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Ein gefährlicher Ausflug

Arthur Conan Doyle: Ein gefährlicher Ausflug - Kapitel 3
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleEin gefährlicher Ausflug
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorF. Mangold
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

»Stoppa! Backa! (Halt! Rückwärts!)« rief der eingeborene Lotse dem europäischen Maschinisten zu.

Der stumpfe Bug des Sternraddampfers bohrte sich in den weichen Uferschlamm und der Strom schwang das Boot herum, so daß es dem Ufer parallel lag. Die lange Laufplanke wurde hinübergeschoben, und die sechs großen Soldaten der sudanesischen Bedeckungsmannschaft zogen darüber hin, wobei ihre hellblauen, mit goldenen Litzen verzierten Zuavenuniformen und ihre flotten rot und gelben Mützen im klaren Morgenlicht leuchteten. Ueber ihnen auf der Höhe des Ufers stand eine Reihe von Eseln, und die Luft war vom Geschrei der dazu gehörigen Jungen erfüllt, von denen jeder mit schriller, durchdringender Stimme die Tugenden seines eigenen Esels pries und die Tiere seiner Gefährten herabsetzte.

Oberst Cochrane und Belmont, die beide mit dem Puggaree, dem indischen Schleier, umwundene Hüte trugen, standen im Bug, während sich Miß Adams und ihre Nichte neben ihnen ans Geländer lehnten.

»Schade, daß Ihre Frau nicht mitkommen will, Belmont,« sagte der Oberst.

»Ich glaube, sie hat sich gestern der Sonne etwas zu viel ausgesetzt. Sie klagt über sehr heftige Kopfschmerzen,« antwortete Belmont, dessen Stimme kräftig und massig war wie seine Gestalt.

»Ich würde ganz gern zurückbleiben und ihr Gesellschaft leisten, Mr. Belmont,« meinte die amerikanische alte Jungfer, »aber wie ich höre, findet Mrs. Schlesinger den Ritt zu weit für sich und hat auch einige Briefe zu schreiben, die sie heute abschicken will; Mrs. Belmont wird also nicht ganz allein sein.«

»Sehr freundlich von Ihnen, Miß Adams, aber wir sind ja, wie Sie wissen, auch um zwei Uhr zurück.«

»Ist das sicher?«

»Es muß doch wohl sicher sein, denn wir nehmen kein Frühstück mit und werden bis dahin halb verhungert sein.«

»Ja, ich glaube, ein Glas Selterswasser mit Wein wird uns ganz gut munden, wenn wir zurückkommen,« antwortete der Oberst. »Dieser Wüstenstaub macht den schlechtesten Wein genießbar.«

»Alles bereit, meine Damen und meine Herren,« rief Mansoor, der Dragoman, der etwas an einen Priester erinnerte, als er in seinen wallenden Gewändern und mit seinem glatten, sauber rasierten Gesicht vortrat. »Wir müssen gleich aufbrechen, damit wir vor der schlimmsten Mittagshitze wieder hier sind.« Mit einem väterlichen Ausdruck ließ er seine dunkeln Augen über die Gruppe der ihm anvertrauten Reisenden wandern. »Nehmen Sie Ihre grüne Brille mit, Miß Adams, denn da draußen in der Wüste blendet der Sand sehr stark. Mr. Stuart, für Sie habe ich einen feinen Esel gewählt, einen Preisesel, der immer für die schwersten Herren zurückgestellt wird. Also vorwärts, meine Damen und meine Herren, wenn's gefällig ist.«

Wie ein wunderlicher Fries zog die Gesellschaft über die Laufplanke und am Uferabhang hinan. Mr. Stephens, eine magere, trockene, ernste Gestalt in einem englischen Strohhute, ging voraus. Sein roter Bädeker leuchtete unter seinem Arme, und in einer Hand hielt er einen kleinen Zettel wie eine Prozeßvollmacht. Einen Arm reichte er Miß Sadie, den andern ihrer Tante, während sie am Ufer in die Höhe kletterten, und als der Bädeker flatternd zu ihren Füßen in den Schmutz fiel, klang das fröhliche Lachen des jungen Mädchens hell und klar in der Morgenluft. Mr. Belmont und der Oberst folgten, und die Krempen ihrer Hüte berührten sich, indem sie die Vorzüge der Mauser-, Lebel- und Lee Metford-Gewehre besprachen. Hinter ihnen kam Cecil Brown, teilnahmslos, weltverachtend und in sich selbst abgeschlossen. Der dicke Pfarrer erstieg keuchend das Ufer, wobei er schnaufend Witze über seine eigene Unbeholfenheit machte. »Ich bin einer von den Menschen, die alles vor sich herschieben,« sagte er mit einem wehmütigen Blick auf seine rundliche Gestalt und einem kurzatmigen Kichern über seinen Scherz. Zuletzt kamen Headingly, schlank und groß mit den runden Schultern des Gelehrten, und Fardet, der gutmütige, umständliche und rechthaberische Pariser.

