser flüssige Glanz und das unwiderstehliche tierische Verlangen, dieses elementare Sehnen, das für den Augenblick aus ihnen allen die Seele verbannte! Familie, Vaterland, Freiheit, alles hatten sie verloren, aber Wasser, Wasser, Wasser war das Einzige, woran sie denken konnten. Mr. Stuart begann in seinem Fieberwahn nach Orangen zu schreien, und es war unerträglich, ihn anhören zu müssen. Nur der derbe, kräftige Irländer war über dieses körperliche Bedürfnis erhaben. Dieses glänzende Stück des Flusses mußte in der Nähe von Halfa liegen, und seine Frau konnte sich gerade auf der kleinen Wasserfläche befinden, die er dort sah. Er zog sich den Hut in die Augen und ritt, seinen starken eisengrauen Schnurrbart kauend, in düsterem Schweigen weiter.

Langsam sank die Sonne im Westen, und die Schatten der Reisenden verlängerten sich nach der Richtung, wohin sie ihre Herzen zogen. Jetzt war es etwas kühler, und ein leichter Wüstenwind, der sich erhoben hatte, strich flüsternd über die steinbestreute Ebene. Der an der Spitze reitende Emir hatte seinen Leutnant zu sich gerufen, und die beiden beschatteten ihre Augen und sahen sich nach irgend einer Landmarke um. Dann schien es plötzlich, als ob das Dromedar des Führers mit einem befriedigten Grunzen in den Knieen zusammenbräche, hierauf in den Sprunggelenken, und so legte es sich mit drei seltsamen ruckweisen Bewegungen nieder, bis es auf dem Boden ausgestreckt war. Als sie die Stelle erreichten, thaten alle andern Kamele dasselbe, bis sie sämtlich in einer langen Reihe auf der Erde kauerten. Die Reiter sprangen ab und legten das gehackte Futter auf Tücher vor ihnen hin, denn kein Kamel von guter Rasse nimmt Nahrung von der Erde. In ihren sanften Augen, ihrer ruhigen, lässigen Art zu fressen und in ihrem herablassenden, gezierten Wesen lag etwas Weibliches und zugleich Vornehmes, als ob sich eine Gesellschaft von zimperlichen alten Jungfern in der Wüste versammelt hätte.

Die Gefangenen, sowohl die Männer, als auch die Frauen wurden sich selbst überlassen, denn wie konnten sie inmitten dieser ungeheueren Ebene entkommen? Einmal trat der Emir vor sie hin, strich sich mit den Fingern durch den blauschwarzen Bart und sah sie nachdenklich mit seinen dunkeln, finsteren Augen an. Mit Schaudern bemerkte Miß Adams, daß es immer Sadie war, zu der seine Blicke zurückkehrten. Als er ihren bejammernswerten Zustand erkannte, gab er einen Befehl, worauf ein Neger einen Wasserschlauch brachte und jedem etwa ein halbes Glas Wasser verabreichte. Es war warm und trübe und schmeckte nach Leder, aber o, wie köstlich war es für ihre ausgetrockneten Gaumen! Hierauf sprach der Emir einige kurze Worte zum Dragoman und entfernte sich.

»Meine Damen und meine Herren,« begann Mansoor mit etwas von seinem alten wichtigthuenden Wesen, aber ein wütender Blick aus den Augen des Oberst ließ ihn verstummen, und er begann eine lange winselnde Rechtfertigung seines Benehmens.

»Was konnte ich denn anders machen,« klagte er, »wo mir das Messer an der Kehle saß?«

»Ihnen wird ein Strick an der Kehle sitzen, wenn wir Aegypten wiedersehen,« rief der Oberst wütend. »Bis dahin ...«

»Schon recht, Oberst,« fiel ihm Belmont ins Wort, »aber um unsrer selbst willen sollten wir hören, was der Führer gesagt hat.«

»Ich für mein Teil will nichts mit dem Halunken zu thun haben.«

»Das geht meiner Ansicht nach zu weit. Wir müssen hören, was er zu sagen hat.«

Cochrane zuckte die Achseln. Die ausgestandenen Beschwerlichkeiten hatten ihn reizbar gemacht, und er mußte sich auf die Lippen beißen, um eine bittere Antwort zu unterdrücken, worauf er sich langsam, aber mit straffen, militärischen Schritten entfernte.