»Sehen Sie, wir haben heute eine bewaffnete Bedeckung,« flüsterte er seinem Gefährten zu.

»Ja, das sehe ich.«

»Bah!« rief der Franzose, indem er seine Arme spöttisch ausbreitete, »man könnte ebenso gut bei einer Fahrt von Paris nach Versailles eine bewaffnete Bedeckung mitnehmen. Aber das alles gehört mit zur Komödie, Monsieur Headingly. Niemand läßt sich ja dadurch täuschen, aber es gehört nun einmal mit zur Komödie. – Pourquoi ces drôles de militaires, dragoman, hein

Zu den Aufgaben des Dragoman zählte es, allen Leuten nach dem Munde zu reden, deshalb schaute er sich vorsichtig um, bevor er antwortete, um sich zu vergewissern, daß die Engländer im Sattel saßen und außer Hörweite waren.

» C'est ridicule, monsieur,« sagte er, seine dicken Achseln zuckend. » Mais que voulez-vous? C'est l'ordre officiel Egyptien

» Egyptien! Bah! Anglais, Anglais – toujours Anglais!« rief der ärgerliche Franzose.

Der Fries war jetzt wunderlicher als je, aber er hatte sich plötzlich in einen Reiterfries verwandelt, der sich scharf am tiefblauen ägyptischen Himmel abzeichnete. Diejenigen, welche noch nie geritten haben, müßten einmal in Aegypten reiten, und wenn die Esel in Galopp fallen und die irreguläre Nilreiterei in vollem Laufe dahinsprengt, so liefert sie ein Bild von flatternden Schleiern, sich an den Sattelknopf klammernden Händen und schwankenden Gestalten, wie man es sonst nirgends zu sehen bekommt. Belmont, der seine vierschrötige Gestalt auf einem kleinen weißen Esel im Gleichgewicht zu halten versuchte, grüßte seine Frau, die auf dem Verdeck des Korosko erschienen war, mit einer Schwenkung seines Hutes, Cochrane hatte einen strammen militärischen Sitz und hielt die Hände tief, den Kopf hoch und die Absätze herabgedrückt, während sich der junge Oxforder, der neben ihm ritt, mit halb geschlossenen Augenlidern umschaute, als ob er die Wüste als einen kaum für ihn passenden Aufenthaltsort ansähe und selbst über die Welt im ganzen in dieser Hinsicht seine Zweifel habe. Unter allerhand Unbehagen mehr oder minder leidend, war die Gesellschaft längs des Ufers verteilt, wobei hinter jedem Esel ein lärmender Junge mit braunem Gesicht herlief. Wenn die Touristen sich umwandten, konnten sie das kleine bleigraue Dampfboot sehen, auf dessen Deck Mrs. Belmonts Taschentuch wie ein weißer Fleck glänzte. Dahinter strömte der breite braune Fluß in einer großen Biegung bis zu der fünf Meilen entfernten Stelle, wo die viereckigen weißen Blockhäuser auf den schwarzen zerrissenen Hügeln die Lage von Wady Halfa, des Ausgangspunktes ihrer heutigen Fahrt, bezeichneten.

»Ist es nicht unvergleichlich reizend?« rief Sadie fröhlich. »Ich habe einen Esel, der wie auf Rollen läuft, und mein Sattel ist geradezu fein. Haben Sie jemals etwas Niedlicheres gesehen, als diese Perlen und Kinkerlitzchen, die er um den Hals trägt? Sie müssen ein Memo in Sachen Esel machen, Mr. Stephens. Ist das nicht richtige Juristensprache?«

Stephens sah das hübsche, lebendige, knabenhafte Gesichtchen an, das schelmisch unter dem kecken Strohhütchen hervor zu ihm emporsah, und wünschte sich den Mut, ihr in ihrer eigenen Sprache zu sagen, sie sei unvergleichlich reizend, allein mehr als alles fürchtete er, sie zu verletzen und so dem vertrauten Verkehr mit ihr ein Ende zu machen. So kam es, daß seine Schmeichelei zu einem Lächeln zusammenschrumpfte.

»Sie sehen sehr glücklich aus,« sagte er.

»Wie kann man denn auch andre als frohe Empfindungen bei dieser trockenen, klaren Luft, dem blauen Himmel und dem scharfen Sande haben, wenn man auf einem so prächtigen Esel sitzt? Ich habe ja alles in der Welt, dessen ich zu meinem Glück bedarf.«

»Alles?«

»Nun, wenigstens alles, was ich im gegenwärtigen Augenblick nötig habe.«

»Was es heißt, traurig zu sein, haben Sie wohl noch nie im Leben erfahren?«

»O, wenn ich unglücklich bin, dann bin ich es aber auch über alle Beschreibung. Tage und Tage lang habe ich im Smith-College gesessen und geweint, und die andern Mädchen waren ganz verrückt vor Neugier und wollten wissen, weshalb ich weinte, und dann fingen sie an zu raten, warum ich es ihnen nicht sagen wolle. Dabei war die ganze Zeit der wahre Grund, daß ich selbst keine Ahnung davon hatte. Sie wissen ja, wie es sich manchmal einem großen schwarzen Schatten gleich auf einen herabsenkt, man weiß selbst nicht warum und wieso. Man muß sich eben einfach hinsetzen und sich unglücklich fühlen.«

»Aber eine wirkliche Ursache dazu haben Sie nie gehabt?«

»Nein, Mr. Stephens; es ist mir mein ganzes Leben lang gut gegangen, so daß ich, wenn ich darauf zurückblicke, wirklich nicht glaube, daß ich jemals einen wahren Grund zum Kummer gehabt habe.«

»Das ist schön, Miß Sadie, und ich hoffe von ganzem Herzen, daß Sie dasselbe sagen können, wenn Sie in dem Alter sind, wie jetzt Ihre Tante. Aber ich glaube, ich höre sie rufen.«

»Ach seien Sie doch so gut, Mr. Stephens, und geben Sie meinem Eseljungen eins mit Ihrer Peitsche, wenn er meinen Esel noch einmal schlägt,« rief Miß Adams, die auf ihrem großen, grobknochigen Tiere angetrottet kam. »Heda, Dragoman Mansoor, sagen Sie doch diesem Jungen, ich litte es nicht, daß die Tiere mißhandelt würden, und er solle sich schämen. Ja, du kleiner Schlingel, schämen solltest du dich! – Er grinst mich an wie eine Anpreisung für Zahnseife. – Was meinen Sie, Mr. Stephens, wenn ich diesen schwarzen Soldaten Socken strickte, würde es ihnen wohl gestattet werden, sie zu tragen? Der arme Mensch hat sich ja Binden um die Beine gewickelt.«

»Das sind seine Strümpfe,« warf der Oberst dazwischen, indem er sich umdrehte. »Wir haben in Indien die Erfahrung gemacht, daß diese Binden zum Marschieren am besten sind, viel besser, als irgend welche Strümpfe.«

»Was Sie sagen! Mich erinnern sie an ein krankes Pferd. Aber es ist furchtbar fein, daß wir Soldaten bei uns haben, obgleich mir Monsieur Fardet gesagt hat, wir brauchten gar nicht ängstlich zu sein.«

»Das ist nur meine persönliche Ansicht,« beeilte sich der Franzose zu versichern. »Vielleicht denkt Herr Oberst Cochrane anders.«

»Monsieur Fardets Ansicht steht hier im Widerspruche mit der der Offiziere, die für die Sicherheit der Grenze zu sorgen haben,« antwortete der Oberst trocken, »aber wir sind wohl alle darin einig, daß sie die Wirkung haben, das Bild sehr viel malerischer zu machen.«

Zur Rechten breitete sich die Wüste in lang geschweiften Sandhügeln aus, die den Eindruck machten, als seien es Dünen am Strande einer längst vergessenen Ursee gewesen. Ueber ihnen konnte man die schwarzen, felsigen Spitzen sonderbarer vulkanischer Berge sehen, die sich auf der Libyschen Seite erhoben. Dann und wann erschien auf dem Kamme eines der niedrigen Sandhügel ein Schimmer von einem himmelblauen Soldaten, der, sein Gewehr hinter sich herschleifend, rasch weiter wanderte, nachdem sich die schlanke, kriegerische Gestalt einen Augenblick am Himmel abgezeichnet hatte. Dann verschwand er wieder an einer Mulde, während sich einige hundert Schritte weiter ein andrer zeigte und ebenso verschwand.