»Was hat er also gesagt?« fragte Belmont, indem er den Dragoman mit Blicken ansah, die ebenso streng waren, als die des Obersten.

»Er scheint in etwas besserer Laune zu sein, als vorhin, denn er sagte, wenn er mehr Wasser hätte, würde er uns mehr geben, aber seine Vorräte seien knapp. Morgen, sagte er, kämen wir zu den Brunnen von Selimah; dann sollten wir alle reichlich haben, und die Kamele auch.«

»Hat er gesagt, wie lange wir hier bleiben werden?«

»Ganz, ganz kurze Ruhe, und dann weiter. O, Mr. Belmont ...«

»Halten Sie 's Maul!« schnauzte der Irländer ihn an und begann wieder, Zeit und Entfernung zu berechnen. Wenn alles so kam, wie er erwartete, wenn seine Frau den Kapitän aus seiner Trägheit aufgerüttelt und dazu gedrängt hatte, in Halfa Lärm zu schlagen, so mußten die Verfolger bereits auf ihrer Spur sein. Das Kamelcorps oder die ägyptische Reiterei kam bei Mondschein besser und schneller vorwärts, als bei Tage. Er wußte, daß es in Halfa üblich war, mindestens eine Schwadron so bereit zu halten, daß sie augenblicklich aufbrechen konnte. Von den Offizieren, bei denen er gespeist, hatte er erfahren, in wie kurzer Zeit sie ausrücken konnten. Sie hatten ihm die bei jedem Tiere bereit liegenden Wasserschläuche und Futtersäcke gezeigt, und er hatte die Vollständigkeit der Vorbereitungen bewundert, ohne zu ahnen, wie wichtig sie für ihn selbst in der nächsten Zukunft werden sollten. Ehe die Karawane von diesem Halteplatz wieder aufbrach, mußte mindestens eine Stunde vergehen, und das war eine Stunde reinen Gewinnes. Vielleicht waren sie am nächsten Morgen ...

Jetzt aber wurden seine Gedanken auf eine fürchterliche Weise unterbrochen. Tobend wie ein Verrückter erschien der Oberst zwischen zwei Arabern, die seine Arme umklammert hielten, auf dem Kamme der nächsten Bodenerhebung. Sein Gesicht war vor Wut purpurrot, und er zerrte, bog und wand sich in seinen rasenden Anstrengungen, sich freizumachen.

»Ihr verfluchten Mörder!« schrie er. »Belmont,« setzte er hinzu, als er die andern erblickte, »sie haben Cecil Brown ermordet.«