»Wo stammen die denn her?« fragte Sadie, deren Blicke den sich bewegenden Gestalten folgten. »Sie scheinen mir etwa dieselbe Farbe zu haben, wie die Kellner in den Vereinigten Staaten.«

»Ich habe erwartet, daß Sie danach fragen würden,« entgegnete Stephens, der niemals glücklicher war, als wenn er einem Wunsche der hübschen Amerikanerin zuvorkommen konnte, »und habe heute morgen in der Bibliothek unsres Schiffes nachgeschlagen. Hier ist es: In Sachen – ich wollte sagen, in betreff der schwarzen Soldaten habe ich mir aufgeschrieben, daß sie zum zehnten Sudanesen-Bataillon der ägyptischen Armee gehören. Dieses Bataillon erhält seinen Ersatz von den Dingas und Shilluks, zwei Negerstämmen, die südlich vom Lande der Derwische in der Nähe des Aequators wohnen.«

»Wie kommen denn die Rekruten durch das Land der Derwische?« fragte Headingly scharf.

»Das wird wohl keine großen Schwierigkeiten machen,« warf Fardet dazwischen, wobei er den Amerikaner blinzelnd ansah.

»Die älteren Leute sind die Reste der alten schwarzen Bataillone. Manche haben unter Gordon in Khartum gedient und können ihre Kriegsdenkmünze aufweisen. Von den andern sind viele Fahnenflüchtige vom Heere des Mahdi,« sagte der Oberst.

»Nun, so lange sie nicht notwendig sind, sehen sie in ihren blauen Jacken sehr schön aus,« bemerkte Miß Adams; »sollten wir aber in Schwierigkeiten geraten, so würden wir vielleicht wünschen, sie wären weniger hübsch und etwas weißer.«

»Das weiß ich doch nicht,« entgegnete der Oberst. »Ich habe diese Leute im Feuer gesehen, und ich versichere Ihnen, ich habe das größte Vertrauen zu ihrer Tapferkeit.«

»Ich glaube Ihnen aufs Wort und trage gar kein Verlangen danach, sie auf die Probe gestellt zu sehen,« antwortete Miß Adams so entschieden, daß alle lächelten.

Bis jetzt hatte der Weg am Flusse entlang geführt, der tief und mächtig von den Katarakten herabgebraust kam. Hier und dort wurde sein Lauf durch einen schwarzen Felsblock unterbrochen, über den der Schaum hoch aufspritzte. Weiter oben konnten die Reisenden den weißen Glanz der Stromschnellen sehen, und die Ufer wurden zu zerrissenen Klippen, die von einem auffallenden, weit vorspringenden, halbkreisförmigen Felsen überragt wurden. Des Dragomans Erklärung, das sei der berühmte Ort, den sie zu besuchen wünschten, bedurfte die Gesellschaft nicht. Eine lange, ebene Strecke breitete sich nun vor ihnen aus, und die Esel fielen in Galopp. Am jenseitigen Ende dieser Strecke lagen Felsblöcke, die sich schwarz vom orangefarbigen Grunde abhoben, und in ihrer Mitte ragten einige gebrochene Säulenschäfte und ein Stück einer mit Hieroglyphen bedeckten Mauer auf, die infolge ihrer grauen Färbung und ihrer Festigkeit eher einem Werke der Natur, als einem von Menschenhänden geschaffenen glich. Der dicke, geschmeidige Dragoman stand in seinen Röcken und der darüber hängenden englischen Jacke davor und wartete, bis sich die Nachzügler versammelt hatten.

»Dieser Tempel, meine Damen und meine Herren,« rief er mit einer Miene, als ob er das Bauwerk versteigern und dem Höchstbietenden zuschlagen wolle, »ist ein sehr schönes Ueberbleibsel aus der Zeit der achtzehnten Dynastie. Hier sehen Sie die Cartouche Thotmes des Dritten,« dabei wies er mit seiner Eselpeitsche aus die rohen, aber tief eingegrabenen Hieroglyphen in der Mauer über ihm. »Er lebte sechzehnhundert Jahre vor Christus, und dieses Bauwerk ist zur Erinnerung an seinen siegreichen Zug nach Mesopotamien errichtet worden. Hier haben wir seine ganze Geschichte, von der Zeit an, wo er bei seiner Mutter war, bis er mit den an seinen Wagen gefesselten Gefangenen zurückkam. In diesem Bilde sehen Sie ihn, wie er mit der Krone von Unterägypten gekrönt wird, und wie Oberägypten zu Ehren seines Sieges dem Gotte Ammon-ra Opfer bringt. Hier weiht er ihm seine Gefangenen, denen er allen die rechte Hand abgeschnitten hat. In dieser Ecke sehen Sie einen kleinen Haufen – lauter rechte Hände.«

»Du meine Güte, ich bin froh, daß ich in jener Zeit nicht hier gelebt habe,« rief Miß Adams.

»Nun, hier hat sich nichts geändert,« bemerkte Cecil Brown. »Der Orient ist immer noch der Orient. Ich zweifle gar nicht daran, daß kaum hundert Meilen von hier oder vielleicht in noch viel geringerer Entfernung ...«

»Schweigen Sie doch,« flüsterte ihm der Oberst zu, und die Gesellschaft ging mit emporgerichteten Gesichtern und im Nacken hängenden Hüten am Fuße der Mauer weiter. Die Sonne hinter ihnen überzog das graue Mauerwerk mit einem metallischen Glanze, zeichnete seltsame schwarze Schatten darauf und mischte sie mit den die Mauer bedeckenden Bildern der grimmigen Krieger mit ihren geraden Schultern und starken Nasen und der wundervollen Gottheiten. Der breite Schatten des hochwürdigen John Stuart aus Birmingham verdeckte den heidnischen König mitsamt dem Gotte, dem er opferte.

»Was ist denn das?« fragte er, immer noch schnaufend, indem er mit seinem gelben Assuaner Rohrstock in die Höhe zeigte.

»Das ist ein Nilpferd,« antwortete der Dragoman, und die Reisenden kicherten, denn eine gewisse Aehnlichkeit zwischen Mr. Stuart und dem Reliefbilde war unverkennbar.

»Aber das ist ja nicht größer, als ein Ferkel,« meinte der Geistliche. »Man sieht ja, daß es dem König nicht die geringste Mühe macht, es mit dem Spieße zu durchbohren.«

»Sie haben es so klein dargestellt, um zu zeigen, daß es dem König gar keine Anstrengung kostete,« antwortete der Dragoman. »Sie sehen ja, daß auch die Gefangenen dem König nicht übers Knie reichen – was nicht sagen will, daß er körperlich soviel größer war, sondern es soll dadurch angedeutet werden, daß er viel mächtiger war. Wie Sie sehen, ist er auch größer, als sein Pferd gezeichnet, weil er ein König ist, und jenes nur ein Tier. Ebenso sind auch diese Weiber hier ganz klein gemacht, weil es nur seine unbedeutenden Frauen sind.«

»Nun, das muß ich sagen!« rief Miß Adams entrüstet. »Wenn man die Seele dieses Königs dargestellt hätte, würde man eines Vergrößerungsglases bedürfen, um sie zu sehen. – Wie konnte er nur zugeben, daß seine Frauen so gezeichnet wurden.«

»Wenn er es jetzt thäte, Miß Adams,« sagte der Franzose, »würde er mit den Kriegen in Mesopotamien gar nicht zu Ende kommen. Aber die Zeit rächt alles. Vielleicht ist der Tag nicht ferne, wo wir ein großes, starkes Weib und einen unbedeutenden Gatten auf einem Bilde nebeneinander sehen.«

Cecil Brown und Headingly waren etwas zurückgeblieben, denn die Erklärungen des zungengewandten Dragomans und das gedankenlose, leichtherzige Plaudern der Reisegefährten standen in zu schroffem Wiederspruch mit ihren feierlichen Empfindungen. Schweigend und den wunderlichen Zug der Leute mit ihren Hüten und grünen Schleiern in dem grellen Sonnenlicht vor der alten grauen Mauer betrachtend, standen sie da. Ueber ihnen flatterten zwei Wiedehopfe in der Luft und erweckten mit ihrem mißtönenden Geschrei den Widerhall der Pylonen.

»Ist das nicht geradezu eine Entweihung?« rief der Oxforder endlich.

»Sehen Sie, das freut mich, daß Sie das ebenfalls empfinden, denn auch mir kommt es wie eine Entweihung vor,« antwortete Headingly warm. »Ich bin mir noch nicht klar darüber, wie man sich solchen Dingen nahen sollte – wenn man das überhaupt thun darf – aber daß dies nicht die richtige Art ist, das fühle ich ganz entschieden. Im ganzen ziehe ich die Ruinen, die mir noch unbekannt sind, denen vor, die ich schon gesehen habe.«

Der junge Diplomat sah mit dem ihm eigentümlichen sonnigen Lächeln auf, das jedoch bald wieder unter seinem gewöhnlichen Ausdruck der Uebersättigung verschwand.