In seiner schlechten Laune war der Oberst, wie er jetzt erzählte, über die nächste Höhe geschlendert und dort in einer Mulde auf eine Gruppe von Kamelen und ärgerlichen, schimpfenden Männern gestoßen. Brown mit dem bleichen Gesicht, den schweren Augen und dem nach oben gedrehten borstigen Schnurrbart war der Mittelpunkt dieser Gruppe. Seine Taschen hatten die Derwische schon vorher durchsucht, jetzt waren sie aber dabei, ihm die Kleider abzureißen, in der Hoffnung, noch irgend etwas zu finden, was er vielleicht auf dem Leibe verborgen hatte. Ein scheußlicher Neger mit silbernen Ringen in den Ohren grinste und plapperte vor dem teilnahmlosen Antlitz des jungen Diplomaten. In dessen bleicher Ruhe und dem zerstreuten Ausdruck schien dem Oberst etwas Heldenhaftes, beinahe Uebermenschliches zu liegen. Browns Rock stand bereits offen, und die große schwarze Tatze des Negers flog an seinen Hals und riß das Hemd bis zum Gürtel auf. Bei dem Geräusche dieses Risses und der ekelerregenden Berührung der groben schwarzen Finger vergaß dieser Lebemann, dieses vollendete Erzeugnis des Jahrhunderts seine lebenslangen Gewohnheiten und wurde dem Wilden gegenüber zum Wilden. Sein Gesicht rötete sich, seine Lippen schürzten sich, sein Zähne klapperten wie die eines Affen, und seine Augen, diese trägen Augen, die immer so gelassen geblinzelt hatten, traten voll Wut aus ihren Höhlen. So fiel er über den Neger her und schlug ihn wieder und wieder ins Gesicht, wie ein Mädchen mit gebogenem Arme und gespreizten Fingern, schwach, aber voll Bosheit. Erschreckt durch diesen unvermuteten Wutausbruch, fuhr der Mann einen Augenblick zurück, dann aber riß er mit einem ärgerlichen, schnarrenden Schrei ein Messer aus seinem losen Aermel und stieß von unten nach oben unter den schlagenden Arm. Brown setzte sich nach dem Stoße hin und begann zu husten, wie ein Mensch hustet, der sich beim Essen verschluckt hat, heftig, unaufhörlich und krampfhaft. Dann erschien eine fleckige Blässe in den zorngeröteten Wangen, aus seiner Kehle drang ein röchelndes Geräusch, und er rollte, die Hand auf den Mund pressend, auf die Seite. Mit einem rohen, verächtlichen Grunzen verbarg der Neger das Messer wieder im Aermel, während der Oberst, wahnsinnig vor ohnmächtiger Wut, zu seinen unglücklichen Gefährten gezerrt wurde. Hier band man ihm die Hände mit einem Kamelhalfter, und er lag schließlich in bitterem Schweigen neben dem fiebernden Geistlichen.

So war denn also Headingly dahin, Cecil Brown heimgegangen, und die verstörten Augen der Ueberlebenden wanderten von einem bleichen Gesicht zum andern und fragten, wer der nächste sein würde, den sie aus dem Friese leichtherziger Reiter verlieren sollten, der sich, vom Deck des »Korosko« aus gesehen, so klar am blauen Morgenhimmel abgezeichnet hatte. Zwei von zehnen waren dahin, und ein dritter hatte den Verstand verloren. Wahrlich, ihre Vergnügungsreise näherte sich ihrem Höhepunkte!

Mit auf die Hände gestütztem Kinn und auf den Knieen ruhenden Ellbogen saß Fardet, der Franzose, allein da und starrte traurig über die Wüste, bis Belmont bemerkte, daß er plötzlich zusammenfuhr und den Kopf aufrichtete, wie ein Hund, der einen fremden Schritt hört. Dann beugte er mit geballter Faust sein Gesicht vor und starrte fest nach den schwarzen Hügeln im Osten, durch die sie gekommen waren. Belmont folgte der Richtung seines Blickes, und – ja – ja – da bewegte sich etwas! Er sah das Blitzen von Metall und einen plötzlichen Schimmer wie von einem flatternden weißen Gewande. Ein Derwischposten in der Flanke ließ als Warnungszeichen sein Kamel sich zweimal um sich selbst drehen und schoß sein Gewehr in die Luft ab. Der Widerhall des Schusses war kaum erstorben, als alle Araber und Neger in den Sätteln saßen. Noch einen Augenblick, und die Kamele standen auf den Füßen und setzten sich langsam nach dem Punkte in Bewegung, wo das Warnungszeichen gegeben worden war. Einige Bewaffnete umringten die Gefangenen und ließen als Zeichen, daß sie sich still verhalten sollten, Patronen in ihre Remingtongewehre gleiten.