»Ich habe eine Karte,« fuhr der junge Amerikaner fort, »worauf ich hie und da, weit, weit von allem andern, mitten in einer wasser- und pfadlosen Wüste die Bemerkung ›Trümmer‹ oder ›Ueberreste eines Tempels‹ finde. Zum Beispiel ist der Tempel des Jupiter Ammon, der eines der angesehensten Heiligtümer des Altertums war, Hunderte von Meilen vom nächsten bewohnten Orte eingezeichnet. Das sind die Ueberbleibsel, einsam, ungesehen, seit Jahrhunderten unverändert, die zur Einbildungskraft sprechen, aber wenn ich an der Thür eine Karte vorzeigen muß und eintrete, wie in eine Jahrmarktsbude, dann verduftet sofort jede Spur von Romantik.«

»Vollständig,« stimmte Cecil Brown zu, indem er mit seinen dunkeln, ernsten Augen über die Wüste schaute. »Wenn man hier allein umherwandernd, durch Zufall, so zu sagen stolpernd, auf dieses Mauerwerk stieße, sich in vollkommener Einsamkeit im Dämmerlichte dieses Tempels fände, mit diesen wunderlichen Gebilden ringsumher, das wäre geradezu überwältigend. Vor Ehrfurcht und Bewunderung in die Kniee sinken würde der Mensch! Aber wenn Belmont an seiner Pfeife pufft, Stuart schnauft und Miß Adams lacht ...«

»Und diese Elster von einem Dragoman seine Geschichte herleiert,« ergänzte Headingly. »Ich möchte weiter nichts thun, als immerwährend denken, und finde dazu nie Gelegenheit. Als ich am Fuße der großen Pyramide stand und keinen ruhigen Augenblick erhaschen konnte, weil man mich durchaus zwingen wollte, die Spitze zu erklettern, hätte ich einen Mord begehen können. Einem der Kerle versuchte ich einen Tritt zu versetzen, der ihn auf die Spitze befördert haben würde, wenn ich Fleisch getroffen hätte. Aber das stellen Sie sich einmal vor: man reist den ganzen Weg von Amerika hierher, um die Pyramiden zu sehen, und wenn man endlich vor ihnen steht, ist das Höchste, wozu man sich aufzuschwingen vermag, der Wunsch, einem Araber einen Tritt zu versetzen!«

»Die andern gehen weiter,« sagte der Oxforder, in seiner müden, weichen Weise lachend, worauf die beiden Herren vorwärts eilten, um ihre Plätze am Ende des lächerlichen Zuges wieder einzunehmen.

Jetzt führte der Weg durch zerstreute große Felsblöcke und steinige Hügel. Ein schmaler Pfad wand sich hindurch, und hinter den Reisenden war die Aussicht durch ähnliche Höhen abgeschlossen, schwarz und phantastisch, wie die Schlackenhaufen eines Bergwerks. Schweigen hatte sich auf die kleine Gesellschaft herabgesenkt, und selbst in Sadies heiteren Zügen spiegelte sich die Rauheit der Natur. Die Bedeckung hatte sich gesammelt und marschierte an der Seite des Zuges, an dessen Spitze Oberst Cochrane und Belmont noch nebeneinander ritten.

»Wissen Sie, Belmont, Sie mögen mich einen Narren heißen,« sagte der Oberst leise; »aber mir gefällt diese Geschichte ganz und gar nicht.«

»Im Salon des Korosko machte die Sache einen ganz harmlosen Eindruck,« antwortete Belmont mit einem kurzen, verdrießlichen Lachen, »allein jetzt, wo wir hier außen sind, kommt es mir auch so vor, als ob wir etwas in der Luft hingen. Allein andrerseits vergeht doch kaum eine Woche, daß nicht eine Gesellschaft hierherkäme, und bis jetzt ist doch noch nie etwas Schlimmes vorgefallen.«

»Wenn ich auf dem Kriegspfade bin, kommt es mir nicht darauf an, mein Leben aufs Spiel zu setzen,« entgegnete der Oberst. »Da ist es eben Berufssache, und man weiß, was man thut. Aber wenn man Frauen und einen so hilflosen Haufen wie diesen bei sich hat, ist es wirklich furchtbar. Natürlich ist ja hundert gegen eins zu wetten, daß uns nichts zustoßen wird, aber wenn es trotzdem geschehen sollte – es ist gar nicht auszudenken! Und das Wunderbarste ist, daß die guten Leute auch nicht die leiseste Ahnung von einer möglichen Gefahr haben.«

»Als Straßenkleider gefallen mir die englischen Anzüge ganz gut, Mr. Stephens,« sagte Miß Sadie hinter ihnen, »aber Kleider für den Nachmittagsthee machen die Franzosen viel geschmackvoller, als die Engländer. Eure Schneider haben einen steiferen Schnitt, und sie wissen die niedlichen kleinen Bänder und Schleifen nicht so geschickt anzubringen.«

»Sie ist jedenfalls heiteren Sinnes,« sagte der Oberst, indem er Belmont lächelnd ansah. »Natürlich würde ich außer Ihnen niemand sagen, was ich denke, und ich hoffe, meine Besorgnisse werden sich als ganz unbegründet herausstellen.«

»Nun, umherschweifende Abteilungen von Derwischen kann ich mir schon vorstellen,« erwiderte Belmont, »aber was ich mir nicht denken kann, ist, daß sie gerade an demselben Morgen beim Kanzelfelsen erscheinen sollten, wie wir.«

»Wenn man aber bedenkt, daß unsre Pläne ganz offen besprochen worden sind und daß alle Welt eine Woche vorher weiß, was wir vorhaben und wo wir zu finden sind, so würde meines Erachtens auch das kein so wunderbares Zusammentreffen sein.«

»Gewiß, aber es ist doch nur eine sehr entfernte Möglichkeit,« meinte Belmont entschieden, allein er war doch von Herzen froh, daß seine Frau wohlgeborgen und sicher an Bord des Dampfers war.

Jetzt lagen die Felsen hinter ihnen, und eine schöne Fläche festen gelben Sandes erstreckte sich bis zum Fuße des kegelförmigen Hügels, den sie vor sich sahen. »Ay-ah! Ay-ah!« riefen die Eseljungen, indem sie ihre Stöcke klatschend auf die Flanken der Esel fallen ließen, so daß diese im Galopp über die Ebene dahinjagten. Erst als sie den Anfang des Pfades erreicht hatten, der sich am Hügel dahinwindet, ließ der Dragoman halten.

»Nun, meine Damen und meine Herren, sind wir an dem so berühmten Kanzelfelsen von Abousir angekommen, von dessen Spitze Sie bald eine Aussicht von wunderbarer Schönheit genießen werden. Aber zuerst mache ich Sie darauf aufmerksam, daß an der felsigen Seite des Hügels überall die Namen der großen Leute eingeschnitten sind, die auf ihren Reisen diesen Ort besucht haben, und zwar darunter Namen, die älter sind, als Christus.«

»Ist Moses' Name auch dabei?« fragte Miß Adams.

»Aber Tantchen, ich wundere mich wirklich über dich!« rief Sadie.

»Was willst du denn, mein Kind? Er war doch in Aegypten, er war auch ein großer Mann und kann sehr gut 'mal hier vorübergekommen sein.«

»Moses' Name war höchst wahrscheinlich da, ebenso wie der Herodots,« sagte der Dragoman vollkommen ernst, »aber beide sind jetzt längst verwittert. Jedoch können Sie dort auf dem braunen Felsen ›Belzoni‹ und etwas weiter oben ›Gordon‹ sehen. Es gibt kaum einen berühmten Mann im Sudan, dessen Namen Sie nicht finden werden, wenn Sie suchen. Und nun wollen wir mit Ihrer Erlaubnis unsern Eseln lebewohl sagen und den Pfad hinaufsteigen, dann werden Sie den Fluß und die Wüste vom Gipfel sehen.«

Nach kurzem Steigen erreichten die Reisenden die Plattform, die den Felsen krönt. In einiger Entfernung unter ihnen lag eine senkrechte etwa fünfzig Meter hohe Klippe, deren Fuß von dem rauschenden, schäumenden Flusse bespült wurde. Das Zischen und Brausen des Wassers, das über einige mitten im Bette liegende Felsblöcke stürzte, drang durch die heiße, stille Luft bis zu ihnen herauf. Der Lauf des Flusses, der hier etwa eine Viertelmeile breit und sehr tief und reißend ist, ließ sich weit stromauf- und -abwärts verfolgen. Am jenseitigen Ufer dehnte sich eine furchtbare Wildnis von zerstreuten schwarzen Felsen aus, die der Fluß bei längst vergangenen Hochfluten hier abgelagert hatte, aber nirgends, in welcher Richtung man auch die Blicke schweifen lassen mochte, war die geringste Spur von Menschen oder ihren Wohnstätten zu entdecken.