»Beim Himmel, es sind Kamelreiter!« rief der Oberst, dem es in der Verwirrung gelungen war, seine Hände von dem Halfter zu befreien, das sie gefesselt hatte. Alle seine Kümmernisse waren vergessen, während er seine Augen anstrengte, um die Neuankommenden zu erkennen. »Wahrhaftig, ich glaube, es sind unsre Leute.«

»Sie sind flinker gewesen, als ich ihnen zugetraut hatte,« sagte Belmont, wobei seine Augen unter den buschigen Brauen funkelten. »Zwei gute Stunden früher sind sie hier, als wir es vernünftigerweise erwarten durften. Hurra, Monsieur Fardet, ça va bien, n'est ce pas

»Hurra! Hurra! Merveilleusement bien! Vivent les Anglais! Vivent les Anglais!« schrie der aufgeregte Franzose, als sich die Spitze einer Abteilung Kamelreiterei aus den Felsen hervorwand.

»Hören Sie 'mal zu, Belmont,« rief der Oberst. »Diese Kerle werden versuchen, uns niederzuschießen, wenn sie sehen, daß alles vorbei ist; ich kenne ihre Art, und wir müssen darauf gefaßt sein. Wollen Sie sich bereit halten, sich an den Kerl mit dem einen blinden Auge zu machen? Ich will den großen Nigger übernehmen, wenn ich ihn umfassen kann. Stephens muß thun, was er für am besten hält. Sie, Fardet, comprenez-vous? Il est necessaire, mit diesen Hanswursten fertig zu werden, ehe sie uns etwas zuleide thun. Sie, Dragoman, sagen Sie den beiden sudanesischen Soldaten, daß sie sich bereit halten sollen – aber – aber ...«

Seine Worte erstarken in einem Murmeln, und er schluckte ein paarmal heftig.

»Das sind ja Araber!« sagte er endlich, und seine Stimme klang wie die eines andern Menschen.

Von diesem ganzen bitteren Tage war dieser der bitterste Augenblick. Der glückliche Mr. Stuart lag auf dem Boden mit dem Rücken gegen ein Kamel gelehnt, und lachte aus vollem Halse über irgend einen Scherz, den die geschäftigen kleinen Zellenarbeiter bei ihren Ausbesserungen gemacht hatten, und sein Gesicht war von Lustigkeit verzerrt, aber die andern, wie elend, ach, wie von Herzen elend war ihnen zu Mute. Die Frauen weinten, die Männer wandten sich ab und versanken in das Schweigen, das noch über Thränen hinausgeht. Monsieur Fardet fiel aufs Gesicht und brach in ein trockenes Schluchzen aus.

Als Willkommgruß für ihre Freunde feuerten die Araber ihre Gewehre ab, und, als sie sich näherten, erwiderten die Neuankommenden diese Begrüßung und schwenkten ihre Büchsen und ihre Lanzen über den Köpfen. Sie waren geringer an Zahl als die erste Abteilung, nicht mehr als dreißig, aber sie trugen dieselben roten Turbane und die mit braunen Tuchlappen besetzten Kaftane. Einer von ihnen führte eine kleine weiße Fahne, worauf einige Worte in roter Farbe geschrieben waren, aber noch etwas andres fiel den unglücklichen Reisenden auf und lenkte ihre Blicke und ihre Gedanken von allen andern ab. Dieselbe Furcht ergriff alle Herzen, und derselbe Trieb ließ sie alle verstummen. Sie starrten auf eine schwankende weiße Gestalt, die sie inmitten der Wüstenkrieger nur undeutlich sehen konnten.

»Was ist denn das da in ihrer Mitte?« rief Stephens endlich. »Sehen Sie 'mal, Miß Adams, das ist ja eine Dame!«

Ja, da saß etwas auf einem Kamel, aber es war schwierig, es deutlich zu erkennen. Als sich jedoch die beiden Abteilungen vereinigt hatten, zerstreuten sich die Reiter etwas, und man konnte besser sehen.

»Es ist eine weiße Dame!«

»Der Dampfer ist überfallen worden!«

Belmont stieß einen Ruf aus, der alles andre übertönte.

»Norah, mein Liebling,« rief er, »verzage nicht! Ich bin hier, und nun ist alles gut!«

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