»Am andern Ufer,« erklärte der Dragoman, indem er mit seiner Peitsche nach Osten zeigte, »ist die militärische Linie, die Wady Halfa mit Sarras verbindet. Sarras liegt unter dem schwarzen Hügel dort im Süden. Diese beiden blauen Berge, die Sie ganz in der Ferne sehen, liegen in Dongola mehr als hundert Meilen von Sarras. Die Eisenbahn ist vierzig Meilen lang und ist von den Derwischen, die sich über die Schienen freuen, da sie sich Speere daraus machen, zerstört worden. Auch die Telegraphendrähte haben sie gern. Und wenn ich Sie nun bitten darf, sich gütigst umzudrehen, will ich Ihnen erklären, was Sie auf der andern Seite sehen.«

Es war ein Bild, das einem immer und immer wieder vor die Seele treten muß, wenn man es einmal gesehen hat. Eine solche durch nichts unterbrochene Fläche öder Wüste hätte man für einen Teil eines kalten, ausgebrannten Planeten, aber nicht unsrer schönen, fruchtbaren Erde halten mögen. Endlos wie der Ocean lag sie da und verlor sich in riesiger Ferne in einem violetten Dunst. Im Vordergrunde hatte der Sand eine helle goldgelbe Farbe, die im Sonnenschein heftig blendete. Die sechs braunen Negersoldaten bildeten, auf ihre Gewehre gestützt, eine dünne Vorpostenkette, und die Schatten, die sie auf den Sand warfen, sahen so körperlich aus, als sie selbst. Aber jenseits dieser goldenen Ebene lag eine Reihe jener niedrigen schwarzen Schlackenhügel, zwischen denen sich gelbe Sandthäler hindurchwanden. Auch diese Hügel wurden wieder von höheren und phantastischeren Bergen überragt, und diese abermals von andern, die ihnen gewissermaßen über die Schultern schauten, bis sie sich in dem erwähnten violetten Dunst verloren. Keine dieser Hügelketten war von nennenswerter Höhe – höchstens ein paar hundert Fuß – aber ihre wilden, zackigen Kämme und steilen Abfälle von sonnendurchglühten Felsen verliehen ihnen ein ganz eigenartiges Aussehen.

»Die Libysche Wüste,« sagte der Dragoman mit einer stolzen Schwenkung der Hand, »die größte Wüste der Welt. Angenommen, Sie reisen von hier nach Westen und wenden sich weder nach Norden, noch nach Süden, so würden die ersten Häuser, worauf Sie stießen, in Amerika liegen. Verursacht Ihnen das Heimweh, Miß Adams, ja?«

Allein die Aufmerksamkeit der alten Jungfer aus Amerika wurde durch das Benehmen Sadies in Anspruch genommen, die sie mit einer Hand am Arme ergriffen hatte und mit der andern über die Wüste zeigte.

»Aber das ist wirklich zu malerisch!« rief sie, mit der Röte der Aufregung in ihren hübschen Zügen. »Sehen Sie nur einmal, Mr. Stephens, das war gerade das, was fehlte, um das Bild wahrhaft großartig zu machen. Wie hübsch nehmen sich die Leute aus, die da auf ihren Kamelen aus den Hügeln hervorkommen.«

Die ganze Gesellschaft betrachtete einen langen Zug von Reitern, und dann senkte sich ein Schweigen auf sie herab, so daß ihnen das Summen der Fliegen ganz laut in den Ohren klang. Oberst Cochrane hatte ein Streichholz angezündet, das er in der einen Hand hatte, während die andre die noch nicht brennende Cigarette hielt, aber er sah nach den Reitern, bis er die Flamme an seinen Fingern fühlte, und Belmont stieß ein leises Pfeifen aus. Der Dragoman starrte mit offenem Munde nach der Karawane hin, und seine Lippen nahmen eine seltsame schiefergraue Färbung an, und die andern schauten sich mit dem unbehaglichen Bewußtsein an, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Der Oberst war es, der das Schweigen brach.

»Bei Gott, Belmont, ich glaube, die eine Möglichkeit unter Hunderten ist eingetreten,« sagte er.

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